Ms-173

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419 published remarks, ROC III, VB, LW II MS 173

§

FCv[2]

24.03.1950

Gestern von Wien zurück. Danach kommt mir London trübselig vor. Die Ordnung selbst ist hier ekelhaft. Die Menschen sind von den Bedürfnissen selbst getötet. Jeder Schwung ist, wie durch eine ungeheure Reibung, gänzlich ausgezehrt.

§ROC III

FCv[3]

In einem Bild muß das Weiß die hellste Farbe sein.

§ROC III

FCv[4]

In der Trikolore kann z.B. das Weiß nicht dunkler sein als Blau, oder Rot.

§ROC III

FCv[5]

Hier gibt es eine Art Farbmathematik.

§ROC III

FCv[6] &
1r[1]

26.03.1950

Aber auch das reine Gelb ist heller als das reine, satte Rot, oder Blau. Und ist dies ein Satz der Erfahrung? – Ich weiß z.B. nicht, ob Rot (d.h. das reine) heller oder dunkler ist als Blau; ich müßte sie sehen um es sagen zu können. Und doch wenn ich es gesehen hätte, so wüßte ich's nun ein für alle mal, wie das Resultat einer Rechnung. Wo trennen sich hier Logik & Erfahrung?

§ROC III

1r[2] &
1v[1]

Das Wort, dessen Bedeutung nicht klar ist, ist “rein”, “satt”. Wie lernen wir diese Bedeutung? Wie zeigt es sich, daß Menschen das Gleiche damit meinen? Ich nenne eine Farbe (z.B. Rot) “satt”, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält, weder schwärzlich, noch weißlich ist. Aber diese Erklärung dient nur einer vorläufigen Verständigung.

§ROC III

1v[2]

Welche Wichtigkeit hat der Begriff der satten Farbe?

§ROC III

1v[3]

Es ist hier offenbar eine Tatsache wichtig: daß nämlich Menschen einem Punkt im Farbkreis eine besondere Stellung einräumen. Daß sie sich diesen Punkt nicht mühsam merken müssen, sondern Alle immer leicht zu demselben Punkt finden.

§ROC III

1v[4] &
2r[1]

Gibt es eine ‘Naturgeschichte der Farben’, & wieweit ist sie analog einer Naturgeschichte der Pflanzen? Ist diese nicht zeitlich, jene unzeitlich?

§ROC III

2r[2]

Wenn wir sagen, daß “Sattes Gelb ist heller als sattes Blau” kein Satz der Psychologie ist (denn nur so könnte er Naturgeschichte sein) – so heißt das: wir verwenden ihn nicht als naturgeschichtlichen Satz, – & die Frage ist dann: Wie sieht die andere, unzeitliche, Verwendung aus?

§ROC III

2r[3]

Denn nur so ließe sich der ‘farbmathematische’ Satz vom naturgeschichtlichen unterscheiden.

§ROC III

2v[1]

Oder auch: Die Frage ist die: kann man hier zwei Verwendungen (klar) unterscheiden?

§ROC III

2v[2]

Hast Du Dir zwei Farbtöne A & B ‘gemerkt’, & A ist heller als B, & nennst Du danach einen Farbton “A” & einen andern “B”, dieser aber ist heller als jener: so hast Du die Farbtöne falsch benannt. (Das ist Logik.)

§ROC III

2v[3] &
3r[1]

Der Begriff der ‘satten’ Farbe ist von solcher Art, daß das satte X nicht einmal heller, einmal dunkler sein kann als das satte Y; d.h., daß es keinen Sinn hat, zu sagen, es sei einmal heller, ein andermal dunkler. Dies ist eine Begriffsbestimmung & gehört wieder zur Logik. Ob ein so bestimmter Begriff nützlich ist, oder nicht, ist hier nicht entschieden.

§ROC III

3r[2]

Es könnte dieser Begriff nur eine sehr beschränkte Verwendung haben. Und zwar darum weil, was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist. Vergleichbar dem ‘durchsichtigen’ X.

§ROC III

3r[3]

Gib Beispiele von einfachen Sprachspielen mit dem Begriff der ‘satten Farben’!

§ROC III

3r[4] &
3v[1]

Ich nehme an gewisse chemische Verbindungen, z.B. die Salze einer bestimmten Säure, hätten satte Farben & könnten so erkannt werden.

§ROC III

3v[2]

Oder es ließe sich die Heimat gewisser Blumen nach der Sattheit ihrer Farben erraten. So daß man z.B. sagen könnte:

“Das muß eine Alpenblume sein, weil ihre Farbe so intensiv ist.”

§ROC III

3v[3]

In so einem Fall könnte es aber helleres & dunkleres sattes Rot etc. geben.

§ROC III

3v[4] &
4r[1]

Und muß ich nicht zugeben, daß Sätze oft an der Grenze von Logik & Empirie gebraucht werden, so daß sie über die Grenze hin & her wechseln & sie bald (als) Ausdruck einer Norm bald als Ausdruck einer Erfahrung behandelt werden. Denn es ist ja nicht der ‘Gedanke’ (etwas, was den Satz begleitet), sondern seine Verwendung (etwas, was ihn umgibt), das den logischem Satz vom Erfahrungssatz unterscheidet.

§ROC III

4r[2]

(Das falsche Bild verwirrt, das richtige Bild hilft.)

§ROC III

4r[3] &
4v[1]

Die Frage wird z.B. sein: Läßt sich, was “sattes Grün” heißt, dadurch beibringen, daß man lehrt, was sattes Rot, oder Gelb, oder Blau ist?

§ROC III

4v[2]

Der ‘Glanz’, das ‘Glanzlicht’ kann nicht schwarz sein. Ersetzte ich das Helle der Glanzlichter in einem Bild durch Dunkelheit so wären's nun nicht schwarze Glanzlichter: & zwar nicht einfach darum, weil in der Natur das Glanzlicht nur so & nicht anders entsteht, sondern auch weil wir auf ein Licht an dieser Stelle in bestimmter Weise reagieren. Eine Flagge mag gelb & schwarz, eine andere gelb & weiß sein.

§ROC III

4v[3] &
5r[1]

Durchsichtigkeit im Bild gemalt wirkt anders als Undurchsichtigkeit.

§ROC III

5r[2]

Warum ist ein durchsichtiges Weiß nicht möglich? – Mal einen durchsichtigen roten Körper, & dann ersetz Rot durch Weiß! Schwarz & Weiß haben selbst ihre Hand im Spiele bei der Durchsichtigkeit einer Farbe. Ersetzt Du das Rot durch Weiß, so kommt der Eindruck der Durchsichtigkeit nicht (mehr) zu Stande; wie der Eindruck der Körperlichkeit nicht, wenn Du aus der Zeichnung

die Zeichnung

machst.

§ROC III

5v[1]

27.03.1950

Warum ist eine satte Farbe nicht einfach: diese, oder diese, oder diese, oder diese? – Weil man sie auf andere Art wiedererkennt, oder bestimmt.

§ROC III

5v[2] &
6r[1]

Was uns mißtrauisch machen kann, ist, daß Manche drei Grundfarben zu erkennen glaubten, Manche vier. Manche hielten dafür, daß Grün eine Zwischenfarbe von Blau & Gelb sei, & mir, z.B., kommt das falsch vor auch abgesehen von jeder Erfahrung. Blau & Gelb, sowie Rot & Grün, erscheinen mir als Gegensätze – aber das mag einfach daherrühren, daß ich gewöhnt bin, sie im Farbenkreis an entgegengesetzten Punkten zu sehen. Ja, welche Wichtigkeit hat für mich (sozusagen psychologisch) die Frage nach der Zahl der Reinen Farben?

§ROC III

6r[2] &
6v[1]

Ich scheine ein logisch Wichtiges zu sehen: Wenn man Grün eine Zwischenfarbe von Blau & Gelb nennt, dann muß man z.B. auch sagen können, was ein nur leicht bläuliches Gelb heißt, oder ein nur etwas gelbliches Blau. Und diese Ausdrücke sagen mir gar nichts. Aber könnten sie nicht einem Andern etwas sagen? Wer mir also eine Wand so beschriebe “Sie war ein etwas rötliches Gelb”, den könnte ich so verstehen, daß ich aus einer Zahl von Mustern ein annähernd richtiges wählen könnte. Wer die Farbe aber so beschriebe, sie sei ein etwas bläuliches Gelb, dem könnte ich so ein Muster nicht zeigen. – Man pflegt hier zu sagen, man könne sich in einem Falle die Farbe vorstellen, im andern nicht, – aber dieser Ausdruck ist irreführend, denn man braucht hier gar nicht an das Auftauchen eines Bildes vor dem inneren Auge zu denken.

§ROC III

6v[2] &
7r[1]

Wie es ein absolutes Gehör gibt & Leute, die es nicht besitzen, so könnte man sich doch denken, daß es bei den Farben eine große Zahl verschiedener Veranlagungen gäbe. Vergleiche z.B. den Begriff ‘satte Farbe’ mit ‘warme Farbe’. Müßten alle Leute ‘warme’ & ‘kalte’ Farben kennen? es sei denn, daß man sie einfach lehrt, eine bestimmte Disjunktion von Farben so, bezw. so zu nennen. Könnte nicht z.B. ein Maler gar keinen Begriff von ‘vier reinen Farben’ haben, ja, es lächerlich finden von solchen zu reden?

§ROC III

7r[2]

Oder auch so: Was ginge Menschen ab, denen dieser Begriff gar nicht natürlich ist?

§ROC III

7v[1] &
8r[1]

Frage so: Weißt Du, was “rötlich” bedeutet? & wie zeigst Du, daß Du's weißt? Sprachspiele: “Zeige ein rötliches Gelb (Weiß, Blau, Braun)!” – “Zeige ein noch rötlicheres!” – “Ein weniger rötliches!” etc. Beherrscht Du nun diese Spiele, so werde der Befehl gegeben “Zeig ein etwas rötliches Grün!” Nimm nun zwei Fälle an: Der eine: Du zeigst daraufhin auf eine Farbe (& immer auf die gleiche), etwa auf ein Olivgrün – der andere: Du sagst “Ich weiß nicht, was das heißt”, oder “Das gibt's nicht”. Man könnte geneigt sein, zu sagen, der Eine habe einen andern Farbbegriff als der Andre; oder einen andern Begriff von ‘…lich’.

§ROC III

8r[2]

Wir reden von “Farbenblindheit” & nennen sie einen Defekt. Aber es könnte leicht mehrere verschiedene Anlagen geben, von denen keine gegen die andre offenbar minderwertig ist. – Und denk auch daran, daß ein Mensch durch's Leben gehen kann, ohne daß seine Farbenblindheit bemerkt wird, bis eine besondere Gelegenheit sie herausbringt.

§ROC III

8r[3] &
8v[1]

So können also verschiedene Menschen verschiedene Farbbegriffe haben? – Etwas verschiedene. In einem oder dem andern Zug verschiedene. Und das wird ihre Verständigung mehr, oder weniger, oft beinahe gar nicht beeinträchtigen.

§ROC III

8v[2]

Hier möchte ich eine allgemeine Bemerkung über die Natur der philosophischen Probleme machen. Die philosophische Unklarheit ist quälend. Sie wird wie eine Schande, jedenfalls beschämend empfunden. Man fühlt, man kennt sich nicht aus, wo man sich auskennen sollte. Und dabei ist es doch nicht so. Wir können sehr wohl leben, ohne diese Unterscheidungen.

§ROC III

8v[3] &
9r[1]

Wie hängen Farbenmischung & ‘Zwischenfarbe’ zusammen? Man kann offenbar von Zwischenfarben in einem Sprachspiel reden, worin Farben gar nicht durch Mischung erzeugt werden, sondern nur vorhandene Farbtöne gewählt werden. Und doch ist ein Gebrauch des Begriffes der Zwischenfarbe auch, die Farbenmischung zu erkennen, die einen Farbton erzeugt.

§ROC III

9r[2] &
9v[1]

Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die Meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? – Vielmehr: er hat aus dem tatsächlichen einen Idealgebrauch konstruiert. Wie man eine Geometrie konstruiert. Aber mit “Ideal” ist hier nicht etwas besonders Gutes, sondern nur etwas auf die Spitze Getriebenes gemeint.

§ROC III

9v[2]

Und freilich kann so ein konstruierter uns wieder über den wirklichen Gebrauch belehren. Und es könnte auch sein, daß wir, z.B. für wissenschaftliche Zwecke, einen neuen Begriff des ‘reinen Weiß’ einführen. (Ein solcher neuer Begriff entspräche dann etwa dem chemischen Begriff eines ‘Salzes’.)

§ROC III

10r[1]

In wiefern ist Weiß & Schwarz mit Gelb, Rot & Blau zu vergleichen, & in wiefern nicht? Hätten wir eine gewürfelte Tapete aus roten, blauen, grünen, gelben, schwarzen & weißen Quadraten, so wären wir nicht geneigt zu sagen, sie sei aus zweierlei Bestandteilen zusammengesetzt, aus ‘färbigen’ & ‘farblosen’ etwa.

§ROC III

10r[2]

Denken wir uns nun, daß Menschen nicht farbige & schwarzweiße Bilder kontrastierten, sondern farbige & blau-weiße Bilder. D.h.: Könnte nicht auch Blau als keine eigentliche Farbe empfunden (& d.h. gebraucht) werden?

§ROC III

10v[1]

Meinem Gefühl nach löscht Blau das Gelb aus, – aber warum sollte ich nicht ein etwas grünliches Gelb ein “bläuliches Gelb” nennen & Grün eine Zwischenfarbe von Blau & Gelb, & ein stark bläuliches Grün ein etwas gelbliches Blau?

§ROC III

10v[2]

In einem grünlichen Gelb merke ich noch nichts Blaues. – Grün ist für mich eine neue Station auf dem farbigen Wege von Blau nach Gelb, & Rot ist auch eine.

§ROC III

10v[3] &
11r[1]

Was hätte Einer vor mir voraus, der einen direkten Farbenweg zwischen Blau & Gelb kennte? Und wie zeigt es sich, daß ich so einen Weg nicht kenne? – Liegt alles an den mir möglichen Sprachspielen mit der Form “…lich”?

§ROC III

11r[2] &
11v[1]

Man wird sich also fragen müssen: Wie sähe es aus, wenn Menschen Farben kennten, die auch unsre Normalsichtigen nicht kennen. Diese Frage wird sich im allgemeinen nicht eindeutig beantworten lassen. Denn es ist nicht ohne weiteres klar, daß wir von solchen Abnormen sagen müssen, sie kennten andere Farben. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unsrer Farben ist. Und doch ließen sich Umstände denken unter welchen wir sagen würden “Diese Leute sehen außer den unsern noch andere Farben”.

§ROC III

11v[2]

28.03.1950

Man muß in der Philosophie nicht nur in jedem Fall lernen, was über einen Gegenstand zu sagen ist, sondern wie man über ihn zu reden hat. Man muß immer wieder erst die Methode lernen, wie er anzugehen ist.

§ROC III

11v[3]

Oder auch: In jedem ernstern Problem reicht die Unsicherheit bis in die Wurzeln hinab.

§ROC III

11v[4]

Man muß immer gefaßt sein, etwas gänzlich Neues zu lernen.

§ROC III

12r[1]

In den Farben: Verwandtschaft, & Gegensatz. (Und das ist Logik.)

§ROC III

12r[2]

Was heißt es, “Das Braun ist dem Gelb verwandt”?

§ROC III

12r[3]

Heißt es, daß ich die Aufgabe, ein etwas bräunliches Gelb zu wählen, ohne weiteres verstünde? (Oder ein etwas gelblicheres Braun.)

§ROC III

12r[4]

Die farbige Vermittlung zwischen zwei Farben.

§ROC III

12r[5]

“Gelb ist dem Rot verwandter als dem Blau.” –

§ROC III

12r[6] &
12v[1]

Der Unterschied zwischen Schwarz-Rot-Gold & Schwarz-Rot-Gelb. – Gold gilt hier als Farbe.

§ROC III

12v[2]

Tatsache ist, daß wir im Stande sind uns über die Farben der Dinge mittels sechs Farbnamen – zu verständigen. Auch, daß wir die Wörter “Rötlichgrün”, “Gelblichblau”, etc. nicht verwenden.

§ROC III

12v[3]

Beschreibung eines Zusammenlegspiels durch die Beschreibung der Steine. Ich nehme an daß diese nie eine räumliche Form erkennen lassen, sondern uns als flache ein- oder mehrfarbige Stückchen erscheinen. Erst zusammengesetzt wird etwa ein “Schatten”, ein “Glanz”, eine ‘konkave, oder konvexe einfarbige Fläche’ etc.

§ROC III

13r[1]

Ich kann sagen: Dieser Mann unterscheidet nicht Rot & Grün: Kann ich aber sagen: Wir Normalen unterscheiden Rot & Grün? Wir könnten aber sagen: “Wir sehen hier 2 Farben, jener nur eine.”

§ROC III

13r[2] &
13r[3]

Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit ist eine psychologische. Also auch die der Phänomene des normalen Farbensehens? Gewiß, – aber was setzt so eine Beschreibung voraus, für wen ist es eine Beschreibung, oder besser: welcher Hilfsmittel bedient sie sich? Wenn ich sage “Was setzt sie voraus?”, so heißt das: “Wie muß einer auf sie schon reagieren, um sie zu verstehen.” Wer in einem Buch die Phänomene der Farbenblindheit beschreibt, beschreibt sie mit den Begriffen der Sehenden.

§ROC III

13r[4] &
13v[1]

Dieses Papier ist an verschiedenen Stellen verschieden hell; aber kann ich sagen, es sei nur an gewissen Stellen weiß, an den andern aber grau?? – Ja, wenn ich es malte, würde ich allerdings für die dunklern Stellen ein Lichtgrau mischen. Eine Flächenfarbe ist eine Qualität einer Fläche. Man könnte (also) versucht sein, sie keinen reinen Farbbegriff zu nennen. Aber was wäre dann ein reiner?

§ROC III

13v[2] &
14r[1]

Es ist nicht richtig, daß in einem Bild das Weiße stets die hellste Farbe sein muß. Wohl aber in einer flächenhaften Kombination von Farbflecken. Ein Bild könnte ein Buch weißen Papiers im Schatten darstellen & heller als dieses einen gelb, oder blau, oder rötlich leuchtenden Himmel. Beschreibe ich aber eine ebene Fläche, eine Tapete z.B.: sie bestehe aus rein gelben, roten, blauen, weißen & schwarzen Quadraten, so können die gelben nicht heller sein als die weißen, die roten nicht heller als die gelben. Darum waren die Farben für Goethe Schatten.

§ROC III

14r[2] &
14v[1]

Es scheint einen einfacheren Farbbegriff zu geben, als den der Oberflächenfarbe. Er wäre, möchte man denken, dargestellt entweder durch reine farbige Flächen, oder durch leuchtende Punkte nach Art der Sterne. Aus diesen Punktfarben, oder kleinen Farbmustern setzten sich auch die größeren farbigen Ausdehnungen zusammen. So daß man also den Farbeindruck von einer Oberfläche beschreiben könnte, indem man die vielen kleinen Farbflecken in ihren Lagen angäbe. Aber wie soll man z.B. so ein kleines Farbmuster mit einem Stück der größeren Oberfläche vergleichen? Welche Umgebung soll das Farbmuster haben?

§ROC III

14v[2]

29.03.1950

Wir sind im gewöhnlichen Leben beinahe von lauter unreinen Farben umgeben. Um so merkwürdiger, daß wir einen Begriff von reinen Farben gebildet haben.

§ROC III

14v[3] &
15r[1] &
15r[2]

Warum reden wir nicht von einem ‘reinen’ Braun? Ist der Grund davon bloß die Stellung des Braun zu den andern ‘reinen’ Farben, seine Verwandtschaft mit ihnen allen? – Braun ist vor allem nur Oberflächenfarbe. D.h.: es gibt kein klares Braun, sondern nur ein trübes. Auch: Braun enthält Schwarz. – () – Wie müßte sich ein Mensch benehmen, daß man von ihm sagen könnte, er kenne ein reines, primäres, Braun?

§ROC III

15r[3]

Wir müssen uns immer wieder die Frage vorhalten: Wie lernt der Mensch die Bedeutung der Farbnamen?

§ROC III

15r[4]

Was heißt “Braun enthält Schwarz”. Es gibt mehr & weniger schwärzliches Braun. Gibt es eins, was gar nicht mehr schwärzlich ist? Es gibt gewiß nicht eins, welches ‘gar nicht gelblich ist’.

§ROC III

15v[1]

Wenn wir so weiter überlegen, so kommen wir also auf ‘interne Eigenschaften’ der Farbe, an die wir anfangs nicht gedacht hatten. Und das kann uns den Gang einer philosophischen Untersuchung zeigen. Wir müssen immer gewärtig sein, daß uns eine neue, die wir nicht bedacht haben, einfällt.

§ROC III

15v[2]

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß unsre Farbwörter den Eindruck einer Fläche charakterisieren auf der unser Blick herumschweift. Dazu sind sie da.

§ROC III

16r[1]

“Braunes Licht”. Angenommen, es werde vorgeschlagen ein Lichtsignal auf der Straße sollte braun sein.

§ROC III

16r[2]

Es ist zu erwarten, daß wir Adjektiva finden (werden), die (wie ja z.B. “schillernd”) Farbcharakteristika einer ausgedehnten Fläche sind, oder auch einer kleinen Ausdehnung in einer bestimmten Umgebung (“glänzend“). schimmernd, flimmernd,

§ROC III

16r[3]

Ja, die reinen Farben haben nicht einmal besondere allgemein gebrauchte Namen, so wenig wichtig sind sie uns.

§ROC III

16r[4] &
16v[1]

Denken wir uns jemand malte jedes beliebige Stück der Natur, & zwar in den naturgetreuen Farben. Jeder Punkt so eines Gemäldes hat eine bestimmte Farbe. Welche Farbe? Wie bestimme ich ihren Namen? Soll sie den Namen des Pigments haben, das er aufgetragen hat, unter dem es z.B. zu kaufen ist? Aber könnte nicht in der besondern Umgebung ein solches Pigment ganz anders aussehen, als auf der Palette?

§ROC III

16v[2]

So kämen wir also vielleicht dazu kleinen Farbflecken auf einem schwarzen Grund (z.B.) besondere Namen zu geben. Ich will damit eigentlich zeigen, daß es gar nicht a priori klar ist welches die einfachen Farbbegriffe sind.

§VB

17r[1]

30.03.1950

Es ist nicht unerhört, daß der Charakter des Menschen von der Außenwelt beeinflußt werden kann (Weininger). Denn das heißt ja nur, daß erfahrungsgemäß die Menschen sich mit den Umständen ändern. Fragt man: Wie könnte die Umgebung den Menschen, das Ethische in ihm zwingen? – so ist die Antwort, daß er zwar sagen mag “Kein Mensch muß müssen”, aber doch unter solchen Umständen so & so handeln wird. ‘Du mußt nicht, ich kann Dir einen (andern) Ausweg sagen, – aber Du wirst ihn nicht ergreifen.’

§ROC III

17r[2] &
17v[1]

Es ist nicht wahr, daß eine dunklere Farbe zugleich eine schwärzlichere ist. Das ist ja klar. Ein sattes Gelb ist dunkler, aber nicht schwärzlicher als ein Weißlichgelb. Aber Amber ist auch nicht ein ‘schwärzliches Gelb’. Und doch redet man auch von einem ‘schwarzen’ Glas oder Spiegel. – Liegt die Schwierigkeit darin, daß ich mit “Schwarz” wesentlich eine Oberflächenfarbe meine? Ich würde von einem Rubin nicht sagen, er habe ein schwärzliches Rot, denn das würde auf Trübe deuten. (Anderseits erinnere Dich, daß sich Trübe & Durchsichtigkeit malen lassen.)

§ROC III

17v[2] &
18r[1]

Ich behandle die Farbbegriffe ähnlich wie die Begriffe der Sinnesempfindungen.

§ROC III

18r[2]

Die Farbbegriffe sind ähnlich zu behandeln wie die Begriffe der Sinnesempfindungen.

§ROC III

18r[3]

Es gibt nicht den reinen Farbbegriff.

§ROC III

18r[4]

Woher aber dann die Täuschung? Ist sie nicht eine vorschnelle Vereinfachung in der Logik wie jede andre?

§ROC III

18r[5]

D.h.: die verschiedenen Farbbegriffe sind wohl eng mit einander verwandt, die verschiedenen ‘Farbwörter’ haben einen verwandten Gebrauch, aber es sind mancherlei Unterschiede.

§ROC III

18v[1]

Runge sagt, es gebe durchsichtige & undurchsichtige Farben. Aber ein Stück grünes Glas wird im einem Bild darum nicht mit einem andern Grün gemalt als grünes Tuch.

§ROC III

18v[2]

Es ist ein eigentümlicher Schritt der Malerei, ein Glanzlicht durch eine Farbe darzustellen.

§ROC III

18v[3]

Die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe liegt vor allem in der Unbestimmtheit des Begriffs der Farbengleichheit, also der Methode des Vergleichens der Farben.

§ROC III

18v[4]

Es gibt Goldfarbe, aber Rembrandt hat einen goldenen Helm nicht mit Goldfarbe dargestellt.

§ROC III

19r[1]

Was macht Grau zu einer neutralen Farbe? Ist es etwas Physiologisches, oder etwas Logisches? Was macht die bunten Farben zu bunten? Liegt es im Begriff, oder in Ursache & Wirkung? Warum nimmt man in den ‘Farbenkreis’ nicht Weiß & Schwarz auf? Nur weil das gegen unser Gefühl verstieße?

§ROC III

19r[2]

Es gibt kein leuchtendes Grau. Gehört das zum Begriff des Grau, oder zur Psychologie, also zur Naturgeschichte, des Grau. Und ist es nicht seltsam, daß ich das nicht weiß?

§ROC III

19r[3] &
19v[1]

Daß die Farben ihre charakteristischen Ursachen & Wirkungen haben, das wissen wir.

§ROC III

19v[2]

Grau ist zwischen zwei Extremen (Schwarz & Weiß) & kann eine Tönung von jeder andern Farbe annehmen.

§ROC III

19v[3]

Wäre es denkbar, daß jemand alles, was wir weiß sehen, schwarz sähe & umgekehrt?

§ROC III

19v[4]

In einem bunten Muster könnte Schwarzes & Weißes neben Rotem & Grünem etc. sein, ohne als andersartig sich abzusondern. Nur im Farbenkreis fiele es heraus. Schon weil sich Schwarz & Weiß mit allen andern Farben mischen, besonders auch: jedes mit seinem Gegenpol.

§ROC III

20r[1]

Kann man sich nicht vorstellen daß Menschen eine andere Farbengeometrie hätten, als unsre normale? Und das heißt natürlich: kann man es beschreiben, kann man der Aufforderung es zu beschreiben ohne weiteres nachkommen, weiß man also unzweideutig, was von uns verlangt wird? Die Schwierigkeit ist offenbar die: Zeigt uns nicht gerade unsre Farbengeometrie, wovon die Rede ist, daß nämlich von den Farben die Rede ist?

§ROC III

20r[2] &
20v[1]

Die Schwierigkeit es sich vorzustellen (oder es sich auszumalen) ist also eigentlich die, zu wissen, wann man sich das ausgemalt hat. D.h., die Unbestimmtheit der Aufforderung, es sich vorzustellen.

§ROC III

20v[2]

Die Schwierigkeit ist also, zu wissen, was hier als das Analogon eines uns Bekannten zu betrachten ist.

§ROC III

20v[3]

Eine Farbe, die als Farbe einer Wand ‘schmutzig’ wäre, ist es darum nicht in einem Gemälde.

§ROC III

20v[4]

Ich bezweifle, daß Goethes Bemerkungen über die Charaktere der Farben für einen Maler nützlich sein können. Kaum für einen Dekorateur.

§ROC III

21r[1]

Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in verschiedene Gruppen anfangen & gewisse Mischungen oder Nachbarschaften verbieten, andere erlauben; & sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.

§ROC III

21r[2]

Kann uns das kein Licht aufstecken über die Art jener Unterscheidungen zwischen den Farben?


§ROC III

21r[3]

Wir sagen nicht, A wisse etwas, B das Gegenteil. Setzt man aber statt “wissen” “glauben”, so ist es ein Satz.


§ROC III

21v[1]

Runge an Göthe: “Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem so zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde.” Ebendaselbst: “Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich ‥‥․ Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch. Wenn das Schwarze bloß dunkel machte, so könnte es wohl klar sein; da es aber schmutzt, so kann es solches nicht”.

§ROC III

21v[2] &
22r[1]

In meinem Zimmer um mich her sind verschieden gefärbte Gegenstände. Es ist leicht, ihre Farben anzugeben. Wenn ich aber gefragt würde, welche Farbe ich jetzt von hier aus, an dieser Stelle meines Tisches etwa, sehe, so könnte ich darauf nicht antworten die Stelle ist weißlich (weil der braune Tisch hier von der hellen Wand aufgehellt wird), sie ist jedenfalls weit heller als das Übrige des Tisches, aber ich könnte nicht aus Farbmustern eins auswählen, das die gleiche Färbung hätte wie diese Stelle des Tisches.


§ROC III

22r[2] &
22v[1]

Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. Also: Daraus, daß uns Allen dieser Tisch braun erscheint, folgt nicht, daß er braun ist. Aber was heißt es nur: “Dieser Tisch ist am Ende doch nicht braun”? – So folgt also doch daraus, daß er uns braun erscheint, daß er braun ist?

§ROC III

22v[2]

Nennen wir nicht eben den Tisch braun, der dem Normalen unter gewissen Umständen braun erscheint? Wir könnten uns freilich jemand denken, dem die Dinge unabhängig von ihrer Farbe einmal so, einmal so gefärbt schienen.

– – –

§ROC III

22v[3]

Daß es den Menschen so scheint, ist ihr Kriterium dafür, daß es so ist.

§ROC III

23r[1]

So scheinen & so sein mag freilich in speziellen Fällen von einander unabhängig sein, aber das macht sie nicht logisch unabhängig; das Sprachspiel liegt nicht in der Ausnahme.

§ROC III

23r[2]

Goldig ist eine Oberflächenfarbe.

§ROC III

23r[3]

Wir haben Vorurteile die Verwendung der Wörter betreffend.

§ROC III

23r[4]

Auf die Frage “Was bedeutet ‘rot’, ‘blau’, ‘schwarz’, ‘weiß’”, können wir freilich gleich auf Dinge, die so gefärbt sind, zeigen, – aber das ist auch alles: weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen zu erklären nicht.

§ROC III

23v[1]

Im übrigen machen wir uns von ihnen keine, oder eine ganz rohe & falsche Vorstellung.

§ROC III

23v[2]

‘Dunkel’ & ‘schwärzlich’ sind nicht der gleiche Begriff.

§ROC III

23v[3]

Runge sagt, “das Schwarz ‘schmutzt’”: was heißt das? Ist das eine Wirkung des Schwarzen auf's Gemüt? Ist hier eine Wirkung der Beimischung der schwarzen Farbe gemeint?

§ROC III

23v[4] &
24r[1]

Worin liegt es daß ein dunkles Gelb nicht als ‘schwärzlich’ empfunden werden muß, auch wenn wir es dunkel nennen? Die Logik der Farbbegriffe ist eben viel komplizierter als es scheinen möchte.

§ROC III

24r[2]

Die Begriffe ‘matt’ & ‘glänzend’. Wenn man sich unter ‘Farbe’ etwas denkt, was die Eigenschaft eines Punktes im Raum ist, dann haben die Begriffe matt & glänzend keinen Bezug auf diese Farbbegriffe.

§ROC III

24r[3] &
24v[1]

Die erste ‘Lösung’, die uns für das Problem der Farben einfällt, ist daß die ‘reinen’ Farbbegriffe sich auf Punkte oder unteilbare kleine Flecken im Raum beziehen. Frage: Wie sind die Farben zweier solcher Punkte zu vergleichen? Einfach indem man den Blick von dem einen zum andern kehrt? Oder durch einen Transport eines farbigen Gegenstands. Wenn dieses, wie weiß man, daß der Gegenstand seine Farbe dabei nicht geändert hat; wenn jenes, wie kann man die Farbpunkte mit einander vergleichen, ohne daß der Vergleich durch ihre Umgebung beeinflußt wird?

§ROC III

24v[2]

Ich könnte mir einen Logiker vorstellen, der sagt, er sei jetzt dahin gelangt, daß er 2 × 2 = 4 wirklich denken könne.

§ROC III

25r[1] &
25v[1] &
26r[1]

Wenn Du Dir über die Rolle der Logik in den Farbbegriffen nicht klar bist, beginne mit dem einfachen Fall eines gelblichen Rot, z.B.. Dies gibt es, daran zweifelt niemand. Wie lerne ich den Gebrauch des Wortes “gelblich”? Durch Sprachspiele des Ordnens z.B.. Ich kann also lernen, in Übereinstimmung mit andern, gelbliche & gelblichere Rot, Grün, Braun, Weiß zu erkennen. Dabei mache ich selbständige Schritte wie in der Arithmetik. Die Aufgabe, ein gelbliches Blau zu finden, mag der Eine durch ein Grünblau lösen, der Andre nicht verstehen. Wovon hängt das ab? Ich sage, Grünblau enthält kein Gelb; wenn nun ein Andrer sagt, doch, es enthält Gelb, wer hat Recht? Wie ist es zu prüfen? Unterscheiden sich die beiden nur durch ihre Worte? – Wird nicht der Eine ein reines Grün anerkennen, das weder zum Blauen noch zum Gelben neigt? Und was ist der Nutzen hievon? In welchen Sprachspielen läßt sich das verwenden? – Er wird jedenfalls die Aufgabe lösen können grüne Dinge auszusondern, die nichts Gelbliches haben, & solche, die kein Blau enthalten. Darin wird der Trennungspunkt ‘Grün’ bestehen, den der Andre nicht kennt.

§ROC III

26r[2]

Der Eine wird ein Sprachspiel erlernen können, das der Andre nicht erlernen kann. Und darin muß ja auch alle Art der Farbenblindheit bestehen. Denn könnte der ‘Farbenblinde’ die Sprachspiele des Normalen lernen, warum sollte man ihn von gewissen Berufen ausschließen?

§ROC III

26r[3] &
26v[1]

Hätte man also Runge auf diesen Unterschied von Grün & Orange aufmerksam gemacht, so hätte er vielleicht die Idee, es gäbe nur drei Grundfarben, aufgegeben.

§ROC III

26v[2]

Inwiefern nun gehört, ob Einer ein Spiel erlernen oder nicht erlernen kann, der Logik & nicht der Psychologie an?

§ROC III

26v[3]

Ich sage: Wer dies Spiel nicht spielen kann, hat diesen Begriff nicht.

§ROC III

26v[4]

Wer hat den Begriff ‘morgen’? Von wem sagen wir, er hätte ihn?

§ROC III

26v[5] &
27r[1]

Ich sah auf einer Photographie einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blonden Haar & einer schmutzigen hellen Jacke & einen Mann mit dunklem Haar vor einer Maschine stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus bearbeiteten, glatten Wellen, Zahnrädern, u.a., bestand, & daneben ein Gitter aus hellem verzinktem Draht. Das bearbeitete Eisen sah eisenfarbig aus; das Haar des Jungen war blond, die Gußteile schwarz, das Gitter zinkfarbig, obgleich alles nur durch hellere & dunklere Töne des photographischen Papiers dargestellt war.

§ROC III

27r[2] &
27v[1]

Es mag Geistesschwache geben, denen man den Begriff ‘morgen’ nicht beibringen kann, oder den Begriff ‘ich’, oder das Ablesen der Uhrzeit. Er würde den Gebrauch des Wortes “morgen” nicht erlernen, etc..

§ROC III

27v[2]

Wem kann ich nun beschreiben, was der Geistesschwache nicht erlernen kann? Nicht nur dem, der es selbst erlernt hat? Kann ich Einem nicht mitteilen, der & der könnte höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn jener sie nicht beherrscht? Und doch: weiß es, wer höhere Math. gelernt hat, nicht genauer? Versteht nicht der das Wort “Schach” anders, der das Spiel gelernt hat als der es nicht kann? Was nennt man “eine Technik beschreiben”?

§ROC III

27v[3]

Oder so: Hat der Normalsehende & der Farbenblinde die gleiche Konzeption von der Farbenblindheit? Und doch versteht der Farbenblinde die Aussage “Ich bin farbenblind” & auch die gegenteilige. Zu den Dingen, die der Farbenblinde nicht lernen kann, gehört auch: die Farbenblindheit eines Andern feststellen.

§ROC III

27v[4] &
28r[1] &
28r[2]

Und wem kann ich beschreiben, was wir Normalen alles erlernen können? Auch das Verstehen der Beschreibung setzt schon voraus, daß er etwas gelernt hat. Wie kann ich Einem beschreiben, wie wir das Wort “morgen” gebrauchen? Ich kann ein Kind dies lehren; aber das heißt nicht ihm den Gebrauch beschreiben. Aber kann ich doch die Praxis von Leuten beschreiben, die einen Begriff haben, z.B. ‘rötlichgrün’, den wir nicht besitzen? – Ich kann diese Praxis doch jedenfalls niemand lehren.

§ROC III

28r[3] &
28v[1]

Kann ich denn auch nur sagen: “Diese Leute nennen dies (ein Braun etwa) rötlichgrün”? Wäre es dann eben nur ein andres Wort für etwas, wofür auch ich eins habe? Wenn sie wirklich einen andern Begriff haben als ich, so muß sich das darin zeigen, daß ich mich in ihrem Wortgebrauch nicht ganz auskenne.

§ROC III

28v[2]

Ich habe aber doch immer wieder gesagt, man könne sich denken, daß unsre Begriffe anders wären, als sie sind. War das alles Unsinn?

§ROC III

28v[3] &
29r[1]

11.04.1950

Die Göthesche Lehre von der Entstehung des Spektrums ist nicht eine Theorie, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich mit ihrer Hilfe nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die wir in James' Psychologie finden. Es gibt für die Goethesche Farbenlehre kein experimentum crucis. Wer mit Goethe übereinstimmt, findet, daß Goethe die Natur der Farbe richtig erkannt hat. Und die ‘Natur’ ist hier nicht eine Summe von Erfahrungen, die Farben betreffend, sondern im Begriff der Farbe.

§ROC III

29r[2] &
29v[1]

Eins schien Göthe klar: Aus Dunkelheiten kann sich kein Helles zusammensetzen – wie eben aus mehr & mehr Schatten kein Licht entsteht. Und das ließe sich so ausdrücken: Wenn man z.B. Lila ein “rötlich-weißlich-blau” nennt, oder Braun ein “rötlich-schwärzlich-gelb”, so könnte man nun Weiß kein ‘gelblich-rötlich-grünlich-blau’ (oder dergl.) nennen. Und das wird auch von Newton nicht bewiesen. Weiß ist nicht in diesem Sinne eine Mischfarbe.

§ROC III

29v[2] &
30r[1]

12.04.1950

‘Die Farben’, das sind nicht Dinge, die bestimmte Eigenschaften haben, so daß man ohne weiteres nach Farben suchen, sich Farben vorstellen könnte, die wir noch nicht kennen, oder uns jemand vorstellen können, der andere kennt als wir. Es ist schon möglich, daß wir unter gewissen Umständen sagen würden, jemand kenne Farben, die wir nicht kennen, aber gezwungen sind wir zu diesem Ausdruck nicht. Denn es ist nicht gesagt was wir als ausreichende Analogien zu unsern Farben ansehen sollen, um das sagen zu können. Es ist hier ähnlich, wie wenn man von infrarotem ‘Licht’ spricht; es ist guter Grund dafür, so zu reden, aber man kann dies auch für einen Mißbrauch erklären. Und ähnlich geht es mit meinem Begriffe: ‘im Körper des Andern Schmerzen haben’.

§ROC III

30r[2] &
30v[1]

Gäbe es nur Farbenblinde, so könnten die doch sehr wohl leben; aber man kann zweifeln ob sie den unsern entsprechende Farbnamen gebildet hätten. Und wenn nicht, wie sähe hier die ihnen natürliche Sprache aus?? Wissen wir's? Hätten sie vielleicht drei Grundfarben: Blau, Gelb & ein Drittes, was die Stelle von Rot & Grün einnimmt? – Wie, wenn wir einem Stamm begegneten, der eine solchermaßen von der unsern abweichende Farbnomenklatur hätte?

§ROC III

30v[2] &
31r[1]

Könnte es nicht Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, daß Orange ein rötliches Gelb ist (etc.) nicht verstünden & die nur dort geneigt wären, so etwas zu sagen, wo ein Orange (z.B.) in einem wirklichen Farbübergang von Rot nach Gelb vorkommt? Und für solche könnte es auch leicht ein rötliches Grün geben. Sie könnten also nicht ‘die Mischfarbe analysieren’, unsern Gebrauch von x lich y nicht erlernen. (Ähnlich Menschen ohne absolutes Gehör.)

§ROC III

31r[2] &
31v[1]

Und wie wäre es mit den Menschen, die nur Farb-Form-Begriffe hätten? Soll ich von ihnen sagen, sie sähen nicht, daß ein grünes Blatt & ein grüner Tisch wenn ich ihnen diese zeige die gleiche Farbe haben, oder: etwas gemein haben? Wie, wenn sie ‘darauf nicht verfallen sind’ verschieden geformte gleichfarbige Gegenstände mit einander zu vergleichen. Dieser Vergleich hatte, in Folge ihrer besondern Umgebung, keine Wichtigkeit für sie, oder nur ganz ausnahmsweise Wichtigkeit, so daß es zur Bildung eines Sprachinstruments nicht kam.


§LW II MS 173

31v[2] &
32r[1]

“Wenn sich Einer wirklich freut, so weiß man's.” Aber man kann darum den echten Ausdruck doch nicht beschreiben. – Es ist aber natürlich auch nicht immer wahr, daß man den echten Ausdruck erkennt, oder weiß, ob der Ausdruck echt ist. Ja, es gibt Fälle, wo man weder gern von echt, noch von unecht spricht. Es lächelt jemand & seine weiteren Reaktionen stimmen weder zur echten, noch auch, zur verstellten Freude. Wir würden vielleicht sagen “Ich kenne mich in ihm nicht aus.” Es ist weder das Bild (Muster) der echten Freude, noch das der verstellten. Könnte er nicht zum normalen fühlenden Menschen sich verhalten wie der Farbenblinde zum Normalsehenden?

§LW II MS 173

32r[2]

Ich könnte auf Grund meiner Kenntnis seines Charakters verläßlich aussagen, er werde in dieser Situation so & so reagieren, & es wäre auch möglich, daß Andre sich auf mein Urteil verlassen können, ohne doch von mir verlangen zu können, daß ich mein Urteil durch eine verifizierbare Beschreibung begründe.

§LW II MS 173

32r[3] &
32v[1]

Ein Maler hätte den Ausdruck holder Freude dargestellt – & ich sehe das Bild & sage “Vielleicht verstellt sie sich”.

§LW II MS 173

32v[2]

Es ist zum mindesten vorstellbar, daß in einem Land das Gericht sich auf die Aussage eines Menschen in Bezug auf seine Möglichkeiten verläßt, wenn der Zeuge ihn eine gewisse Zeit lang gekannt hat. So fragt man auch heute etwa einen Psychiater ob der & der des Selbstmords fähig ist. Dabei wird vorausgesetzt, daß Erfahrung eine solche Aussage im allgemeinen nicht widerlegt.

§LW II MS 173

32v[3] &
33r[1]

Ich versuche die Gesetze oder Regeln der Evidenz für Erlebnissätze zu beschreiben: Charakterisiert man so wirklich, was mit dem Seelischen gemeint ist?

§LW II MS 173

33r[2] &
33v[1]

Das Kennzeichnende des Seelischen scheint zu sein, daß man es im Andern nach Äußerem erraten muß & nur von sich her kennt. Aber wenn durch genaueres Überlegen diese Ansicht in Rauch aufgeht, so wird damit zwar nicht das Innere das Äußere, aber “äußeres” & “inneres” gelten nun nicht mehr als Eigenschaften der Evidenz. “Innere Evidenz” heißt nichts, & darum auch “äußere Evidenz”.

§LW II MS 173

33v[2]

Wohl aber gibt es ‘Evidenz für Inneres’ & ‘Evidenz für Äußeres’.

§LW II MS 173

33v[3]

“Ich nehme doch nur immer sein Äußeres wahr.” Wenn das Sinn hat, muß es einen Begriff bestimmen. Aber warum soll ich nicht sagen, ich nehme seine Zweifel wahr? (Er kann sie nicht wahrnehmen.)

§LW II MS 173

33v[4]

Ja, ich kann oft sein Inneres beschreiben, wie ich's wahrnehme, aber nicht sein Äußeres.

§LW II MS 173

33v[5] &
34r[1]

Die Verbindung von Innen & Außen gehört zu diesen Begriffen. Wir machen diese Verbindung nicht, um das Innere wegzuzaubern. Es gibt innere Begriffe & äußere Begriffe.

§LW II MS 173

34r[2]

Was ich sagen will, ist doch, daß das Innere sich vom Äußern durch seine Logik unterscheidet. Und daß allerdings die Logik den Ausdruck “das Innere” erklärt, ihn begreiflich macht.

§LW II MS 173

34r[3] &
34v[1]

Wir brauchen den Begriff “seelisch” (etc.) nicht, um zu rechtfertigen, daß gewisse unsrer Schlüsse unbestimmt sind, etc. Sondern diese Unbestimmtheit, etc., erklärt uns den Gebrauch des Wortes “seelisch”.

§LW II MS 173

34v[2]

“Natürlich sehe ich, eigentlich, nur das Äußere.” Aber rede ich nicht wirklich nur von Äußerem? Ich sage z.B., unter welchen Umständen Menschen dieses oder jenes sagen. Und ich meine doch immer äußere Umstände. Es ist also, als ob ich das Innere durchs Äußere erklären (quasi definieren) wollte. Und doch ist es nicht so.

§LW II MS 173

34v[3]

Liegt es daran, daß das Sprachspiel etwas Äußeres ist?

§LW II MS 173

34v[4]

Keine Evidenz lehrt uns die psychologische Äußerung.

§LW II MS 173

35r[1]

“seelisch” ist für mich kein metaphysisches, sondern ein logisches Epitheton.

§VB

35r[2]

Ich glaube nicht, daß man Shakespeare mit einem andern Dichter zusammenhalten kann. War er vielleicht eher ein Sprachschöpfer als ein Dichter?

§VB

35r[3]

Ich könnte Shakespeare nur anstaunen; nie etwas mit ihm anfangen.

§VB

35r[4] &
35v[1]

Ich habe ein tiefes Mißtraun gegen die aller meisten Bewunderer Shakespeares. Ich glaube, das Unglück ist, daß er, in der westlichen Kultur zum mindesten, einzig dasteht, & man ihn daher, um ihn einzureihen, falsch einreihen muß.

§VB

35v[2]

Es ist nicht, als ob Shakespeare Typen von Menschen gut portraitierte & insofern wahr wäre. Er ist nicht naturwahr. Aber er hat eine so gelenke Hand & einen so eigenartigen Strich, daß jede seiner Figuren bedeutend, sehenswert ausschaut.

§VB

35v[3]

“Das große Herz Beethovens” – niemand könnte sagen “das große Herz Shakespeares”. ‘Die gelenke Hand, die neue Naturformen der Sprache geschaffen hat’ schiene mir richtiger.

§VB

35v[4] &
36r[1]

Der Dichter kann eigentlich nicht von sich sagen “Ich singe wie der Vogel singt” – aber Shakespeare hätte es vielleicht von sich sagen können.

§LW II MS 173

36r[2]

“Ich sehe das Äußere & stelle mir dazu ein Inneres vor.”

§LW II MS 173

36r[3]

Wenn Miene, Gebärde & Umstände eindeutig sind, dann scheint das Innere das Äußere zu sein; erst wenn wir das Äußere nicht lesen können, scheint ein Inneres hinter ihm versteckt.

§LW II MS 173

36r[4] &
36v[1]

Es gibt innere & äußere Begriffe, innere & äußere Betrachtungsweisen des Menschen. Ja es gibt auch innere & äußere Tatsachen – sowie es z.B. physikalische & mathematische Tatsachen gibt. Sie stehen aber nicht nebeneinander wie Pflanzen verschiedener Art. Denn was ich gesagt habe, klingt als hätte man gesagt: In der Natur kommen alle diese Tatsachen vor. Und was ist nun daran falsch?

§LW II MS 173

36v[2]

Inneres ist mit Äußerem nicht nur erfahrungsmäßig verbunden, sondern auch logisch.

§LW II MS 173

36v[3]

Inneres ist mit Äußerem logisch verbunden, nicht bloß erfahrungsmäßig.

§LW II MS 173

36v[4] &
37r[1]

“Wenn ich die Gesetze der Evidenz für das Seelische untersuche, so das Wesen des Seelischen.” Ist das wahr?

§LW II MS 173

37r[2]

Ja. Das Wesen ist nicht etwas, was aufgezeigt werden kann, es kann nur in seinen Zügen beschrieben werden.

§LW II MS 173

37r[3] &
37v[1]

Aber spricht dagegen nicht ein Vorurteil? Wir können freilich die Eigenschaften des Tintenfasses nach & nach aufzählen, aber sein Wesen, muß es nicht ein für allemal feststehen, ist es uns nicht eben mit diesem Gegenstand den wir vor uns haben, gegeben? Was wir da vor uns haben, ist doch nicht der ‘Gebrauch eines Wortes’! Freilich nicht; aber der Begriff ‘Tintenfaß’, der doch hier notwendig ist, steht nicht greifbar vor uns, noch trägt, was vor uns steht, diesen Begriff in sich. Und um ihn darzustellen genügt es nicht Einem ein Tintenfaß in die Hand zu geben. Und das nicht, weil der Mensch zu begriffsstützig ist, den Begriff aus dem Gegenstand heraus zu lesen.

§LW II MS 173

37v[2] &
38r[1]

Ich kann Einem einen Gegenstand zeigen, weil seine Farbe auffallend ist & ich sie dem Andern vorführen will, aber das setzt schon ein gewisses Spiel zwischen uns voraus.

§LW II MS 173

38r[2]

Ja, er mag beim Anblick des Gegenstands staunen, daß er aber ‘über die Farbe staunt’, daß die Farbe der Grund des Staunens, & nicht etwa bloß die Ursache seines Erlebnisses ist, dazu braucht er den Begriff der Farbe, nicht nur das Sehen.

§LW II MS 173

38r[3]

Jemand sagt auf sein Ehrenwort aus, daß der Andre das & das geglaubt habe. – Da kann man ihn fragen “Woher weißt Du das”, & er antworten “Er hat mich dessen im höchsten Ernst versichert, & ich kenne ihn genau.”

§LW II MS 173

38v[1]

Wenn ich sage “Ich kenne mich in ihm nicht aus”, so hat das sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Fall: “Ich kenne mich in diesem Mechanismus nicht aus”. Ich glaube, es heißt ungefähr: Ich kann sein Benehmen nicht mit der Sicherheit vorhersagen, wie das von Leuten, ‘in denen ich mich auskenne’.

§LW II MS 173

38v[2] &
39r[1]

Es muß die Frage der Evidenz für Erlebtes mit der Sicherheit oder Unsicherheit einer Voraussicht des Benehmens des Andern zusammenhängen. Aber ganz so ist es nicht, denn man sagt ja nur selten die Reaktion des Andern voraus. Ich meine die nicht-Vorhersehbarkeit muß eine wesentliche Eigenschaft des Seelischen sein. So wie auch die unendliche Vielfältigkeit des Ausdrucks.

§LW II MS 173

39r[2]

Was z.B. spricht dafür, was dagegen, daß der Hund ein Seelenleben hat? Es ist doch wohl nicht seine Gestalt, Farbe, oder seine Anatomie. Also ist es sein Benehmen.

§LW II MS 173

39r[3] &
39v[1]

Die, welche sagen, der Hund habe keine Seele, stützen sich auf das, was er tun kann, & nicht tun kann. Denn wenn Einer sagte, ein Hund könne nicht hoffen, – woraus entnimmt er das? Und wer sagt, der Hund habe eine Seele, kann das nur auf das Benehmen stützen, das er am Hund beobachtet. “Schau Dir nur das Gesicht & die Bewegungen des Hundes an, & Du siehst, daß er eine Seele hat.” Aber was ist es am Gesicht? Ist es nur die Ähnlichkeit mit dem Mienenspiel des menschlichen? Ist es, wenigstens unter anderem, der Mangel an Steifheit?

§LW II MS 173

39v[2]

Die wichtigen feinen Abschattungen des Benehmens, sind nicht vorhersagbar.

§LW II MS 173

39v[3] &
40r[1]

Aber heißt das: Wenn sie vorhersehbar wären, so würden wir beim Menschen nicht von einem Innern im Gegensatz zu Äußerem reden? – Aber stellen wir uns so eine Vorhersagbarkeit auch klar vor? Impliziert sie z.B., daß wir ihn nicht um eine Entscheidung fragen würden?

§LW II MS 173

40r[2]

Denk Dir, wir begegneten einem Menschen, der keine Seele hätte. Warum soll so etwas nicht als Abnormität vorkommen können? Es wäre also ein menschlicher Leib zur Welt gekommen mit gewissen Lebensfunktionen, aber ohne eine Seele. Nun, wie sähe das aus?

§LW II MS 173

40r[3] &
40v[1]

Das Einzige was ich mir da vorstellen kann, ist, daß dieser Menschenleib automatenhaft handelt & nicht wie die gewöhnlichen Menschenleiber.

§LW II MS 173

40v[2]

Wenn es heißt “Der Mensch besteht aus einem Leib & einer Seele”, so wäre dem durch so eine Erscheinung nicht widersprochen. Denn dies wäre eben kein (eigentlicher) Mensch, sondern etwas anderes, & allerdings sehr seltenes. Wie aber kann man wissen, daß es nie vorkommt? Nur, – wie sähe dieses Phänomen eigentlich aus?

§LW II MS 173

40v[3]

Oder soll es nun doch gar kein Phänomen sein? Soll die Seelenhaftigkeit gar nicht erkennbar sein?

§LW II MS 173

41r[1]

Kann es Herzlosigkeit geben, die keinen Ausdruck besitzt? Wäre das, was wir “Herzlosigkeit” nennen?

§LW II MS 173

41r[2]

Man könnte es auch so sagen: Wie müßte ein menschlicher Leib handeln, daß man nicht geneigt wäre, von inneren & äußeren Zuständen des Menschen zu reden? Immer wieder denke ich da: “maschinenhaft”.

§LW II MS 173

41r[3]

Das feinst gegliederte Benehmen des Menschen ist vielleicht die Sprache mit dem Ton & dem Mienenspiel.

§LW II MS 173

41r[4] &
41v[1]

Dürfte der Seelenlose Zeichen des Schmerzes geben? Wenn er nur schriee & sich wände so könnte man das noch als automatische Reaktion betrachten, wenn er aber das Gesicht schmerzhaft verzöge & leidend aussähe, so hätten wir schon das Gefühl, wir sähen in ihn hinein. Wenn er aber nun immer genau das gleiche leidende Gesicht machte?

§LW II MS 173

41v[2]

Es ist, als würde er durch einen menschlichen Ausdruck für uns durchsichtig.

§LW II MS 173

41v[3] &
42r[1]

Wer eine Seele hat, muß des Schmerzes, der Freude, des Kummers etc., etc. fähig sein. Und soll er dazu auch fähig sein zu erinnern, Entschlüsse zu fassen, sich etwas vorzunehmen, so braucht er den sprachlichen Ausdruck.

§LW II MS 173

42r[2]

Es ist nicht so, als hätte ich in mir direkte Evidenz; er für mein Seelisches aber nur indirekte. Sondern er hat dafür Evidenz, ich (aber) nicht.

§LW II MS 173

42r[3]

Sagt man nun aber, diese Evidenz mache das Seelische nur wahrscheinlich, so ist das vieldeutig & kann Wahres & Falsches bedeuten. Ist es aber wahr, so nicht, weil die Evidenz erfahrungsmäßig mit dem Seelischen zusammenhängt (wie ein Symptom mit einer Krankheit).

§LW II MS 173

42v[1]

Warum soll man nicht sagen: “Die Evidenz des Seelischen im Andern ist das Äußere”? Nur gibt es nicht äußere & innere Evidenz für das Innere.

§LW II MS 173

42v[2]

Und die Evidenz, soweit sie unsicher ist, ist sie es nicht, weil sie nur äußere Evidenz ist.

§LW II MS 173

42v[3] &
43r[1]

Daß der Schauspieler den Kummer darstellen kann, zeigt die Unsicherheit der Evidenz, aber daß er den Kummer darstellen kann, auch die Realität der Evidenz.

§LW II MS 173

43r[2]

Nicht das Verhältnis von Innerem zu Äußerem erklärt die Unsicherheit der Evidenz, sondern umgekehrt wird dies Verhältnis nur als Bild für jene Unsicherheit gebraucht.

§LW II MS 173

43r[3]

Man kann ja nicht nur Seelisches auf der Bühne darstellen, es wird uns auch eine Wunde vorgetäuscht, oder ein Berg. Es ist also nicht das alleinige Charakteristikum des Seelischen, daß es sich schauspielern läßt.

§LW II MS 173

43v[2] &
44r[1]

Warum sagen wir: “Ich wußte nicht, was hinter dieser Stirne vorging”, obwohl es uns doch ganz gleichgültig sein kann, was hinter der Stirne eines Menschen vorgeht. Unsre Unsicherheit bezieht sich gar nicht auf Vorgänge im Innern; bezieht sie sich auf Seelisches, so hat doch das Seelische seinen Ausdruck im Körperlichen. Einer Unsicherheit das Innere betreffend entspricht also eine Unsicherheit über Äußeres. Wie einer Unsicherheit über das Resultat einer Rechnung eine Unsicherheit über das Zahlzeichen entspricht, das am Ende der Rechnung stehen wird.

§LW II MS 173

44r[2]

Und das heißt nicht, daß sich, allgemein, die Unsicherheit über etwas Seelisches als Unsicherheit über Äußeres ausdrücken läßt. Sowie zwar der Gram wesentlich einen Ausdruck in den Mienen hat, ich aber nicht im Stande sein mag, eine Miene anders zu beschreiben als durch das Wort “gramvoll”.

§LW II MS 173

44r[3] &
44v[1]

Könnte Einer vor Gericht aussagen: “Ich weiß, daß er damals an … gedacht hat”? Nun, so eine Aussage könnte zugelassen sein, oder auch nicht. Vielleicht würde geurteilt werden, daß jemand, der den Angeklagten so viele Jahre kennt, aus seiner Miene etc. entnehmen kann, was er in einem bestimmten Falle denkt. Vielleicht aber würde so eine Aussage in keinem Falle zugelassen, & die Meinung wäre, daß auch keine Äußerung des Angeklagten wiedergegeben werden darf, wenn dies nur zur Beschreibung seiner seelischen Vorgänge geschieht.

§LW II MS 173

44v[2] &
45r[1]

“Ich kenne mich in diesen Leuten nicht aus.” Und wozu wollte ich mich in ihnen auskennen? – Sind es nicht ihre Reaktionen, in denen ich mich nicht auskenne? Die ich z.B. nicht voraussehen kann; die mich immer wieder überraschen? “Er reagiert scheinbar unlogisch.” Und das heißt: inkonsequent.

§LW II MS 173

45r[2] &
45v[1]

Kennt man sich in Manchem nicht aus, so bedeutet das, daß man sich in Andern auskennt. Und das wird manchmal so ausgedrückt, man ‘könne sich vorstellen’, was im Andern vor sich geht. Es klingt also, als ob Wissen, was im Andern vorgeht ein Vorstellen dieses Vorgangs sei. Wenn ich z.B. weiß, daß mich Einer haßt, so fühle ich eine Art Abbild dieses Hasses. Hier ist alles falsch. Man gebraucht zwar die Worte “sich den Haß (etc.) eines Andern vorstellen”, ja es können dabei auch Vorstellungsbilder mitspielen, oder man macht dabei vielleicht ein dem Haßerfüllten ähnliches Gesicht.

§LW II MS 173

45v[2] &
46r[1]

Das Sprachspiel ist von vornherein so angelegt, daß ein Vergleich mit andern Sprachspielen einen zu dem Bild ‘außen-innen’ führen kann. Aber dazu kommt noch die tatsächliche Unsicherheit, die dem Erraten der seelischen Vorgänge des Andern anhaftet. Denn es wäre – wie gesagt – wohl möglich, daß dieses Erkennen viel sicherer wäre, als es ist. Ja daß Verstellung hauptsächlich durch ein Verstecken des Gesichts (z.B.) geschieht. D.h.: Verstellung wäre auch dann möglich, wenn man sein Gesicht nicht verstellen könnte.

§LW II MS 173

46r[2] &
46v[1]

Es ist aber nicht wahr, daß die Unsicherheit im Erkennen seines Ärgers (z.B.) einfach die Unsicherheit über sein zukünftiges Benehmen ist. Es liegt vielmehr im Begriff eine Unsicherheit der Kriterien. Manchmal ist er also, gleichsam, durchsichtig, manchmal nicht. Und es ist irreführend, wenn man sich den eigentlichen Ärger sozusagen als Gesichtsausdruck eines inneren Gesichts denkt, so daß dieser Gesichtsausdruck zwar vollkommen klar definiert ist, & es nur nach dem äußern nicht sicher ist, ob die Seele wirklich diesen Ausdruck hat.

§LW II MS 173

46v[2]

Denn auch wenn er selbst ohne zu lügen sagt, er sei etwas ärgerlich gewesen, so heißt das nicht, daß er damals in sich jenes von uns ‘ärgerlich’ genanntes Gesicht gesehen habe. Wir haben wieder nur eine Wortreaktion von ihm, & es ist noch gar nicht klar, wie viel die bedeutet. Das Bild ist klar, aber nicht seine Anwendung.

§LW II MS 173

46v[3]

Denn auch, wenn ich selbst sage “Ich habe mich etwas über ihn geärgert”, – wie weiß ich die Anwendung dieser Worte so genau? Ist sie denn so klar? Nun, sie sind eben eine Äußerung.

§LW II MS 173

47r[1]

Aber weiß ich etwa nicht genau, was ich mit jener Äußerung meine? “Ich weiß doch genau, welchen Zustand in mir ich so nenne.” Das heißt nichts. Ich weiß, wie man das Wort anwendet & manchmal mache ich die Äußerung ohne Zögern & manchmal zögernd & sage etwa, ich hätte mich nicht ‘geradezu geärgert’, oder dergleichen. Aber es ist nicht diese Unbestimmtheit, von der ich sprach. Auch dort, wo ich unbedenklich sage, ich hätte mich geärgert, ist darum nicht ausgemacht wie sicher die Konsequenzen aus diesem Signal sind.

§LW II MS 173

47r[2] &
47v[1]

Als ich sagte es sei eine Unbestimmtheit in der Anwendung, meinte ich nicht, ich wisse nicht recht, wann ich die Äußerung machen solle (wie es etwa wäre, wenn ich nicht gut Deutsch verstünde).

§LW II MS 173

47v[2]

Man darf eben nicht vergessen, welche Verbindungen gemacht werden, wenn wir lernen Ausdrücke wie “Ich ärgere mich” zu gebrauchen.

§LW II MS 173

47v[3]

Und denke nicht an ein Erraten der richtigen Bedeutung durch das Kind, denn, ob es sie richtig erraten hat, muß sich doch wieder in seiner Verwendung der Worte zeigen.


§ROC III

47v[4] &
48r[1]

Ein Sprachspiel: Über die größere Helligkeit, oder Dunkelheit von Körpern berichten. – Aber nun gebe es ein damit verwandtes: über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farben aus(zu)sagen. (Zu vergleichen: Verhältnis der Längen zweier Stäbe – Verhältnis zweier Zahlen.) Die Form der Sätze in beiden ist die gleiche. (“x heller als y”). Aber im ersten Sprachspiel sind sie zeitlich, im zweiten unzeitlich.

§ROC III

48r[2] &
48v[1]

In einer bestimmten Bedeutung von “Weiß” ist Weiß die hellste der Farben. In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in anderm Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe. (Göthe). Von einem Weiß & einem Blau auf der Palette wäre dies heller als jenes. Das Weiß auf der Palette ist heller als jede andre Farbe auf ihr.

§ROC III

48v[2]

Ich mag mir ein bestimmtes Grau-Grün so einprägen, daß ich es ohne ein Muster immer richtig wiedererkenne. Das reine Rot (Blau, etc.) aber kann ich mir sozusagen immer wieder konstruieren. Es ist eben ein Rot, welches weder auf die eine noch auf die andre Seite neigt, & ich merke es mir ebenso leicht wie z.B. den rechten Winkel im Gegensatz zu einem beliebigen spitzen oder stumpfen.

§ROC III

49r[1]

In diesem Sinne gibt es nun 4 (oder mit Weiß & Schwarz 6) reine Farben.

§ROC III

49r[2]

Eine Naturgeschichte der Farben müßte über ihr Vorkommen in der Natur berichten, nicht über ihr Wesen. Ihre Sätze müßten zeitliche Sätze sein.

§ROC III

49r[3] &
49v[1]

Nach Analogie mit den andern Farben müßte eine schwarze Zeichnung auf weißem Grunde, gesehen durch ein durchsichtiges weißes Glas, unverändert als schwarze Zeichnung auf weißem Grunde erscheinen. Denn Schwarz muß Schwarz bleiben & Weiß, da es auch die Farbe des durchsichtigen Körpers ist, bleibt unverändert.

§ROC III

49v[2]

Man könnte sich ein Glas denken, wodurch Schwarz als Schwarz, & Weiß als Weiß alle andern Farben als Töne von Grau gesehen werden; so daß was man dadurch ansieht wie eine Photographie ausschaut. Aber warum sollte ich das “weißes Glas” nennen?

§ROC III

49v[3] &
50r[1]

Die Frage ist: Ist die Bildung ‘ein durchsichtiger weißer Körper’ wie die ‘regelmäßiges Zweieck’?

§ROC III

50r[2] &
50v[1]

Ich kann einen Körper betrachten & etwa eine matte weiße Fläche sehen, d.h. den Eindruck so einer Fläche erhalten, oder den Eindruck der Durchsichtigkeit (ob sie nun vorhanden ist, oder nicht). Dieser Eindruck mag durch die Verteilung der Farben, hervorgebracht werden & an ihm sind Weiß & die andern Farben nicht in gleicher Weise beteiligt. (Ich habe eine grünlich angestrichene Blechkuppel für durchscheinendes grünliches Glas gehalten, ohne zur Zeit zu wissen, welche Besonderheit der Farbenverteilung diesen Schein hervorbringt.)

§ROC III

50v[2]

Und in dem Gesichtsbild eines durchsichtigen kann wohl Weiß vorkommen, z.B. als Spiegelung, als Glanzlicht. D.h.: Wenn der Eindruck als durchsichtig empfunden wird, wird das Weiß, was wir sehen, eben nicht als Weiß des Körpers gedeutet.

§ROC III

50v[3] &
51r[1]

Ich schaue durch ein durchsichtiges Glas: folgt daraus daß ich nicht Weiß sehe? Nein, aber ich sehe nicht das Glas als weiß. Aber wie geht das zu? Es kann auf verschiedene Weise zugehen. Ich mag das Weiß mit beiden Augen als dahinterliegend sehen. Aber ich mag das Weiß auch einfach durch seine Stellung als Glanz sehen (auch wenn es vielleicht kein Glanz ist). Und doch handelt sich's hier um ein Sehen, nicht nur um ein Dafürhalten. Und es ist auch gar nicht zweiäugiges Sehen nötig, um etwas als hinter dem Glas liegend zu sehen.

§ROC III

51r[2]

Die ‘Farben’ haben mit dem räumlichen Sehen nicht alle den gleichen Zusammenhang.

§ROC III

51r[3]

Und es ist gleichgültig, ob man dies durch die seinerzeit von uns gemachte Erfahrung erklärt, oder nicht.

§ROC III

51v[1]

Jener Zusammenhang ist wohl der zwischen Räumlichkeit & Licht & Schatten.

§ROC III

51v[2]

Man kann auch nicht sagen, Weiß sei wesentlich die Eigenschaft einer – visuellen – Oberfläche. Denn es wäre denkbar, daß Weiß nur als Glanzlicht vorkäme, oder als Farbe einer Flamme.

§ROC III

51v[3]

Ja es kann auch ein in Wirklichkeit durchsichtiger Körper uns weiß erscheinen; aber er kann uns nicht als weiß & durchsichtig erscheinen.

§ROC III

51v[4]

Das aber sollte man nicht so ausdrücken: Weiß sei keine durchsichtige Farbe.

§ROC III

52r[1]

‘Durchsichtig’ ließe sich mit ‘spiegelnd’ vergleichen.

§ROC III

52r[2]

Ein Element des Gesichtsraums kann weiß, oder rot sein, aber weder durchsichtig noch undurchsichtig.

§ROC III

52r[3]

Durchsichtigkeit & Spiegeln gibt es nur in der Tiefendimension.

§ROC III

52r[4] &
52v[1]

Warum kann eine visuell einfärbige Ebene im Gesichtsfeld nicht bernsteinfarbig (amber) sein? Dies Farbwort bezieht sich auf ein durchsichtiges Medium; wenn daher ein Maler ein Glas mit bernsteinfarbenem Wein malt, so könnte man etwa die Fläche des Bildes, die es darstellt, ‘bernsteinfarbenem” nennen, aber nicht ein einfärbiges Element dieser Fläche.

§ROC III

52v[2]

Könnten nicht auch glänzendes Schwarz & mattes Schwarz verschiedene Namen haben?

§ROC III

52v[3]

Von etwas, was durchsichtig ausschaut, sagen wir nicht, es schaue weiß aus.

§ROC III

52v[4] &
53r[1]

“Kann man sich nicht denken, daß Menschen eine andere Farbengeometrie hätten als wir?” – D.h. doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen denken als den unsern; & das heißt wieder: Kann man sich nicht vorstellen, daß Menschen unsre Farbbegriffe nicht haben, & daß sie Begriffe haben, die mit unsern Farbbegriffen in solcher Weise verwandt sind, daß wir sie auch “Farbbegriffe” nennen würden?

§ROC III

53r[2] &
53v[1]

Wenn Menschen gewöhnt wären immer nur grüne Quadrate & rote Kreise zu sehen, so könnten sie einen grünen Kreis mit Mißtrauen, wie eine Mißgeburt, betrachten, & z.B. sogar sagen, es sei eigentlich ein Rotkreis habe aber etwas von einem. Wenn Menschen nur Formfarbbegriffe hätten, so hätten sie also ein eigenes Wort für rotes Quadrat, & ein eigenes für roten Kreis, & eins für grünen Kreis, etc. Sehen sie aber nun eine neue grüne Figur, soll ihnen da keine Ähnlichkeit mit dem grünen Kreis, etc., auffallen? Und soll ihnen keine Ähnlichkeit zwischen grünem & rotem Kreis auffallen? Aber wie soll es sich zeigen, daß ihnen die Ähnlichkeit auffällt? Sie könnten, z.B., einen Begriff des ‘Zusammenpassens’ haben; & dennoch nicht darauf verfallen Farbwörter zu gebrauchen. Es gibt ja auch Stämme, die nur bis 5 zählen, & diese haben wahrscheinlich die Notwendigkeit nicht empfunden, zu beschreiben, was so nicht zu beschreiben ist.

§ROC III

53v[2] &
54r[1] &
54v[1]

Runge: “Schwarz schmutzt”. Das heißt, es nimmt der Farbe die Färbigkeit, aber was heißt das?

Schwarz nimmt der Farbe die Leuchtkraft. Aber ist das etwas Logisches, oder etwas Psychologisches?

Es gibt ein leuchtendes Rot, ein leuchtendes Blau, etc., aber kein leuchtendes Schwarz. Schwarz ist die dunkelste der Farben. Man sagt “tief schwarz”, aber nicht “tief weiß”. ‘Ein leuchtendes Rot’ heißt aber nicht ein helles Rot. Auch ein dunkles Rot kann leuchten. Aber eine Farbe leuchtet durch ihre Umgebung, in ihrer Umgebung.

Grau aber leuchtet nicht. Nun scheint aber Schwarz eine Farbe zu trüben, Dunkelheit aber nicht. Ein Rubin also könnte danach immer dunkler werden, ohne doch je trüb zu werden, würde er aber Schwarzrot, so würde er trüb. Nun, Schwarz ist eine Oberflächenfarbe. Das Dunkel nennt man keine Farbe. Im Gemälde kann das Dunkel auch durch Schwarz dargestellt werden. Der Unterschied zwischen Schwarz &, etwa, einem dunkeln Violett ist ähnlich dem zwischen dem Klang der großen Trommel & dem Klang einer Pauke. Vom erstern sagt man, es sei ein Geräusch, kein Ton. Es ist matt & ganz Schwarz.

§ROC III

54v[2] &
55r[1]

Sieh Dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind; & nun mach Licht, & male, was Du im Dämmerlicht gesehen hast. Es gibt Bilder von Gegenden oder Räumen im Halbdunkel: Aber wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit den im Halbdunkel gesehenen? Wie verschieden ist diese Vergleichung von der zweier Farbmuster die ich zugleich vor mir habe & zum Vergleich aneinander lege!

§ROC III

55r[2] &
55v[1] &
56r[1]

Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist & keine Mischfarbe von Blau & Gelb? Wäre diese Antwort richtig: “Man kann das nur direkt erkennen, indem man die Farben betrachtet”? Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten “primäre Farbe” meine wie ein Andrer der auch geneigt ist grün eine primäre Farbe zu nennen? Nein, hier gibt es Sprachspiele die diese Frage entscheiden. Es gibt ein mehr, oder weniger bläuliches (oder gelbliches) Grün & es gibt die Aufgabe, zu einem gegebenen Gelblichgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläulicheres Grün (und umgekehrt) & es gibt auch die Aufgabe ein Grün zu wählen – oder zu mischen – das weder gelblich noch bläulich ist. Und ich sage “oder zu mischen” weil ein Grün dadurch nicht zugleich gelblich & bläulich ist, weil es etwa durch ein Mischen von Gelb & Blau zustandekommt.

§ROC III

56r[2]

Denke daran, daß in einer glatten weißen Fläche Dinge sich spiegeln können, deren Spiegelbilder also hinter der Fläche zu liegen scheinen & in gewissem Sinne durch sie gesehen werden.

§ROC III

56r[3] &
56v[1]

Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß & es würde Schnee danebengehalten & es sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung, & für gewöhnliche Zwecke, weiß, nicht hellgrau nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen andern in gewissem Sinne verfeinerten Begriff von Weiß verwendete. (Wie ich dort manchmal auch einen verfeinerten Begriff der ‘genauen’ Zeitbestimmung verwende.)

§ROC III

56v[2]

Die reinen satten Farben haben eine ihnen spezifische Helligkeit. Gelb z.B. ist heller als Rot. Ist Rot heller als Blau? Ich weiß es nicht.

§ROC III

56v[3] &
57r[1]

Wer den Begriff der Zwischenfarbe erhalten hat, seine Technik beherrscht, wer also z.B. zu einem gegebenen Rot ein gelblicheres, weißlicheres, bläulicheres finden kann, u.s.f., den fordre man nun auf ein rötliches Grün zu wählen oder zu mischen.

§ROC III

57r[2] &
57v[1]

Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte im Stande sein, eine Farbenreihe herzustellen die mit Rot anfinge, mit Grün endet &, auch für uns, etwa einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es könnte sich dann zeigen, daß dort, wo wir etwa jedesmal den gleichen Ton von Braun sähen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen die für uns die gleiche Farbe hätten, nach der Farbe unterscheiden könnte & die eine ein “Braun”, die andre ein “Rötlichgrün” nennte.

§ROC III

57v[2]

Um die Phänomene der Rotgrünblindheit zu beschreiben brauche ich nur zu sagen was der Rotgrünblinde nicht erlernen kann; um aber die ‘Phänomene des normalen Sehens’ zu beschreiben, müßte ich aufzählen, was wir tun können.

§ROC III

57v[3] &
58r[1]

Wer die ‘Phänomene der Farbenblindheit’ beschreibt, beschreibt ja nur die Abweichungen des Farbenblinden vom Normalen, nicht auch sein ganzes übriges Sehen. Aber könnten sie nicht auch die Abweichungen des normalen Sehens von totaler Blindheit beschreiben? Man könnte fragen: Zu wessen Belehrung? Kann man mich davon unterrichten, daß ich einen Baum sehe? Und was ist ein ‘Baum’, & was ‘sehen’?

§ROC III

58r[2] &
58v[1] &
59r[1]

Man kann z.B. sagen: So handelt der Mensch mit einer Binde vor den Augen, & so der Sehende ohne Binde. Mit einer Binde reagiert er so & so, ohne Binde geht er schnell auf der Gasse, begrüßt seine Bekannten, nickt Diesem & Jenem zu, vermeidet beim Überqueren leicht die Wagen & Zweiräder, usw., usw.. Schon den Neugeborenen erkennt man als Sehenden daran, daß er Bewegungen mit den Augen folgt. Etc. etc.. – Die Frage ist: Von wem soll die Beschreibung verstanden werden? Nur vom Sehenden; oder auch vom Blinden? Es ist z.B. sinnvoll zu sagen “Der Sehende unterscheidet mit den Augen einen unreifen Apfel von einem reifen”. Aber nicht: “Der Sehende unterscheidet einen grünen von einem roten Apfel”. Denn was ist ‘rot’ & ‘grün’? Aber kann ich nicht sagen “Ich unterscheide einen solchen Apfel von einem solchen” (indem ich auf einen roten & grünen zeige)? Aber wie, wenn jemand auf zwei für mich ganz gleiche Äpfel zeigte & das sagte? Anderseits könnte er mir sagen: “ Für Dich sehen diese beiden ganz gleich aus, Du könntest sie daher verwechseln; aber ich sehe einen Unterschied, ich kann jeden jederzeit wiedererkennen”. Das kann durch einen Versuch bestätigt werden.

§ROC III

59r[2]

Welche Erfahrung lehrt mich, daß ich Rot & Grün unterscheide?

§ROC III

59r[3]

Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens. Wem beschreibt sie sie? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beseitigen?

§ROC III

59r[4]

Wenn ein Sehender nie von einem Blinden gehört hätte, – könnte man ihm das Benehmen der Blinden nicht beschreiben?

§ROC III

59r[5] &
59v[1]

Ich kann sagen: “Der Farbenblinde kann einen grünen Apfel von einem roten nicht unterscheiden”, & das läßt sich zeigen. Kann ich aber sagen “Ich kann einen grünen Apfel von einem roten unterscheiden”? Nun etwa: durch den Geschmack. – Aber doch z.B.: “Ich kann einen Apfel, den Du “grün” nennst, von einem, den Du “rot” nennst, unterscheiden”, also “Ich bin nicht farbenblind”.

§ROC III

59v[2] &
60r[1]

Dieses Papier ist an verschiedenen Stellen verschieden hell; aber sieht es hier, wo es dunkler ist, grau aus? Der Schlagschatten meiner Hand ist zum Teil grau. Wo sich das Papier vom Licht wegneigt aber sehe ich es Weiß, wenn auch dunkler, auch wenn ich, um es zu malen, ein Grau mischen müßte. Ist damit nicht ähnlich, daß man den entfernteren Gegenstand oft nur als entfernter nicht aber kleiner sieht. Daß man also nicht sagen kann “Ich merke, daß er kleiner ausschaut, & schließe daraus, daß er entfernter ist”, sondern ich merke, daß er entfernter ist, ohne sagen zu können, wie ich's merke.

§ROC III

60r[2] &
60v[1] &
61r[1]

Der Eindruck der Durchsichtigkeit ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Einfarbigkeit des Gesichtsbilds kann daher nicht durchsichtig sein. Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß eine schwarze Zeichnung auf weißem Papier hinter einem weißen durchsichtigen Medium so erscheinen wie hinter einem farblosen. Das ist hier nicht ein Satz der Physik, sondern so deuten wir unsre Gesichtserfahrung. Man könnte auch sagen, es sei eine Regel für den Maler: “Wenn Du etwas Weißes hinter einem durchsichtigen Roten darstellen willst, so mußt Du's rot malen”. Malst Du's weiß, so sieht es nicht hinter dem Roten liegend aus.

§ROC III

61r[2]

Dort, wo das weiße Papier nur um ein Weniges schwächer beleuchtet ist, erscheint es keineswegs grau, sondern immer weiß.

§ROC III

61r[3] &
61v[1]

Die Frage ist: Wie muß unser Gesichtsbild ausschauen, damit wir sagen, wir sähen durch ein klares gefärbtes Medium? Wie muß z.B. die Farbe des Mediums zur Geltung kommen? Sprechen wir physikalisch – obwohl es uns hier nicht unmittelbar auf Gesetze der Physik ankommt – so müßte durch ein rein grünes Glas alles mehr, oder weniger dunkel Grün ausschauen. Der hellste Ton wäre der des Mediums. Was man dadurch sieht hat also Ähnlichkeit mit einer Photographie. Überträgt man das auf's weiße Glas, so sollte alles wieder wie photographiert ausschauen, aber in Weiß, Grau & Schwarz. Und warum sollte man so ein Glas – wenn es eins gäbe – nicht weiß nennen wollen? Spricht irgend etwas dagegen, geht die Analogie mit anders gefärbten Gläsern irgendwo fehl?

§ROC III

61v[2] &
62r[1]

Ein grüner Glaswürfel sieht wenn er vor uns liegt grün aus. Der Gesamteindruck ist grün; so sollte also der des weißen Würfels weiß sein.

§ROC III

62r[2]

Wo muß der Würfel weiß erscheinen, damit wir ihn weiß & durchsichtig nennen können.

§ROC III

62r[3]

Gibt es darum kein Analogon mit Weiß zu einem durchsichtigen grünen Glas, weil die Verwandtschaften & Gegensätze zwischen Weiß & den übrigen Farben anders sind als zwischen Grün & ihnen?

§ROC III

62r[4] &
62v[1]

Fällt Licht durch rotes Glas so wirft es einen roten Schein; wie sieht nun ein weißer Schein aus? Soll Gelb im weißen Schein weißlich werden, oder bloß hell? & Schwarz grau, oder soll es Schwarz bleiben?

§ROC III

62v[2]

Wir kümmern uns hier nicht um die Tatsachen der Physik, außer insofern sie Regeln des Augenscheins bestimmen.

§ROC III

62v[3]

Es ist nicht ohne weiters klar von welchem durchsichtigen Glas man sagen soll, es habe die ‘gleiche Farbe’ wie ein Stück grünes Papier.

§ROC III

62v[4] &
63r[1]

Ist z.B. das Papier rosa, lila, himmelblau, so wird man sich das Glas etwa trübe denken, aber man könnte auch ein nur einigermaßen rötliches etc. klares Glas meinen. Darum wird manchmal etwas farbloses “weiß” genannt.

§ROC III

63r[2]

Die Farbe eines durchsichtigen Glases, könnte man sagen, sei die, in welcher eine weiße Lichtquelle, durch das Glas gesehen, erscheint. Ungetrübt weiß aber erscheint diese durch ein farbloses Glas.

§ROC III

63r[3] &
63v[1]

Im Kino ist es oft leicht die Vorgänge im Film so zu sehen, als lägen sie hinter der Leinwandebene & diese sei durchsichtig wie eine Glastafel. Zugleich aber würde sie den Vorgängen ihre Farbe nehmen & nur Weiß, Grau & Schwarz durchlassen. Nun ist man aber nicht versucht, sie eine durchsichtige weiße Glastafel zu nennen. Wie würde man denn Dinge durch eine grüne Glastafel sehen? Ein Unterschied wäre natürlich, daß diese den Unterschied zwischen hell & dunkel vermindern würde während jene andre diesen Unterschied nicht berühren soll. Eine ‘graue durchsichtige’ Tafel würde ihn dann etwa vermindern.

§ROC III

63v[2] &
64r[1]

Von einer grünen Glastafel würde man etwa sagen, sie gäbe den Dingen ihre Farbe. Tut das aber meine ‘weiße’ Tafel? – Gibt das grüne Medium den Dingen seine Farbe, dann vor allem den weißen.

§ROC III

64r[2]

Eine dünne Schicht eines gefärbten Mediums färbt die Dinge nur schwach: wie soll ein dünnes ‘weißes’ Glas sie färben? Soll es ihnen noch nicht alle Farbe entziehen.

§ROC III

64r[3]

“Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, ‥‥”. Das heißt, man kann nicht beschreiben, wie etwas weißes Klares aussähe, & das heißt, man weiß nicht, welche Beschreibung von einem durch diese Worte gefordert wird.

§ROC III

64r[4] &
64v[1]

Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische, noch eine psychologische) sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.

§ROC III

64v[2]

Damit daß Einem die Farbwörter durch Hinweisen auf farbige Stücke Papier erklärt wurden, ist der Begriff der Durchsichtigkeit noch nicht erklärt. Es ist dieser Begriff, der zu den verschiedenen Farbbegriffen verschiedene Beziehungen hat.

§ROC III

64v[3] &
65r[1]

Wer also sagen wollte, daß man es doch den Farben gar nicht anmerkt, daß ihre Begriffe so verschieden sind, dem muß man antworten, daß er eben auf das Analoge in diesen Begriffen sein Augenmerk richtet die Verschiedenheiten aber in den Beziehungen zu andern Begriffen liegen.

§ROC III

65r[2]

Wenn die grüne Glastafel den Dingen hinter ihr grüne Farbe gibt, so macht sie Weiß zu Grün, Rot zu Schwarz, Gelb zu Grüngelb, Blau zu Grünlichblau. Die Weiße Tafel sollte also alles weißlich machen, also alles blaß; & warum dann das Schwarz nicht zu Grau? – Auch ein gelbes Glas verdunkelt, soll ein weißes auch verdunkeln?

§ROC III

65r[3] &
65v[1]

Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, indem es Licht schluckt: Soll nun mein weißes auch verdunkeln? & je dicker es ist, desto mehr? Aber es soll ja Weiß weiß lassen: So wäre ja das ‘weiße Glas’ eigentlich ein dunkles Glas.

§ROC III

65v[2]

Wenn Grün dadurch weißlich wird, warum wird Grau nicht weißlicher, & warum dann Schwarz nicht zu Grau?

§ROC III

65v[3] &
66r[1]

Das gefärbte Glas darf doch die Dinge hinter ihm nicht aufhellen: Was soll also z.B. mit etwas Grünem geschehen? soll ich es als ein Graugrün sehen?

§ROC III

66r[2]

Würden alle Farben weißlich, so würde das Bild mehr & mehr an Tiefe verlieren.

§ROC III

66r[3]

Grau ist nicht schlecht beleuchtetes Weiß, Dunkelgrün nicht schlecht beleuchtetes Hellgrün. Man sagt zwar “In der Nacht sind alle Katzen grau”, aber das heißt eigentlich: wir können ihre Farben nicht unterscheiden & sie könnten auch grau sein.

§ROC III

66r[4] &
66v[1]

Worin liegt hier der entscheidende Unterschied zwischen Weiß & den andern Farben? Liegt er in der andersartigen Verwandtschaft? & das heißt eigentlich in der besondern Stellung im Farbenoktaeder? Oder ist es vielmehr die ungleiche Stellung der Farben gegen Dunkel & Hell?

§ROC III

66v[2]

Was soll der Maler malen, der die Wirkung eines weiß-durchsichtigen Glases hervorrufen will? Soll Rot & Grün (etc.) weißlich werden?

§ROC III

66v[3]

Ist der Unterschied nicht einfach, daß jedes gefärbte Glas das Weiß färben soll, & meines es entweder unverändert lassen, oder einfach verdunkeln muß?

§ROC III

66v[4] &
67r[1]

Weiß durch ein gefärbtes Glas erscheint in der Farbe des Glases. Das ist eine Regel für die Färbung. So erscheint Weiß durch das weiße Glas weiß, also wie durch ein Ungefärbtes.

§ROC III

67r[2]

Lichtenberg redet von ‘reinem Weiß’ & meint damit die hellste der Farben. Niemand könnte so von reinem Gelb reden.

§ROC III

67r[3]

Zu sagen, Weiß sei körperlich, ist seltsam, da ja auch Gelb & Rot die Farben von Oberflächen sein können & man sie als solche nicht kategorisch von Weiß unterscheidet.

§ROC III

67r[4] &
67v[1]

Sieht man einen weißen Würfel mit verschieden hell beleuchteten Flächen durch ein gelbes Glas an, so erscheint er nun gelb & seine Flächen wieder verschieden stark beleuchtet. Wie soll er durch ein weißes Glas ausschaun? & wie soll ein gelber Würfel durch ein weißes Glas ausschaun?

§ROC III

67v[2]

Soll es sein, als hätte man Weiß, oder als hätte man Grau zu seinen Farben gemischt?

§ROC III

67v[3] &
68r[1]

Könnte nicht ein Glas Weiß, Schwarz & Grau unverändert lassen & die übrigen Farben weißlich färben? & käme so eins nicht am nächsten dem weißen & durchsichtigen? Die Wirkung würde dann sein die einer Photographie, welche eine Spur der natürlichen Farben noch beibehält. Der Dunkelheitsgrad jeder Farbe müßte aber gewahrt, & gewiß nicht vermindert werden.

§ROC III

68r[2]

Soviel kann ich verstehen, daß eine physikalische Theorie (wie die Newton's) die Probleme, die Göthe bewegt, nicht lösen kann, wenn auch er selbst sie nicht gelöst hat.

§ROC III

68r[3]

Wenn ich reines Rot durch das Glas ansehe & es sieht grau aus, ist hier wirklich der Graugehalt der Farbe durch das Glas gekommen? D.h.: scheint es auch nur so?

§ROC III

68r[4] &
68v[1]

Warum fühle ich, daß ein weißes Glas das Schwarz färben müßte, wenn es irgendetwas färbt, während ich mir's gefallen lasse, daß ein gelbes das Schwarz nicht berührt? Ist es nicht, weil das klare Gefärbte vor allem einmal das Weiß färben muß, & tut es das nicht & ist weiß, dann ist es trüb.

§ROC III

68v[2]

Wenn man stark blinzelnd in eine Gegend schaut, so werden die Farben undeutlicher & alles nimmt mehr den Charakter des Schwarzweißen an; aber ist es mir da, als sähe ich durch eine so oder so gefärbte Scheibe?

§ROC III

68v[3]

Man spricht oft vom Weißen als unfärbig. Warum? (Man tut es auch, wenn man nicht an die Durchsichtigkeit denkt.)

§ROC III

68v[4]

Und es ist merkwürdig, daß das Weiße manchmal auf gleicher Stufe mit den andern reinen Farben erscheint (Flaggen), & manchmal wieder nicht.

§ROC III

69r[1]

Warum nennt man z.B. ein weißliches Grün oder Rot, “nicht satt”? Warum schwächt das Weiß diese Farben, aber nicht das Gelb? Liegt das an der Psychologie (der Wirkung) der Farben, oder an ihrer Logik. Nun, daß man gewisse Wörter wie “satt”, “schmutzig”, etc. verwendet beruht auf Psychologischem; daß man aber überhaupt einen scharfen Unterschied macht, deutet auf Begriffliches.

§ROC III

69r[2]

Hängt das damit zusammen, daß Weiß alle Gegensätze nach und nach aufhebt, während Rot das nicht tut?

§ROC III, VB

69r[3] &
69v[1]

Ein & dasselbe Thema hat in Moll einen andern Charakter als in Dur, aber von einem Charakter des Moll im Allgemeinen zu sprechen ist ganz falsch. (Bei Schubert klingt das Dur oft trauriger als das Moll). Und so ist es, glaube ich, müßig & ohne Nutzen für das Verständnis der Malerei von den Charakteren der einzelnen Farben zu reden. Man denkt eigentlich dabei nur an spezielle Verwendungen. Daß Grün als Farbe einer Tischdecke die, Rot jene Wirkung hat, läßt auf ihre Wirkung in einem Bild keinen Schluß zu.

§ROC III

69v[2]

Weiß löst alle Farben auf, – tut dies Rot auch?

§ROC III

69v[3] &
70r[1]

Warum gibt es kein braunes Licht & kein graues? Gibt es auch kein weißes? Ein leuchtender Körper kann weiß erscheinen; aber weder braun, noch grau.

§ROC III

70r[2]

Warum kann man sich keine Grauglut vorstellen? Warum kann man sie sich nicht als einen geringeren Grad der Weißglut denken?

§ROC III

70r[3]

Daß etwas, was zu leuchten scheint, nicht auch grau erscheinen kann, muß darauf deuten, daß das leuchtende farblose immer “weiß” heißt, es lehrt uns also etwas über den Begriff des Weißen.

§ROC III

70r[4]

Ein schwaches weißes Licht ist nicht ein graues Licht.

§ROC III

70v[1]

Aber der Himmel, der alles, was wir sehen, beleuchtet, kann doch grau sein! Und wie weiß ich vom bloßen Augenschein, daß er nicht selbst leuchtet?

§ROC III

70v[2]

D.h. etwa: ‘grau’ oder ‘weiß’ ist etwas nur in einer bestimmten Umgebung.

§ROC III

70v[3]

Ich sage hier nicht, was die Gestaltpsychologen sagen: daß der Eindruck des Weißen so & so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei, was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ‘weiß’ ist.

§ROC III

71r[1]

Denn, daß man sich etwas ‘grauglühendes’ nicht denken kann gehört nicht in die Psychologie der Farbe.

§ROC III

71r[2]

Denk Dir, es würde uns gesagt, daß eine Substanz mit grauer Flamme brennt. Du kennst doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Stoffe: warum sollte das also nicht möglich sein? Und doch hieße es nichts. Wenn ich soetwas hörte, würde ich nur denken, die Flamme sei schwach leuchtend.

§ROC III

71r[3] &
71v[1]

Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus. Daß aber etwas ‘leuchtend aussehen’ kann, das macht die Verteilung der Helligkeiten im Gesichtsfeld, aber es gibt auch ein ‘etwas als leuchtend sehen’, man kann unter gewissen Umständen, reflektiertes Licht für das Licht eines leuchtenden Körpers halten.

§ROC III

71v[2]

Ich könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.

§ROC III

71v[3]

Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.

§ROC III

71v[4]

Man redet von einem ‘dunkelroten Schein’, aber nicht von einem ‘schwarzroten’.

§ROC III

72r[1]

Es gibt einen Eindruck des Leuchtens.

§ROC III

72r[2]

Es ist nicht dasselbe zu sagen, daß dieser Eindruck nur unter den & den Umständen zustande kommt (kausal), & daß er ein Eindruck eines bestimmten Kontextes ist (Definition). (Das erste ist Gestaltpsychologie, das zweite Logik.)

§ROC III

72r[3]

‘Urphänomen’ ist z.B., was Freud an den einfachen Wunschträumen zu sehen glaubte. Das Urphänomen ist eine vorgefaßte Idee, die von uns Besitz ergreift.

§ROC III

72r[4] &
72v[1]

Erschiene mir in der Nacht ein Gespenst, so könnte es mit einem schwachen weißlichen Schein leuchten; sähe es aber grau aus, so müßte das Licht von woanders zu kommen scheinen.

§ROC III

72v[2]

Die Psychologie, wenn sie vom Schein spricht, verbindet Schein & Sein. Wir aber können vom Schein allein sprechen, oder wir verbinden Schein & Schein.

§ROC III

72v[3]

Man könnte sagen, die Farbe des Gespenstes sei die, die ich auf der Palette mischen muß, um es genau abzumalen. Wie aber bestimmt man, was das genaue Bild ist?

§ROC III

72v[4] &
73r[1]

Die Psychologie verbindet das Erlebte mit etwas Physischem, wir aber das Erlebte mit Erlebtem.

§ROC III

73r[2]

Man könnte Halbdunkel im Halbdunkel malen. Und die ‘richtige Beleuchtung’ eines Bildes könnte das Halbdunkel sein. (Bühnenmalerei.)

§ROC III

73r[3]

Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, & das, was in einer solchen Fläche gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre & durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß-durchsichtig? Auch dann entspräche, was wir sehen, nicht dem färbigen Durchsichtigen.

§ROC III

73r[4] &
73v[1]

Man spricht von einem ‘schwarzen Spiegel’. Aber wenn er spiegelt verdunkelt er zwar, sieht aber nicht schwarz aus & sein Schwarz ‘schmutzt’ nicht.

§ROC III

73v[2]

Warum ertrinkt Grün im Schwarz, & Weiß nicht?

§ROC III

73v[3]

Es gibt Farbbegriffe, die sich nur auf die visuelle Erscheinung einer Fläche beziehen, & es könnte welche geben, die sich nur auf durchsichtige Medien, oder vielmehr den visuellen Eindruck solcher, beziehen. Man könnte auch ein weißes Glanzlicht auf Silber nicht “weiß” nennen wollen & es von der weißen Farbe einer Oberfläche unterscheiden. Daher, glaube ich, das Reden von “durchsichtigem” Licht.

§ROC III

74r[1]

Wenn man einem Kind die Farbbegriffe so beibrächte, daß man auf gefärbte Flammen, oder gefärbte durchsichtige Körper zeigte, so würde die Eigentümlichkeit von Weiß, Grau & Schwarz klarer zu Tage kommen.

§ROC III

74r[2]

Man sieht leicht den Unterschied der Begriffe: ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’, & anderseits ‘gelb’ oder ‘grau’. Daß aber ein einigermaßen verwandter Unterschied zwischen ‘Weiß’ & ‘Rot’ besteht, ist schwer zu sehen.

§ROC III

74r[3] &
74v[1]

Milch ist nicht darum undurchsichtig, weil sie weiß ist, – als wäre das Weiß etwas undurchsichtiges. Wenn schon ‘Weiß’ ein Begriff ist, der sich nur auf eine visuelle Oberfläche bezieht, warum gibt es dann nicht einen dem ‘weiß’ verwandten Begriff der sich auf Durchsichtiges bezieht?

§ROC III

74v[2]

Ein Medium, durch welches ein schwarz & weißes (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht weiß gefärbt nennen wollen, auch wenn es die übrigen Farben in's Weißliche veränderte.

§ROC III

74v[3]

Grau & schwach erleuchtetes oder leuchtendes Weiß kann in einem Sinne die gleiche Farbe sein, denn wenn ich das erstere male muß ich vielleicht auf der Palette jenes mischen.

§ROC III

74ar[1]

Ob ich etwas als grau oder als weiß sehe, kann davon abhängen, wie ich die Dinge um mich beleuchtet sehe. In einem Kontext ist die Farbe für mich Weiß in schlechter Beleuchtung, im andern Grau in guter Beleuchtung.

§ROC III

74ar[2]

Der Eimer, den ich vor mir sehe ist glänzend weiß glasiert, ich könnte ihn unmöglich “grau” nennen oder sagen “Ich sehe eigentlich grau”. Aber er hat ein Glanzlicht, das weit heller ist als seine übrige Fläche, & da er rund ist geht er vom Licht allmählich in den Schatten über ohne doch anders gefärbt zu erscheinen.

§ROC III

74ar[3]

Welches ist die Farbe des Eimers an dieser Stelle? Wie soll ich's entscheiden?

§ROC III

74av[1]

Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phänomenologische Probleme.

§ROC III

74av[2]

Man möchte sagen: Beimischung von Rot verdünnt die Farben nicht, Beimischung von Weiß verdünnt sie. Anderseits empfindet man Rosa, oder ein weißliches Blau nicht immer als verdünnt.

§ROC III

74av[3]

Kann man sagen: “Leuchtendes Grau ist Weiß”?

§ROC III

74av[4] &
75r[1]

Die Schwierigkeiten, die man beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfindet (mit denen sich Goethe durch die Farbenlehre auseinandersetzen wollte,) liegen schon in der Vielgestaltigkeit des Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.

§ROC III

75r[2] &
75v[1]

Die Frage ist: Welcher Art muß unser Gesichtsbild sein, wenn wir es das eines gefärbten durchsichtigen Mediums nennen sollen? Man könnte auch so fragen: Wie muß etwas ausschauen, damit es uns als gefärbt & durchsichtig erscheint? Dies ist keine Frage der Physik, aber mit physikalischen Fragen verbunden. Wie ist unser Gesichtsbild beschaffen, welches wir dasjenige eines farbigen durchsichtigen Mediums nennen?

§VB

75v[2]

Ich glaube nicht, daß Shakespeare über das ‘Dichterlos’ hätte nachdenken können.

§VB

75v[3]

Er konnte sich auch nicht selbst als Prophet oder Lehrer der Menschheit betrachten. Die Menschen staunen ihn an beinahe wie ein Naturschauspiel. Sie fühlen nicht, daß sie dadurch mit einem großen Menschen in Berührung kommen. Sondern mit einem Phänomen.

§VB

76r[1]

Ich glaube, um einen Dichter zu genießen, dazu muß man auch die Kultur, zu der er gehört, gern haben. Ist die einem gleichgültig oder zuwider, so erkaltet die Bewunderung.

§ROC III

76r[2]

Es gibt scheinbar, was man “Stoffarben” & was man “Oberflächenfarben” nennen kann.

§ROC III

76r[3] &
76v[1]

Unsre Farbbegriffe beziehen sich manchmal auf Substanzen (Schnee ist weiß), manchmal auf Oberflächen (dieser Tisch ist braun), manchmal auf die Beleuchtung (im rötlichen Abendschein), manchmal auf durchsichtige Körper. Und gibt es nicht auch eine Anwendung auf eine Stelle im Gesichtsfeld logisch unabhängig vom räumlichen Zusammenhang? Kann ich nicht sagen: “Dort sehe ich weiß” (& es etwa malen), auch wenn ich das Gesichtsbild gar nicht räumlich deuten kann? (Stellenfarbe). (Ich denke an eine pointillistische Malweise.)

§ROC III

76v[2]

Eine Farbe allgemein benennen können, heißt noch nicht, sie genau kopieren können. Vielleicht kann ich sagen “Dort sehe ich eine rötliche Stelle” & kann doch nicht eine Farbe mischen, die ich als genau gleich anerkenne.

§ROC III

76v[3] &
77r[1]

Male etwa, was Du siehst, wenn Du die Augen schließt! Und doch kannst Du es ungefähr beschreiben.

§ROC III

77r[2]

Denke an die Farben von poliertem Silber, Nickel, Chrom, etc., oder an die Farbe eines Ritzers in diesen Metallen.

§ROC III

77r[3] &
77v[1]

Ich gebe einer Farbe einen Namen “F” & sage, es sei die Farbe, die ich dort sehe. Oder vielleicht male ich mein Gesichtsbild & sage dann einfach “Ich sehe dies”. Nun, welche Farbe ist an dieser Stelle meines Bildes? Wie bestimm ich es? Ich führe etwa das Wort “Kobaldblau” ein: Wie fixiere ich, was ‘K’ ist? Ich könnte ein Papier als Paradigma dieser Farbe nehmen, oder den Farbstoff in einem Topf. Und wie bestimme ich nun, daß eine Oberfläche (z.B.) diese Farbe habe? Alles kommt auf die Vergleichsmethode an.

§ROC III

77v[2]

Was man den “farbigen Gesamteindruck” einer Oberfläche nennen kann, ist nicht etwa eine Art arithmetisches Mittel aller Farben der Oberfläche.

§ROC III

77v[3] &
78r[1]

“Ich sehe (höre, fühle etc.) X”. “Ich beobachte X”. X steht in diesen Fällen nicht für den gleichen Begriff, auch wenn beidemal der gleiche Ausdruck steht z.B. “einen Schmerz”. Denn auf den ersten Satz kann die Frage folgen “Was für einen Schmerz?” & dies könnte man beantworten indem man den Fragenden mit einer Nadel sticht. Folgt aber die Frage: “Was für einen Schmerz?” auf den zweiten Satz, so muß die Antwort von anderer Art sein z.B.: “Den Schmerz in meiner Hand”.

§ROC III

78r[2] &
78v[1]

Ich möchte sagen: “An dieser Stelle in meinem Gesichtsfeld ist diese Farbe (ganz abgesehen von jeder Deutung).” Aber wozu gebrauche ich diesen Satz? “Diese” Farbe muß (ja) eine sein, die ich reproduzieren kann. Und es muß bestimmt sein, unter welchen Umständen ich von etwas sage, es habe diese Farbe.

§ROC III

78v[2]

Denk, jemand zeigte auf eine Stelle einer Iris in einem Rembrandtschen Gesicht & sagte “Die Wand in meinem Zimmer soll in dieser Farbe gemalt werden.”

§ROC III

78v[3]

Daß wir sagen können “Diese Stelle in meinem Gesichtsfeld ist graugrün”, bedeutet nicht daß wir den genauen Ton der Farbe bestimmen können.

§ROC III

78v[4] &
79r[1] &
79v[1]

Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses male ich mit Ocker. Ich sage “Diese Stelle sehe ich in dieser Farbe.” Das bedeutet nicht, daß ich an dieser die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, mir viel heller oder dunkler, oder rötlicher, (etc.), als Ocker erscheinen. Ich kann etwa sagen: “So, wie ich sie hier (mit Ocker) gemalt habe, sehe ich diese Stelle; sie scheint mir aber stark rötlich.” Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, der mir hier erscheint? Wie soll ich ihn angeben & wie bestimmen? Ich könnte ein Stück Papier so färben & ich sage nicht, daß so ein Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind, & also: was hier “Farbengleichheit” bedeutet.

§ROC III

79v[2]

Denken wir uns ein Gemälde in kleine Stücke von annähernd gleichmäßiger Färbung zerschnitten & diese Stücke dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet. Auch dort, wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist soll er keine räumliche Form erkennen lassen, sondern als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern wird er ein Stück Himmel, ein Schatten, ein Glanz, eine konkave oder konvexe Fläche etc.

§ROC III

80r[1]

Man könnte also sagen, dies Zusammenlegspiel zeige die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes.

§ROC III

80r[2]

Man könnte geneigt sein zu glauben, die Analyse der Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben der Stellen unsres Gesichtsfelds, die von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig wären, denn hier gebe es weder Beleuchtung noch Schatten, noch Glanz, noch Durchsichtigkeit oder Undurchsichtigkeit, etc.

§ROC III

80r[3] &
80v[1]

Was uns als einfärbiger, heller Strich ohne Breite auf dunklem Grunde erscheint kann weiß aussehen, aber nicht grau.(?) Ein Planet könnte nicht hellgrau aussehen.

§ROC III

80v[2]

Würde man aber nicht unter Umständen den Punkt oder den Strich als Grau deuten? (Denke an eine Photographie.)

§ROC III

80v[3]

Sehe ich wirklich die Haare des Jungen auf der Photographie blond?! – Seh ich sie grau? Schließe ich nur, daß, was auf dem Bild so ausschaut, in Wirklichkeit blond sein muß? In einem Sinne sehe ich sie blond, in einem andern heller & dunkler grau.

§ROC III

80v[4] &
81r[1]

‘Dunkelrot’ & ‘Schwarzrot’ sind nicht gleichartige Begriffe. Ein Rubin kann in der Durchsicht dunkelrot erscheinen, aber, wenn er klar ist, nicht schwarzrot. Der Maler mag ihn als schwarzroten Fleck darstellen aber im Bild wird dieser Fleck nicht schwarzrot wirken. Er wird mit Tiefe gesehen, sowie das Flache 3-dimensional erscheint.

§ROC III

81r[2] &
81v[1]

Im Film, wie auf der Photographie sehen Gesicht & Haare nicht grau aus, sie machen einen ganz natürlichen Eindruck; Speisen auf einer Schüssel dagegen sehen im Film oft grau & darum unappetitlich aus. Was heißt es aber, Haar sehe auf der Photographie blond aus? Wie zeigt sich's, daß es so aussieht & auf die Farbe nicht nur geschlossen wird? Welche unsrer Reaktionen läßt uns das sagen? – Sieht denn ein Kopf in Stein oder Gips nicht weiß aus?

§ROC III

81v[2]

Wenn selbst das Wort “blond” blond klingen kann, wie viel eher können die photographierten Haare blond ausschaun!

§ROC III

81v[3] &
82r[1]

Nun, ich würde die Photographie ganz natürlich mit den Worten beschreiben: “An einer Maschine steht ein Mann mit dunklem & ein Junge mit zurückgekämmtem blondem Haar.” So würde ich die Photographie beschreiben, & wenn Einer sagte das beschreibe nicht sie, sondern die Objekte die wahrscheinlich photographiert wurden, so könnte ich nur sagen, das Bild sieht so aus, als wären die Haare von dieser Farbe gewesen.

§ROC III

82r[2]

Wenn ich aufgefordert würde, die Photographie zu beschreiben, würde ich es in jenen Worten tun.

§ROC III

82r[3]

Der Farbenblinde versteht die Aussage, er sei farbenblind. Der Blinde die, er sei blind. Aber sie können nicht alle Anwendungen dieser Sätze machen, die der Normale macht. Denn wie dieser Sprachspiele mit Farbworten z.B. beherrscht, die jene nicht erlernen können, so auch Sprachspiele mit den Worten “farbenblind” & “blind”.

§ROC III

82v[1] &
83r[1]

Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn Einer sieht? – Doch; ein Blinder lernt ja manches über den Unterschied des Blinden vom Sehenden. Und doch möchte man auf jene Frage Nein antworten. – Ist sie aber nicht irreführend gestellt? Man kann einem der nicht Fußball spielt so wie einem der es spielt beschreiben, ‘wie das ist, wenn Einer Fußball spielt’, dem letztern vielleicht, daß er die Beschreibung auf ihre Richtigkeit prüfe. D.h., man kann nur das charakteristische Benehmen des Blinden beschreiben & man kann ihm die Augen verbinden. Anderseits kann man den Blinden nicht zeitweise sehend machen; wohl aber ihm das Benehmen des Sehenden beschreiben.

§ROC III

83r[2]

Kann man sagen ‘Farbenblindheit’ (oder ‘Blindheit’) sei ein Phänomen, ‘Sehen’ nicht? Das würde etwa heißen: “Ich sehe” ist eine Äußerung, “Ich bin blind” nicht. Aber das ist doch nicht wahr. Man hält mich auf der Straße oft für blind. Ich könnte einem, der es tut, sagen: “Ich sehe”, d.h.: ich bin nicht blind.

§ROC III

83v[1]

Man könnte sagen: Es ist ein Phänomen, daß es Leute gibt, die das & das nicht erlernen können. Dies Phänomen ist die Farbenblindheit. – Sie wäre also eine Unfähigkeit; das Sehen aber eine Fähigkeit.

§ROC III

83v[2] &
84r[1]

Ich sage dem B, der nicht Schach spielen kann: “A kann Schach nicht erlernen”. B kann das verstehen. – Aber nun sage ich Einem der überhaupt nicht im Stande ist irgend ein Spiel zu erlernen, der & der könne ein Spiel nicht erlernen. Was weiß jener vom Wesen eines Spiels? Kann er z.B. nicht einen gänzlich falschen Begriff von einem Spiel haben? Nun, er mag verstehen, man könne weder ihn, noch den Andern zu einer Unterhaltung einladen, weil sie keine Spiele spielen können.

§ROC III

84r[2]

Kommt alles, was ich hier sagen will, darauf hinaus, daß die Äußerung “Ich sehe einen roten Kreis” & die “Ich sehe, bin nicht blind” logisch verschieden sind? Wie prüft man einen Menschen um zu finden, ob die erste Aussage wahr ist? wie, ob die zweite wahr ist. Die Psychologie lehrt Farbenblindheit zu konstatieren, & eben dadurch auch normales Sehen. Aber wer kann dies erlernen?

§ROC III

84r[3] &
84v[1]

Ich kann niemand ein Spiel lehren, daß ich selbst nicht erlernen kann. Ein Farbenblinder kann den Normalsehenden nicht den normalen Gebrauch der Farbwörter lehren. Ist das wahr? Er kann ihm das Spiel, den Gebrauch nicht vorführen.

§ROC III

84v[2]

Könnte nicht der Angehörige eines farbenblinden Volks auf den Gedanken kommen, sich fremdartige Menschen auszumalen, (die wir “normalsehend” nennen würden)? Könnte er so einen normal Sehenden nicht z.B. auf dem Theater darstellen? Wie er auch einen darstellen kann, der die Gabe der Prophetie hat, ohne sie zu haben. Das ist zum mindesten denkbar.

§ROC III

85r[1]

Wären aber Farbenblinde je darauf verfallen, sich selbst “farbenblind” zu nennen? – Warum nicht? Wie aber könnten ‘normal Sehende’ den ‘normalen’ Gebrauch der Farbwörter erlernen, wenn sie die Ausnahmen in einer farbenblinden Bevölkerung wären? – Ist es nicht denkbar, daß sie eben Farbworte ‘normal’ gebrauchen, vielleicht, in den Augen der Andern, gewisse Fehler machen, bis diese die ungewöhnlichen Fähigkeiten endlich schätzen lernten?

§ROC III

85r[2]

Ich kann mir vorstellen (ausmalen), wie es mir erscheinen wird, wenn ich so einen Menschen treffe.

§ROC III

85v[1]

Ich kann mir vorstellen, wie ein Mensch handeln würde, dem das unwichtig ist, was mir wichtig ist. Aber kann ich mir seinen Zustand vorstellen? – Was heißt das? – Kann ich mir den Zustand eines vorstellen, dem wichtig ist, was mir wichtig ist?

§ROC III

85v[2] &
86r[1]

Ich könnte (auch) Einen genau nachmachen, der eine Multiplikation rechnet, ohne selbst das Multiplizieren erlernen zu können. Und ich könnte dann Andre nicht multiplizieren lehren, obwohl es denkbar wäre, daß ich den Anstoß dazu gäbe, daß Einer es erlernt.

§ROC III

86r[2]

Ein Farbenblinder kann offenbar die Prüfung schildern, bei der seine Farbenblindheit zu Tage kam. Und was er hernach schildern kann, das hätte er auch erfinden können.

§ROC III

86r[3]

Kann man Einem höhere Mathematik beschreiben, außer indem man sie ihm beibringt? Oder auch: Ist dieser Unterricht eine Beschreibung der Rechnungsart? Einem das Tennisspiel beschreiben heißt nicht, es ihn lehren. (und umgekehrt) Anderseits: wer nicht wüßte, was Tennis ist & es nun spielen lernt, der weiß es dann. (“Knowledge by description & knowledge by acquaintance.”)

§ROC III

86v[1]

Wer absolutes Gehör hat, kann ein Sprachspiel erlernen, welches ich nicht erlernen kann.

§ROC III

86v[2]

Man könnte sagen, die Begriffe der Menschen zeigen, worauf es ihnen ankommt & worauf nicht. Aber nicht als erklärte das die besondern Begriffe, die sie haben. Es soll nur die Auffassung ausschließen, als hätten wir richtige, andre Leute falsche Begriffe. (Es gibt einen Übergang von einem Rechenfehler zu einer andern Art des Rechnens.)

§ROC III

86v[3] &
87r[1]

Wenn Blinde, wie sie es oft tun, vom blauen Himmel & anderen spezifischen Gesichtserscheinungen reden, sagt der Sehende oft: “Wer weiß, was er sich darunter vorstellt”. Warum sagt er es aber nicht von jedem andern Sehenden? Es ist natürlich überhaupt ein falscher Ausdruck.

§ROC III

87r[2]

Das, worüber ich so langwierig schreibe, kann einem Andern mit unverdorbenerem Verstande selbstverständlich sein.

§LW II MS 173, ROC III

87r[3] &
87v[1]

Wir sagen: “Denken wir uns Menschen, welche dieses Sprachspiel nicht kennen”. Aber damit haben wir noch keine klare Vorstellung vom Leben dieser Menschen, wo es vom unsern abweicht. Wir wissen noch nicht, was wir uns vorzustellen haben; denn das Leben jener Menschen soll ja im übrigen dem unsern entsprechen, & es ist erst zu bestimmen, was wir unter den neuen Umständen ein dem unsern entsprechendes Leben nennen würden. Ist es nicht, als sagte man: Es gibt Menschen, die ohne den König Schach spielen. Es treten sofort Fragen auf: Wer gewinnt nun, wer verliert, u.a. Du mußt weitere Entscheidungen treffen, die Du in jener ersten Bestimmung noch nicht vorhersiehst. Wie Du ja auch die ursprüngliche Technik nicht übersiehst, nur daß sie Dir von Fall zu Fall geläufig ist.

§LW II MS 173, ROC III

87v[2] &
88r[1]

Zur Verstellung gehört auch, daß man Verstellung beim Andern für möglich halte.

§LW II MS 173, ROC III

88r[2]

Wenn Menschen sich so benehmen, daß wir Verstellung vermuten möchten, aber diese Menschen zeigen untereinander kein Mißtraun, dann ergeben sie doch nicht das Bild von Menschen, die sich verstellen.

§LW II MS 173, ROC III

88r[3]

‘Wir müssen uns immer wieder über diese Leute wundern.”

§LW II MS 173, ROC III

88r[4] &
88v[1]

Wir könnten gewisse Leute auf der Bühne darstellen & ihnen Selbstgespräche (asides) in ihren Mund legen, die sie natürlich im wirklichen Leben nicht aussprachen, die aber doch ihren Gedanken entsprächen. Fremdartige Menschen aber könnten wir so nicht darstellen. Selbst, wenn wir ihre Handlungen voraussehen könnten, könnten wir ihnen keine passenden Selbstgespräche in den Mund legen. Und doch ist auch in dieser Betrachtungsweise etwas Falsches. Denn Einer könnte, während er handelt, wirklich etwas zu sich selbst sagen, & dies könnte einfach ganz konventionell sein.

§LW II MS 173, ROC III

88v[2]

Daß ich eines Menschen Freund sein kann, beruht darauf, daß er die gleichen, oder ähnliche Möglichkeiten hat wie ich selbst.

§LW II MS 173, ROC III

89r[1]

Wäre es richtig zu sagen, in unsern Begriffen spiegle sich unser Leben? Sie stehen mitten in ihm.

§LW II MS 173, ROC III

89r[2]

Unsre Sprache durchdringt unser Leben.

§LW II MS 173, ROC III

89r[3] &
89v[1]

Von wem würden wir sagen, er habe unsern Begriff des Schmerzes nicht? Ich könnte annehmen, er kenne Schmerzen nicht, aber ich will annehmen er kenne sie; er gibt also Schmerzäußerungen von sich & man könnte ihm die Worte “Ich habe Schmerzen” beibringen. Soll er auch fähig sein sich seiner Schmerzen zu erinnern? – Soll er Schmerzäußerungen der Andern als solche erkennen, und wie zeigt sich das? Soll er Mitleid zeigen? – Soll er gespielten Schmerz als solchen verstehen?

§LW II MS 173, ROC III

89v[2]

“Ich weiß nicht, wie ärgerlich er war.” “Ich weiß nicht, ob er wirklich ärgerlich war”. – Weiß er's selbst? Nun fragt man ihn, & er sagt: “Ja, ich war's”.

§LW II MS 173, ROC III

89v[3] &
90r[1]

Was ist denn das: die Unsicherheit darüber, ob der Andre ärgerlich war? Ist es ein Zustand der Seele des Unsichern? Warum soll der uns beschäftigen? Sie liegt in dem Gebrauch der Aussage “Er ist ärgerlich”.

§LW II MS 173, ROC III

90r[2]

Aber Einer ist unsicher, der Andre kann sicher sein: er ‘kennt den Gesichtsausdruck’ dieses Menschen, wenn er ärgerlich ist. Wie lernt er dieses Anzeichen des Ärgers als solches kennen? Das ist nicht leicht zu sagen.

§LW II MS 173, ROC III

90r[3]

Aber nicht nur: “Was heißt es, über den Zustand des Andern unsicher sein?” – sondern auch: “Was heißt es ‘Wissen, sicher sein daß jener sich ärgert’?”

§LW II MS 173, ROC III

90r[4]

Hier könnte man nun fragen, was ich denn eigentlich will, wieweit ich die Grammatik behandeln will.

§LW II MS 173, ROC III

90r[5] &
90v[1]

Es ist etwas gemeinsam der Sicherheit, daß er mich besuchen wird, & der Sicherheit, daß er sich ärgert. Es ist auch etwas dem Tennisspiel & dem Sprachspiel gemeinsam, aber niemand würde hier sagen: “Ganz einfach: sie spielen beidemal, nur eben etwas andres.” Man sieht in diesem Falle die Unähnlichkeit mit: “Er ißt einmal einen Apfel, ein andermal eine Birne”, während man sie in jenem Fall nicht so leicht sieht.

§LW II MS 173, ROC III

90v[2]

“Ich weiß, daß er gestern angekommen ist” – “Ich weiß, daß 2 × 2 = 4 ist.” – “Ich weiß, daß er Schmerzen hatte” – “Ich weiß, daß dort ein Tisch steht.”

§LW II MS 173, ROC III

91r[1]

Ich weiß jedesmal, nur immer etwas anderes? Freilich, – aber die Sprachspiele sind weit verschiedener, als die Sätze, die sagen, was ich weiß.

§LW II MS 173, ROC III

91r[2]

“Die Welt der physikalischen Gegenstände & die Welt des Bewußtseins.” Was weiß ich von dieser? Was mich meine Sinne lehren? Also, wie das ist, wenn man sieht, hört, fühlt, etc. etc. – Aber lerne ich das wirklich? Oder lerne ich wie das ist, wenn ich jetzt sehe, höre, etc. & glaube, daß es auch früher so war?

§LW II MS 173, ROC III

91v[1]

Was ist eigentlich die ‘Welt’ des Bewußtseins? Da möchte ich sagen: “Was in meinem Geist vorgeht, jetzt in ihm vorgeht, was ich sehe, höre, ‥‥‥” Könnten wir das nicht vereinfachen & sagen: “Was ich jetzt sehe.” –

§LW II MS 173, ROC III

91v[2]

Die Frage ist offenbar: Wie ‘vergleichen’ wir physikalische Gegenstände – wie Erlebnisse?

§LW II MS 173, ROC III

91v[3]

Was ist eigentlich die ‘Welt des Bewußtseins’? – Was in meinem Bewußtsein ist: was ich jetzt sehe, höre, fühle, ‥‥․ – Und was, z.B., sehe ich jetzt? Darauf kann die Antwort nicht sein: “Nun, alles das”, mit einer umfassenden Gebärde.

§ROC III, VB

92r[1] &
92v[1] &
93r[1]

Wenn der an Gott glaubende um sich sieht & fragt “Woher ist alles, was ich sehe?” “Woher das alles?”, verlangt er keine (kausale) Erklärung; und der Witz seiner Frage ist, daß sie der Ausdruck dieses Verlangens ist. Er drückt also eine Stellungnahme zu allen Erklärungen aus. – Aber wie zeigt sich die in seinem Leben? Es ist die Einstellung, die eine bestimmte Sache ernst nimmt, sie aber dann an einem bestimmten Punkte doch nicht ernst nimmt, & erklärt, etwas anderes sei noch ernster. So kann Einer sagen, es ist sehr ernst, daß der & der gestorben ist, ehe er ein bestimmtes Werk vollenden konnte; & in anderem Sinne kommt's darauf gar nicht an. Hier gebraucht man die Worte “in einem tiefern Sinne.” Eigentlich möchte ich sagen, daß es auch hier nicht auf die Worte ankommt, die man ausspricht oder auf das was man dabei denkt, sondern auf den Unterschied, den sie an verschiedenen Stellen im Leben machen. Wie weiß ich, daß zwei Menschen das gleiche meinen, wenn jeder sagt, er glaube an Gott? Und ganz dasselbe kann man bezüglich der 3 Personen sagen. Die Theologie, die auf den Gebrauch gewisser Worte & Phrasen dringt & andere verbannt, macht nichts klarer. (Karl Barth) Sie fuchtelt sozusagen mit Worten herum weil sie etwas sagen will & es nicht auszudrücken weiß. Die Praxis gibt den Worten ihren Sinn.

§LW II MS 173, ROC III

93r[2]

Ich beobachte diesen Fleck. “Jetzt ist er so” – dabei zeige ich etwa auf ein Bild. Ich mag ständig das gleiche beobachten, & mag dabei gleichbleiben, oder sich verändern. Was ich beobachte & was ich sehe hat nicht die gleiche (Art der) Identität. Denn die Worte “dieser Fleck” z.B. lassen die (Art der) Identität, die ich meine, nicht erkennen.

§LW II MS 173, ROC III

93r[3] &
93v[1] &
94r[1]

“Die Psychologie beschreibt die Phänomene der Farbenblindheit & auch des normalen Sehens.” Was sind die ‘Phänomene der Farbenblindheit’? Doch die Reaktionen des Farbenblinden, durch die er sich vom Normalen unterscheidet. Doch nicht alle Reaktionen des Farbenblinden, z.B. auch die, durch die er sich vom Blinden unterscheidet. – Kann ich den Blinden lehren, was Sehen ist, oder kann ich den Sehenden es lehren? Das heißt nichts. Was heißt es denn: das Sehen zu beschreiben? Aber ich kann Menschen die Bedeutung der Worte “blind” & “sehend” lehren, & zwar lernt sie der Sehende, wie der Blinde. Weiß denn der Blinde, wie das ist, wenn man sieht? Aber weiß es der Sehende?! Weiß er auch, wie es ist, Bewußtsein zu haben? Aber kann nicht der Psychologe den Unterschied zwischen dem Benehmen des Sehenden & des Blinden beobachten? (Der Meteorologe den Unterschied zwischen Regen & Trockenheit?) Man könnte doch z.B. den Unterschied des Benehmens beobachten von Ratten, denen man die Barthaare genommen hat, & von unverstümmelten. Und das hieße vielleicht die Rolle dieses Tastapparates zu beschreiben. – Das Leben der Blinden ist anders als das Leben der Sehenden.

§LW II MS 173, ROC III

94r[2] &
94v[1] &
95r[1]

Der Normale kann z.B. erlernen, nach Diktat schreiben. Was ist das? Nun, der Eine spricht, der Andre schreibt was jener spricht. Wenn er also den Laut a sagt, schreibt der Andre das Zeichen “a” etc. – Muß nun nicht, wer diese Erklärung versteht, das Spiel entweder schon gekannt haben, nur vielleicht nicht unter diesem Namen, – oder es durch die Beschreibung gelernt haben? Aber Karl der Große hat gewiß das Prinzip des Schreibens verstanden, & doch nicht schreiben lernen können. So kann also auch der die Beschreibung der Technik verstehen, der sie nicht erlernen kann. Aber es gibt eben zwei Fälle des Nicht-Erlernen-Könnens. Im einen erlangen wir bloß eine Fertigkeit nicht, im andern fehlt uns das Verständnis. Man kann Einem ein Spiel erklären: Er mag diese Erklärung verstehen, aber das Spiel nicht erlernen können, oder unfähig sein eine Erklärung des Spiels zu verstehen. Es ist aber auch das Umgekehrte denkbar.

§LW II MS 173, ROC III

95r[2]

“Du siehst den Baum, der Blinde sieht ihn nicht.” Das müßte ich einem Sehenden sagen. Und also einem Blinden: “Du siehst den Baum nicht, wir sehen ihn”? Wie wäre das, wenn der Blinde zu sehen glaubte, oder ich glaubte, ich könne nicht sehen?

§LW II MS 173, ROC III

95r[3]

Ist es ein Phänomen, daß ich den Baum sehe? Es ist eins, daß ich dies richtig als Baum erkenne, daß ich nicht blind bin.

§LW II MS 173, ROC III

95r[4] &
95v[1]

“Ich sehe einen Baum” als Äußerung des visuellen Eindrucks, ist es die Beschreibung eines Phänomens? Welches Phänomens? wie kann ich Einem dies erklären? Und ist es nicht doch für den Andern ein Phänomen, daß ich diesen Gesichtseindruck habe? Denn es ist etwas, was er beobachtet, aber nicht etwas, was ich beobachte. Die Worte “Ich sehe einen Baum” sind nicht die Beschreibung eines Phänomens. (Ich könnte z.B. nicht sagen – “Ich sehe einen Baum! wie merkwürdig!”, aber wohl: “Ich sehe einen Baum, obwohl keiner da ist. Wie merkwürdig!”)

§LW II MS 173, ROC III

95v[2]

Oder soll ich sagen: “Der Eindruck ist kein Phänomen; daß L.W. diesen Eindruck hat, ist eins”?

§LW II MS 173, ROC III

95v[3] &
96r[1]

(Man könnte sich denken, daß Einer den Eindruck, gleichsam wie einen Traum, vor sich hin spricht, ohne das Pronomen der ersten Person.)

§LW II MS 173, ROC III

96r[2]

Beobachten ist nicht das gleiche wie betrachten, oder anblicken. “Betrachte diese Farbe & sag, woran sie Dich erinnert.” Ändert sich die Farbe, so betrachtest Du nicht mehr die, welche ich meinte. Man beobachtet, um zu sehen, was man nicht sähe, wenn man nicht beobachtet.

§LW II MS 173, ROC III

96r[3] &
96v[1]

Man sagt etwa: “Betrachte diese Farbe für einige Zeit”. Das tut man aber nicht, um mehr zu sehen, als man auf den ersten Blick gesehen hätte.

§LW II MS 173, ROC III

96v[2]

Könnte in einer “Psychologie” der Satz stehen: “Es gibt Menschen, welche sehen”? Nun, wäre das falsch? – Aber wem wird hier etwas mitgeteilt? (Und ich meine nicht nur: was mitgeteilt wird, sei schon längst bekannt.)

§LW II MS 173, ROC III

96v[3]

Ist mir bekannt, daß ich sehe?

§LW II MS 173, ROC III

96v[4]

Man könnte sagen wollen: Wenn es solche Menschen nicht gäbe, so auch den Begriff des Sehens nicht. – Aber könnten nicht Marsbewohner so etwas sagen? Sie haben etwa durch Zufall zuerst lauter Blinde bei uns kennen gelernt.

§LW II MS 173, ROC III

97r[1]

Und wie kann es unsinnig sein, zu sagen “Es gibt Menschen, welche sehen”, wenn es nicht unsinnig ist, zu sagen, es gibt Menschen, welche blind sind? Aber der Sinn des Satzes “Es gibt Menschen, welche sehen” d.h. seine mögliche Verwendung ist jedenfalls nicht sogleich klar.

§LW II MS 173, ROC III

97r[2]

Könnte das Sehen nicht Ausnahme sein? Aber beschreiben könnten es weder die Blinden, noch die Sehenden, es sei denn als Fähigkeit, das & das zu tun. Z.B. auch, gewisse Sprachspiele zu spielen; aber da muß man achtgeben, wie man diese Sprachspiele beschreibt.

§LW II MS 173, ROC III

97r[3] &
97v[1]

Sagt man: “Es gibt Menschen, welche sehen”. So folgt die Frage: “Und was ist ‘sehen’?” Und wie soll man sie beantworten? Indem man dem Fragenden den Gebrauch des Wortes “sehen” beibringt?

§LW II MS 173, ROC III

97v[2]

Wie wäre es mit dieser Erklärung: “Es gibt Menschen, die sich benehmen wie Du & ich, & nicht wie dieser da, der Blinde.”?

§LW II MS 173, ROC III

97v[3]

“Du kannst, mit offenen Augen, über die Straße gehen, ohne überfahren zu werden, etc.” Die Logik der Mitteilung.

§LW II MS 173, ROC III

97v[4] &
98r[1]

Damit, daß ein Satz von der Form einer Mitteilung eine Verwendung hat, ist noch nichts über die Art seiner Verwendung gesagt.

§LW II MS 173, ROC III

98r[2]

Kann der Psychologe mir mitteilen, was Sehen ist? Was nennt man “mitteilen, was Sehen ist”? Nicht der Psychologe lehrt mich den Gebrauch des Wortes “sehen”.

§LW II MS 173, ROC III

98r[3]

Wenn der Psychologe sagt: “Es gibt Menschen, welche sehen”, so können wir ihn fragen: “Und was nennst Du “Menschen, welche sehen””. Darauf wäre die Antwort von der Art “Menschen, die unter den & den Umständen so & so reagieren, sich so & so benehmen”. “sehen” wäre ein Fachwort des Psychologen, das er uns erklärt. Sehen ist dann etwas was er an den Menschen beobachtet hat.

§LW II MS 173, ROC III

98v[1]

Wir lernen die Ausdrücke “ich sehe …”, “er sieht …” etc. gebrauchen ehe wir zwischen Sehen & Blindheit unterscheiden lernen.

§LW II MS 173, ROC III

98v[2]

“Es gibt Menschen, welche reden können.”, “Ich kann einen Satz sagen.”, “Ich kann das Wort “Satz” aussprechen.”, “Wie Du siehst, bin ich wach.”, “Ich bin hier.”

§LW II MS 173, ROC III

98v[3]

Es gibt doch eine Belehrung darüber, unter welchen Umständen ein gewisser Satz eine Mitteilung sein kann. Wie soll ich diese Belehrung nennen?

§LW II MS 173, ROC III

98v[4] &
99r[1]

Kann man sagen, ich habe beobachtet, daß ich & Andre mit offenen Augen gehen können, ohne anzustoßen, & daß wir's mit geschlossenen Augen nicht können?

§LW II MS 173, ROC III

99r[2]

Wenn ich Einem mitteile, ich sei nicht blind, ist das eine Beobachtung? Ich kann ihn jedenfalls durch mein Benehmen davon überzeugen.

§LW II MS 173, ROC III

99r[3]

Ein Blinder könnte leicht herausfinden, ob auch ich blind sei; indem er z.B. eine bestimmte Handbewegung macht & mich fragt, was er getan hat.

§LW II MS 173, ROC III

99r[4] &
99v[1]

Können wir uns nicht einen blinden Volksstamm denken? Könnte er nicht unter besondern Bedingungen lebensfähig sein? Und könnte es nicht als Ausnahme Sehende geben.

§LW II MS 173, ROC III

99v[2]

Angenommen, ein Blinder sagte zu mir: “Du kannst gehen ohne irgendwo anzustoßen, ich kann es nicht” – wäre der erste Teil des Satzes eine Mitteilung?

§LW II MS 173, ROC III

99v[3]

Nun, er sagt mir nichts neues.

§LW II MS 173, ROC III

99v[4] &
BCr[1]

Es scheint Sätze zu geben, die den Charakter von Erfahrungssätzen haben, deren Wahrheit aber für mich unanfechtbar ist. D.h., wenn ich annehme, daß sie falsch sind, muß ich allen meinen Urteilen mißtrauen.

§LW II MS 173, ROC III

BCr[2]

Es gibt jedenfalls Irrtümer, die ich als gewöhnlich hinnehme, & solche, die andern Charakter haben & von meinen übrigen Urteilen als eine vorübergehende Verwirrung abgekapselt werden müssen. Aber gibt es nicht auch Übergänge zwischen diesen beiden.

§LW II MS 173, ROC III

BCr[3]

Wenn man den Begriff des Wissens in diese Untersuchung bringt so nützt das nichts; denn Wissen ist nicht ein psychologischer Zustand durch dessen Besonderheiten sich nun allerlei erklärt. Die besondere Logik des Begriffs “wissen” ist vielmehr nicht die des psychologischen Zustands.