Vermischte Bemerkungen

German (epub, pdf)

1914–1951, 587 remarks, Ms-101, Ms-106, Ms-105, Ms-107, and 53 more

§Ms-101

7r[2]

21.08.1914

Der Leutnant & ich haben schon oft über alles Mögliche gesprochen; ein sehr netter Mensch. Er kann mit den größten Halunken umgehen & freundlich sein ohne sich etwas zu vergeben. Wenn wir einen Chinesen hören so sind wir geneigt sein Sprechen für ein unartikuliertes Gurgeln zu halten. Einer der Chinesisch versteht wird darin die Sprache erkennen. So kann ich oft nicht den Menschen im Menschen erkennen etc.. Ein wenig aber erfolglos gearbeitet.


§Ms-106

58[4] &
60[1]

In keiner religiösen Konfession ist soviel durch den Mißbrauch metaphorischer Ausdrücke gesündigt worden wie in der Mathematik.

§Ms-106

247[5]

Der menschliche Blick hat es an sich daß er die Dinge kostbar machen kann, allerdings werden sie dann auch teurer.

§Ms-105

46[2]

Meine Art des Philosophierens ist mir selbst immer noch, & immer wieder, neu, & daher muß ich mich so oft wiederholen. Einer anderen Generation wird sie in Fleisch & Blut übergegangen sein & sie wird die Wiederholungen langweilig finden. Für mich sind sie notwendig. – Diese Methode ist im Wesentlichen der Übergang von der Frage nach der Wahrheit zur Frage nach dem Sinn.

§Ms-105

67[7]

Es ist gut daß ich mich nicht beeinflussen lasse!

§Ms-105

73[6]

Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.

§Ms-105

85[2]

Es ist schwer einem Kurzsichtigen einen Weg zu beschreiben. Weil man ihm nicht sagen kann „schau auf den Kirchturm dort 10 Meilen von uns und geh in dieser Richtung.”

§Ms-107

70[4]

Laß nur die Natur sprechen & über der Natur kenne nur ein höheres, aber nicht das was die anderen denken könnten.

§Ms-107

72[2]

Die Tragödie besteht darin daß sich der Baum nicht biegt sondern bricht. Die Tragödie ist etwas unjüdisches. Mendelssohn ist wohl der untragischste Komponist. Das tragische Festhalten, das trotzige Festhalten an einer tragischen Situation in der Liebe erscheint mir immer meinem Ideal ganz fremd. Ist mein Ideal darum schwächlich? Ich kann & soll es nicht beurteilen. Ist es schwächlich so ist es schlecht. Ich glaube ich habe im Grunde ein sanftes & ruhiges Ideal. Aber Gott behüte mein Ideal vor der Schwäche & Süßlichkeit!

§Ms-107

82[6]

(Ein neues Wort ist wie ein frischer Same der in den Boden der Diskussion geworfen wird.)

§Ms-107

82[8]

Jeden Morgen muß man wieder durch das tote Gerölle dringen um zum lebendigen, warmen Kern zu kommen.

§Ms-107

97[8]

Mit dem vollen philosophischen Rucksack kann ich nur langsam den Berg der Mathematik steigen.

§Ms-107

98[8]

Mendelssohn ist nicht eine Spitze sondern eine Hochebene. Das Englische an ihm.

§Ms-107

100[2]

Niemand kann einen Gedanken für mich denken, wie mir niemand als ich den Hut aufsetzen kann.

§Ms-107

116[3]

Wer ein Kind mit Verständnis schreien hört, der wird wissen, daß andere seelische Kräfte, furchtbare, darin schlummern als man gewöhnlich annimmt. Tiefe Wut & Schmerz & Zerstörungssucht.

§Ms-107

120[5]

Mendelssohn ist wie ein Mensch, der nur lustig ist, wenn alles ohnehin lustig ist, oder gut wenn alle um ihn gut sind, & nicht eigentlich wie ein Baum der fest steht, wie er steht, was immer um ihn vorgehen mag. Ich selber bin auch so ähnlich & neige dazu es zu sein.

§Ms-107

130[6]

Mein Ideal ist eine gewisse Kühle. Ein Tempel der den Leidenschaften als Umgebung dient ohne in sie hineinzureden.

§Ms-107

156[9] &
157[1]

10.10.1929

Ich denke oft darüber, ob mein Kulturideal ein neues, d.h. ein zeitgemäßes oder eines aus der Zeit Schumanns ist. Zum mindesten scheint es mir eine Fortsetzung dieses Ideals zu sein und zwar nicht die Fortsetzung die es damals tatsächlich erhalten hat. Also unter Ausschluß der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich muß sagen, daß das rein instinktmäßig so geworden ist & nicht als Resultat einer Überlegung.

§Ms-107

176[5]

24.10.1929

Wenn wir an die Zukunft der Welt denken so meinen wir immer den Ort wo sie sein wird wenn sie so weiter läuft wie wir sie jetzt laufen sehen und denken nicht daß sie nicht gerade läuft sondern in einer Kurve & ihre Richtung sich konstant ändert.

§Ms-107

184[4] &
185[1]

Ich glaube, das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit.

§Ms-107

192[5]

Wenn etwas gut ist, so ist es auch göttlich. Damit ist seltsamerweise meine Ethik zusammengefaßt.

§Ms-107

192[6]

Nur das Übernatürliche kann das Übernatürliche ausdrücken.

§Ms-107

196[4]

Man kann die Menschen nicht zum Guten führen; man kann sie nur irgendwohin führen; das Gute liegt außerhalb des Tatsachenraumes.

§Ms-107

229[4] &
230[1]

Ich sagte neulich zu Arvid mit dem ich im Kino einen uralten Film gesehen hatte: Ein jetziger Film verhielte sich zum alten wie ein heutiges Automobil zu einem von vor 25 Jahren. Er wirkt ebenso lächerlich & ungeschickt wie dieses & die Verbesserung des Films entspricht einer technischen Verbesserung wie der des Automobils. Sie entspricht nicht der Verbesserung – wenn man das so nennen darf – eines Kunststils. Ganz ähnlich müßte es auch in der modernen Tanzmusik gehen. Ein Jazztanz müßte sich verbessern lassen wie ein Film. Das was alle diese Entwicklung von dem Werden eines Stils unterscheidet ist die Unbeteiligung des Geistes.

§Ms-107

230[2]

11.01.1930

Der Unterschied zwischen einem guten & einem schlechten Architekten besteht heute darin, daß dieser jeder Versuchung erliegt während der rechte ihr standhält.

§Ms-107

230[3]

Ich habe einmal, & vielleicht mit Recht, gesagt: Aus der früheren Kultur wird ein Trümmerhaufen & am Schluß ein Aschenhaufen werden; aber es werden Geister über der Asche schweben.

§Ms-107

242[2]

16.01.1930

Die Lücken die der Organismus des Kunstwerks aufweist will man mit Stroh ausstopfen, um aber das Gewissen zu beruhigen nimmt man das beste Stroh.

§Ms-108

207[2]

Wenn einer die Lösung des Problems des Lebens gefunden zu haben glaubt & sich sagen wollte jetzt ist alles ganz leicht so brauchte er sich zu seiner Widerlegung nur sagen daß es eine Zeit gegeben hat wo diese „Lösung” nicht gefunden war; aber auch zu der Zeit mußte man leben können & im Hinblick auf sie erscheint die gefundene Lösung wie ein Zufall. Und so geht es uns in der Logik. Wenn es eine „Lösung der logischen (philosophischen) Probleme” gäbe so müßten wir uns nur vorhalten daß sie ja einmal nicht gelöst waren (und auch da mußte man leben & denken können) – – –

§Ms-109

28[2] &
29[1] &
30[1]

22.08.1930

Engelmann sagte mir, wenn er zu Hause in seiner Lade voll von seinen Manuskripten krame so kämen sie ihm so wunderschön vor daß er denke sie wären es wert den anderen Menschen gegeben zu werden. (Das sei auch der Fall wenn er Briefe seiner verstorbenen Verwandten durchsehe.) Wenn er sich aber eine Auswahl davon herausgegeben denkt so verliere die Sache jeden Reiz & Wert & werde unmöglich. Ich sagte wir hätten hier einen Fall ähnlich folgendem: Es könnte nichts merkwürdiger sein als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit wenn er sich unbeobachtet glaubt zu sehen. Denken wir uns ein Theater, der Vorhang ginge auf & wir sähen einen Menschen allein in seinem Zimmer auf & ab gehen, sich eine Zigarette anzünden, sich niedersetzen u.s.f. so daß wir plötzlich von außen einen Menschen sähen wie man sich sonst nie sehen kann; wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sähen, – das müßte unheimlich & wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgend etwas was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte. Wir würden das Leben selbst sehen. – Aber das sehen wir ja alle Tage & es macht uns nicht den mindesten Eindruck! Ja, aber wir sehen es nicht in der Perspektive. – So wenn E. seine Schriften ansieht & sie herrlich findet (die er doch einzeln nicht veröffentlichen möchte) so sieht er sein Leben, als ein Kunstwerk Gottes, & als das ist es allerdings betrachtenswert, jedes Leben & Alles. Doch kann nur der Künstler das Einzelne so darstellen daß es uns als Kunstwerk erscheint; jene Manuskripte verlieren mit Recht ihren Wert wenn man sie einzeln & überhaupt wenn man sie unvoreingenommen, das heißt ohne schon vorher begeistert zu sein, betrachtet. Das Kunstwerk zwingt uns – sozusagen – zu der richtigen Perspektive, ohne die Kunst aber ist der Gegenstand ein Stück Natur wie jedes andre & daß wir es durch die Begeisterung erheben können das berechtigt niemand es uns vorzusetzen. (Ich muß immer an eine jener faden Naturaufnahmen denken die der, der sie aufgenommen interessant findet weil er dort selbst war, etwas erlebt hat, der dritte aber mit berechtigter Kälte betrachtet; wenn es überhaupt gerechtfertigt ist ein Ding mit Kälte zu betrachten. Nun scheint mir aber, gibt es außer der Arbeit des Künstlers noch eine andere, die Welt sub specie äterni einzufangen. Es ist – glaube ich – der Weg des Gedankens der gleichsam über die Welt hinfliegt & sie so läßt wie sie ist, – sie von oben im Fluge betrachtend.

§Ms-109

200[3] &
201[1]

05.11.1930

Ich lese in Renan Peuple d'Israel: „La naissance, la maladie, la mort, le délire, la catalepsie, le sommeil, les rêves frappaient infiniment, et, même aujourd'hui, il n'est donné qu'à un petit nombre de voir clairement que ces phénomènes ont leurs causes dans notre organisation.” Im Gegenteil es besteht gar kein Grund sich über diese Dinge zu wundern; weil sie so alltäglich sind. Wenn sich der primitive Mensch über sie wundern muß, wieviel mehr der Hund & der Affe. Oder nimmt man an daß die Menschen quasi plötzlich aufgewacht sind & diese Dinge die schon immer da waren plötzlich bemerkten & begreiflicherweise erstaunt waren? – Ja, etwas Ähnliches könnte man sogar annehmen; aber nicht daß sie diese Dinge zum erstenmal wahrnahmen sondern daß sie plötzlich anfingen sich über sie zu wundern. Das aber hat wieder nichts mit ihrer Primitivität zu tun. Es sei denn daß man es primitiv nennt sich nicht über die Dinge zu wundern, dann aber sind gerade die heutigen Menschen & Renan selbst primitiv wenn er glaubt die Erklärung der Wissenschaft könne das Staunen heben. Als ob der Blitz heute alltäglicher oder weniger staunenswert wäre als vor 2000 Jahren. Zum Staunen muß der Mensch – und vielleicht Völker – aufwachen. Die Wissenschaft ist ein Mittel um ihn wieder einzuschläfern.

§Ms-109

201[2] &
202[1]

D.h. einfach es ist falsch zu sagen: Natürlich, diese primitiven Völker mußten alle Phänomene anstaunen. Vielleicht aber richtig diese Völker, haben alle Dinge ihrer Umgebung angestaunt. – Daß sie sie anstaunen mußten ist ein primitiver Aberglaube. (Wie der, daß sie sich vor allen Naturkräften fürchten mußten & wir uns natürlich nicht fürchten müssen. Aber die Erfahrung mag lehren daß gewisse primitive Stämme sehr zur Furcht vor den Naturphänomenen neigen. Es ist aber nicht ausgeschlossen daß hochzivilisierte Völker wieder zu eben dieser Furcht neigen werden & ihre Zivilisation & die wissenschaftliche Kenntnis wird sie nicht davor schützen. Freilich ist es wahr, daß der Geist in dem die Wissenschaft heute betrieben wird mit einer solchen Furcht nicht vereinbar ist.)

§Ms-109

202[2]

Wenn Renan vom bon sens précoce der semitischen Rassen spricht (eine Idee die mir vor langer Zeit schon vorgeschwebt ist) so ist das das Undichterische, unmittelbar auf's Konkrete Gehende. Das was meine Philosophie bezeichnet. Die Dinge liegen unmittelbar da vor unsern Augen, kein Schleier über ihnen. – Hier trennen sich Religion & Kunst.

§Ms-109

204[4] &
205[1] &
206[1]

Zu einem Vorwort:

Dieses Buch ist für diejenigen geschrieben, die dem Geist in dem es geschrieben ist freundlich gegenüberstehn. Dieser Geist ist, glaube ich, ein anderer als der der großen europäischen & amerikanischen Zivilisation. Der Geist dieser Zivilisation dessen Ausdruck die Industrie, Architektur, Musik, der Faschismus & Sozialismus der Jetztzeit ist, ist ein dem Verfasser fremder & unsympathischer Geist. Dies ist kein Werturteil. Nicht als ob ich nicht wüßte daß was sich heute als Architektur ausgibt nicht Architektur ist & nicht als ob er dem was moderne Musik heißt nicht das größte Mißtrauen entgegenbrächte ohne ihre Sprache zu verstehen, aber das Verschwinden der Künste rechtfertigt kein absprechendes Urteil über eine Menschheit. Denn echte & starke Naturen wenden sich eben in dieser Zeit von dem Gebiet der Künste ab & anderen Dingen zu & der Wert des Einzelnen kommt irgendwie zum Ausdruck. Freilich nicht wie zur Zeit einer großen Kultur. Die Kultur ist gleichsam eine große Organisation die jedem der zu ihr gehört seinen Platz anweist an dem er im Geist des Ganzen arbeiten kann und seine Kraft kann mit gewissem Recht an seinem Erfolg im Sinne des Ganzen gemessen werden.

Zur Zeit der Unkultur aber zersplittern sich die Kräfte und die Kraft des Einzelnen wird durch entgegengesetzte Kräfte & Reibungswiderstände verbraucht & kommt nicht in der Länge des durchlaufenen Weges zum Ausdruck sondern vielleicht nur in der Wärme die er beim Überwinden der Reibungswiderstände erzeugt hat. Aber Energie bleibt Energie & wenn so das Schauspiel das dieses Zeitalter bietet auch nicht das des Werdens eines großen Kulturwerkes ist in dem die Besten dem gleichen großen Ziele zuarbeiten sondern das wenig imposante Schauspiel einer Menge deren Beste nur privaten Zielen nachstreben so dürfen wir nicht vergessen, daß es auf das Schauspiel nicht ankommt. Ist es mir so klar daß das Verschwinden einer Kultur nicht das Verschwinden menschlichen Wertes bedeutet sondern bloß gewisser Ausdrucksmittel dieses Werts so bleibt dennoch die Tatsache bestehen daß ich dem Strom der europäischen Zivilisation ohne Sympathie zusehe, ohne Verständnis für die Ziele wenn sie welche hat. Ich schreibe also eigentlich für Freunde welche in Winkeln der Welt verstreut sind.

§Ms-109

206[2]

Ob ich von dem typischen westlichen Wissenschaftler verstanden oder geschätzt werde ist mir gleichgültig weil er den Geist in dem ich schreibe doch nicht versteht.

§Ms-109

207[1]

Unsere Zivilisation ist durch das Wort Fortschritt charakterisiert. Der Fortschritt ist ihre Form nicht eine ihrer Eigenschaften daß sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck & ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit die Durchsichtigkeit Selbstzweck. Es interessiert mich nicht ein Gebäude aufzuführen sondern die Grundlagen der möglichen Gebäude durchsichtig vor mir zu haben. Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler & meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden.

§Ms-109

207[2]

Jeder Satz den ich schreibe meint immer schon das Ganze also immer wieder dasselbe & es sind quasi nur Ansichten eines Gegenstandes unter verschiedenen Winkeln betrachtet.

§Ms-109

207[3] &
208[1]

Ich könnte sagen: Wenn der Ort zu dem ich gelangen will nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, ich gäbe es auf dahin zu gelangen. Denn dort wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist interessiert mich nicht.

§Ms-109

208[2]

Die eine Bewegung reiht einen Gedanken an den andern, die andere zielt immer nach demselben Ort.

§Ms-109

208[3]

Die eine Bewegung baut & nimmt Stein auf Stein (in die Hand), die andere greift immer wieder nach dem Selben.

§Ms-109

208[4] &
209[1]

07.11.1930

Die Gefahr eines langen Vorworts ist die daß der Geist eines Buches sich in diesem zeigen muß & nicht beschrieben werden kann. Denn ist ein Buch nur für wenige geschrieben so wird sich das eben dadurch zeigen daß nur wenige es verstehen. Das Buch muß automatisch die Scheidung derer bewirken die es verstehen & die es nicht verstehen. Auch das Vorwort ist eben für solche geschrieben, die das Buch verstehen. Es hat keinen Sinn jemandem etwas zu sagen was er nicht versteht, auch wenn man hinzusetzt daß er es nicht verstehen kann. (Das geschieht so oft mit einem Menschen den man liebt.) Willst Du nicht daß gewisse Menschen in ein Zimmer gehen so hänge ein Schloß vor wozu sie keinen Schlüssel haben. Aber es ist sinnlos darüber mit ihnen zu reden, außer Du willst doch daß sie das Zimmer von außen bewundern! Anständigerweise hänge ein Schloß vor die Türe das nur die anzieht die es öffnen können & den andern nicht auffällt. Aber es ist richtig zu sagen daß das Buch meiner Meinung nach mit der fortschreitenden europäischen & amerikanischen Zivilisation nichts zu tun hat. Daß diese Zivilisation vielleicht die notwendige Umgebung dieses Geistes ist aber daß sie verschiedene Ziele haben. Alles Rituelle (quasi Hohepriesterliche) ist streng zu vermeiden weil es sofort fault. Ein Kuß ist freilich auch ein Ritus & er fault nicht; aber eben nur soviel Ritus ist erlaubt als so echt ist wie ein Kuß.

§Ms-109

209[2]

Es ist eine große Versuchung den Geist explicit machen zu wollen.

§Ms-109

212[3]

Wo man an die Grenze seiner eigenen Anständigkeit stößt dort entsteht quasi ein Wirbel der Gedanken (&) ein endloser Regreß: man mag sagen was man will, es führt einen nicht weiter.

§Ms-110

5[7] &
6[1]

Ich lese in Lessing: (über die Bibel) „Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil ……, durchaus voll Tautologien, aber solchen, die den Scharfsinn üben, indem sie bald etwas anderes zu sagen scheinen, und doch das nämliche sagen, bald das nämliche zu sagen scheinen, und im Grunde etwas anderes bedeuten oder bedeuten können: …”

§Ms-110

10[2]

Wenn ich nicht recht weiß wie ein Buch anfangen so kommt das daher das noch etwas unklar ist. Denn ich möchte mit dem der Philosophie Gegebenen, den geschriebenen & gesprochenen Sätzen, quasi den Büchern anfangen. Und hier begegnet man der Schwierigkeit des „Alles fließt”. Und mit ihr ist vielleicht überhaupt anzufangen.

§Ms-110

11[5]

25.12.1930

Wer seiner Zeit nur voraus ist, den holt sie einmal ein.

§Ms-110

12[4]

12.01.1931

Die Musik scheint manchem eine primitive Kunst zu sein mit ihren wenigen Tönen & Rhythmen. Aber einfach ist nur ihre Oberfläche während der Körper der die Deutung dieses manifesten Inhalts ermöglicht die ganze unendliche Komplexität besitzt die wir in dem Äußeren der anderen Künste angedeutet finden & die die Musik verschweigt. Sie ist in gewissem Sinne die raffinierteste aller Künste.

§Ms-110

12[5] &
13[1]

16.01.1931

Es gibt Probleme an die ich nie herankomme, die nicht in meiner Linie oder in meiner Welt liegen. Probleme der Abendländischen Gedankenwelt an die Beethoven (& vielleicht teilweise Goethe) herangekommen ist & mit denen er gerungen hat die aber kein Philosoph je angegangen hat (vielleicht ist Nietzsche an ihnen vorbeigekommen). Und vielleicht sind sie für die abendländische Philosophie verloren d.h. es wird niemand da sein der den Fortgang dieser Kultur als Epos empfindet also beschreiben kann. Oder richtiger sie ist eben kein Epos mehr oder doch nur für den der sie von außen betrachtet & vielleicht hat dies Beethoven vorschauend getan (wie Spengler einmal andeutet). Man könnte sagen die Zivilisation muß ihren Epiker voraushaben. Wie man den eigenen Tod nur voraussehen und vorausschauend beschreiben nicht als Gleichzeitiger von ihm berichten kann. Man könnte also sagen: Wenn Du das Epos einer ganzen Kultur geschrieben sehen willst so mußt Du es unter den Werken der Größten dieser Kultur also zu einer Zeit suchen in der das Ende dieser Kultur nur hat vorausgesehen werden können, denn später ist niemand mehr da es zu beschreiben. Und so ist es also kein Wunder wenn es nur in der dunklen Sprache der Voraussicht geschrieben ist & für die Wenigsten verständlich.

§Ms-110

13[2] &
14[1]

Ich aber komme zu diesen Problemen überhaupt nicht. Wenn ich „have done with the world” so habe ich eine amorphe (durchsichtige) Masse geschaffen & die Welt mit ihrer ganzen Vielfältigkeit bleibt wie eine uninteressante Gerümpelkammer links liegen. Oder vielleicht richtiger: das ganze Resultat der ganzen Arbeit ist das Linksliegenlassen der Welt. (Das In-die-Rumpelkammer-werfen der ganzen Welt.)

§Ms-110

14[2]

Eine Tragik gibt es in dieser Welt (der meinen) nicht & damit all das Unendliche nicht was eben die Tragik (als Resultat) hervorbringt. Es ist sozusagen alles in dem Äther löslich; es gibt keine Härten. Das heißt die Härte und der Konflikt wird nicht zu etwas Herrlichem sondern zu einem Fehler.

§Ms-110

14[3]

Der Konflikt löst sich etwa wie die Spannung einer Feder in einem Mechanismus, den man schmilzt (oder in Salpetersäure auflöst). In dieser Lösung gibt es keine Spannungen mehr.

§Ms-110

18[3]

Wenn ich sage daß mein Buch nur für einen kleinen Kreis von Menschen bestimmt ist (wenn man das einen Kreis nennen kann) so will ich damit nicht sagen daß dieser Kreis meiner Auffassung nach die Elite der Menschheit ist aber es ist der Kreis an den ich mich wende (nicht weil sie besser oder schlechter sind als die andern sondern) weil sie mein Kulturkreis sind gleichsam die Menschen meines Vaterlandes im Gegensatz zu den anderen, die mir fremd sind.

§Ms-110

61[2]

Die Grenze der Sprache zeigt sich in der Unmöglichkeit die Tatsache zu beschreiben, die einem Satz entspricht (seine Übersetzung ist) ohne eben den Satz zu wiederholen.

§Ms-110

61[3]

(Wir haben es hier mit der Kant'schen Lösung des Problems der Philosophie zu tun.)

§Ms-110

67[1]

Kann ich sagen, das Drama hat seine eigene Zeit die nicht ein Abschnitt der historischen Zeit ist. D.h. ich kann in ihm von früher und später reden, aber die Frage hat keinen Sinn ob die Ereignisse, etwa, vor oder nach Cäsars Tod geschehen sind.

§Ms-153a

4v[2]

10.05.1931

[Die liebliche Temperaturdifferenz der Teile eines menschlichen Körpers.]

§Ms-153a

12v[1]

[Es ist beschämend sich als leerer Schlauch zeigen zu müssen der nur vom Geist aufgeblasen wird.]

§Ms-153a

18v[1]

[Niemand will den Andern gerne verletzt haben; darum tut es jedem so gut wenn der Andere sich nicht verletzt zeigt. Niemand will gerne eine beleidigte Leberwurst vor sich haben. Das merke Dir. Es ist viel leichter dem Beleidiger geduldig – & duldend – aus dem Weg gehen, als ihm freundlich entgegengehen. Dazu gehört auch Mut.]

§Ms-153a

29v[4] &
30r[1]

[ Zu dem der Dich nicht mag gut zu sein erfordert nicht nur viel Gutmütigkeit sondern auch viel Takt.]

§Ms-153a

35r[1]

Wir kämpfen mit der Sprache.

§Ms-153a

35r[2]

Wir stehen im Kampf mit der Sprache.

§Ms-153a

35v[2] &
36r[1]

Die Lösung philosophischer Probleme verglichen mit dem Geschenk im Märchen das im Zauberschloß zauberisch erscheint und wenn man es draußen beim Tag betrachtet nichts ist als ein gewöhnliches Stück Eisen (oder dergleichen).

§Ms-153a

90v[2]

Der Denker gleicht sehr dem Zeichner. Der alle Zusammenhänge nachzeichnen will.

§Ms-153a

127v[2] &
128r[1]

Kompositionen die am Klavier, auf dem Klavier, komponiert sind, solche, die mit der Feder denkend & solche die mit dem inneren Ohr allein komponiert sind, müssen ganz verschiedener Art sein & einen Eindruck ganz verschiedener Art machen. Ich glaube bestimmt daß Bruckner nur mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder komponiert hat. Das ist natürlich einfacher dargestellt als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.

§Ms-153a

128v[1]

Eine Tragödie könnte doch immer anfangen mit den Worten: „Es wäre gar nichts geschehen, wenn nicht ….”

§Ms-153a

128v[3]

Aber ist das nicht eine einseitige Betrachtung der Tragödie die sie nur zeigen läßt, daß eine Begegnung unser ganzes Leben entscheiden kann.

§Ms-153a

129r[1] &
129v[1]

Ich glaube daß es heute ein Theater geben könnte wo mit Masken gespielt würde. Die Figuren wären eben stilisierte Menschen. In den Schriften Kraus's ist das deutlich zu sehen. Seine Stücke könnten, oder müßten, in Masken aufgeführt werden. Dies entspricht natürlich einer gewissen Abstraktheit dieser Produkte. Und das Maskentheater ist, wie ich es meine, überhaupt der Ausdruck eines spiritualistischen Charakters. Es werden daher (auch) vielleicht nur die Juden zu diesem Theater neigen.

§Ms-153a

137r[3] &
137v[1]

Frida Schanz:

Nebeltag. Der graue Herbst geht um.

Das Lachen scheint verdorben;

die Welt liegt heut so stumm,

als sei sie nachts gestorben. Im golden roten Hag

brauen die Nebeldrachen;

und schlummernd liegt der Tag.

Der Tag will nicht erwachen.

─────── ∙ ───────

§Ms-153a

138r[2] &
138v[1]

Das Gedicht auf der vorigen Seite habe ich aus einem „Rösselsprung” entnommen wo natürlich die Interpunktion fehlte. Ich weiß daher z.B. nicht ob das Wort „Nebeltag” der Titel ist, oder ob es zur ersten Zeile gehört, wie ich es geschrieben habe. Und es ist merkwürdig wie trivial das Gedicht klingt, wenn es nicht mit dem Wort „Nebeltag” sondern mit „Der graue” beginnt. Der Rhythmus des ganzen Gedichts ändert sich dadurch.

§Ms-153a

141r[2]

Was Du geleistet hast kann Andern nicht mehr bedeuten als Dir selbst.

§Ms-153a

141r[3]

Soviel (als) es Dich gekostet hat, soviel werden sie zahlen.

§Ms-153a

160v[3]

(Der Jude ist eine wüste Gegend unter deren dünner Gesteinsschicht aber die feurig-flüssigen Massen des Geistigen liegen.)

§Ms-153b

3r[1]

Grillparzer: „Wie leicht bewegt man sich im Großen & im Fernen, wie schwer faßt sich, was nah & einzeln an ….”

§Ms-153b

29r[1]-relocated

Welches Gefühl hätten wir wenn wir nicht von Christus gehört hätten? Hätten wir das Gefühl der Dunkelheit & Verlassenheit? Haben wir es nur insofern nicht als es ein Kind nicht hat wenn es weiß daß jemand mit ihm im Zimmer ist? Religiöser Wahnsinn ist Wahnsinn aus Irreligiosität.

§Ms-153b

39v[1]

Sehe die Photographien von korsischen Briganten und denke mir: die Gesichter sind zu hart & meines zu weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter der Briganten sind schrecklich anzusehen & doch sind sie gewiß nicht weiter von einem guten Leben entfernt & nur auf einer andern Seite desselben gelegen als ich.


§Ms-154

1r[1]

Eine Beichte muß ein Teil des neuen Lebens sein.

§Ms-154

1v[1]

Ich drücke, was ich ausdrücken will doch immer nur „mit halbem Gelingen” aus. Ja auch das nicht, sondern vielleicht nur mit einem Zehntel. Das will doch etwas besagen. Mein Schreiben ist oft nur ein „Stammeln”.

§Ms-154

15v[2]

Das jüdische “Genie” ist nur ein Heiliger. Der größte jüdische Denker ist nur ein Talent. (Ich z.B.)

§Ms-154

15v[3] &
16r[1]

Es ist, glaube ich eine Wahrheit darin wenn ich denke, daß ich eigentlich in meinem Denken nur reproduktiv bin. Ich glaube ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden sondern sie wurde mir immer von jemand anderem gegeben & ich habe sie nur sogleich leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufgegriffen. So haben mich Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus, Loos, Weininger, Spengler, Sraffa beeinflußt. Kann man als ein Beispiel der jüdischen Reproduktivität Breuer & Freud heranziehen? – Was ich erfinde sind neue Gleichnisse.

§Ms-154

16r[2] &
16v[1]

Als ich seinerzeit den Kopf für Drobil modellierte so war auch die Anregung wesentlich ein Werk Drobils & meine Arbeit war eigentlich wieder die des Klärens. Ich glaube das Wesentliche ist daß die Tätigkeit des Klärens mit Mut betrieben werden muß: fehlt der so wird sie ein bloßes gescheites Spiel.

§Ms-154

16v[2]

Der Jude muß im eigentlichen Sinn „sein Sach' auf nichts stellen”. Aber das fällt gerade ihm besonders schwer, weil er, sozusagen, nichts hat. Es ist viel schwerer freiwillig arm zu sein, wenn man arm sein muß als, wenn man auch reich sein könnte.

§Ms-154

16v[3] &
17r[1] &
17v[1]

Man könnte sagen (ob es nun stimmt oder nicht) daß der jüdische Geist nicht im Stande ist auch nur ein Gräschen oder Blümchen hervorzubringen daß es aber seine Art ist das Gräschen oder die Blume die im andern Geist gewachsen ist abzuzeichnen & damit ein umfassendes Bild zu entwerfen. Das ist nun nicht die Angabe eines Lasters & es ist alles in Ordnung solange das nur völlig klar bleibt. Gefährlich wird es erst wenn man die Art des Jüdischen mit der des Nicht-jüdischen Werks verwechselt & besonders wenn das der Schöpfer des ersteren selbst tut, was so nahe liegt. („Sieht er nicht so stolz aus als ob er selbst gemolken wäre”.) Es ist dem jüdischen Geiste typisch das Werk eines Andern besser zu verstehen als der es selbst versteht.

§Ms-154

17v[2] &
18r[1] &
18v[1]

Ich habe mich oft dabei ertappt wenn ich ein Bild entweder richtig hatte rahmen lassen oder in die richtige Umgebung gehangen hatte so stolz zu sein als hätte ich das Bild gemalt. Das ist eigentlich nicht richtig; nicht „so stolz als hätte ich es gemalt” sondern so stolz als hätte ich es malen geholfen, als hätte ich sozusagen einen kleinen Teil davon gemalt. Es ist so als würde der außerordentliche Arrangeur von Gräsern am Schluß denken daß er doch, wenigstens ein ganz winziges Gräschen, selbst erzeugt habe. Während er sich klar sein muß, daß seine Arbeit auf einem gänzlich andern Gebiet liegt.

Der Vorgang der Entstehung auch des winzigsten & schäbigsten Gräschens ist ihm gänzlich fremd & unbekannt.

§Ms-154

18v[2] &
19r[1]

Das genaueste Bild eines ganzen Apfelbaumes hat in gewissem Sinne unendlich viel weniger Ähnlichkeit mit ihm als das kleinste Maßliebchen mit dem Baum hat. Und in diesem Sinne ist eine Brucknersche Symphonie mit einer Symphonie der heroischen Zeit unendlich näher verwandt als eine Mahlerische. Wenn diese ein Kunstwerk ist, dann eines gänzlich andrer Art. (Diese Betrachtung aber selbst ist eigentlich Spenglerisch.)

§Ms-154

19r[2]

Als ich übrigens in Norwegen war, im Jahre 1913-14 hatte ich eigene Gedanken, so scheint es mir jetzt wenigstens. Ich meine, es kommt mir so vor, als hätte ich damals in mir neue Denkbewegungen geboren (Aber vielleicht irre ich mich). Während ich jetzt nur mehr alte anzuwenden scheine.

§Ms-154

20v[3]

Rousseau hat etwas Jüdisches in seiner Natur.

§Ms-154

21v[3] &
22r[1]

Wenn manchmal gesagt wird die Philosophie (eines Menschen) sei Temperamentssache, so ist auch darin eine Wahrheit. Die Bevorzugung gewisser Gleichnisse ist das was man Temperamentssache nennt & auf ihr beruhen viel mehr Gegensätze als es vielleicht ursprünglich den Anschein hat.

§Ms-154

20r[2]

„Betrachte diese Warze als ein regelrechtes Glied deines Körpers!” Kann man das, auf Befehl?

§Ms-154

22v[1] &
23r[1] &
23v[1]

Ist es in meiner Macht willkürlich ein Ideal von meinem Körper zu haben oder nicht? Die Geschichte der Juden wird darum in der Geschichte der europäischen Völker nicht mit der Ausführlichkeit behandelt wie es ihr Eingriff in die europäischen Ereignisse eigentlich verdiente, weil sie als eine Art Krankheit, Anomalie, in dieser Geschichte empfunden werden & niemand gern eine Krankheit mit dem normalen Leben gleichsam auf eine Stufe stellt. Man kann sagen: diese Beule kann nur dann als ein Glied des Körpers betrachtet werden, wenn sich das ganze Gefühl für den Körper ändert (wenn sich das ganze Nationalgefühl für den Körper ändert). Sonst kann man sie höchstens dulden.

Vom einzelnen Menschen kann man so eine Duldung erwarten oder auch daß er sich über diese Dinge hinwegsetzt; nicht aber von der Nation, die ja nur dadurch Nation ist daß sie sich darüber nicht hinwegsetzt. D.h. es ist ein Widerspruch zu erwarten daß einer das alte ästhetische Gefühl für seinen Körper behalten & die Beule willkommen heißen wird.

§Ms-154

23v[2] &
24r[1]

Macht & Besitz sind nicht dasselbe. Obwohl uns der Besitz auch Macht gibt. Wenn man sagt die Juden hätten keinen Sinn für den Besitz so ist das wohl vereinbar damit daß sie gerne reich sind; denn das Geld ist für sie eine bestimmte Art von Macht nicht Besitz. (Ich möchte z.B. nicht, daß meine Leute arm werden, denn ich wünsche ihnen eine gewisse Macht. Freilich auch daß sie diese Macht recht gebrauchen möchten.)

§Ms-154

23r[2] &
24v[1]

Zwischen Brahms & Mendelssohn herrscht entschieden eine gewisse Verwandtschaft; & zwar meine ich nicht die welche sich in einzelnen Stellen in Brahmsschen Werken zeigt, die an Mendelssohnsche Stellen erinnern sondern man könnte die Verwandtschaft von der ich rede dadurch ausdrücken daß man sagt, Brahms tue das mit ganzer Strenge was Mendelssohn mit halber getan hat. Oder: Brahms ist oft fehlerfreier Mendelssohn.

§Ms-154

25r[1]

Leidenschaftlich

Das wäre das Ende eines Themas, das ich nicht weiß. Es fiel mir heute ein als ich über meine Arbeit in der Philosophie nachdachte & mir vorsagte: „I destroy, I destroy, I destroy –”

§Ms-154

25v[2] &
26r[1]

Man hat manchmal gesagt daß die Heimlichkeit & Verstecktheit der Juden durch die lange Verfolgung hervorgebracht worden sei. Das ist gewiß unwahr; dagegen ist es gewiß, daß sie, trotz dieser Verfolgung nur darum noch existieren, weil sie die Neigung zu dieser Heimlichkeit haben. Wie man sagen könnte daß das & das Tier nur darum noch nicht ausgerottet sei weil es die Möglichkeit oder Fähigkeit hat sich zu verstecken. Ich meine natürlich nicht, daß man darum diese Möglichkeit preisen soll, durchaus nicht.

§Ms-154

26r[2] &
26v[1]

Die Musik Bruckners hat nichts mehr von dem langen & schmalen (nordischen?) Gesicht Nestroys, Grillparzers, Haydns etc. sondern hat ganz & gar ein rundes volles (alpenländisches?) Gesicht, von noch ungemischterem Typus als das Schuberts war.

§Ms-154

26v[2] &
27r[1]

Die alles gleich machende Gewalt der Sprache die sich am krassesten im Wörterbuch zeigt & die es möglich macht daß die Zeit personifiziert werden konnte, was nicht weniger merkwürdig ist als es wäre wenn wir Gottheiten der logischen Konstanten hätten.

§Ms-155

29r[2] &
29v[1]

[Ein schönes Kleid das sich in Würmer & Schlangen verwandelt (gleichsam koaguliert) wenn der welcher es trägt sich darin selbstgefällig in dem Spiegel schönt].

§Ms-155

46r[2]

[Die Freude an meinen Gedanken ist die Freude an meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?]

§Ms-110

200[3]

Beiläufig gesprochen hat es in der alten Auffassung – etwa der, der (großen) westlichen Philosophen – zwei Arten von Problemen im wissenschaftlichen Sinne gegeben: wesentliche, große, universelle, & unwesentliche, quasi akzidentelle Probleme. Und dagegen ist unsere Auffassung daß es kein großes, wesentliches Problem im Sinne der Wissenschaft gibt.

§Ms-110

226[3]

(Struktur und Gefühl in der Musik. Die Gefühle begleiten das Auffassen eines Musikstücks wie sie die Vorgänge des Lebens begleiten.)

§Ms-110

231[6]

(Der Ernst Labors ist ein sehr später Ernst.)

§Ms-110

238[6]

(Das Talent ist ein Quell woraus immer wieder neues Wasser fließt. Aber diese Quelle wird wertlos, wenn sie nicht in rechter Weise benutzt wird, nämlich.)

§Ms-110

257[5] &
258[1]

„Was der Gescheite weiß, ist schwer zu wissen.” Hat die Verachtung Goethes für das Experiment im Laboratorium und die Aufforderung in die freie Natur zu gehen & dort zu lernen, hat dies mit dem Gedanken zu tun daß die Hypothese (unrichtig aufgefaßt) schon eine Fälschung der Wahrheit ist? Und mit dem Anfang den ich mir jetzt für mein Buch denke der in einer Naturbeschreibung bestehen könnte?

§Ms-110

260[3]

Wenn Menschen eine Blume oder ein Tier häßlich finden so stehen sie immer unter dem Eindruck, es sei ein Kunstprodukt. „Es schaut so aus wie …”, heißt es dann. Das wirft ein Licht auf die Bedeutung der Worte „häßlich” und „schön”.

§Ms-111

2[2]

(Labor ist, wo er gute Musik schreibt absolut unromantisch. Das ist ein sehr merkwürdiges & bedeutsames Zeichen.)

§Ms-111

55[3]

(Wenn man die Sokratischen Dialoge liest, so hat man das Gefühl: welche fürchterliche Zeitvergeudung! Wozu diese Argumente die nichts beweisen & nichts klären.)

§Ms-111

77[2]

[Die Geschichte des Peter Schlemihl sollte, wie mir scheint, so gehen: Er verschreibt seine Seele um Geld dem Teufel. Dann reut es ihn & nun verlangt der Teufel den Schatten als Lösegeld. Peter Schlemihl aber bleibt die Wahl seine Seele dem Teufel zu schenken, oder mit dem Schatten auf das Gemeinschaftsleben der Menschen zu verzichten.]

§Ms-111

115[1]

[Im Christentum sagt der liebe Gott gleichsam zu den Menschen: Spielt nicht Tragödie, das heißt Himmel & Hölle auf Erden, Himmel & Hölle habe ich mir vorbehalten.]

§Ms-111

119[1] &
120[1]

(So könnte Spengler besser verstanden werden wenn er sagte: ich vergleiche verschiedene Kulturperioden dem Leben von Familien; innerhalb der Familie gibt es eine Familienähnlichkeit, während es auch zwischen Mitgliedern verschiedener Familien eine Ähnlichkeit gibt; die Familienähnlichkeit unterscheidet sich von der andern Ähnlichkeit so & so etc.. Ich meine: das Vergleichsobjekt, der Gegenstand von welchem diese Betrachtungsweise abgezogen ist, muß uns angegeben werden, damit nicht in die Diskussion immer Ungerechtigkeiten einfließen. Denn da wird dann alles, was für das Urbild der Betrachtung wahr ist nolens volens auch von dem Objekt worauf wir die Betrachtung anwenden behauptet; & behauptet „es müsse, immer …”. Das kommt nun daher, daß man den Merkmalen des Urbilds einen Halt in der Betrachtung geben will. Da man aber Urbild & Objekt vermischt dem Objekt dogmatisch beilegen muß, was nur das Urbild charakterisieren muß. Anderseits glaubt man die Betrachtung ermangle ja der Allgemeinheit die man ihr geben will, wenn sie nur für den einen Fall wirklich stimmt. Aber das Urbild soll ja eben als solches hingestellt werden; daß es die ganze Betrachtung charakterisiert, ihre Form bestimmt. Es steht also an der Spitze und ist dadurch allgemein gültig, daß es die Form der Betrachtung bestimmt, nicht dadurch, daß alles was nur von ihm gilt von allen Objekten der Betrachtung ausgesagt wird. Man möchte so bei allen übertriebenen dogmatisierenden Behauptungen immer fragen: Was ist denn nun daran wirklich wahr. Oder auch: In welchem Fall stimmt denn das nun wirklich.)

§Ms-111

132[3]

23.08.1931

(Aus dem Simplicissimus: Rätsel der Technik. (Bild: Zwei Professoren vor einer im Bau befindlichen Brücke) Stimme von oben: „Laß abi – – hüah – – laß abi sag' i – – nacha drah'n mer'n anders um!” – – – – „Es ist doch unfaßbar Herr Kollega, daß eine so komplizierte & exakte Arbeit in dieser Sprache zustande kommen kann”.)

§Ms-111

133[5] &
134[1]

24.08.1931

Man hört immer wieder die Bemerkung daß die Philosophie eigentlich keinen Fortschritt mache, daß die gleichen philosophischen Probleme die schon die Griechen beschäftigten uns noch beschäftigen. Die das aber sagen verstehen nicht den Grund warum es so ist. Der ist aber, daß unsere Sprache sich gleich geblieben ist & uns immer wieder zu denselben Fragen verführt. Solange es ein Verbum ‚sein’ geben wird das zu funktionieren scheint wie ‚essen’ & ‚trinken’, solange es Adjektive ‚identisch’, ‚wahr’, ‚falsch’, ‚möglich’ geben wird, solange von einem Fluß der Zeit & von einer Ausdehnung des Raumes die Rede sein wird, u.s.w., u.s.w., solange werden die Menschen immer wieder an die gleichen rätselhaften Schwierigkeiten stoßen & auf etwas starren was keine Erklärung scheint wegheben zu können. Und dies befriedigt im übrigen ein Verlangen nach dem Überirdischen denn indem sie die „Grenze des menschlichen Verstandes” zu sehen glauben, glauben sie natürlich über ihn hinaussehen zu können.

§Ms-111

134[2]

Ich lese „… philosophers are no nearer to the meaning of ‚Reality’ than Plato got; …”. Welche sonderbare Sachlage. Wie sonderbar daß Plato dann überhaupt so weit hat kommen können! Oder, daß wir dann nicht weiter kommen konnten! War es, weil Plato so gescheit war?

§Ms-111

173[3]

(Kleist schrieb einmal, es wäre dem Dichter am liebsten, er könnte die Gedanken an sich ohne Worte übertragen. (Welch seltsames Eingeständnis.))

§Ms-111

180[5]

[Es wird oft gesagt, daß die neue Religion die Götter der alten zu Teufeln stempelt. Aber in Wirklichkeit sind diese dann wohl schon zu Teufeln geworden.]

§Ms-111

194[5]

[Die Werke der großen Meister sind Sterne, die um uns her auf- & untergehen. So wird die Zeit für jedes große Werk wiederkommen, das jetzt untergegangen ist.]

§Ms-111

195[3]

(Mendelssohns Musik, wo sie vollkommen ist, sind musikalische Arabesken. Daher empfinden wir bei ihm jeden Mangel an Strenge peinlich.)

§Ms-111

195[4] &
196[1]

Der Jude wird in der westlichen Zivilisation immer mit Maßen gemessen, die auf ihn nicht passen. Daß die griechischen Denker weder im westlichen Sinn Philosophen, noch im westlichen Sinn Wissenschaftler waren, daß die Teilnehmer der Olympischen Spiele nicht Sportler waren & in kein westliches Fach passen, ist vielen klar. Aber so geht es auch den Juden.

Und indem uns die Wörter unserer Sprache als die Maße schlechthin erscheinen, tun wir ihm immer Unrecht. Und er wird bald überschätzt bald unterschätzt. Richtig reiht daher Spengler Weininger nicht unter die westlichen Philosophen.

§Ms-111

196[2]

Nichts was man tut läßt sich endgültig verteidigen. Sondern nur in Bezug auf etwas anderes Festgesetztes. D.h., es läßt sich kein Grund angeben, warum man so handeln soll (oder hat handeln sollen), als der sagt, daß dadurch dieser Sachverhalt hervorgerufen werde, den man wieder als Ziel hinnehmen muß.

§Ms-112

1v[1]

05.10.1931

(Das Unaussprechbare (das, was mir geheimnisvoll erscheint & ich nicht auszusprechen vermag) gibt vielleicht den Hintergrund, auf dem das, was ich aussprechen könnte, Bedeutung bekommt.)

§Ms-112

24r[1]

Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an Einem selbst. An der eignen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)

§Ms-112

31r[4]

Der Philosoph kommt leicht in die Lage eines ungeschickten Direktors, der, statt seine Arbeit zu tun & nur darauf zu schaun daß seine Angestellten ihre Arbeit richtig machen ihnen ihre Arbeit abnimmt & sich so eines Tages mit fremder Arbeit überladen sieht, während die Angestellten zuschauen und ihn kritisieren.

§Ms-112

39r[5] &
39v[1]

[Der Gedanke ist schon vermudelt, & läßt sich nicht mehr gebrauchen. (Eine ähnliche Bemerkung hörte ich einmal von Labor, musikalische Gedanken betreffend.) Wie Silberpapier, das einmal verknittert ist, sich nie mehr ganz glätten läßt. Fast alle meine Gedanken sind etwas verknittert.]

§Ms-112

58r[5]

[Ich denke tatsächlich mit der Feder, denn mein Kopf weiß oft nichts von dem, was meine Hand schreibt.]

§Ms-112

58r[6] &
58v[1]

(Die Philosophen sind oft wie kleine Kinder die zuerst mit ihrem Bleistift beliebige Striche auf ein Papier kritzeln & nun den Erwachsenen fragen „was ist das?” – Das ging so zu: Der Erwachsene hatte dem Kind öfters etwas vorgezeichnet & gesagt: „das ist ein Mann”, „das ist ein Haus” u.s.w.. Und nun macht das Kind auch Striche & fragt: was ist nun das?)

§Ms-112

70v[5] &
71r[1]

01.11.1931

(Ramsey war ein bürgerlicher Denker. D.h. seine Gedanken hatten den Zweck die Dinge in einer gegebenen Gemeinde zu ordnen. Er dachte nicht über das Wesen des Staates nach – oder doch nicht gerne – sondern darüber wie man diesen Staat vernünftig einrichten könne. Der Gedanke daß dieser Staat nicht der einzig mögliche sei beunruhigte ihn teils, teils langweilte er ihn. Er wollte so geschwind als möglich dahin kommen über die Grundlagen – dieses Staates nachzudenken. Hier lag seine Fähigkeit & sein eigentliches Interesse; während die eigentliche philosophische Überlegung ihn beunruhigte bis er ihr Resultat (wenn sie eins hatte) als trivial zur Seite schob.)

§Ms-112

77v[4] &
78r[1]

11.11.1931

(Es könnte sich eine seltsame Analogie daraus ergeben, daß das Okular auch des riesigsten Fernrohrs nicht größer sein darf, als unser Auge.)

§Ms-112

111v[2] &
112r[1]

(Tolstoy: die Bedeutung (Bedeutsamkeit) eines Gegenstandes liegt in seiner allgemeinen Verständlichkeit. Das ist wahr & falsch. Das, was den Gegenstand schwer verständlich macht, ist – wenn er bedeutend, wichtig, ist – nicht, daß irgend eine besondere Instruktion über abstruse Dinge zu seinem Verständnis erforderlich wäre, sondern der Gegensatz zwischen dem Verstehen des Gegenstandes & dem, was die meisten Menschen sehen wollen. Dadurch kann gerade das Naheliegendste am allerschwersten verständlich werden. Nicht eine Schwierigkeit des Verstandes, sondern des Willens ist zu überwinden.)

§Ms-112

112v[2]

(Wer heute Philosophie lehrt, gibt dem Andern Speisen, nicht, weil sie ihm schmecken, sondern, um seinen Geschmack zu ändern.)

§Ms-112

113v[4]

(Ich soll nur der Spiegel sein, in welchem mein Leser sein eigenes Denken mit allen seinen Unförmigkeiten sieht & mit dieser Hilfe zurechtrichten kann.)

§Ms-112

116v[2]

Die Sprache hat für Alle die gleichen Fallen bereit; das ungeheure Netz gut erhaltener Irrwege. Und so sehen wir also Einen nach dem Andern die gleichen Wege gehn & wissen schon, wo er jetzt abbiegen wird, wo er geradaus fortgehen wird, ohne die Abzweigung zu bemerken, etc., etc.. Ich sollte also an allen den Stellen wo falsche Wege abzweigen Tafeln aufstellen, die über die gefährlichen Punkte hinweghelfen.

§Ms-112

116v[3]

Was Eddington über ‚die Richtung der Zeit’ & den Entropiesatz sagt, läuft darauf hinaus, daß die Zeit ihre Richtung umkehren würde, wenn die Menschen eines Tages anfingen rückwärts zu gehen. Wenn man will, kann man das freilich so nennen; man muß dann nur darüber klar sein, daß man damit nichts anderes sagt als, daß die Menschen ihre Gehrichtung geändert haben.

§Ms-112

117r[2]

Einer teilt die Menschen ein in Käufer & Verkäufer, & vergißt, daß Käufer auch Verkäufer sind. Wenn ich ihn daran erinnere, wird seine Grammatik geändert??

§Ms-112

117v[3]

(Das eigentliche Verdienst eines Kopernikus oder Darwin war nicht die Entdeckung einer wahren Theorie, sondern eines fruchtbaren neuen Aspekts.)

§Ms-112

128v[2]

Ich glaube, was Goethe eigentlich hat finden wollen, war keine physiologische sondern eine psychologische Theorie der Farben.

§Ms-113

41r[4]

Die Philosophen, welche sagen: „nach dem Tod wird ein zeitloser Zustand eintreten”, oder „mit dem Tod tritt ein zeitloser Zustand ein”, & nicht merken, daß sie im zeitlichen Sinne „nach” & „mit” & „tritt ein” gesagt haben & daß die Zeitlichkeit in ihrer Grammatik liegt.

§Ms-156a

25r[2]

Erinnere dich an den Eindruck guter Architektur, daß sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen.

§Ms-156a

30v[2]

Spiele nicht mit den Tiefen des Andern!

§Ms-156a

49r[3]

Das Gesicht ist die Seele des Körpers.

§Ms-156a

49v[2]

Man kann den eigenen Charakter sowenig von Außen betrachten wie die eigene Schrift. Ich habe zu meiner Schrift eine einseitige Stellung die mich verhindert, sie auf gleichem Fuß mit anderen Schriften zu sehen & zu vergleichen.

§Ms-156a

57r[2]

In der Kunst ist es schwer etwas zu sagen, was so gut ist wie: nichts zu sagen.

§Ms-156a

58v[2]

An meinem Denken, wie an dem jedes Menschen hängen die verdorrten Hüllen meiner früheren (abgestorbenen) Gedanken.

§Ms-156b

14v[3]

[Die musikalische Gedankenstärke bei Brahms.]

§Ms-156b

23v[2]

Die verschiedenen Pflanzen & ihr menschlicher Charakter: Rose, Efeu, Gras, Eiche, Apfelbaum, Getreide, Palme. Verglichen mit dem verschiedenen Charakter der Wörter.

§Ms-156b

24v[3] &
25r[1]

Wenn man das Wesen der Mendelssohnschen Musik charakterisieren wollte, so könnte man es dadurch tun daß man sagte, es gäbe vielleicht keine schwer verständliche Mendelssohnsche Musik.

§Ms-156b

32r[2] &
32v[1]

[Jeder Künstler ist von Andern beeinflußt worden & zeigt (die) Spuren dieser Beeinflussung in seinen Werken; aber was wir an ihm haben ist doch nur seine eigene Persönlichkeit. Was vom Andern stammt können nur Eierschalen sein. Daß sie da sind mögen wir mit Nachsicht behandeln aber unsere geistige Nahrung werden sie nicht sein.]

§Ms-156b

32v[2]

[Es kommt mir (manchmal) vor als philosophierte ich schon mit einem zahnlosen Mund & als schiene mir das Sprechen mit einem zahnlosen Mund als das eigentliche, wertvollere. Bei Kraus sehe ich etwas Ähnliches. Statt daß ich es als Verfall erkennte.]

§Ms-145

27[3]

Wenn etwa jemand sagt “A's Augen haben einen schöneren Ausdruck als B's”, so will ich sagen daß er mit dem Wort schön gewiß nicht dasjenige meint was allem was wir schön nennen gemeinsam ist. Vielmehr spielt er ein Spiel von ganz geringem Umfang mit diesem Wort. Aber worin drückt sich das aus? Schwebte mir denn eine bestimmte enge Erklärung des Wortes “schön” vor? Gewiß nicht. – Aber ich werde vielleicht nicht einmal die Schönheit des Ausdrucks der Augen mit der Schönheit der Form der Nase vergleichen wollen. Ja man könnte etwa sagen: Wenn es in einer Sprache zwei Wörter gäbe & also das Gemeinsame in diesen Fällen nicht bezeichnet wäre so würde ich für meinen Fall ruhig eines der beiden speziellen Wörter nehmen & es wäre uns nicht vom Sinn verloren gegangen.

§Ms-145

28[1]

Man könnte sagen: wie würde ich dann in dem besonderen Fall das Wort “Regel”, oder “Pflanze” erklären? Das wird zeigen ‘was ich damit meine’. Ich hatte etwa gesagt: “der Gärtner zieht sehr schöne Pflanzen in diesem Glashaus”. Damit will ich doch dem andern etwas mitteilen; & er fragt sich: muß er dazu wissen, was allem was wir “Pflanze” nennen ‘gemeinsam’ ist? Nein. Die Erklärung für den gegenwärtigen Fall hätte ich ihm ganz gut durch einige Beispiele oder ein paar Bilder geben können. Ebenso wenn ich sage: “ich werde Dir einmal die Regel dieses Spiel erklären”, setze ich voraus daß der andere wisse, was allem was wir “Regel” nennen gemeinsam ist?

§Ms-145

34[3]

Wenn ich sage A. habe schöne Augen, so kann man mich fragen: was findest Du an seinen Augen schön & ich werde etwa antworten: die Mandelform, die langen Wimpern, die zarten Lider. Was ist das Gemeinsame dieser Augen mit einer gothischen Kirche die ich auch schön finde? Soll ich sagen sie machen mir einen ähnlichen Eindruck? Wie, wenn ich sagte: das Gemeinsame ist daß meine Hand versucht ist sie beide nachzuzeichnen? Das wäre jedenfalls eine enge Definition des Schönen.

§Ms-145

35[1]

Man wird oft sagen können: frage nach den Gründen warum Du etwas gut oder schön nennst & die besondere Grammatik des Wortes ‘gut’ in diesem Fall wird sich zeigen.

§Ms-146

25v[1]

Ich glaube meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefaßt zu haben indem ich sagte: Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten. Daraus muß sich, scheint mir, ergeben, wie weit mein Denken der Gegenwart Zukunft oder der Vergangenheit angehört. Denn ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann was er zu können wünscht.


§Ms-146

35v[2]

Wenn man in der Logik einen Trick anwendet, wen kann man täuschen außer sich selbst?

§Ms-146

44v[2]

Namen der Komponisten. Manchmal ist es die Projektionsmethode die wir als gegeben betrachten. Wenn wir uns etwa fragen: Welcher Name würde den Charakter dieses Menschen treffen. Manchmal aber projizieren wir den Charakter in den Namen & sehe diesen als das Gegebene an. So scheint es uns daß die uns wohlbekannten großen Meister gerade die Namen haben die zu ihrem Werk passen.

§Ms-147

16r[2]

Wenn Einer prophezeit die künftige Generation werde sich mit diesen Problemen befassen & sie lösen so ist das meist nur eine Art Wunschtraum in welchem er sich für das entschuldigt was er hätte leisten sollen & nicht geleistet hat. Der Vater möchte daß der Sohn das erreicht, was er nicht erreicht hat damit die Aufgabe die er ungelöst ließ, doch eine Lösung fände. Aber der Sohn kriegt eine neue Aufgabe. Ich meine: der Wunsch die Aufgabe möge nicht unfertig bleiben hüllt sich in die Voraussicht sie werde von der nächsten Generation weitergeführt werden.

§Ms-147

22r[2]

[Das überwältigende Können bei Brahms.]

§Ms-157a

2r[2]

Wenn ich sage: “das ist das einzige was wirklich gesehen ist” so deute ich vor mich hin: deutete ich aber seitwärts oder hinter mich – auf Dinge die ich nicht sähe – so verlöre dieses Deuten jeden Sinn für mich. Das heißt aber, daß ich vor mich hindeute im Gegensatz zu nichts. (Wer Eile hat wird in einem Wagen sitzend unwillkürlich anschieben, obwohl er sich sagen kann, daß er den Wagen gar nicht schiebt.)

§Ms-157a

22v[4]

[Ich habe auch, in meinen künstlerischen Tätigkeiten, nur gute Manieren.]

§Ms-157a

44v[3] &
45r[1]

In den Zeiten der stummen Filme hat man alle Klassiker zu den Filmen gespielt aber nicht Brahms & Wagner. Brahms nicht weil er zu abstrakt ist. Ich kann mir eine aufregende Stelle in einem Film mit Beethovenscher oder Schubertscher Musik begleitet denken & könnte eine Art Verständnis für die Musik durch den Film bekommen. Aber nicht ein Verständnis Brahmsscher Musik. Dagegen geht Bruckner zu einem Film.

§Ms-116

56[2]

2 Die seltsame Ähnlichkeit einer philosophischen Untersuchung (vielleicht besonders in der Mathematik) mit einer ästhetischen. (Z.B., was an diesem Kleid schlecht ist, wie es gehörte, etc..)

§Ms-157a

57r[3]

Das Gebäude deines Stolzes ist abzutragen. Und das gibt furchtbare Arbeit.

§Ms-157a

57r[5]

In einem Tag kann man die Schrecken der Hölle erleben; es ist reichlich genug Zeit dazu.

§Ms-157a

58r[2] &
58v[1]

Es ist ein großer Unterschied zwischen den Wirkungen einer Schrift die man leicht & fließend lesen kann & einer die man schreiben aber nicht leicht entziffern kann. Man schließt in ihr die Gedanken ein, wie in einer Schatulle.

§Ms-157a

62v[2]

(Die größere ‘Reinheit’ der nicht auf die Sinne wirkenden Gegenstände, z.B., der Zahlen.)

§Ms-157a

66v[2]

Wenn Du ein Opfer bringst & dann darauf eitel bist, so wirst du mit samt deinem Opfer verdammt.

§Ms-157a

67v[2]

Das Licht der Arbeit ist ein schönes Licht, das aber nur dann wirklich schön leuchtet, wenn es von noch einem andern Licht erleuchtet wird.

§Ms-157b

9v[4]

“Ja so ist es,” sagst Du, “denn so muß es sein!”

§Ms-157b

15v[3] &
16r[1]

Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit – oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Ideal als das was es ist, nämlich als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab – in unsrer Betrachtung hinstellen, & nicht als das Vorurteil, dem Alles konformieren muß. Dies nämlich ist der Dogmatismus.

§Ms-157b

16r[2] &
16v[1]

Was ist denn aber das Verhältnis einer Betrachtung wie der Spenglers & der meinen? … in dem die Philosophie so leicht verfallen kann. Die Ungerechtigkeit bei Spengler: Das Ideal verliert nichts von seiner Würde, wenn es als Prinzip der Betrachtungsform hingestellt wird. Eine gute Maßeinheit. –

§Ms-118

17r[2] &
17v[1]

27.08.1937

Etwas besser geschlafen. Lebendige Träume. Etwas niedergedrückt; Wetter & Befinden. Die Lösung des Problems, das Du im Leben siehst, ist eine Art zu leben, die das Problemhafte zum Verschwinden bringt. Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann Dein Leben verändern, & paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische. Aber haben wir nicht das Gefühl, daß der, welcher nicht darin ein Problem sieht für etwas Wichtiges, ja das Wichtigste, blind ist? Möchte ich nicht sagen, der lebe so dahin – eben blind, gleichsam wie ein Maulwurf, & wenn er bloß sehen könnte, so sähe er das Problem? Oder soll ich nicht sagen: daß wer richtig lebt, das Problem nicht als Traurigkeit, also doch nicht problematisch, empfindet, sondern vielmehr als eine Freude; also gleichsam als einen lichten Äther um sein Leben, nicht als einen fraglichen Hintergrund.

§Ms-118

20r[2] &
20v[1]

Beinahe ähnlich, wie man sagt, daß die alten Physiker plötzlich gefunden haben, daß sie zu wenig Mathematik verstehen, um die Physik bewältigen zu können, kann man sagen, daß die jungen Menschen heutzutage plötzlich in der Lage sind, daß der normale, gute Verstand für die seltsamen Ansprüche des Lebens nicht mehr ausreicht. Es ist alles so verzwickt geworden, daß zu seiner Bewältigung ein ausnahmsweiser Verstand gehörte. Denn es genügt nicht mehr, das Spiel gut spielen zu können, sondern die Frage ist immer wieder: was für ein Spiel ist jetzt überhaupt zu spielen?

§Ms-118

21v[2]

In Macaulay's Essays ist vieles ausgezeichnet; nur seine Werturteile über Menschen sind lästig, & überflüssig. Man möchte ihm sagen: laß die Gestikulation! & sag nur, was Du zu sagen hast.

§Ms-118

35r[4]

Auch Gedanken fallen manchmal unreif vom Baum.

§Ms-118

45r[4]

Es ist für mich wichtig beim Philosophieren immer meine Lage zu verändern, nicht zu lange auf einem Bein zu stehen, um nicht steif zu werden. Wie, wer lange bergauf geht, ein Stückchen rückwärts geht, sich zu erfrischen, andre Muskeln anzuspannen.

§Ms-118

56r[3] &
56v[1]

04.09.1937

Etwas verkühlt & denkunfähig. Grausliches Wetter. – Das Christentum ist keine Lehre, ich meine, keine Theorie darüber, was mit der Seele des Menschen geschehen ist & geschehen wird, sondern eine Beschreibung eines tatsächlichen Vorgangs im Leben des Menschen. Denn die ‘Erkenntnis der Sünde’ ist ein tatsächlicher Vorgang & die Verzweiflung desgleichen & die Erlösung durch den Glauben desgleichen. Die, die davon sagen, (wie Bunyan), beschreiben einfach, was ihnen geschehen ist; was immer einer dazu sagen will!

§Ms-118

71v[2]

09.09.1937

Wenn ich mir Musik vorstelle, was ich ja täglich & oft tue so reibe ich dabei – ich glaube immer – meine oberen & unteren Vorderzähne rhythmisch aneinander. Es ist mir schon früher aufgefallen geschieht aber für gewöhnlich ganz unbewußt. Und zwar ist es als würden die Töne meiner Vorstellung durch diese Bewegung erzeugt.

Ich glaube, daß diese Art, im Innern Musik zu hören, vielleicht sehr allgemein ist. Ich kann mir natürlich auch ohne die Bewegung meiner Zähne Musik vorstellen, die Töne sind aber dann viel schemenhafter, viel undeutlicher, weniger prägnant.

§Ms-118

86v[2] &
87r[1]

Wenn man z.B. gewisse bildhafte Sätze als Dogmen des Denkens für die Menschen festlegt, so zwar, daß man damit nicht Meinungen bestimmt, aber den Ausdruck der Meinungen völlig beherrscht, so wird dies eine sehr eigentümliche Wirkung haben. Die Menschen werden unter einer unbedingten, fühlbaren Tyrannei leben, ohne doch sagen zu können, daß sie nicht frei sind. Ich meine, daß die Katholische Kirche es irgendwie ähnlich macht. Denn das Dogma hat die Form des Ausdrucks einer Behauptung, & es ist an ihm nicht zu rütteln, & dabei kann man jede praktische Meinung mit ihm in Einklang bringen; freilich manche leichter, manche schwerer. Es ist keine Wand die Meinung zu beschränken, sondern wie eine Bremse, die aber praktisch den gleichen Dienst tut; etwa als hängte man, um Deine Bewegungsfreiheit zu beschränken, ein Gewicht an Deinen Fuß. Dadurch nämlich wird das Dogma unwiderlegbar & dem Angriff entzogen.

§Ms-118

87r[3] &
87v[1]

Auch im Denken gibt es eine Zeit des Pflügens & eine Zeit der Ernte. Es ist mir eine Befriedigung, jeden Tag viel zu schreiben. Dies ist kindlich, aber so ist es.

§Ms-118

94v[2]

15.09.1937

Wenn ich für mich denke ohne ein Buch schreiben zu wollen, so springe ich um das Thema herum; das ist die einzige mir natürliche Denkweise. In einer Reihe gezwungen fortzudenken ist mir eine Qual. Soll ich es nun überhaupt probieren?? Ich verschwende unsägliche Mühe auf ein Anordnen der Gedanken, das vielleicht gar keinen Wert hat.

§Ms-118

113r[2] &
113v[1] &
114r[1]

Leute haben mir manchmal gesagt, sie könnten das & das nicht beurteilen, sie hätten nicht Philosophie gelernt. Dies ist ein irritierender Unsinn, es wird vorgegeben, die Philosophie sei irgend eine Wissenschaft. Und man redet von ihr etwa wie von der Medizin. – – Das aber kann man sagen, daß Leute, die nie eine Untersuchung philosophischer Art angestellt haben, wie die meisten Mathematiker z.B., nicht mit den richtigen Sehwerkzeugen für so eine Untersuchung oder Prüfung ausgerüstet sind. Beinahe, wie Einer der nicht gewohnt ist im Wald nach Beeren zu suchen, keine findet, weil sein Auge für sie nicht geschärft ist & er nicht weiß, wo insbesondere man nach ihnen ausschauen muß. So geht der in der Philosophie Ungeübte an allen Stellen vorbei, wo Schwierigkeiten unter dem Gras verborgen liegen, während der Geübte dort stehenbleibt & fühlt, hier sei eine Schwierigkeit, obwohl er sie noch nicht sieht. – Und, kein Wunder, wenn man weiß wie lange auch der Geübte, der wohl merkt, hier liege eine Schwierigkeit, suchen muß, um sie zu finden. Wenn etwas gut versteckt ist, ist es schwer zu finden.

§Ms-118

117v[3] &
118r[1] &
118v[1] &
BCr[1]

Man kann von religiösen Gleichnissen sagen, sie bewegen sich am Rande des Abgrundes. Z.B. von der Allegorie Bunyans. Denn wie, wenn wir bloß dazusetzen: “und alle diese Fallen, Sümpfe, Abwege, sind vom Herrn des Weges angelegt, die Ungeheuer, Diebe, Räuber von ihm geschaffen worden”? Gewiß, das ist nicht der Sinn des Gleichnisses! aber diese Fortsetzung liegt zu nahe! Sie nimmt dem Gleichnis, für Viele & für mich, seine Kraft. Dann aber besonders, wenn dies – sozusagen – verschwiegen wird. Anders wäre es, wenn auf Schritt & Tritt offen gesagt würde: ‘Ich brauche dies als Gleichnis, aber schau: hier stimmt es nicht’. Dann hätte man nicht das Gefühl, daß man hintergangen wird, daß jemand versucht auch auf Schleichwegen zu überzeugen. Man kann Einem z.B. sagen: “Danke Gott für das Gute, was Du empfängst, aber beklage Dich nicht über das Übel, wie Du es natürlich tätest, wenn ein Mensch Dir abwechselnd Gutes & Übles widerfahren ließe”. Es werden Lebensregeln in Bilder gekleidet. Und diese Bilder können mir dienen, zu beschreiben, was wir tun sollen, aber nicht dazu, es zu begründen. Denn um begründen zu können, dazu müßten sie auch weiter stimmen. Ich kann sagen: “Danke diesen Bienen für ihren Honig, als wären es gute Menschen, die ihn für Dich bereitet haben”; das ist verständlich & beschreibt, wie ich wünsche, Du sollest Dich benehmen. Aber nicht: “Danke ihnen, denn sieh', wie gut sie sind!” – denn sie können Dich im nächsten Augenblick stechen. Die Religion sagt: Tu dies! – Denk so! – aber sie kann es nicht begründen, & versucht sie es auch nur, so stößt sie ab; denn zu jedem Grund, den sie gibt, gibt es einen stichhältigen Gegengrund. Überzeugender ist es, zu sagen: “Denke so! – so seltsam dies scheinen mag. –” Oder: “Möchtest Du das nicht tun? – so abstoßend es ist. –”

§Ms-118

BCr[2]

Gnadenwahl: So darf man nur schreiben unter den fürchterlichsten Leiden – & dann heißt es etwas ganz anderes. Aber darum darf dies auch niemand als Wahrheit zitieren, es sei denn, er selbst sage es unter Qualen. – Es ist eben keine Theorie. – Oder auch: Ist dies Wahrheit, so ist es nicht die, die damit auf den ersten Blick ausgesprochen zu sein scheint. Eher als eine Theorie, ist es ein Seufzer, oder ein Schrei.


§Ms-119

59[2] &
60[1] &
61[1]

01.10.1937

Russell tat im Laufe unserer Gespräche oft den Ausspruch: “Logic 's hell!” – Und dies drückt ganz aus, was wir beim Nachdenken über die logischen Probleme empfanden; nämlich ihre ungeheure Schwierigkeit. Ihre Härte – ihre Härte & Glätte. Der Hauptgrund dieser Empfindung war, glaube ich, das Faktum: daß jede neue Erscheinung der Sprache, an die man nachträglich denken mochte die frühere Erklärung als unbrauchbar erweisen konnte. Das aber ist die Schwierigkeit in die Sokrates verwickelt wird, wenn er versucht, Begriffe zu definieren. Immer wieder taucht eine Anwendung des Wortes auf, die mit dem Begriff nicht vereinbar erscheint, zu dem uns andere Anwendungen geleitet haben. Man sagt: es ist doch nicht so! – aber es ist doch so! – & kann nichts tun als sich diese Gegensätze beständig zu wiederholen.

§Ms-119

71[2] &
72[1]

Die Quelle, die in den Evangelien ruhig & klar fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unreinheit, die hier die Trübung hineinsieht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, & zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich möchte fragen – & möge dies keine Blasphemie sein – : “Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt?” Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.

§Ms-119

72[2] &
73[1]

In den Evangelien – so scheint mir – ist alles schlichter, demütiger, einfacher. Dort sind Hütten, – bei Paulus eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich & Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine Hierarchie; Würden, & Ämter. – So sagt quasi mein Geruchssinn.

§Ms-119

83[2]

Laß uns menschlich sein. –

§Ms-119

83[3] &
84[1]

Nahm soeben Äpfel aus einem Papiersack, wo sie lang gelegen hatten; viele mußte ich zur Hälfte wegschneiden & wegwerfen. Als ich dann einen Satz von mir abschrieb, dessen letzte Hälfte schlecht war, sah ich ihn gleich als zur Hälfte faulen Apfel. Und so geht es mir überhaupt. Alles was mir in den Weg kommt wird mir zum Bild dessen, worüber ich nachdenke. (Ist dies eine gewisse Weiblichkeit der Einstellung?)

§Ms-119

108[1]

Mir geht es bei dieser Arbeit so, wie vielen geht, wenn sie sich vergebens anstrengen (sich) einen Namen in die Erinnerung zu rufen; man sagt da: “denk an etwas anderes, dann wird es Dir einfallen” – & so mußte ich immer wieder an anderes denken, damit mir das einfallen konnte, wonach ich lange gesucht hatte.

§Ms-119

146[4] &
147[1]

Der Ursprung & die primitive Form des Sprachspiels ist eine Reaktion; erst auf dieser können die komplizierteren Formen wachsen. Die Sprache – will ich sagen – ist eine Verfeinerung, ‘im Anfang war die Tat’.

§Ms-119

76r[2] &
76v[1] &
77r[1] &
77v[1]

Kierkegaard schreibt: Wenn das Christentum so leicht & gemütlich wäre, wozu hätte Gott in seiner Schrift Himmel & Erde in Bewegung gesetzt, mit ewigen Strafen gedroht –. – Frage: Warum aber ist dann diese Schrift so undeutlich? Wenn man jemand vor furchtbarer Gefahr warnen will, tut man es, indem man ihm ein Rätsel zu raten gibt, dessen Lösung etwa die Warnung ist? – Aber wer sagt, daß die Schrift wirklich undeutlich ist: ist es nicht möglich, daß es hier wesentlich war, ein Rätsel aufzugeben? Daß eine direktere Warnung dennoch die falsche Wirkung hätte haben müssen? Gott läßt das Leben des Gottmenschen von vier Menschen berichten, von jedem anders, & widersprechend – aber kann man nicht sagen: Es ist wichtig, daß dieser Bericht nicht mehr als sehr gewöhnliche historische Wahrscheinlichkeit habe, damit diese nicht für das Wesentliche, Ausschlaggebende gehalten werde. Damit der Buchstabe nicht mehr Glaube fände, als ihm gebührt & der Geist sein Recht behalte. D.h.: Was Du sehen sollst läßt sich auch durch den besten, genauesten Geschichtsschreiber nicht vermitteln; darum genügt, ja ist vorzuziehen, eine mittelmäßige Darstellung. Denn was Dir mitgeteilt werden soll, kann die auch mitteilen. (Ähnlich etwa, wie eine mittelmäßige Theaterdekoration besser sein kann als eine raffinierte, gemalte Bäume besser als wirkliche, – die die Aufmerksamkeit von dem ablenken, worauf es ankommt.) Das Wesentliche, für Dein Leben Wesentliche aber legt der Geist in diese Worte. Du sollst gerade nur das deutlich sehen, was auch diese Darstellung deutlich zeigt. (Ich weiß nicht sicher, wieweit dies alles genau im Geiste Kierkegaards ist.)


§Ms-120

4r[2] &
4v[1]

In der Religion müßte es so sein, daß jeder Stufe der Religiosität eine Art des Ausdrucks entspräche, die auf einer niedrigeren Stufe keinen Sinn hat. Für den jetzt auf der niedrigern Stufe Stehenden ist diese Lehre, die auf der höheren Bedeutung hat, null & nichtig; sie kann nur falsch verstanden werden, & daher gelten diese Worte für diesen Menschen nicht. Die Lehre z.B. von der Gnadenwahl, bei Paulus, ist auf meiner Stufe Irreligiosität, ein häßlicher Unsinn. Daher gehört sie nicht für mich da ich das mir gebotene Bild nur falsch anwenden kann. Ist es ein frommes & gutes Bild, dann für eine ganz andere Stufe, auf der es gänzlich anders im Leben muß angewandt werden, als ich es anwenden könnte.

§Ms-120

41v[2] &
42r[1]

Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahrheit, sondern es gibt uns eine (historische) Nachricht & sagt: jetzt glaube! Aber nicht glaube diese Nachricht mit dem Glauben, der zu einer geschichtlichen Nachricht gehört, – sondern: glaube, durch dick und dünn & das kannst Du nur als Resultat eines Lebens. Hier hast Du eine Nachricht! – verhalte Dich zu ihr nicht, wie zu einer andern historischen Nachricht! Laß sie eine ganz andere Stelle in Deinem Leben einnehmen. – Daran ist nichts Paradoxes!

§Ms-120

42r[2] &
42v[1] &
43r[1]

09.12.1937

Sähe ich ganz ein wie gemein & klein ich bin, so würde ich bescheidener werden. Niemand kann mit Wahrheit von sich selbst sagen, daß er Dreck ist. Denn wenn ich es sage, so kann es in einem Sinne wahr sein, aber ich kann nicht selbst von dieser Wahrheit durchdrungen sein: sonst müßte ich wahnsinnig werden, oder mich ändern.

Mit Anna Rebni Kaffee getrunken; es war nicht so wie früher, aber es war auch nicht schlecht. So sonderbar es klingt: Die historischen Berichte der Evangelien könnten, im historischen Sinn, erweislich falsch sein, & der Glaube verlöre doch nichts dadurch: aber nicht, weil er sich etwa auf ‘allgemeine Vernunftwahrheiten’ bezöge! sondern, weil der historische Beweis (das historische Beweis-Spiel) den Glauben gar nichts angeht. Diese Nachricht (die Evangelien) wird glaubend (d.h. liebend) vom Menschen ergriffen: Das ist die Sicherheit dieses Für-Wahr-Haltens; nichts Anderes. Der Glaubende hat zu diesen Nachrichten weder das Verhältnis zur historischen Wahrheit (Wahrscheinlichkeit), noch das zu einer Lehre von ‘Vernunftwahrheiten’. Das gibt's. – (Man hat ja sogar zu verschiedenen Arten dessen, was man Dichtung nennt, ganz verschiedene Einstellungen!)


§Ms-120

51v[2]

Es ist unmöglich wahrer über sich selbst zu schreiben, als man ist! Das ist der Unterschied zwischen dem Schreiben über sich & über äußere Gegenstände. Über sich schreibt man nicht auf Stelzen oder auf einer Leiter sondern auf den bloßen Füßen.

§Ms-120

54r[2] &
54v[1] &
55r[1] &
55v[1]

Große Wohltat für mich heute arbeiten zu können. Aber ich vergesse alle Wohltaten so leicht! Ich lese: “Niemand kann Jesum einen Herrn heißen, außer durch den Heiligen Geist.” – Und es ist wahr: ich kann ihn keinen Herrn heißen; weil mir das gar nichts sagt. Ich könnte ihn ‘das Vorbild’, ja ‘Gott’ nennen oder eigentlich: ich kann verstehen wenn er so genannt wird; aber das Wort “Herr” kann ich nicht mit Sinn aussprechen. Weil ich nicht glaube, daß er kommen wird mich zu richten; weil mir das nichts sagt. Und das könnte mir nur etwas sagen, wenn ich ganz anders lebte. Was neigt auch mich zu dem Glauben an die Auferstehung Christi hin? Ich spiele gleichsam mit dem Gedanken. – Ist er nicht auferstanden, so ist er im Grab verwest, wie jeder Mensch. Er ist tot & verwest. Dann ist er ein Lehrer, wie jeder andere & kann nicht mehr helfen; & wir sind wieder verwaist & allein. Und können uns mit der Weisheit & Spekulation begnügen. Wir sind gleichsam in einer Hölle, wo wir nur träumen können & vom Himmel, durch eine Decke gleichsam, abgeschlossen. Wenn ich aber wirklich erlöst werden soll, – so brauche ich Gewißheit – nicht Weisheit, Träumen, Spekulation – und diese Gewißheit ist der Glaube. Und der Glaube ist Glaube an das, was mein Herz, meine Seele braucht, nicht mein spekulierender Verstand. Denn meine Seele, mit ihren Leidenschaften, gleichsam mit ihrem Fleisch & Blut muß erlöst werden, nicht mein abstrakter Geist. Man kann vielleicht sagen: Nur die Liebe kann die Auferstehung glauben. Oder: Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt. Man könnte sagen: Die erlösende Liebe glaube auch an die Auferstehung; hält auch an der Auferstehung fest. Was den Zweifel bekämpft, ist gleichsam die Erlösung. Das Festhalten an ihr muß das Festhalten an diesem Glauben sein. ⋎ Das heißt also: sei erst erlöst & halte an Deiner Erlösung (halte Deine Erlösung) fest – dann wirst Du sehen daß Du an diesem Glauben festhältst. Das kann also nur geschehen, wenn Du dich nicht mehr auf diese Erde stützst, sondern am Himmel hängst. Dann ist alles anders und es ist ‘kein Wunder’, wenn Du dann kannst, was du jetzt nicht kannst. Anzusehen ist freilich der Hängende wie der Stehende aber das Kräftespiel in ihm ist ja ein ganz anderes & er kann daher ganz Anderes tun als der Stehende.)

§Ms-120

56v[2]

02.01.1938

Freud's Idee: Das Schloß ist im Wahnsinn nicht zerstört nur verändert; der alte Schlüssel kann es nicht mehr aufsperren, aber ein anders gebildeter Schlüssel könnte es.

§Ms-120

71r[5]

Von einer Brucknerschen Symphonie kann man sagen, sie habe zwei Anfänge: den Anfang des ersten & den Anfang des zweiten Gedankens. Diese beiden Gedanken verhalten sich nicht wie Blutsverwandte zu einander sondern wie Mann und Weib.

§Ms-120

71v[1]

Die Brucknersche Neunte ist gleichsam ein Protest gegen die Beethovensche & dadurch wird sie erträglich, was sie, als eine Art Nachahmung, nicht wäre. Sie verhält sich zur Beethovenschen sehr ähnlich, wie der Lenausche Faust zum Goetheschen, nämlich der katholische Faust zum aufgeklärten etc. etc.

§Ms-120

141v[3]

Nichts ist so schwer, als sich nicht betrügen.

§Ms-120

144v[3]

20.4.

Longfellow:

In the elder days of art,\

Builders wrought with greatest care\

Each minute & unseen part,\

For the gods are everywhere.

(Könnte mir als ein Motto dienen.)

§Ms-121

26v[3]

25.05.1938

Erscheinungen mit sprachähnlichem Charakter in der Musik oder Architektur. Die sinnvolle Unregelmäßigkeit – in der Gotik z.B. (mir schweben auch die Türme der Basiliuskathedrale vor). Die Musik Bachs ist sprachähnlicher als die Mozarts & Haydns. Die Rezitative der Bässe im 4ten Satz der 9ten Symphonie von Beethoven. (Vergleiche auch Schopenhauers Bemerkung über die allgemeine Musik zu einem besonderen Text.)

§Ms-121

35v[4] &
36r[1]

11.06.1938

Im Rennen der Philosophie gewinnt, wer am langsamsten laufen kann. Oder: der, der das Ziel zuletzt erreicht.

§Ms-122

65r[3] &
65v[1]

30.12.1939

Sich psychoanalysieren lassen ist irgendwie ähnlich vom Baum der Erkenntnis essen. Die Erkenntnis, die man dabei erhält, stellt uns (neue) ethische Probleme; trägt aber nichts zu ihrer Lösung bei.

§Ms-162a

18[2]

[Was fehlt der Mendelssohnschen Musik? Eine ‘mutige’ Melodie?]

§Ms-162b

16v[2] &
17r[1]

Das alte Testament gesehen als der Körper ohne Kopf; das neue Testament: der Kopf; die Briefe der Apostel: die Krone auf dem Haupt. Wenn ich an die Judenbibel denke, das alte Testament allein, möchte ich sagen: diesem Körper fehlt (noch) der Kopf. Diesen Problemen fehlt die Lösung. Diesen Hoffnungen die Erfüllung. Aber ich denke mir nicht notwendigerweise einen Kopf mit einer Krone.


§Ms-162b

21v[2]

Der Neid ist etwas oberflächliches – d.h.: die typische Farbe des Neides reicht nicht tief – weiter unten hat die Leidenschaft eine andere Färbung. (Das macht den Neid, natürlich, nicht weniger real.)

§Ms-162b

22r[2] &
22v[1]

Das Maß des Genies ist der Charakter, – wenn auch der Charakter an sich nicht das Genie ausmacht. Genie ist nicht ‘Talent und Charakter’, sondern Charakter der sich in der Form eines speziellen Talents kundgibt. Wie ein Mensch aus Mut einem ins Wasser nachspringt, so schreibt ein anderer aus Mut eine Symphonie. (Dies ist ein schwaches Beispiel.)

§Ms-162b

24r[3]

Das Genie hat nicht mehr Licht als ein andrer, rechtschaffener Mensch – aber es sammelt dies Licht durch eine bestimmte Art von Linse in einem Brennpunkt.

§Ms-162b

24r[4] &
24v[1]

Worin wird die Seele von eiteln Gedanken bewegt, – wenn sie doch eitel sind? Nun sie wird von ihnen bewegt. (Wie kann der Wind den Baum bewegen, wo er doch nur Wind ist? Nun er bewegt ihn; & vergiß es nicht.)

§Ms-162b

37r[2]

Man kann nicht die Wahrheit sagen, wenn man sich noch nicht selber bezwungen hat. Man kann sie nicht sagen; – aber nicht, weil man noch nicht gescheit genug ist.

§Ms-162b

37r[3] &
37v[1]

Nur der kann sie sagen der schon in ihr ruht; nicht der, der noch in der Unwahrheit ruht, & nur einmal aus der Unwahrheit heraus nach ihr langt.

§Ms-162b

42v[3]

Auf seinen Lorbeeren auszuruhen ist so gefährlich, wie auf einer Schneewanderung ausruhen. Du nickst ein & stirbst im Schlaf.

§Ms-162b

53r[3] &
53v[1]

Die ungeheure Eitelkeit der Wünsche zeigt sich dadurch, daß ich z.B. den Wunsch habe, ein schönes Schreibebuch sobald wie möglich vollzuschreiben. Ich habe nichts davon; ich wünsche es nicht etwa, weil es nur meine Produktivität anzeigt; es ist bloß das Verlangen, etwas schon Gewohntes recht bald los zu werden; obwohl ich ja, sobald ich es los geworden bin, ein neues anfangen werde & sich dasselbe wiederholen muß.

§Ms-162b

55v[2] &
56r[1]

Schopenhauer, könnte man sagen, ist ein ganz roher Geist. D.h.: Er hat Verfeinerung, aber in einer gewissen Tiefe hört diese plötzlich auf & er ist so roh, wie der Roheste. Dort, wo eigentliche Tiefe anfängt, hört die seine auf.

§Ms-162b

56r[2]

Man könnte von Schopenhauer sagen: er geht nie in sich.

§Ms-162b

56r[3]

Ich sitze auf dem Leben, wie der schlechte Reiter auf dem Roß. Ich verdanke es nur der Gutmütigkeit des Pferdes, daß ich jetzt gerade nicht abgeworfen werde.

§Ms-162b

59r[2] &
59v[1]

‘Der Eindruck (den diese Melodie macht) ist völlig unbeschreibbar.’ – Das heißt: eine Beschreibung tut's (für meinen Zweck) nicht; Du mußt die Melodie hören. Wenn die Kunst dazu dient ‘Gefühle zu erzeugen’, ist, am Ende, ihre sinnliche Wahrnehmung auch unter diesen Gefühlen?

§Ms-162b

59v[4] &
60r[1] &
60v[1]

Meine Originalität, (wenn das das richtige Wort ist), ist, glaube ich, eine Originalität des Bodens, nicht des Samens. (Ich habe vielleicht keinen eigenen Samen.) Wirf einen Samen in meinen Boden, & er wird anders wachsen, als in irgend einem andern Boden. Auch die Originalität Freud's war, glaube ich, von dieser Art. Ich habe immer geglaubt – ohne daß ich weiß, warum – daß der eigentliche Same der Psychoanalyse von Breuer, nicht von Freud herrührt. Das Samenkorn Breuers kann natürlich nur ganz winzig gewesen sein. (Mut ist immer originell.)

§Ms-162b

60v[2]

Die Menschen heute glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren, die Dichter & Musiker etc., sie zu erfreuen. Daß diese sie etwas zu lehren haben; kommt ihnen nicht in dem Sinn.

§Ms-162b

60v[3] &
61r[1]

Das Klavierspielen, ein Tanz der menschlichen Finger.

§Ms-162b

61r[4] &
61v[1]

Shakespeare, könnte man sagen, zeigt den Tanz der menschlichen Leidenschaften. Er muß daher objektiv sein, sonst würde er ja nicht den Tanz der menschlichen Leidenschaften zeigen – sondern etwa über ihn reden. Aber er zeigt sie uns im Tanz, nicht naturalistisch. (Diese Idee habe ich von Paul Engelmann.)

§Ms-162b

63r[1]

Die Gleichnisse des N.T. lassen jede beliebige Tiefe der Interpretation zu. Sie sind ohne Boden.

§Ms-162b

63r[2]

Sie haben weniger Stil, als das erste Sprechen eines Kindes. Auch im höchsten Kunstwerk ist noch etwas, was man ‘Stil’, ja auch, was man ‘Manier’ nennen kann.

§Ms-122

88r[2] &
88v[1]

10.01.1940

In aller großen Kunst ist ein wildes Tier: gezähmt. Bei Mendelssohn, z.B., nicht. Alle große Kunst hat als ihren Grundbaß die primitiven Triebe des Menschen. Sie sind nicht die Melodie (wie, vielleicht, bei Wagner), aber das was der Melodie die Tiefe & Gewalt gibt. In diesem Sinne kann man Mendelssohn einen “reproduktiven” Künstler nennen. –

Im gleichen Sinn: mein Haus für Gretl ist das Resultat entschiedener Feinhörigkeit, guter Manieren, der Ausdruck eines großen Verständnisses (für eine Kultur, etc.). Aber das ursprüngliche Leben, das wilde Leben, welches sich austoben möchte – fehlt. Man könnte also auch sagen, es fehlt ihm die Gesundheit (Kierkegaard). (Treibhauspflanze.)

§Ms-122

95v[3] &
96r[1]

Ein Lehrer, der während des Unterrichts gute, oder sogar erstaunliche Resultate aufweisen kann, ist darum kein guter Lehrer, denn es ist möglich, daß er seine Schüler, während sie unter seinem unmittelbaren Einfluß stehen, zu einer ihnen unnatürlichen Höhe emporzieht, ohne sie doch zu dieser Höhe zu entwickeln, so daß sie sofort zusammensinken, wenn der Lehrer die Schulstube verläßt. Dies gilt vielleicht von mir; ich habe daran gedacht. (Mahlers Lehraufführungen waren ausgezeichnet, wenn er sie leitete; das Orchester schien sofort zusammenzusinken, wenn er es nicht selbst leitete.)

§Ms-122

118r[4] &
118v[1]

01.02.1940

‘Zweck der Musik: Gefühle zu vermitteln.’

§Ms-117

151[4]

Not funk but funk conquered is what is worthy of admiration & makes life worth having been lived. Der Mut, nicht die Geschicklichkeit; nicht einmal wie Inspiration, ist das Senfkorn, das zum großen Baum emporwächst. Soviel Mut, soviel Zusammenhang mit Leben & Tod. (Ich dachte an Labor's & Mendelssohn's Orgelmusik.) Aber dadurch, daß man den Mangel an Mut in einem Andern einsieht, erhält man selbst nicht Mut.

§Ms-117

152[2]

Man könnte sagen: “Genie ist Mut im Talent”.

§Ms-117

153[3]

Trachte geliebt & nicht-bewundert zu werden.

§Ms-117

156[2]

Man muß manchmal einen Ausdruck aus der Sprache herausnehmen, ihn zum Reinigen geben, – & kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen.

§Ms-117

160[4]

Wie schwer fällt mir zu sehen, was vor meinen Augen liegt!

§Ms-117

168[4]

17.02.1940

Du kannst nicht die Lüge nicht aufgeben wollen & die Wahrheit sagen.

§Ms-117

225[2]

Den richtigen Stil schreiben heißt, den Wagen genau auf's Geleise setzen.

§Ms-117

237[2]

06.03.1940

Wenn dieser Stein sich jetzt nicht bewegen will, wenn er eingekeilt ist, beweg' erst andre Steine, um ihn herum. –

§Ms-117

237[3]

Wir wollen Dich nur richtig auf die Bahn setzen, wenn Dein Wagen schief auf den Schienen steht; fahren lassen wir Dich dann allein.

§Ms-117

253[2]

(Mörtel abkratzen ist viel leichter, als einen Stein zu bewegen. Nun, man muß das erste tun, bis man einmal das andre tun kann.)

§Ms-162b

67r[4] &
67v[1]

02.07.1940

Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, daß sie einen dazu führt zu sagen: “Natürlich, so muß es geschehen.” Während man denken sollte: so, & auf viele andere Weisen kann es geschehen sein.

§Ms-162b

67v[2]

Wenn wir die ethnologische Betrachtungsweise verwenden, heißt das, daß wir die Philosophie für Ethnologie erklären? Nein es heißt nur, daß wir unsern Standpunkt weit draußen einnehmen, um die Dinge objektiver sehen zu können.

§Ms-162b

68v[2]

Eine meiner wichtigsten Methoden ist es mir den historischen Gang der Entwicklung unsrer Gedanken anders vorzustellen als er in Wirklichkeit verlaufen ist. Tut man das so zeigt uns das Problem eine ganz neue Seite.

§Ms-162b

69v[2]

19.08.1940

Dasjenige, wogegen ich mich wehre, ist der Begriff einer idealen Exaktheit der uns sozusagen a priori gegeben wäre. Zu verschiedenen Zeiten sind unsere Ideale der Exaktheit verschieden; & keines ist das höchste.

§Ms-162b

70r[2]

21.08.1940

Es ist oft nur sehr wenig unangenehmer die Wahrheit zu sagen, als eine Lüge; etwa nur so sehr wie bittern Kaffee zu trinken als süßen; & doch neige ich auch dann stark dazu, die Lüge zu sagen.

§Ms-123

56r[2]

(Mein Stil gleicht schlechtem musikalischen Satz.)

§Ms-123

56r[3]

Entschuldige nichts, verwische nichts, sieh & sag, wie es wirklich ist – aber Du mußt das sehen, was ein neues Licht auf die Tatsachen wirft.

§Ms-124

3[3]

Unsere größten Dummheiten können sehr weise sein.

§Ms-124

25[2]

Es ist unglaublich, wie eine neue Lade, an geeignetem Ort in unserem filing cabinet, hilft.

§Ms-124

28[4]

Du mußt Neues sagen & doch lauter Altes. (N.)

§Ms-124

28[5]

Du mußt allerdings nur Altes sagen – aber doch etwas Neues!

§Ms-124

29[1]

Die verschiedenen ‘Auffassungen’ müssen verschiedenen Anwendungen entsprechen.

§Ms-124

29[2]

Auch der Dichter muß sich immer fragen: ‘ist denn, was ich schreibe, wirklich wahr?’ – was nicht heißen muß: ‘geschieht es so in Wirklichkeit?’.

§Ms-124

30[3]

Du mußt freilich Altes herbeitragen. Aber zu einem Bau. – (W.)

§Ms-124

31[4] &
32[1]

(Im Alter entschlüpfen uns wieder die Probleme, so wie in der Jugend. Wir können sie nicht nur nicht aufknacken, wir können sie auch nicht halten.)

§Ms-124

49[2]

Welche seltsame Stellungnahme der Wissenschaftler –: “Das wissen wir noch nicht; aber es läßt sich wissen, & es ist nur eine Frage der Zeit, so wird man es wissen”! Als ob es sich von selbst verstünde. –

§Ms-124

56[2]

Ich konnte mir denken, daß Einer meinte, die Namen “Fortnum” & “Mason” paßten zusammen.

§Ms-124

82[1]

Fordere nicht zuviel, & fürchte nicht, daß Deine gerechte Forderung in's Nichts zerrinnen wird.

§Ms-124

93[3]

Die Menschen die immerfort ‘warum’ fragen, sind wie die Touristen, die, im Baedeker lesend, vor einem Gebäude stehen & durch das Lesen der Entstehungsgeschichte etc. etc. daran gehindert werden, das Gebäude zu sehen.

§Ms-163

25r[4] &
25v[1] &
26r[1]

Der Kontrapunkt könnte für einen Komponisten ein außerordentlich schwieriges Problem darstellen; das Problem nämlich: in welches Verhältnis soll ich mit meinen Neigungen mich zum Kontrapunkt stellen. Er mochte ein konventionelles Verhältnis gefunden haben aber wohl fühlen, daß es nicht das seine sei. Daß die Bedeutung nicht klar sei, welche der Kontrapunkt für ihn haben solle. (Ich dachte dabei an Schubert; daran, daß er am Ende seines Lebens noch Unterricht im Kontrapunkt zu nehmen wünschte. Ich meine, sein Ziel sei vielleicht nicht gewesen, einfach mehr Kontrapunkt zu lernen, als vielmehr sein Verhältnis zum Kontrapunkt zu finden.)

§Ms-163

34r[3] &
34v[1]

Wagners Motive könnte man musikalische Prosasätze nennen. Und so, wie es ‘gereimte Prosa’ gibt kann man diese Motive allerdings zur melodischen Form zusammenfügen, aber sie ergeben nicht eine Melodie. Und so ist auch das Wagnersche Drama kein Drama, sondern eine Aneinanderreihung von Situationen, die wie auf einem Faden aufgefädelt sind, der selbst nur klug gesponnen aber nicht, wie die Motive & Situationen, inspiriert ist.

§Ms-163

39r[2]

Laß Dich nicht von dem Beispiel Anderer führen, sondern von der Natur!

§Ms-163

47v[1]

Die Sprache der Philosophen ist schon eine, gleichsam durch zu enge Schuhe, deformierte.

§Ms-163

64v[2] &
65r[1]

Die Personen eines Dramas erregen unsere Teilnahme, sie sind uns wie Bekannte, oft wie Menschen die wir lieben oder hassen: Die Personen im zweiten Teil des Faust erregen unsere Teilnahme gar nicht! Wir haben nie die Empfindung als kennten wir sie. Sie ziehen an uns vorüber wie Gedanken nicht wie Menschen.

§Ms-125

3v[1]

Der Mathematiker (Pascal) der die Schönheit eines Theorems der Zahlentheorie bewundert; er bewundert gleichsam eine Naturschönheit. Es ist wunderbar, sagt er, welch herrliche Eigenschaften die Zahlen haben. Es ist als bewunderte er die Gesetzmäßigkeiten eines Kristalls

§Ms-125

3v[2]

Man könnte sagen: welch herrliche Gesetze hat der Schöpfer in die Zahlen gelegt!

§Ms-125

4r[1]

Wolken kann man nicht bauen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.

§Ms-125

4r[2] &
4v[1]

Ehe man ein Flugzeug hatte hat man Flugzeuge erträumt & wie die Welt mit ihnen aussehen würde. Aber, wie die Wirklichkeit nichts weniger als diesem Traume glich, so hat man überhaupt keinen Grund zu glauben, die Wirklichkeit werde sich zu dem entwickeln, was man träumt. Denn unsre Träume sind voll Tand, gleichsam Papiermützen & Kostüme.

§Ms-125

23r[2]

Die populär-wissenschaftlichen Schriften unserer Wissenschaftler drücken nicht (harte) Arbeit aus, sondern das Ruhn auf den Lorbeeren.

§Ms-125

23r[3] &
23v[1]

Wenn Du die Liebe eines Menschen hast, so kannst Du sie mit keinem Opfer überzahlen aber jedes Opfer ist zu groß, um Dir sie zu erkaufen.

§Ms-125

43r[3] &
43v[1]

Förmlich wie es einen tiefen & einen seichten Schlaf gibt, so gibt es Gedanken die tief im Innern vor sich gehen & Gedanken die sich an der Oberfläche herumtummeln.

§Ms-125

45r[1]

Du kannst den Keim nicht aus dem Boden ziehen. Du kannst ihm nur Wärme, Feuchtigkeit & Licht geben & dann muß er wachsen. (Nur mit Vorsicht darfst Du ihn selbst berühren.)

§Ms-125

57r[3]

[Was hübsch ist, kann nicht schön sein. – – –]

§Ms-125

57v[2] &
58r[1]

18.05.1942

Ein Mensch ist in einem Zimmer gefangen, wenn die Türe unversperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu ziehen, statt gegen sie zu drücken.

§Ms-125

58r[2]

Bring den Menschen in die unrichtige Atmosphäre & nichts wird funktionieren wie es soll. Er wird an allen Teilen ungesund erscheinen. Bring ihn wieder in das richtige Element, & alles wird sich entfalten & gesund erscheinen. Wenn er nun aber im unrechten Element ist? Dann muß er sich also damit abfinden, als Krüppel zu erscheinen.

§Ms-125

58r[3] &
58v[1]

Wenn Weiß zu Schwarz wird, sagen manche Menschen “Es ist im wesentlichen noch immer dasselbe”. Und andere, wenn die Farbe um einen Grad dunkler wird, sagen “Es hat sich ganz verändert”.

§Ms-126

33[3]

Architektur ist eine Geste. Nicht jede zweckmäßige Bewegung des menschlichen Körpers ist eine Geste. Sowenig, wie jedes zweckmäßige Gebäude Architektur.

§Ms-126

133[2]

15.12.1942

Wir kämpfen jetzt gegen eine Richtung. Aber diese Richtung wird sterben, durch andere Richtungen verdrängt. Und dann wird man unsere Argumentation gegen sie nicht mehr verstehen; nicht begreifen, warum man all das hat sagen müssen.

§Ms-126

136[2]

17.12.1942

Den Fehler in einem schiefen Raisonnement suchen & Fingerhut-Verstecken.

§Ms-127

27[2] &
28[1]

20.01.1943

Denk' Dir jemand hätte vor 2000 Jahren die Form

erfunden & gesagt, sie werde einmal die Form eines Instruments der Fortbewegung sein. Oder vielleicht: es hätte jemand den vollständigen Mechanismus der Dampfmaschine konstruiert, ohne die geringste Ahnung, wie er als Motor benützt werden könnte

§Ms-127

70[3]

04.04.1943

Was Du für ein Geschenk hältst, ist ein Problem das Du lösen sollst.

§Ms-127

70[4]

Genie ist das, was uns das Talent des Meisters vergessen macht.

§Ms-127

70[5] &
71[1]

Genie ist das, was uns das Talent vergessen macht.

§Ms-127

71[2]

Wo das Genie dünn ist kann das Geschick durchschauen. (Meistersinger Vorspiel.)

§Ms-127

71[3]

Genie ist das, was macht daß wir das Talent des Meisters nicht sehen können.

§Ms-127

71[4]

Nur wo das Genie dünn ist, kann man das Talent sehen.

§Ms-127

72[1] &
73[1]

27.02.1944

Warum soll ich nicht Ausdrücke entgegen ihrem ursprünglichen Gebrauch verwenden? Tut das z.B. nicht Freud, wenn er auch einen Angsttraum einen Wunschtraum nennt? Wo ist der Unterschied? In der wissenschaftlichen Betrachtung ist der neue Gebrauch durch eine Theorie gerechtfertigt. Und ist diese Theorie falsch, dann ist auch der neue, ausgedehnte Gebrauch aufzugeben. In der Philosophie aber sind es nicht wahre oder falsche Meinungen über Naturvorgänge, auf die sich der ausgedehnte Gebrauch stützt. Keine Tatsache rechtfertigt ihn (&) keine kann ihn stützen.

§Ms-127

73[2] &
74[1]

Wir sagen: “Du verstehst doch diesen Ausdruck? Nun, so wie Du ihn immer verstehst, so gebrauche auch ich ihn.” [Nicht: “… in der Bedeutung …”]

Als wäre die Bedeutung eine Aura, die das Wort in jederlei Verwendung herübernimmt.

§Ms-127

82[1]

Friede in den Gedanken.

§Ms-127

219[4] &
220[1]

Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des Verstandes heilen muß, ehe er zu den Notionen des gesunden Menschenverstandes kommen kann.

§Ms-127

222[2] &
223[1]

Wenn wir im Leben vom Tod umgeben sind, so auch in der Gesundheit des Verstands vom Wahnsinn.

§Ms-127

224[3] &
225[1]

Denken wollen ist eins; Talent zum Denken haben, ein Anderes.

§Ms-127

235[3]

Wenn etwas an der Freudschen Lehre von der Traumdeutung ist; so zeigt sie, in wie komplizierter Weise der menschliche Geist Bilder der Tatsachen macht.

§Ms-127

235[4] &
236[1]

So kompliziert, so unregelmäßig ist die Art der Abbildung, daß man sie kaum mehr eine Abbildung nennen kann.

§Ms-129

181[2]

Es wird schwierig sein, meiner Darstellung zu folgen: denn sie sagt Neues, dem doch die Eierschalen des Alten ankleben.

§Ms-165

200[2]

Ob es eine unerfüllte Sehnsucht ist, die einen Menschen wahnsinnig macht? (Ich dachte an Schumann, aber auch an mich.)

§Ms-165

204[2]

Revolutionär wird der sein, der sich selbst revolutionieren kann.

§Ms-128

46[5]

Menschen sind in dem Maße religiös, als sie sich nicht so sehr unvollkommen, als krank glauben.

§Ms-128

46[6]

Jeder halbwegs anständige Mensch glaubt sich höchst unvollkommen, aber der religiöse glaubt sich elend.

§Ms-128

47[2]

A miracle is, as it were, a gesture which God makes. As a man sits quietly & then makes an impressive gesture, God lets the world run on smoothly & then accompanies the words of a saint by a symbolic occurrence, a gesture of nature. It would be an instance if, when a saint has spoken, the trees around him bowed as if in reverence. – Now do I believe that this happens? I don't.

§Ms-128

47[3]

The only way for me to believe in a miracle in this sense would be to be impressed by an occurrence in this particular way. So that I should say e.g.: “It was impossible to see these trees & not to feel that they were responding to the words.” Just as I might say “It is impossible to see the face of this dog & not to see that he is alert & full of attention to what his master is doing.” And I can imagine that the mere report of the words & life of a saint can make someone believe the reports that the trees bowed. But I am not so impressed.

§Ms-128

47[4]

When I came home I expected a surprise & there was no surprise for me, so, of course, I was surprised.

§Ms-128

49[5]

Glaube Du! Es schadet nicht.

§Ms-128

49[6] &
50[1]

‘Glauben’ heißt, sich einer Autorität unterwerfen. Hat man sich ihr unterworfen, so kann man sie nun nicht, ohne sich gegen sie aufzulehnen, wieder in Frage ziehen & auf's neue glaubwürdig finden.

§Ms-128

50[2]

Ein Notschrei kann nicht größer sein, als der eines Menschen.

§Ms-128

50[3]

Oder auch keine Not kann größer sein, als die, in der ein einzelner Mensch sein kann.

§Ms-128

50[4]

Ein Mensch kann daher in unendlicher Not sein & also unendliche Hilfe brauchen.

§Ms-128

50[5]

Die christliche Religion ist nur für den, der unendliche Hilfe braucht, also nur für den der unendliche Not fühlt.

§Ms-128

50[6]

Der ganze Erdball kann nicht in größerer Not sein als eine Seele.

§Ms-128

50[7]

Der christliche Glaube – so meine ich – ist die Zuflucht in dieser höchsten Not.

§Ms-128

51[1]

Wem so in dieser Not gegeben ist sein Herz zu öffnen statt es zusammenzuziehen, der nimmt das Heilmittel ins Herz auf.

§Ms-128

51[2]

Wer das Herz so öffnet im reuigen Bekenntnis zu Gott, öffnet es auch für die Anderen. Er verliert damit seine Würde als besonderer Mensch & wird daher wie ein Kind. Nämlich ohne Amt, Würde, & Abstand vor den Andern. Sich vor den Andern öffnen kann man nur aus einer besonderen Art von Liebe. Die gleichsam anerkennt, daß wir alle böse Kinder sind.

§Ms-128

51[3]

Man könnte auch sagen: Der Haß zwischen den Menschen kommt davon her, daß wir uns von einander absondern. Weil wir nicht wollen, daß der Andere in uns hineinschaut, weil es darin nicht schön ausschaut.

§Ms-128

51[4]

Man soll nun zwar fortfahren sich seines Innern zu schämen, aber nicht sich seiner vor den Mitmenschen zu schämen.

§Ms-128

52[1]

Größere Not kann nicht empfunden werden, als von einem Menschen. Denn wenn sich ein Mensch verloren fühlt so ist das die höchste Not!

§Ms-179

10v[1]

Worte sind Taten.

§Ms-179

13v[3]

Nur ein sehr unglücklicher Mensch hat das Recht einen andern zu bedauern.

§Ms-179

14r[2]

Man kann vernünftigerweise nicht einmal auf Hitler eine Wut haben; wieviel weniger auf Gott.

§Ms-180a

14v[1]

Wenn Leute gestorben sind, so sehen wir ihr Leben in einem versöhnlichen Licht. Sein Leben scheint uns durch einen Dunst abgerundet. Aber für ihn war's nicht abgerundet, sondern zackig & unvollständig. Für ihn gibt es keine Versöhnung; sein Leben ist nackt & elend.

§Ms-180a

33r[4] &
33v[1]

(Es ist als hätte ich mich verirrt & fragte jemand um den Weg nach Hause. Er sagt er wird mich ihn führen & geht mit mir einen schönen ebenen Weg. Der kommt plötzlich zu einem Ende. Und nun sagt mein Freund: “Alles was Du zu tun hast ist jetzt noch von hier an den Weg nach Hause finden.”)

§Ms-130

239[5] &
240[1]

Je weniger sich Einer selbst kennt & versteht um so weniger groß ist er, wie groß auch sein Talent sein mag. Darum sind unsre Wissenschaftler nicht groß. Darum sind Freud, Spengler, Kraus, Einstein nicht groß.

§Ms-130

283[2]

Schubert ist irreligiös & schwermütig.

§Ms-130

291[3] &
292[1]

Sind alle Leute große Menschen? Nein. – Nur, wie kannst du dann hoffen, ein großer Mensch zu sein! Warum soll mir etwas zuteil werden, was deinen Nachbarn nicht zu teil wird? Wofür?! – Wenn es nicht der Wunsch ist, reich zu sein, der dich glauben macht du seist reich, so muß es doch eine Beobachtung, eine Erfahrung sein die dir das zeigt! Und welche Erfahrung hast du (außer der der Eitelkeit)? Nur die eines Talents. Und meine Einbildung, ich sei ein außerordentlicher Mensch, ist ja viel älter, als meine Erfahrung, meines besonderen Talents.

§Ms-131

2[2]

Von den Melodien Schuberts kann man sagen, sie seien voller Pointen, & das kann man von denen Mozarts nicht sagen; Schubert ist barock. Man kann auf gewisse Stellen einer Schubertschen Melodie zeigen & sagen: siehst Du, das ist der Witz dieser Melodie, hier spitzt sich der Gedanke zu.

§Ms-131

2[3] &
3[1]

Auf die Melodien der verschiedenen Komponisten kann man jenes Prinzip der Betrachtung anwenden: jede Baumart sei in anderem Sinne ‘Baum’. D.h.: Laß Dich nicht irreführen dadurch, daß man sagt, alles dies seien Melodien. Es sind Stufen auf einem Weg, der von etwas, was Du keine Melodie nennen würdest zu etwas führt, was Du auch keine nennen würdest. Wenn man bloß die Tonfolgen & den Wechsel der Tonarten ansieht, so erscheinen alle diese Gebilde allerdings in Koordination. Siehst Du aber das Feld an, in dem sie stehen (also ihre Bedeutung), so wird man geneigt sein zu sagen: Hier ist die Melodie etwas ganz anderes als dort (sie hat hier einen andern Ursprung, spielt eine andere Rolle, u.a.).

§Ms-131

19[2]

Der Gedanke, der sich an's Licht arbeitet.

§Ms-131

27[2]

Die Bemerkung des Jucundus im ‘Verlorenen Lachen’ seine Religion bestünde daraus: er wisse, – wenn es ihm jetzt gut geht, – sein Schicksal könne sich zum Schlechten wenden. – Dies drückt eigentlich die gleiche Religion aus, wie das Wort “Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.”

§Ms-131

38[3]

Es ist schwer sich recht zu verstehen, denn dasselbe, was man aus Größe & Güte tun könnte, kann man aus Feigheit oder Gleichgültigkeit tun. Man kann sich freilich so & so aus wahrer Liebe benehmen, aber auch aus Hinterlist & auch aus Kälte des Herzens. Sowie nicht alle Milde Güte ist. Und nur wenn ich in Religion untergehen könnte, könnten diese Zweifel schweigen. Denn nur Religion könnte die Eitelkeit zerstören & in alle Spalten dringen.

§Ms-131

43[2] &
44[1]

Ich will also sagen: Wer – z.B. – das Wort “pas” in “je ne sais pas” nicht als “Schritt” empfinden kann, dem kann man nicht einen Ausdruck der Stimme beibringen, indem man ihm sagt “sprich es in dieser Bedeutung aus”. Wenn man vorliest & gut vorlesen will, begleitet man die Worte mit stärkeren Vorstellungen. Wenigstens ist es oft so. Manchmal aber [“Nach Korinthus von Athen …”] ist es die Interpunktion, d.h., die genaue Intonation & die Länge der Pausen, auf die uns alles ankommt.

§Ms-131

46[1]

Es ist merkwürdig, wie schwer es fällt zu glauben, was wir nicht selbst einsehen. Wenn ich z.B. bewundernde Äußerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shakespeare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen; obwohl ich mir doch sagen muß, daß es so nicht ist. Ich brauche die Autorität eines Milton um wirklich überzeugt zu sein. Bei diesem nehme ich an, daß er unbestechlich war. – Damit meine ich aber natürlich nicht, daß nicht eine ungeheure Menge Lobes ohne Verständnis & aus falschen Gründen Shakespeare gespendet worden ist & wird, von tausend Professoren der Literatur.

§Ms-131

48[4] &
49[1]

Die Schwierigkeit tief fassen, ist das Schwere. Denn seicht gefaßt, bleibt sie eben Schwierigkeit. Sie ist mit der Wurzel auszureißen; & das heißt, man muß auf neue Art anfangen, über diese Dinge zu denken. Die Änderung ist z.B. eine so entschiedene, wie die von der alchemistischen zur chemischen Denkungsweise. – Es ist die neue Denkweise, die so schwer festzulegen ist.

§Ms-131

49[2]

Ist sie festgelegt, so verschwinden die alten Probleme; ja es wird schwer, sie wieder zu erfassen. Denn sie sitzen in der Ausdrucksweise; & wird eine neue angezogen, so streift man die alten Probleme mit dem alten Gewand ab.

§Ms-131

66[2] &
67[1]

19.08.1946

Die hysterische Angst, die die Öffentlichkeit jetzt vor der Atom-Bombe hat, oder doch ausdrückt, ist beinahe ein Zeichen, daß hier einmal wirklich eine heilsame Erfindung gemacht worden ist. Wenigstens macht die Furcht den Eindruck der, vor einer wirklich wirksamen bitteren Medizin. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren: wenn hier nicht etwas Gutes vorläge, würden die Philister kein Geschrei anheben. Aber vielleicht ist auch das ein kindischer Gedanke. Denn alles, was ich meinen kann, ist doch nur, daß die Bombe das Ende, die Zerstörung eines gräßlichen Übels, der ekelhaften, seifenwäßrigen Wissenschaft, in Aussicht stellt. Und das ist freilich kein unangenehmer Gedanke; aber wer sagt, was auf eine solche Zerstörung folgen würde? Die Leute, die heute gegen die Erzeugung der Bombe reden, sind freilich der Auswurf der Intelligenz, aber auch das beweist nicht unbedingt, daß das zu preisen ist, was sie verabscheuen.

§Ms-131

79[2]

Menschen sind in vorigen Zeiten ins Kloster gegangen. Waren das etwa dumme, oder stumpfe Menschen? – Nun, wenn solche Leute solche Mittel ergriffen haben um weiter leben zu können, kann das Problem nicht leicht sein!

§Ms-131

80[4]

Der Mensch ist das beste Bild der menschlichen Seele.

§Ms-131

163[3] &
164[1]

Die Gleichnisse Shakespeare's sind, im gewöhnlichen Sinne, schlecht. Sind sie also dennoch gut – & ob sie es sind, weiß ich nicht – so müssen sie ihr eigenes Gesetz sein. Ihr Klang könnte sie z.B. wahrscheinlich, & zur Wahrheit, machen. Es könnte sein, daß bei Shakespeare die Leichtigkeit, die Selbstherrlichkeit das Wesentliche ist, daß man ihn also hinnehmen müßte, um ihn wirklich bewundern zu können, wie man die Natur, eine Landschaft z.B., hinnimmt. Wenn ich darin Recht habe, so würde das heißen, daß der Stil des ganzen Werkes, ich meine, seiner gesamten Werke, hier das Wesentliche, & Rechtfertigende, ist.

§Ms-131

164[2]

Daß ich ihn nicht verstehe, wäre dann damit zu erklären, daß ich ihn nicht mit Leichtigkeit lesen kann. Nicht so, also, wie man eine herrliche Landschaft besieht.

§Ms-131

176[3] &
177[1]

Der Mensch sieht wohl, was er hat, aber nicht, was er ist. Was er ist, ist gleichsam wie seine Höhe über dem Meeresspiegel, die man meistens nicht ohne weiteres beurteilen kann. Und die Größe, oder Kleinheit eines Werks hängt davon ab, wo der steht, der es gemacht hat. Man kann aber auch sagen: Der ist nie groß, der sich selbst verkennt: der sich einen blauen Dunst vormacht.

§Ms-131

180[4]

Welch ein kleiner Gedanke doch ein ganzes Leben füllen kann!

§Ms-131

181[1]

Wie man doch sein ganzes Leben lang dasselbe kleine Ländchen bereisen kann, & meinen, es gäbe nichts außer ihm! Man sieht alles in einer merkwürdigen Perspektive (oder Projektion): das Land, was man unaufhörlich bereist, kommt einem ungeheuer groß vor; alle umgebenden Länder sieht man wie schmale Randgebiete.

§Ms-131

182[2]

Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen; you can do it in your own back-garden.

§Ms-131

186[2] &
186[1]

03.09.1946

Es ist sehr merkwürdig, daß man zu meinen geneigt ist, die Zivilisation – die Häuser, Straßen, Wagen, etc. – entfernten den Menschen von seinem Ursprung, vom Hohen, Unendlichen, u.s.f.. Es scheint dann, als wäre die zivilisierte Umgebung, auch die Bäume & Pflanzen in ihr, billig, eingewickelt in Zellophan, & isoliert von allem Großen & sozusagen von Gott. Es ist ein merkwürdiges Bild, was sich einem da aufdrängt.

§Ms-131

218[2]

Meine ‘Errungenschaft’ ist sehr ähnlich der eines Mathematikers, der einen Kalkül erfindet.

§Ms-131

219[4]

Wenn die Menschen nicht manchmal Dummheiten machten, geschähe überhaupt nichts Gescheites.

§Ms-131

221[2]

Das rein Körperliche kann unheimlich sein. Vergleiche die Art & Weise, wie man Engel & Teufel darstellt. Was man “Wunder” nennt, muß damit zusammenhängen. Es muß sozusagen eine heilige Gebärde sein.

§Ms-132

8[2]

Wie Du das Wort “Gott” verwendest, zeigt nicht, wen Du meinst, sondern was Du meinst.

§Ms-132

12[2]

Beim Stierkampf ist der Stier der Held einer Tragödie. Zuerst durch Schmerzen toll gemacht, stirbt er einen langen & furchtbaren Tod.

§Ms-132

46[2] &
47[1]

22.09.1946

Ein Held sieht dem Tod ins Angesicht, dem wirklichen Tod, nicht bloß dem Bild des Todes. Sich in einer Krise anständig zu benehmen, heißt nicht einen Helden, gleichsam wie auf dem Theater, gut darstellen können, sondern es heißt dem Tod selbst ins Auge schauen können. Denn der Schauspieler kann eine Menge Rollen spielen, aber am Ende muß er doch selbst als Mensch sterben.

§Ms-132

51[3]

Worin besteht es: einer musikalischen Phrase mit Verständnis folgen? Ein Gesicht mit einem Gefühl für seinen Ausdruck betrachten? Den Ausdruck des Gesichts eintrinken?

§Ms-132

52[1]

Denk an das Benehmen Eines, der das Gesicht mit Verständnis für seinen Ausdruck zeichnet. An das Gesicht an die Bewegungen des Zeichnenden; – wie drückt es sich aus, daß jeder Strich, den er macht, von dem Gesicht diktiert ist, daß nichts an seiner Zeichnung willkürlich ist, daß es ein feines Instrument ist? Ist denn das wirklich ein Erlebnis? Ich meine: kann man sagen, daß dies ein Erlebnis ausdrückt?

§Ms-132

52[2] &
53[1]

Noch einmal: Worin besteht es, einer musikalischen Phrase mit Verständnis folgen, oder, sie mit Verständnis spielen? Sieh nicht in Dich selbst. Frag Dich lieber, was Dich sagen macht, der Andre tue dies. Und was veranlaßt Dich, zu sagen, er habe ein bestimmtes Erlebnis? Ja, sagt man das überhaupt? Würde ich nicht eher vom Andern sagen, er habe eine Menge Erlebnisse? Ich würde wohl sagen “Er erlebt das Thema intensiv”; aber bedenke, was hiervon der Ausdruck ist?

§Ms-132

53[2] &
54[1]

Da könnte man nun wieder meinen das intensive Erleben des Themas ‘bestünde’ in den Empfindungen der Bewegung etc. womit wir es begleiten. Und das scheint (wieder) eine beruhigende Erklärung. Aber hast Du irgend einen Grund, zu glauben es sei so? Ich meine, z.B., eine Erinnerung an diese Erfahrung? Ist diese Theorie nicht wieder bloß ein Bild? Nein, es ist nicht so: Die Theorie ist nur ein Versuch, die Ausdrucksbewegungen mit einer ‘Empfindung’ zu kuppeln.

§Ms-132

54[2]

Fragst Du: wie ich das Thema empfunden habe, – so werde ich vielleicht sagen: “Als Frage” oder dergleichen, oder ich werde es mit Ausdruck pfeifen etc.

§Ms-132

59[2]

25.09.1946

“Er erlebt das Thema intensiv. Es geht etwas in ihm vor, wenn er es hört.” Und was?

§Ms-132

59[3] &
60[1]

Weist das Thema auf nichts außer sich? Oh ja! Das heißt aber: – Der Eindruck, den es mir macht, läuft mit Dingen in seiner Umgebung zusammen – z.B. mit der Existenz der deutschen Sprache & ihrer Intonation, das heißt aber mit dem ganzen Feld unsrer Sprachspiele. Wenn ich z.B. sage: Es ist, als ob hier ein Schluß gezogen würde, oder, als ob hier etwas bekräftigt würde, oder, also ob dies eine Antwort auf das Frühere wäre, – so setzt mein Verständnis eben die Vertrautheit mit Schlüssen, Bekräftigungen, Antworten, voraus.

§Ms-132

60[2]

Ein Thema hat nicht weniger einen Gesichtsausdruck, als ein Gesicht.

§Ms-132

60[3] &
61[1]

“Die Wiederholung ist notwendig”. Inwiefern ist sie notwendig. Nun singe es, so wirst Du sehen, daß ihm erst die Wiederholung seine ungeheure Kraft gibt. – Ist es uns denn nicht, als müsse hier eine Vorlage für das Thema in der Wirklichkeit existieren, & das Thema käme ihr nur dann nahe, entspräche ihr nur, wenn dieser Teil wiederholt würde? Oder soll ich die Dummheit sagen: “Es klingt eben schöner mit der Wiederholung”? (Da sieht man übrigens welche dumme Rolle das Wort “schön” in der Ästhetik spielt.) Und doch ist da eben kein Paradigma außerhalb des Themas. Und doch ist auch wieder ein Paradigma außerhalb des Themas: nämlich der Rhythmus unsrer Sprache, unseres Denkens & Empfindens. Und das Thema ist auch wieder ein neuer Teil unsrer Sprache, es wird in sie einverleibt; wir lernen eine neue Gebärde.

§Ms-132

61[2]

Das Thema ist in Wechselwirkung mit der Sprache.

§Ms-132

61[3]

Eines ist in Gedanken säen, eines, in Gedanken ernten.

§Ms-132

62[1]

Die beiden letzten Takte des “Tod & Mädchen” Themas, das 𝆗; man kann zuerst meinen, daß diese Figur konventionell, gewöhnlich, ist, bis man ihren tiefern Ausdruck versteht. D.h., bis man versteht, daß hier das gewöhnliche sinnerfüllt ist.

§Ms-132

62[2] &
63[1]

“Lebt wohl!” “Eine ganze Welt des Schmerzes liegt in diesen Worten”. Wie kann sie in ihnen leben? – Sie hängt mit ihnen zusammen. Die Worte sind wie die Eichel aus der ein Eichenbaum wachsen kann. Aber wo ist das Gesetz niedergelegt, wonach aus der Eichel der Baum wächst? Nun, das Bild ist durch die Erfahrung unserem Denken einverleibt.

§Ms-132

69[2]

Esperanto. Das Gefühl des Ekels, wenn wir ein erfundenes Wort mit erfundenen Ableitungssilben aussprechen. Das Wort ist kalt, hat keine Assoziationen & spielt doch ‘Sprache’. Ein bloß geschriebenes Zeichensystem würde uns nicht so anekeln.

§Ms-132

75[3] &
76[1]

Man könnte Gedanken Preise anheften. Manche kosten viel manche wenig. [Broad's Gedanken kosten alle sehr wenig.] Und womit zahlt man für Gedanken? Ich glaube: mit Mut.

§Ms-132

136[2] &
137[1]

Wenn das Leben schwer erträglich wird, denkt man an Verbesserungen. Aber die wichtigste & wirksamste Verbesserung, die des eigenen Verhaltens, kommt uns kaum in den Sinn, & zu ihr können wir uns am aller schwersten entschließen.

§Ms-132

145[2]

Man kann einen Stil schreiben, der in der Form unoriginell ist – wie der meine – aber mit gut gewählten Wörtern; oder aber einen, dessen Form originell, aus dem Innern neu gewachsen, ist. (Und natürlich auch einen, der nur irgendwie aus alten Möbeln zusammengestopplt ist.)

§Ms-132

167[2] &
168[1]

11.10.1946

Das Christentum sagt unter anderm, glaube ich, daß alle guten Lehren nichts nützen. Man müsse das Leben ändern. (Oder die Richtung des Lebens.) Daß alle Weisheit kalt ist; & daß man mit ihr das Leben so wenig in Ordnung bringen kann, wie man Eisen kalt schmieden kann. Eine gute Lehre nämlich muß einen nicht ergreifen; man kann ihr folgen, wie einer Vorschrift des Arzts. – Aber hier muß man von etwas ergriffen & umgedreht werden. – (D.h., so verstehe ich's.) Ist man umgedreht, dann muß man umgedreht bleiben. Weisheit ist leidenschaftslos. Dagegen nennt Kierkegaard den Glauben eine Leidenschaft.

§Ms-132

190[3]

Die Religion ist sozusagen der tiefste ruhige Meeresgrund, der ruhig bleibt, wie hoch auch die Wellen oben gehen. –

§Ms-132

191[4] &
192[1]

“Ich habe nie früher an Gott geglaubt” – das versteh ich. Aber nicht: “Ich habe nie früher wirklich an Ihn geglaubt.”

§Ms-132

197[1]

Ich fürchte mich oft vor dem Wahnsinn. Hab ich irgend einen Grund anzunehmen, daß diese Furcht nicht sozusagen einer optischen Täuschung entspringt: ich halte irgend etwas für einen nahen Abgrund, was keiner ist? Die einzige Erfahrung von der ich weiß, die dafür spricht, daß dies keine Täuschung ist, ist der Fall Lenaus. In seinem “Faust” nämlich finden sich Gedanken der Art, wie ich sie auch kenne. Lenau legt sie in den Mund Fausts, aber es sind gewiß seine eigenen über sich selbst. Das Wichtige ist, was Faust über seine Einsamkeit, oder Vereinsamung sagt.

§Ms-132

197[2] &
198[1]

Auch sein Talent kommt mir dem meinen ähnlich vor: Viel Spreu – aber einige schöne Gedanken. Die Erzählungen im Faust sind alle schlecht, aber die Betrachtungen oft wahr & groß.

§Ms-132

202[4] &
203[1]

Lenaus Faust ist in sofern merkwürdig, als es der Mensch hier nun mit dem Teufel zu tun hat. Gott rührt sich nicht.

§Ms-132

205[2] &
206[1] &
207[1]

Ich glaube, Bacon war kein scharfer Denker. Er hatte große, sozusagen breite, Visionen. Aber wer nur diese hat, der muß im Versprechen großartig, im Erfüllen ungenügend sein. Man kann eine Flugmaschine erdichten, ohne es mit ihren Einzelheiten genau zu nehmen. Ihr Äußeres mag man sich sehr ähnlich dem eines richtigen Aeroplans vorstellen, & ihre Wirkungen malerisch beschreiben. Es ist auch nicht klar, daß so eine Erfindung wertlos sein muß. Vielleicht spornt sie Andere zu einer anderen Art von Arbeit an. – Ja, während diese, sozusagen von fern her, die Vorbereitungen treffen, zum Bauen eines Aeroplans, der wirklich fliegt, beschäftigt Jener sich damit, zu träumen, wie dieses Aeroplan aussehen muß, & was er leisten wird. Über den Wert dieser Tätigkeiten ist damit noch nichts gesagt. Die des Träumers mag wertlos sein – & auch die andere.

§Ms-133

2r[2] &
2v[1]

Den Wahnsinn muß man nicht als Krankheit ansehen. Warum nicht als eine plötzliche – mehr oder weniger plötzliche – Charakteränderung? Jeder Mensch ist (oder die Meisten sind) mißtrauisch, & vielleicht gegen die Verwandten mehr, als gegen Andere. Hat das Mißtrauen einen Grund? Ja & nein. Man kann dafür Gründe angeben, aber sie

sind nicht zwingend. Warum soll ein Mensch nicht plötzlich gegen die Menschen viel mißtrauischer werden? Warum nicht viel verschlossener? oder liebeleer? Werden Menschen dies nicht auch im gewöhnlichen Verlauf? – Wo ist hier die Grenze zwischen Wollen & Können? Will ich mich niemandem mehr mitteilen, oder kann ich's nicht? Wenn so vieles seinen Reiz verlieren kann, warum nicht Alles? Wenn der Mensch auch im gewöhnlichen Leben verschlagen ist, warum soll er nicht – & vielleicht plötzlich – noch viel verschlagener werden? Und viel unzugänglicher.

§Ms-133

4r[3]

24.10.1946

Eine Pointe im Gedicht ist überspitzt, wenn die Verstandesspitzen nackt zu Tage treten, nicht überkleidet vom Herzen.

§Ms-133

7r[2]

Oh es kann ein Schlüssel für ewig da liegen, wohin ihn der Meister gelegt hat, & nie verwendet werden, das Schloß aufzuschließen, dafür der Meister ihn geschmiedet hat.

§Ms-133

10r[3]

“Es ist höchste Zeit, daß wir diese Erscheinung mit etwas anderem vergleichen” – kann man sagen. – Ich denke da, z.B., an Geisteskrankheiten.

§Ms-133

11v[3]

Freud hat durch seine phantastischen Pseudo-Erklärungen (gerade weil sie geistreich sind) einen schlimmen Dienst erwiesen. (Jeder Esel hat sie nun zur Hand, mit ihrer Hilfe Krankheitserscheinungen zu ‘erklären’.)

§Ms-133

16r[1]

Die Ironie in der Musik. Bei Wagner z.B. in den Meistersingern. Unvergleichlich tiefer im ersten Satz der IX. im Fugato. Hier ist etwas, was in der Rede dem Ausdruck grimmiger Ironie entspricht.

§Ms-133

16r[2] &
16v[1]

02.11.1946

Ich hätte auch sagen können: das Verzerrte in der Musik. In dem Sinne in dem man von gramverzerrten Zügen spricht. Wenn Grillparzer sagt, Mozart habe in der Musik nur das “Schöne” zugelassen, so heißt das, glaube ich, daß er nicht das Verzerrte, Gräßliche zugelassen habe, daß in seiner Musik sich nichts findet, was diesem entspricht. Ob das ganz wahr ist, will ich nicht sagen, aber angenommen, es ist so, so ist es ein Vorurteil Grillparzer, daß es von Rechts wegen nicht anders sein dürfe. Daß die Musik nach Mozart (besonders natürlich durch Beethoven) ihr Sprachgebiet erweitert hat ist weder zu preisen, noch zu beklagen, sondern: so verhält es sich. In Grillparzers Verhalten ist eine Art von Undankbarkeit. Wollte er noch einen Mozart haben? Könnte er sich etwas vorstellen, was so einer nun komponieren würde? Hätte er sich Mozart vorstellen können, wenn er ihn nicht gekannt hätte? Hier hat auch der Begriff “das Schöne” manchen Unfug angestellt.

§Ms-133

16v[2]

Begriffe können einen Unfug erleichtern oder erschweren; begünstigen, oder hemmen.

§Ms-133

35r[2]

12.11.1946

The fundamental insecurity of life. Jammer, wohin man sieht. Die grinsenden Gesichter der Dummen können uns allerdings glauben machen, sie hätten kein wirkliches Leid; aber sie haben es, nur wo anders als der Gescheitere. Sie haben, sozusagen, keinen Kopfschmerz, aber so viel anderes Elend, wie jeder Andere. Es muß ja nicht alles Elend den gleichen Gesichtsausdruck hervorrufen. Ein edlerer Mensch in seinem Leiden wird anders anschaun als ich.

§Ms-133

42r[2]

Ich kann nicht niederknien, zu beten, weil gleichsam meine Knie steif sind. Ich fürchte mich vor der Auflösung (vor meiner Auflösung) wenn ich weich würde.

§Ms-133

42r[4]

Ich zeige meinen Schülern Ausschnitte aus einer ungeheuern Landschaft, in der sie sich unmöglich auskennen können.

§Ms-133

46r[1]

07.01.1947

Die apokalyptische Ansicht der Welt ist eigentlich die, daß sich die Dinge nicht wiederholen. Es ist z.B. nicht unsinnig, zu glauben, daß das wissenschaftliche & technische Zeitalter der Anfang vom Ende der Menschheit ist; daß die Idee vom großen Fortschritt eine Verblendung ist, wie auch von der endlichen Erkenntnis der Wahrheit; daß an der wissenschaftlichen Erkenntnis nichts Gutes oder Wünschenswertes ist & daß die Menschheit, die nach ihr strebt, in eine Falle läuft. Es ist durchaus nicht klar, daß dies nicht so ist.

§Ms-133

60r[4]

Was ein Mann träumt, das erfüllt sich so gut wie nie.

§Ms-133

95r[3] &
95v[1]

27.02.1947

Sokrates, der den Sophisten immer zum Schweigen bringt – bringt er ihn mit Recht zum Schweigen? – Ja, der Sophist weiß nicht, was er zu wissen glaubte; aber das ist kein Triumph für Sokrates. Weder kann es heißen “Sieh da! Du weißt es nicht!” – noch, triumphierend, “Also wissen wir Alle nichts!” Denn ich will nicht denken, bloß um mich selbst, oder gar den Andern, der Unklarheit zu überführen. Ich trachte nicht, etwas zu verstehen, nur um zu sehen, daß ich's noch nicht verstehe.

§Ms-134

9[3]

Die Weisheit ist etwas Kaltes, & insofern Dummes. (Der Glaube dagegen, eine Leidenschaft.) Man könnte auch sagen: Die Weisheit verhehlt Dir nur das Leben. (Die Weisheit ist wie kalte, graue Asche, die die Glut verdeckt.)

§Ms-134

20[5]

Scheue Dich ja nicht davor, Unsinn zu reden! Nur mußt Du auf Deinen Unsinn lauschen.

§Ms-134

26[3] &
27[1]

10.03.1947

Die Wunder der Natur. Man könnte sagen: die Kunst zeige uns die Wunder der Natur. Sie basiere auf dem Begriff der Wunder der Natur. (Die sich öffnende Blüte. Was ist an ihr herrlich?) Man sagt: “Sieh, wie sie sich öffnet!”

§Ms-134

28[2]

Auch der Mathematiker kann natürlich die Wunder (das Kristall) der Natur anstaunen; aber kann er es, wenn es einmal problematisch geworden ist, was er sieht? Ist es wirklich möglich, solange eine philosophische Trübe das verschleiert, was das Staunenswerte oder Angestaunte ist? Ich könnte mir denken, daß Einer Bäume bewundert, & auch die Schatten, oder Spiegelungen von Bäumen, die er für Bäume hält. Sagt er sich aber einmal, daß dies doch keine Bäume sind & wird es für ihn problematisch, was sie sind, oder was ihre Beziehung zu Bäumen ist, dann hat die Bewunderung einen Riß, der erst der erst zu heilen ist.

§Ms-134

76[4] &
77[1]

Manchmal kann ein Satz nur verstanden werden, wenn man ihn im richtigen Tempo liest. Meine Sätze sind alle langsam zu lesen.

§Ms-134

78[1]

30.03.1947

Die ‘Notwendigkeit’, mit der der zweite Gedanke auf den ersten folgt. (Figaro Ouvertüre.) Nichts dümmer, als zu sagen, es sei ‘angenehm’ den einen nach dem andern zu hören! – Aber das Paradigma, wonach das alles richtig ist, ist freilich dunkel. ‘Es ist die natürliche Entwicklung.’ Man macht eine Handbewegung, möchte sagen: “natürlich!” – Man könnte den Übergang auch einem Übergang (dem Eintritt einer neuen Figur) in einer Geschichte, z.B., oder einem Gedicht, vergleichen. So paßt dies Stück in die Welt unsrer Gedanken & Gefühle hinein.

§Ms-134

80[3]

Die Falten meines Herzens wollen immer zusammenkleben, & um es zu öffnen müßte ich sie immer wieder auseinanderreißen.

§Ms-134

89[2]

Der amerikanische dumme & naive Film kann in aller seiner Dummheit & durch sie belehren. Der trottelhafte, nicht-naive englische Film kann nicht belehren. Ich habe oft aus einem dummen amerikanischen Film eine Lehre gezogen.

§Ms-134

95[2]

Ist, was ich tue überhaupt der Mühe wert? Doch nur, wenn es von oben her ein Licht empfängt. Und ist es so, – warum sollte ich mich sorgen, daß mir die Früchte meiner Arbeit nicht gestohlen werden? Wenn, was ich schreibe, wirklich wertvoll ist, wie sollte man mir das Wertvolle stehlen? Ist das Licht von oben nicht da, so kann ich ja doch nur geschickt sein.

§Ms-134

100[2] &
101[1]

Ich verstehe es vollkommen, wie Einer es hassen kann, wenn ihm die Priorität seiner Erfindung, oder Entdeckung streitig gemacht wird, wie er diese Priorität with tooth & claw zu verteidigen willens sein kann. Und doch ist sie nur eine Chimäre. Es scheint mir freilich zu billig, all zu leicht, wenn Claudius über die Prioritätsstreitigkeiten zwischen Newton & Leibniz spottet; aber es ist, glaube ich, doch wahr, daß dieser Streit nur üblen Schwächen entspringt & von üblen Menschen genährt wird. Was hätte Newton verloren, wenn er die Originalität Leibnizens anerkannt hätte? Gar nichts! Er hätte viel gewonnen. Und doch, wie schwer ist dieses Anerkennen, das Einem, der es versucht, wie ein Eingeständnis des eigenen Unvermögens vorkommt. Nur Menschen, die einen schätzen & zugleich lieben, können einem dieses Benehmen leicht machen. Es handelt sich natürlich um Neid. Und wer ihn fühlt, müßte sich immer sagen: “Es ist ein Irrtum! Es ist ein Irrtum! –”

§Ms-134

105[3]

05.04.1947

Im Gefolge jeder Idee, die viel kostet, kommen eine Menge billiger; darunter auch einige, die nützlich sind.

§Ms-134

105[4]

Manchmal sieht man Ideen, wie der Astronom von uns aus weit entlegene Sternenwelten. (Oder es scheint doch so.)

§Ms-134

106[2]

Wenn ich einen guten Satz geschrieben hätte, & durch Zufall wären es zwei reimende Zeilen, so wäre dies ein Fehler.

§Ms-134

106[3] &
107[1]

Aus Tolstois falschem Theorisieren, das Kunstwerk übertrage ‘ein Gefühl’, könnte man viel lernen. – Und doch könnte man es, wenn nicht den Ausdruck eines Gefühls, einen Gefühlsausdruck nennen, oder einen gefühlten Ausdruck. Und man könnte auch sagen, daß die Menschen, die ihn verstehen, gleichermaßen zu ihm ‘schwingen’, auf ihn antworten. Man könnte sagen: Das Kunstwerk will nicht etwas anderes übertragen, sondern sich selbst. Wie, wenn ich Einen besuche, ich nicht bloß die & die Gefühle in ihm zu erzeugen wünsche, sondern vor allem ihn besuchen, & freilich auch gut aufgenommen werden will. Und schon erst recht unsinnig ist es, zu sagen, der Künstler wünsche, das, was er beim Schreiben, der Andre beim Lesen fühlen solle. Ich kann wohl glauben, ein Gedicht (z.B.) zu verstehen, es so zu verstehen, wie sein Erzeuger es sich wünschen würde, – aber was er beim Schreiben gefühlt haben mag, das kümmert mich gar nicht.

§Ms-134

108[4] &
109[1]

So, wie ich keine Verse schreiben kann, so kann ich auch Prosa nur soweit, & nicht weiter, schreiben. Meiner Prosa ist eine ganz bestimmte Grenze gesetzt, & ich kann ebenso wenig über sie hinaus, als ich es vermöchte, ein Gedicht zu schreiben. Mein Apparat ist so beschaffen; nur dieser Apparat steht mir zur Verfügung. Es ist, wie wenn Einer sagte: Ich kann in diesem Spiel nur diesen Grad der Vollkommenheit erreichen, & nicht jenen.

§Ms-134

120[3] &
121[1]

Es ist möglich, daß Jeder, der eine bedeutende Arbeit leistet, eine Fortsetzung, eine Folge, seiner Arbeit im Geiste vor sich sieht, träumt; aber es wäre doch merkwürdig, wenn es nun wirklich so käme, wie er es geträumt hat. Heute nicht an die eigenen Träume zu glauben, ist freilich leicht.

§Ms-134

124[6] &
125[1]

Nietzsche schreibt einmal, daß auch die besten Dichter & Denker Mittelmäßiges & Schlechtes geschrieben, nur eben das Gute davon geschieden haben. Aber ganz so ist es nicht. Ein Gärtner hat in seinem Garten freilich neben den Rosen auch den Dünger & Kehricht & Stroh, aber sie unterscheiden sich nicht nur in der Güte, sondern vor allem auch in der Funktion im Garten. Was wie ein schlechter Satz ausschaut, kann der Kern zu einem guten sein.

§Ms-134

129[2]

Die Fähigkeit des ‘Geschmacks’ kann keinen Organismus schaffen, nur einen schon vorhandenen regulieren. Der Geschmack lockert Schrauben & zieht Schrauben an, er schafft nicht ein neues Uhrwerk.

§Ms-134

129[3]

Der Geschmack reguliert, gebiert nicht.

§Ms-134

129[4]

Der Geschmack macht annehmbar.

§Ms-134

129[5]

(Darum braucht, glaube ich, der große Schöpfer keinen Geschmack; das Kind kommt wohlgeschaffen zur Welt.) Feilen ist manchmal Tätigkeit des Geschmacks, manchmal nicht. Ich habe Geschmack.

§Ms-134

130[1]

Der feinste Geschmack hat mit Schöpferkraft nichts zu tun.

§Ms-134

130[2]

Geschmack ist Feinheit der Empfindung; Empfindung aber tut nicht, sie nimmt nur auf.

§Ms-134

130[3]

Ich kann nicht beurteilen, ob ich nur Geschmack, oder auch Originalität habe. Jenen sehe ich klar, diese nicht, oder ganz undeutlich. Und vielleicht muß es so sein, & man sieht nur, was man hat, nicht was man ist. Wenn Einer nicht lügt, ist er originell genug. Denn die Originalität, die wünschenswert wäre, kann doch nicht eine Art Kunststück sein, oder eine Eigenheit, wie immer ausgeprägt. Ja schon das ist ein Anfang guter Originalität, nicht sein zu wollen, was man nicht ist. Und alles das ist von Andern schon viel besser gesagt worden.

§Ms-134

131[1]

Geschmack kann entzücken, aber nicht ergreifen.

§Ms-134

133[3] &
134[1]

Man kann einen alten Stil gleichsam in einer neuen Sprache wiedergeben, ihn sozusagen neuaufführen in einer Weise, die unsrer Zeit gemäß ist. Man ist dann eigentlich nur reproduktiv. Das habe ich beim Bauen getan. Was ich meine, ist aber nicht ein neues Zurechtstutzen eines alten Stils. Man nimmt nicht die alten Formen & richtet sie dem neuen Geschmack entsprechend her. Sondern man spricht, vielleicht unbewußt, wirklich die alte Sprache, spricht sie aber in einer Art & Weise, die der neuern Welt, darum aber nicht notwendigerweise ihrem Geschmacke, angehört.

§Ms-134

141[2] &
142[1]

Der Mensch reagiert so: er sagt “Nicht das!” – & kämpft es an. Daraus entstehen vielleicht Zustände, die ebenso unerträglich sind; & vielleicht ist dann die Kraft zu weiterer Revolte verausgabt. Man sagt “Hättest du nicht das getan, so wäre das Übel nicht gekommen.” Aber mit welchem Recht? Wer kennt die Gesetze, nach denen die Gesellschaft sich entwickelt? Ich bin überzeugt, daß auch der Gescheiteste keine Ahnung hat. Kämpfst Du, so kämpfst Du. Hoffst Du, so hoffst Du. Man kann kämpfen, hoffen & auch glauben, ohne wissenschaftlich zu glauben.

§Ms-134

142[2]

Die Wissenschaft: Bereicherung & Verarmung. Die eine Methode drängt alle andern beiseite. Mit dieser verglichen scheinen sie alle ärmlich, höchstens Vorstufen. Du mußt zu den Quellen niedersteigen um sie alle nebeneinander zu sehen, die vernachlässigten & die bevorzugten.

§Ms-134

143[3]

Kann ich nur eine Schule gründen, oder kann es ein Philosoph nie? Ich kann keine Schule gründen, weil ich eigentlich nicht nachgeahmt werden will. Jedenfalls nicht von denen, die Artikel in philosophischen Zeitschriften veröffentlichen.

§Ms-134

143[4] &
144[1] &
145[1] &
146[1]

14.04.1947

Der Gebrauch des Wortes “Schicksal”. Unser Verhalten zur Zukunft & Vergangenheit. Wieweit halten wir uns für die Zukunft verantwortlich. Wieviel spekulieren wir über die Zukunft. Wie denken wir über Vergangenheit & Zukunft. Wenn etwas Unangenehmes geschieht: – fragen wir “Wer ist schuld?”, sagen wir “Jemand muß dran schuld sein”, – oder sagen wir “Es war Gottes Wille”, “Es war Schicksal”? Wie, eine Frage stellen, auf ihre Antwort dringen, oder sie nicht stellen, ein anderes Verhalten, eine andere Art des Lebens ausdrückt, so, in diesem Sinne, auch ein Ausspruch wie “Es ist Gottes Wille” oder “Wir sind nicht Herren über unser Schicksal”. Was dieser Satz tut, oder doch Ähnliches, könnte auch ein Gebot tun. Auch eins, was man sich selbst gibt. Und umgekehrt kann ein Gebot, z.B. “Murre nicht!” als Feststellung einer Wahrheit ausgesprochen werden. Warum nun bin ich so ängstlich, die Verwendungsarten der ‘Behauptungssätze’ auseinander zu halten? Ist es denn nötig? Haben die Menschen wirklich früher nicht recht verstanden, was sie mit einem Satze wollten? Ist es Pedanterie? – Es ist nur ein Versuch, jeder Art zu ihrem Recht zu verhelfen. Also wohl eine Reaktion gegen die Überschätzung der Wissenschaft. Die Verwendung des Wortes “Wissenschaft” für “alles, was sich ohne Unsinn sagen läßt”, drückt schon diese Überschätzung aus. Denn dies heißt in Wirklichkeit, Aussagen in zwei Klassen zu teilen: gute & schlechte; & schon darin liegt die Gefahr. Es ist ähnlich, als teilte man alle Tiere, Pflanzen & Gesteine ein in nützliche & schädliche. Aber natürlich drücken die Worte “zu ihrem Recht verhelfen” & “Überschätzung” meine Stellungnahme aus. Ich hätte ja auch sagen können: “Ich will dem & dem wieder zu Ansehn verhelfen.”; nur seh ich's nicht so.

§Ms-134

146[2]

Das Schicksal steht im Gegensatz zum Naturgesetz. Das Naturgesetz will man ergründen, & verwenden, das Schicksal nicht.

§Ms-134

146[3]

Es ist mir durchaus nicht klar, daß ich eine Fortsetzung meiner Arbeit durch Andre mehr wünsche, als eine Veränderung der Lebensweise, die alle diese Fragen überflüssig macht. (Darum könnte ich nie eine Schule gründen.)

§Ms-134

146[4] &
147[1]

Der Philosoph sagt “Sieh' die Dinge so an!” – aber damit ist erstens nicht gesagt, daß die Leute sie so ansehen werden, zweitens mag er überhaupt mit seiner Mahnung zu spät kommen, & es ist auch möglich, daß so eine Mahnung überhaupt nichts ausrichten kann & der Impuls zu dieser Änderung der Anschauung von anderswo kommen muß. So ist es ganz unklar, ob Bacon irgend etwas bewegt hat, außer die Oberfläche der Gemüter seiner Leser.

§Ms-134

147[2] &
148[1]

Nichts kommt mir weniger wahrscheinlich vor, als daß ein Wissenschaftler, oder Mathematiker, der mich liest, dadurch in seiner Arbeitsweise ernstlich beeinflußt werden sollte. (In sofern sind meine Warnungen wie die Plakate an den Kartenschaltern der englischen Bahnhöfe “Is your journey really necessary?” Als ob Einer, der das liest sich sagen würde “On second thoughts, no”.) Hier muß man mit ganz anderen Geschützen kommen, als ich im Stande bin in's Feld zu führen. Am ehesten könnte ich noch dadurch eine Wirkung erzielen, daß vor allem, auf meine Anregung hin eine große Menge Dreck geschrieben wird, & daß vielleicht dieser die Anregung zu etwas Gutem gibt. Ich dürfte immer nur auf die aller indirekteste Wirkung hoffen.

§Ms-134

148[2]

Z.B. nichts dümmer, als das Geschwätz über Ursache & Wirkung in Büchern über Geschichte; nichts verkehrter, weniger durchdacht. – Aber wer könnte dem Einhalt tun, dadurch daß er das sagte?

(Es ist, als wollte ich durch Reden die Männer- & Frauenmode ändern.)

§Ms-134

156[5] &
157[1]

11.05.1947

Denke dran, wie man von Labor's Spiel gesagt hat “Er spricht”. Wie eigentümlich! Was war es, was einen in diesem Spiel so an ein Sprechen gemahnt hat? Und wie merkwürdig, daß diese Ähnlichkeit mit dem Sprechen nicht etwas uns Nebensächliches, sondern etwas Wichtiges & Großes ist! – Die Musik, & gewiß manche Musik, möchten wir eine Sprache nennen, manche Musik gewiß nicht. (Nicht, daß damit ein Werturteil gefällt sein muß!)

§Ms-134

157[3]

Das Buch ist voller Leben – nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Ameisenhaufen.

§Ms-134

180[2]

Man vergißt immer wieder, auf den Grund zu gehen. Man setzt die Fragezeichen nicht tief genug.

§Ms-134

180[3]

Die Wehen bei der Geburt neuer Begriffe.

§Ms-134

181[1]

“Die Weisheit ist grau.” Das Leben aber & die Religion sind farbenreich.

§Ms-135

7v[3] &
8r[1]

Es könnte sein, daß die Wissenschaft & Industrie, & ihr Fortschritt, das Bleibendste der heutigen Welt ist. Daß jede Mutmaßung eines Zusammenbruchs der Wissenschaft & Industrie einstweilen, & auf lange Zeit, ein bloßer Traum sei & daß Wissenschaft & Industrie noch & mit unendlichem Jammer die Welt einigen werden, ich meine, sie zu einem Reich zusammenfassen werden, in dem dann freilich alles eher als der Friede wohnen wird. Denn die Wissenschaft & die Industrie entscheiden doch die Kriege, oder so scheint es.

§Ms-135

12r[1]

Interessier Dich nicht für das, was, vermeintlich, Du allein tust!

§Ms-135

43r[1]

Der Kreis meiner Gedanken ist wahrscheinlich viel enger, als ich ahne.

§Ms-135

51r[4]

Die Gedanken steigen, langsam, wie Blasen an die Oberfläche.

§Ms-135

51v[1]

Manchmal ist es, als sähe man einen Gedanken, eine Idee, als undeutlichen Punkt fern am Horizont; & dann kommt er oft mit überraschender Geschwindigkeit näher.

§Ms-135

51v[4] &
52r[1]

Wo schlechte Wirtschaft im Staat ist wird, glaube ich, auch schlechte Wirtschaft in den Familien begünstigt. Der jederzeit zum Streite bereite Arbeiter wird auch seine Kinder nicht zur Ordnung erziehen.

§Ms-135

52r[3]

Möge Gott dem Philosophen Einsicht geben in das, was vor aller Augen liegt.

§Ms-135

55v[3]

Das Leben ist wie ein Weg auf einer Bergschneide; rechts & links glatte Abhänge, auf denen Du in dieser, oder jener Richtung unaufhaltsam hinunterrutscht. Immer wieder sehe ich Menschen so rutschen & sage “Wie könnte sich ein Mensch da helfen!”. Und das heißt: “den freien Willen leugnen”. Das ist die Stellungnahme, die sich in diesem ‘Glauben’ ausdrückt. Es ist aber kein wissenschaftlicher Glaube, hat nichts mit wissenschaftlichen Überzeugungen zu tun.

§Ms-135

56r[1]

Die Verantwortung leugnen, heißt, den Menschen nicht zur Verantwortung ziehen.

§Ms-135

67r[2]

Manche Menschen haben einen Geschmack, der sich zu einem ausgebildeten verhält, wie der Gesichtseindruck eines halb blinden Auges zu dem eines normalen. Wo das normale Auge klare Artikulation sieht, sieht das schwache verwaschene Farbflecke.

§Ms-135

96r[4]

Wer zu viel weiß, für den ist es schwer nicht zu lügen.

§Ms-135

96v[1]

[Ich habe eine solche Angst davor, daß jemand im Hause Klavier spielt, daß ich, wenn es geschehen ist & das Klimpern aufgehört hat, noch eine Art Halluzination habe, als ginge es weiter. Ich kann es dann ganz deutlich hören, obwohl ich weiß daß es nur in meiner Einbildung ist.]

§Ms-136

16b[3] &
17a[1]

Es kommt mir vor als könne ein religiöser Glaube nur (etwas wie) das leidenschaftliche sich entscheiden zu einem Koordinatensystem sein. Also obgleich es Glaube ist, doch eine Art des Lebens, oder eine Art das Leben zu beurteilen. Ein leidenschaftliches Ergreifen dieser Auffassung. Und die Instruktion in einem religiösen Glauben müßte also die Darstellung, Beschreibung jenes Bezugssystems sein & zugleich ein in's-Gewissen-reden. Und diese beiden müßten am Schluß bewirken, daß der Instruierte selber, aus eigenem, jenes Bezugssystem leidenschaftlich erfaßt. Es wäre als ließe mich jemand auf der einen Seite meine hoffnungslose Lage sehen, auf der andern stellte er mir das Rettungswerkzeug dar, bis ich, aus eigenem, oder doch jedenfalls nicht von dem Instrukteur an der Hand geführt, auf den zustürzte & ihn ergriffe.

§Ms-136

18b[2]

Einmal wird vielleicht aus dieser Zivilisation eine Kultur entspringen. Dann wird es eine wirkliche Geschichte der Erfindungen des 18., 19. & 20. Jahrhunderts geben, die voll von tiefem Interesse sein wird.

§Ms-136

31a[5]

Wir sagen in einer wissenschaftlichen Untersuchung alles Mögliche; machen viele Aussagen, deren Rolle in der Untersuchung wir nicht verstehen. Denn wir sagen ja nicht etwa alles mit einem bewußten Zweck, sondern unser Mund geht eben. Wir gehen durch herkömmliche Gedankenbewegungen, machen, automatisch, Übergänge gemäß den Techniken, die wir gelernt haben. Und nun müssen wir erst was wir gesagt haben sichten. Wir haben eine ganze Menge unnütze, ja zweckwidrige Bewegungen gemacht, müssen nun unsre Gedankenbewegungen philosophisch klären.

§Ms-136

37a[5] &
37b[1]

Mir scheint, ich bin noch weit von dem Verständnis dieser Dinge, nämlich von dem Punkt, wo ich weiß, worüber ich sprechen muß, & worüber ich nicht zu sprechen brauche. Ich verwickle mich immer noch in Einzelheiten, ohne zu wissen, ob ich über diese Dinge überhaupt reden sollte; & es kommt mir vor daß ich vielleicht ein großes Gebiet begehe, nur um es einmal aus der Betrachtung auszuschließen. Auch in diesem Falle aber wären diese Betrachtungen nicht wertlos; wenn sie sich nämlich nicht etwa nur im Kreise herumbewegen.

§Ms-167

10v[2]

Architektur verherrlicht etwas (denn sie dauert). Sie verherrlicht ihren Zweck.

§Ms-167

10v[4]

Architektur verewigt & verherrlicht etwas. Darum kann es nicht Architektur geben, wo nichts (zu verewigen &) zu verherrlichen ist.

§Ms-167

11r[4]

Architektur verherrlicht etwas (denn sie dauert). Darum kann es Architektur nicht geben, wo nichts zu verherrlichen ist.

§Ms-136

51a[4]

Beim Philosophieren muß man in's alte Chaos hinabsteigen, & sich dort wohlfühlen.

§Ms-136

59a[4] &
59b[1]

Genie ist das Talent, worin der Charakter sich ausspricht. Darum, möchte ich sagen, hatte Kraus Talent, ein außerordentliches Talent, aber nicht Genie. Es gibt freilich Genieblitze, bei denen man dann, trotz des großen Talenteinsatzes, das Talent nicht merkt. Beispiel: “Denn tun können auch die Ochsen & die Esel ‥‥‥”. Es ist merkwürdig, daß das z.B. so viel größer ist, als irgendetwas, was Kraus je geschrieben hat. Es ist hier eben nicht ein Verstandesskelett, sondern ein ganzer Mensch. Das ist auch der Grund, warum die Größe dessen, was Einer schreibt, von allem Übrigen abhängt, was er schreibt & tut.

§Ms-136

60b[3]

Im Traum, & auch lange nach dem Erwachen, können uns Traumworte die höchste Bedeutung zu haben scheinen. Ist nicht die gleiche Illusion auch im Wachen möglich? Es kommt mir so vor, als unterläge ich ihr jetzt manchmal. Bei Verrückten scheint es oft so.

§Ms-136

62a[2]

Was ich hier schreibe, mag schwächliches Zeug sein; nun, dann bin ich nicht im Stande, das Große, Wichtige herauszubringen. Aber es liegen in diesen schwächlichen Bemerkungen große Ausblicke verborgen.

§Ms-136

80a[2]

Schiller schreibt in einem Brief (ich glaube an Goethe) von einer ‘poetischen Stimmung’. Ich glaube, ich weiß was er meint, ich glaube sie selbst zu kennen. Es ist die Stimmung in welcher man für die Natur empfänglich ist & in welcher die Gedanken so lebhaft erscheinen, wie die Natur. Merkwürdig ist aber, daß Schiller nicht besseres hervorgebracht hat (oder so scheint es mir) & ich bin daher auch gar nicht sicher überzeugt, daß, was ich in solcher Stimmung hervorbringe wirklich etwas wert ist. Es ist wohl möglich, daß meine Gedanken ihren Glanz dann nur von einem Licht, das hinter ihnen steht, empfangen. Daß sie nicht selbst leuchten.

§Ms-136

80a[3]

Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn.

§Ms-136

81a[3]

[→ ] Nicht ohne Widerstreben übergebe ich das Buch der Öffentlichkeit. Die Hände, in die es geraten wird, sind zumeist nicht diejenigen, in denen ich es mir gerne vorstelle. Möge es – das wünsche ich ihm – bald gänzlich von den philosophischen Journalisten vergessen werden, & so vielleicht einer edleren Art von Lesern aufbewahrt bleiben.

§Ms-136

81b[2]

Von den Sätzen, die ich hier niederschreibe macht immer nur jeder so & so vielte einen Fortschritt; die andern sind wie das Klappern der Schere des Haarschneiders, der sie in Bewegung erhalten muß, um mit ihr im rechten Moment einen Schnitt zu machen.

§Ms-136

89a[2]

Sowie ich auf entlegeneren Gebieten fortwährend Fragen antreffe, die ich nicht beantworten kann, wird es klar, warum ich mich in weniger entlegenen auch nicht auskenne. Denn wie weiß ich, daß, was hier die Antwort aufhält, nicht eben das ist, was dort mich hindert, den Nebel zu zerstreuen?

§Ms-136

91b[5] &
92a[1]

Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; & wer im Stande ist uns einen Sackvoll Rosinen zu geben kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige daß er etwas besseres kann. Ich denke an Kraus & seine Aphorismen, aber auch an mich selbst & meine philosophischen Bemerkungen. Ein Kuchen das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.

§Ms-136

92b[2]

Farben regen zum Philosophieren an. Vielleicht erklärt das die Leidenschaft Goethes für die Farbenlehre. Die Farben scheinen uns ein Rätsel aufzugeben, ein Rätsel, das uns anregt, – nicht aufregt.

§Ms-136

107a[3]

Der Mensch kann alles Schlechte in sich als Verblendung ansehen.

§Ms-136

110b[2] &
111a[1]

Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offenbar gehörten doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z.B. seine Symphonien schreiben & verbrennen sollen? oder hätte er sich Gewalt antun, & sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben & einsehen sollen daß sie sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sehe es, weil ich seine Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. Aber er konnte das nicht; denn wem das eingefallen ist, der mag wohl gegen den Wert des Produkts mißtrauisch sein, weil er ja wohl sieht, daß er nicht, sozusagen, die Natur der andern großen Komponisten habe, – aber die Wertlosigkeit wird er deswegen nicht einsehen; denn er kann sich immer sagen, daß er zwar anders ist, als die Übrigen (die er aber bewundert) aber in einer anderen Art wertvoll. Man könnte vielleicht sagen: Wenn Keiner, den Du bewunderst, so ist wie Du, dann glaubst Du wohl nur darum an Deinen Wert, weil Du's bist. – Sogar wer gegen die Eitelkeit kämpft, aber darin nicht ganz erfolgreich ist, wird sich immer über den Wert seines Produktes täuschen. Am Gefährlichsten aber scheint es zu sein, wenn man seine Arbeit irgendwie in die Stellung bringt, wo sie, zuerst von einem selbst & dann, von Andern mit den alten großen Werken verglichen wird. An so einen Vergleich sollte man gar nicht denken. Denn wenn die Umstände heute wirklich so anders sind, als die frühern, daß man sein Werk der Art nach nicht mit den früheren Werken vergleichen kann, dann kann man auch den Wert nicht mit dem eines andern vergleichen. Ich selbst mache immer wieder den Fehler, von dem hier die Rede ist. Unbestechlichkeit ist alles.

§Ms-136

111a[2]

Konglomerat: Nationalgefühl, z.B..

§Ms-136

113a[4]

Tiere kommen auf den Zuruf ihres Namens. Ganz wie Menschen.

§Ms-136

117a[3]

Ich frage unzählige irrelevante Fragen. Möge ich durch diesen Wald mich durchschlagen können!

§Ms-136

128b[4]

Ich möchte eigentlich durch fortwährende Interpunktionszeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie ich selbst lese.)

§Ms-136

129b[3] &
130a[1]

Ich glaube, Bacon ist in seiner Philosophie stecken geblieben, & diese Gefahr droht auch mir. Er hatte eine lebhafte Vorstellung eines riesigen Gebäudes, sie entschwand ihm aber doch, wenn er wirklich in's Einzelne gehen wollte. Es war, als hätten Menschen seiner Zeit begonnen, ein großes Gebäude von den Fundamenten aufzuführen; & als hätte er in der Phantasie so etwas Ähnliches, die Erscheinung so eines Gebäudes, gesehen; sie noch stolzer gesehen, als die vielleicht, die am Bau arbeiteten. Dazu war eine Ahnung der Methode nötig, aber durchaus nicht Talent zum Bauen. Das Schlimme aber war, daß er polemisch gegen die eigentlichen Bauleute vorging & seine Grenzen entweder nicht kannte, oder nicht erkennen wollte. Anderseits ist es aber ungeheuer schwierig diese Grenzen zu sehen, & d.h., klar darzustellen. Also, sozusagen, eine Malweise zu finden, dieses Unklare darzustellen. Denn ich möchte mir immer sagen: “Mal wirklich nur, was Du siehst!”

§Ms-136

137a[2] &
137b[1]

22.01.1948

Der Traum wird bei der Freudschen Analyse sozusagen zersetzt. Er verliert seinen ersten Sinn völlig. Man könnte sich denken daß er auf dem Theater gespielt würde, daß die Handlung des Stücks manchmal etwas unverständlich aber zum Teil auch ganz verständlich wäre, oder auch doch uns schiene, & als würde nun diese Handlung in kleine Teile zerrissen & jedem Teil ein gänzlich andrer Sinn gegeben. Man könnte es sich auch so denken: Es wird auf ein großes Blatt Papier ein Bild gezeichnet & das Blatt nun solcher Art gefältelt, daß im ersten Bild ganz unzusammengehörige Stücke fürs Auge aneinanderstoßen & ein neues, sinnvolles oder sinnloses, Bild entsteht (dies wäre der geträumte Traum, das erste Bild der ‘latente Traumgedanke’). Ich könnte mir nun denken, daß Einer, der das entfaltete Bild sieht, ausriefe “Ja, das ist die Lösung, das ist, was ich geträumt habe, aber ohne Lücken & Entstellungen.” Es wäre dann eben diese Anerkennung, die die Lösung zur Lösung machte. Sowie, wenn Du beim Schreiben ein Wort suchst & nun sagst: “Das ist es, das sagt, was ich wollte!” – Deine Anerkennung, das Wort zum gefundenen, also gesuchten stempelt. (Hier könnte man wirklich sagen: erst wenn man gefunden hat, wisse man, was man gesucht hat – ähnlich wie Russell über das Wünschen redet.)

§Ms-136

137b[2] &
138a[1]

Was am Traum intriguiert, ist nicht sein kausaler Zusammenhang mit Geschehnissen meines Lebens, etc., sondern eher dies, daß er wie ein Teil einer Geschichte wirkt, & zwar ein sehr lebendiger wovon der Rest im Dunkeln liegt. (Man möchte sagen: “Woher kam diese Gestalt nur, & was ist aus ihr geworden?”) Ja; auch wenn mir Einer nun zeigt, daß diese Geschichte gar keine richtige Geschichte war; daß in Wirklichkeit eine ganz andere ihr zugrunde lag, so daß ich enttäuscht ausrufen möchte “Ach, so war es?”, so ist mir doch scheinbar etwas gestohlen worden. Freilich, die erste Geschichte zerfällt nun, wie sich das Papier auseinanderfaltet; der Mann, den ich sah, war von da genommen, seine Worte von dort, die Umgebung im Traume wieder von woanders; aber die Traumgeschichte hat dennoch ihren eigenen Reiz, wie ein Gemälde, das uns anzieht & inspiriert. Man kann nun freilich sagen, daß wir das Traumbild inspiriert betrachten, daß wir eben inspiriert sind. Denn, wenn wir einem Andern unsern Traum erzählen, so inspiriert ihn das Bild meistens nicht. Der Traum ist wie eine ausführungsschwangere Idee.

§Ms-137

17a[3]

10.02.1948

Schlage Geld aus jedem Fehler.

§Ms-137

20b[5] &
21a[1]

15.02.1948

Das Verstehen & die Erklärung einer musikalischen Phrase. – Die einfachste Erklärung ist manchmal eine Geste; eine andere wäre etwa ein Tanzschritt, oder Worte die einen Tanz beschreiben. – Aber ist denn nicht das Verstehen der Phrase ein Erlebnis während wir sie hören? & was tut nun die Erklärung? Sollen wir an sie denken, während wir die Musik hören? Sollen wir uns den Tanz, oder was immer es ist dabei vorstellen? Und wenn wir's tun, – warum soll man das ein verständnisvolles Hören der Musik nennen?? Kommt's auf's Sehen des Tanzes an, so wäre es ja besser er würde vorgeführt statt der Musik. Alles das aber ist ein Mißverständnis. Ich gebe Einem eine Erklärung, sage ihm “Es ist wie wenn ‥‥”; nun sagt er “Ja jetzt versteh ich's” oder “Ja jetzt weiß ich wie es zu spielen ist”. Vor allem mußte er ja die Erklärung nicht annehmen; es ist ja nicht, als hätte ich ihm sozusagen überzeugende Gründe dafür gegeben, daß diese Stelle vergleichbar ist dem & dem. Ich erklärte ihm ja z.B. nicht aus Äußerungen des Komponisten, diese Stelle habe das & das darzustellen.

§Ms-137

21a[2] &
21b[1]

Wenn ich nun frage “Was erlebe ich denn eigentlich, wenn ich dies Thema höre & mit Verständnis höre?” – so kommen mir nichts als Dummheiten in den Kopf zur Antwort. So etwas wie Vorstellungen, Bewegungsempfindungen, Gedanken u. dergl.. Ich sage freilich “Ich gehe mit” – aber was heißt das? Es könnte so etwas heißen wie ich begleite die Musik mit Gebärden. Und wenn man darauf hinweist, daß das doch meistens nur in sehr rudimentärem Maße vor sich geht, erhält man etwa die Antwort, die rudimentären Bewegungen werden durch Vorstellungen ergänzt. Aber nehmen wir doch an, es begleite Einer die Musik in vollem Maße durch Bewegungen, – inwiefern ist das ihr Verständnis? Und will ich sagen, die Bewegungen seien das Verstehen; oder seine Bewegungsempfindungen? (Was weiß ich von denen?) – Wahr ist, daß ich seine Bewegungen, unter Umständen, als Zeichen seines Verständnisses ansehen werde.

§Ms-137

21b[2]

Soll ich aber (wenn ich Vorstellungen, Bewegungsempfindungen, etc. als Erklärungen, zurückweise) sagen, es sei eben das Verstehen ein spezifisches nicht weiter analysierbares Erlebnis? Nun, das ginge an, wenn es nicht heißen soll: es sei ein spezifischer Erlebnisinhalt. Denn bei diesen Worten denkt man eigentlich an Unterschiede wie die zwischen Sehen, Hören & Riechen.

§Ms-137

21b[3] &
22a[1]

Wie erklärt man denn Einem, was es heißt “Musik verstehen”? Indem man ihm die Vorstellungen, Bewegungsempfindungen, etc. nennt, die der Verstehende hat? Eher noch, indem man ihm die Ausdrucksbewegungen des Verstehenden zeigt. – Ja, die Frage ist auch, welche Funktion hat das Erklären hier? & was heißt es: verstehen, was es heißt Musik zu verstehen? Mancher würde ja sagen: das zu verstehen heiße: selbst Musik zu verstehen. Und die Frage wäre also “Kann man Einem denn lehren, Musik zu verstehen”, denn nur so ein Unterricht wäre eine Erklärung der Musik zu nennen. Das Verständnis der Musik hat einen gewissen Ausdruck, sowohl während des Hörens & Spielens, als auch zu andern Zeiten. Zu diesem Ausdruck gehören manchmal Bewegungen, manchmal aber nur, wie der Verstehende das Stück spielt, oder summt, auch hie & da Vergleiche, die er zieht & Vorstellungen, die die Musik gleichsam illustrieren. Wer Musik versteht, wird anders (mit andrem Gesichtsausdruck, z.B.) zuhören, anders spielen, anders summen, anders über das Stück reden, als der es nicht versteht. Sein Verständnis eines Themas wird sich aber nicht nur in Phänomenen zeigen die das Hören oder Spielen dieses Themas begleiten, sondern in einem Verständnis für Musik im allgemeinen.

§Ms-137

22a[2]

Das Verständnis der Musik ist eine Lebensäußerung der Menschen. Wie wäre sie Einem zu beschreiben? Nun, vor allen müßte man wohl die Musik beschreiben. Dann könnte man beschreiben, wie sich Menschen zu ihr verhalten. Aber ist das alles, was dazu nötig ist, oder gehört dazu, daß wir ihm selbst Verständnis beibringen? Nun, ihm Verständnis beibringen wird ihm in anderem Sinne lehren, was Verständnis ist, als eine Lehre, die dies nicht tut. Ja auch, ihm Verständnis für Gedichte oder Malerei beibringen, kann zur Erklärung dessen gehören, was Verständnis für Musik sei.

§Ms-137

30b[6] &
31a[1]

Unsre Kinder lernen schon in der Schule Wasser bestehe aus den Gasen Wasserstoff & Sauerstoff, oder Zucker aus Kohlenstoff Wasserstoff & Sauerstoff. Wer es nicht versteht ist dumm. Die wichtigsten Fragen werden zugedeckt.

§Ms-137

34b[5]

Die Schönheit einer Sternfigur – eines Sechseck-Sterns etwa – wird beeinträchtigt, wenn man sie symmetrisch bezüglich einer bestimmten Achse sieht.

§Ms-137

40b[2]

Bach hat gesagt, er habe alles nur durch Fleiß geleistet. Aber ein solcher Fleiß setzt eben Demut & eine ungeheure Leidensfähigkeit, also Kraft, voraus. Und wer sich dann vollkommen ausdrücken kann, spricht eben zu uns die Sprache eines großen Menschen.

§Ms-137

42a[6] &
42b[1]

Ich glaube, daß die Erziehung der Menschen heute dahingeht, die Leidensfähigkeit zu verringern. Eine Schule gilt heute für gut, if the children have a good time. Und das war früher nicht der Maßstab. Und die Eltern möchten daß die Kinder werden, wie sie selbst sind (only more so) & doch lassen sie sie durch eine Erziehung gehen, die von der ihren ganz verschieden ist. – Auf die Leidensfähigkeit gibt man nichts, denn Leiden soll es nicht geben, sie sind eigentlich veraltet.

§Ms-137

42b[2]

“Die Tücke des Objekts” – Ein unnötiger Anthropomorphismus. Man könnte von einer Tücke der Welt reden; sich leicht vorstellen, der Teufel habe die Welt geschaffen, oder einen Teil von ihr. Und es ist nicht nötig ein Eingreifen des Dämons von Fall zu Fall sich vorzustellen; es kann alles ‘den Naturgesetzen entsprechend’ vor sich gehen; es ist dann eben der ganze Plan von vornherein auf's Schlimme angelegt. Der Mensch aber befindet sich in dieser Welt in der die Dinge zerbrechen, rutschen, alles mögliche Unheil anstiften. Und er ist natürlich eins von den Dingen. – Die ‘Tücke’ des Objekts ist ein dummer Anthropomorphismus. Denn die Wahrheit ist viel ernster als diese Fiktion.

§Ms-137

43a[1]

Ein stilistischer Behelf mag praktisch sein, & mir doch verboten. Das Schopenhauer'sche “als welcher” z.B.. Es würde den Ausdruck manchmal bequemer, deutlicher, machen, kann aber nicht von dem gebraucht werden, der es als altväterisch empfindet; & er darf sich nicht über diese Empfindung hinwegsetzen.

§Ms-137

48b[3]

Religiöser Glaube & Aberglaube sind ganz verschieden. Der eine entspringt aus Furcht & ist eine Art falsche Wissenschaft. Der andre ist ein Vertraun.

§Ms-137

49a[7]

(Es wäre beinahe seltsam, wenn es nicht Tiere mit dem Seelenleben von Pflanzen gäbe. D.h. mit dem mangelnden Seelenleben.)

§Ms-137

49b[3]

Als ein Grundgesetz der Naturgeschichte könnte man es, glaube ich, betrachten, daß, wo immer etwas in der Natur ‘eine Funktion hat’, ‘einen Zweck erfüllt’, dieses selbe auch vorkommt, wo es keinen erfüllt, ja ‘unzweckdienlich’ ist. Erhalten die Träume manchmal den Schlaf, so kannst Du darauf rechnen, daß sie ihn manchmal stören ; erfüllt die Traumhalluzination manchmal einen plausiblen Zweck (der eingebildeten Wunscherfüllung), so rechne darauf, daß sie auch das Gegenteil tut. Eine ‘dynamische Theorie der Träume’ gibt es nicht.

§Ms-137

51a[3] &
51b[1]

Worin liegt die Wichtigkeit des genauen Ausmalens von Anomalien? Kann man es nicht, so zeigt das, daß man sich in den Begriffen nicht auskennt.

§Ms-137

54b[3]

25.06.1948

[Ich bin zu weich, zu schwach, & darum zu faul, um Bedeutendes zu leisten. Der Fleiß der Großen ist, unter andrem, ein Zeichen ihrer Kraft, abgesehen auch von ihrem inneren Reichtum.]

§Ms-137

57a[2]

Wenn Gott wirklich die zu errettenden Menschen wählt, dann ist kein Grund, warum er sie nicht nach Nationen, Rassen, oder Temperamenten wählen soll. Warum die Wahl nicht in den Naturgesetzen ihren Ausdruck haben soll. (Er konnte ja auch so wählen, daß die Wahl einem Gesetz folgt.) Ich habe in Auszügen aus den Schriften von St. John of the Cross gelesen, Leute seien zu Grunde gegangen weil sie nicht das Glück hatten im richtigen Moment einen weisen geistlichen Führer zu finden. Und wie kann man dann sagen, Gott versuche den Menschen nicht über seine Kräfte? Ich bin hier zwar geneigt zu sagen, daß schiefe Begriffe viel Unheil angerichtet haben, aber die Wahrheit ist, daß ich gar nicht weiß, was Heil & was Unheil anstiftet.

§Ms-137

57b[3]

30.06.1948

Wir dürfen nicht vergessen: auch unsere feineren, mehr philosophischen, Bedenken haben eine instinktive Grundlage. Z.B. das ‘Man kann nie wissen ‥‥’ Das Zugänglichbleiben für weitere Argumente. Leute, denen man das nicht beibringen könnte, kämen uns geistig minderwertig vor. Noch unfähig einen gewissen Begriff zu bilden.

§Ms-137

65b[6]

Wenn Nachtträume eine ähnliche Funktion haben wie Tagträume, so dienen sie zum Teil dazu, den Menschen auf jede Möglichkeit (auch die schlimmste) vorzubereiten.

§Ms-137

67a[3]

Wenn Einer mit voller Sicherheit an Gott glauben kann, warum dann nicht an des Andern Seele?

§Ms-137

67a[6]

Diese musikalische Phrase ist für mich eine Gebärde. Sie schleicht sich in mein Leben ein. Ich mache sie mir zu eigen.

§Ms-137

67a[7] &
67b[1]

Die menschlichen Variationen des Lebens sind unserm Leben wesentlich. Und also eben der Gepflogenheit des Lebens. Ausdruck besteht für uns in Unberechenbarkeit. Wüßte ich genau wie er sein Gesicht verziehen sich bewegen wird, so wäre kein Gesichtsausdruck, keine Gebärde vorhanden. – Stimmt das aber? – Ich kann mir doch ein Musikstück das ich (ganz) auswendig weiß immer wieder anhören; & es könnte auch auf einer Spieluhr gespielt werden. Seine Gebärden blieben für mich immer Gebärden obgleich ich immer weiß, was kommen wird. Ja, ich kann sogar immer wieder überrascht sein. (In einem bestimmten Sinne.)

§Ms-137

67b[4]

05.07.1948

Der ehrliche religiöse Denker ist wie ein Seiltänzer. Er geht, dem Anscheine nach, beinahe nur auf der Luft. Sein Grund ist der schmalste, der sich denken läßt. Und doch läßt sich auf ihm wirklich gehen.

§Ms-137

70b[2]

Der feste Glaube. (An eine Verheißung z.B.) Ist er weniger sicher als die Überzeugung von einer mathematischen Wahrheit? – Aber werden dadurch die Sprachspiele ähnlicher!)

§Ms-137

71a[3]

Es ist für unsre Betrachtung wichtig, daß es Menschen gibt, von denen jemand fühlt, er werde nie wissen, was in ihnen vorgeht. Er werde sie nie verstehen. (Engländerinnen für Europäer.)

§Ms-137

72b[6]

14.07.1948

Ich glaube es ist eine wichtige & merkwürdige Tatsache, daß ein musikalisches Thema, wenn es in (sehr) verschiedenen Tempi gespielt wird seinen Charakter ändert. Übergang von der Quantität zur Qualität.

§Ms-137

73b[2]

25.07.1948

Die Probleme des Lebens sind an der Oberfläche unlösbar, & nur in der Tiefe zu lösen. In den Dimensionen der Oberfläche sind sie unlösbar.

§Ms-137

75b[2]

In einer Konversation: Einer wirft einen Ball; der Andre weiß nicht: soll er ihm zurückwerfen, oder einem Dritten zuwerfen, oder liegen lassen, oder aufheben & in die Tasche stecken, etc..

§Ms-137

76a[5]

19.10.1948

Der große Architekt in einer schlechten Periode (Van der Nüll) hat eine ganz andere Aufgabe als der große Architekt in einer guten Periode. Man darf sich wieder nicht durch das allgemeine Begriffswort täuschen lassen. Nimm nicht die Vergleichbarkeit, sondern die Unvergleichbarkeit als selbstverständlich hin.

§Ms-137

78b[2]

Nichts ist doch wichtiger, als die Bildung von fiktiven Begriffen, die uns die unseren erst verstehen lehren.

§Ms-137

81b[6] &
82a[1]

“Denken ist schwer.” (Ward) Was heißt das eigentlich? Warum ist es schwer? – Es ist beinahe ähnlich, als sagte man “Schauen ist schwer”. Denn angestrengtes Schauen ist schwer. Und man kann angestrengt schauen & doch nichts sehen, oder immer wieder etwas zu sehen glauben, & doch nicht klar sehen können. Man kann müde werden vom Schauen, auch wenn man nichts sieht.

§Ms-137

88a[5]

Wenn man einen Knäuel nicht entwirren kann, so ist das Gescheiteste, was man tun kann, das einzusehen; & das Anständigste, es zuzugestehen. [Antisemitismus.] Was man tun soll, das Übel zu heilen, ist nicht klar. Was man nicht tun darf, ist von Fall zu Fall klar.|

§Ms-137

88b[2]

Es ist merkwürdig, daß man die Zeichnungen von Busch oft ‘metaphysisch’ nennen kann. So gibt es also eine Zeichenweise, die metaphysisch ist. – “Gesehen, mit dem Ewigen als Hintergrund” könnte man sagen. Aber doch bedeuten diese Striche das nur in einer ganzen Sprache. Und es ist eine Sprache ohne Grammatik, man könnte ihre Regeln nicht angeben.

§Ms-137

89b[2]

Karl der Große hat im Alter vergebens versucht Schreiben zu lernen: & so kann Einer auch vergebens trachten eine Gedankenbewegung zu erlernen. Sie wird ihm nie geläufig.

§Ms-137

97b[3]

Eine Sprache, in der im Takt geredet wird, so daß man auch nach dem Metronom reden kann. Es ist nicht selbstverständlich, daß Musik sich, wie die unsere, wenigstens beiläufig, metronomieren läßt. (Das Thema aus der 8. Symphonie genau nach dem Metronom zu spielen.)

§Ms-137

97b[6]

Schon in Menschen, die sämtlich die gleichen Gesichtszüge hätten, konnten wir uns nicht finden.

§Ms-137

100a[2]

Ist ein falscher Gedanke nur einmal kühn & klar ausgedrückt, so ist damit schon viel gewonnen.

§Ms-137

102a[8]

Nur wenn man noch viel verrückter denkt, als die Philosophen, kann man ihre Probleme lösen.

§Ms-137

104a[2]

Denk jemand sähe ein Pendel an & dachte dabei: So läßt Gott es gehen. Hat denn Gott nicht das Recht, auch einmal in Übereinstimmung mit einer Rechnung zu handeln?

§Ms-137

104a[3]

Ein weit talentierterer Schriftsteller als ich hätte noch immer geringes Talent.

§Ms-137

104b[2]

Es ist ein körperliches Bedürfnis des Menschen, sich bei der Arbeit zu sagen “Jetzt lassen wir's schon einmal”, & daß man immer wieder gegen dieses Bedürfnis beim Philosophieren denken muß, macht diese Arbeit so anstrengend.

§Ms-137

106b[6]

Du mußt die Fehler Deines eigenen Stiles hinnehmen. Beinahe wie die Unschönheiten des eigenen Gesichts.

§Ms-137

111b[2]

Steige immer von den kahlen Höhen der Gescheitheit in die grünenden Täler der Dummheit.

§Ms-137

112b[7] &
113a[1]

29.11.1948

Ich habe eines von diesen Talenten, das immer wieder aus der Not eine Tugend machen muß.

§Ms-137

113a[2]

Tradition ist nichts, was Jeder aufnehmen kann, ist nicht ein Faden, den Einer aufnehmen kann, wenn es ihm gefällt; sowenig, wie es möglich ist, sich die eigenen Ahnen auszusuchen. Wer eine Tradition nicht hat & sie haben möchte, der ist wie ein unglücklich Verliebter.

§Ms-137

113a[3]

Der glücklich Verliebte & der unglücklich Verliebte haben Jeder sein eigenes Pathos. Aber es ist schwerer gut unglücklich verliebt sein, als gut glücklich verliebt.

§Ms-137

120a[6]

Moore hat mit seinem Paradox in ein philosophisches Wespennest gestochen; & wenn die Wespen nicht gehörig aufgeflogen sind, so ist es nur, weil sie zu träg waren.

---

§Ms-137

122a[5]

Im Geistigen läßt sich ein Unternehmen meistens nicht fortsetzen, soll auch gar nicht fortgesetzt werden. Diese Gedanken düngen den Boden für neue Gedanken.|

§Ms-137

127a[3]

So bist Du also ein schlechter Philosoph, wenn, was Du schreibst, schwer verständlich ist. Wärest Du besser, so würdest Du das Schwere leicht verständlich machen. – Aber wer sagt, daß das möglich ist?! [Tolstoy.]

§Ms-137

130a[3]

22.12.1948

Das größte Glück des Menschen ist die Liebe. Angenommen, Du sagst vom Schizophrenischen: er liebt nicht, er kann nicht lieben, er will nicht lieben – wo ist der Unterschied?!

§Ms-137

130a[4]

“Er will nicht …” heißt: es ist in seiner Macht. Und wer will das sagen?!

§Ms-137

130a[5]

Wovon sagt man denn “es ist in meiner Macht”? – Man sagt es wo man einen Unterschied machen will. Dies Gewicht kann ich heben, will's aber nicht heben; jenes kann ich nicht heben.

§Ms-137

130a[6]

“Gott hat es befohlen, also muß man's tun können.” Das heißt gar nichts. Hier ist kein ‘also’. Die beiden Ausdrücke könnten höchstens das gleiche bedeuten.

§Ms-137

130a[7]

“Er hat es befohlen” heißt hier ungefähr: Er wird strafen, wer es nicht tut. Und daraus folgt nichts über das Können. Und das ist der Sinn der ‘Gnadenwahl.’.

§Ms-137

130a[8] &
130b[1]

Das heißt aber nicht, daß es richtig ist zu sagen: “Er straft, obgleich man nicht anders kann.” – Wohl aber könnte man sagen: Hier wird gestraft, wo der Mensch nicht strafen dürfte. Und der Begriff der ‘Strafe’ überhaupt ändert sich hier. Denn die alten Illustrationen lassen sich hier nicht mehr anwenden, oder müssen nun ganz anders angewendet werden. Sieh Dir nur eine Allegorie an wie “The Pilgrim's Progress” & wie hier alles – im menschlichen Sinne – nicht stimmt. – Aber stimmt sie nicht doch? d.h.: läßt sie nicht anwenden? Sie ist ja angewendet worden. (Auf den Bahnhöfen gibt es Zifferblätter mit zwei Zeigern, sie zeigen an, wann der nächste Zug abfährt. Sie schauen aus wie Uhren & sind keine; haben aber eine Verwendung.) (Es gäbe hier ein besseres Gleichnis.)

§Ms-137

130b[2]

Dem Menschen, der bei dieser Allegorie unwillig wird, könnte man sagen: Verwende sie anders oder kümmere Dich nicht um sie! (Aber Manchen wird sie weit mehr verwirren, als sie ihm helfen kann.)

§Ms-137

134b[4]

Was der Leser auch kann, das überlaß dem Leser.

§Ms-137

134b[7]

(Ich schreibe beinahe immer Selbstgespräche mit mir selbst Sachen, die ich mir unter vier Augen sage.)

§Ms-137

135a[4]

27.12.1948

Ehrgeiz ist der Tod des Denkens.

§Ms-137

135a[6]

28.12.1948

Humor ist keine Stimmung; sondern eine Weltanschauung. Und darum, wenn es richtig ist, zu sagen, im Nazi-Deutschland sei der Humor vertilgt worden, so heißt das nicht so etwas wie, man sei nicht guter Laune gewesen, sondern etwas viel Tieferes & Wichtigeres.

§Ms-137

136b[3]

31.12.1948

Zwei Menschen die zusammen, über einen Witz etwa, lachen. Einer hat gewisse etwas ungewöhnliche Worte gesagt & nun brechen sie beide in eine Art von Meckern aus. Das könnte Einem, der aus anderer Umgebung zu uns kommt sehr sonderbar vorkommen. Während wir es ganz vernünftig finden. (Ich beobachtete diese Szene neulich in einem Omnibus & konnte mich in Einen hineindenken, der das nicht gewohnt ist. Es kam mir dann ganz irrational vor & wie die Reaktionen eines uns fremden Tiers.)

§Ms-168

1r[1]

16.01.1949

Die Traumerzählung, ein Gemenge von Erinnerungen. Oft zu einem sinnvollen & rätselhaften Ganzen. Gleichsam zu einem Fragment, das uns stark beeindruckt (manchmal nämlich), so daß wir nach einer Erklärung, nach Zusammenhängen suchen. Aber warum kamen jetzt diese Erinnerungen? Wer will's sagen? – Es kann mit unserm gegenwärtigen Leben, also auch mit unsern Wünschen, Befürchtungen, etc., zusammenhängen. – “Aber willst Du sagen, daß diese Erscheinung im bestimmten ursächlichen Zusammenhang stehen müsse?” – Ich will sagen, daß es nicht notwendigerweise Sinn haben muß, von einem Auffinden ihrer Ursache zu reden.

§Ms-168

1r[2] &
1v[1]

1.49. Shakespeare & der Traum. Ein Traum ist ganz unrichtig, absurd, zusammengesetzt, & doch ganz richtig: er macht in dieser seltsamen Zusammensetzung einen Eindruck. Warum? Ich weiß es nicht. Und wenn Shakespeare groß ist, wie von ihm ausgesagt wird, dann muß man von ihm sagen können: Es ist alles falsch, stimmt nicht – & ist doch ganz richtig nach einem eigenen Gesetz. Man könnte das auch so sagen: Wenn Shakespeare groß ist, kann er es nur in der Masse seiner Dramen sein, die sich ihre eigene Sprache & Welt schaffen. Er ist also ganz unrealistisch. (Wie der Traum.)

§Ms-169

58v[2]

Wenn das Christentum die Wahrheit ist, dann ist alle Philosophie darüber falsch.

§Ms-169

62v[2]

Kultur ist eine Ordensregel. Oder setzt doch eine Ordensregel voraus.

§Ms-137

137a[4]

Der Begriff des ‘Festes’. Für uns mit Lustbarkeit verbunden; zu einer andern Zeit möglicherweise nur mit Furcht & Grauen. Was wir “Witz” & was wir “Humor” nennen, hat es gewiß in andern Zeiten nicht gegeben. Und diese beiden ändern sich stätig.

§Ms-137

140a[8] &
140b[1]

“Le stile c'est l'homme” “Le stile c'est l'homme même.” Der erste Ausdruck hat eine billige epigrammatische Kürze. Der zweite, richtige, eröffnet eine ganz andere Perspektive. Er sagt, daß der Stil das Bild des Menschen sei.

§Ms-137

140b[2]

Es gibt Bemerkungen, die säen, & Bemerkungen, die ernten.

§Ms-137

141a[4]

Die Landschaft dieser Begriffsverhältnisse aus ihren einzelnen Stücken zusammenzustellen ist zu schwer für mich. Ich kann es nur sehr unvollkommen tun.

§Ms-137

143a[4]

Wenn ich mich für eine Eventualität vorbereite, kannst Du ziemlich sicher sein, daß sie nicht eintreten wird. U.u..

§Ms-137

143a[5]

08.01.1949

Es ist schwer etwas zu wissen, & zu handeln als wüßte man's nicht.

§Ms-138

2a[3]

17.01.1949

Es gibt wirklich die Fälle, in denen einem der Sinn dessen, was man sagen will, viel klarer vorschwebt, als er ihn in Worten auszudrücken vermag. (Mir geschieht dies sehr oft.) Es ist dann, als erinnerte man sich deutlich eines Traumes, könnte ihn aber nicht gut erzählen. Ja, das Bild steht für den Schreiber (mich) oft bleibend hinter den Worten, so daß sie es für mich zu beschreiben scheinen.

§Ms-138

2a[4] &
2b[1]

Ein mittelmäßiger Schriftsteller muß sich hüten, einen rohen, inkorrekten Ausdruck zu schnell durch einen korrekten zu ersetzen. Dadurch tötet er den ersten Einfall, der doch noch ein lebendes Pflänzchen war. Und nun ist er dürr & gar nichts mehr wert. Man kann ihn nun auf den Mist werfen. Während das armselige Pflänzlein noch immer einen gewissen Nutzen hatte.

§Ms-138

3a[3]

18.01.1949

Das Veralten von Schriftstellern, die schließlich etwas waren, hängt damit zusammen, daß ihre Schriften, von der ganzen Umgebung ihrer Zeit ergänzt, stark zu den Menschen sprechen, daß sie aber ohne diese Ergänzung sterben, gleichsam der Beleuchtung beraubt, die ihnen Farbe gab. Und damit, glaube ich, hängt die Schönheit mathematischer Demonstrationen zusammen, wie sie selbst von Pascal empfunden wurde. In dieser Anschauung der Welt hatten diese Demonstrationen Schönheit – nicht das, was oberflächliche Menschen Schönheit nennen. Auch ein Kristall ist nicht in jeder ‘Umgebung’ schön – obwohl vielleicht in jeder reizvoll. –

§Ms-138

3a[4]

Wie sich ganze Zeiten nicht aus den Zangen gewisser Begriffe befreien können – des Begriffes ‘schön & Schönheit’ z.B..

§Ms-138

4a[2]

Mein eigenes Denken über Kunst & Werte ist weit desillusionierter, als es das der Menschen vor 100 Jahren sein konnte. Und doch heißt das nicht, daß es deswegen richtiger ist. Es heißt nur, daß im Vordergrund meines Geistes Untergänge sind, die nicht im Vordergrund jener waren.

§Ms-138

4b[3]

Sorgen sind wie Krankheiten; man muß sie hinnehmen: das Schlimmste, was man tun kann, ist, sich gegen sie auflehnen. Sie kommen auch in Anfällen, durch innere, oder äußere Anlässe ausgelöst. Und man muß sich dann sagen: “Wieder ein Anfall.”.

§Ms-138

5b[3]

Wissenschaftliche Fragen können mich interessieren, aber nie wirklich fesseln. Das tun für mich nur begriffliche & ästhetische Fragen. Die Lösung wissenschaftlicher Probleme ist mir, im Grunde, gleichgültig; jener andern Fragen aber nicht.

§Ms-138

8a[2]

Auch wenn man nicht in Kreisen denkt, so geht man doch, manchmal geradenwegs durch's Walddickicht der Fragen in's Freie hinaus, manchmal auf verschlungenen, oder Zickzackwegen, die uns nicht in's Freie führen.

§Ms-138

8b[3]

Der Sabbat ist nicht einfach die Zeit der Ruhe, der Erholung. Wir sollen unsre Arbeit von außen betrachten, nicht nur von innen.

§Ms-138

9a[1]

Der Gruß der Philosophen untereinander sollte sein: “Laß Dir Zeit!”

§Ms-138

9a[3]

Für den Menschen ist das Ewige, Wichtige, oft durch einen undurchdringlichen Schleier verdeckt. Er weiß: da drunter ist etwas, aber er sieht es nicht; der Schleier reflektiert das Tageslicht.

§Ms-138

9b[2]

Warum soll der Mensch nicht todunglücklich werden? Es ist eine seiner Möglichkeiten. Wie im ‘Corinthian Bagatel’ dieser Weg der Kugel einer der möglichen Wege. Und vielleicht nicht einmal einer der seltenen.

§Ms-138

11a[1]

28.01.1949

In den Tälern der Dummheit wächst für den Philosophen noch immer mehr Gras, als auf den kahlen Höhen der Gescheitheit.

§Ms-138

12a[3]

Die Zeitgleichheit der Uhr & die Zeitgleichheit in der Musik. Sie sind durchaus nicht gleiche Begriffe. Streng im Takt gespielt, heißt nicht genau nach dem Metronom gespielt. Es wäre aber möglich, daß eine gewisse Art von Musik nach dem Metronom zu spielen wäre. (Ist das Anfangsthema der 8. Symphonie von dieser Art?)

§Ms-138

13b[2]

Könnte man den Begriff der Höllenstrafen auch anders, als durch den Begriff der Strafe erklären? Oder den Begriff der Güte Gottes auch anders als durch den Begriff der Güte? Wenn Du mit deinen Worten die rechte Wirkung erzielen willst, gewiß nicht.

§Ms-138

13b[3]

Denke, es würde Einem gelehrt: Es gibt ein Wesen, welches Dich, wenn Du das & das tust, so & so lebst, nach Deinem Tod an einen Ort der ewigen Qual bringen wird; die meisten Menschen kommen dorthin, eine geringe Anzahl an einen Ort der ewigen Freude. – Jenes Wesen hat von Vornherein die ausgewählt, die an den guten Ort kommen sollen, &, da nur die an den Ort der Qual kommen, die eine bestimmte Art des Lebens geführt haben, die andern auch, von vornherein, zu dieser Art des Lebens bestimmt. Wie so eine Lehre wohl wirken würde?

§Ms-138

13b[4]

Es ist hier also von Strafe keine Rede, sondern eher von einer Art Naturgesetzlichkeit. Und, wem man es in diesem Lichte darstellt, der könnte nur Verzweiflung oder Unglauben daraus ziehen.

§Ms-138

13b[5]

Diese Lehre könnte keine ethische Erziehung sein. Und wen man ethisch erziehen & dennoch so lehren wollte, dem müßte man die Lehre, nach der ethischen Erziehung, als eine Art unbegreiflichen Geheimnisses darstellen.

§Ms-138

14a[2]

“Er hat sie, in seiner Güte, erwählt & er wird Dich strafen” hat ja keinen Sinn. Die beiden Hälften gehören zu verschiedenen Betrachtungsarten. Die zweite Hälfte ist ethisch & die erste ist es nicht. Und mit der ersten zusammen ist die zweite absurd.


§Ms-138

25a[6]

Der Reim von ‘Rast’ mit ‘Hast’ ist ein Zufall. Aber ein glücklicher Zufall, & Du kannst diesen glücklichen Zufall entdecken.

§Ms-138

28a[4]

In Beethovens Musik findet sich zum ersten Mal, was man den Ausdruck der Ironie nennen kann. Z.B. im ersten Satz der Neunten und zwar ist er bei ihm eine fürchterliche Ironie, etwa die des Schicksals. – Bei Wagner kommt die Ironie wieder, aber in's Bürgerliche gewendet. Man könnte wohl sagen, daß Wagner & Brahms, jeder in andrer Art, Beethoven nachgeahmt haben; aber was bei ihm kosmisch war, ist bei ihnen irdisch. Es kommen bei ihm die gleichen Ausdrücke vor, aber sie folgen andern Gesetzen.

§Ms-138

28a[5] &
28b[1]

Das Schicksal spielt ja auch in Mozarts oder Haydens Musik keinerlei Rolle. Damit beschäftigt sich diese Musik nicht. Tovey, dieser Esel, sagt einmal dies, oder etwas Ähnliches, habe damit zu tun, daß Mozart Lektüre einer gewissen Art gar nicht zugänglich gewesen sei. Als ob es ausgemacht wäre, daß nur die Bücher die Musik der Meister bestimmt hätten. Freilich hängen Musik & Bücher zusammen. Aber wenn Mozart in seiner Lektüre nicht große Tragik fand, fand er sie darum nicht im Leben? Und sehen Komponisten immer nur durch die Brillen der Dichter?

§Ms-138

28b[5]

Einen dreifachen Kontrapunkt gibt es nur in einer ganz bestimmten musikalischen Umgebung.

§Ms-138

29a[4]

01.03.1949

Der seelenvolle Ausdruck in der Musik. Er ist nicht nach Graden der Stärke & des Tempos zu beschreiben. Sowenig wie der seelenvolle Gesichtsausdruck durch räumliche Maße. Ja er ist auch nicht durch ein Paradigma zu erklären, denn das gleiche Stück kann auf unzählige Arten mit echtem Ausdruck gespielt werden.

§Ms-138

30b[3]

Das Wesen Gottes verbürge seine Existenz – d.h. eigentlich, daß es sich hier um eine Existenz nicht handelt.

§Ms-138

30b[4]

Könnte man denn nicht auch sagen, das Wesen der Farbe verbürge ihre Existenz? Im Gegensatz etwa zum weißen Elephanten. Denn es heißt ja nur: Ich kann nicht erklären, was ‘Farbe’ ist, was das Wort “Farbe” bedeutet, außer an der Hand der Farbmuster. Es gibt also hier nicht ein Erklären, ‘wie es wäre, wenn es Farben gäbe’.

§Ms-138

30b[5]

Und man könnte nun sagen: Es läßt sich beschreiben, wie es wäre, wenn es Götter auf dem Olymp gäbe – aber nicht: ‘wie es wäre, wenn es Gott gäbe’. Und damit wird der Begriff ‘Gott’ näher bestimmt.

§Ms-138

30b[6]

Wie wird uns das Wort “Gott” beigebracht (d.h. sein Gebrauch)? Ich kann davon keine ausführliche systematische Beschreibung geben. Aber ich kann sozusagen Beiträge zu der Beschreibung machen; ich kann darüber manches sagen & etwa mit der Zeit eine Art Beispielsammlung anlegen.

§Ms-138

30b[7] &
31a[1]

Bedenke hier, daß man in einem Wörterbuch vielleicht gern solche Gebrauchsbeschreibungen gäbe, in Wirklichkeit aber nur einige wenige Beispiele & Erklärungen gibt. Ferner aber, daß mehr auch nicht nötig ist. Was könnten wir mit einer ungeheuer langen Beschreibung anfangen? – Nun wir könnten nichts mit ihr anfangen, wenn es sich um den Gebrauch von Wörtern uns geläufiger Sprachen handelte. Aber wie, wenn wir so eine Beschreibung des Gebrauchs eines assyrischen Worts vorfänden? Und in welcher Sprache? Nun, in einer andern uns bekannten. – In der Beschreibung wird oft das Wort “manchmal” vorkommen, oder “öfters”, oder “für gewöhnlich”, oder “fast immer”, oder “fast nie”.

§Ms-138

31a[2]

Es ist schwer, sich ein gutes Bild einer solcher Beschreibung zu machen.

§Ms-138

31a[3]

Und ich bin im Grunde doch ein Maler, & oft ein sehr schlechter Maler.

§Ms-138

32b[3]

20.05.1949

Wie ist es denn, wenn Leute nicht den gleichen Sinn für Humor haben? Sie reagieren nicht richtig auf einander. Es ist, als wäre es unter gewissen Menschen Sitte einem Andern einen Ball zuzuwerfen, welcher ihn auffangen & zurückwerfen soll; aber gewisse Leute würfen ihm nicht zurück sondern steckten ihn in die Tasche.

§Ms-138

32b[4]

Oder wie ist es, wenn Einer den Geschmack des Andern gar nicht zu erraten versteht.

§Ms-138

32b[6] &
33a[1]

Ein in uns festes Bild kann man freilich dem Aberglauben vergleichen, aber doch auch sagen, daß man immer auf irgend einen festen Grund kommen muß, sei er nun ein Bild, oder nicht, & also sei ein Bild am Grunde alles Denkens zu respektieren & nicht als ein Aberglaube zu behandeln.

§Ms-173

17r[1]

30.03.1950

Es ist nicht unerhört, daß der Charakter des Menschen von der Außenwelt beeinflußt werden kann (Weininger). Denn das heißt ja nur, daß erfahrungsgemäß die Menschen sich mit den Umständen ändern. Fragt man: Wie könnte die Umgebung den Menschen, das Ethische in ihm zwingen? – so ist die Antwort, daß er zwar sagen mag “Kein Mensch muß müssen”, aber doch unter solchen Umständen so & so handeln wird. ‘Du mußt nicht, ich kann Dir einen (andern) Ausweg sagen, – aber Du wirst ihn nicht ergreifen.’

§Ms-173

35r[2]

Ich glaube nicht, daß man Shakespeare mit einem andern Dichter zusammenhalten kann. War er vielleicht eher ein Sprachschöpfer als ein Dichter?

§Ms-173

35r[3]

Ich könnte Shakespeare nur anstaunen; nie etwas mit ihm anfangen.

§Ms-173

35r[4] &
35v[1]

Ich habe ein tiefes Mißtraun gegen die aller meisten Bewunderer Shakespeares. Ich glaube, das Unglück ist, daß er, in der westlichen Kultur zum mindesten, einzig dasteht, & man ihn daher, um ihn einzureihen, falsch einreihen muß.

§Ms-173

35v[2]

Es ist nicht, als ob Shakespeare Typen von Menschen gut portraitierte & insofern wahr wäre. Er ist nicht naturwahr. Aber er hat eine so gelenke Hand & einen so eigenartigen Strich, daß jede seiner Figuren bedeutend, sehenswert ausschaut.

§Ms-173

35v[3]

“Das große Herz Beethovens” – niemand könnte sagen “das große Herz Shakespeares”. ‘Die gelenke Hand, die neue Naturformen der Sprache geschaffen hat’ schiene mir richtiger.

§Ms-173

35v[4] &
36r[1]

Der Dichter kann eigentlich nicht von sich sagen “Ich singe wie der Vogel singt” – aber Shakespeare hätte es vielleicht von sich sagen können.

§Ms-173

69r[3] &
69v[1]

Ein & dasselbe Thema hat in Moll einen andern Charakter als in Dur, aber von einem Charakter des Moll im Allgemeinen zu sprechen ist ganz falsch. (Bei Schubert klingt das Dur oft trauriger als das Moll). Und so ist es, glaube ich, müßig & ohne Nutzen für das Verständnis der Malerei von den Charakteren der einzelnen Farben zu reden. Man denkt eigentlich dabei nur an spezielle Verwendungen. Daß Grün als Farbe einer Tischdecke die, Rot jene Wirkung hat, läßt auf ihre Wirkung in einem Bild keinen Schluß zu.

§Ms-173

75v[2]

Ich glaube nicht, daß Shakespeare über das ‘Dichterlos’ hätte nachdenken können.

§Ms-173

75v[3]

Er konnte sich auch nicht selbst als Prophet oder Lehrer der Menschheit betrachten. Die Menschen staunen ihn an beinahe wie ein Naturschauspiel. Sie fühlen nicht, daß sie dadurch mit einem großen Menschen in Berührung kommen. Sondern mit einem Phänomen.

§Ms-173

76r[1]

Ich glaube, um einen Dichter zu genießen, dazu muß man auch die Kultur, zu der er gehört, gern haben. Ist die einem gleichgültig oder zuwider, so erkaltet die Bewunderung.

§Ms-173

92r[1] &
92v[1] &
93r[1]

Wenn der an Gott glaubende um sich sieht & fragt “Woher ist alles, was ich sehe?” “Woher das alles?”, verlangt er keine (kausale) Erklärung; und der Witz seiner Frage ist, daß sie der Ausdruck dieses Verlangens ist. Er drückt also eine Stellungnahme zu allen Erklärungen aus. – Aber wie zeigt sich die in seinem Leben? Es ist die Einstellung, die eine bestimmte Sache ernst nimmt, sie aber dann an einem bestimmten Punkte doch nicht ernst nimmt, & erklärt, etwas anderes sei noch ernster. So kann Einer sagen, es ist sehr ernst, daß der & der gestorben ist, ehe er ein bestimmtes Werk vollenden konnte; & in anderem Sinne kommt's darauf gar nicht an. Hier gebraucht man die Worte “in einem tiefern Sinne.” Eigentlich möchte ich sagen, daß es auch hier nicht auf die Worte ankommt, die man ausspricht oder auf das was man dabei denkt, sondern auf den Unterschied, den sie an verschiedenen Stellen im Leben machen. Wie weiß ich, daß zwei Menschen das gleiche meinen, wenn jeder sagt, er glaube an Gott? Und ganz dasselbe kann man bezüglich der 3 Personen sagen. Die Theologie, die auf den Gebrauch gewisser Worte & Phrasen dringt & andere verbannt, macht nichts klarer. (Karl Barth) Sie fuchtelt sozusagen mit Worten herum weil sie etwas sagen will & es nicht auszudrücken weiß. Die Praxis gibt den Worten ihren Sinn.

§Ms-174

1v[2] &
2r[1]

Ein Gottesbeweis sollte eigentlich etwas sein, wodurch man sich von der Existenz Gottes überzeugen kann. Aber ich denke mir, daß die Gläubigen die solche Beweise lieferten, ihren ‘Glauben’ mit ihrem Verstand analysieren & begründen wollten, obgleich sie selbst durch solche Beweise nie zum Glauben gekommen wären. Einen von der ‘Existenz Gottes überzeugen’ könnte man vielleicht durch eine Art Erziehung, dadurch daß man sein Leben so & so gestaltet. Das Leben kann zum ‘Glauben an Gott’ erziehen. Und es sind auch Erfahrungen, die dies tun; aber nicht Visionen, oder sonstige Sinneserfahrungen, die uns die ‘Existenz dieses Wesens’ zeigen, sondern z.B. Leiden verschiedener Art. Und sie zeigen uns Gott nicht wie ein Sinneseindruck einen Gegenstand, noch lassen sie ihn vermuten. Erfahrungen, Gedanken, – das Leben kann uns diesen Begriff aufzwingen.

§Ms-174

2r[2]

Er ist dann etwa ähnlich dem Begriff “Gegenstand”.

§Ms-174

5r[1]

Ich kann Shakespeare darum nicht verstehen, weil ich in der gänzlichen Asymmetrie die Symmetrie finden will.

§Ms-174

5r[2]

Mir kommt vor, seine Stücke seien, gleichsam, enorme Skizzen, nicht Gemälde; sie seien hingeworfen, von einem, der sich sozusagen alles erlauben kann. Und ich verstehe, wie man das bewundern & es die höchste Kunst nennen kann, aber ich mag es nicht. – Wer daher vor diesen Stücken sprachlos steht, den kann ich verstehen; wer sie aber bewundert, so wie man Beethoven etwa bewundert, der scheint mir Shakespeare mißzuverstehen.

§Ms-174

5v[2]

Eine Zeit mißversteht die andere; & eine kleine Zeit mißversteht alle andern in ihrer eigenen häßlichen Weise.

§Ms-174

7v[2] &
8r[1]

Wie Gott den Menschen beurteilt, das kann man sich gar nicht vorstellen: Wenn er dabei wirklich die Stärke der Versuchung & die Schwäche der Natur in Anschlag bringt, wen kann er dann verurteilen? Wenn aber nicht, so ergibt eben die Resultierende dieser beiden Kräfte das Ziel, zu dem er prädestiniert wurde. Er wurde also geschaffen, um entweder durch das Zusammenspiel der Kräfte zu siegen, oder unterzugehen. Und das ist überhaupt kein religiöser Gedanke, sondern eher eine wissenschaftliche Hypothese. Wenn Du also im Religiösen bleiben willst, mußt Du kämpfen.

§Ms-174

8r[3]

Sieh Dir die Menschen an: Der eine ist Gift für den andern. Die Mutter für den Sohn, und umgekehrt, etc. etc. Aber die Mutter ist blind & der Sohn ist es auch. Vielleicht haben sie schlechtes Gewissen, aber was hilft ihnen das? Das Kind ist böse, aber niemand lehrt es anders sein, & die Eltern verderben es nur durch ihre dumme Zuneigung; & wie sollen sie es verstehen, & wie soll das Kind es verstehen? Sie sind sozusagen alle böse & alle unschuldig.

§Ms-174

10r[4] &
10v[1]

Die Philosophie hat keinen Fortschritt gemacht? – Wenn Einer kratzt wo es ihn juckt, muß ein Fortschritt zu sehen sein? ist es sonst kein echtes Kratzen, oder kein echtes Jucken? Und kann nicht diese Reaktion auf die Reizung lange Zeit so weitergehen, ehe ein Mittel gegen das Jucken gefunden wird?

§Ms-175

56r[2]

Gott kann mir sagen: “Ich richte Dich aus Deinem eigenen Munde. Du hast Dich vor Ekel vor Deinen eigenen Handlungen geschüttelt, wenn Du sie an Andern gesehen hast.”

§Ms-175

63v[2]

Ist der Sinn des Glaubens an den Teufel der, daß nicht alles, was als eine Eingebung zu uns kommt, gut ist?

§Ms-176

55v[2]

Man kann sich nicht beurteilen, wenn man sich in den Kategorien nicht auskennt. (Freges Schreibart ist manchmal groß; Freud schreibt ausgezeichnet, & es ist ein Vergnügen, ihn zu lesen, aber er ist nie groß in seinem Schreiben.)