Ms-115

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474 published remarks, PG I, EPB

§

V[1]

Philosophische Bemerkungen XI.

§PG I

1[1]

14.12.1933

Das Bild sagt mir also sich selbst. Und daß es mir etwas sagt wird etwa darin bestehen, daß ich in ihm Gegenstände in irgend einer charakteristischen Gruppierung wiedererkenne. (Wenn ich sage: “ich sehe in diesem Bild einen Tisch”, so charakterisiert das, wie gesagt, das Bild in einer Weise, die nichts mit der Existenz eines ‘wirklichen’ Tisches zu tun hat. “Das Bild zeigt mir einen Würfel”, kann z.B. heißen: es enthält die Form

.)

§

1[2] &
2[1]

Wir sind geneigt zu denken, es gäbe ein bestimmtes Phänomen des Wiedererkennens, das Ding als das zu erkennen. Aber als was? Als das, welches diesen Namen hat? oder so gebraucht wird? Denn ‘das Ding als sich selbst erkennen’ heißt nichts. Die Idee, die uns da vorschwebt, ist die des Vergleichs zweier Bilder; es ist als trügen wir ein Bild des Gegenstandes mit uns herum, & wir erkennen einen Gegenstand als den, welchen das Bild darstellt. Es ist uns so, als ob unser Gedächtnis so einen Vergleich vermittelte; indem es uns ein Bild des früher Gesehenen aufbewahrt oder uns erlaubt in die Vergangenheit zu sehen, sodaß wir das was uns das Gedächtnis zeigt, mit dem gegenwärtig Gesehenen vergleichen können. Aber wenn wir die Gegenstände die uns umgeben & die wir unzählige Male gesehen haben nicht als fremde sondern als wohlvertraute behandeln, ja sogar wenn wir auf eine Frage antworten “ja, diesen Tisch kenne ich wohl, ich sehe ihn täglich”, so geht hier kein Vergleich zweier Eindrücke (eines Erinnerungsbildes & der Wirklichkeit) vor sich.

§PG I

2[2]

Ich leugne natürlich nicht, daß es Phänomene des Wiedererkennens gibt (wenn wir, z.B., sagen: “das ist dasselbe Kästchen, das ich vor Jahren dort gesehen habe”) auch nicht, daß unter den Phänomenen, die wir “Wiedererkennen” nennen, das ist, ein Vorstellungsbild mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Wenn man mich fragt: “hast Du Deinen Schreibtisch wiedererkannt, wie Du heute morgen in Dein Zimmer getreten bist?” so würde ich wohl sagen “gewiß!” und doch ist es irreführend, das was sich da abgespielt hat ein “Wiedererkennen” zu nennen. Gewiß, der Schreibtisch war mir nicht fremd, ich war nicht überrascht ihn zu sehn, wie ich es gewesen wäre wenn ein andrer dagestanden hätte oder ein fremdartiger Gegenstand.

§

2[3] &
3[1]

Der Anblick meines Zimmers, einer Straße voll Menschen, einer Landschaft mit Häusern & Bäumen ist mir wohlvertraut.

§PG I

3[2]

“Was heißt es: ‘dieser Gegenstand ist mir wohlbekannt?’” – “Nun, ich weiß daß er ein Tisch ist.” Das kann aber alles mögliche heißen, u.a.: “ich weiß, wie er gebraucht wird”, “ich weiß er sieht wie ein Tisch aus, wenn man ihn aufklappt”, “ich weiß, daß man das einen ‘Tisch’ nennt”.

§PG I

3[3]

Was ist das Wesen des ‘Wohlbekanntseins’? Worin besteht es, daß ein Anblick mir wohlbekannt ist? (Schon diese Frage ist eigentümlich; sie klingt nicht wie eine grammatische Frage.) Ich möchte sagen: “Ich sehe was ich sehe.” Und die Wohlbekanntheit kann nur darin liegen, daß ich in dem Anblick ruhe.

§PG I

3[4]

“Ich sehe, was ich sehe”, das sage ich darum, weil ich nicht benennen will, was ich sehe. Ich will nicht sagen, “ich sehe eine Blume”, denn das setzt ein Sprachübereinkommen voraus & meine Ausdrucksweise will sich nicht auf die Geschichte des Eindrucks beziehen.

§

3[5] &
4[1]

Ja, wenn ich sage das Wohlbekanntsein bestehe darin, ich sehe eine Blume, so wende ich die Sache nun so: das Aussprechen der Worte des Erkennens “das ist eine Blume” ist eine Reaktion auf den Anblick; man kann aber nicht sagen, es sei das Kriterium des Erkennens, daß ich den Gegenstand richtig benenne; vielmehr muß es nun heißen, das Erkennen ist dadurch charakterisiert, daß ich bei dem Anblick des Gegenstandes eine Lautverbindung, etwa mit gewissen Empfindungen, ausspreche. Denn daß diese Lautverbindung das richtige deutsche Wort ist, ja überhaupt ein Wort einer bestehenden Sprache, liegt nicht in der Erfahrung beim Aussprechen.

§PG I

4[2]

Das Wohlbekanntsein bestehe darin, daß ich erkenne: was ich sehe sei eine Blume. Ich sage nun: Das Aussprechen der Worte “das ist eine Blume” ist die Reaktion des Erkennens; aber das Kriterium des Erkennens ist nicht, daß ich den Gegenstand richtig benenne, sondern daß ich bei seinem Anblick eine Lautverbindung mit bestimmtem Erlebnis ausspreche. Denn daß die Lautverbindung das richtige deutsche Wort ist, oder überhaupt ein Wort einer bestehenden Sprache liegt nicht in dem Erlebnis beim Aussprechen.

§PG I

5[1]

“Wohlbekannt ist das, wovon ich weiß, was es ist”.

§PG I

5[2]

Ich will alles ‘Geschichtliche’ aus meiner Betrachtungsweise des Bekanntseins ausschalten. Es bleiben dann Eindrücke (Erlebnisse, Reaktionen), & auch wo die Sprache in unsere Erfahrungen eintritt betrachten wir sie nicht als bestehende Einrichtung.

§PG I

5[3]

Die Multiplizität des Wohlbekanntseins, wie ich es verstehe, ist also die des Ruhens in einem Anblick. Es könnte darin bestehen daß mein Blick auf dem Gegenstand nicht unruhig (suchend) umherschweift, daß ich den Aspekt des Gesehenen nicht wechsle sondern mich in einem Aspekt niederlasse & bleibe.

§PG I

5[4]

Ich sehe das Bild eines dicken Rockes & habe ein Gefühl der Wärme & Behaglichkeit, ich sehe das Bild einer winterlichen Landschaft & friere. Diese Reaktionen, könnte man sagen, sind durch frühere Erfahrung gerechtfertigt. Aber wir bekümmern uns jetzt nicht um die Geschichte unserer Erfahrungen & also auch nicht um eine solche Rechtfertigung.

§PG I

6[1]

Niemand wird sagen, daß jedesmal wenn ich in mein Zimmer komme, in die altgewohnte Umgebung, sich ein Wiedererkennen alles dessen was ich sehe, & hundertemale gesehen habe, abspielt.

§PG I

6[2]

Wenn wir an unser Verstehen eines Bildes etwa eines Genrebildes denken, so sind wir vielleicht geneigt anzunehmen, daß es da ein bestimmtes Phänomen des Wiedererkennens gibt & wie die gemalten Menschen als Menschen, die gemalten Bäume als Bäume erkennen, etc. Aber vergleiche ich denn beim Anblick eines Genrebildes die gemalten Menschen mit wirklichen, etc.? Soll ich also sagen ich erkenne die gemalten Menschen als gemalte Menschen? Und also auch die wirklichen Menschen als wirkliche?

§PG I

6[3]

Freilich gibt es ein Phänomen des Erkennens, wenn wir, etwa nach einem Vorgang des Suchens, eine Zeichnung als Darstellung eines Menschen erkennen; aber was sich hier abspielt geschieht eben nicht, wenn ich die Zeichnung sogleich als Darstellung eines Menschen sehe.

§PG I

7[1]

Das Bild einer menschlichen Gestalt sowie die menschliche Gestalt selbst sind uns wohlvertraute Gegenstände. Von einem Wiedererkennen aber ist hier keine Rede.

§PG I

7[2]

Von den Vorgängen, die man “Wiedererkennen” nennt haben wir leicht einen falschen Begriff; als bestünde das Wiedererkennen immer darin daß wir zwei Eindrücke mit einander vergleichen. Es ist als trüge ich ein Bild eines Gegenstandes bei mir & agnoszierte danach einen Gegenstand als den, welchen das Bild darstellt. Unser Gedächtnis scheint uns so einen Vergleich zu vermitteln, indem es uns ein Bild des früher Gesehenen aufbewahrt oder uns erlaubt (wie durch ein Rohr) in die Vergangenheit zu blicken.

§PG I

7[3] &
8[1]

In den meisten Fällen des Wiedererkennens findet kein solcher Vergleich statt. Jemand kommt mir auf der Gasse entgegen dessen Gesicht meinen Blick auf sich zieht; vielleicht frage ich mich “wer ist das?”; plötzlich ändert sich der Aspekt des Gesichtes in bestimmter Weise, “es wird mir bekannt”; ich lächle gehe auf ihn zu & begrüße ihn beim Namen; jetzt reden wir von der vergangenen Zeit & dabei schwebt mir vielleicht auch ein Erinnerungsbild von ihm vor, ich sehe ihn in einer bestimmten Situation.

§PG I

8[2]

Man sagt vielleicht: hätte ich nicht sein Bild in der Erinnerung bewahrt, so könnte ich ihn nicht erkennen. Aber hier gebraucht man eine Metapher, oder man spricht eine Hypothese aus.

§PG I

8[3]

Man könnte sagen: “der Anblick war erinnerungsbetont”.

§PG I

8[4]

Man sagt auch: “wir könnten Worte gar nicht gebrauchen, wenn wir nicht sie & die Gegenstände die sie bezeichnen wiedererkennten”. Wenn wir die Farbe Grün nicht als solche wiedererkennten (wohl wegen Mangels an Gedächtnis), so könnten wir also das Wort “Grün” nicht anwenden. Aber haben wir denn irgend eine Kontrolle dieses Wiedererkennens, so daß wir wissen daß es wirklich ein Wiedererkennen ist? Wenn wir von einem Wiedererkennen reden, so meinen wir, daß wir etwas als das erkennen, was es, nach andern Kriterien, wirklich ist. “Erkennen” heißt: erkennen, was ist.

§PG I

8[5]

Die Wohlbekanntheit bestätigt den Aspekt ohne ihn aber mit etwas Anderem zu vergleichen. Sie stempelt ihn gleichsam ab.

§PG I

9[1]

Anderseits möchte ich sagen: “was ich hier vor mir sehe, ist doch nicht irgend eine Form, die ich auf bestimmte Weise sehe, sondern es sind eben meine Schuhe, die ich kenne.” Aber hier bekämpfen sich eben zwei Ausdrucksweisen.

§PG I

9[2]

Diese Form, die ich sehe – möchte ich sagen – ist nicht einfach eine Form, sondern sie ist eine von den mir bekannten Formen; sie ist eine im vorhinein ausgezeichnete Form. Sie ist eine von den Formen deren Bild schon früher in mir war & nur weil sie so einem Bild entspricht, ist sie die wohlbekannte Form. (Ich trage gleichsam einen Katalog solcher Formen mit mir herum & die Gegenstände die dort abgebildet sind, sind dann die wohlbekannten.)

§PG I

9[3]

Aber daß ich das Bild schon früher mit mir herumgetragen habe wäre nur eine kausale Erklärung des gegenwärtigen Eindrucks. Es ist, als sagte man: diese Bewegung geht so leicht, als wäre sie eingeübt worden. Und es ist ja nicht so sehr als vergliche ich den Gegenstand mit einem neben ihm stehenden Bild sondern als deckte er sich mit dem Bild. Ich sehe also nur Eines & nicht zwei.

§PG I

10[1]

Man sagt: “dieses Gesicht hat einen ganz bestimmten Ausdruck”, & sucht etwa nach Worten, die ihn charakterisieren.

§PG I

10[2]

Hier ist es leicht in jene Sackgasse des Philosophierens zu geraten, wo man glaubt die Schwierigkeit der Aufgabe liege darin, daß schwer Erhaschbares, die schnell entschlüpfende gegenwärtige Erfahrung, oder dergleichen, von uns beschrieben werden sollten. Wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint; & es scheint als haben wir es nicht mit den Phänomenen zu tun, von denen der Alltag redet, sondern “mit den leicht entschwindenden, die mit ihrem Auftauchen & Vergehen jene ersteren annähernd erzeugen”.

§PG I

10[3]

Und da muß man sich daran erinnern, daß alle die Phänomene, die uns nun so merkwürdig vorkommen, die ganz gewöhnlichen sind, die, wenn sie geschehen, uns nicht im geringsten auffallen. Sie kommen uns erst in der seltsamen Beleuchtung merkwürdig vor, die wir nun auf sie werfen, wenn wir philosophieren.

§PG I

10[4] &
11[1]

“Das Bild sagt mir sich selbst”, möchte ich sagen. D.h., daß es mir etwas sagt, besteht in seiner eigenen Struktur in seinen Formen & Farben. So ein Fall wäre es z.B., wenn “es sagt mir etwas” oder “es ist ein Bild” hieße: es zeigt irgend eine Kombination von Würfeln & Zylindern.

§PG I

11[2]

“Es sagt mir etwas” kann heißen: es erzählt mir etwas, es ist eine Erzählung.

§PG I

11[3]

Es sagt mir sich selbst, wie ein Satz, eine Erzählung mir sich selbst sagt.

§PG I

11[4]

Ist denn der Begriff des erzählenden Bildes nicht ähnlich dem des Genrebildes (oder Schlachtenbildes). Und wenn ich beschreiben wollte, was ein Schlachtenbild ist, so brauchte ich mich nicht auf eine Realität außerhalb des Bildes zu beziehen sondern nur von gemalten Menschen, gemalten Pferden, gemalten Kanonen etc. zu reden.

§PG I

11[5]

“Das Bild sagt mir etwas”: es gebraucht, sozusagen, Worte; hier sind Augen, Mund, Nase, Hände, etc. etc.. Ich vergleiche das Bild mit einer Kombination sprachlicher Formen.

§PG I

11[6] &
12[1]

Aber das System der Sprache ist nicht von der Kategorie eines Erlebnisses. Das typische Erlebnis beim Gebrauch eines Systems nicht das System. (Vergleiche: Bedeutung des Wortes “oder” & Oder-Gefühl.)

§PG I

12[2]

“Jetzt sagt mir diese Zeichenfolge etwas; früher, ehe ich die Sprache lernte, hat sie mir nichts gesagt”. Nehmen wir an wir meinten damit, daß der Satz jetzt mit einem bestimmten Erlebnis gelesen wird. Gewiß, diese Zeichenfolge hat, ehe ich die Sprache verstehen lernte, nicht diesen Eindruck gemacht. Der Eindruck ist natürlich, wenn wir vom Kausalen absehen vom System der Sprache ganz unabhängig. – Und nun wehrt sich etwas in mir dagegen, zu sagen: daß der Satz etwas sagt, besteht darin, daß er mir diesen Eindruck macht. “Etwas ist ein Satz nur in einer Sprache”, will ich sagen.

§PG I

12[3]

‘Sprache’, das sind doch die Sprachen. Auch solche die ich nach Analogie bestehender erfinde. Die Sprachen sind Systeme.

§PG I

12[4]

“Ein Satz ist ein Satz einer Sprache”. Aber das heißt eben: “Sätze” nenne ich Glieder der Sprachen.

§PG I

12[5] &
13[1]

Aber achten wir auf den Gebrauch des Wortes “deutsche Sprache”, sonst fragen wir etwa: “Was ist die Sprache? alle ihre Sätze die je gesprochen worden sind? die Klasse ihrer Regeln & Wörter? etc. etc..”. Was ist das System? Wo ist es? Was ist das Schachspiel? alle Partien? Das Regelverzeichnis?

§PG I

13[2]

Satz ist das Glied einer Sprache”. “Es ist doch offenbar die Kombination von Wörtern die auch anders kombiniert werden könnten, was den Satz ausmacht”. D.h. aber: was ihn für mich ausmacht. So betrachte ich die Sprache.

§PG I

13[3]

Wir wollen eben auf das System der Sprache achten.

§PG I

13[4]

Gewiß, ich lese eine Geschichte & kümmere mich den Teufel um ein System der Sprache. Ich lese einfach, habe Eindrücke, sehe Bilder vor mir, etc.. Ich lasse die Geschichte an mir vorüberziehen wie Bilder, wie eine Bildergeschichte. (Damit will ich natürlich nicht sagen, daß jeder Satz in mir ein visuelles Bild oder mehrere hervorruft, & daß das etwa der Zweck eines Satzes sei.)

§PG I

13[5]

Denken wir uns eine Bildergeschichte in schematischen Bildern, also ähnlicher der Erzählung in einer Sprache als eine Folge realistischer Bilder. Man könnte in so einer Bildersprache etwa insbesondere den Gang von Schlachten festgehalten haben. (Sprachspiel.) Und ein Satz unserer Wortsprache kommt so einem Bild dieser Bildersprache viel näher als man meint.

§PG I

14[1]

Denken wir auch daran, wie wir uns solche Bilder [

] nicht erst in realistische übertragen, um sie zu ‘verstehen’, sowenig wir uns je Photographien oder die Bilder des Films in färbige Bilder übertragen obwohl uns schwarz-weiße Menschen oder Pflanzen etc. in der Wirklichkeit unsagbar fremd & schrecklich vorkämen. Wie, wenn wir nun hier sagten: “ein Bild ist etwas nur in einer Bildersprache”?

§PG I

14[2]

Ein Satz einer Erzählung gibt uns dieselbe Befriedigung, wie ein Bild.

§PG I

14[3] &
15[1]

Wir können uns (anderseits) eine Sprache denken, in deren Verwendung der Eindruck, den ein Zeichen uns macht, keine Rolle spielt; in der es ein Verstehen im Sinne eines solchen Eindrucks nicht gibt. Die Zeichen werden uns etwa geschrieben übermittelt & wir können sie uns nun merken. (D.h. der einzige Eindruck von dem da die Rede ist, ist das Bild des Zeichens.) Wenn es nun ein Befehl ist, so übertragen wir nach Regeln, Tabellen, das Zeichen in Handlung. Zum Eindruck ähnlich dem eines Bildes kommt es gar nicht & man schreibt auch nicht Geschichten in dieser Sprache. Es gibt aber etwa eine Art Unterhaltungslektüre, die darin besteht, daß man gewisse Zeichenfolgen in Körperbewegungen übersetzt die eine Art Tanz bilden. (Vergleiche die Bemerkung über Verstehen & Chiffre.)

§PG I

15[2]

Es wäre natürlich auch denkbar, daß wir einen Satz der Wortsprache, um von ihm einen Eindruck zu erhalten, nach Regeln in ein gezeichnetes Bild übertragen müßten. (Daß erst dies Bild eine Seele hätte.)

§PG I

15[3]

(Ich könnte meinem Schüler sagen: Du wirst anders denken, wenn Du durch diese Übungen gegangen bist.)

§PG I

15[4]

In diesem Fall könnte man wirklich sagen: “Die Zeichenfolge ist tot ohne das System”.

§PG I

15[5]

Aber auch in unserer gewöhnlichen Sprache können wir von dem Eindruck des Satzes oft ganz absehen & wichtig ist nur, wie wir mit dem Satz operieren. (Frege's Auffassung der Logik.)

§PG I

15[6]

“Es gibt keinen alleinstehenden Satz”. Denn was ich “Satz” nenne ist eine Spielstellung in einer Sprache.

§PG I

16[1]

Ist das Verwirrende nicht, daß ich eine Spielstellung betrachten kann so genau ich will, aber dadurch nicht herausfinde, daß es eine Spielstellung ist? Es verwirrt uns hier etwas in der Grammatik des Wortes “Spielstellung”.

§PG I

16[2]

Das Denken heißt eine Tätigkeit, wie das Rechnen. Niemand würde Rechnen einen Zustand nennen, oder Schach spielen.

§PG I

16[3]

Denken wir uns eine Art Vexierbild, worin nicht ein bestimmter Gegenstand aufzufinden ist, sondern das uns auf den ersten Blick als ein Gewirr nichtssagender Striche erscheint & nach einigem Suchen erst als, sagen wir, ein Landschaftsbild. – Worin besteht der Unterschied zwischen dem Anblick des Bildes vor & nach der Lösung. Daß wir es beidemale anders sehen ist klar. Inwiefern aber kann man nach der Auflösung sagen, jetzt sage uns das Bild etwas, früher habe es uns nichts gesagt?

§PG I

16[4]

Wir können diese Frage auch so stellen: Was ist das allgemeine Charakteristikum dafür, daß die Lösung gefunden ist?

§

17[1] &
18[1]

Ich will annehmen, daß ich, sobald es gelöst ist, die Lösung dadurch darstelle, daß ich gewisse Striche des Vexierbildes stark nachziehe & etwa Schatten eintrage. Warum nennst Du nun das Bild das Du eingezeichnet hast eine Auflösung? a) Weil es die klare Darstellung einer Gruppe räumlicher Gegenstände ist. b) Weil es die Darstellung eines regelmäßigen Körpers ist. c) Weil es eine symmetrische Figur ist. d) Weil es eine Figur ist die mir einen ornamentalen Eindruck macht. e) Weil es die Darstellung eines Körpers ist der mir bekannt vorkommt. f) Weil es eine Liste von Auflösungen gibt & diese Figur (dieser Körper) auf der Liste steht. g) Weil es eine Art von Gegenstand darstellt, die ich wohl kenne: denn er macht mir den augenblicklichen Eindruck der Wohlbekanntheit, ich verbinde augenblicklich alle möglichen Assoziationen mit ihm, ich weiß, wie er heißt, ich weiß, daß ich ihn oft gesehen habe, ich weiß, wozu man ihn gebraucht, etc. etc. h) Weil es ein Gesicht darstellt, welches mir bekannt vorkommt. i) Weil es ein Gesicht darstellt welches ich erkenne: α) es ist das Gesicht meines Freundes so & so β) es ist ein Gesicht welches ich oft abgebildet gesehen habe. etc. k) Weil es einen Gegenstand darstellt, den ich mich erinnere, einmal gesehen zu haben. l) Weil es ein Ornament ist das ich gut kenne (obwohl ich nicht weiß, wo ich es gesehen habe). m) Weil es ein Ornament ist das ich gut kenne: ich kenne seinen Namen, weiß wo ich es schon gesehen habe. n) Weil es einen Einrichtungsgegenstand meines Zimmers darstellt. o) Weil ich instinktiv diese Striche nachgezogen habe & mich nun beruhigt fühle. p) Weil ich mich erinnere, daß mir dieser Gegenstand beschrieben worden ist. g1) Weil ich den Gegenstand wohl zu kennen meine: es fällt mir sogleich ein Wort als sein Name ein (obwohl das Wort keiner bestehenden Sprache angehört), ich sage mir: “natürlich das ist ein α wie ich es oft in β gesehen habe. Man γt damit die δ bis sie εen.” So etwas kommt z.B. im Traum vor. u.s.w.

§PG I

18[2]

(Wer nicht versteht, warum wir über diese Dinge reden, muß, was wir sagen, als leere Spielerei empfinden.)

§PG I

18[3] &
19[1]

Der Eindruck ist Eins, & die Bestimmtheit des Eindrucks etwas Anderes. Was ich den Eindruck der Wohlbekanntheit nenne hat die Multiplizität einer Bestimmtheit.

§PG I

19[2]

Wir können in ein menschliches Gesicht schauen das wir genau kennen ohne irgend einen Eindruck zu erhalten, sozusagen ganz stumpfsinnig; & von da bis zu einem starken Eindruck gibt es alle Stufen.

§PG I

19[3]

Denken wir uns der Anblick eines Gesichts brächte einen starken Eindruck auf uns hervor es flößt uns etwa Furcht ein. Soll ich dann sagen: vor allem muß da ein Eindruck der Wohlbekanntheit sein, die Form des menschlichen Gesichts als solche muß mir den Eindruck der Bekanntheit machen; & zu diesem Eindruck kommt nun der der Furcht. – Ist es nicht so, daß, was ich den Eindruck der Artbekanntheit nenne, ein Charakteristikum eines jeden starken Eindrucks ist den ein Gesicht auf mich macht. Etwa das Charakteristikum der Bestimmtheit. Ich sagte ja der Eindruck der Wohlbekanntheit bestehe etwa darin daß wir in einem Anblick ruhen, den Aspekt nicht wechseln & dergleichen.

§PG I

19[4] &
20[1]

Kann ich mir den Eindruck der individuellen Bekanntschaft wegdenken, wo er ist, & hinzudenken wo er nicht ist? Und was heißt das? Ich sehe z.B. das Gesicht eines Freundes an & frage mich: wie schaut dieses Gesicht aus wenn ich es als ein mir unbekanntes Gesicht sehe (als sähe ich es etwa jetzt zum ersten mal)? Was bleibt sozusagen von dem Anblick des Gesichts wenn ich den Eindruck der Bekanntheit wegdenke, abziehe? – Hier bin ich nun geneigt zu sagen: “es ist sehr schwer die Bekanntheit von dem Eindruck des Gesichts zu trennen”. Aber ich fühle auch daß das eine irreführende Ausdrucksweise ist. Ich weiß nämlich gar nicht wie ich es auch nur versuchen soll diese beiden zu trennen. Der Ausdruck “sie trennen” hat für mich gar keinen klaren Sinn. Ich weiß was es heißt: “stelle Dir diesen Tisch vor aber schwarz, obwohl er braun ist” das heißt etwas Ähnliches wie: “male ein Bild dieses Tisches aber schwarz statt braun”; oder analog: “zeichne diesen Menschen aber mit längeren Beinen als er hat”.

§PG I

20[2]

Wie, wenn man sagte: “denke Dir diesen Schmetterling, genau so wie er ist, aber häßlich statt schön”?!

§PG I

20[3] &
21[1]

“Es ist sehr schwer … wegzudenken”: hier scheint es als handle es sich um eine psychologische Schwierigkeit, eine Schwierigkeit der Introspektion oder dergleichen. (Dies trifft für ein großes Gebiet von philosophischen Problemen zu: Denke an das Problem der genauen Wiedergabe, Beschreibung, des im Gesichtsfeld Gesehenen; an die Beschreibung der immer fließenden Erscheinung; auch daran: “wieviel Regentropfen siehst Du, wenn Du in den Regen schaust”.)

Vergleiche: “Es ist schwer diesen Tisch aus der Ferne bewegen zu wollen”.

§PG I

21[2]

Wir haben in diesem Fall nicht bestimmt, was es heißen soll sich die Wohlbekanntheit wegzudenken.

Es könnte etwa heißen, sich des Eindrucks zu entsinnen den ich hatte als ich das Gesicht zum ersten Male sah. Und hier wieder muß man wissen was es heißt zu “versuchen” sich an den Eindruck zu erinnern. Denn das hat mancherlei Bedeutung. Fragen wir uns: welche Tätigkeiten nennen wir “versuchen uns an etwas zu erinnern”; was tun wir wenn wir uns daran erinnern wollen was wir gestern zu Mittag gegessen haben; gibt es diese Methode auch für die frühen Kindheitserinnerungen eines Erwachsenen; kann man versuchen, sich an die eigene Geburt zu erinnern?

§PG I

21[3] &
22[1]

Ich sage mir: ich will versuchen ein gedrucktes deutsches Wort anzuschauen und es so zu sehen als hätte ich nicht lesen gelernt & als seien die schwarzen Figuren auf dem Papier sonderbare Zeichnungen deren Zweck ich mir nicht denken kann, oder nicht ahne. Da geschieht nun dies, daß ich das gedruckte Wort nicht anschauen kann ohne daß mir das Lautbild des Wortes oder der Buchstaben die ich gerade anschaue vorschwebt.

§PG I

22[2]

Eine zeichnerische Darstellung des Innern eines Radioempfängers wird für den der keine Kunde von solchen Dingen hat, ein Gewirr sinnloser Striche sein. Hat er aber den Apparat & seine Funktion kennengelernt so wird jene Zeichnung für ihn ein sinnvolles Bild sein. Gegeben nun eine bestimmte mir jetzt sinnlose körperliche Gestalt (etwa im Bild), kann ich nach Belieben sie sinnvoll vorstellen? Das wäre, als fragte man: kann ich mir einen beliebig geformten Gegenstand als Gebrauchsgegenstand vorstellen? Aber zu was für einem Gebrauch? Nun man kann ja wenigstens eine Klasse von Körperformen sich methodisch als Wohnungen von Tieren oder Menschen denken. Eine andere Klasse als Waffen. Eine etwa als Modelle von Landschaften etc. etc.. Und hier weiß ich also, wie ich einer sinnlosen Form Sinn geben kann.

§PG I

23[1]

Wenn ich sage, dieses Gesicht hat den Ausdruck der Milde, Güte, Feigheit, so scheine ich nicht nur zu meinen daß wir die & die Gefühle mit dem Anblick des Gesichts assoziieren, sondern ich bin versucht zu sagen, daß das Gesicht ein Aspekt der Feigheit, Güte, etc., selbst ist. (Vergleiche z.B. Weininger.) – Man kann sagen: ich sehe die Feigheit in dieses Gesicht hinein (& könnte sie auch in ein anderes hineinsehen), aber jedenfalls scheint sie mit dem Gesicht nicht bloß assoziiert, äußerlich verbunden, sondern die Furcht hat die Multiplizität der Gesichtszüge. Und wenn sich z.B. die Züge ein wenig ändern, so können wir von einer entsprechenden Änderung der Furcht reden. Würden wir gefragt: “kannst Du Dir dieses Gesicht auch als Ausdruck des Mutes denken”, so wüßten wir, gleichsam, nicht, wie wir den Mut in diesen Zügen unterbringen sollten. Ich sage dann etwa: “Ich weiß nicht was das hieße, wenn dieses Gesicht ein mutiges Gesicht ist”. Aber wie sieht die Lösung so einer Frage aus? Man sagt etwa: “Ja, jetzt versteh' ich es; das Gesicht ist sozusagen gleichgültig gegen die Außenwelt”. Wir haben also Mut hineingedeutet. Der Mut, könnte man sagen, paßt jetzt wieder auf das Gesicht. Aber was paßt hier worauf?

§PG I

24[1]

Es ist ein verwandter Fall (obwohl es vielleicht nicht so scheinen möchte) wenn wir uns z.B. darüber wundern, daß die Franzosen nicht einfach sagen “der Mann ist gut” sondern ein attributives Adjektiv dorthin setzen, wo ein prädikatives stehen sollte; und wenn wir das Problem uns dann dadurch lösen daß wir sagen sie meinten “der Mensch ist ein guter”.

§PG I

24[2] &
25[1]

Könnten verschiedene Deutungen eines Gesichtsausdrucks nicht darin bestehen, daß ich mir zu ihm jedesmal eine andere Fortsetzung denke? So ist es gewiß oft. Ich sehe ein Bild das einen lächelnden Kopf darstellt. Was tue ich, wenn ich das Lächeln einmal als freundliches einmal als böses auffasse? Stelle ich es mir dann nicht in einer räumlichen & zeitlichen Umgebung vor die ich freundlich oder boshaft nenne? So könnte ich mir zu dem Bild vorstellen daß der Lächelnde auf ein spielendes Kind herniederlächelt oder aber auf das Leiden eines Feindes. Daran wird nichts geändert dadurch, daß ich mir auch die auf den ersten Blick liebliche Situation durch eine weitere Umgebung wieder anders deuten kann. Ein gewisses Lächeln werde ich, wenn keine besondern Umstände meine Deutung umstellen, als freundliches auffassen, ein freundliches nennen, entsprechend reagieren.

§PG I

25[2]

Was heißt es: “Freundlichkeit in das Lächeln hineinlesen”? Es heißt vielleicht, ich mache ein dem lächelnden Gesicht auf eine bestimmte Weise koordiniertes Gesicht. Ich ordne etwa dem andern Gesicht meines in der Weise zu daß es den einen oder andern Zug des andern übertreibt.

§PG I

25[3] &
26[1]

Ein freundlicher Mund, ein freundliches Auge. Wie denkt man sich eine freundliche Hand? – Wahrscheinlich geöffnet & nicht als Faust. – Und könnte man sich die Haarfarbe des Menschen als Ausdruck der Freundlichkeit, oder des Gegenteils, denken? Aber, so gestellt, scheint dies zu fragen, ob uns das gelingen wird. Die Frage soll lauten: Wollen wir etwas eine freundliche, oder unfreundliche Haarfarbe nennen? Wollen wir solchen Worten Sinn geben, so würden wir uns etwa einen Menschen denken dessen Haare dunkel werden, wenn er böse wird. Das Hineinlesen des bösen Ausdrucks in die dunklen Haare aber geschähe mittels einer schon fertigen Idee. Man kann sagen: das freundliche Auge der freundliche Mund, das Wedeln des Hundes sind unter anderm primäre & von einander unabhängige Symbole der Freundlichkeit, ich meine damit: sie sind Teile der Phänomene die man Freundlichkeit nennt. Will man sich andere Erscheinungen als Ausdruck der Freundlichkeit denken so sieht man jene Symbole in sie hinein. Wir sagen “er macht ein finsteres Gesicht”; vielleicht weil die Augen durch die Augenbrauen stärker beschattet werden; & nun übertragen wir die Idee der Finsternis auf die Haarfarbe. Er macht finstere Haare. Fragte man mich ob ich mir einen Sessel mit freundlichem Ausdruck denken kann, so würde ich mir ihn gewiß vor allem mit einem freundlichen Gesichtsausdruck vorstellen wollen, ein freundliches Gesicht in ihn hineinlesen.

§PG I

26[2] &
27[1]

Ich sage: “dieses Gesicht (das zuerst den Eindruck der Furchtsamkeit macht) kann ich mir auch als ein mutiges denken”. Damit meinen wir nicht, daß ich mir vorstellen kann, wie jemand mit diesem Gesicht etwa einem Andern das Leben retten kann (das kann man sich natürlich zu jedem Gesicht vorstellen). Ich rede vielmehr von einem Aspekt des Gesichtes selbst. Was ich meine ist auch nicht, ich könne mir vorstellen, daß dieser Mensch sein Gesicht in ein mutiges, im gewöhnlichen Sinn, verändern kann; wohl aber, daß es auf eine ganz bestimmte Art in ein solches übergehen kann. Die Umdeutung eines Gesichtsausdrucks ist aber zu vergleichen mit der Umdeutung eines Akkordes in der Musik, wenn wir ihn einmal als Überleitung in diese einmal in jene Tonart ‘hören’. (Vergleiche auch den Unterschied Mischfarbe, Zwischenfarbe.)

§PG I

27[2]

Das hängt mit dem Gegensatz von sagen & meinen zusammen. “Jeder Ausdruck kann (doch) lügen”: Aber denke doch nur was Du mit “lügen” meinst. Wie stellst Du Dir die Lüge vor? setzt Du nicht einen Ausdruck einem andern entgegen? Doch gewiß dem Ausdruck einen Vorgang, der auch Ausdruck sein könnte.

§PG I

27[3]

Wenn wir uns fragen “welcher Personenname würde den Charakter dieses Menschen treffen” – klanglich abbilden – so steht gleichsam die Projektionsmethode, nach der wir abbilden, fest. (So könnte sich etwa ein Dichter fragen welchen Namen er einer Person geben will.) Manchmal aber projizieren wir den Charakter in den gegebenen Namen. So scheint es uns, daß die großen Meister die Namen haben die einzig zu dem Charakter ihrer Werke passen.

§PG I

27[4] &
28[1]

Erlebnis der wirklichen Größe. Wir sähen ein Bild das die Form eines Sessels zeigt; man sagt uns, es stelle eine Konstruktion von Hausgröße vor. Nun sehen wir es anders.

§PG I

28[2]

Was geschieht wenn wir lernen den Schluß einer Kirchentonart als Schluß zu empfinden?

§PG I

28[3]

Denke an die Vielgestaltigkeit dessen was wir “Sprache” nennen. Wortsprache, Bildersprache, Gebärdensprache, Tonsprache.

§

28[4]

Die philosophischen Schwierigkeiten, etwa das Wiedererkennen betreffend, sind nicht solche die wir zwar in praxi übersehn, die sich aber zeigen sowie man die Phänomene genauer betrachtet. Sie zeigen sich vielmehr nur, wenn wir sie durch ein vorgefaßtes Schema betrachten.

§PG I

28[5] &
29[1]

“‘Diesen Gegenstand kenne ich wohl’, das ist als sagte ich: ‘dieser Gegenstand ist in meinem Katalog abgebildet’”. Dann bestünde es also darin, daß so ein Bild in einem bestimmten Umschlag mit andern zusammengebunden wäre; in dieser Lade läge. – Aber wenn ich mir das wirklich vorstelle, & denke ich vergliche einfach den gesehenen Gegenstand mit Bildern in meinem Katalog & fände, daß er mit einem von ihnen übereinstimmt, so wäre das eben nicht ähnlich dem Phänomen der Wohlbekanntheit. Man nimmt nämlich an das Bild in unserem Katalog sei uns wohlbekannt. Wäre es uns fremd, so würde die Tatsache daß es in diesem Umschlag, in dieser Lade ist gar nichts für uns bedeuten.

§PG I

29[2]

Wenn ich nun von dem Vorbild im Katalog meines Geistes rede oder dem Futteral worein der Gegenstand paßt, wenn er mir wohlbekannt ist, so möchte ich, daß das Futteral in meinem Geist sozusagen als “Form der Vorstellung” ist, sodaß ich nicht sagen kann, ein Vorbild sei in meinem Geiste, welches (wirklich) nicht dort ist. – Das Vorbild zieht sich sozusagen in meinen Geist zurück, ist also kein Objekt mehr für ihn. Das heißt aber nur: es hatte keinen Sinn von einem Vorbild überhaupt zu reden. (Die Raumbrille die wir nicht ablegen können.)

§PG I

29[3] &
30[1]

Wenn wir von der Wohlbekanntheit als von einem Passen des Gegenstandes in ein Futteral reden, so ist das nicht ganz so als verglichen wir das Gesehene mit einem Abbild. Wir meinen dann eigentlich das Gefühl, wenn der Gegenstand ohne Widerstand in die Form des Futterals gleitet. Aber dieses Gefühl könnten wir auch haben, wenn gar kein genau passendes Futteral vorhanden wäre. Wir können uns auch jeden Gegenstand in einem unsichtbaren Futteral denken & das ändert gar nichts an unseren Erfahrungen & ist nun eine leere Form der Darstellung.

§

30[2]

(Die Darstellung der Philosophie kann nur gedichtet werden.)

§

30[3]

(Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten. Daraus muß sich, scheint mir, ergeben, wie weit mein Denken der Gegenwart, Zukunft oder der Vergangenheit angehört: Denn ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann, was er zu können wünscht.)

§

30[4]

Die Beruhigung in der Philosophie tritt ein, wenn das erlösende Wort gefunden ist.

§PG I

30[5] &
31[1]

Es sollte eigentlich nicht heißen: “ja, ich erkenne es, es ist ein Gesicht” sondern: “ich erkenne es, ich sehe es als Gesicht”. (Das Wort Gesicht könnte für mich hier das bloße Ornament

bedeuten (ohne irgend eine Beziehung zum Gesicht des Menschen), wäre also auf gleicher Stufe wie irgend eine andere uns bekannte Figur, z.B. ein Hakenkreuz.) Denn die Frage ist: Was erkenne ich als was? Denn, “ein Ding als sich selbst erkennen” heißt nichts.

§PG I

31[2]

Das Gedächtnis mit einem Notizbuch verglichen: Einerseits dient dieser Vergleich als Bild dessen was bewußt vorgeht; anderseits gibt er ein psychologisches Modell. (Und das Wort “bewußt” verweist hier auf einen Abschnitt der Grammatik & ist nicht der eine Teil des psychologischen Gegensatzes “bewußt” – “unbewußt”.)

§PG I

31[3] &
32[1]

Die Vorgänge des Erinnerns sind sehr mannigfach. “Bist Du in Deinem Zimmer gewesen?” – “Ja.” – “Bist Du sicher?” – “Ich wüßte doch wenn ich gestern nicht hier gewesen wäre!” Dabei brauche ich mich keinen Augenblick in der Erinnerung in meinem Zimmer sehen. Aber nehmen wir an ich sähe mich während ich so spräche in meinem Zimmer am Fenster stehen; wie zeigt mir das Bild daß es gestern war. Freilich, das Bild könnte das auch zeigen, wenn ich in ihm etwa einen Wandkalender mit dem gestrigen Datum sähe. Wenn das aber nicht der Fall war, wie las ich dann aus dem Erinnerungsbild oder der Erinnerung ab daß ich gestern so am Fenster stand, wie übersetzte ich das Erlebnis der Erinnerung in Worte? – Aber übersetzte ich denn ein Erlebnis in Worte? Sprach ich nicht einfach die Worte aus; und zwar in bestimmtem Tonfall & dergleichen Erlebnissen der Sicherheit? War das nicht aber das Erlebnis der Erinnerung? (Das Erlebnis der Überzeugung ist von der Art des Erlebnisses des Tonfalls.) Aber was machte Dich so sicher als Du diese Worte sprachst? Nichts; ich war sicher. Ich kann freilich, was ich so aussprach, nun auf andere Weise – wie man sagen würde – nachprüfen. Das heißt: ich kann nun versuchen mich an spezielle Geschehnisse des gestrigen Tages zu erinnern & mir Bilder vor's Auge zu rufen etc.. Aber das mußte jedenfalls nicht geschehen sein ehe ich antwortete.

§PG I

32[2]

Wenn wir einen Vorgang aus der Erinnerung erzählen so sehen wir wohl manchmal Erinnerungsbilder vor uns; meistens aber sind sie nur in der Erinnerung verstreut wie Illustrationen in einem Märchenbuch.

§PG I

32[3] &
33[1]

Es sagt mir jemand: “stelle Dir auf dieser weißen Wand einen Fleck vor von der Farbe die man ‘rot’ nennt”. Ich tue es; – soll ich nun sagen ich habe mich daran erinnert welche Farbe ‘rot’ heißt. Wenn ich von diesem Tisch rede, erinnere ich mich, daß dieser Gegenstand ‘Tisch’ genannt wird.

§PG I

33[2]

Könnte man nicht einwenden: “So kann also der gewisse Erinnerungen nicht haben, der keine Sprache gelernt hat?” Freilich, – er kann keine sprachlichen Erinnerungen, sprachlichen Wünsche, etc. haben. Und sprachliche Erinnerungen, etc., sind ja nicht bloße fadenscheinige Schemata; ist denn das sprachliche Erlebnis kein Erlebnis? (Worte sind Taten.)

§PG I

33[3]

Manche Menschen erinnern sich an ein musikalisches Thema in der Weise, daß das Notenbild vor ihnen auftaucht & sie es herunterlesen. Es wäre denkbar daß, was wir das “Erinnern” bei einem Menschen nennen, darin bestünde, daß er sich im Geiste ein Buch nachschlagen sähe & daß was er in diesem Buch liest eben das Erinnerte wäre. (Wie reagiere ich auf eine Erinnerung?)

§PG I

33[4] &
34[1]

Übrigens, denke ich denn, wenn ich die Gegenstände meiner Umgebung als wohlbekannte behandle, an diesen Vergleich. Natürlich nicht. Das tue ich erst, wenn ich den Akt des Erkennens (Wiedererkennens) nachträglich betrachte; & zwar nicht so sehr indem ich zu sehen trachte, was dabei tatsächlich vorgegangen ist, als indem ich es durch ein vorgefaßtes Schema betrachte. (Fluß der Zeit.) (Das Problem vom Wesen der Zeit & dem Fluß der Zeit ist diesem sehr ähnlich.)


§PG I

34[2]

Ich nenne Regeln der Darstellung nicht Konventionen, wenn sie sich dadurch rechtfertigen lassen, daß die Darstellung, wenn sie ihnen gemäß ist, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. So ist die Regel, “male den Himmel heller als irgend etwas, was von ihm sein Licht empfängt” keine Konvention. Die Regeln der Grammatik lassen sich nicht dadurch rechtfertigen, daß man zeigt, ihre Anwendung führe zu einer Übereinstimmung der Darstellung mit der Wirklichkeit. Denn diese Rechtfertigung müßte das Dargestellte selbst beschreiben.

§PG I

34[3] &
35[1]

Kann aber die Rechtfertigung nicht einfach auf die Wirklichkeit zeigen? Inwiefern ist dieses Zeigen aber eine Rechtfertigung? Hat es denn die Multiplizität einer Rechtfertigung? Es mag freilich die Ursache (davon) sein, daß wir diesen Satz statt jenes sagen. Aber gibt es einen Grund dafür? Nennen wir das “Rechtfertigung”?

§PG I

35[2]

“Sprache” das ist ein Wort wie “Tastatur”. Es gibt Maschinen die eine Tastatur enthalten. Nun könnte ich mich aus irgendwelchen Gründen für Formen von Tastaturen interessieren (solche die im Gebrauch sind & auch andere bloß von mir ersonnene). Und eine Tastatur erfinden könnte heißen etwas erfinden was die gewünschte Wirkung hat; aber auch neue Formen ersinnen die den alten auf mannigfache Weise analog sind.

§PG I

35[3]

“Die Regeln eines Spiels sind willkürlich” heißt: der Begriff “Spiel” ist nicht durch die Wirkungen, die das Spiel auf uns haben soll, definiert.

§PG I

35[4] &
36[1]

Ist die Philosophie ein Geschöpf der Wortsprache? Ist die Wortsprache eine Bedingung für die Existenz der Philosophie? Richtiger würde man fragen: Gibt es außerhalb des Gebietes unserer Wortsprachen auch etwas der Philosophie Analoges? Denn die Philosophie, (das) sind die philosophischen Probleme, d.i. die bestimmten individuellen Beunruhigungen, die wir “philosophische Probleme” nennen. Das ihnen Gemeinsame reicht soweit als das Gemeinsame zwischen verschiedenen Gebieten unserer Sprache. Betrachten wir nun ein bestimmtes philosophisches Problem, etwa das: “Wie ist es möglich einen Zeitraum zu messen da (doch) Vergangenheit & Zukunft nicht gegenwärtig & die Gegenwart nur ein Punkt ist” –; so ist das Charakteristische daran, daß sich hier eine Verwirrung in Form einer Frage äußert, welche diese Verwirrung nicht anerkennt. Daß der Frager durch eine bestimmte Änderung seiner Ausdrucksweise von seinem Problem erlöst wird.

§PG I

36[2]

Ein dem philosophischen analoges Problem, oder eine Beunruhigung, könnte etwa dadurch entstehen, daß jemand auf allen Tasten des Manuals spielte, daß das Ergebnis nicht wie Musik klänge, & daß er doch versucht wäre zu glauben, es müsse Musik sein. etc..

§

36[3] &
37[1]

[Etwas, was auf den ersten Blick ausschaut wie ein Satz & keiner ist.] Der folgende Vorschlag zur Konstruktion einer Straßenwalze wurde mir mitgeteilt & scheint mir philosophisches Interesse zu haben. Der Irrtum des Erfinders hat mit einem philosophischen Irrtum Verwandtschaft. Die Erfindung besteht darin, daß der Motor sich im Inneren der hohlen Walze befindet. Die Kurbelwelle läuft durch die Mitte der Walze & ist an beiden Enden durch Speichen mit dem Walzenrand verbunden. Der Zylinder des Benzinmotors ist an der Innenseite der Walze befestigt. Auf den ersten Blick sieht diese Konstruktion wie eine Maschine aus. Aber sie ist ein starres System & der Kolben kann sich im Zylinder nicht aus & ein bewegen. Wir haben sie selbst jeder Bewegungsmöglichkeit beraubt & wissen es nicht.


§

37[2]

Wir sagen: “der Hahn ruft die Hühner durch sein Krähen herbei”; aber liegt dem nicht schon der Vergleich mit unserer Sprache (Wortsprache) zugrunde? – Wird der Aspekt nicht ganz verändert, wenn wir uns vorstellen durch irgend eine physikalische Einwirkung ziehe das Krähen die Hühner an? Wenn aber gezeigt würde in welcher Weise die Worte “komm zu mir!” auf den Angesprochenen einwirken, so daß, unter gewissen Bedingungen, am Schluß gewisse Muskeln innerviert werden & er zu mir kommt, – würde damit jener Satz den Charakter des Satzes verlieren?

§

37[3]

Unsere Sprache, unsere Wortsprache, ist vor allem das was wir “Sprache nennen”, & dann Anderes nach seiner Analogie oder Vergleichbarkeit mit ihr.

§

37[4] &
38[1]

Das Achselzucken, wenn wir es (etwa in einem Gespräch) meinen, als Antwort geben, wird allerdings anders erlebt als ein Achselzucken das etwa durch einen Schmerz in der Schulter bewirkt wird. Und wir fragen auch: “war das als Achselzucken gemeint, oder war es nur eine zufällige Bewegung?” – Würden wir aber das Achselzucken ein Zeichen nennen, wenn wir es nicht in Verbindung mit der Wortsprache gebrauchten?

§

38[2]

Der Fall: “jemandem ein Zeichen geben wollen”. – Ich bedeute jemand mit einer Bewegung der Hand, daß er sich setzen soll; unmittelbar neben ihm steht ein Anderer; aus der Richtung meines Blicks & meiner Gebärde ist nicht zu entnehmen welchem von Beiden ich das Zeichen gebe. Nun fragt man mich: “welchen hast Du gemeint”, & ich antworte: “den A”. Worin lag dieses Meinen? Oder: Worin lag der Unterschied zwischen den Vorgängen, mit diesem Zeichen den A & den B zu meinen. Unterscheidende ein Vorgang sein welcher den der Handbewegung, des Blickes, etc., begleitete? konnte es nicht darin liegen, daß ich mich ärgerte wenn auf mein Zeichen der A stehen blieb; oder darin, daß ich auf die Frage “wen hast Du gemeint” antwortete: “den A”? Oder in einer Kombination dieser & andrer?

§

39[1]

Mache diesen Versuch: Sage “hier ist es kalt” & meine “hier ist es warm”. Kannst Du es? – Und was tust Du dabei? Und gibt es nur eine Art das zu tun?

§

39[2]

“Der Hund meint etwas damit, wenn er mit dem Schwanz wedelt”. Wie können wir das begründen?

§

39[3]

Wir würden kaum fragen, ob das Krokodil etwas damit meint, wenn es mit offenem Rachen auf einen Menschen zukommt. Und wir würden erklären: das Krokodil könne nicht denken & darum sei eigentlich hier von einem Meinen keine Rede.

§

39[4]

Wenn wir die Achsel zucken, so sind die begleitenden psychischen Erlebnisse, die Meinungserlebnisse, nicht wesentlich verschieden von denen beim Aussprechen eines Wortes oder Satzes: “vielleicht –”, “ich weiß nicht”, “weiß Gott” etc. – Diese Worte können gewiß so unwillkürlich (ich meine aber nicht papageienhaft) ausgesprochen werden wie eine Geste gemacht werden kann.

§

40[1]

Ad hoc “erfunden” sind natürlich meine Wörter & Gesten nicht; aber nicht alles, was nicht erfunden ist, ist von früher vereinbart.

“Contrat social”. Auch hier ist in Wirklichkeit kein Vertrag geschlossen worden; aber die Situation ist mehr oder weniger ähnlich, analog, der, in welcher wir wären, wenn …. Und sie ist vielleicht mit Nutzen unter dem Gesichtspunkt eines solchen Vertrages zu betrachten.

§

40[2]

Was heißt es, zu wissen, was eine Pflanze ist? Was heißt es, es zu wissen & es nicht sagen zu können?

(Sokrates: “Du weißt es & kannst hellenisch reden, also mußt Du es doch sagen können.”)

§

40[3] &
41[1]

Hat dieses Wissen die Multiplizität eines Satzes, der nicht ausgesprochen wurde? So daß, wenn der Satz ausgesprochen würde, ich ihn als den Ausdruck meines Wissens anerkennen würde? – Ist es nicht vielmehr so, daß jede exakte Definition als Ausdruck unseres Verstehens abgelehnt werden müßte? D.h.: müßten wir nicht von so einer sagen, sie bestimme zwar einen, dem unsern verwandten Begriff, aber nicht diesen selbst? Und die Verwandtschaft sei etwa die zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten & verteilten, aber scharf begrenzten bestünde? Die Verwandtschaft wäre dann ebenso unleugbar, wie die Verschiedenheit.

§

41[2]

Vergleiche:

1 “Wissen was eine Pflanze ist”

2 “Wissen wie man das Wort ‘Pflanze’ gebraucht”

3 “Wissen wieviel 25 × 25 ist”

4 “Wissen wie eine Klarinette klingt”

Wenn wir uns darüber wundern daß Einer etwas wissen, & es nicht sagen kann, werden wir da nicht durch eine scheinbare Analogie mit einem Fall wie № 3 geleitet?

§

41[3]

“Ich weiß, was eine Pflanze ist: ich kann Dir Pflanzen zeigen, aufzeichnen, beschreiben.”

§

41[4] &
42[1]

Was nennen wir denn eine “Antwort auf die Frage: ‘was ist eine Pflanze’”. Nun etwa: “Siehst Du, das, das, & das sind Pflanzen”. Auch eine Verbaldefinition der Botanik etwa, würden wir eine Antwort nennen; aber sie wäre eine andere Antwort und nicht mit der ersten äquivalent. Sowenig, wie die Erklärung des Schrittmaßes, die etwa vor einigen hundert Jahren ein Vater seinem Sohn gegeben hat mit der: “ein Schritt = 75 cm”. Diese Antworten sind verwandt aber nicht äquivalent & die zweite ist nicht vielleicht die eigentlich richtige, die die erste ungenaue selbstverständlich ersetzt wenn wir nur einmal die richtige kennen.

§

42[2]

Ich sage: “der Boden war ganz mit Blumen bedeckt”. Wollte jemand eine Erklärung dessen was ich meine so wäre etwa die gemäßeste ich könnte ihm ein gemaltes Bild eines solchen Bodens zeigen. Und ich würde ihm sagen: “siehst Du, so hat es ausgesehen”. Will ich nun, daß er verstehe, jede Blüte & jedes Gras sei genau in der Lage gewesen, wie sie auf dem Bild zu sehen sind? – Und wenn das nicht, ist es ein Fehler des Bildes & meine ich, daß ein anderes möglich wäre welches die genauen Lagen zeigte?

§

42[3]

“Ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?”. Ist eine unscharfe Photographie das Bild eines Menschen? Kann man ein unscharfes Bild überall mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe oft nicht gerade das was wir brauchen?

§

42[4]

“Was ist eine ‘exakte’ Definition im Gegensatz zu einer unexakten?” Nun etwa, eine Definition in der nicht das Wort “ungefähr”, “beiläufig”, & ähnliche vorkommen.

§

43[1]

Denken wir an ein anderes Beispiel: den Gebrauch des Wortes “eiförmig” oder “Osterei”. Wir würden einen Gegenstand von dieser Gestalt

nicht als Osterei gelten lassen & doch nicht sagen können bei welchem Verhältnis der Länge S & Breite etwas anfängt ein Osterei zu sein. Ja, wenn Einer nun ein solches Verhältnis angäbe, so könnten wir es nie als die richtige Begrenzung unseres Begriffes anerkennen. Sondern wir würden entweder sagen: “Nein, das nenne ich kein Osterei, es ist zu schlank (oder zu dick, etc.)” – oder: “ja, das ist ein Osterei, aber der Grenzfall ist es nicht gerade”. Diesen gibt es eben nicht in unserem Kalkül & wer einen Grenzfall einführte, führte einen neuen Kalkül ein.

§

43[2]

Beim Preisschießen gibt es Statuten, welche bestimmen wie die Preise nach der Lage der Schüsse auf der Scheibe zu verteilen sind. Muß es nun für alle denkbaren Grenzfälle Regeln geben. Würde man sagen, die Preisverteilung gelte nicht, weil für diesen Fall in den Regeln nicht vorgesehen war; selbst wenn dieser Fall beim Preisschießen gar nicht eingetreten ist.

§

43[3] &
44[1] &
45[1]

Wenn man sagt “Moses hat nicht existiert”, so kann das verschiedenerlei bedeuten. Es kann heißen: die Israeliten haben nicht einen Führer gehabt als sie von Ägypten ausgezogen sind – oder: ihr Führer hat nicht “Moses” geheißen – oder: es hat keinen Menschen gegeben der alles das vollbracht hat, was die Bibel von Moses erzählt. etc., etc.. – Russell würde sagen, daß der Name “Moses” durch verschiedene Beschreibungen definiert werden kann. Z.B.: “der Mann welcher zu dieser Zeit & an diesem Ort lebte & damals ‘Moses’ genannt wurde”, “der Mann, welcher die Israeliten durch die Wüste führte”, “der Mann, welcher als Kind von der Tochter des Pharao aus dem Nil gefischt wurde” etc.. Und je nachdem wir die eine oder andere Definition annehmen bekommt der Satz “Moses hat existiert” einen andern Sinn & ebenso jeder andere Satz der von Moses handelt. Man wird auch, wenn uns jemand sagt “N existiert nicht”, fragen: “Was meinst Du? willst Du sagen, daß …, oder daß …, etc.?” Wenn ich nun z.B. sage “N ist gestorben”, so kann es mit dem Gebrauch des Namens ‘N’ etwa diese Bewandtnis haben: Ich glaube, daß ein Mensch gelebt hat, den ich 1.) dort & dort gesehen habe, der 2.) so & so ausschaut, 3.) das & das getan hat & 4.) in der bürgerlichen Welt den Namen ‘N’ führt. Gefragt, was ich unter ‘N’ verstehe, würde ich Alles das, oder Einiges davon, & bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes aufzählen. – Meine Definition von ‘N’ wäre also etwa: “der Mann, von dem alles das stimmt”. Wenn aber etwas davon sich als falsch erwiese, – werde ich nun den Satz “N ist gestorben” für falsch erklären auch wenn sich nur etwas mir ganz Nebensächliches, was ich in die Erklärung des Namens ‘N’ hineingenommen habe, als falsch herausstellt. Ich werde dann meistens ohne weiteres bereit sein die Definition etwas abzuändern. Das kann man nun so ausdrücken, daß ich den Namen ‘N’ ohne eine feste Bedeutung gebrauche. (Was seinem Gebrauch so wenig Eintrag tut wie einer Brücke, daß sie kein absolut starrer Körper ist.) Heißt das nun daß ich nicht ein Wort gebrauche dessen Bedeutung ich kenne, daß also, was ich sage Unsinn ist?

§

45[2] &
46[1]

Und hier erinnere ich mich daran, daß Ramsey einmal betont hat, die Logik sei eine “normative Wissenschaft”. Die genaue Idee, welche ihm dabei vorgeschwebt hat, kann ich nicht sagen. Sie war aber zweifellos eng verwandt mit der, welche mir erst später klar wurde, daß wir nämlich in der Philosophie den Gebrauch der Worte mit Spielen nach niedergelegten Regeln vergleichen, aber nicht sagen können, wer die Sprache gebrauche, müsse irgend einen Kalkül nach festen Regeln betreiben. – Sagt man nun aber, daß unser Sprachgebrauch sich solchen Kalkülen nur nähert, so stehen wir damit unmittelbar am Rande einer Reihe von Konfusionen. Denn nun kann es scheinen, als redeten wir in der Logik von einer idealen Sprache. Als wäre unsre Logik gleichsam eine Logik für den luftleeren Raum. Während die Logik doch nicht von einer Sprache redet (wie die Physik von einer Naturerscheinung), & man also höchstens sagen kann, wir konstruierten ideale Sprachen. Aber hier ist wieder das Wort “ideal” irreführend, denn es scheint nun als wären diese Sprachen besser, vollkommener, als die Umgangssprache & als brauchte es also den Logiker damit der den Menschen endlich zeige, wie sie einen richtigen Satz sprechen sollen.

§

46[2]

Unsere Untersuchung trachtet nicht die eigentliche, exakte Bedeutung der Wörter zu finden; wohl aber geben wir den Wörtern im Verlauf unsrer Untersuchung oft exakte Bedeutungen.

§

46[3] &
47[1]

Denn was soll ich die ‘Regel’ nennen, ‘nach der er vorgeht’? Die Hypothese, welche seine Spielhandlungen, soweit ich sie kenne, zufriedenstellend beschreibt, – oder die Regel, die er beim Spielen nachschlägt, – oder die Regel die er mir, wenn ich ihn nach seiner Regel frage, zur Antwort gibt. Wie aber, wenn die Beobachtung des Spiels keine klare Regel zeigt & die Frage keine zu Tage fördert? Denn er gab mir zwar auf meine Frage, was er unter ‘N’ verstehe, eine Erklärung, war aber bereit diese Erklärung zu widerrufen & abzuändern. Wie soll ich also die Regel bestimmen, nach der er spielt? er weiß sie selbst nicht. Oder richtiger: Was soll der Ausdruck “Regel nach welcher er spielt” hier noch besagen?

§

47[2]

Wir können uns doch sehr wohl vorstellen, daß sich Menschen auf einer Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen & zwar so, daß sie verschiedene geregelte Spiele anfingen, manche davon nicht beendeten, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen & auffingen, dann wieder versuchten, wie hoch sie den Ball werfen können oder einander mit dem Ball im Scherz bewerfen etc.. Und nun sagte Einer: die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel & richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln. Und wäre es anderseits richtig zu sagen: “sie spielen also nicht mit dem Ball.”?

§

47[3] &
48[1]

Welches ist die Bedeutung eines Wortes wenn der Redende sie nicht angeben kann? Nun, wir werden vielleicht sein (tatsächliches) Verhalten als ein Schwanken zwischen mehreren verwandten Bedeutungen beschreiben können. Ich frage ihn: “was hast Du eigentlich gemeint?” – und als Antwort wird er mir Verschiedenes angeben & sich vielleicht an mich wenden, daß ich ihm ein Regelverzeichnis einrichte, das seinem Zweck entspricht. – Es wird sich dann in unserm Gespräch oft die Redensart finden: “Du wolltest also eigentlich sagen …”. Und diese kann leicht ganz mißverstanden werden: sie muß nämlich keine Beschreibung eines Vorgangs sein der darin besteht daß man das eine sagt während man das andere sagen will; als wäre, was man “eigentlich sagen wollte” damals schon irgendwie, wenn auch nicht in lauten Worten, ausgedrückt gewesen.

§

48[2]

(Eine der irreführendsten Redeweisen ist die Frage “was meine ich damit?” – Man könnte in den meisten Fällen darauf antworten: “Gar nichts – ich sage …”)

§

48[3] &
49[1]

Was geschieht, wenn wir uns bemühen, etwa beim Schreiben eines Briefes, den richtigen Ausdruck unserer Gedanken zu finden? Diese Redeweise vergleicht den Vorgang dem einer Übersetzung oder Beschreibung: die Gedanken sind da, etwa schon vorher & wir suchen nur noch nach ihrem Ausdruck. Und dieses Bild trifft in verschiedenen Fällen mehr oder weniger zu. – Aber was kann hier nicht alles geschehn! Etwa: ich gebe mich einer Stimmung hin, & der Ausdruck kommt; oder: es schwebt mir ein Bild vor& ich trachte es zu beschreiben; oder: es fiel mir ein englischer Ausdruck ein & ich will mich auf den entsprechenden deutschen besinnen; oder: es kommt mir eine Gebärde & ich frage mich, “welches ist denn der Satz, der dieser Gebärde entspricht?” Endlich fällt mir einer ein & scheint der Gebärde angemessen; etc. etc.. Wenn man nun fragte: “hast Du den Gedanken, ehe Du den Ausdruck hattest”, was müßte man da antworten? Und was auf die Frage: “worin bestand der Gedanke, wie er vor dem Ausdruck vorhanden war?”

§

49[2] &
50[1]

Unsere alltäglichen Begriffe “Satz”, “Wort” etc. sind viel zu wüst, zu ungeklärt. Sollte man nicht von den Sinnesdaten der Sätze etc. reden?

Hier ist es schwer gleichsam den Kopf oben zu behalten, – zu sehen, daß wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen & nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint, als müßten wir letzte Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist uns, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern zurecht richten. {Diese Bemerkung bezieht sich auf den Fall, wenn wir scheinbar von den Dingen des Alltags zu immer schwerer faßbaren hinabsteigen & in den brauenden Nebeln zu ertrinken drohen.}

§

50[2]

Was versteht man unter “allen Regeln des Tennisspiels”? Alle Regeln die in einem bestimmten Buche stehn, oder alle, die der Spieler im Kopf hat, oder alle, die je ausgesprochen wurden, oder gar, alle, die sich angeben lassen? – Daher wollen wir lieber nicht so vag von ‘allen Regeln’ reden, sondern nur von bestimmten Regeln, oder allen Regeln eines Verzeichnisses; und dergleichen. Und das Gleiche gilt von den Regeln über die Verwendung eines Wortes.

§

50[3]

Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Sprache zu verbessern, exakter zu machen, oder gar (zu versuchen,) an ihre Stelle eine ‘ideal exakte’ zu setzen. Wir haben von einer solchen gar keinen Begriff. Damit sage ich nicht, daß wir für unsere Zwecke nicht auf präziseren Ausdruck dringen, als den üblichen.

§

50[4] &
51[1]

Die Verkehrsregelung in den Straßen erlaubt & verbietet gewisse Handlungen (der Fahrer & Fußgänger); aber sie versucht nicht ihre sämtlichen Bewegungen durch Vorschriften zu regeln. Und es wäre unsinnig von einer idealen Verkehrsordnung zu reden, die das täte; wir wüßten nicht, wie wir uns dieses Ideal zu denken hätten. Wünscht Einer die Verkehrsordnung in irgendwelchen Punkten strenger zu gestalten, so bedeutet das nicht, er wünsche sich so einem Ideal zu nähern.

§

51[2]

Wir verstehen was es heißt: eine Taschenuhr wird auf die genaue Stunde gestellt, – oder: sie wird gerichtet daß sie genau geht. Wie aber wenn man fragte: ist diese Genauigkeit eine ideale Genauigkeit, oder, wie weit nähert sie sich ihr? – Wir können freilich von Zeitmessungen reden, bei welchen es eine andere &, in einem gewissen Sinne, größere Genauigkeit gibt als bei der Zeitmessung mit der Taschenuhr. Wo die Worte “die Uhr auf die genaue Stunde stellen” eine andere (wenn auch verwandte) Bedeutung haben, & die Uhr ablesen ein anderer Prozeß ist, etc.. Wenn ich nun jemandem sage: “Du solltest pünktlicher zum Essen kommen, Du weißt daß es genau um 1 Uhr anfängt”, – wird man sagen, daß die Genauigkeit, von der hier die Rede ist, hinter der idealen, zurücksteht, der sich die Zeitmessung im Laboratorium nähert? Gibt es ein Ideal der Genauigkeit?

§

51[3] &
52[1]

Gibt es ein komplettes Regelverzeichnis für die Verwendung eines Wortes? Wie hat man sich das vorzustellen? Gibt es ein komplettes Regelverzeichnis für die Verwendung einer Figur im Schachspiel? Könnten wir uns nicht Zweifel konstruieren die das normale Regelverzeichnis nicht beseitigt? Fragen wir etwa: wie ist es festzustellen wer zuletzt gezogen hat, wenn die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses der Spieler angezweifelt wird. Macht aber die Möglichkeit eines solchen Zweifels das Schachspiel zu einem nicht ganz idealen Spiel? und welchen Begriff haben wir von diesem Ideal? Es scheint da als wäre alles was wir ‘Ideal’ nennen nur ein angenähertes Ideal gegen das ideale Ideal.

§

52[2]

Man kann fragen: Wenn wir nicht eine ideale Exaktheit im Gegensatz zu der alltäglichen anstreben, wozu arbeiten wir an der Grammatik unserer Sprache überhaupt herum? Und die Antwort ist: Wir wollen Verwirrungen & Beunruhigungen beseitigen die aus der Schwierigkeit entspringen, das System unsrer Ausdrucksweise zu übersehen. Wir werden dazu Unterscheidungen hervorheben, die in den Formen unserer Sprache nur einen schwachen, schwer sichtbaren Ausdruck finden. Dadurch kann es allerdings den Anschein haben als setzten wir uns vor die Sprache zu reformieren.

§

52[3] &
53[1]

So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unserer Terminologie zur Vermeidung von Mißverständnissen ist wohl denkbar. (Wenn zwei Mitglieder einer Familie ‘Paul’ heißen, so ist es oft zweckmäßig, den einen von ihnen bei einem andern Namen zu nennen.) Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die Konfusionen die uns beschäftigen entstehen, gleichsam, wenn die Sprache feiert, nicht wenn sie arbeitet. (Man könnte sagen: “wenn sie leerläuft”.)

§

53[2]

Wir wollen nicht das Regelsystem in unerhörter Weise verfeinern oder komplettieren.

§

53[3] &
54[1]

“Du wolltest also eigentlich sagen” mit dieser Redeweise leiten wir jemand von einer Ausdrucksform zu einer andern. Man ist, wie gesagt, versucht zu meinen, das, was er eigentlich “sagen wollte”, was er “meinte” sei noch ehe wir es aussprachen in seinem Geist ausgedrückt gewesen. (Man sagt in gewissen Fällen, es habe ihm vorgeschwebt: auch dieser Ausdruck beschreibt sehr mannigfache Vorgänge.) Was uns dazu bewegt einen Ausdruck aufzugeben & statt seiner einen andern anzunehmen kann von mannigfacher Art sein. Das zu verstehen, ist es nützlich, das Verhältnis der Lösung eines mathematischen Problems zum ursprünglichen Sinn der Fragestellung zu betrachten.

Das Verhältnis der Begriffe ‘Dreiteilung des Winkels mit Lineal & Zirkel’, wenn Einer nach der Dreiteilung sucht, & anderseits, wenn bewiesen wird, daß sie unmöglich ist.

§

54[2] &
55[1]

Nehmen wir an, es fragt mich jemand (wie oben): “was verstehst Du unter ‘Moses’?” Ich erkläre nun: “unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat, wie immer er damals genannt worden sein mag & was immer er sonst getan oder nicht getan haben mag”. Aber über die Worte dieser Erklärung sind ganz analoge Zweifel möglich wie über den Namen “Moses”. (Was nennst Du “Ägypten”; wen, “die Israeliten”? etc..) Ja diese Fragen kommen auch nicht zu einem Ende, wenn wir etwa bei Wörtern, wie “rot”, “dunkel”, “süß”, angelangt wären. “Aber wie hilft mir dann eine Erklärung zum Verständnis, wenn sie doch nicht die letzte ist? Ich verstehe also noch immer nicht, & nie, was er meint.” “Verständnis” nenne ich aber gerade, was mir eine Erklärung gibt. Als ich nach einer Erklärung fragte, war es das, was ich brauchte. Die Antwort hat die Schwierigkeit beseitigt, die ich hatte.

§

55[2]

Ist der Begriff ‘rot’ undefinierbar? “Undefinierbar”, darunter stellt man sich etwas vor wie unanalysierbar; & zwar so, als wäre hier ein Gegenstand unanalysierbar (wie ein chemisches Element). Dann wäre die Logik also doch eine Art sehr allgemeiner Naturwissenschaft. – Aber die Unmöglichkeit der Analyse entspricht einer von uns angenommenen Weise der Darstellung.

§

55[3]

Wir könnten fragen: Wie denn, ‘undefinierbar’! Könnten wir denn versuchen es zu definieren? Und wie?–

§

55[4] &
56[1]

Es ist von der größten Bedeutung, daß wir uns zu einem Kalkül der Logik immer ein Beispiel denken, auf welches der Kalkül eine Anwendung findet, & daß wir nicht Beispiele geben & sagen, sie seien eigentlich nicht die idealen, diese aber hätten wir noch nicht. Das ist das Zeichen einer falschen Auffassung. (Russell & ich haben, in verschiedener Weise an ihr laboriert. Vergleiche was ich in der “Log. phil. Abh.” über Elementarsätze & Gegenstände sage.) Kann ich den Kalkül überhaupt verwenden, dann ist dies auch die ideale Verwendung, & die Verwendung um die es sich handelt. Einerseits will man nämlich das Beispiel nicht als das eigentliche anerkennen, weil man in ihm eine Mannigfaltigkeit sieht, der der Kalkül nicht Rechnung trägt. Anderseits ist es doch das Urbild des Kalküls & er davon hergenommen, & auf eine geträumte Anwendung kann man nicht warten. Man muß sich also eingestehen, welches das eigentliche Urbild des Kalküls ist. Nicht aber, als habe man damit einen Fehler begangen, den Kalkül von daher genommen zu haben; sondern der Fehler liegt darin, dem Kalkül seine wirkliche Anwendung jetzt nicht zuzugestehen& sie für eine nebulose Ferne zu versprechen.

§

56[2] &
57[1]

Denken wir Spengler sagte: “Ich vergleiche verschiedene Kulturperioden dem Leben von Familien; innerhalb einer Familie gibt es eine Familienähnlichkeit, während es auch zwischen Mitgliedern verschiedener Familien Ähnlichkeiten gibt; die Familienähnlichkeit unterscheidet sich von der andern so & so. etc..” Das Vergleichsobjekt, der Gegenstand, von welchem eine Betrachtungsweise abgezogen ist, soll uns angegeben werden, damit die Betrachtung nicht ungerecht wird. Denn nun wird alles was vom Vorbild gilt auch vom Gegenstand unserer Betrachtung behauptet; & behauptet: es müsse immer …. Das ist der Ursprung einer Art von Dogmatismus. Man vergißt die Stellung des Urbilds in der Betrachtung: Es ist die Maßeinheit mittels der wir das Betrachtete messen. Der Dogmatismus aber behauptet, daß jeder gemessene Gegenstand genau eine ganze Zahl von Maßeinheiten lang sein muß. Es ist allerdings wahr, daß die Maßeinheit für einen Zweck gut gewählt war, wenn sie viele der Längen, die wir messen wollen, in ganzen Zahlen ausdrückt.

§

57[2] &
58[1]

Regel & Erfahrungssatz. Ist eine Regel ein Erfahrungssatz – etwa über den Gebrauch der Sprache? Ist eine Regel des Schachspiels ein Satz darüber, wie die Menschen seit dem Ereignis der Erfindung des Schachspiels es gespielt haben; d.h. etwa mit den Schachfiguren gezogen haben. Denn wenn davon die Rede ist daß die Menschen das Schachspiel so gespielt haben so muß “Schachspiel” so definiert sein, daß es Sinn hat davon auszusagen es sei einmal anders gespielt worden. (Es ist etwa durch seine historische Kontinuität definiert.) Sonst nämlich gehören die Regeln zur Definition des Schachspiels. Daß jemand dieser Regel gemäß spielt, das ist eine Erfahrungstatsache; oder: “A spielt dieser Regel gemäß”, “die meisten Menschen spielen nach dieser Regel”, “niemand spielt nach dieser Regel” sind Erfahrungssätze. Die Regel ist kein Erfahrungssatz; sie ist in unsern Beispielen ein Teil solcher Sätze.

§

58[2]

Wenn die Definition des Meters die Länge des Pariser Urmeters ist, so sagt der Satz “dieses Zimmer ist 4 m lang” dasselbe wie: “dieses Zimmer ist 4 m lang & 1 m = die Länge des Pariser Urmeters”. Die Legende zu einer Landkarte ist ein Verzeichnis von Regeln, die der Beschreibung des Landes beigefügt sind. Sie sagen nichts über die Geographie des Landes aus; sowenig wie die Erklärung “1 m ist die Länge des Pariser Urmeters” die Länge eines Gegenstandes angibt. Wenn man die Regel dem beschreibenden Satze beifügt so ändert sich der Sinn des Satzes nicht.

§

58[3]

Ich könnte auch sagen: Ich will nur das mitteilen, was der Satz der Sprache mitteilt; & die Regel ist nichts als ein Hilfsmittel dieser Mitteilung. Wenn die Regel dem Satz beigefügt wird, fügt sie seiner Mitteilung nichts hinzu. Sie ist (also) keine Mitteilung über den Sprachgebrauch.

§

58[4] &
59[1]

Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden um jemandem mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort & dort gestanden hat; oder etc. etc.. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. In diesem Sinne ist auch die Regel ein Satzradikal.

§

59[2]

Man könnte die Regel die Beschreibung eines Spiels nennen, oder die Vorschrift, die sagt, wie man es spielen soll. Aber merken wir wohl: die Regeln sagen nicht daß & wie eine Partie dieses Spiels je gespielt wurde, auch befehlen sie niemandem, so zu spielen. Sie beschreiben nicht ein Spiel, sondern sie definieren eines.

§

59[3]

Die Beschreibung einer Notation fängt charakteristischerweise oft mit den Worten an: “Wir können auch so schreiben: …”. Man könnte fragen: Was ist das für eine Mitteilung: “wir können …”?

§

59[4] &
60[1] &
61[1]

Könnte ich nicht sagen zwei Wörter – schreiben wir sie “non” & “ne” – hätten dieselbe Bedeutung, sie sind beide Verneinungszeichen, aber

non non p = p

&

ne ne p = ne p

– In vielen Sprachen bedeutet eine doppelte Verneinung eine Verneinung. – Warum nenne ich dann aber beide “Verneinungen”? Was haben sie mit einander gemein? Nun es ist klar, daß ein großer Teil ihres Gebrauchs beiden gemeinsam ist. Das löst aber unser Problem noch nicht. Denn wir möchten doch sagen: Auch daß die doppelte Verneinung eine Bejahung ist, muß für beide stimmen, wenn wir nur die Verdoppelung entsprechend auffassen. Aber wie? Nun so, wie es z.B. durch Klammern ausgedrückt werden kann.

(ne ne) p = ne p, ne (ne p) = p

Es bietet sich uns gleich ein analoger Fall der Geometrie an: “Zwei halbe Drehungen addiert heben einander auf”, “Zwei halbe Drehungen addiert sind eine halbe Drehung”.

I II

,

Es kommt eben darauf an, wie wir sie addieren. (Ich könnte es ebensowohl “sie addieren” nennen einen Gegenstand zweimal zu drehen, wie das Schema I zeigt; oder auch ihn einmal um 180˚ zu drehen & dann, gleichsam um diese Drehung zu bekräftigen, ihn in die erste Stellung zurück & nocheinmal im ersten Sinn zu drehen. (II.)

§

61[2]

Hier stoßen wir auf eine merkwürdige & charakteristische Erscheinung in philosophischen Untersuchungen: Die Schwierigkeit – könnte ich sagen – ist nicht, die Lösung zu finden, sondern, etwas als die Lösung anzuerkennen, was aussieht, als wäre es erst eine Vorstufe zu ihr. “Wir haben schon alles gesagt. – Nicht etwas, was daraus folgt, sondern eben das ist die Lösung!” Das hängt, glaube ich, damit zusammen, daß wir fälschlich eine Erklärung erwarten; während eine Beschreibung die Lösung der Schwierigkeit ist, wenn wir sie richtig in unsere Betrachtung einordnen. Wenn wir bei ihr verweilen & nicht versuchen, über sie hinauszukommen. Die Schwierigkeit ist hier, – Halt zu machen.

§

61[3] &
62[1]

“Das ist bereits alles, was sich darüber sagen läßt.” – “non non p” als Verneinung des verneinten Satzes auffassen, das ist etwa: eine Erklärung der Art “non non p = non (non p)” zu geben. “Wenn ‘ne’ eine Verneinung ist, so muß ‘ne ne p’, wenn es nur richtig aufgefaßt wird gleich p sein.” “Wenn man ‘ne ne p’ als Negation von p nimmt, muß man die Verdoppelung anders auffassen.” Man möchte sagen, “‘Verdoppelung’ heißt dann etwas anderes, darum ergibt sie jetzt eine Verneinung”, also: daß sie jetzt eine Verneinung ergibt, ist die Folge ihrer anderen Bedeutung. “Ich meine sie jetzt als Verstärkung”, würde man sagen. Wir setzen statt der Meinung den Ausdruck der Meinung.

§

62[2]

Worin mag das gelegen haben, daß, als ich die doppelte Verneinung sagte, sie als Verstärkung gemeint war? In den Umständen unter denen ich den Ausdruck gebrauche, im Bild, das mir etwa dabei vorschwebt oder mit dem ich bereit bin die doppelte Negation zu vergleichen, im Ton meiner Rede (so wie ich auch im Ton die Klammern in “ne (ne p)” wiedergeben kann). Die Verdoppelung als Verstärkung meinen, ist dann von der Art, sie unter gewissen Umständen als Verstärkung aussprechen. Die Verdoppelung als Aufhebung meinen, heißt z.B. Klammern setzen (auch im gesprochenen Ausdruck). – “Ja, aber diese Klammern selbst können doch verschiedene Rollen spielen; denn wer sagt, daß sie in “~(~p)” im gewöhnlichen Sinn als Klammern aufzufassen seien & nicht irgendwie anders; etwa die erste als Trennungsstrich zwischen den beiden ‘~’, die zweite als Zugehör des ‘p’?” Niemand sagt es. Und Du hast ja Deine Auffassung wieder durch Worte ersetzt. Was die Klammern bedeuten, wird sich in ihrem Gebrauch zeigen &, in anderm Sinn, liegt es etwa im Aspekt (gesehenen Rhythmus) des Gesichtseindrucks von “~(~p)”.

§

62[3] &
63[1]

Soll ich nun sagen: die Bedeutung von “non” & “ne” sei etwas verschieden? Sie seien verschiedene Abarten der Verneinung? – Das würde niemand sagen. Denn, würde man einwenden, heißt dann “geh nicht in dieses Zimmer!” (etwa) nicht ganz dasselbe, wenn wir die Regel aufstellen “nicht nicht” solle als Verneinung gebraucht werden & nicht als Bejahung? – Dagegen aber möchte man einwenden: “Wenn die beiden Sätze “ne p” und “non p” ganz dasselbe sagen, wie kann dann “ne ne” nicht dasselbe bedeuten wie “non non”?” Aber hier setzen wir eben einen Symbolismus voraus, d.h., nehmen ihn zum Vorbild, in welchem aus ne p = non p folgt, daß die beiden Wörter in allen Fällen gleich verwendet werden. Die Drehung um 180˚ & die Verneinung sind im besonderen Fall tatsächlich dasselbe, & die Anwendung des Satzes ~~p = p von der Art der Anwendung einer Geometrie.

§

63[2] &
64[1]

Denken wir, ich fragte: Zeigt es sich uns klar, wenn wir die Sätze aussprechen “dieser Stab ist 1 m lang” & “hier steht 1 Soldat”, daß wir mit ‘1’ verschiedenes meinen, daß ‘1’ verschiedene Bedeutungen hat? – Es zeigt sich uns gar nicht.

Besonders, wenn wir einen Satz sagen wie: “auf je 1 m steht 1 Soldat, auf 2 m 2 Soldaten usw.” Gefragt “meinst Du dasselbe mit den beiden Einsern” würde man etwa antworten: “freilich meine ich dasselbe: – eins!” (wobei man (etwa) einen Finger in die Höhe hebt).

§

64[2]

Was meint man damit: ‘ne ne p’, auch wenn es, nach dem Übereinkommen, ‘ne p’ bedeutet, könnte auch als aufgehobene Verneinung gebraucht werden? – Man möchte sagen: “‘ne’, mit der Bedeutung, die man ihm gegeben hat, könnte sich selbst aufheben, wenn wir es nur richtig applizieren.” Was meint man damit? (Die beiden halben Drehungen in der gleichen Richtung könnten einander aufheben, wenn sie richtig zusammengesetzt würden.) “Die Bewegung der Verneinung ‘ne’ kann sich selbst aufheben”. Aber wo ist diese Bewegung? Man möchte natürlich von einer geistigen Bewegung der Verneinung reden, zu deren Ausführung das Zeichen ‘ne’ nur das Signal gibt.

§

64[3] &
65[1]

[Denk an andere Mittel der Verneinung, etwa durch die Tonhöhe.]

Wir können uns leicht Menschen mit einer ‘primitiveren’ Logik denken, in der es etwas unserer Verneinung Entsprechendes nur für gewisse Sätze gibt; für solche etwa, die keine Verneinung enthalten. In der Sprache dieser Menschen könnte man dann einen Satz wie “er geht in dieses Haus” verneinen; sie würden aber eine Verdopplung der Verneinung immer nur als Wiederholung der Verneinung nie als ihre Aufhebung verstehen.

§

65[2]

Die Frage, ob für diese Menschen die Negation dieselbe Bedeutung hat, wie für uns wäre dann analog der, ob die Ziffer ‘2’ für Menschen deren Zahlenreihe mit 5 endigt dasselbe bedeutet wie für uns.

§

65[3]

Wer “~~p = p” (oder auch “~~p ≡ p”) einen “notwendigen Satz der Logik” nennt(und nicht eine Bestimmung über die von uns angenommene Darstellungsart) der hat auch die Tendenz zu sagen, dieser Satz gehe aus der Bedeutung der Verneinung hervor. Wenn in einer dialektischen Redeweise die doppelte Verneinung als Verneinung gebraucht wird, wie in “er hat nirgends nichts gefunden”, so sind wir geneigt zu sagen: eigentlich heiße das, er habe überall etwas gefunden. Überlegen wir was dieses “eigentlich” heißt! –

§

65[4] &
66[1]

Unser Problem könnte man sehr klar so stellen: Angenommen wir hätten zwei Systeme der Längenmessung; eine Länge wird in beiden durch ein Zahlzeichen ausgedrückt, diesem folgt ein Wort, welches das Maßsystem angibt. Das eine System bezeichnet eine Länge als “n Fuß” & Fuß ist eine Längeneinheit im gewöhnlichen Sinne; im andern System wird eine Länge mit “n W” bezeichnet & 1 Fuß = 1 W. Aber 2 W = 4 Fuß, 3 W = 9 Fuß, u.s.w.. – Also heißt der Satz “dieser Stock ist 1 W lang” dasselbe wie, “dieser Stock ist 1 Fuß lang”. Frage: Hat in diesen beiden Sätzen “W” & “Fuß” dieselbe Bedeutung?

§

66[2]

Die Frage ist falsch gestellt. Das sehen wir, wenn wir Bedeutungsgleichheit durch eine Gleichung ausdrücken. Die Frage kann dann nur lauten: “ist W = Fuß, oder nicht?” – die Sätze, in denen diese Zeichen stehen, verschwinden in dieser Betrachtung. – Ebensowenig kann man natürlich in dieser Terminologie fragen, ob “ist” das gleiche bedeutet wie “ist”; wohl aber, ob “ε” das gleiche bedeutet wie “ = ”. Nun, wir sagten ja: 1 Fuß = 1 W; – aber Fuß ≠ W.

§

66[3]

Unsere Schwierigkeiten können gelöst werden; & sie brauchen zu ihrer Lösung nicht neue & feine Entdeckungen, tiefer dringende Analysen & dergleichen, sondern eine Zusammenstellung der richtigen Beispiele. (Das erlösende Wort.)

§

66[4]

Wenn man sagt “ne ne p” könnte auch als aufgehobene Verneinung gebraucht werden, so soll das doch wohl heißen, daß der Kalkül mit der Regel ne ne p = p sich ganz in einen mit der Regel ne ne p = ne p übersetzen läßt.

§

66[5] &
67[1]

Hat nun “ne” dieselbe Bedeutung wie “non”? – Kann ich “ne” statt “non” setzen? – “Nun, an gewissen Stellen ja, an andern nicht.” – Aber danach fragte ich nicht. Meine Frage war: kann man, ohne weitere Qualifikation ne statt non gebrauchen? – Nein.

§

67[2]

“‘ne’ & ‘non’ heißen in diesem Fall genau dasselbe.” – Und zwar, was? “Nun, man solle das & das nicht tun.” Aber damit hast Du nur gesagt, daß in diesem Fall ne p = non p ist & das läugnen wir (ja) nicht. Wenn Du erklärst ne ne p = ne p, non non p = p, so gebrauchst Du die beiden Wörter eben in verschiedener Weise; & hält man dann an der Auffassung fest, daß, was sie in gewissen Kombinationen ergeben von ihrer Bedeutung ‘abhängt’, der Bedeutung, die sie mit sich herumtragen, dann muß man also sagen, sie müssen verschiedene Bedeutungen haben, wenn sie, auf gleiche Weise zusammengesetzt verschiedene Resultate ergeben können. | D.h., man muß dann sagen: ne ne p kann nicht etwas Anderes ergeben als non non p wenn die Bedeutungen von “ne” & “non” wirklich dieselben sind. Und wir drücken das nur anders aus.

§

67[3] &
68[1]

Man möchte etwa von der Funktion des Wortes in diesem Satz reden. Aber worin besteht diese Funktion? Wie tritt sie zu Tage? Denn es ist ja nichts verborgen; wir sehen ja den ganzen Satz! Die Funktion muß sich im Kalkül zeigen. Man will nun sagen: “‘non’ tut dasselbe mit ‘p’, was ‘ne’ tut, – es kehrt ihn um”. Aber das sind nur andere Worte für “non p = ne p” (was nur gilt, wenn “p” nicht selbst ein verneinter Satz ist). Immer wieder der Gedanke, daß, was wir vom Zeichen sehen nur eine Außenseite zu einem Innern ist, worin sich die eigentlichen Operationen des Sinnes & der Bedeutung abspielen.

§

68[2]

Ist es nun nicht merkwürdig, daß ich sage das Wort “ist” werde in zwei verschiedenen Bedeutungen (als ‘ε’ & ‘ = ’) gebraucht, & nicht sagen möchte, seine Bedeutung bestehe darin, daß es wie ‘ε’ & wie ‘ = ’ gebraucht werde? Man will sagen diese beiden Arten des Gebrauchs geben nicht eine Bedeutung; die Personalunion durch das gleiche Wort sei ein unwesentlicher Zufall.

§

68[3] &
69[1]

Aber wie kann ich entscheiden, welches ein wesentlicher & welches ein unwesentlicher, zufälliger Zug der Notation ist? Liegt denn eine Realität hinter der Notation nach der sich ihre Grammatik richtet? Denken wir an einen ähnlichen Fall im Spiel: Im Damespiel wird eine Dame dadurch gekennzeichnet, daß man zwei Spielsteine aufeinanderlegt. Wird man nun nicht sagen, daß es für das Spiel unwesentlich ist, daß eine Dame aus zwei Steinen besteht?

§

69[2]

Sagen wir: die Bedeutung eines Steines (einer Figur) ist ihre Rolle im Spiel. – Nun werde vor Beginn jeder Schachpartie durch das Los entschieden welcher der Spieler Weiß erhält. Dazu halte der eine Spieler in jeder geschlossenen Hand einen Schachkönig & der andere wähle auf gut Glück eine der beiden Hände. Wird man es nun zur Rolle des Königs im Schachspiel rechnen, daß er (so) beim Auslosen verwendet wird?

§

69[3]

Ich bin (also) geneigt auch im Spiel zwischen wesentlichen & unwesentlichen Regeln zu unterscheiden. Das Spiel, möchte ich sagen, hat nicht nur Regeln, sondern auch einen Witz.

§

69[4]

Denken wir uns (aber) die beiden Ämter in einer Person vereinigt als ein altes Herkommen.

§

69[5]

Wozu das gleiche Wort? wir machen ja im Kalkül keinen Gebrauch von dieser Gleichheit! Wozu für beide Verwendungen die gleichen Steine? –

Aber was heißt es hier “von der Gleichheit Gebrauch machen”? Ist es denn nicht ein Gebrauch, wenn wir eben das gleiche Wort gebrauchen?

§

69[6] &
70[1]

Hier scheint es nun als hätte der Gebrauch des gleichen Worts, des gleichen Steins, einen Zweck – wenn die Gleichheit nicht zufällig, unwesentlich, ist. Und als sei der Zweck, daß man den Stein wiedererkennen, & wissen könne, wie man zu spielen hat. Ist da von einer physischen oder einer logischen Möglichkeit die Rede? Wenn das Letztere, so gehört eben die Gleichheit der Steine zum Spiel.

§

70[2]

Das Spiel soll doch durch die Regeln bestimmt sein! Wenn also eine Spielregel vorschreibt, daß zum Auslosen vor der Schachpartie die Könige zu nehmen sind, so gehört das, wesentlich, zum Spiel. Was könnte man dagegen einwenden? Daß man den Witz dieser Vorschrift nicht einsehe. Etwa, wie man auch den Witz einer Regel nicht einsähe, nach der jeder Stein dreimal umzudrehen wäre, ehe man mit ihm zieht. Fänden wir diese Regel in einem Brettspiel, so würden wir uns wundern & Vermutungen über den Zweck (zu) so einer Regel anstellen. (“Sollte diese Vorschrift verhindern daß man ohne Überlegung zieht”)

§

70[3]

“Wenn ich den Charakter des Spiels richtig verstehe”, könnte ich sagen, “so gehört das nicht wesentlich dazu”.

§

71[1]

Man sagt: der Gebrauch des gleichen Wortes ist hier unwesentlich, weil die Gleichheit keine Übergänge überbrückt. Aber damit beschreibt man nur den Charakter des Spiels, welches man spielen will.

§

71[2]

Eine der Versuchungen, der wir beim Philosophieren widerstehen müssen, ist die, zu glauben, wir müßten unsere Begriffe exakter machen, als sie nach dem gegenwärtigen Stand unserer Einsicht sind. Dieser Abweg führt in eine Art mathematischer Philosophie, welche glaubt, mathematische Probleme lösen zu müssen, damit wir zur philosophischen Klarheit kommen. (Ramsey.) Wir brauchen nur eine richtige Beschreibung der gegenwärtigen Lage.

§

71[3]

Sage mir, was Du mit einem Satz anfängst, wie Du ihn verifizierst, etc., & ich werde ihn verstehen?

§

71[4]

Die Frage “wie kann man das wissen” fragt nach einem grammatischen Zusammenhang, wenn “kann” die logische Möglichkeit bedeutet.

§

71[5] &
72[1]

“Was ist ein Sessel?” “Wie sieht ein Sessel aus?” Sind das etwa von einander unabhängige Fragen? Wie haben wir denn die Bedeutung des Wortes “Sessel” gelernt? Wie wurde sie uns denn erklärt?

§

72[2]

Die Frage nach der Möglichkeit der Verifikation des Satzes ist nur eine besondere Form der Frage “wie meinst Du das?”. Die Antwort ist ein Beitrag zur Grammatik des Satzes.

§

72[3]

Wie weiß man, wenn es regnet? Wir sehen, fühlen, den Regen. Die Bedeutung des Wortes “Regen” wurde uns mit diesen Erfahrungen erklärt. Ich sage, sie sind ‘Kriterien’ dafür, daß es regnet. “Was ist Regen” & “wie sieht Regen aus” sind logisch verwandte Fragen. – Die Erfahrung habe nun gelehrt, daß ein plötzliches Fallen des Barometers & ein Regenguß immer zusammengehen; dann werde ich ein solches Fallen des Barometers als ein Symptom für das Niedergehn eines Regengusses ansehen. Ob ein Phänomen ein Symptom des Regens ist, lehrt die Erfahrung; was als Kriterium des Regens gilt ist Sache der Abmachung (Definition).

§

72[4] &
73[1]

Es ist nichts gewöhnlicher, als daß die Bedeutung eines Ausdrucks in der Weise schwankt, daß ein Phänomen bald als Symptom bald als Kriterium angesehen wird. Und meistens wird dann in einem solchen Fall der Wechsel der Bedeutung nicht gemerkt. In der Wissenschaft ist es üblich Phänomene die genaue Messungen zulassen zu definierenden Kriterien eines Ausdrucks zu machen; & man ist dann geneigt zu meinen, nun sei die eigentliche Bedeutung gefunden worden. Eine Unmenge von Verwirrungen ist auf diese Weise zustande gekommen. Es gibt Grade der Erwartung, aber es ist unsinnig von einer Messung der Hoffnung zu reden, wenn wir dem Wort “Hoffnung” seinen Gebrauch lassen. Nun gibt man etwa einem meßbaren Phänomen das manchmal mit der Hoffnung zusammen geht den Namen “Hoffnung” & sagt, man habe eine Methode gefunden die Hoffnung zu messen. Es ist wahr, daß in gewissen Fällen ein meßbares Phänomen den Platz einnimmt, den früher ein nicht meßbares hatte. Das Wort, was diesen Platz bezeichnete, wechselt dann seine Bedeutung, & seine alte Bedeutung ist mehr oder weniger obsolet geworden. Man beruhigt sich dann dabei, der eine Begriff sei der genauere, der andere der ungenauere; & beachtet nicht, daß hier in jedem besondern Fall ein anderes Verhältnis von “genau” & “ungenau” vorliegt. Es ist der alte Fehler die besondern Fälle nicht zu prüfen. Das führt dann dahin, daß wir glauben jedes Phänomen, welches Grade zuläßt, müsse sich ‘eigentlich’ messen lassen. So z.B. die Wahrscheinlichkeit daß mein Freund mich heute besuchen wird.

§

73[2] &
74[1]

Das Schwanken der Grammatik zwischen Kriterien & Symptomen läßt es dann erscheinen als gäbe es überhaupt nur Symptome. Wir sagen dann etwa: “Die Erfahrung lehrt daß es regnet, wenn das Barometer fällt, aber sie lehrt auch daß es regnet, wenn wir ein bestimmtes Gefühl der Nässe & Kälte, oder einen bestimmten Gesichtseindruck haben.” Als Argument dafür gibt man dann an, daß diese Sinneseindrücke uns täuschen können. Aber man bedenkt dabei nicht, daß die Tatsache, daß sie uns gerade den Regen vortäuschen auf einer Abmachung beruht.

§

74[2]

Nicht darum handelt es sich hier, daß unsere Sinneseindrücke uns belügen können, sondern, daß wir ihre Sprache verstehen. (Und diese Sprache beruht, wie jede andere, auf Übereinkunft.)

§

74[3]

Man ist etwa geneigt zu sagen: “Es regnet, oder es regnet nicht; wie ich das weiß, wie mich die Kunde davon erreicht hat, ist eine andere Sache.” Aber stellen wir also die Frage so: “Was nenne ich denn: ‘eine Kunde davon, daß es regnet’?” (Oder habe ich auch von dieser Kunde nur Kunde erhalten?) – Und was kennzeichnet denn diese ‘Kunde’ als Kunde von etwas? Leitet uns da nicht die Form unseres Ausdrucks irre? Ist das eben nicht ein irreleitendes Gleichnis: “mein Auge gibt mir Kunde davon, daß dort ein Sessel steht”?

§

75[1]

“Der Sessel existiert unabhängig davon, ob ihn jemand wahrnimmt.” Ist das ein Erfahrungssatz; oder eine verschleierte Festsetzung der Grammatik? Soll es sagen, die Erfahrung habe gelehrt, daß ein Sessel nicht verschwindet, wenn man sich von ihm wegwendet?

§

75[2]

“Welches ist die ‘wirkliche Lage’ des Körpers, den ich unter Wasser sehe, was, die ‘wirkliche Farbe’ des Tisches?” Welches nennst Du “die wirkliche Lage”? Du selbst kannst es entscheiden. – Wie findet man die wirkliche Lage; was willst Du als Methode der Bestimmung der wirklichen Lage gelten lassen? Die Frage nach der Verifikation ist eine Frage nach der Methode. (Methodologie.)

§

75[3] &
76[1]

“Es wird niemals Menschen mit zwei Köpfen geben.” Ein solcher Satz scheint irgendwie ins Unendliche, Unverifizierbare zu reichen & sein Sinn von jeder Verifikation unabhängig zu sein. Aber wenn wir seinen Sinn erforschen wollen, so meldet sich, ganz richtig, die Frage: Können wir die Wahrheit eines solchen Satzes je wissen, & wie können wir sie wissen; & welche Gründe können wir haben, was der Satz sagt anzunehmen, oder abzulehnen? – Nun sagt man vielleicht: es ist ja nach dem Sinn gefragt worden, & nicht danach, ob, & wie man ihn wissen kann. Aber die Antwort auf die Frage “wie kann man diesen Satz wissen?” ist nicht eine psychologische, sondern sie erklärt seinen logischen, quasi rechnerischen, Zusammenhang mit andern Sätzen. Und die möglichen Gründe den Satz anzunehmen sind nicht persönliche Angelegenheiten, sondern Teile des Kalküls. Wenn ich frage: wie kann man den Satz “jemand ist im Nebenzimmer” verifizieren, oder: wie kann man herausfinden, daß jemand im Nebenzimmer ist, – so ist etwa eine Antwort: “indem man in's Nebenzimmer geht & nachsieht”. Wenn nun gefragt wird: “wie kann man ins Nebenzimmer kommen, wenn die Tür versperrt ist”, so bedeutet das “kann” hier die physische Möglichkeit, nicht, wie in der ersten Frage, die logische.

§

76[2]

Die Ursachen, warum wir einen Satz glauben, sind für die Frage, was es denn ist, was wir glauben allerdings irrelevant; aber nicht so die Gründe, die ja mit dem Satz grammatisch verwandt sind & uns sagen, wer er ist.

§

76[3]

Der Instinkt führt uns richtig, der zur Frage führt: wie kann man so etwas wissen; was für einen Grund können wir haben, das anzunehmen; aus welchen Erfahrungen würden wir so einen Satz ableiten; etc..

§

77[1]

Der Sinn des Satzes ist ja nicht etwas, was wir, wie die Struktur der Materie, erforschen, & was vielleicht zum Teil unerforschlich ist. (Ungelöste Probleme der Mathematik.) So daß wir später noch einmal daraufkommen könnten, daß dieser Satz von andern Wesen, als wir sind, auf andere Art gewußt werden kann. (Ich rede nicht von Symptomen.) So daß er dieser Satz mit diesem Sinn bliebe, dieser Sinn aber Eigenschaften hätte, die wir jetzt nicht ahnen. Der Satz, oder sein Sinn, ist nicht das pneumatische Wesen, was sein Eigenleben hat & nun Abenteuer besteht, von denen wir nichts zu wissen brauchen. Wir hätten ihm quasi Geist von unserm Geist eingehaucht, aber nun hat er sein Eigenleben – wie unser Kind – und wir können ihn nur beobachten & untersuchen. (Mathematik.)

§

77[2]

Wenn man nun fragt: hat es Sinn zu sagen “es wird nie das & das geben”? – Nun, welche Evidenz gibt es dafür; & was folgt daraus? – Denn, wenn es keine Evidenz gibt – nicht, daß wir noch nicht im Stande waren sie zu erhalten, sondern daß keine im Kalkül vorgesehen wurde –, dann ist damit der Charakter dieses Satzes bestimmt. So wie das Wesen einer Zahlenart dadurch bestimmt ist daß wir sagen, diese Zahlen seien mit Rationalzahlen unvergleichbar.

§

78[1]

“Das & das wird nie geschehen” – man glaubt durch diesen Satz in die unendliche Zukunft zu reichen. Quasi, zum mindesten eine Eisenbahn dorthin gelegt zu haben, wenn wir auch noch nicht die ganze Strecke bereist haben. Es liegt da die Idee zu Grunde, daß das Wort “nie” die Unendlichkeit bereits mitbringe, da das eben seine Bedeutung ist. Es kommt darauf an: Was kann ich mit diesem Satz anfangen? Denn auf die Frage, “was sagt er?” kommt ja wieder ein Satz zur Antwort, & der führt mich so lange nicht weiter, als ich aus der Erklärung nichts über die Züge erfahre, die ich mit den Figuren machen darf. (Als ich sozusagen nur immer wieder die gleiche Spielstellung vor mir sehe & keine andern, die ich aus ihr bilden kann.) So höre ich, z.B., daß keine Erfahrung den Satz beweisen kann, & das beruhigt mich über seine unendliche Bedeutung.

§

78[2] &
79[1]

Aus keiner Evidenz geht hervor, daß dieser Satz wahr ist. Ja, aber ich kann doch glauben, daß das der Fall ist, was er sagt! Aber was heißt (das): “glauben, daß es sich so verhält”? Reicht (etwa) dieser Glaube in die Unendlichkeit; fliegt er der Verifikation voran? – Was heißt es, das glauben: diesen Satz mit bestimmten Empfindungen sagen? in der & der Weise handeln? – Und diese Handlungen interessieren uns nur, sofern sie zeigen, wie wir den Satz im Kalkül verwenden.

§

79[2]

Jemand fragt mich: “warum hältst Du Deine Wange?” – ich antworte: “Zahnschmerzen”. Das heißt offenbar dasselbe wie “ich habe Zahnschmerzen”; aber weder stelle ich mir die fehlenden Worte im Geiste vor, noch gehen sie mir im Sinn ab. “Daher ist es auch möglich, daß ich den Satz “ich habe Zahnschmerzen” so meine, als sagte ich nur das letzte Wort; oder, als wäre der ganze Satz nur ein Wort.” (Man sagt, ‘Hut & Stock!’ heiße eigentlich: ‘gib mir den Hut & den Stock!’.)

§

79[3]

Daran könnte man sehen, was es mit dem Meinen & der Bedeutung auf sich hat.

§

79[4] &
80[1]

Denken wir an die folgende Verwendung der Sprache: Ich schicke jemand einkaufen. Ich gebe ihm einen Zettel auf diesem stehen die Zeichen “drei rote Äpfel”. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen “Äpfel” steht; dann schlägt er in einer Tabelle das Wort “rot” nach & findet ihm gegenüber ein färbiges Täfelchen; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter ich nehme an er kann sie auswendig, bis zum Wort “drei” & bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade der die Farbe des Täfelchens hat. So & ähnlich operiert man mit Worten. “Wie weiß er aber, wo & wie er das Wort “rot” nachschlagen soll & was er mit dem Wort “drei” anzufangen hat?” Nun, ich nehme eben an, er handelt, wie ich es beschrieben habe. Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende. – Was ist aber die Bedeutung des Wortes “drei”? – Von einer solchen war hier gar nicht die Rede; nur davon, wie das Wort “drei” gebraucht wird!

§

80[2]

Das Wort “Bedeutung” hat, wenn es systematisch verwendet wird, einen gefährlichen Beigeschmack des Okkulten. Darum ist es gut, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiven Verwendungsarten der Sprache studieren. An Formen & Verwendungen der Sprache wie sie das Kind gebraucht wenn es anfängt zu sprechen. Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären sondern ein Abrichten.

§

80[3] &
81[1]

Denken wir uns etwa folgendes Sprachspiel: Man spricht zu einem Kind indem man das elektrische Licht im Zimmer andreht: “Licht”, dann, indem man es abdreht: “Finster”; man tut das mehrere male variiert die Zeitlängen & spricht mit eindringlichem Tonfall, begleitet die Worte etwa auch mit Gesten. Dann dreht man etwa im Nebenzimmer das Licht an oder ab & bringt das Kind dazu, daß es uns mitteilt: “Licht”, oder “Finster”. Soll ich nun “Licht” & “Finster” Sätze nennen? Nun, wie ich will. – Und wie ist es mit der ‘Übereinstimmung mit der Wirklichkeit’?

§

81[2]

Wenn ich bestimmte einfache Sprachspiele beschreibe, so geschieht es nicht, um mit ihnen nach & nach die wirklichen Vorgänge der ausgebildeten Sprache zu beschreiben, was nur zu Ungerechtigkeiten führen würde. (Nicod & Russell.) Vielmehr lassen wir die Sprachspiele als das stehn, was sie sind. Sie sollen bloß ihre aufklärende Wirkung auf unsere Probleme ausstrahlen.

§

81[3] &
82[1]

Man könnte nun einwenden: “Die Worte ‘Licht’ & ‘Finster’ sind hier als Sätze gemeint & nicht einfach als Wörter”. Das heißt, sie sind hier nicht so gebraucht, wie wir sie in der gewöhnlichen Sprache gebrauchen (obwohl wir tatsächlich auch oft so sprechen.) Wenn jemand plötzlich ohne sichtbaren Anlaß das Wort “Licht” ausspricht & nichts dazusetzt, so wird man allerdings fragen: “warum sagst Du ‘Licht’, was soll's damit?” oder: “was meinst Du mit ‘Licht’? ‘Licht’ ist doch kein Satz!”. Aber ebenso unverständlich wäre es uns, wenn er einen vollständigen Satz ohne jeden Anlaß & Zusammenhang ausgesprochen hätte etwa “da kommt er” oder “der Himmel ist blau”. Und anderseits würden wir es so gut wie jeden Satz verstehen, wenn Einer, der im Finstern etwas sucht, einem Andern zuriefe: “Licht!”.

Das Aussprechen des Wortes “Licht” war, im obigen Fall, noch kein kompletter Zug des Spieles, auf das wir gefaßt waren.

§

82[2]

Reden wir doch nicht vom Meinen als einem unbestimmten & nicht verstandenen Vorgang, sondern vom wirklichen, ‘praktischen’, Gebrauch des Wortes, von den Handlungen, die wir mit ihm ausführen. Reden wir vom Meinen nur, wenn es ein Teil des Sprachkalküls ist (etwa der Teil, der aus Vorstellungsbildern besteht). Und dann brauchen wir eigentlich das Wort “meinen” nicht, denn das scheint immer anzudeuten, daß es sich um Vorgänge handelt, die der Sprache nicht angehören, sondern ihr gegenüberstehn; & daß es Vorgänge von wesentlich anderer Natur sind als der sprachlichen.

§

82[3] &
83[1]

Wie unterscheidet sich aber “Licht”, wenn es den Wunsch nach Licht ausdrückt, von “Licht”, wenn es konstatiert daß es im Zimmer licht ist? Vielleicht dadurch, daß wir es in anderem Ton aussprechen, – mit anderer Empfindung (Meinung als Begleitung). Oder es kommt bloß in einem andern Spielzusammenhang vor. Denken wir, man fragte: “Wie unterscheidet sich ein Zug im Damespiel von der gleichen Bewegung eines Steins im Schlagdamespiel?” Der Unterschied kann sein, daß er das eine Mal auf die Frage “was meinst Du” antwortet: “ich meine Du sollst Licht machen”, das andremal “ich meine, es ist licht”.

§

83[2]

Wenn ein Mann im Ertrinken “Hilfe!” schreit, – konstatiert er die Tatsache, daß er Hilfe bedarf? daß er ohne Hilfe ertrinken werde? Dagegen gibt es den Fall, in dem man, quasi sich beobachtend, sagt: “ich habe jetzt den Wunsch nach …”.

§

83[3]

Wenn das Meinen für uns irgend eine Bedeutung, Wichtigkeit, haben soll, so muß dem System der Sätze ein System der Meinungen zugeordnet sein, was immer für Vorgänge die Meinungen sein mögen.

§

83[4] &
84[1]

Inwiefern stimmt nun das Wort “Licht” im Sprachspiel mit einer Wirklichkeit überein, oder nicht überein? Wie gebrauchen wir das Wort “übereinstimmen”? – Wir sagen “die beiden Uhren stimmen überein”, wenn sie die gleiche Zeit zeigen; “die beiden Maßstäbe stimmen überein”, wenn gewisse Teilstriche zusammenfallen (übereinstimmen); ein Plan stimmt mit einer Gegend überein. Wir sagen, “die beiden Längen stimmen überein”, wenn sie gleich sind; aber auch, wenn sie in einem andern, von uns festgelegten, Verhältnis stehen (Maßstab des Planes). So muß also in jedem Fall erst festgesetzt werden, was unter “Übereinstimmung” zu verstehen ist. – So ist es auch mit der Übereinstimmung einer Längenangabe mit der Länge eines Gegenstandes. Wenn ich sage: “dieser Stab ist 2˙5 m lang”, so kann ich z.B. eine Erklärung geben, wie man verfährt, um nach diesem Satz mit einem Maßband die Länge des Stabes zu kontrollieren; wie man etwa nach diesem Satz einen 2˙5 m langen Meßstreifen erzeugt. Und ich sage nun, der Satz stimmt mit der Wirklichkeit überein, wenn der so konstruierte Meßstreifen mit dem Stab übereinstimmt. (Diese Anfertigung eines Meßstreifens illustriert übrigens, was ich in der Abhandlung damit meinte, der Satz komme bis an die Wirklichkeit heran.) Als ich nun den Andern das Sprachspiel lehrte & sagte: “Licht” (indem ich Licht machte) & “Finster” (indem ich das Licht abdrehte), hätte ich auch sagen können, & mit keiner andern Bedeutung: “das heißt ‘Licht’” (wobei ich Licht mache) & “das heißt ‘Finster’” etc., & auch ebensogut: “das stimmt mit ‘Licht’ überein”, “das stimmt mit ‘Finster’ überein”.

§

84[2]

Man denkt leicht beim Worte “Übereinstimmung” nur an Ähnlichkeit, in dem Sinne, in welchem zwei Gegenstände ähnlich sind, wenn man sie leicht mit einander verwechseln kann ( wenn sie einander gleich sehen).

§

85[1]

Wir gebrauchen (das Wort) “Übereinstimmung mit der Wirklichkeit” nicht als metalogischen Ausdruck, sondern als Teil der gewöhnlichen – praktischen – Sprache. Man kann etwa sagen: Im Sprachspiel “Licht – Finster” kommt der Ausdruck “Übereinstimmung mit der Wirklichkeit” nicht vor.

§

85[2]

Freges Ansicht, daß in der Behauptung eine Annahme steckt die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben: “Es wird behauptet, daß das & das der Fall ist”.

§

85[3]

Aber wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in Form einer Frage mit nachfolgender Bejahung (oder Verneinung) schreiben. Z.B. – statt: “Es regnet”, “Regnet es? Ja!” Würde das zeigen, daß in jeder Behauptung eine Frage steckt?

§

85[4]

Wir könnten uns eine menschliche Sprache denken, in der es keine Behauptungssätze gibt, sondern nur Fragen & die Bejahung & Verneinung.

§

86[1]

Man hat natürlich das Recht ein Behauptungszeichen zu verwenden wenn man es im Gegensatz, etwa, zu einem Fragezeichen gebraucht. Irreleitend ist es nur, wenn man meint, daß die Behauptung nun aus zwei Akten besteht, dem Erwägen & dem Behaupten (Beilegen des Wahrheitswertes, oder dergl.) & daß wir diese Akte nach dem geschriebenen Satz ausführen, ungefähr wie wir nach Noten singen. Dem Singen nach Noten ist nun allerdings das laute, oder leise, Lesen des geschriebenen Satzes analog; aber nicht eine Tätigkeit den Satz zu denken. Ist also ein Behauptungszeichen im geschriebenen Satz, so wird wieder ein Behauptungszeichen im gelesenen sein (etwa die Betonung, der Stimmfall). Aber das Denken des Satzes besteht nicht darin, daß wir nach den Signalen des Satzes Gedankenoperationen – u.a. auch das Behaupten – ausführten. Und als seien im Satz die Zeichen, & die Bedeutungen im Denken.

§

86[2] &
87[1]

Man könnte die Funktion des Fregeschen Behauptungszeichens auch darin sehen, daß es den Anfang der Behauptung bezeichnet. Es entspräche dann dem großen Anfangsbuchstaben, oder dem Schlußpunkt des vorhergehenden Satzes. Das Behauptungszeichen ist dann eine von zwei Klammern, die den selbständigen Satz von einem unterscheiden, der Teil eines andern ist. (Dies ist zum Teil gewiß auch der Idee Freges gemäß.) Und diesen Unterschied stark hervorzuheben ist wichtig. Denn unsere philosophischen Schwierigkeiten die Negation & das Denken betreffend rühren in gewissem Sinn daher, daß wir nicht sehen, daß ein Satz “⊢ ~p” oder “⊢ ich denke p” mit dem Satz “⊢ p” wohl “p” gemein hat, aber nicht “⊢ p”.

§

87[2]

Mit dem Singen nach Noten ist nun allerdings das laute (oder leise) Lesen nach dem geschriebenen Satz zu vergleichen; aber die Zeichen des Satzes sind nicht Signale zu psychischen Tätigkeiten des Meinens. Als seien im Satz die Zeichen, die Bedeutungen im Denken.

§

87[3]

Wir könnten uns auch eine Sprache denken die nur aus Befehlen besteht.

§

87[4] &
88[1]

Denken wir an die große Mannigfaltigkeit der Sprachspiele: Eine Mitteilung machen, wie: “Licht”, “Finster”; einen Befehl geben (“mach Licht!”, “lösch aus!”); auf Fragen – “Licht?”, “Finster?” – mit “ja” oder “nein”

antworten; einen Befehl ausführen; fragen, & die Antworten auf ihre Richtigkeit prüfen; negative, disjunktive Befehle ausführen; eine Vermutung aussprechen (“welche Karte werde ich jetzt aufschlagen”) & sie verifizieren; eine Notation in eine andere transformieren; Schlüsse ziehen; ein angewandtes Rechenexempel lösen; eine Zeichnung herstellen & sie beschreiben; einen Hergang erzählen; eine Erzählung erdichten; eine Hypothese aufstellen & prüfen; eine Tabelle anlegen; grüßen; ein Tier abrichten, daß es auf den Ruf folgt; etc. etc.. einen Witz erzählen.

§

88[2]

Es hilft hier immer sich darauf zu besinnen, wie das Kind an solchen Sprachspielen sprechen lernt. Es hilft auch sich einen primitiven Volksstamm vorzustellen, der eine primitive Sprache besitzt. Eine Sprache etwa die nur aus Befehlen im Krieg besteht; oder aus Befehlen & Berichten. Etwa aus gezeichneten Berichten in einer einfachen zeichnerischen Darstellungsform. (Denke daran, wie die Schrift einmal nur für sehr spezielle Zwecke verwendet wurde.) – Auch der Erwachsene lernt neue Sprachformen, wenn er eine neue Rechnungsart lernt & ihre Anwendung; oder wenn er lernt eine graphische Darstellung von Messungsresultaten zu machen, oder abzulesen.

§

88[3] &
89[1]

Denke daran daß man Würfeln ein Spiel nennt, aber auch Tauziehen, & auch Reigentanzen. Dem falschen (d.h. unvorteilhaften) Zug im Schach entspricht etwas im Damespiel, & auch im Kartenspielen aber nichts in einem Abzählspiel. Der falsche Zug in diesem Sinne gehört wesentlich zum Spiel; er ist nicht eine Verunreinigung des Spiels, wie ein falscher Schritt im Tanz. Denke nun an die Rollen unwahrer Sätze in Sprachspielen. Das Subjekt im psychologischen Experiment soll sagen, was es gesehen hat; – es beschreibt seine Erfahrung falsch. – Der Meteorologe macht eine Prognose des zukünftigen Wetters; sie trifft nicht ein.

§

89[2]

Wenn wir nicht sehen, daß es eine Menge von Sprachspielen gibt, sind wir geneigt zu fragen: “Was ist eine Frage?” Ist es die Feststellung, daß ich das & das nicht weiß; oder die Feststellung daß ich wünsche der Andere möchte mir sagen …? Oder ist es die Beschreibung meines seelischen Zustandes der Ungewißheit? Und ist der Ruf “Hilfe!” so eine Beschreibung?

§

89[3]

Denke daran, wie Verschiedenes “Beschreibung” genannt wird. Denke an die Beschreibung der Lage eines Körpers durch eine Zeichnung, einen Plan & anderseits an die Beschreibung des Verlaufs einer Schmerzempfindung.

§

89[4] &
90[1]

Man kann freilich statt der gewöhnlichen Notation der Frage eine Notation der Feststellung oder Beschreibung einführen: “ich will wissen, ob …” oder “ich bin im Zweifel, ob …” – aber damit hat man die verschiedenen Sprachspiele einander nicht näher gebracht.

§

90[2]

Es ist uns, als könnten wir sagen, der fragende Tonfall sei dem Sinn der Frage angemessen. Ist der Schrei dem Schmerz angemessen?

§

90[3]

Man sagt manchmal: die Affen sprechen nicht, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen. Das heißt: “sie denken nicht, darum sprechen sie nicht”. Aber sie sprechen eben nicht, d.h. sie spielen keine Sprachspiele oder besser: sie verwenden die Sprache nicht. Befehlen, fragen, erzählen, plauschen sind so natürliche Handlungen, wie gehen, essen, trinken, spielen.

§

90[4]

Das hängt damit zusammen, daß man meint, das Lernen der Sprache bestehe darin, daß man Gegenstände benennt, & zwar: Menschen, Formen, Farben, Schmerzen, Stimmungen, Zahlen, etc.

§

90[5]

Wie gesagt – das Benennen ist etwas Ähnliches, wie einem Ding ein Namenstäfelchen anheften. Man kann das eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Worts nennen. Aber worauf ist es eine Vorbereitung?

§

91[1]

“Wir benennen die Dinge, & können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.” Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben sei. Als ob es nur Eines gäbe, was heißt: “von Dingen reden”. Während wir doch das Verschiedenartigste mit unsern Sätzen tun.

§

91[2]

Denken wir nur zum Beispiel an die Ausrufe – mit ihren ganz verschiedenen Funktionen: Wasser! – Fort! – Au! – Hilfe! – Schön! – Nicht! –

§

91[3]

Bist Du nun noch geneigt diese Wörter “Namen” zu nennen?

§

91[4] &
92[1]

“Wie wäre es, wenn die Menschen ihre Schmerzen nicht äußerten (nicht stöhnten, das Gesicht verzögen, etc.), – dann könnte man einem Kind nicht das Wort “Zahnschmerzen” beibringen.” – Nun, nehmen wir an das Kind sei ein Genie & erfinde selbst einen Namen für den Schmerz, obwohl ihm keiner gelehrt wurde! – Aber nun könnte es sich freilich mit diesem Wort nicht verständlich machen! – Also versteht es den Namen, kann aber seine Bedeutung niemandem erklären? – Aber was heißt es denn, daß er “seinen Schmerz benannt hat”? – Wie hat er das gemacht: den Schmerz (zu) benennen?? Und, was immer er getan hat, was hat es für einen Zweck? – Wenn man sagt “er hat dem Schmerz einen Namen gegeben”, so vergißt man, daß schon viel in der Sprache vorbereitet sein muß, damit das bloße Benennen einen Sinn hat. Und wenn wir davon reden, daß er dem Schmerz einen Namen gibt, so ist die Grammatik des Wortes “Schmerz” hier das Vorbereitete; es zeigt den Posten an, an den das neue Wort gestellt wird.

§

92[2]

Warum ist der Gedanke, die Erwartung, der Glaube, keine bloße Spielerei?

Was hat mein Gedanke mit dem zu tun, was der Fall ist? – Was macht uns die Erwartung zur Erwartung der Wirklichkeit? Ich habe das Gefühl: Nur die Stellungnahme zum Bild kann es uns zum Bild der Wirklichkeit machen; d.h., kann es mit der Wirklichkeit so verbinden, gleichsam wie eine Lasche, die die Überleitung von dem Bild zur Wirklichkeit herstellt, die beiden in der rechten Lage zu einander haltend, dadurch, daß beide für sie dasselbe bedeuten. Und es ist wahr: das Portrait erhält seine Bedeutung für uns dadurch daß unsere Einstellung zu ihm & unsere Einstellung zu dem Menschen etwas gemein haben.

§

92[3] &
93[1]

Was verbindet den Glauben, die Überzeugung, mit der Wirklichkeit? Ich möchte vielleicht sagen: “Der Glaube ist in uns, die Wirklichkeit außer uns; die beiden sind von einander isoliert. Was kann dann mein Glaube für eine Bedeutung haben?” – Nun, wer glaubt, macht wirklich nur ein Bild & die Verbindung des Bildes mit der Wirklichkeit ist keine andere, als die durch die besondere Entstehung dieses Bildes gemachte oder durch Erklärungen der Zeichen des Bildes. Aber uns Bilder zu machen ist Teil unseres Lebens.

§

93[2]

Denk Dir, jemand malte ein Bild der Heimkunft seines Freundes, an die er glaubt. Er betrachtet es gläubig. Handelt diesem Glauben entsprechend.

§

93[3]

Hat es einen Sinn zu fragen: “Woher weißt Du, daß Du das glaubst?” – & ist etwa die Antwort: “ich erkenne es durch Introspektion”? In manchen Fällen wird man so etwas sagen können, in manchen nicht.

§

93[4]

Es hat Sinn zu fragen “liebe ich sie wirklich, mache ich mir das nicht nur vor?” Und der Prozeß der Introspektion ist das Wachrufen von Erinnerungen; von Vorstellungen möglicher Situationen & der Gefühle die man hätte, etc..

§

93[5]

Introspektion nennt man einen Vorgang des Schauens, – im Gegensatz zum Sehen.

§

93[6] &
94[1]

Wenn ich das Wort “glauben” so verstehe, daß ich geneigt bin zu sagen: “ich kann nicht glauben & es nicht wissen, daß ich glaube” dann hat es, eben darum, keinen Sinn zu sagen: “ich weiß, daß ich das & das glaube”. Wie es keinen Sinn hat zu sagen “ich weiß, daß ich Zahnschmerzen habe”, wenn ich “nicht Zahnschmerzen haben kann, ohne es zu wissen”. (Wenn also “ich habe Zahnschmerzen” nicht heißen soll “ich habe Schmerzen, die vom schlechten Zahn herrühren”.) (Denke auch an die Frage: “wie merkst Du, daß Du Schmerzen hast?”; oder gar: “wie merkst Du, daß Du fürchterliche Schmerzen hast?” – Dagegen: “wie merkst Du, daß Du Schmerzen bekommen wirst?”)

§

94[2]

(Hierher gehört die Frage: welchen Sinn hat es von der Verifikation des Satzes “ich habe Zahnschmerzen” zu reden? Und hier sieht man deutlich, daß die Frage “wie wird dieser Satz verifiziert?” von einem Gebiet der Grammatik zum andern ihren Sinn ändert.)

§

94[3]

Ist “Ich glaube …” der Ausdruck des Glaubens; oder die Beschreibung des psychischen Erlebnisses?

§

94[4] &
95[1]

Ist der Satz “es wird regnen” die Beschreibung meiner Geistestätigkeit, da er doch die Wiedergabe meines Gedankens ist, daß es regnen wird? – Wir werden nicht so leicht geneigt sein, den Satz die Beschreibung der Geistestätigkeit zu nennen, wenn wir bedenken, daß das Denken im Reden bestehen kann, keine Begleitung des Gedankenausdrucks ist.

§

95[2]

Man kann in Worten glauben.

§

95[3]

Anderseits, warum sollen wir nicht sagen, daß die Aussage “ich glaube …” die Beschreibung des seelischen Zustandes ist? Es ist ja damit nichts verredet. Denn “seelischer Zustand” & “Beschreibung eines seelischen Zustandes” heißt eben so vieles.

§

95[4]

Man könnte nun die Sache so – falsch – auffassen: Die Frage “wie weißt Du, daß Du Zahnschmerzen hast” wird darum nicht gestellt, weil man dies von den Zahnschmerzen (selbst) aus erster Hand erfährt, während man, daß ein Mensch im andern Zimmer ist, aus zweiter Hand, etwa durch ein Geräusch, erfährt. Das eine weiß ich durch unmittelbare Beobachtung, das andere erfahre ich indirekt. Also: “Wie weißt Du, daß Du Zahnschmerzen hast” – “Ich weiß es, weil ich sie habe” – “Du entnimmst es daraus, daß Du sie hast? aber mußt Du dazu nicht schon wissen, daß Du sie hast?”. - - Der Übergang von den Zahnschmerzen zur Aussage “ich habe Zahnschmerzen” ist eben ein ganz anderer, als der vom Geräusch zur Aussage “in diesem Zimmer ist jemand”. Das heißt, die Übergänge gehören ganz andern Sprachspielen an.

§

95[5]

Ist, daß ich Zahnschmerzen habe ein Grund zur Annahme, daß ich Zahnschmerzen habe?

§

95[6]

(Man kann die Philosophen dadurch verwirren (confound), daß man nicht bloß da Unsinn spricht, wo auch sie es tun, sondern auch solchen, den zu sagen sie sich scheuen (würden).)

§

95[7] &
96[1]

Erschließt man aus der Wirklichkeit einen Satz? Also etwa “aus den wirklichen Zahnschmerzen, darauf, daß man Zahnschmerzen hat”? Aber das ist doch nur eine unkorrekte Ausdrucksweise; es müßte heißen: man schließt, daß man Zahnschmerzen hat daraus, daß man Zahnschmerzen hat (offenbarer Unsinn).

§

96[2]

“Warum glaubst Du, daß Du Dich an der heißen Herdplatte verbrennen wirst?” – Hast Du Gründe für diesen Glauben, und brauchst Du Gründe?

§

96[3]

Hast Du diese Gründe – gleichsam – immer bei Dir, wenn Du es glaubst? Und glaubst Du es immer – ausdrücklich – wenn Du Dich etwa wehrst, die Herdplatte anzurühren? Meint man mit ‘Gründen des Glaubens’ dasselbe, wie mit ‘Ursachen des Glaubens’ (Ursachen des Vorgangs des Glaubens)?

§

96[4]

Was für einen Grund habe ich, anzunehmen, daß mein Finger, wenn er den Tisch berühren, einen Widerstand spüren wird? Was für einen Grund, zu glauben, daß dieser Bleistift sich nicht schmerzlos durch meine Hand stecken läßt? Wenn ich dies frage, melden sich hundert Gründe, die einander gar nicht zu Wort kommen lassen wollen. “Ich habe es doch selbst ungezählte Male erfahren; und ebenso oft von ähnlichen Erfahrungen gehört; wenn es nicht so wäre, würde …; etc.”.

§

96[5]

Glaube ich, wenn ich auf meine Tür zugehe, ausdrücklich, daß sie sich öffnen lassen wird, – daß dahinter ein Zimmer und nicht ein Abgrund sein wird, etc.? Setzen wir statt des Glaubens den Ausdruck des Glaubens. –

§

96[6]

Was heißt es, etwas aus einem bestimmten Grunde glauben? Entspricht es, wenn wir statt des Glaubens den Ausdruck des Glaubens setzen, dem, daß Einer den Grund sagt, ehe er das Begründete sagt?

§

96[7] &
97[1]

“Hast Du es aus diesen Gründen geglaubt?” ist dann eine ähnliche Frage, wie: “hast Du, als Du mir sagtest, 25 × 25 sei 625, die Multiplikation wirklich ausgeführt?”

§

97[2]

Die Frage “warum glaubst Du das” könnte bedeuten: “aus welchen Gründen leitest Du das jetzt ab (hast Du es jetzt abgeleitet)”; aber auch: “welche Gründe kannst Du mir nachträglich für diese Annahme angeben”.

§

97[3]

Ich könnte also unter ‘Gründen’ zu einer Meinung tatsächlich nur das verstehen, was Einer sich vorgesagt hat, ehe er zu der Meinung kam. Die Rechnung, die er tatsächlich ausgeführt hat.

§

97[4]

Frage ich jemand: “warum glaubst Du, daß diese Armbewegung einen Schmerz mit sich bringen wird?”, und er antwortet: “weil sie ihn einmal hervorgebracht und einmal nicht hervorgebracht hat”, so werde ich sagen: “das ist doch kein Grund zu Deiner Annahme”. Wie nun, wenn er mir darauf antwortet: “oh doch! ich habe diese Annahme noch immer gemacht, wenn ich diese Erfahrung gemacht hatte”? – Da würden wir sagen: “Du scheinst mir die Ursache (psychologische Ursache) Deiner Annahme anzugeben, aber nicht den Grund”.

§

97[5]

“Warum glaubst Du, daß das geschehen wird?” – “Weil ich es zweimal beobachtet habe”. Oder: “Warum glaubst Du, daß das geschehen wird?” – “Weil ich es mehrmals beobachtet habe; und es geht offenbar so vor sich: …” (es folgt eine Darlegung einer umfassenden Hypothese). Aber diese Hypothese, dieses Gesamtbild, muß Dir einleuchten. Hier geht die Kette der Gründe nicht weiter. – (Eher könnte man sagen, daß sie sich schließt.)

§

98[1]

Man möchte sagen: Wir schließen nur dann aus der früheren Erfahrung auf die zukünftige, wenn wir die Vorgänge verstehen (im Besitze der richtigen Hypothese sind). Wenn wir den richtigen, tatsächlichen, Mechanismus zwischen den beiden beobachteten Rädern annehmen. Aber denken wir doch nur: Was ist denn das Kriterium dafür, daß unsere Annahme die richtige ist? – Das Bild und die Daten überzeugen uns und führen uns nicht wieder weiter – zu andern Gründen.

§

98[2]

Wir sagen: “diese Gründe sind überzeugend”; und dabei handelt es sich nicht um Prämissen, aus denen das folgt, wovon wir überzeugt wurden.

§

98[3]

Wenn man sagt: “die gegebenen Daten sind insofern Gründe, zu glauben, p werde geschehen, als dies aus den Daten zusammen mit dem angenommenen Naturgesetz folgt”, – dann kommt das eben darauf hinaus, zu sagen, das Geglaubte folge aus den Daten nicht, sondern komme vielmehr einer neuen Annahme gleich.

§

98[4]

Wenn man nun fragt: wie kann aber frühere Erfahrung ein Grund zur Annahme sein, es werde später das und das eintreffen, – so ist die Antwort: welchen allgemeinen Begriff vom Grund zu solch einer Annahme haben wir denn? Diese Art Angabe über die Vergangenheit nennen wir eben Grund zur Annahme, es werde das in Zukunft geschehn. – Und wenn man sich wundert, daß wir ein solches Sprachspiel spielen, dann berufe ich mich auf die Wirkung einer vergangenen Erfahrung (daß ein gebranntes Kind das Feuer fürchtet).

§

99[1]

Wer sagt, er ist durch Angaben über Vergangenes nicht davon zu überzeugen, daß in Zukunft etwas geschehen wird, der muß etwas anderes mit dem Wort “überzeugen” meinen, als wir es tun. – Man könnte ihn fragen: Was willst Du denn hören? Was für Angaben nennst Du Gründe um das zu glauben? Was nennst Du “überzeugen”? Welche Art des “Überzeugens” erwartest Du Dir. – Wenn das keine Gründe sind, was sind denn Gründe? – Wenn Du sagst, das sind keine Gründe, so mußt Du doch angeben können, was der Fall sein müßte, damit wir mit Recht sagen könnten, es seien Gründe für unsern Glauben vorhanden. ‘Keine Gründe’ –: im Gegensatz wozu?

§

99[2]

Denn, wohlgemerkt: Gründe sind hier nicht Sätze, aus denen das Geglaubte folgt.

§

99[3]

Aber nicht, als ob man sagen könnte: Für's Glauben genügt eben weniger, als für das Wissen. – Denn hier handelt es sich nicht um eine Annäherung an das logische Folgen.

§

99[4]

Irregeführt werden wir durch die Ausdrucksweise: “Das ist ein guter Grund zu unserer Annahme, denn er macht das Eintreffen des Ereignisses wahrscheinlich”. Hier ist es, als ob wir nun etwas Weiteres über den Grund ausgesagt hätten, was seine Zugrundelegung rechtfertigt; während mit dem Satz, daß dieser Grund das Eintreffen wahrscheinlich macht, nichts gesagt ist, wenn nicht, daß dieser Grund dem bestimmten Standard des guten Grundes entspricht, – der Standard aber nicht begründet ist!

§

99[5]

Ein guter Grund ist einer, der so aussieht.

§

99[6]

“Das ist ein guter Grund, denn er macht das Eintreffen wahrscheinlich” erscheint uns so wie: “das ist ein guter Hieb, denn er macht den Gegner kampfunfähig”.

§

100[1]

Man möchte sagen: “ein guter Grund ist er nur darum, weil er das Eintreffen wirklich wahrscheinlich macht”. Weil er sozusagen wirklich einen Einfluß auf das Ereignis hat, also quasi einen erfahrungsmäßigen.

§

100[2]

“Warum nimmst Du an, daß er besserer Stimmung sein wird, weil ich Dir sage, daß er gegessen hat? ist denn das ein Grund?” –

“Das ist ein guter Grund, denn das Essen hat erfahrungsgemäß einen Einfluß auf seine Stimmung”. Und das könnte man auch so sagen: “Das Essen macht es wirklich wahrscheinlicher, daß er guter Stimmung sein wird”. Wenn man aber fragen wollte: “Und ist alles das, was Du von der früheren Erfahrung vorbringst, ein guter Grund, anzunehmen, daß es sich auch diesmal so verhalten wird”, so kann ich nun nicht sagen: ja, denn das macht das Eintreffen der Annahme wahrscheinlich. Ich habe oben meinen Grund mit Hilfe des Standards für den guten Grund gerechtfertigt; jetzt kann ich aber nicht den Standard rechtfertigen.

§

100[3]

Wenn man sagt “die Furcht ist begründet”, so ist nicht wieder begründet, daß wir das als guten Grund zur Furcht ansehen. Oder vielmehr: es kann hier nicht wieder von einer Begründung die Rede sein.

§

100[4]

Die Rechtfertigung durch die Erfahrung hat ein Ende. Hätte sie keins, so wäre sie keine Rechtfertigung.

§

100[5]

Das Raisonnement, das zu einem endlosen Regreß führt, ist nicht darum aufzugeben, ‘weil wir so nie das Ziel erreichen können’, sondern weil es hier ein Ziel nicht gibt, sodaß es gar keinen Sinn hat zu sagen ‘wir können es nicht erreichen’.

§

101[1]

Wir meinen leicht, wir müßten den Regreß ein paar Stufen weit durchlaufen & ihn dann sozusagen in Verzweiflung aufgeben. Während seine Ziellosigkeit (das Fehlen eines Zieles im Kalkül) aus der Anfangsposition zu entnehmen ist.

§

101[2]

Ich lege meine Hand auf die Herdplatte, fühle unerträgliche Hitze & ziehe die Hand schnell zurück. War es nicht möglich, daß die Hitze der Platte im nächsten Augenblick aufgehört hätte? Konnte ich es wissen? Und war es nicht möglich, daß ich gerade durch mein Zurückziehen mich weiterem Schmerz aussetzte? Es müßte also kein guter Grund sein zu sagen: “ich habe sie zurückgezogen, weil die Platte zu heiß war”.

§

101[3]

Wenn man mich fragte: “Bist Du sicher, daß Du es deswegen getan hast?” – wäre da irgendein Zweifel? Sollte man sagen: “Ich weiß, daß ich es deshalb tun wollte; nicht: daß der Arm sich aus dieser Ursache zurückgezogen hat”?

§

101[4] &
102[1]

Das heißt also wohl: Du weißt das Motiv, nicht die Ursache. – Und wie weißt Du, daß Du es aus diesem Motiv getan hast? – “Ich erinnere mich daran, es darum getan zu haben.” – Aber woran erinnerst Du Dich? An das, was Du Dir damals gesagt hast; an die Gefühle der Angst; an den Krampf in den Muskeln Deines Arms? Es gibt sehr verschiedene Fälle, in denen wir sagen: “das war das Motiv meiner Handlung”.

§

102[2]

Mit den Worten “wollen”, “willkürlich” (im Gegensatz zu “unwillkürlich”) beschreibt man eine Menge verschiedener Erfahrungen. Denke daran, wenn wir beim Essen die Hand mit dem Löffel heben – weil wir sie heben wollen; anderseits wenn wir ein Gewicht zu heben uns anstrengen, es zu heben versuchen. Ist eine solche Erfahrung des Versuchens auch im ersten Fall & nur insofern modifiziert als es uns so leicht gelingt den Löffel zu heben? – Oder ich schreibe: schreibe ich unwillkürlich? – Aber ist mein Schreiben von Willensakten begleitet? Will ich einen Buchstaben schreiben bevor ich ihn schreibe? Und wie verschieden ist es wieder, wenn ich nachdenken will, mich erinnern will, etc.. Zwischen allen diesen Fällen bestehen verschiedene einander übergreifende Analogien (Familienähnlichkeiten).

§

102[3] &
103[1]

Was man im Falle des Armhebens ‘wollen’ nennt hängt mit der Erfahrung der Muskelempfindung zusammen. Man versuche sich vorzustellen daß man seinen Arm hebt (willkürlich hebt) ohne aber zu fühlen, daß er sich (oder man ihn) hebt, sondern bloß mit den Augen wahrnehmend, daß er sich hebt.

§

103[2] &
104[1]

Wenn wir unsere Finger entsprechend verschränken so sind wir nicht im Stande einen bestimmten Finger auf Befehl zu heben wenn der Befehlende bloß auf den Finger zeigt – ihn bloß unserem Auge zeigt. Wenn er ihn dagegen berührt so können wir ihn bewegen. Man kann diese Erfahrung so beschreiben: wir seien nicht im Stande, den Finger heben zu wollen. Aber nicht nur ist das ganz anders als, wenn wir nicht im Stande sind den Finger zu heben, weil ihn etwa jemand hält, sondern der Ausdruck “nicht im Stande sein” oder das Wort “versuchen” hat im ersten Fall eine andere, wenn auch ähnliche, Bedeutung. Man ist nun leicht geneigt den ersten Fall so zu beschreiben, man könne für den Willen keinen Angriff finden ehe der Finger nicht berührt sei, ehe man den Finger nicht fühle. Erst wenn man ihn fühle könne der Wille wissen, wo er anzugreifen habe. Aber diese Ausdrucksweise ist irreführend; man möchte sagen: “wie soll ich denn wissen, wo ich mit dem Willen anzupacken habe, wenn das Gefühl nicht die Stelle bezeichnet?” Aber ich könnte fragen: “Und wie weiß man denn, wenn das Gefühl da ist, wohin ich den Willen zu lenken habe?”

§

104[2]

“Das Wollen ist auch nur eine Erfahrung”, möchte man sagen (der ‘Wille’ auch nur ‘Vorstellung’). Er kommt, wenn er kommt, & ich kann ihn nicht herbeiführen.

§

104[3]

‘Nicht herbeiführen’? – Wie was? – Was kann ich denn herbeiführen? Womit vergleiche ich das Wollen, wenn ich dies sage?

§

104[4]

Im Gegensatz wozu nenne ich denn hier das Wollen “eine Erfahrung”, & sage, es komme, wenn es komme?!

§

104[5]

Wo ist die Antithese, auf die ich hier deute, zu Hause?

§

104[6]

Von der Bewegung meines Armes, z.B., würde ich nicht sagen, sie komme, wenn sie komme, ich könne sie nicht herbeiführen. Und hier ist die Domäne, in der wir sinnvoll sagen, daß uns etwas nicht einfach geschieht, sondern daß wir es tun. “Ich brauche nicht abwarten bis mein Arm sich vielleicht heben wird, – ich kann ihn heben”. Und hier setze ich die Bewegung meines Arms etwa dem entgegen, daß die Windrichtung sich ändern wird.

§

104[7] &
105[1]

Die Handlung geschieht, wenn ich will. – “Aber willst Du auch, wenn Du willst?” – Das heißt nichts. Und daß es nichts heißt kommt daher, daß hier das Wort “wollen” grammatisch falsch aufgefaßt wird, wie das Wort “Zeit”, wenn man denkt, die Zeit müsse sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegen.

§

105[2]

“Ich kann es nicht herbeiführen”? Doch, ich kann es herbeiführen, in dem Sinne, in dem ich überhaupt etwas herbeiführen kann. Ich kann es nicht wollen. Und das heißt, es hat keinen Sinn zu sagen “ich habe es willkürlich (oder unwillkürlich) gewollt”.

§

105[3]

So führt man das Wollen herbei, wenn man sich absichtlich in eine Zwangslage versetzt. Wenn man z.B. ins tiefe Wasser springt um schwimmen zu lernen.

§

105[4]

Denke an das Paradox: ‘daß es etwas Weiches eigentlich nicht gibt; denn auch das Weichste hat, wenn ich etwa auf ihm liege, eine bestimmte Form & eine ebenso bestimmte, als wäre sie aus Stahl’.

§

105[5] &
106[1]

Man sagt: “vielleicht wird es Dir einmal geschehen, daß Du das siehst, oder hörst”; aber man sagt nicht: ‘vielleicht wird es Dir einmal geschehen, daß Du das willst’. “Denn”, möchte man sagen, “wenn Du willst (Lust hast) kannst Du jederzeit wollen. Denn Du tust es ja selbst; nicht der Körper, der nur teilweise von Dir abhängig ist, sondern Du.”

§

106[2]

Das wollende Subjekt stellt man sich hier als etwas Masseloses (Trägheitsloses) vor, als einen Motor der in sich selbst keinen Trägheitswiderstand zu überwinden hat. Und also nur Treibendes & nicht auch Getriebenes ist. D.h.: Man kann sagen “ich will, aber mein Körper folgt mir nicht”, aber nicht: “mein Wille folgt mir nicht”. (Augustinus)

Aber in dem Sinn, in welchem es mir nicht mißlingen kann, zu wollen, kann ich es auch nicht versuchen.

§

106[3]

Und doch sagt man: “Ich glaube, Du wirst das einmal wollen.” –

§

106[4]

Und man könnte sagen: “Ich kann nur insofern jederzeit wollen, als ich nie versuchen kann zu wollen”.

§

106[5]

Und zu sagen, ich könne nicht zu wollen versuchen ist natürlich keine Aussage über die Naturgeschichte des Willens. Das Zeitwort “wollen” legt es uns nahe, die Tätigkeit des Wollens mit der Tätigkeit der Ausführung des Gewollten zu vergleichen & die grammatische Verschiedenheit für eine Verschiedenheit der Eigenschaften zu nehmen.

§

107[1]

“Das Wollen ist auch nur eine Erfahrung …” Wogegen richtet sich das? Und wenn die Annahme, die hier zurückgewiesen wird, unrichtig war; wie konnte man diesen Fehler machen? Was hat uns zu ihm verführt? Was ist die Vorstellung, die Analogie, die am Grunde der Anschauung liegt, es gäbe ein passives Prinzip, die Vorstellung, & ein aktives, den Willen?

§

107[2]

Tun scheint selbst gar kein Volumen der Erfahrung zu haben. Es scheint wie ein ausdehnungsloser Punkt, die Spitze einer Nadel. Diese Spitze scheint das eigentliche Agens. Und alles Geschehen in der Erscheinung nur Folge dieses Tuns. “Ich tue” scheint einen bestimmten Sinn zu haben, abgelöst von jeder Erfahrung.

§

107[3]

Denke ich aber an eine Anwendung dieses Ausdrucks, so ist (da) immer eine Erscheinung im Spiele.

§

107[4]

Das was den Eindruck erweckt, daß es ein Tun gibt abgelöst vom Erfahren ist die Existenz der Ausdrucksweise: “Ich tue das”, “Ich hebe den Arm”, im Gegensatze zu “Mein Arm hebt sich”, oder “Ich fühle, sehe, wie mein Arm sich hebt”.

§

107[5]

Wir sind unter dem Eindruck dieser Ausdrucksform, wenn wir das unmittelbar Gegebene als Tun & Wahrnehmen sehen.

§

108[1]

Aber vergessen wir Eines nicht: Wenn ‘ich meinen Arm hebe’, ‘hebt sich mein Arm’; & das Problem entsteht: Was ist das, was übrigbleibt, wenn ich von der Tatsache, daß ich meinen Arm hebe, die abziehe, daß mein Arm sich hebt?

§

108[2]

Bedenken wir auch, daß die Tätigkeit des Deliberierens von den Erfahrungen beim wirklichen Ausführen der Bewegung unabhängig sind. D.h., dieses Deliberieren, Überlegen, Wählen, könnte geschehen, auch ein Entschluß gefaßt werden, & die willkürliche Handlung doch nicht stattfinden. Und umgekehrt konnte die willkürliche Handlung ohne jede vorausgehende Überlegung ausgeführt werden.

§

108[3]

Es ist freilich in dieser Konzeption gleich eine Schwierigkeit, daß nämlich das, was der Wille ausführt, sich in der Vorstellung zeigen muß.

§

108[4] &
109[1]

Kann nun eine willkürliche Handlung nicht verursacht werden? – Und ist sie dadurch gezwungen? Wenn ich arrestiert & von der Polizei abgeführt werde, so gehe ich gezwungen. Ist nun das Gleiche der Fall wenn ich im Garten spazieren gehe? Ist denn die Ursache ein Zwang?? Ist es richtig zu sagen: “Ich fühle mich in diesem Falle nur nicht gezwungen, weil mir die Ursache, weswegen ich mich bewege, wie ich es tue, nicht bekannt ist”? Wäre die Kenntnis eines Naturgesetzes ein Gefühl des Zwanges?

§

109[2]

Ist das Gefühl, die Erfahrung, des Zwanges die direkte Wahrnehmung der Ursache, die man sonst nur aus der Koinzidenz erschließt?

§

109[3]

Was ist das, was wir wollen? Was ist das Objekt des Wollens?

§

109[4]

Vergleiche verschiedene Bedeutungen der Worte “Zwang”, “herbeiführen”, “versuchen”.

§

109[5]

Wenn wir durch ein Röhrchen oder einen Strohhalm einsaugen, so sind wir geneigt zu meinen, wir saugen mit dem Mund, den Wangen, weil wir in ihnen den Luftdruck spüren, aber keine Anstrengung in den Brustmuskeln, die die Kraft ausüben.

§

109[6]

Ist das Deliberieren, das zur Handlung führt, selbst eine Erfahrung oder eine Tätigkeit? Und allgemein: ist der Gedanke eine Erfahrung oder eine Tätigkeit? – Wie willst Du ihn nennen? (Man liest oft in Erzählungen den Ausdruck: “plötzlich hörte er sich die Worte sagen …”.)

§

109[7] &
110[1]

“Geschieht es uns, daß wir wünschen, oder tun wir es?” Ja, hat diese Frage einen Sinn? Es hat freilich Sinn zu fragen: “Hast Du den Arm absichtlich gehoben, oder hat er sich von selbst gehoben?” Und die Frage, ob das Wünschen ein Tun oder ein Erfahren sei, kann etwa bedeuten: ob das Wünschen ähnlicher ist dem willkürlichen Heben des Armes, oder der Erfahrung, daß mein Arm sich hebt. (Lichtenberg: “Es denkt.”)

§

110[2]

Es hat auch keinen Sinn zu fragen: “ist das Wollen, eigentlich, eine Erfahrung?” Die eigentümliche, zähe Schwierigkeit dieser Frage zeigt schon, daß es eigentlich keine Frage ist.

§

110[3]

“Das Wollen kommt, wenn es kommt”, & das heißt, es müßte eigentlich etwas sein, was da ist, ehe es da ist.

§

110[4]

Das philosophische Problem scheint unlösbar; bis man sieht, daß es eine Krankheit der Darstellungsform gibt.

§

110[5] &
111[1]

Meine Wahl ist frei, heißt nichts anderes als: ich kann wählen. Und daß ich manchmal wähle, steht doch nicht in Zweifel. Was man “frei” nennt, ist nur die Wahl an sich. Zu sagen, “wir glauben nur, daß wir wählen”, ist Unsinn. Der Vorgang, den wir “wählen” nennen, findet statt, ob man das Resultat der Wahl nach Naturgesetzen voraussagen kann, oder nicht.

§

111[2]

Mein Ausdruck kam daher, daß ich mir das Wollen als ein Herbeiführen dachte, – aber nicht als ein Verursachen, sondern – ich möchte sagen – als ein direktes, nicht-kausales, Bewegen. Und dieser Idee liegt die Vorstellung zu Grunde, daß der kausale Nexus durch einen Mechanismus, eine Reihe von Zahnrädern oder dergleichen, gebildet wird. Die Verbindung kann auslassen, wenn der Mechanismus gestört wird. (Man denkt nur an die Störungen, denen ein Mechanismus normalerweise ausgesetzt ist; nicht daran, daß etwa die Zahnräder plötzlich weich werden, oder einander durchdringen, etc..) [→ ]

§

111[3]

Das Motiv ist nicht eine Ursache ‘von innen gesehen’! (Das Gleichnis von ‘innen & außen’ hier, wie so oft, gänzlich irreführend. – Es ist verwandt der Idee von der Seele, einem Lebewesen, im Kopfe. Aber wir vermengen diese Idee mit andern unverträglichen, wie die Metaphern im Satz “der Zahn der Zeit, der alle Wunden heilt, etc.”.)

§

111[4] &
112[1]

Man nimmt an daß ein Mensch das Motiv seiner Tat weiß; – das sagt uns etwas über die Bedeutung des Wortes “Motiv”.

§

112[2]

Nach den Gründen zu einer Annahme gefragt, besinnt man sich auf diese Gründe. Geschieht hier dasselbe, wie, wenn man über die Ursachen eines Ereignisses nachdenkt?

§

112[3]

“Wie weißt Du, daß das wirklich der Grund ist, weswegen Du es glaubst?”, das ist ähnlich, als fragte ich: “wie weißt Du, daß es das ist, was Du glaubst”. Denn, wenn er die Gründe angibt, beschreibt er ein Operieren mit Gedanken, das zu dem Geglaubten führt (ihn etwa geführt hat); einen Vorgang der seiner Art nach zu dem des Glaubens gehört. Der Unterschied zwischen der Frage nach der Ursache & der Frage nach dem Grund ist etwa der, zwischen den Fragen: “Was ist die Ursache der Bewegung dieses Körpers von A nach B” & “Auf welchem Wege ist er von A nach B gekommen”. (Hier sieht man, wie auch die Angabe der Ursache als Angabe eines Weges aufgefaßt werden kann.)

§

112[4] &
113[1]

“Man kann die Ursache einer Erscheinung nur vermuten” (nicht wissen); das muß grammatische Bedeutung haben. Es heißt nicht, daß wir mit dem besten Willen die Ursache nicht wissen können. (“Wir können in der Zahlenreihe, soweit wir auch zählen, kein Ende erreichen” d.h.: von einem “Ende der Zahlenreihe” kann keine Rede sein.) Nun hat es einen Sinn, zu sagen: “Ich kann die Ursache dieser Erscheinung nur vermuten”; d.h., es ist mir noch nicht gelungen, sie (im gewöhnlichen Sinne) ‘festzustellen’. Im Gegensatz also zu dem Fall, in dem es mir gelungen ist, in dem ich die Ursache weiß. – Sage ich aber als metaphysischen Satz, “ich kann die Ursache immer nur vermuten”, so heißt das: ich will im Falle der Ursache immer nur das Wort “vermuten” & nicht das Wort “wissen” gebrauchen und so verschiedene Gebiete der Grammatik auseinanderhalten. (Das ist also, wie wenn ich sage: ich will in Gleichungen immer das Zeichen “ = ” & nicht das Wort “ist” gebrauchen.) Was an unserm ersten Satz irreführt ist das Wort “nur”; aber freilich gehört das eben ganz zu dem Gleichnis, das im Gebrauch des Wortes “können” liegt.

§

113[2] &
114[1]

Wie hängt die Furcht mit dem furchtbaren Anblick zusammen? oder mit der furchtbaren Vorstellung? – Soll ich sagen: “sich vor etwas fürchten heißt, es wahrnehmen & sich fürchten”? Wenn man nun mehreres gleichzeitig sieht oder hört, ist da ein Zweifel darüber, welches das Furcht Einflößende ist? – Oder weiß man es eben aus früherer Erfahrung, vor welchem von allen diesen man sich fürchtet?

Ich möchte sagen: das Fürchten ist eine Beschäftigung mit dem Gegenstand der Furcht. – Die Furcht begleitet nicht den Anblick. Sondern das Furchtbare & die Furcht haben die Struktur des Gesichts. Denken wir uns, daß wir den Zügen eines Gesichts mit den Augen in Erregung folgen; sie gleichsam zitternd nachfahren.

§

114[2]

So ist das Gesicht, das uns Furcht oder Entzücken einflößt (der Gegenstand der Furcht, des Entzückens, etc.) darum nicht ihre Ursache, sondern – man könnte sagen – ihre Richtung.

§

114[3]

Das wovor man sich fürchtet braucht nicht die Ursache der Furcht zu sein. Wenn ich sage: “ich fürchte mich, weil er mich anschaut”, so konstatiert das “weil” keinen kausalen Zusammenhang.

§

114[4]

Es ist zu unterscheiden zwischen dem Gegenstand der Furcht & der Ursache der Furcht.

§

114[5] &
115[1]

“Der schmerzlose Zustand setzt die Fähigkeit voraus Schmerzen zu fühlen” & das kann keine physiologische Fähigkeit sein. Wenn ich sage “ich habe keine Schmerzen im Arm”, heißt das, daß ich eine Art schattenhaftes Gefühl habe, welches die Stelle andeutet, in die der Schmerz, wenn er käme, eintreten würde? In wiefern enthält der gegenwärtige, schmerzlose, Zustand die Möglichkeit der Schmerzen? Wenn einer sagt: “Damit das Wort ‘Schmerzen’ Bedeutung habe, ist es notwendig, daß man Schmerzen als solche erkennt, wenn sie auftreten”, so kann man antworten: Es ist nicht notwendiger, als daß man das Fehlen der Schmerzen erkennt.

§

115[2]

“Schmerzen” heißt, sozusagen der ganze Maßstab & nicht einer seiner Teilstriche. Daß der Zustand auf einem bestimmten Teilstrich steht, ist durch einen Satz ausgedrückt.

§

115[3] &
116[1]

Ist absolute Stille zu verwechseln mit innerer Taubheit, ich meine der Unbekanntheit mit dem Begriff des Tons? Wenn das der Fall wäre, so könnte man den Mangel des Gehörsinnes nicht von dem Mangel eines andern Sinnes unterscheiden. Ist das aber nicht genau dieselbe Frage wie: Ist der Mann, der jetzt nichts Rotes um sich sieht, in derselben Lage, wie der, der unfähig ist, rot zu sehen? Worin äußert sich die Fähigkeit rot zu sehen & worin die Bekanntschaft mit dem Begriff des Tons? Man wird sagen: Er muß wissen was “Ton” heißt. Aber was heißt es, das zu wissen? – Ich sage: “ich weiß was ‘rot’ heißt”. – Jemand fragt: “Bist Du sicher?” – Was würde ich da tun, um mich davon zu überzeugen?

§

116[2]

Man scheint etwas über den Zustand der Schmerzlosigkeit zu sagen, wenn man sagt, daß er die Möglichkeit des Schmerzes enthalten muß. Man redet aber nur vom System der Bilder, das wir verwenden.

§

116[3]

Man möchte sagen: “Das Grau muß bereits im Raum von dunkler & heller vorgestellt sein, wenn ich davon reden will, daß es dunkler oder heller werden kann.” – D.h.: es kann zum Verständnis des Satzes gehören, daß man etwas Helleres & Dunkleres (tatsächlich) vor sich sieht, & man sagt dann etwa: “dieses Grau kann so oder auch so werden”, indem man auf die Muster zeigt.

§

116[4]

Kann ich mir Schmerzen in der Spitze meines Nagels denken, oder in meinen Haaren? – Sind diese Schmerzen nicht ebenso, & ebenso wenig vorstellbar, wie die an irgend einer Stelle meines Körpers, wo ich (jetzt) gerade keine Schmerzen habe & mich an keine erinnere? – Das Bild der Möglichkeit ist in den Gedanken, das heißt, in der Sprache.

§

116[5] &
117[1]

Das Gefühl ist, als müßte nicht-p, um p zu verneinen, es erst in gewissem Sinne wahr machen. (Vergleiche Erwartung & Erfüllung.)

“⊢ ~p” enthält nicht “⊢p”.

§EPB

118[1]

25.08.1936

Philosophische Untersuchungen. Versuch einer Umarbeitung.

§EPB

118[2]

Das Lernen der menschlichen Sprache beschreibt Augustinus so: (Confessiones I.8)

“… cum … appellabant rem aliquam et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere”.

§EPB

118[3]

Wer das Lernen der Sprache so beschreibt, denkt vorerst an eine gewisse Klasse von Wörtern, wie etwa ‘Mann’, ‘Brot’, ‘Tisch’, & erst in zweiter Linie an Wörter, wie ‘nicht’, ‘aber’, ‘vielleicht’, ‘heute’.

§EPB

118[4]

Wenn jemand das Schachspiel beschreiben wollte, aber seine Beschreibung vergäße die Bauern & ihre Züge, so könnte man sagen, er habe das Schachspiel unvollständig beschrieben; aber auch: er habe ein einfacheres Spiel als unser Schach beschrieben. Und in diesem Sinne kann man sagen Augustin's Beschreibung gelte für eine einfachere Sprache als die unsere. – Denken wir uns die folgende Sprache:

§EPB

118[5] &
119[1] &
119[2]

1 Ihre Funktion ist die Verständigung eines Meisters A mit seinem Gehilfen B. A errichtet einen Bau, B reicht ihm Bausteine zu. Es gibt Würfel, Platten, Balken, Säulen. A ruft eines der Wörter ‘Würfel’, ‘Platte’ etc. aus, B bringt ihm darauf den Stein. – Denken wir uns eine Gesellschaft die nur dieses System der Verständigung, nur diese Sprache, besitzt. Die Kinder lernen die Sprache, indem sie zu ihrem Gebrauche erzogen werden: d.h., sie werden dazu erzogen, zu bauen, sich der Rufe ‘Platte!’, ‘Würfel!’, etc. zu bedienen & auf diese Rufe richtig zu reagieren. Dieses Lernen der Sprache ist wesentlich eine Abrichtung – durch Vormachen, Ermunterung, Nachhilfe, Belohnung, Strafe, u.s.w. Ein Teil der Abrichtung besteht etwa darin, der Lehrende weist auf einen Baustein, lenkt die Aufmerksamkeit des Kindes auf ihn, & spricht dabei ein Wort aus. Dies will ich ‘vorzeigendes Lehren der Wörter’ nennen. Im praktischen Gebrauch dieser Sprache ruft der Eine die Wörter als Befehle, der Andre handelt nach ihnen. Im Lernen der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: das Kind ‘benennt’ die Gegenstände. D.h., es sagt die Wörter, wenn der Lehrende auf die verschiedenen Bausteinformen weist. Ja es wird hier die noch einfachere Übung geben: Das Kind spricht Worte nach, die der Lehrer ihm vorsagt.

§EPB

119[3] &
120[1]

“Aber in dieser Sprache hat doch das Wort ‘Platte’, z.B., nicht die selbe Bedeutung, wie in unserer Sprache!” – Das ist wahr, wenn Du sagen willst, daß in unserer Sprache das Wort ‘Platte’ auch anders verwendet wird als in (1). Aber gebrauchen wir es nicht auch ebenso wie in (1)? Oder sollen wir sagen, es sei dann ein elliptischer Satz, eine Abkürzung für “Bring mir eine Platte”? – Ist es so: Wenn wir ‘Platte!’ rufen, so meinen wir ‘Bring mir eine Platte!’? Aber warum soll ich hier wenn ich angeben will was er meint den Ausdruck ‘Platte!’ in ‘Bring mir eine Platte!’ übersetzen, und wenn sie gleichbedeutend sind, warum soll ich nicht sagen: “Wenn wir ‘Platte!’ rufen, so meinen wir ‘Platte!’”? Oder: Warum sollte ich nicht ‘Platte!’ meinen können, wenn ich im Stande bin ‘Bring mir eine Platte!’ zu meinen? Es sei denn, daß Du sagen willst, daß ein Mensch tatsächlich, wenn er ‘Platte!’ ruft, zu sich selbst, im Geiste, immer den Satz ‘Bring mir eine Platte’ sagt. Ist aber ein Grund vorhanden, dies anzunehmen?

§EPB

120[2]

Denken wir uns folgende Fragestellung: “Wenn jemand den Befehl gibt ‘Bring mir eine Platte!’, muß er ihn als vier Wörter meinen; kann er ihn nicht auch als ein (langes, zusammengesetztes) Wort meinen, das dem einen Wort ‘Platte!’ entspricht?” – Wir werden geneigt sein, zu antworten, daß er die vier Wörter meint, wenn er ‘Bring mir eine Platte!’ im Gegensatz zu andern Sätzen braucht, welche diese Wörter in andern Zusammenstellungen enthalten; wie etwa ‘Bring mir 2 Platten!’, ‘Bring ihm einen Würfel!’, etc. etc. – Aber was heißt es, den einen Befehl im Gegensatz zu diesen andern gebrauchen? Müssen dem der den einen Befehl gibt, die andern im Geiste vorschweben? Und alle von ihnen, oder nur einige? Ist es nicht so: Der Befehl ist ein Satz aus vier Wörtern– oder, der Befehlende ‘meint vier Wörter’– wenn in der Sprache, die er spricht, & deren ein Satz dieser Befehl ist, jene andern Kombinationen vorkommen. Es kommt nicht darauf an, daß solche Kombinationen dem Befehlenden vorschweben, während er den Befehl gibt, noch offenbar darauf, wie lange vorher oder nachher er etwa an sie gedacht hat.

§EPB

120[3] &
121[1]

2 Betrachten wir nun eine Erweiterung der Sprache (1). Der Gehilfe kann die Zahlwörter von ‘eins’ bis ‘zehn’ der Reihe nach hersagen. Auf den Ruf ‘Fünf Platten!’ geht er dorthin, wo die Platten aufgestapelt liegen, sagt die Zahlwörter von ‘eins’ bis ‘fünf’, nimmt bei jedem Wort eine Platte auf & bringt sie dem Bauenden. (Im Gebrauch dieser Sprache sprechen beide Teile.) Das Lernen der Sprache enthält nun das Auswendiglernen der Zahlwörterreihe. Der Gebrauch der Zahlwörter wird wieder vorzeigend gelehrt ; aber hier wird das gleiche Zahlwort, etwa ‘drei’, sowohl beim Hinweisen auf Platten als auf Würfel u.s.w. vorgesprochen, & die verschiedenen Zahlwörter beim Hinweisen auf Steine der gleichen Form.

§EPB

121[2]

Dem Auswendiglernen der Zahlwörterreihe entspricht nichts im Lernen der Sprache (1), & dies zeigt deutlich, daß wir mit den Zahlwörtern ein gänzlich neues Instrument in die Sprache eingeführt haben. Die Wesensverschiedenheit der Instrumente Zahlwort & Bezeichnung der Bausteinform tritt hier so klar zu Tage, weil wir es nur mit zwei Wortarten zu tun haben & ihren Gebrauch ganz übersehen können.

§EPB

121[3]

3 Es ist hier klar, daß die Wortarten nur die äußere Form der Lautreihe mit einander gemein haben. Und die ist unwesentlich, denn wir könnten uns eine Variante von (2) denken,

in der A statt Zahlwörter auszusprechen dem B eine Anzahl von Fingern zeigt.

§EPB

121[4] &
122[1]

Was hat das vorweisende Lehren der Wörter ‘Platte’, ‘Würfel’, etc. mit dem der Zahlwörter gemein? In beiden Fällen weisen wir auf Dinge & sprechen Wörter aus; aber der weitere Gebrauch, den wir von dieser Handlung machen ist jedesmal ein andrer. Dies ist freilich nur offensichtlich, wenn wir Beispiele betrachten, die wir bis in ihre Einzelheiten ausgeführt haben. Jener Unterschied wird verschleiert durch die Ausdrucksweise: “Im einen Fall weisen wir auf die Form, im andern auf die Anzahl”.

§EPB

122[2]

4 Führen wir ein weiteres Werkzeug in unsere Sprache ein: Bestimmten Gegenständen, einzelnen bestimmten Steinen die beim Bau verwendet werden sollen, werden Namen (Eigennamen) gegeben, man zeigt auf den Stein & sagt seinen Namen. Ruft A den Namen aus, so bringt B den Stein, dem er beigelegt wurde.

§EPB

122[3] &
124[1]

Das vorzeigende Lehren der Worte ist hier wieder verschieden von dem in (1) & (2). Aber nicht notwendigerweise die hinweisende Gebärde, oder das Aussprechen des Eigennamens, noch, was beim Zeigen & Aussprechen im Sprechenden oder Hörenden vorgeht; wohl aber der Gebrauch der von diesem Zeigen & Aussprechen im Lehren der Sprache & in der Praxis der Verständigung mit ihr gemacht wird. – Soll man sagen, der Unterschied liege darin, daß man in den verschiedenen Fällen auf verschiedene Arten von Gegenständen weist? Aber wenn ich mit der Hand auf ein Stück weißes Papier zeige, wie unterscheidet sich ein Hinweisen auf die Form von einem Hinweisen auf die Farbe? Man möchte sagen: der Unterschied ist, daß wir in den beiden Fällen Verschiedenes meinen. Und Meinen sollte hier ein Vorgang sein, der stattfindet während wir zeigen. Besonders neigt man zu dieser Idee, wenn man bedenkt, daß ein Mensch, der gefragt wird, ob er auf die Form oder auf die Farbe zeige, im allgemeinen apodiktisch im einen oder im andern Sinne antworten kann. Suchen wir aber nach zwei seelischen Vorgängen, die das Meinen der Form & das Meinen der Farbe charakterisieren, so finden wir nichts, wovon wir sagen könnten, es müsse alle Handlung des Zeigens der gleichen Art begleiten. Unsere Begriffe: ‘die Aufmerksamkeit auf die Form richten’, ‘die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten’ sind nur rohe, unbestimmte Begriffe. Der Unterschied, könnte man sagen, liegt nicht einfach in dem was beim Zeigen vor sich geht, sondern vielmehr in der Umgebung dieses Zeigens, in dem, was ihm vorhergeht & dem was darauf folgt. Es gibt aber wohl charakteristische Weisen auf eine Form zu zeigen, oder auf eine Farbe, Höhe, einen Umfang, etc..

§EPB

124[2]

5 Auf den Ruf “Diese Platte!” bringt B die Platte auf die A zeigt. Auf den Ruf “Platte dorthin!” trägt er eine Platte an die Stelle auf die A weist.

§EPB

124[3]

Wird das Wort ‘dorthin’ vorzeigend gelehrt? Wenn der Gebrauch dieses Wortes gelehrt & eingeübt wird, wird der Lehrende die zeigende Handbewegung machen & dabei das Wort aussprechen. Aber sollen wir sagen, daß er damit einem Ort den Namen ‘dorthin’ gibt? Die zeigende Gebärde gehört ja hier zur Praxis der Verständigung mittels der Sprache.

§EPB

124[4] &
125[1]

Es ist in der Philosophie die Meinung aufgetaucht, daß Wörter wie ‘dort’, ‘hier’, ‘jetzt’, ‘dieses’ die eigentlichen Eigennamen sind, & nicht die Wörter, die wir im gewöhnlichen Leben etwa so nennen. Diese seien Eigennamen nur in einem ungenauen, oder angenäherten Sinn. Denke an Russell's Begriff vom ‘individual’, oder an meinen von den ‘Gegenständen’ & ihren ‘Namen’ (Log. Phil. Abh.); diese Gegenstände sollten die Grundbestandteile der Wirklichkeit sein; etwas, wovon man nicht aussagen könnte, es existiere; oder existiere nicht. (Theaitetos) Welches diese Elemente der Wirklichkeit waren, schien nicht leicht zu sagen. Sie zu finden dachte ich mir als die Aufgabe weiterer ‘logischer Analyse’. Wir haben dagegen in (4) Eigennamen eingeführt, zur Bezeichnung von Dingen, Gegenständen, im gewöhnlichen Sinne des Wortes.

§EPB

125[2]

6 Frage & Antwort. A fragt: “Wie viele Platten?” B zählt sie & antwortet mit dem letzten Zahlwort.

§EPB

125[3] &
126[1]

Systeme der Verständigung wie meine Beispiele 1-6 will ich ‘Sprachspiele’ nennen. Sie sind dem, was wir im gewöhnlichen Leben Spiele nennen mehr oder weniger verwandt; Kinder lernen ihre Muttersprache mittels solcher Sprachspiele, & hier haben sie vielfach den unterhaltenden Charakter des Spiels. – Wir betrachten aber die Sprachspiele nicht als die Fragmente einer Sprache, sondern als in sich geschlossene Systeme der Verständigung, als einfache, primitive, Sprachen. Um diese Betrachtungsart im Auge zu behalten ist es oft nützlich sich das Bild weiter auszumalen & sich einen primitiven Volksstamm vorzustellen dessen gesamte Sprache in diesem Sprachspiel besteht. (Denke an die primitive Arithmetik solcher Stämme.)

§EPB

126[2]

Wenn wir in der Schule spezielle technische Zeichensprachen lernen, wie den Gebrauch von Diagrammen & Tabellen, Darstellende Geometrie, chemische Gleichungen, etc., lernen wir weitere Sprachspiele.

§EPB

126[3]

(Die Sprache des Erwachsenen erscheint uns als eine nebelhafte Masse, die Umgangssprache, umgeben von einzelnen, mehr oder weniger klar umrissenen, Sprachspielen, den technischen Sprachen.)

§EPB

126[4]

7 Fragen nach dem Namen. Es werden außer den alten Bausteinformen neue zugebracht. B zeigt dann auf eine solche Form & fragt: “Wie heißt das?” A antwortet: “Das heißt …” Beim Bauen ruft A das neue Wort (‘Prisma’ z.B.) & B bringt den Stein.

§EPB

126[5] &
127[1]

Die Worte “Das heißt …” mit der hinweisenden Gebärde nennen wir ‘hinweisende Erklärung’, ‘hinweisende Definition’. In (7) wird ein Gattungsname, der Name einer Form, erklärt; aber analog kann nach dem Eigennamen eines Dinges, dem Namen einer Farbe, einer Zahl, einer Himmelsrichtung gefragt werden. (Wenn wir hier von den ‘Namen’ von Farben, Zahlen, Richtungen, etc. sprechen, so könnte das zweierlei Gründe haben. Der eine: wir könnten meinen, daß die Funktionen eines Eigennamens, Farbnamens, Stoffnamens, Zahlwortes, etc., in der Sprache, d.i. ihre Funktionen im Sprachspiel, einander viel ähnlicher sind als wirklich der Fall ist. Dann sind wir versucht zu denken, die Funktion eines jeden Wortes sei ungefähr die des Eigennamens einer Person, oder etwa eines Wortes wie ‘Tisch’, ‘Sessel’, ‘Tür’. – Der andre Grund: wir verstehen die gänzliche Verschiedenheit der Funktionen des Wortes “Sessel” einerseits & eines Eigennamens andrerseits, & die Verschiedenheit beider von der, etwa, eines Farbnamens; & wir können darum auch von ‘Zahlnamen’, ‘Richtungsnamen’ etc. sprechen: Nicht, um damit zu sagen, daß Farben, Körper, Zahlen, Richtungen ja nur verschiedene Arten von Gegenständen seien, sondern um die Analogie zu betonen, die im Mangel der Ähnlichkeit liegt, zwischen den Funktionen von ‘Sessel’ & ‘Jakob’ einerseits, & ‘Süden’ & ‘Jakob’ andrerseits.

§EPB

127[2]

8 B erhält eine Tabelle in welcher Schriftzeichen den Bildern von Gegenständen gegenüberstehn; z.B. den Bildern eines Hammers, einer Zange, einer Säge. A schreibt eines jener Zeichen auf eine Tafel, B sucht es in der Tabelle auf, fährt mit dem Finger vom Schriftzeichen zum Bild & holt den Gegenstand den das Bild zeigt.

§EPB

127[3] &
128[1]

Betrachten wir die verschiedenen Arten von Zeichen in unsern Beispielen. Wir wollen zwischen Sätzen & Wörtern unterscheiden. ‘Sätze’ & ‘Wörter’ in unsern Sprachspielen werde ich nennen, was dem analog ist, was wir in der gewöhnlichen Sprache ‘Sätze’ & ‘Wörter’ nennen. Ein Satz kann auch aus einem einzigen Wort bestehen. In (1) sind die Ausrufe ‘Platte!’, ‘Balken!’ solche Sätze. In (2) hat jeder Satz zwei Wörter. – Wir unterscheiden unter den Sätzen Befehle, Fragen, Behauptungen, Vermutungen, u.s.f.; unzählige Arten von deren einigen nach & nach die Rede sein wird.

§EPB

128[2]

9 In einem Sprachspiel ähnlich (1) ruft A Befehle von der Form “Platte, Säule, Prisma!”; B bringt darauf diese Bausteine. Wir könnten hier den Befehl einen Satz, aber auch drei Sätze nennen. –

§EPB

128[3] &
128[4]

10 Wenn aber die Reihenfolge der Wörter dem B die Reihenfolge angibt, in welcher er die Steine bringen soll, dann werden wir “Platte, Säule, Prisma!” einen Satz aus drei Wörtern nennen.

Hätte der Befehl die Form “Platte, dann Säule, dann Prisma!”, so würden wir sagen er bestehe aus vier Wörtern (nicht aus fünfen).

§EPB

128[5]

Unter den Wörtern finden wir Gruppen mit ähnlichen Funktionen im Sprachspiel. Man sieht leicht die Ähnlichkeit der Funktion in der Gruppe der Wörter ‘eins’, ‘zwei’, ‘drei’ etc., & anderseits in der Gruppe ‘Platte’, ‘Säule’ etc.. So unterscheiden wir Wortarten. In (9) & (10) besteht ein Satz aus Wörtern nur einer Wortart.

§EPB

128[6] &
129[1]

11 Die Ordnung, in der B die Steine zureicht wird durch Ordnungszahlwörter, etwa ‘erstens’, ‘zweitens’, ‘drittens’ etc., angegeben. Der Befehl in (10) kann also lauten “Drittens Prisma, erstens Platte, zweitens Säule!” Wir sehen: was in einer Sprache die Funktion von Wörtern ist, kann in einer Andern etwa von der Ordnung der Wörter geleistet werden. – Eine Pause im Satz der einen Sprache kann die Funktion eines Worts im Satz einer andern Sprache haben.

§EPB

129[2]

Solche Überlegungen können uns die ungeheure Mannigfaltigkeit der Mittel unserer Sprache ahnen lassen; & es ist merkwürdig, mit dem was sich uns hier zeigt zu vergleichen, was Logiker vom Bau aller Sätze gesagt haben. (Vergleiche auch, was ich selbst in Log. Phil. Abh. gesagt habe.)

§EPB

129[3]

Wenn wir nach der Ähnlichkeit der Funktionen der Wörter Wortarten unterscheiden, so ist leicht zu sehen daß man verschiedenerlei Einteilungen treffen kann. Wir können z.B. leicht einen Grund finden, das Wort ‘eins’ nicht zur gleichen Art wie die Wörter ‘zwei’, ‘drei’, ‘vier’, etc. zu zählen.

§EPB

129[4]

12 Denken wir uns diese Variation der Sprache (2): Statt “Eine Platte!”, “Einen Würfel!”, etc. ruft A einfach “Platte!”, “Würfel!”, etc. Die andern Zahlwörter aber werden wie in (2) ausgerufen. Wer an dieses System gewöhnt wäre, könnte das Zusammenfassen von ‘eins’ mit ‘zwei’ & ‘drei’ etc. befremdlich finden. (Denke an Gründe für & gegen die Klassifikation der ‘0’ mit den andern Kardinalzahlzeichen. – Sind Schwarz & Weiß Farben? In manchen Fällen rechnet man sie unter die Farben, in manchen nicht.)

§EPB

129[5]

Wörter lassen sich in vielen Beziehungen mit Schachfiguren vergleichen. Denke an die verschiedenen Arten die Schachfiguren zu klassifizieren. (z.B. in Offiziere & Bauern.)

§EPB

129[6] &
130[1]

Es ist uns natürlich die hinweisenden Gebärden in (5) & die Bilder in (8) zu den Instrumenten der Sprache zu rechnen. (Es gibt Gebärdensprachen.) Die Bilder in (8) & andere Instrumente der Sprache die eine ähnliche Funktion haben will ich ‘Muster’ nennen, zum Unterschiede von ‘Wörtern’. Wenn wir von einem Muster Gebrauch machen, so vergleichen wir etwas mit dem Muster. Wir vergleichen in (8) einen Hammer mit dem Bild des Hammers, aber in (1) nicht eine Platte mit dem Wort ‘Platte’. –Wir wollen aber nicht sagen: “Es gibt in der Sprache Worte & Muster”, als wäre damit irgend ein wesentlicher Dualismus festgestellt, sondern nur einen wichtigen Gegensatz, unter vielen andern, hervorheben. ‘1’, ‘2’, ‘3’ z.B. werden wir Wörter nennen, die Zeichen ‘|’, ‘∣∣’, ‘∣∣∣’, ‘∣∣∣∣’, ‘∣∣∣∣∣’ etc. aber Muster (soweit sie nicht wieder einfach als Ziffern benützt werden). Soll man aber ‘|’ überhaupt ein Muster nennen? Es gibt Übergänge zwischen Wort & Muster. Dasselbe Zeichen kann einmal als Wort, einmal als Muster gebraucht werden: Ein Kreis kann der Name einer Ellipse sein, aber auch das Muster, womit sie nach gewissen Projektionsregeln zu vergleichen ist.

§EPB

130[2] &
131[1]

Vergleiche diese beiden Zeichensysteme:

13 A gibt dem B Befehle die aus zwei auf eine Tafel gemalten Zeichen bestehen. Das erste Zeichen ist ein unregelmäßig geformter Fleck von irgendeiner bestimmten Farbe, z.B. grün; das zweite eine gezeichnete geometrische Figur, z.B. ein Kreis: B bringt darauf dem A einen Gegenstand, der die Farbe des ersten & die Form des zweiten Zeichens hat (z.B. einen grünen, kreisförmigen Gegenstand).

14 Ein Befehl ist ein gemaltes Zeichen, eine geometrische Figur in einer bestimmten Farbe gemalt, z.B. ein grüner Kreis. B bringt auf den Befehl einen Gegenstand von der Form & Farbe des Zeichens.

§EPB

131[2]

In (13) besteht ein Satz aus zwei Mustern, deren jedes einem Wort entspricht – z.B. “grüner Kreis”. In (14) dagegen steht statt dieser zwei Muster eines; das man nicht in zwei Bestandteile (Form & Farbe) zerlegen kann; es steht also hier nicht ein Muster für ein Wort.

§EPB

131[3]

Worte in Anführungszeichen kann man Muster nennen; in dem Satz “Er ruft ‘Halt’” also ‘Halt’ ein Muster. Vergleiche aber die beiden Fälle: der Satz “Er ruft ‘Halt’” ist ein gesprochener Satz, & anderseits ein geschriebener Satz. Wie wird das gesprochene Wort mit dem Ruf verglichen, wie das geschriebene? Wer Geschriebenes kopiert vergleicht was er schreibt mit einem Muster, aber in gewissem Sinne auch der, der nach Diktat schreibt. Wir nennen eine große Mannigfaltigkeit von Vorgängen: “etwas mit einem Muster vergleichen”.

§EPB

131[4]

In (8) vergleicht B Bilder mit Gegenständen. Aber worin besteht dieses Vergleichen? Was tut der, der vergleicht? Betrachte diese Fälle: a) die abgebildeten Gegenstände sind (wie in (8)) ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Bohrer; b) zwanzig verschiedene Arten von Schmetterlingen. Wie verschieden wird hier der Vorgang des Vergleichens sein. c) Die Bilder sind maßstabgerechte Zeichnungen von Bausteinen & das Vergleichen hat mit dem Zirkel zu geschehn.

§EPB

132[1]

Es sei B's Aufgabe ein Stück Tuch von der Farbe eines Musters zu bringen, das ihm gegeben wird. Wie vergleicht er die Farbe des Musters & des Tuches? Stelle Dir verschiedene Fälle vor:

§EPB

132[2]

15 A zeigt dem B das Muster; darauf geht B & bringt einen Stoff nach dem Gedächtnis.

16 B geht mit dem Muster zu dem Regal auf dem die Stoffe liegen & sieht vom Muster auf die Stoffe ehe er wählt.

17 B legt das Muster auf jeden der Stoffe am Regal & wählt den Stoff dessen Farbe er nicht vom Muster unterscheiden kann.

18 Stelle Dir dagegen den Fall vor, der Befehl lautete: “Bring mir einen Stoff etwas dunkler als dieses Muster!”. –

§EPB

132[3]

Ich sagte in (15) B bringe einen Stoff ‘nach dem Gedächtnis’; aber dieser Ausdruck umfaßt unzählige mögliche Vorgänge. Denke an einige Beispiele:

§EPB

132[4] &
133[1]

19 B, wenn er zu den Stoffen kommt, schließt die Augen & ruft sich ein Bild des Musters in's Gedächtnis. Er sieht dann abwechselnd auf die Stoffe & stellt sich das Muster vor. Einmal sagt er “zu hell”, einmal “zu dunkel”; endlich blickt er auf einen & sagt “gut!”, & nimmt ihn vom Regal.

20 B ruft sich kein Bild des Musters vor Augen. Er sieht einen Stoff nach dem andern an, runzelt die Stirn & schüttelt bei jedem den Kopf; beim zehnten entspannt sich sein Gesicht, er nickt mit dem Kopf & nimmt den Stoff.

Denke Du hättest zu beschreiben, was Du in einem solchen Falle wirklich getan hast.

21 B ruft sich kein Bild des Musters vor Augen; er blickt der Reihe nach auf einige Stoffe, den fünften nimmt er & bringt ihn dem A.

§EPB

133[2]

Die Beschreibungen dieser drei Beispiele, besonders des letzten, haben etwas Unbefriedigendes. Es scheint, sie geben allerlei Nebensächliches lassen aber das Wesentliche aus. Das Wesentliche aber wäre eine spezifische Erfahrung des Vergleichens & des Erkennens.

Wenn wir nun irgendwelche Vorgänge des Vergleichens genau in's Auge fassen, so sehen wir leicht eine Anzahl von Handlungen, Gedanken, Empfindungen, die alle für das Vergleichen mehr oder weniger charakteristisch sind. Und das ist der Fall, ob es sich um ein Vergleichen nach dem Gedächtnis handelt, oder um das Vergleichen zweier Gegenstände, die wir beide vor Augen haben. Wir kennen eine Unzahl solcher Vorgänge des Vergleichens; sie bilden, wie wir uns ausdrücken wollen, eine “Familie”, unter deren Gliedern eine Unzahl von Familienähnlichkeiten besteht, die einander auf die verschiedenste Weise übergreifen & kreuzen. – Wir halten Gegenstände, deren Farbe wir vergleichen wollen für kürzere oder längere Zeit zueinander, schauen sie abwechselnd an, halten sie in verschiedene Beleuchtungen, wir machen dabei verschiedene charakteristische Äußerungen, haben Erinnerungsbilder, Gefühle der Spannung & Entspannung, Befriedigung & Unbefriedigung, die verschiedenen Gefühle der Anstrengung in den Augen & ihrer Umgebung, die längeres aufmerksames Schauen begleiten & alle möglichen Kombinationen dieser & anderer Erfahrungen. Je mehr Fälle des Vergleichens & je genauer wir sie besehen, desto weniger glauben wir an eine spezifische Erfahrung des Vergleichens.

§EPB

134[1]

Ja, wenn Du eine Anzahl solcher Fälle genau besehen hast & ich gebe Dir nun zu, daß es vielleicht eine Erfahrung gibt, die allen von ihnen gemeinsam ist & erkläre mich bereit das Wort ‘Vergleich’ nur da zu gebrauchen, wo diese Erfahrung anwesend ist, dann wirst Du nun fühlen, daß die Annahme einer solchen Erfahrung jetzt ihren Zweck verloren hat, denn nun steht diese Erfahrung neben einer Menge anderer Erfahrungen, welche die Verbindung der Fälle des Vergleichens herstellen. – Denn jene ‘spezifische Erfahrung’, die wir suchten, sollte ja gerade das tun was nun jene Masse von Erfahrungen leistet. Die spezifische Erfahrung sollte ja nicht eine aus einer Anzahl mehr oder weniger charakteristischer Erfahrungen sein. – Man könnte sagen, man kann diesen Gegenstand auf zweierlei Weise ansehn: einmal aus der Nähe –, einmal von weitem & durch eine eigentümliche Atmosphäre. – Und wir haben gefunden, daß der tatsächliche Gebrauch des Wortes “Vergleich” ein anderer ist als der, den wir vom Weiten zu sehen glauben. Wir finden, daß das, was die Fälle des Vergleichens verbindet, eine große Anzahl einander übergreifender Ähnlichkeiten ist; & wenn wir dies sehen, so fühlen wir uns nicht mehr gezwungen zu sagen, es müsse allen diesen Fällen eines gemeinsam sein. Sie sind durch ein Tau mit einander verbunden; und dieses Tau hält nicht darum, weil irgend eine Faser in ihm von einem Ende zum andern läuft, sondern weil eine Unzahl von Fasern einander übergreifen.

§EPB

134[2] &
135[1] &
136[1]

“Aber in dem Fall (21) handelt ja B gänzlich automatisch. Wenn wirklich nur das vorgeht, was dort beschrieben ist, weiß er ja nicht, warum er den Stoff gewählt hat, er hat keinen Grund ihn zu wählen. Wenn er den richtigen wählt, so tut er es, wie eine Maschine es tun kann.” – Aber wir sagten ja nicht, daß B in diesem Falle nichts wahrnimmt, daß er die Stoffe nicht sähe, keine Tast- & Muskelempfindungen habe u.s.f. – Und wie sieht denn so ein Grund aus der die Wahl zu einer nicht-automatischen macht; d.h., wie stellen wir uns ihn vor? Ich denke, wir würden sagen, daß das Gegenteil des automatischen Wählens, sozusagen das Ideal des bewußten Wählens, darin bestehe, daß wir ein klares Erinnerungsbild oder das Muster selbst vor Augen hätten und eine spezifische Empfindung nicht zwischen dem Muster & dem gewählten Stoff unterscheiden zu können. Diese bestimmte Empfindung wäre dann der Grund, die Rechtfertigung der Wahl. Diese Empfindung, könnte man sagen, verbindet die beiden Erfahrungen: das Sehen des Musters mit dem Sehen des Stoffes. Aber was verbindet dann die spezifische Empfindung mit jenen beiden Erfahrungen? – Wir läugnen nicht, daß so eine Empfindung vermitteln kann; aber so betrachtet erscheint nun die Unterscheidung ‘automatisch – nicht automatisch’ nicht mehr so scharf & primär wir früher. Das heißt nicht, daß diese Unterscheidung in speziellen Fällen ihren praktischen Wert verliert. So werden wir unter bestimmten Umständen auf die Frage “Hast Du diesen Stoff mechanisch vom Regal genommen, oder hast Du Dir etwas dabei gedacht?” antworten, wir hätten nicht mechanisch gehandelt, denn wir hätten den Stoff genau besehen, uns an das Muster erinnert, Zweifel & Befriedigung geäußert. Das kann in einem besondern Fall der Unterschied zwischen automatisch & nicht-automatisch sein. In einem andern dagegen werden wir vielleicht zwischen automatischem & nicht-automatischem Auftreten des Erinnerungsbildes unterscheiden, u.s.f..

§EPB

136[2]

“Aber warum hat er in (21) gerade diesen Stoff gebracht, wie hat er ihn als den richtigen erkannt, woran?” – Wenn Du fragst “Warum?” fragst Du nach der Ursache oder nach dem Grund? Wenn nach der Ursache so ist es ja nicht schwer sich eine physiologische oder psychologische Hypothese auszudenken die die Wahl unter den gegebenen Umständen erklären könnte. Es ist die Aufgabe der experimentellen Wissenschaft solche Hypothesen zu prüfen. Wenn Du dagegen nach dem Grund fragst, so ist die Antwort: es muß keinen Grund für die Wahl geben. Ein Grund ist ein Schritt, der dem Schritt der Wahl vorhergeht. Aber warum sollte jedem Schritt ein andrer Schritt vorangehen?

§EPB

136[3] &
137[1]

“Aber dann hat B den Stoff nicht wirklich als den richtigen erkannt.” – Wenn Du willst so brauchst Du (21) nicht unter die Fälle des ‘Erkennens’ zu zählen. Aber wenn es uns klar wird daß die Vorgänge des Erkennens eine große Familie bilden mit einander übergreifenden Familienähnlichkeiten, werden wir wahrscheinlich nicht abgeneigt sein den Fall (21) zu dieser Familie zu rechnen. – “Aber fehlt denn dem B in diesem Fall nicht das Kriterium wonach er den Stoff als den rechten erkennen kann? In (19) hatte er z.B. das Erinnerungsbild & er erkannte den Stoff durch seine Übereinstimmung mit diesem Bild.” – Aber hatte er auch ein Bild vor sich von dieser Übereinstimmung? Ein Bild mit dem er die Übereinstimmung zwischen Muster & Stoff vergleichen konnte, um zu sehen, ob es die richtige Übereinstimmung sei? Und hätte er andrerseits nicht ein solches Bild haben können? Angenommen etwa, A wollte, daß B sich erinnerte, daß hier ein Stoff von der gleichen Farbe wie das Muster verlangt sei, – im Gegensatz zu anderen Fällen etwa, in denen B einen Stoff von etwas dunklerer Farbe als das Muster bringen mußte. A gibt nun dem B ein Muster von der gewünschten Übereinstimmung mit, nämlich zwei Stücke Stoff von gleicher Farbe. – Ist irgend ein solches Zwischenglied zwischen dem Befehl & der Ausführung notwendig das letzte? – Und wenn Du sagst, daß B in (20) wenigstens das Gefühl der Entspannung hat, woran er erkennen kann, daß der Stoff der richtige ist, – mußte er ein Bild von dieser Entspannung vor sich haben, um danach die Empfindung zu erkennen, nach der er den richtigen Stoff erkennen sollte?

§EPB

137[2] &
138[1]

“Aber angenommen nun B bringt in (21) den Stoff & wenn man ihn mit dem Muster vergleicht, so erweist er sich als der unrechte.” – Aber hätte das nicht auch in den andern Fällen so geschehen können? Angenommen in (19) hätte der Stoff den B brachte nicht mit dem Muster übereingestimmt würden wir nicht in gewissen Fällen sagen, sein Erinnerungsbild habe nicht gestimmt, in andern, das Muster, oder der Stoff, habe seine Farbe geändert, & noch in anderen, die Beleuchtung sei nicht die gleiche? Es ist nicht schwer Fälle zu erfinden, sich Umstände vorzustellen, in denen man diese Urteile fällen würde. – “Aber ist nicht doch ein wesentlicher Unterschied zwischen den Fällen (19) & (21)?” – Gewiß! Eben der, welchen die Beschreibungen zeigen.

§EPB

138[2]

Im Beispiel (1) lernt B einen Baustein bringen wenn er das Wort ‘Würfel’ hört. Wir könnten uns vorstellen, daß in diesem Fall folgendes geschieht: in B ruft das Hören des Wortes ein Vorstellungsbild auf; die Erziehung, Abrichtung, hat, wie man sagen würde, diese Assoziation geschaffen. B nimmt nun den Stein auf der mit dem Vorstellungsbild übereinstimmt. – Aber mußte dies geschehen? Wenn die Abrichtung es bewirken konnte, daß das Vorstellungsbild – automatisch – B vors Auge trat, warum dann nicht daß B den Stein aufnimmt, ohne Vermittlung eines Bildes? Das bedeutet ja nur ein etwas anderes Funktionieren des Assoziationsapparates. Denke daran, daß er das Vorstellungsbild nicht aus dem Wort ableitet (aber wäre es so, so würde das unser Argument nur einen Schritt zurück schieben) sondern daß der Fall hier analog dem des Registrators ist: wenn ein bestimmter Knopf gedrückt wird erscheint ein bestimmtes Täfelchen. Ja dieser Mechanismus kann statt dem der Assoziation verwendet werden.

§EPB

138[3] &
139[1]

Es ist oft klärend sich das Vorstellen von Farben, Gestalten, Tönen, etc. etc., das im Gebrauche der Sprachen eine Rolle spielt ersetzt zu denken durch das Anschauen wirklicher Farbmuster, das Hören wirklicher Töne, etc., also z.B. das Aufrufen eines Erinnerungsbildes einer Farbe durch das Ansehen eines wirklichen Farbmusters, das wir bei uns tragen, viele der Vorgänge beim Gebrauch der Sprache verlieren, wenn man an die Möglichkeit dieser Ersetzung denkt, den Schein des Ungreifbaren, Okkulten.

§EPB

139[2]

Die Abrichtung im Gebrauch der Tabelle (wie der in (8)) kann dahin gehen, den Schüler nicht bloß zum Gebrauch einer bestimmten Tabelle sondern zum Gebrauch & auch zum Anlegen beliebiger Tabellen, beliebiger Kombinationen von Schriftzeichen & Bildern, zu befähigen. Die erste Tabelle die er gebrauchen lernte war etwa die in (8).

§EPB

139[3]

22 Wir fügen ihr nun das Bild eines andern Werkzeugs bei welches der Schüler vor sich hat, etwa eines Hobels, & gegenüber dem Bild das Wort ‘Hobel’. Wir werden diese Tabelle der ersten so ähnlich als möglich gestalten; auf dem gleichen Stück Papier, etwa, das Bild des Hobels unter die andern Bilder, das Wort unter die andern Wörter setzen. Der Schüler wird nun ermuntert werden, von dem neuen Bild & Wort Gebrauch zu machen ohne daß man die frühere Abrichtung an ihnen wiederholt. Das Ermuntern nun besteht in gewissen Nachhilfen, billigenden & mißbilligenden Mienen des Lehrers, Gesten, die ein Fortsetzen ausdrücken und dergleichen mehr. Denke an die verschiedenen Gebärden & Bewegungen, die man macht, um einen Hund zum Apportieren zu bringen.

§EPB

139[4] &
140[1]

Aber nicht jedes Tier wird auf diese Gebärden reagieren, wie der Hund. Eine Katze wird diese Gebärden nicht, oder mißverstehen; das heißt in diesem Fall einfach: sie wird nicht apportieren. Und wenn das Kind auf unsere Ermunterungen nicht reagiert, wie eine Katze der man das Apportieren lehren möchte, so gelangt es nicht zum Verständnis einer Erklärung; oder vielmehr, das Verstehen beginnt hier mit dem Reagieren in bestimmter Weise. – Das Verstehen ermunternder Worte ist nur eine Weiterentwicklung des Reagierens auf einen ermunternden Tonfall, eine Gebärde, etc.

§EPB

140[2] &
140[3]

23 Der Schüler lernt Dingen Namen seiner eigenen Erfindung zu geben & die Dinge zu bringen, wenn die Namen gerufen werden. Es wird ihm eine Tabelle gegeben auf deren einer Seite er Bilder ihm bekannter Gegenstände findet & ihnen gegenüber, dort wo in den früheren Spielen Schriftzeichen standen, leere Stellen. Er schreibt die neuen Wörter an diese Stellen & gebraucht die Tafel dann, wie in (8). Beim Lernen des Gebrauchs der Tabelle kann es eine wichtige Übung sein den Finger in der Tabelle immer von links nach rechts (vom Schriftzeichen zum entsprechenden Bild) zu bewegen, gleichsam also eine Reihe paralleler Striche in ihr zu ziehen. Dies mag dann beim Übergang in (22) von der ersten Tafel zur erweiterten helfen.

§EPB

140[4]

Tabellen & hinweisende Erklärungen & ähnliches werde ich, in Übereinstimmung mit dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, ‘Regeln’ nennen.

§EPB

140[5] &
141[1]

24 Betrachte dieses Beispiel: Es werden verschiedene Arten eingeführt Tabellen zu lesen. Jede der Tabellen besteht aus zwei Kolumnen, in der einen Schriftzeichen in der andern Bilder, wie oben. Sie werden entweder horizontal von links nach rechts gelesen, wie oben, also nach dem Schema

oder aber nach Schemata wie z.B.

oder

etc.

Schemata dieser Art werden den Tabellen als Regeln des Lesens beigegeben.

§EPB

141[2]

Könnten aber diese Regeln nicht durch weitere Regeln erklärt werden? – Gewiß. – Andrerseits aber: ist eine Regel unvollständig erklärt wenn ihr keine weitere Regel für ihren Gebrauch beigegeben ist?

§EPB

141[3] &
142[1]

Wir wollen nun die endlose Reihe der Kardinalzahlen in unsre Sprachspiele einführen. Aber wie machen wir das? Die Analogie zwischen dem Spiel mit zehn Zahlwörtern & einem solchen, unbegrenzten, Spiel kann ja nicht dieselbe sein, wie die zwischen dem Spiel mit zehn & einem mit 55 Zahlwörtern. Angenommen das Spiel sei wie (2) die Reihe der Zahlzeichen aber unbegrenzt. Es werde in der Praxis des Spiels tatsächlich bis 155 gezählt, dann soll ja das unbegrenzte Spiel nicht das sein, welches aus (2) würde, wenn ich dort statt “die Zahlwörter von ‘eins’ bis ‘zehn’” “die Zahlwörter von ‘eins’ bis ‘hundertfünfundfünfzig’” gesagt hätte. Aber worin liegt dann der Unterschied? Fast möchte man so etwas sagen wie, er liege im Geiste in dem die Spiele gespielt würden.

Der Unterschied zwischen zwei Brettspielen kann z.B. in der Zahl der Spielfiguren liegen, in der Zahl der Felder des Brettes, oder darin, daß sie im einen Fall Quadrate im andern Sechsecke sind, etc. Aber der Unterschied zwischen dem begrenzten & dem unbegrenzten Spiel scheint nicht in den materiellen Werkzeugen des Spiels liegen zu können, denn, möchten wir sagen, wie kann sich das Unendliche in diesen ausdrücken? Wir können es, so scheint es, nur in unsern Gedanken erfassen. Und es scheinen also die Gedanken zu sein, die das begrenzte Spiel vom unbegrenzten unterscheiden. Seltsam ist es dann nur, daß wir diese Gedanken über das Unendliche in Worten & Gebärden ausdrücken können.

§EPB

142[2] &
143[1]

25 Denke Dir zwei Kartenspiele: Ich will sie das ‘begrenzte’ & das ‘unbegrenzte’ nennen. Die Karten beider tragen Ziffern & die höhere Ziffer sticht die niedrigere. Die Spielregeln sind einander in jeder Beziehung analog; aber das eine Spiel wird mit 32 Karten gespielt das andere mit einer beliebigen Zahl. Angenommen nun wir spielen das unbegrenzte Spiel, & die Zahl der Spielkarten ist 32; wie unterscheidet sich das Spiel vom begrenzten. – Nicht durch die Blätter, nicht durch die Art wie ausgespielt, gestochen wird, etc. Aber vielleicht dadurch: Das begrenzte Spiel wird mit einem Pack gedruckter Karten gespielt, beim unbegrenzten wird jedem Spieler ein Vorrat leerer weißer Karten & ein Bleistift zum Schreiben der Ziffern gegeben; zu Anfang des unbegrenzten Spiels fragt einer: “Wie hoch gehen wir?”; und dergleichen mehr. Es wird also hier über die Grenzen des Spiels eine Entscheidung getroffen & dies kann sich in der mannigfachsten Weise abspielen. Man kann also hier wirklich sagen, was das unbegrenzte Spiel charakterisiere, sei ‘schwer zu fassen’, wenn es auch kein ungreifbarer ‘Geist’ ist. Denke endlich an die Verschiedenheit des Vorgangs der Einübung, des Lernens, der beiden Spiele. Die Partie des unbegrenzten Spiels mit 32 Karten wird sich vielleicht von einer des begrenzten Spieles kaum unterscheiden, oder nur in Dingen, die man ‘unwesentliche Äußerlichkeiten’ nennen möchte.

§EPB

143[2]

Der verschiedene ‘Geist’ dieser Partien mag nur darin liegen, daß sie verschiedenen Systemen angehören, & dies in den mannigfachen Beziehungen, die sie zu andern Partien & zu verschiedenen andern Vorgängen haben, die außerhalb der beiden Partien selbst liegen. Betrachte die folgenden beiden Spiele:

§EPB

143[3] &
144[1] &
145[1]

26 Es sind zwei Arten des Damespiels, ich will sie A & B nennen. In A verliert der der seine Spielsteine verliert; in B gewinnt, wer seine Steine verloren hat. Die beiden Spiele sind einander also in der Beziehung entgegengesetzt; in allen andern, nehme ich an, gleich. Welchen Unterschied wird nun ein Zuschauer sehen, der Partien der beiden Spiele A & B beobachtet? Nun, es lassen sich ja leicht solche Unterschiede beschreiben. Zuerst etwa so: In A trachtet Jeder, seine Steine davor zu bewahren, daß sie von denen des Andern übersprungen werden; in B schiebt Jeder dem Andern seine Steine zu, um sie von ihm überspringen zu lassen. Aber das wird sich dem Zuschauer doch nur als ein Unterschied des Grades zeigen, denn sowohl in A als auch in B verliert ja Einer endlich alle Steine, & eine nachlässig gespielte Partie des Spiels A braucht sich von einer solchen des Spiels B kaum, oder nicht, zu unterscheiden. – “Aber die Partie A wird sich doch nun von der Partie B im Geist in dem sie gespielt werden unterscheiden!” – Gewiß: die Spieler werden im allgemeinen bei ähnlichen äußeren Anlässen in den beiden Partien andere Gefühle haben; & der Zuschauer wird ja auch sehen, daß in B der Eine dem Andern einen Stein mit triumphierender Miene zuschiebt & der Andre ihn wenig erfreut überspringt; oder daß in A Einer unangenehm überrascht ist, wenn ihm der Andre einen Stein nimmt; daß er zögert, wenn er einen Stein dem Überspringen aussetzen muß; u.s.f. Endlich wird der Zuschauer sehn, daß in A der, der seinen letzten Stein verloren hat dem Andern Geld gibt, oder sagt, er habe verloren, oder mit einer Miene der Ergebung in sein Schicksal vom Spiel aufsteht, der Andre aber mit einem schlecht unterdrückten Ausdruck der Befriedigung; u.s.f. Aber sind denn die Gefühle immer die gleichen? Triumphiert jeder, der in A dem Andern einen Stein nimmt, oder sträubt sich jeder der ein Spiel verliert? Freut sich nicht Mancher über den Sieg des Andern? – Wie ist es also mit dem Unterschied des Geistes der beiden Partien? Ist es nicht so: Der Unterschied, kann man sagen, ist etwa so groß, wie der Unterschied im Ausdruck der Gemütsbewegung, die der Zuschauer beobachten kann; & im allgemeinen beobachten wird. Von dem Verhältnis der ‘Gemütsbewegung’ zu ‘ihrem Ausdruck’ wollen wir jetzt nicht reden. Wenn wir also die Partie als eine Handlung betrachten, so können wir sagen, daß sich im allgemeinen eine Partie A von einer Partie B unterscheiden wird durch die Art der Züge sowohl, als auch durch das was sonst während der Partie vorgeht; daß aber in einem besondern Fall der Unterschied bis auf ‘unwesentliche Äußerlichkeiten’ herabsinken kann, etwa darauf, daß ein Spieler vor Anfang der Partie sagt “Wir wollen eine Partie A spielen”. Der Zuschauer wird ferner einen Unterschied in den Regelverzeichnissen der beiden Spiele sehn.

§EPB

145[2]

Wir wollen nun Sprachspiele, von denen wir sagen würden, sie verwenden eine begrenzte Reihe von Zahlzeichen, mit solchen vergleichen, von denen wir sagen würden, sie verwenden eine unbegrenzte Reihe von Zahlzeichen.

§EPB

145[3]

27 Wie (3). A befiehlt B, ihm eine Anzahl von Bausteinen von bestimmter Form zu bringen. Die Zahlzeichen gibt A mit den Fingern der beiden Hände. Die Zahlzeichen sind zehn Bilder der beiden Hände mit gestreckten & eingebogenen Fingern. A gibt B den Befehl, indem er ihm ein solches Bild zeigt & dabei das Wort ‘Würfel’ oder ‘Platte’, etc. ausruft.

§EPB

145[4]

28 Wie (2). Die Reihe der Zahlwörter wird auswendig gelernt. In dem Befehl werden die Zahlwörter gerufen. Das Kind lernt sie durch mündlichen Unterricht.

§EPB

145[5] &
146[1]

29 Es wird eine Rechenmaschine (Abakus) verwendet. A stellt den Abakus & gibt ihn dem B. B geht damit dorthin wo die Platten liegen, etc.

§EPB

146[2]

30 B hat die Platten, die in Stößen liegen, zu zählen. Es geschieht mit einer Rechenmaschine; sie hat zwanzig Kugeln. In einem Stoß sind nie mehr als zwanzig Platten. B schiebt die Kugeln, den Platten eines Stoßes entsprechend, & zeigt dann dem A die Rechenmaschine.

§EPB

146[3]

31 Wie 30; der Abakus hat nun zwanzig kleine & eine große Kugel. Enthält der Stoß mehr als zwanzig Platten, so verschiebt B die große Kugel. (Sie entspricht also in gewisser Beziehung dem Wort ‘viele’.)

§EPB

146[4]

32 Wie 30. Wenn der Stoß n Platten enthält, wo n größer als 20 & kleiner als 40 ist, verschiebt B n ‒ 20 Kugeln, zeigt dem A die Rechenmaschine & klatscht dabei einmal in die Hände.

§EPB

146[5]

33 A & B verwenden die Zahlzeichen des Dezimalsystems (als Schrift- oder Lautzeichen) bis zu ‘20’. Das Kind lernt die Reihe dieser Zeichen auswendig; weiter wie in (2).

§EPB

146[6] &
147[1]

34 Ein gewisser Volksstamm besitzt eine Sprache von der Art (2). Die Zahlzeichen sind die Schriftzeichen unseres Dezimalsystems. Keines von ihnen ist als das höchste gekennzeichnet, wie z.B. in einigen der früher beschriebenen Spiele. (Man ist hier vielleicht versucht, fortzufahren: “obwohl natürlich eines von ihnen das höchst gebrauchte ist”.) Die Kinder dieses Stammes lernen die Zahlzeichen auf folgende Weise: Man lehrt sie die Ziffern von ‘1’ bis ‘20’, wie in (2) die Wörter von ‘eins’ bis ‘zehn’. Und mit ihnen zählen sie Reihen von Gegenständen bis zu zwanzig auf den Befehl “Zähle diese Platten!”, “Zähle diese Würfel!”, etc. Später legt man ihnen eine Reihe von 21 Dingen vor & gibt wieder den Befehl ‘Zähle!’. Wenn nun das Kind beim Zählen bis zu ‘20’ gekommen ist macht der Lehrer eine Handbewegung, die das ‘Fortfahren’ andeutet, worauf das Kind, für gewöhnlich, die Ziffer ‘21’ schreibt. Ähnlich läßt man die Kinder bis ‘22’, & weiter, zählen. Bei diesen Übungen spielt keine Zahl die ausgesprochene Rolle der höchsten. Endlich muß das Kind Reihen von weit über 20 Gegenständen zählen, ohne die Nachhilfe des Lehrers. Macht ein Kind den Übergang ‘20’-‘21’ auf die suggestive Geste des Lehrers hin nicht, so gilt es als schwachsinnig.

§EPB

147[2] &
148[1]

35 Ein andrer Volksstamm: seine Sprache ist wie die in (34). Man beobachtet nicht, daß die Leute höher als bis 159 zählen. – Im Leben dieses Stammes spielt das Zeichen ‘159’ eine eigentümliche Rolle. – – Nehmen wir an, ich sagte: “Sie behandeln dieses Zahlzeichen als ihr höchstes”. – Aber was heißt das? – “Nun, sie sagen einfach es sei das höchste.” –

Aber wie: Sie sagen gewisse Worte – aber wie wissen wir, was sie damit meinen? Ein Kriterium dafür, was sie meinen, wären die Gelegenheiten bei denen sie das Wort aussprechen, welches wir mit unserm “höchste” übersetzen wollen, die Rolle welche jenes Wort im Leben des Stammes spielt. Wir können uns leicht das Zahlzeichen ‘159’ bei solchen Anlässen, in Verbindung mit solchen Gesten & Formen des Benehmens gebraucht denken, daß wir sagen müßten, dieses Zeichen spiele bei ihnen die Rolle einer unübersteigbaren oberen Grenze. Selbst dann, wenn der Stamm kein Wort besäße, welches unserm “höchste” entspricht, & das Kriterium dafür, daß ‘159’ das höchste Zahlzeichen ist, in nichts läge, was sie darüber sagen.

§EPB

148[2]

36 Ein Stamm besitzt zwei Systeme des Zählens: Man lernt Zählen mit den Buchstaben des Alphabets, & außerdem mit den Zahlzeichen des Dezimalsystems, wie in (34). Die erste Art nennen sie die ‘offene’ Art des Zählens, die zweite die ‘geschlossene’ & sie verwenden diese beiden Wörter auch für eine offene & geschlossene Türe.

§EPB

148[3] &
149[1]

In (27) ist die Reihe der Zahlzeichen in augenfälliger Weise beschränkt. – In (27) & (28) ist ein ‘beschränkter Vorrat’ von Zahlzeichen vorhanden: denke an die Analogie dieser beiden Beschränkungen, & wieder an den Mangel der Analogie. – In (30) liegt die Beschränkung einerseits im Werkzeug des Zählens. Dann aber, in ganz anderer Weise, darin, daß nie mehr als zwanzig Gegenstände gezählt werden. – In (31) fehlt diese Beschränkung, aber die große Kugel an der Rechenmaschine betont die Beschränkung unserer Mittel. – Ist (32) ein beschränktes oder unbeschränktes Spiel? Die Praxis der Anwendung des Abakus, die wir beschrieben haben, hat 40 als Grenze. – Wir sind geneigt zu sagen, dieses Spiel ‘hat es in sich’, daß es unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Aber vergessen wir nicht, daß wir auch die vorhergehenden Spiele als Anfänge endloser Systeme hätten auffassen können. – In (33) ist das System, d.h. die Gesetzmäßigkeit, in den Zahlzeichen noch augenfälliger. Hier wäre man geneigt zu sagen, es sei dem Spiel durch das Werkzeug des Zählens keine Grenze gesetzt; wenn nicht die Kinder die Zahlwörter von ‘1’ bis ‘20’ auswendig lernten. Das legt die Auffassung nahe, daß sie nicht lernen, das System zu ‘verstehen’, welches wir in diesen Zahlzeichen sehen. – Von den Leuten in (34) werden wir sagen, sie verwenden ein unbegrenztes System von Zahlzeichen, sie kennen die unendliche Kardinalzahlenreihe. – (35) kann uns zeigen, welche ungeheure Mannigfaltigkeit von Fällen man sich denken kann, in denen wir geneigt wären zu sagen, die Arithmetik der Leute bediene sich einer endlichen Zahlenreihe, obwohl der Unterricht im Gebrauch der Zahlzeichen keines als obere Grenze hinstellt. – In (36) bedient sich die Sprache des Stammes selbst der Wörter ‘offen’ & ‘geschlossen’ (statt deren wir durch eine geringfügige Veränderung des Beispiels die Wörter ‘begrenzt’ & ‘unbegrenzt’ setzen konnten). In dieser einfachen & klar umschriebenen Form gebraucht ist natürlich gar nichts Geheimnisvolles an der Bedeutung des Wortes ‘offen’. Aber dieses Wort entspricht unserm ‘unendlich’, & die Verwendung dieses Wortes ist nur ungeheuer viel komplizierter, als die von ‘offen’. Das heißt, die Bedeutung von ‘unendlich’ ist ebenso ungeheimnisvoll, als die von ‘offen’, & die Idee, sie sei in irgend einem Sinne transzendent beruht auf einem Mißverständnis.

§EPB

150[1]

Wir könnten uns etwa so ausdrücken: Die unbegrenzten Spiele sind dadurch charakterisiert, daß sie nicht mit einem bestimmten Vorrat von Zahlzeichen gespielt werden sondern statt dessen mit einem System der (unbeschränkten) Konstruktion von Zahlzeichen.

§EPB

150[2]

Wenn wir sagen, jemand werde ein System der Konstruktion von Zahlzeichen gegeben, so denken wir dabei im allgemeinen an einen von drei Vorgängen: a) daß er eine Abrichtung erhält von der Art derjenigen, die in (34) beschrieben wurde, – die, wie uns die Erfahrung lehrt, ihn befähigt Aufgaben zu lösen von der dort beschriebenen Art b) daß in ihm (seinem Gehirn, seiner Seele) die Disposition erzeugt wird, auf diese Weise zu reagieren. c) daß ihm eine allgemeine Regel zur Konstruktion von Zahlzeichen gegeben wird.

§EPB

150[3] &
151a[1]

Was nennen wir eine ‘Regel’? Betrachte dieses Beispiel:

37 B legt einen Weg zurück einem Befehl entsprechend, den A ihm gibt. B erhält die Tabelle:

A gibt ihm (nun) einen Befehl, der aus den vier Buchstaben der Tabelle besteht; z.B. “a a c a d d d”. B schaut in der Tabelle den Pfeil nach der jedem Buchstaben entspricht & bewegt sich nun diesem Pfeil entsprechend, in unserm Beispiel also so:

.

Die Tabelle werden wir hier eine Regel nennen. (Oder auch: den ‘Ausdruck einer Regel’. Warum ich dieses Synonym hierhersetze wird sich später zeigen.)

Den Satz ‘a a c a d d d’ werden wir keine Regel nennen wollen. – Er ist natürlich die Beschreibung des Weges den B nehmen soll. – Aber eine solche Beschreibung würde man unter bestimmten Umständen eine Regel nennen; z.B. in diesem Fall:

38 B soll verschiedene lineare Ornamente zeichnen. Jedes Ornament ist die Wiederholung eines Elements, das A angibt. Gibt z.B. A den Befehl ‘c a d a’, so zieht B eine Linie

.

In diesem Fall würden wir, glaube ich, ‘c a d a’ die Regel nennen, nach welcher das Ornament gezeichnet wird.

§EPB

151a[2]

Beiläufig gesprochen, gehört zu einer Regel die wiederholte Anwendung.

§EPB

151a[3]

Vergleiche mit (38) den folgenden Fall:

39 Ein Brettspiel mit Spielfiguren verschiedener Gestalt, etwa ähnlich dem Schach. Die Art & Weise wie jede Figur ziehen darf ist durch Regeln festgelegt. So lautet für die eine Figur die Regel ‘a c’, für eine andre etwa ‘a c a a’, u.s.f.. Die erste darf also so ziehen:

[→][↑]; die andre so: [→][↑][→][→] .

Hier könnte man sowohl die Sätze (‘a c’, ‘a c a a’, etc.) als auch die Diagramme, die ihnen entsprechen, Regeln nennen.

§EPB

151a[4] &
151b[1]

40 Kehren wir zum Sprachspiel (37) zurück: Nachdem es einige Male gespielt wurde, wird es dahin abgeändert, daß B die Pfeile nicht mehr in der Tabelle nachsieht, sondern sie sich nach den Buchstaben des Befehls vorstellt & nach seinem Vorstellungsbild handelt.

§EPB

151b[2]

41 Nach einiger Praxis in diesem Spiel ändert es sich weiter dahin, daß B sich nach den Buchstaben des Befehls bewegt, ohne Vermittlung der Tabelle oder eines Vorstellungsbildes.

§EPB

151b[3]

Betrachte auch folgende Variation:

42 Beim Unterricht in der Sprache (37) wird B die Tabelle gezeigt; ihm aber bei der Ausführung des Befehls nicht an die Hand gegeben. Die Tabelle tritt in die Praxis der Sprache nicht ein.

§EPB

151b[4]

In jedem der Fälle (37) (40) (41) (42) können wir die Tabelle eine Regel des Spiels nennen. Aber in jedem von ihnen spielt sie eine andere Rolle. In (37) ist sie ein Werkzeug in der Praxis des Spiels; in (40) wurde sie durch das Wirken der Assoziation ersetzt. In (41) ist auch dieser Schatten der Tabelle nicht mehr zu finden. – In (42) ist sie nichts als ein Unterrichtsbehelf.

§EPB

151b[5]

43 Aber weiter: Ein Stamm gebraucht ein System der Verständigung wie (42); nur wird von ihnen im Unterricht von keiner Tabelle Gebrauch gemacht. Der Unterricht konnte darin bestehen, daß der Schüler im Anfang den Weggeführt wurde, den er gehn soll.

§EPB

151b[6] &
152[1]

44 Aber wir könnten

uns auch den Fall denken, wo selbst dieser Unterricht nicht gebraucht wird. Einen Fall, in welchem, wie wir sagen würden, der Anblick der Buchstaben, ‘a’, ‘b’, ‘c’, ‘d’, von Natur aus den Menschen sich so & so bewegen macht. Dieser Fall erscheint auf den ersten Blick äußerst seltsam. Wir scheinen etwas nie Erhörtes anzunehmen. Oder wir fragen vielleicht: “Wie kann er denn wissen, wie er sich zu bewegen hat, wenn ihm der Buchstabe ‘a’ gezeigt wird?” Aber ist nicht B's Reaktion in diesem Fall gerade die, die wir in (42) & (43) beschrieben haben, & zwar unsere normale Reaktion, wenn wir z.B. einen Befehl hören & befolgen? Denn die Tatsache, daß in (42) & (43) die Abrichtung vorhergegangen war, ändert ja den Vorgang der Befolgung nicht. Oder, richtiger ausgedrückt: Wir wollen ja jetzt bloß auf den Vorgang der Befolgung des Befehles sehn, & nicht auf das, was diesem Vorgang vorhergegangen ist. – Mit andern Worten: Der seltsame seelische Mechanismus, den wir in (44) annahmen, ist derjenige, von dem wir in (41) & (42) annahmen, er sei durch Abrichtung erzeugt worden. – “Aber könnte so ein Mechanismus uns angeboren sein?” – Aber fanden wir eine Schwierigkeit darin, anzunehmen, dem B sei der Mechanismus angeboren, der ihn befähigt auf die Abrichtung so zu reagieren, wie er es tut? Und denke, daß die Regel, oder Erklärung, die die Tabelle (37) für die Zeichen ‘a’, ‘b’, ‘c’, ‘d’ gibt nicht notwendigerweise die letzte ist. Siehe (24).

§EPB

152[2] &
153[1]

Wie erklärt man Einem, in welcher Weise er den Befehl “Geh dort hin!” (mit der zeigenden Gebärde) ausführen solle? Könnte dieser Befehl nicht bedeuten, er solle in der Richtung gehen, die wir die entgegengesetzte der zeigenden Hand nennen würden? Ist nicht jede Erklärung, wie er der Hand zu folgen habe, in der Lage einer weitern zeigenden Hand? Was würden wir zu dieser Erklärung sagen: “Wenn ich dorthin zeige (mit der rechten Hand zeigend), so hast Du in dieser Richtung zu gehen (mit der linken Hand zeigend)”? Dies kann unter Umständen eine nützliche Erklärung sein.

§EPB

153[2]

Aber kehren wir zu (43) zurück. Ein Forscher besucht diesen Volksstamm & beobachtet den Gebrauch ihrer Zeichen. Er beschreibt dann ihre Sprache & sagt, die Sätze bestünden aus den Buchstaben ‘a’, ‘b’, ‘c’, ‘d’, diese werden gemäß der Regel

abcd | → ←↑↓

gebraucht. – Wir sehen, daß der Ausdruck ‘es wird nach der Regel so & so vorgegangen’ nicht bloß in Fällen wie (37), (40), (41), (42) gebraucht wird, sondern auch dort, wo die Regel (oder sollen wir sagen ‘ihr Ausdruck’) weder ein Werkzeug in der Praxis, noch im Unterricht des Spiels ist. Zur Sprache (43) verhält sich die Tabelle vielmehr wie ein Naturgesetz zur Erscheinung, die es beschreibt. Die Tabelle ist in diesem Beispiel ein Satz der Naturgeschichte jenes Stammes.

§EPB

153[3]

Merke: Im Spiel (37) haben wir zwischen dem Befehl der auszuführen ist & der Regel geschieden; im Fall (38) dagegen nannten wir den Satz ‘c a d a’ eine Regel & er war der Befehl. –

§EPB

153[4] &
154[1]

45 Stelle dir nun diese Variante von (37) vor: Der Schüler wird nicht bloß zum Gebrauch einer Tabelle abgerichtet, sondern die Abrichtung geht darauf aus den Schüler zum Gebrauch jeder beliebigen Tabelle von Buchstaben & Pfeilen zu befähigen. Damit meine ich nun bloß, daß die Abrichtung von einer gewissen Art ist, beiläufig gesprochen, von der in (34) beschriebenen. Ich will eine Abrichtung analog der in (34) einen ‘allgemeinen Unterricht’ nennen. Die Glieder dieser Familie können von einander weit verschieden sein. Der Unterricht, an welchen ich jetzt denke, besteht der Hauptsache nach 1) in einer Abrichtung in einem engen, bestimmt abgegrenzten Gebiet von Handlungen, 2) in einer Führung des Schülers beim Überschreiten der Grenze dieses Gebietes, 3) in einer Auswahl von Übungen & Aufgaben.

§EPB

154[2]

Nach einem Unterricht dieser Art erhält B einen Befehl von der Form:

r r t s s

rst | ↗ ↖↓

Er führt den Befehl aus, indem er sich so bewegt:

Hier würden wir sagen, die Regel bilde einen Teil des Befehls.

§EPB

154[3]

N.B.: Wir sagen nicht ‘was eine Regel ist’, sondern geben nur verschiedene Anwendungen des Wortes ‘Regel’. Und wir tun dies offenbar, indem wir auch Anwendungen des Ausdrucks ‘Ausdruck einer Regel’ angeben.

§EPB

154[4] &
155[1]

In (45) könnten wir das ganze Zeichen des Befehls einen Satz nennen. Aber wir könnten auch in ihm zwischen Satz & Tabelle unterscheiden. Was uns die Unterscheidung nahelegt ist hier insbesondre auch die lineare Schreibweise des Zeichens ‘r r t s s’. Obwohl wir den linearen Charakter unserer Sätze von einem bestimmten Standpunkt aus für rein äußerlich & unwesentlich erklären werden, spielt er doch in dem, was wir als Logiker über die Sätze zu sagen geneigt sind, eine große Rolle. (Dies gilt auch von andern ähnlichen Zügen der Sätze unsrer gewöhnlichen Sprache.) Wenn wir also den Befehl in (45) als eine Einheit auffassen, so kann er uns zeigen, wie verschiedenartig Sätze ausschauen können.

§EPB

155[2]

Vergleichen wir nun diese beiden Spiele:

46 Das eine ist das Spiel (38). Es wird den Menschen durch einen ‘allgemeinen Unterricht’ gelehrt. Die Befehle sind Kombinationen der Buchstaben ‘a’, ‘b’, ‘c’, ‘d’ mit beliebig vielen Wiederholungen. – Aber was heißt das? Nun, daß in der Praxis des Spiels, wie in seinem Unterricht, keine Anzahl von Wiederholungen die Rolle der ‘größtmöglichen’ spielt (siehe (35)). – Vergleichen wir damit das folgende:

47 Die Befehle & ihre Ausführung wie in (38); aber es werden nur drei Sätze gebraucht: ‘a c’, ‘a c c’, ‘c a a’.

§EPB

155[3] &
156[1]

Wir können sagen, daß in (38) B beim Ziehen der gebrochenen Linie von dem zusammengesetzten Zeichen des Befehls geführt wird. – Aber wenn wir uns fragen, ob die drei Sätze in (47) B in der Ausführung führen, so scheint es, als könnten wir sowohl ‘ja’ als ‘nein’ sagen. – Wenn wir nun versuchen zu entscheiden, ob wir sagen sollen B werde geführt, oder nichtgeführt, so sind wir geneigt, Antworten zu geben, wie diese: a) “B wird von den Zeichen geführt, wenn er den Satz nicht einfach als Ganzes (gleichsam ein Wort) ansieht & dann handelt, – sondern wenn er ihn ‘Wort für Wort’ (die Wörter sind hier die Buchstaben) liest, & den Wörtern entsprechend handelt.” Wir könnten dies deutlicher machen; indem wir uns vorstellen, daß das Lesen ‘Wort für Wort’ etwa darin besteht, daß er auf alle Buchstaben des Befehls einzeln, der Reihe nach, mit dem Finger zeigt(statt etwa auf den ganzen Satz auf einmal). Und das ‘Handeln den Wörtern entsprechend’ soll, der Einfachheit halber, darin bestehen, daß B je ein Linienstück nach dem Lesen eines Buchstaben zieht. –

b) “B wird geführt, wenn er durch einen Denkvorgang das Zeigen auf einen Buchstaben mit dem Ziehen des entsprechenden Linienstücks verbindet.” So eine Verbindung könnten wir uns auf verschiedene Weise vorstellen. Z.B. so: B sieht nach dem Lesen eines jeden Buchstaben in die Tabelle & zieht dann ein Linienstück parallel dem Pfeil, den er in der Tabelle gefunden hat. –

c) “B wird geführt, wenn er nicht einfach auf den Anblick eines Buchstaben mit dem Ziehen eines Linienstücks reagiert, sondern wenn er die eigentümliche Spannung erfährt: das ‘Sich-Besinnen auf die Bedeutung des Zeichens’; & das Nachlassen dieser Spannung, wenn die richtige Handlung im Geiste auftaucht.”

§EPB

156[2] &
157[1]

Diese Erklärungen aber lassen uns alle auf eine Weise unbefriedigt & es ist die Begrenzung unseres Sprachspiels, die alle solche Erklärungen unbefriedigend macht. – Dies drückt sich in der Erklärung aus, die uns einfällt: B werde dann von den Kombinationen der Buchstaben in den drei Sätzen geführt, wenn er auch Befehle ausführen könnte, die in andern Kombinationen dieser Buchstaben bestehen. – Und wenn wir dies sagen, so scheint es uns, diese Fähigkeit zur Ausführung anderer Befehle sei ein bestimmter Zustand dessen, der die Befehle in (47) ausführt. Sehen wir uns aber daraufhin den Fall von der Nähe an, so sehen wir nichts was wir so einen Zustand nennen würden.

§EPB

157[2]

Sehen wir nach, welche Rolle das Wort “Können”, oder das Wort “Fähigkeit”, in unserer Sprache spielt. Betrachte diese Beispiele:

§EPB

157[3]

48 Stellen wir uns vor, für irgend einen wichtigen Zweck brauchten Menschen ein Gerät dieser Art: Es ist ein Brett mit einem geraden oder krummen Schlitz, in welchem ein Zapfen geführt wird. Der das Gerät gebraucht, läßt den Zapfen dem Schlitz entlanggleiten. Es gibt solche Bretter mit geraden, kreisbogenförmigen, ovalen, S-förmigen & andern Schlitzen. Die Sprache des Stammes hat Ausdrücke zur Beschreibung der Tätigkeit des Arbeitens mit diesem Gerät. Sie sprechen vom Bewegen des Zapfens in gerader Linie, im Kreisbogen, etc. Sie haben auch eine Weise, die entsprechenden Bretter zu beschreiben, sie sagen, “Das ist ein Brett, in welchem der Zapfen gerade bewegt werden kann”. Man könnte in diesem Fall das Wort “kann” ein Operationszeichen nennen, durch welchen die Beschreibung der Handlung in eine Beschreibung des Instruments verwandelt wird.

§EPB

157[4] &
158[1]

49 Denken wir uns eine Sprache, in der es keine solche Satzform gibt wie, “Das Buch ist in der Lade”, oder, “Wasser ist im Glas”, sondern statt dessen sagt man: “Das Buch kann aus der Lade genommen werden”, etc.

§EPB

158[2]

50 Denken wir uns eine Sprache, in der statt Sätzen von der Form ‘x ist hart’, ‘x ist weich’ (‘spröde’, ‘zähe’), Sätze gebraucht werden von der Form: ‘x kann gebogen werden’, ‘x kann schwer geritzt werden’, ‘x kann leicht zerschlagen werden’, u.s.f.. Und zwar auch dann, wenn jetzt, wie wir sagen würden, das Ding nicht gebogen; oder geritzt werden kann, etc.. So sagt man z.B.: “Die Hütte ist aus Stäben gebaut, die leicht gebogen werden können”, wenn die Stäbe, in unserm Sinn, einzeln leicht gebogen werden konnten.

§EPB

158[3] &
159[1]

In diesen Beispielen, könnten wir sagen, beschreiben die Sätze von der Form “das & das kann geschehen” Zustände von Dingen. Aber die Fälle sind unter einander sehr verschieden. In (48) hatten wir den Zustand vor unsern Augen: Wir sehen, daß das Brett einen geraden, oder andern, Schlitz hat. – In (49) entspricht der beschriebene Zustand manchmal einem ‘visuellen Zustand’, wie man es nennen könnte, manchmal nicht. – Auch in (50), können wir sagen, beschreibt der Satz “der Stab kann gebogen werden” einen Zustand, weil sein Verbum, ‘können’, in der Gegenwart steht also daraufhin deutet, daß etwas jetzt der Fall ist, während ich spreche. Ich hätte die zuständliche Auffassung in diesem Beispiel noch klarer machen können, wenn ich angenommen hätte, in dieser Sprache werde statt “das Ding ist weich” immer gesagt: “das Ding hat es in sich, es kann gebogen werden”, oder dergleichen. Und wir gebrauchen ja die Wörter “biegsam”, “leicht zerreißbar”, “zerbrechlich” wie die Wörter “weich”, “spröde”, etc., & diese wiederum wie die Wörter “warm”, “rot”, “dunkel”. Aber zum Zustand der Biegsamkeit, Ritzbarkeit etc. verhält sich kein Zustand der Sinneswahrnehmung, so, wie zur Röte eines Dings der visuelle Zustand des Sehens der roten Farbe. Das Kriterium der Biegsamkeit ist nicht sosehr eine stationäre Sinneswahrnehmung, als die Probe des Biegens, das Kriterium des Zustandes der Ritzbarkeit, die Probe des Ritzens, u.s.f.. – Die Idee des ‘Zustands eines Dinges’ ist aber dennoch immer eng verbunden mit der eines Zustands der Sinneswahrnehmung; & wenn wir uns fragen, worin denn das Zuständliche der Weichheit, z.B., besteht, so wird uns gleich so etwas einfallen, wie die ‘Struktur der Materie’, & wir werden geneigt sein, zu sagen: wenn wir nur in diese Struktur hineinsehen könnten, so würden wir den Zustand sehen, der es macht, daß man den Körper leicht biegen kann, etc..

§EPB

159[2] &
160[1]

Wir sagen ein Wagen fahre 20 km in der Stunde, auch wenn er nur eine halbe Stunde lang fährt. Wir können unsern Ausdruck rechtfertigen, indem wir sagen, der Wagen kann mit seiner Geschwindigkeit 20 km in der Stunde zurücklegen. Und wir nennen die Geschwindigkeit auch einen ‘Bewegungszustand’. Ich glaube, wir würden diesen Ausdruck nicht gebrauchen, wenn wir keine anderen Bewegungserfahrungen hätten, als die, daß ein Ding zu einer Zeit an einem Ort, zu einer andern an einem andern Ort ist; wenn wir also alle Dinge sich bewegen sähen, wie den Stundenzeiger der Uhr, oder die Sonne. (Damit in Zusammenhang steht die Idee vom Pfeil, der sich nicht bewegt, weil er sich in jedem Zeitpunkt nur an einem Ort befindet.)

§EPB

160[2]

51 Ein Volksstamm hat in seiner Sprache Befehle zur Ausführung gewisser Tätigkeiten der Männer im Kriege; Befehle etwa wie: “Werft die Speere!”, “Schießt!”, “Lauft!”, “Kriecht!” etc.. Sie haben auch eine Art die Figur eines Menschen zu beschreiben; indem sie sagen “er kann schnell laufen”, “er kann weit werfen” etc. Was mich aber rechtfertigt zu sagen, diese Sätze beschrieben bei ihnen die Figur eines Menschen, ist die Art, wie sie von diesen Sätzen Gebrauch machen. Denn sie beschreiben das Bild eines Menschen mit kräftigen Armen, indem sie sagen “er kann weit werfen”; oder sie beschreiben Einen der wohlgeformte Beine hat, auch wenn er sie aus irgend einem Grund nicht gebrauchen kann, mit den Worten “er kann hoch springen”, etc.

§EPB

160[3] &
161[1]

52 Die Männer eines Stammes werden, ehe sie in den Krieg ziehen auf ihre Tauglichkeit im Kampf geprüft. Der Prüfende läßt sie gewisse festgesetzte Übungen machen & zwar sind es Übungen an einer Art von Turngeräten. Danach gibt er jedem ein Zeugnis von dieser Art: “A kann gut Bogenschießen”, “B ist geschickt zum Schleudern” etc. etc.. Es gibt in ihrer Sprache keine besondern Worte für die Übungen denen sie bei der Prüfung unterzogen werden, sondern diese heißen nur Proben für die & die Tätigkeit im Kriege.

§EPB

161[2] &
162[1] &
163[1]

Es ist nun wichtig zu sagen, daß man gegen dieses Beispiel& andere, die wir geben, einen Einwand machen kann: Wir lassen unsere Volksstämme immer deutsche Sätze reden und setzen dadurch stillschweigend schon den ganzen Hintergrund der deutschen Sprache voraus, d.h. die gewöhnlichen Bedeutungen der deutschen Worte. Wenn wir etwa sagen, in der & der Sprache solle es kein Wort für das Stemmen von Hanteln geben & es werde dort ‘Übung zum Steinschleudern’ genannt, so kann man fragen, wie wir denn den Gebrauch der Ausdrücke ‘eine Übung ausführen’ & ‘einen Stein schleudern’ gekennzeichnet haben, daß wir berechtigt sind diese deutschen Ausdrücke denjenigen gleich zu setzen, die jener Stamm etwa gebraucht. – Darauf müssen wir antworten, daß wir nur eine sehr skizzenhafte Beschreibung der Praxis unserer fingierten Sprachen gegeben haben, & in manchen Fällen nur Andeutungen; daß sich aber diese Beschreibungen leicht weiter ausführen ließen. So hätten wir in (52) sagen können, daß der Prüfende gewisse Befehle gebraucht, wenn er die Leute Übungen ausführen läßt. Diese Befehle beginnen alle mit einem gewissen Wort, welches ich mit dem deutschen “Übe” übersetzen könnte, & diesem Wort folgt dann der Ausdruck der im Krieg als Befehl zum Speerschleudern gebraucht wird. Ferner, wenn ein Mann dem Häuptling von der Schlacht berichtet, gebraucht er wieder diesen Ausdruck, nun in einer Beschreibung. Was aber eine Beschreibung als solche, einen Befehl als solchen, eine Frage u.s.w., kennzeichnet ist – wie gesagt – die Rolle, welche diese Ausdrücke in der lebendigen Verwendung der Sprache spielen. Also, ob ein Wort des Stammes richtig durch ein Wort der deutschen Sprache wiedergegeben wurde, hängt von der Rolle ab, die jenes Wort im ganzen Leben des Stammes spielt; d.h. von den Gelegenheiten, bei welchen es gebraucht wird, den Ausdrücken der Gemütsbewegung, von denen es im allgemeinen begleitet ist, den Eindrücken, die es erweckt, etc., etc.. Frage Dich z.B.: In was für Fällen würdest Du sagen, ein Wort eines bestimmten Volkes entspräche unserm “Leb wohl”; in was für Fällen, es entspräche irgendeinem unserer Schimpfworte? Welche Beobachtungen würden Dich veranlassen, ein Wort einer fremden Sprache mit unserm “vielleicht” zu übersetzen; oder mit einem Ausdruck des Zweifels, der Gewißheit, u.s.f.? Du wirst finden, daß die Rechtfertigung dafür, einen Ausdruck ‘Ausdruck des Zweifels’, ‘der Gewißheit’, etc., zu nennen, zu einem großen Teil, wenn auch nicht ausschließlich, in Gebärden, im Gesichtsausdruck des Sprechenden & dem Ton der Stimme liegt. Denke hier auch daran, daß die Erfahrungen einer Gemütsbewegung, zum Teil wenigstens, klar lokalisierte Erfahrungen sind. Denn, wenn ich im Ärger die Stirn runzle, so fühle ich die Spannung des Runzelns in der Stirne, & wenn ich weine, so sind die Empfindungen in der Umgebung meiner Augen ein wichtiger Bestandteil dessen, was ich fühle, wie es die veränderte Atmung ist, das Klopfen des Herzens, u.s.w.. Ich glaube das ist es, was William James meint, wenn er sagt, man weine nicht, weil man traurig ist, sondern man sei traurig, weil man weint. Der Grund, warum dieser Gedanke oft nicht verstanden wird, liegt darin, daß wir die Äußerung eines Gefühls als ein künstliches Verständigungsmittel auffassen, um dem Andern zu zeigen, daß wir das Gefühl haben. Nun ist keine scharfe Grenze zwischen solchen ‘künstlichen Mitteln der Verständigung’ & dem was man den ‘natürlichen Ausdruck des Gefühls’ nennen könnte. Vergleiche in dieser Hinsicht: a) Weinen, b) seine Stimme erheben, wenn man ärgerlich ist, c) einen groben Brief schreiben, d) die Glocke ziehen, um einen Diener zu rufen, den man schelten will.

§EPB

163[2] &
164[1]

53 Denken wir uns einen Stamm, in dessen Sprache ein Ausdruck ist, entsprechend unserm “er hat das & das getan”, & einer, der unserm Satz “er kann das & das tun” entspricht. Dieser zweite Ausdruck wird aber nur dort gebraucht, wo auch der erste berechtigt wäre. Beiläufig gesprochen: Sie sagen nur ‘ich kann es tun’, wenn sie es schon getan haben. Was aber kann mich rechtfertigen, das zu sagen? – Sie haben eine Form des Ausdrucks, die wir ‘Erzählung vergangener Ereignisse’ nennen würden; die Umstände unter denen diese Form gebraucht wird, rechtfertigen unsere Bezeichnung. Es kommen nun Fälle vor, in denen sie die Frage stellen: “Kann N. das & das tun?” Es wählt z.B. ein Führer Leute aus, die zu einer bestimmten Unternehmung geeignet sind; es soll z.B. eine Höhe erklettert, ein Fluß durchschwommen werden. Unser Kriterium dafür, daß der Führer ‘solche Leute auswählt’, ist nichts, was er sagt, sondern sein & der Andern Benehmen & die übrigen Umstände. Der Führer stellt nun in diesem Fall Fragen die, ihren praktischen Folgen nach zu urteilen, wir wiedergeben müßten durch: – “Kann A durch den Fluß schwimmen?”, “Kann B auf diesen Felsen klettern?”, etc. Sie werden aber bejahend nur von denen beantwortet, die tatsächlich schon durch diesen Fluß geschwommen sind, etc. Die Fragen des Führers sind nicht in der Form gestellt, in der etwa anläßlich einer Erzählung gefragt wird “Hat A den Fluß durchschwommen?” & sie werden nicht in der Form beantwortet, wie diese Frage. Ist aber Einer nicht schon durch diesen Fluß geschwommen, aber etwa durch einen andern breiteren, so beantwortet er die Frage des Führers nicht durch den bejahenden Satz, der der Fragestellung entspricht, sondern erzählt von seiner Leistung.

§EPB

164[2]

Haben die Sätze “er hat das & das getan” & “er kann das & das tun” in dieser Sprache nun den gleichen Sinn, oder verschiedenen Sinn? Wenn Du darüber nachdenkst, wirst Du einmal die eine, einmal die andre Antwort geben wollen. Und das zeigt nur, daß diese Frage hier keinen klar bestimmten Sinn hat. Soll die Tatsache ausschlaggebend sein, daß die Leute nur dann sagen “er kann …”, wenn er es getan hat, dann haben die Sätze den gleichen Sinn; wenn die Umstände, unter denen ein Ausdruck gebraucht wird, das bestimmen, was Du den ‘Sinn’ nennst, dann haben sie verschiedenen Sinn.

§EPB

164[3] &
165[1]

Der Gebrauch, der in diesem Beispiel vom Wort ‘kann’ – vom Ausdruck der Möglichkeit – gemacht wird, kann ein Licht auf die Idee werfen, was geschehen kann, müsse schon einmal geschehen sein (Nietzsche). Es wird auch interessant sein im Lichte unserer Beispiele den Satz zu betrachten: “Was geschehen ist, kann geschehen”.

§EPB

165[2]

Ehe wir unsere Betrachtungen über den ‘Ausdruck der Möglichkeit’ fortsetzen, wollen wir über das Gebiet unsrer Sprache mehr Klarheit gewinnen, in welchem von Zukünftigem & Vergangenem die Rede ist; also über den Gebrauch von Ausdrücken, wie “gestern”, “vor einem Jahr”, “in 5 Minuten”, “ehe ich dies tat”, etc..

§EPB

165[3] &
166[1] &
167[1]

54 Stellen wir uns vor, wie ein Kind in der Sprachform der ‘Erzählung vergangener Ereignisse’ abgerichtet werden könnte. Es hat gelernt verschiedene Dinge mit Worten zu verlangen (also gleichsam, Befehle zu geben wie in (1)). Ein Teil der Abrichtung war die Übung Dinge zu benennen. Es hat so gelernt, ein Dutzend seiner Spielsachen zu benennen (& zu verlangen). Es hat nun etwa gerade mit dreien von ihnen gespielt (einem Ball, einem Würfel & einer Rodel); nun nimmt man sie ihm fort & der Erwachsene sagt etwas wie: “Er hat einen Ball, einen Würfel & eine Rodel gehabt”. Das Kind lernt ihm den Satz nachsprechen & dabei auch die Bewegung des Herzählens an den Fingern zu machen. Bei einer ähnlichen Gelegenheit bricht der Erwachsene die Aufzählung ab & bringt das Kind dazu sie fortzusetzen. Dabei macht er etwa eine charakteristische Bewegung: er zählt die Dinge, wie wir sagen würden, an den Fingern her. Bei einer weitern Gelegenheit fängt er den Satz nur an & macht die Handbewegung mit der die Aufzählung immer beginnt & läßt das Kind die Dinge selbst nennen. Die Handbewegung des Herzählens soll hier eine Brücke bilden beim Übergang zum selbständigen Aufzählen des Kindes. Die Finger sollen das Kind weiterleiten. Und der Lehrende wird dies versuchen durch Gebärden & den Gesichtsausdruck der Erwartung, ein Heben der Stimme, etc.. Ob es zu der Einübung des Spiels kommt hängt davon ab, ob das Kind auf diese Anregungen eingeht. Es liegt hier ein Mißverständnis sehr nahe: die Mittel (Gebärden, etc.) die der Lehrer gebraucht, um das Kind zum Fortsetzen der Aufzählung zu bewegen, anzusehen, als indirekte Mittel, sich dem Kind verständlich zu machen. So als hätte das Kind bereits eine Sprache, in welcher es denkt, zu sich selbst spricht, & der Lehrer solle es nun durch allerlei unvollkommene Andeutungen (seine Gebärden etc.) dazu bringen, daß es errät, was er meint. So also, als fragte das Kind sich in seiner eigenen Sprache: “Will er nun, daß ich fortsetze, oder wiederhole, was er gesagt hat, oder etwas anderes?” – Es wird also so dargestellt, als lernte das Kind nie die Sprache, also als lernte es nie denken, sondern nur, von einer Sprache, die es schon kann, in eine andre übersetzen. (Augustinus: et ecce paulatim sentiebam, ubi essem, et voluntates meas volebam ostendere eis, per quos implerentur, et non poteram, quia illae intus erant, … Itaque iactabam et membra et voces, signa similia voluntatibus meis, …) Die Wurzeln dieser Auffassung gehen tief & reichen weit. Denn wie kann das Kind denken lernen, wie ich es beschreibe? Ich sage ja selbst, es wird ‘abgerichtet’! Kann man zum Denken abgerichtet werden? Das Denken ist doch der Gegensatz zum bloß mechanischen Handeln, & abgerichtet wird man gerade zum mechanischen Handeln!

§EPB

167[2]

“Machst Du das Kind nicht zum Papagei, der zum Reden abgerichtet wird?” – Aber kannst Du denn einen Papagei (oder etwa einen Affen) dazu abrichten, daß er eine Tabelle gebraucht, Dinge benennt, aufzählt, etc.? – “Aber ist das Denken nicht ein geistiger Vorgang?” – Von der Geistigkeit des Denkens, später. –

§EPB

167[3] &
168[1]

55 Ein andres Beispiel einer primitiven Art der Erzählung vergangener Ereignisse: Wir leben in einer Landschaft mit einprägsamen Bergformen am Horizont. Es ist leicht sich zu erinnern an welchem Ort die Sonne in einer bestimmten Jahreszeit aufgeht, wo sie im Mittag steht & wo sie wieder hinter den Bergen verschwindet. Wir haben nun einige charakteristische Bilder unsrer Landschaft mit der Sonne in verschiedenen Stellungen. Diese Bilder werde ich die ‘Sonnenbilder’ nennen. Wir haben auch charakteristische Bilder verschiedener Tätigkeiten des Kindes: seines Aufstehens, seiner Spiele, das Kind beim Mittagmahl, u.a.m. Diese werde ich die ‘Bilder aus dem Leben’ nennen. Ich stelle mir vor, daß das Kind bei seinen verschiedenen Beschäftigungen oft die Sonne sehen kann; & wir lenken seine Aufmerksamkeit dabei oft auf die Stellungen der Sonne, – sie sei bei diesem Berg, diesem Baum, etc.. Dann lassen wir das Kind ein Bild seiner Tätigkeiten anschauen & dazu Bilder der Sonne in den entsprechenden Stellungen. Wir können durch diese Bilder gleichsam erzählen, was das Kind den Tag über von morgens bis abends gemacht hat, indem wir eine Reihe der ‘Bilder aus seinem Leben’ legen & darüber, in der richtigen Zuordnung, die Reihe der Sonnenbilder. Wir werden dann das Kind eine solche Bildergeschichte, die wir angefangen haben, ergänzen lassen. Oder wir werden absichtlich grobe Unrichtigkeiten legen & das Kind sie ausbessern lassen, etc.. Dieses Sprachspiel kann man sich am besten von Worten begleitet vorstellen.

§EPB

168[2]

“Aber die Zeichen der Aufmunterung des Beifalls, der Mißbilligung, u.s.f., muß ja das Kind doch verstehen ehe es abgerichtet werden kann, diese Sprache kann das Kind doch nicht lernen.” –

§EPB

168[3]

Teils lernt es sie, teils ‘versteht’ es sie vor jedem Unterricht. Überlege aber was wir hier ‘verstehen’ nennen. Worin besteht das Verstehen? – Mit dieser Frage werden wir uns später beschäftigen müssen.

§EPB

168[4]

56 Eine Variante von (55): Im Kinderzimmer ist eine große Uhr. Stellen wir sie uns zur Einfachheit nur mit einem Stundenzeiger vor. Was den Tag über geschieht, wird wie oben ‘erzählt’, aber es gibt hier keine Reihe der Sonnenbilder; statt ihrer gebrauchen wir die Ziffern des Zifferblatts. Wir schreiben eine Ziffer zu einem ‘Bild aus dem Leben’.

§EPB

168[5] &
169[1]

57 Aber auch in diesem einfachen Spiel arbeiten wir mit Zeitbegriffen: Lebensbilder werden in eine Reihe gelegt, der zeitlichen Ordnung der Tätigkeiten entsprechend. Wir könnten in dieses Sprachspiel die Wörter ‘vor’ & ‘nach’ einführen. In diesem Sinne kann man sagen daß in dieses Spiel die Begriffe ‘vor’ & ‘nach’ eintreten, aber nicht der Begriff der Zeitmessung. (Ich verstehe also hier unter “Begriff” nichts Geistiges.) Es wäre offenbar nicht schwer von den Spielen (55), (56), (57) auf die Erzählung von Ereignissen in Worten überzugehen.

§EPB

169[2]

Vielleicht wird jemand bei der Betrachtung solcher Formen der Erzählung denken, daß in ihnen der eigentliche Zeitbegriff noch gar keine Rolle spiele, sondern nur irgend ein roher Ersatz für ihn. – Nun, wenn jemand behauptet, es gäbe einen Begriff von ‘fünf Uhr’, der die Uhr nicht voraussetze, diese sei nur das Instrument, mit dem mehr oder weniger genau festgestellt wird, wann es fünf Uhr sei; oder wenn er behauptet, es gäbe einen Begriff der ‘Stunde’ der kein Instrument der Zeitmessung voraussetze, werde ich dem nicht widersprechen, sondern ihn nur fragen, in welcher Weise er die Ausdrücke ‘Stunde’ & ‘fünf Uhr’ gebraucht. Und involviert dieser Gebrauch keine Uhr, so werde ich weiter fragen, warum er die Ausdrücke ‘fünf Uhr’, ‘eine Stunde’, ‘eine lange Zeit’, ‘eine kurze Zeit’ einmal in Zusammenhang mit der Uhr, & einmal unabhängig von ihr gebraucht: Dies wird so sein, wegen gewisser Analogien, die zwischen den beiden Arten des Gebrauches bestehen. Aber wir haben nun eben zwei solche Arten, & es ist kein Grund eine von ihnen ‘die reinere’, oder ‘die eigentliche’ zu nennen.

§EPB

169[3] &
170[1]

58 Dies könnte durch folgendes Beispiel klarer werden: Wenn wir von jemandem verlangen: “Sag eine Zahl, irgendeine, die Dir gerade einfällt”, so kann er dies im allgemeinen sogleich tun. Ich nehme nun an, es hätte sich gezeigt, daß die Zahlen, die so geantwortet werden, vom Morgen bis zum Abend jedes Tages zunehmen; der Mensch beginnt an jedem Morgen mit irgend einer kleinen Zahl & erreicht die höchste Zahl, ehe er des nachts einschläft. – Denke, was uns dazu bewegen könnte, diese Zahlen ein ‘Mittel der Zeitmessung’ zu nennen; oder sogar, zu sagen, ihr Verlauf sei die Zeit; & Uhren, Sonne, etc., zeigten nur indirekt die verflossene Zeit an. (Prüfe, was an dem Satz ist, unser Herz sei die eigentliche Uhrhinter allen andern Uhren.)

§EPB

170[2]

Betrachten wir weitere Sprachspiele in die Zeitbestimmungen eintreten:

§EPB

170[3] &
171[1]

59 Eine Variation des Sprachspiels (1): Wird ein Befehl gegeben ( ‘Platte!’, ‘Würfel’, etc.), so führt B ihn nicht sogleich aus, sondern wartet, bis der Zeiger einer Uhr an einem Punkt des Zifferblatts angelangt ist, den wir beim Aussprechen des Befehls mit dem Finger bezeichnen. Man könnte sich denken, daß das Kind zuerst abgerichtet wird, die Befehle unverzüglich auszuführen. Wenn es das kann, gibt man wieder einen solchen Befehl& zeigt dabei auf einen Ort des Zifferblattes, hält aber das Kind zurück, daß es den Befehl nicht gleich ausführen kann; man läßt es erst frei, wenn der Zeiger an jenem Punkt angelangt ist. – Wir könnten in dieses Spiel ein Wort wie unser ‘jetzt’ einführen: Wir geben zwei Arten von Befehlen; die einen sind, wie in (1), unverzüglich, die andern in einem bezeichneten Zeitpunkt auszuführen. Um den Unterschied der beiden Arten deutlicher zu machen, setzen wir den Befehlen der ersten Art ein Wort bei & rufen, z.B., ‘Platte jetzt!’.

§EPB

171[2]

Man könnte leicht Sprachspiele beschreiben mit Ausdrücken wie: “in fünf Minuten”, “vor einer halben Stunde”, u.a..

§EPB

171[3]

60 Sehen wir noch den Fall an einer Beschreibung der Zukunft, eine Vorhersage: Ich nehme an, wir lassen ein Kind die wechselnden Lichter an einer Straßenkreuzung beobachten & spannen seine Erwartung darauf, was wohl das nächste Licht sein werde. Wir haben eine rote, eine gelbe & eine grüne Scheibe & drücken die Erwartung einer bestimmten Farbe durch das Zeigen auf eine der Scheiben aus. (Wir geben der Freude über die richtig geratene Farbe, der Enttäuschung über die unrichtig geratene Ausdruck.) Endlich wird das System erkannt, nach welchem die Lichter wechseln & das Raten geht in ein Vorhersagen über. Weiterentwicklungen dieses Spiels lassen sich leicht vorstellen.

§EPB

171[4] &
172[1]

Es kann uns nun auffallen, daß wir in diesen Sprachspielen nicht die Begriffe der Gegenwart, Vergangenheit & Zukunft in ihrem problematischen, beinahe geheimnisvollen, Aspekt antreffen. Was für ein Aspekt dies ist & wie man zu ihm gelangt, kann man am deutlichsten erkennen, wenn man diese Frage betrachtet: “Wohin geht die Gegenwart, wenn sie Vergangenheit wird, & wo ist die Vergangenheit?” – Unter welchen Umständen kann uns diese Frage bewegen? Denn unter gewissen Umständen kann sie es nicht & wir würden sie als Unsinn beiseite schieben. Es ist klar, daß sie dann am leichtesten in unserm Geiste auftauchen wird, wenn uns beim Nachdenken über die Zeit das Bild des Kommens & Gehens, des Vorüberfließens, gefangen hält; wenn wir in erster Linie immer an Geschehnisse denken, in denen es ein solches Vorbeiziehen wirklich gibt. Wie etwa, wenn wir an einem Fluß stehen auf dem Holz geflößt wird: die Stämme ziehen an uns vorüber; die, welche vorüber sind, sind alle rechts von mir, die noch kommen, links. Wir gebrauchen diesen Vorgang nun als Gleichnis für alles Geschehen. Ja das Gleichnis ist in die Ausdrücke unserer Sprache gelegt, denn wir sagen, eine Krankheit ‘zieht vorüber’, ‘es kommt ein Krieg’, etc.. Wir sprechen vom Lauf der Ereignisse, – aber auch vom Laufe der Zeit, – des Flusses, auf welchem die Stämme an uns vorbeiziehen. (“die Zeit ist da”, “die Zeit ist längst vorbei”, “es kommt die Zeit”, etc., etc.) Und so kann mit dem Wort “Zeit” das Bild eines ätherischen Flusses untrennbar verbunden sein, mit den Worten ‘Vergangenheit’ & ‘Zukunft’ das Bild von Gebieten, aus deren einem die Ereignisse in das andre ziehen. U.s.f. (“das Land” der Zukunft, der Vergangenheit.) Und doch können wir natürlich keinen solchen Strom finden & keine solchen Örter. Unsere Sprache läßt Fragen zu, zu denen es keine Antwort gibt. Und sie verleitet uns diese Fragen zu stellen durch die Bildhaftigkeit des Ausdrucks. Eine Analogie hat unser Denken gefangen genommen & schleppt es unwiderstehlich mit sich fort.

§EPB

172[2] &
173[1]

Dies geschieht auch, wenn uns die Bedeutung von ‘jetzt’ zu etwas Geheimnisvollem wird. In unserm Beispiel (59) ist es klar, daß die Funktion des Wortes ‘jetzt’ in keiner Weise vergleichbar ist der der Worte ‘5 Uhr’, ‘mittag’, ‘die Zeit des Sonnenuntergangs’ etc. Diese Ausdrücke werde ich ‘Zeitangaben’ nennen. Aber unsere Sprache gebraucht das Wort ‘jetzt’ in den gleichen Satzzusammenhängen wie die Zeitangaben. Wir sagen: “Die Sonne geht jetzt unter” & “Die Sonne geht um 6 Uhr unter”. Und, was die Verwechslung noch mehr nahelegt, “Jetzt ist es 6 Uhr”.

§EPB

173[2]

Wir sind versucht zu sagen, daß sowohl ‘jetzt’ als auch ‘6 Uhr’ einen Punkt der Zeit bezeichnen. Und so kann die Frage entstehen: Was ist das Jetzt? Denn es ist ein Augenblick der Zeit & doch kann man es nicht definieren als den Augenblick in welchem ich rede (das Wort ‘jetzt’ ausspreche), oder den Augenblick in welchem die Uhr schlägt, u.s.f.. Unsere Antwort ist, daß die Funktion des Wortes ‘jetzt’ eine andere ist, als die der Zeitangaben. Sie ist ihr auch nicht ähnlich; aber es besteht natürlich ein Zusammenhang. (Wie die Funktion eines Hammers der eines Nagels nicht ähnlich ist, aber ein Zusammenhang besteht.) Dies ist leicht zu sehen, wenn man ansieht, welche Rolle das Wort im Gebrauche der Sprache spielt, ich meine, in der ganzen Praxis des Sprachspiels; & nicht bloß, in was für Sätzen es gebraucht wird. Vergleiche mit dem Wort ‘jetzt’ den Befehl ‘los!’, etwa beim Rennen. Auch dieser ‘bezeichnet einen Augenblick’. (‘Jetzt’ kann man ein ‘Zeitzeichen’ nennen. Das Klatschen beim Befehlen einer Turnübung.) Das Wort ‘heute’ ist kein Datum.

§EPB

173[3] &
174[1] &
175[1]

Es ist gesagt worden ‘jetzt’ sei der Name eines Zeitmomentes; wie ‘hier’ der Name eines Orts, ‘dieses’ der Name eines Gegenstandes & ‘ich’ der Name einer Person. (Man kann dies dann natürlich auch von den Ausdrücken ‘Vor einem Jahr’, ‘da drüben’, ‘Eure Majestät’, etc. sagen.) (Vergl. (5)) Die Gründe zu diesem Gedanken sind weitverzweigt. – Es ist beinahe so, wie wenn jemand, etwa, auf einen Teil des Gehirns zeigend sagen würde: “Das ist der eigentliche Mensch”. Die Antwort darauf wäre: Nein, das ist nicht der Mensch. D.h., das ist nicht, was man ‘den Menschen’ nennt. Aber ich verstehe wohl, daß man unter Umständen versucht ist, so etwas zu sagen. Wir wünschen z.B., daß das Wort ‘Mensch’ etwas Einfaches, Primitives bedeuten solle, nichts Zusammengesetztes. Etwas wofür sich klare Gesetze angeben lassen, nicht etwas, wobei es unscharfe Grenzen, ein Mehr oder Weniger, gibt. – Wenn man den Eigennamen eines Menschen, oder einen wie “Nothung” nicht Namen im ‘strengen logischen’ Sinn des Wortes nennen will, so ist es, weil ein Name etwas Einfaches bezeichnen soll. – Das Schwert Nothung aber besteht aus Teilen in einer bestimmten Zusammensetzung. Sind sie anders zusammengesetzt, so existiert Nothung nicht. Nun hat aber offenbar der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” Sinn, ob Nothung noch ganz ist, oder schon zerschlagen. Ist aber “Nothung” der Name eines Gegenstandes, so gibt es diesen Gegenstand nicht mehr, wenn Nothung zerschlagen ist; & da dem Namen dann kein Gegenstand entspräche, so hätte er keine Bedeutung. Dann aber stünde in dem Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” ein Wort das keine Bedeutung hat & daher wäre der Satz Unsinn. Nun hat er aber Sinn, also muß den Wörtern, aus denen er zusammengesetzt ist immer schon etwas entsprechen. Also muß das Wort ‘Nothung’ bei der Analyse des Sinnes verschwinden & statt seiner Worte eintreten, die Einfaches benennen. Diese Worte werden wir billigerweise die eigentlichen Namen nennen. – Dieses Raisonnement hängt an verschiedenen Irrtümern: a) die Idee einem Wort müsse ein Gegenstand ‘entsprechen’, damit es Bedeutung habe, die Verwechslung der Bedeutung mit dem Träger eines Namens. b) ein falscher Begriff von der philosophischen, oder logischen Analyse eines Satzes, als sei sie ähnlich der chemischen, oder physikalischen. c) eine falsche Auffassung der ‘logischen Exaktheit’, Unkenntnis des Begriffs der ‘Familie’. –

§EPB

175[2]

Aber nichts unähnlicher, als der Gebrauch des Wortes “dieses” & eines Eigennamens – wenn man nämlich die Praxis des Sprachspiels ansieht & nicht bloß die Stellung der Wörter in unsern Sätzen: Denn wir sagen allerdings: “der ist groß”– & auch: “Hans ist groß”; aber vergiß nicht, daß der erste Satz sinnlos ist, ohne die zeigende Gebärde & den Gegenstand auf den wir zeigen. – Was etwa mit einem Namen verglichen werden könnte ist nicht das Wort ‘der’, sondern dieses Wort zusammen mit der zeigenden Gebärde & dem Gegenstand.

§EPB

175[3]

Man könnte sagen, es ist charakteristisch für einen Namen, daß wir ihn im Satz “Dies ist A” gebrauchen können; es ist aber Unsinn zu sagen “Dies ist dies”, oder “Dies ist jetzt”. –

§EPB

175[4] &
176[1] &
177[1]

Problematisch erscheint uns auch manchmal der Satz der ein zukünftiges Ereignis beschreibt, & zwar mehr, als die Beschreibung eines vergangenen Ereignisses. Denn wenn man zukünftige mit vergangenen Ereignissen vergleicht, möchte man beinahe sagen, daß diese, wenn sie auch nicht mehr im Licht des Tages existieren so doch in einer Art Unterwelt, in die sie hinabgestiegen sind, während die zukünftigen Ereignisse auch diese Schattenexistenz nicht haben. Wir könnten uns freilich ein Reich der ungeborenen, zukünftigen, Ereignisse denken, aus welchem sie in die Wirklichkeit treten, & von da ins Reich der Vergangenheit. Und wenn wir an dieses Bild denken, so könnte es uns wundern, daß die Zukunft uns weniger wirklich vorkommt, als die Vergangenheit. Aber vergessen wir nicht, daß die Grammatik der zeitlichen Ausdrücke nicht symmetrisch ist in bezug auf die Gegenwart. Denn in der Grammatik der ‘Zukunft’ tritt der Begriff des ‘Gedächtnisses’ nicht auf, auch nicht ‘mit umgekehrten Vorzeichen’. – Vielleicht wird man sagen: “Was hat das mit Grammatik zu tun? Wir erinnern uns eben nicht an die Zukunft!” Nun das kommt darauf an, wie man das Wort erinnern gebraucht. In unsrer gewöhnlichen Sprache hat es keinen Sinn zu sagen: “Ich erinnere mich deutlich an das, was morgen geschehen wird”, – auch dann nicht, wenn ich ein Prophet bin. (Hier ist es nützlich, an die Worte zu denken, “daß der Mensch, der an die Vergangenheit denkt, den Blick zur Erde richtet; der Mensch aber, der an die Zukunft denkt, ihn nach oben richtet”. Denn wenn Du Dich erinnernd, & voraussagend, denkst, wirst Du sehen, daß daran etwas Wahres ist.) In wiefern die Erfahrungstatsachen jene Zeitbegriffe bestimmen– diese sind gleichsam die Maßeinheiten, nach welchen wir jene messen – davon später. Man könnte unsre Zeitbegriffe durch den Satz charakterisieren: “Die Vergangenheit ist doch wenigstens schon dagewesen, die Zukunft aber noch gar nicht”. Und so kommt es, daß gesagt worden ist, Sätze über zukünftige Ereignisse seien eigentlich keine wirklichen Sätze (denn es entspräche ihnen sozusagen gar nichts). Dies ist natürlich in Ordnung, wenn es bloß eine Bestimmung darüber sein soll, wie der Schriftsteller das Wort ‘Satz’ gebrauchen will. Wer dies sagt, steht offenbar unter dem starken Eindruck der Asymmetrie ‘Zukunft’ – ‘Vergangenheit’. Wenn auch diese Einschränkung des Gebrauchs des Wortes ‘Satz’ letzten Endes auf einem Mißverständnis des Funktionierens unserer Sätze im allgemeinen beruht. Gewiß könnte es unter Umständen natürlich sein, den Gebrauch des Wortes ‘Satz’ so einzuschränken. Der Philosoph ist aber in Gefahr, zu glauben, er habe nun einer Art wissenschaftlicher Erkenntnis über die Natur der Zukunft Ausdruck gegeben.

§EPB

177[2]

61 Stelle Dir vor: Jemand würfelt; & ehe er einen Wurf macht, zeichnet er vor sich eine der Flächen des Würfels auf. Zeigt ihm nach dem Wurf der Würfel die Seite, die er gezeichnet hat, so gibt er der Befriedigung Ausdruck, andernfalls der Unbefriedigung. – Oder es seien zwei Spieler: Sie würfeln abwechselnd; wenn der eine würfelt, zeichnet der andere eine Fläche des Würfels hin; ist es die, die kommt, so gibt der Würfelnde dem Andern ein Geldstück, andernfalls zahlt dieser dem Würfelnden.

§EPB

177[3]

Das Zeichnen der Würfelfläche wird man in diesem Fall ein ‘Raten’ nennen, oder unter Umständen auch ein ‘Vermuten’.

§EPB

177[4] &
178[1]

62 Bei einem gewissen Volksstamm werden Wettkämpfe abgehalten im Laufen, Speerwerfen, etc. Vor jedem Wettkampf werden die Bilder aller Teilnehmer in einer Reihe aufgestellt & jeder Zuschauer legt Geld unter eines dieser Bilder. Gewinnt im Wettkampf der, unter dessen Bild der Zuschauer sein Geld gelegt hat, so erhält der Zuschauer sein Geld zurück & noch mehr dazu; andernfalls verliert der Zuschauer sein Geld.

So einen Gebrauch würden wir zweifellos ‘Wetten’ nennen; auch dann, wenn die Sprache jenes Stammes keinen Ausdruck enthält für ‘Grade der Wahrscheinlichkeit’, ‘Chancen’ etc..

§EPB

178[2]

Ich nehme an, daß das Benehmen der Zuschauer vor & nach dem Ausgang des Wettkampfs Spannung, Teilnahme, Befriedigung & Unbefriedigung ausdrückt. Ferner, wenn ich die Wetten der Zuschauer prüfe, so finde ich, daß ich verstehe, ‘warum’ sie besonders auf diesen oder jenen Teilnehmer gesetzt haben. So wird meist auf den stärker gebauten von zwei Ringkämpfern gesetzt; & wenn auf den Andern, so finde ich daß jener kurz vorher krank war, oder dieser ihn schon früher einmal besiegt hat; u. dergl..

§EPB

178[3]

Dabei aber hat ihre Sprache keinen Ausdruck der Begründung. D.h. nichts in ihr entspricht einem Satz wie: “Ich setze auf diesen Ringer, weil er in guter Form ist, während jener andere kürzlich krank war”, u.s.w.. – Ich könnte sagen: Meine Beobachtung hat mich gewisse Ursachen gelehrt, die auf die Wetten Einfluß nehmen, aber die Wettenden haben, oder verwenden, keine Gründe beim Setzen auf einen Wettkämpfer.

§EPB

178[4] &
179[1]

Denken wir uns nun einen Fall, in welchem die Sprache die Form der Begründung enthält. Das Sprachspiel nun ‘Gründe für seine Handlungen geben’ setzt nicht das Finden von Ursachen dieser Handlungen voraus (durch wiederholte Beobachtung der Umstände, unter denen es zu diesen Handlungen kommt).

§EPB

179[2]

63 Stellen wir uns diesen Vorgang vor:

Wenn ein Zuschauer bei einem Wettkampf seine Wette verloren hat, wird er von den Andern geneckt & ausgelacht. Als Antwort weist er mit übertreibender Gebärde auf Muskeln, Brust, Höhe etc. des Kämpfers, auf den er gewettet hatte, – wie wir sagen würden: um seine Wette zu rechtfertigen. In ähnlicher Weise könnte man sich eine Diskussion der Chancen zweier Kämpfer vorstellen: Zwei Zuschauer weisen abwechselnd auf das, was ihnen den Sieg ihres Kandidaten zu versprechen scheint. A zeigt auf die Höhe der Gestalt des Einen; B zuckt darauf die Achseln & zeigt auf den Bizeps des Andern; u.s.f. Die Diskussion könnte leicht so beschrieben werden, daß wir sagen müßten, A & B gäben Gründe an für ihre Wahl.

§EPB

179[3] &
180[1]

“Setzt aber das Angeben solcher Gründe nicht voraus, daß die Leute Zusammenhänge beobachtet haben zwischen dem Ausgang eines Kampfes & der körperlichen Beschaffenheit der Kämpfenden?” – Aber ob nun diese Annahme verständig erscheint oder nicht, so habe ich sie jedenfalls in der Beschreibung unseres Falles nicht gemacht. (Noch habe ich die Annahme gemacht, daß die Wettenden Gründe für ihre Gründe angeben.) Wir würden in einem Fall, wie dem eben beschriebenen nicht überrascht sein, in der Sprache der Leute Ausdrücke zu finden für Grade der Überzeugung, Vermutung, Sicherheit. Z.B. ein Wort, das in verschiedenem Ton ausgesprochen wird; oder eine Reihe von Wörtern. (Ich denke aber nicht an den Gebrauch einer Skala der Wahrscheinlichkeiten.) – Es ist auch leicht sich vorzustellen, daß sie das Wetten mit Ausdrücken begleiten die wir übersetzen würden in der Form: “Ich glaube daß N den M im Speerwerfen schlagen kann”, etc.. – Ich übersetze das Wort, das sie gebrauchen mit ‘kann’ & nicht mit ‘wird’, denn sie haben ein Hilfszeitwort der Zukunft, das in Sätzen gebraucht wird, analog unserm “Er wird heute zurückkommen”, “Er wird ihn schlagen, wenn er kommt”, etc..

§EPB

180[2] &
181[1]

64 Ein Stamm, in dessen Sprache die Erinnerung an ein Ereignis beschrieben wird mittels einer Handbewegung, die nach hinten weist; die Erwartung eines Ereignisses mit einer Handbewegung, die nach vorn weist (Wie wir sie etwa machen, wenn wir sagen “Das liegt schon lang hinter mir”, oder, “Das liegt noch vor mir”). Sie begleiten jede der beiden Bewegungen mit einem Hilfszeitwort (der Vergangenheit, & Zukunft). Beschreiben sie ein vergangenes Ereignis, so stellen sie es sprachlich & mimisch dar & wiederholen in ihrer Darstellung das Zeichen der Vergangenheit; etc.. Bei gewissen Gelegenheiten aber, wenn sie, wie wir sagen würden, die Eignung eines Dinges, eines Menschen oder Tieres erwägen etwas Bestimmtes zu tun, drücken sie ihre Erwartung, daß es dies tun werde durch ein anderes Hilfszeitwort aus. Wenn sie also, wie uns die Situation lehrt, erwägen, ob ein bestimmtes Wurfgeschoß imstande sein wird das & das Tier zu erlegen, so sehen sie etwa eines der Geschosse prüfend an, & sagen, mit der Handbewegung der Voraussicht, “Es kann ihn erschlagen” (so will ich's übersetzen). Sie sagen aber z.B.: “Wenn jetzt ein Mann in dieser Schlucht geht, so wird ihn dieser Felsblock erschlagen.”

§EPB

181[2]

65 Menschen gebrauchen ein besonderes Hilfszeitwort, wenn sie den Erfolg einer körperlichen Anstrengung voraussagen. Ich will dieses Hilfszeitwort durch ‘können’ wiedergeben; “ich kann” heißt dann aber immer: “es wird mir gelingen”, “er kann”: “es wird ihm gelingen” etc.. Ihr Gebrauch jenes Worts entspricht also nicht ganz dem unsern des Wortes “können”; denn wenn wir jemanden, etwa bei Tisch, fragen “Wie hoch kannst Du springen?”, so muß die Antwort nicht bedeuten, daß er glaubt, er werde jetzt einen Sprung von dieser Höhe ausführen, sondern er kann uns bloß angeben, wie hoch er schon gesprungen ist.

§EPB

181[3] &
182[1]

In den letzten drei Fällen ist das Wort ‘können’ das Merkmal einer Voraussage. Das heißt natürlich nicht, daß ich einen Satz in diesen Fällen eine ‘Voraussage’ nenne, weil das Wort ‘kann’ in ihm steht; sondern eine ‘Voraussage’ nenne ich ihn der Situation wegen, in der er gebraucht wird; und ich gebe ein Wort jener Sprache durch ‘kann’ wieder, weil wir unter diesen Umständen das Wort ‘können’ gebrauchen würden & weil ich ein Wort ihrer Sprache in ein analoges Wort der unsern übersetzen will.

§EPB

182[2]

Nun ist offenbar der Gebrauch von ‘können’ in (63), (64), (65) nahe verwandt dem in den Fällen (50) bis (53); in diesen aber war der Ausdruck ‘etwas kann geschehen’ keine Voraussage. Nun kann man einwenden, wir seien doch nur darum gewillt in jenen früheren Beispielen das Wort ‘können’ zu verwenden, weil es dort angeht, eine Annahme über das zukünftige Verhalten zu machen (wer einmal diesen Fluß durchschwommen hat, von dem kann man annehmen, es werde ihm jetzt wieder gelingen). – Nun ist es freilich so, daß ich die Beispiele (50) etc. absichtlich so gewählt habe, daß eine Annahme über das zukünftige Verhalten nahe liegt; aber ich habe sie auch absichtlich so gewählt, daß keine solche Annahme gemacht wird. Wir können ja sagen, Menschen würden eine solche Ausdrucksweise nie gebrauchen, wenn sie nicht die Erfahrung gemacht hätten, daß man, z.B., von diesen & diesen Proben auf ein solches Benehmen des Menschen in der Zukunft schließen könne. Diese Hypothese mag richtig sein, aber die Beispiele (50) etc. setzen sie nicht voraus.

§EPB

182[3] &
183[1]

66 Stellen wir uns nun dieses Spiel vor: A schreibt Reihen von Zahlen an, B sieht ihm zu & versucht in der Zahlenfolge ein Gesetz zu finden. Ist es ihm gelungen, so sagt er: “jetzt kann ich fortsetzen”. – Dieses Beispiel ist besonders lehrreich, weil es scheint, daß hier die Fähigkeit fortzusetzen etwas ist, was in einem bestimmten Augenblick eintritt; so daß wir uns fragen können: was ist es, was hier eintritt? Dies sollte man doch nun finden können! – Angenommen also A habe die Zahlen angeschrieben 1, 5, 11, 19, 29; da sagt B: “Jetzt kann ich fortsetzen”. Was geschah da, als er plötzlich weiter wußte? – Vielerlei konnte geschehen sein. Nehmen wir an: Während A langsam eine Zahl nach der anderen hinschreibt, ist B beschäftigt verschiedene algebraische Formeln mit den schon angeschriebenen Zahlen zu vergleichen. Als A ‘19’ angeschrieben hatte versuchte B die Formel an=+n1; die ‘29’ bestätigte seine Annahme.

§EPB

183[2]

67 Oder aber: B dachte an keine Formel. Er sieht mit einem gewissen Gefühl der Spannung zu, wie die Reihe der Zahlen wächst, die A anschreibt; dabei schwimmen ihm allerlei unklare Gedanken in seinem Kopf. Dann sagt er zu sich selbst: “Er quadriert immer & zählt 1 dazu”; nun rechnet er die nächste Zahl aus & findet, daß A die gleiche Zahl anschreibt.

§EPB

183[3]

68 Oder: Die Reihe die A anschreibt ist 2, 4, 6, 8. B sieht sie an & sagt: “Natürlich kann ich weiter”, & setzt die Reihe der geraden Zahlen fort. – Oder er sagt gar nichts & schreibt die Reihe weiter. Vielleicht hatte er, als er ‘2, 4, 6, 8’ sah, eine Empfindung, oder Empfindungen, die man durch die Worte “Das ist leicht!” beschreiben kann. Eine solche Empfindung ist z.B. ein schnelles leichtes Einziehen des Atems, ähnlich wie bei einem leichten Schreck.

§EPB

183[4] &
184[1] &
185[1]

Soll ich nun sagen, der Satz “B kann die Reihe fortsetzen” heiße, daß einer der eben beschriebenen Vorgänge stattfindet? Ist es nicht klar, daß dieser Satz nicht der gleiche ist, wie der, B falle die Formel ein, an=+n+1? Dabei kann es keinen Unterschied machen, ob dieses Einfallen, darin besteht, daß die Formel vor B's geistigem Auge erscheint, oder ob er die Erfahrung hat, sie vor sich hinzuschreiben, sie auszusprechen, oder aus einer Reihe aufgeschriebener Formeln mit dem Blick auszuwählen. – “Hätte ein Papagei die Formel ausgesprochen, so würden wir nicht sagen, er könne fortsetzen; also bedeutet ‘fortsetzen können’ mehr als die Formel aussprechen; & etwas mehr als alle andern Vorgänge, die wir sonst noch beschrieben haben. Also war das Aussprechen der Formel nur ein Symptom dafür, daß B verstanden hatte, aber nicht das Verständnis selbst.” – Das ist eine irreführende Ausdrucksweise, denn es scheint nun hier als gäbe es einen Vorgang oder Zustand, die “Fähigkeit fortzusetzen”, der unsern Augen irgendwie verborgen ist; dagegen nehmen wir leicht eine Reihe von Nebenerscheinungen wahr, die Symptome der eigentlichen Fähigkeit (wie eine Entzündung der Nasenschleimhäute durch's Niesen). Wenn man sagt: es muß doch, wenn B fortsetzen kann, noch etwas hinter dem bloßen Aufschreiben der Formel liegen, da wir dieses allein nicht die ‘Fähigkeit fortzusetzen’ nennten, – so ist hier ja das Wort ‘dahinter liegen’ bildlich gebraucht; & wir können antworten: ‘Hinter’ dem Aufschreiben der Formel liegen die Umstände, unter denen es geschieht. Es ist wahr: “B schreibt die Formel nieder” sagt, im allgemeinen, nicht das Gleiche wie “B kann fortsetzen”; daraus folgt aber nicht, daß dieser Satz im besondern Fall von einem andern Vorgang redet, als jener. Unser Irrtum ist ähnlich dem: Wir sagen jemandem “Das Wort ‘Sessel’ bedeutet nicht diesen besonderen Sessel”; darauf sucht er nach dem Ding, das eigentlich ‘Sessel’ heißt (Eine noch bessere Illustration wäre es, wenn er versuchte im Sessel das zu finden was ‘Sessel’ heißt.)

§EPB

185[2] &
186[1]

Es ist klar: wenn wir, mit Bezug auf das Aussprechen oder Anschreiben einer Formel, etc., sagen, B habe das Gesetz erfaßt, er könne fortsetzen, so sagen wir dies eines Zusammenhangs wegen, der erfahrungsmäßig zwischen dem Anschreiben einer solchen Formel & dem Fortsetzen einer Reihe besteht. Und dieser Zusammenhang bedarf ja keiner Erklärung. – Nun denken wir vielleicht, der Satz “B kann fortsetzen” sage: “B tut etwas, was erfahrungsmäßig zum Fortsetzen der Reihe führt”. Aber meint das B, wenn er sagt, “ich kann fortsetzen”? Schwebt ihm jener Satz dabei im Geiste vor? Oder ist er bereit, ihn als Erklärung dessen zu sagen wenn wir ihn fragen, was er meint? Wie man sagt: “Ja, ich kann hingehen, – d.h., ich habe Zeit.”) Es ist aber so: Der Satz, “B kann die Reihe fortsetzen”, ist richtig gebraucht, wenn B die Formel einfällt – nämlich unter gewissen Umständen. Z.B., wenn er Algebra gelernt hat, oder solche Formeln schon benützt hat, u.s.f.. – Das heißt aber nicht, jener Satz sei eine abgekürzte Form der Beschreibung aller jener Umstände, die den Hintergrund unseres Sprachspieles bilden. Denke nur daran, wie Du den Gebrauch so eines Ausdrucks “Jetzt kann ich fortsetzen”, “Jetzt weiß ich weiter” lernst. Denke an das Sprachspiel, das Du etwa spielen würdest. Unter gewissen Umständen werden wir statt “Jetzt kann ich fortsetzen” sagen: “Jetzt ist mir die Formel eingefallen”. Oder: “Jetzt kann ich fortsetzen, – ich meine, ich weiß die Formel.” – Die Frage “Kann er schon sprechen?” bedeutet unter gewissen Umständen dasselbe wie: “Ist sein Katarrh geheilt?” – unter andern Umständen dasselbe wie: “Hat er schon sprechen gelernt?”. Auf die Frage “Kann er schon gehen?” antwortet der Arzt einfach “Sein Fuß ist geheilt”. Wir sagen auch: “Er kann gehen, was den Zustand seines Beins anbelangt”, wenn wir nämlich diese Bedingung seines Gehens andern Bedingungen entgegensetzen (seiner Müdigkeit etwa). Hier müssen wir uns hüten, zu glauben, es gäbe, nun entsprechend je nach der Natur des Falles, eine Gesamtheit aller Bedingungen – z.B. dafür, daß der Patient gehe – so daß er, sozusagen, nicht anders als gehen könnte, wenn sie alle erfüllt sind.

§EPB

186[2] &
187[1]

Man kann auch sagen: Wir verwenden den Ausdruck “B kann die Reihe fortsetzen”, um verschiedenerlei Unterscheidungen zu machen. Er unterscheidet einmal zwischen dem Fall dessen, der die Formel kennt & dessen der sie nicht kennt; oder zwischen dem Fall dessen, der die arithmetischen Rechnungsarten beherrscht & dem Fall dessen, der sie nicht beherrscht; oder zwischen dem Fall eines Menschen im normalen Zustand, & dem Fall dieses Menschen im Zustand außerordentlicher Zerstreutheit (die Reihe sei etwa 2, 4, 6, 8 etc.); oder zwischen dem Fall Eines, der derlei Übungen schon oft gemacht hat & dem eines Anfängers; oder zwischen dem Fall dessen der tatsächlich die angefangene Reihe weiterschreibt & dessen, der ratlos vor ihr steht. Dies sind nur einige Glieder einer großen Familie. – “Aber diesen Fällen ist doch gewiß etwas gemeinsam!” – Gewiß, – die Situation ist ja in allen eine ähnliche. – Oder meinst Du, das sei das Gemeinsame, daß B, wenn er nicht fortsetzen kann, in allen Fällen die Reihe nicht fortsetzt? Aber das Fortsetzen ist ja wieder nicht die Fähigkeit! – “Aber kann man nicht sagen, in allen diesen Fällen setze er die Reihe nicht fort, bemühe sich aber, sie fortzusetzen?” – Vielleicht; aber sieh nun, wie verschiedenerlei es in allen diesen Fällen heißt, ‘sich zu bemühen’!

§EPB

187[2]

Die Frage, ob in einem Fall wie (66), z.B., der Satz “er kann fortsetzen” den gleichen Sinn habe, wie “er kennt die Formel” kann man mit ‘ja’ & ‘nein’ beantworten. Man kann sagen: sie haben nicht den gleichen Sinn, denn sie werden nicht allgemein als gleichbedeutend gebraucht, wie z.B. die Ausdrücke ‘er ist alt’ & ‘er ist betagt’. Oder man kann sagen: Unter diesen Umständen hat der zweite denselben Sinn wie der erste. (Siehe (53)) Es ist auch gleichgültig welches von beiden wir sagen, denn den wahren Stand der Dinge kann man doch nur sehen wenn man den speziellen Fall untersucht.

§EPB

187[3] &
188[1]

Stellen wir nun folgende Frage: Angenommen, B sagt in irgend einem der Fälle, “Jetzt kann ich fortsetzen”, wenn wir ihn nun aber auffordern fortzusetzen, zeigt er sich dazu nicht fähig: Sollen wir nun sagen, dies zeigt daß er Unrecht hatte zu sagen, er könne fortsetzen, oder aber, daß er möglicherweise fortsetzen konnte, als er sagte, er könne es. Soll B selbst in so einem Falle sagen: “Ich sehe jetzt, daß ich Unrecht hatte” –, oder: “Ich konnte es, damals, aber jetzt kann ich es nicht”? Es gibt Fälle, in denen er das eine, & Fälle, in denen er das andere mit Recht sagen wird. Nimm an: a) als er sagte, er könne fortsetzen, stand die Formel vor seinem Geiste; aber als er nun fortsetzen sollte, hatte er sie vergessen oder b) als er sagte, er könne fortsetzen, hatte er sich die nächsten fünf Glieder der Reihe vorgesagt; nun aber sind sie ihm entfallen– oder c) er hatte die Reihe für sich fortgesetzt, nämlich einige weitere Glieder ausgerechnet; nun weiß er diese noch; aber er hat vergessen, wie er sie berechnet hat – oder d) er sagt: “damals hatte ich das Gefühl, ich weiß jetzt weiter, nun kann ich's nicht” – oder e) “ Als ich sagte, ich könne das Gewicht heben, da war ich gesund” – oder f) “Ich dachte ich könnte es heben, aber es geht nicht.” – oder g) “Ich dachte ich könnte das Gedicht noch auswendig, aber es geht nicht mehr” – oder h) “Ich dachte ich wußte die richtige Formel, aber es war ein Irrtum.” Etc.

§EPB

188[2] &
189[1]

Beispiele wie diese müßte man ergänzen durch solche, die die Mannigfaltigkeit im Gebrauch der Wörter ‘vergessen’ & ‘versuchen’ zeigen. Denn unsere Verwendung dieser Wörter hängt eng mit der des Wortes ‘können’ zusammen. Denke an diese Erfahrungen des Vergessens: a) Als er sagte er könne fortsetzen, hatte B sich die Formel vorgesagt, nun aber ist sie ihm völlig entfallen (‘wie weggewischt’). b) Er hatte sich damals die Formel vorgesagt, jetzt aber ist er unsicher, war es 2n oder 3n. c) Jemand hat einen Namen vergessen & ‘er liegt ihm auf der Zunge’. d) Er weiß nicht, kommt es ihm nur so vor, als hätte er den Namen gewußt, oder hat er ihn vergessen.

§EPB

189[2]

Und nun betrachte diese Fälle: a) Jemand versucht eine Türe zu öffnen, indem er mit aller Kraft zieht. b) Er versucht eine Kassentür zu öffnen indem er mehrere Kombinationen versucht. c) Er versucht es indem er die Knöpfe dreht & an der Türe horcht. d) Er versucht, sich an die Kombination zu erinnern. (Und denke an die Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten, die wir mit diesen Worten beschreiben.)

e) Versuche ein Quadrat mit seinen Diagonalen zu zeichnen, während Du durch einen Spiegel aufs Zeichenpapier schaust. Vergleiche diesen Fall, in welchem man, sozusagen, nicht weiß, ‘was man tun soll’, damit sich die Hand so bewegt, wie man es wünscht, mit dem Fall (a), in dem die Hand gegen einen Widerstand bewegt werden soll.

§EPB

190[1]

Denke auch an die Klasse von Fällen, in welchen wir sagen: “Ich kann es tun, aber ich will nicht”, in welchen wir uns also nicht bemühen. “Ich könnte, wenn ich es versuchte” (z.B. 50 kg heben); “Ich könnte, wenn ich wollte” (z.B. das ABC hersagen).

§EPB

190[2]

Man möchte vielleicht sagen, der einzige Fall, in welchem es unbedingt richtig ist, zu sagen, ich könne etwas tun, sei der, in welchem ich es wirklich ausführe während ich dies sage. In allen anderen Fällen solle es heißen: “Ich kann es tun, was das & das anbelangt”. Nur im ersten Fall habe ich den wirklichen Beweis meiner Fähigkeit geliefert.

§EPB

190[3]

Wir können uns ein Sprachspiel

69 denken, in welchem ein Wort (ich gebe es durch ‘kann’ wieder) in der Satzform ‘ich kann das & das tun’ nur dann verwendet wird, wenn man die betreffende Tätigkeit zur Probe ausführt, während man den Satz sagt.

§EPB

190[4] &
191[1]

In dieser Sprache wird also dieser besondere Fall durch ein eigenes Wort hervorgehoben. – Aber nun sieht man, daß kein metaphysischer Unterschied besteht zwischen diesem Sprachspiel & andern, früher beschriebenen. Ein solches Sprachspiel zeigt übrigens, welchen Sinn es haben kann, zu sagen “Wenn etwas geschieht, so kann es jedenfalls geschehen”, – ein so gut wie unnützer Satz unserer Sprache. (Es scheint gerade darum, als habe er einen sehr klaren & tiefen Sinn. Aber, wie viele allgemeine philosophische Prinzipien, ist er sinnlos, außer in sehr speziellen Fällen, an die der Philosoph gar nicht denkt.) Jener Satz ist ähnlich dem: “Wenn dieser Körper sich hier befindet, so muß für ihn auch Platz sein”. Wir denken es wäre die Möglichkeit eine Bedingung der Wirklichkeit. Als wäre der Satz analog dem: “Wenn dieser Körper sich hier befindet, so muß der andre fortgeschafft worden sein”. Als legte ein Ereignis durch seine Wirklichkeit die Probe ab für seine Möglichkeit. – Denke Dir ich sage zu jemandem: “A hat sich den Fuß gebrochen, er kann nicht gehen”. – Er antwortet: “Hier geht er ja!” – Ich: “Ja, dann kann er also doch gehen”. – Hier mache ich allerdings den Schluß nach der Regel: “Wenn etwas geschieht, dann kann es geschehen” – wie man sie etwa ausdrückt. Angenommen aber, A sei damals nicht auf natürliche Weise gegangen, sondern etwa durch einen übernatürlichen Einfluß dazu gebracht worden, einmal einige Schritte zu gehen; – würde ich nun meinen Satz, er könne also doch gehen, aufrecht erhalten? – Wenn ich ihn nun zurücknehmen will & der Andere sagt: “Das gibt es nicht! A ist gegangen, also mußte er auch gehen können”, – werde ich das nicht als (sinnloses) Geschwätz zurückweisen? Das Raisonnement ist etwa so: “Wenn etwas geschieht, so kann es geschehen. Denn hätte es nicht geschehen können, – so hätte es nicht geschehen können”. Und das heißt nichts. – Man könnte hier sagen: Weil etwas geschieht, so kann es darum noch nicht geschehen.

§EPB

191[2]

70 Du kannst Dir eine Sprache denken (ähnlich (53)), in der es für einen Satz, wie “Ich hebe 50 kg”, zwei Ausdrucksweisen gibt: Die eine wird verwendet, wo die Tätigkeit zur Probe geschieht, um die Fähigkeit darzutun (z.B. vor einem Wettkampf), die andere bei allen andern Anlässen. – “Wenn Einer springt, so zeigt er, daß er springen kann.” – “Nein, einmal springt er, ein andermal zeigt er, daß er springen kann!”

[Was zeigt dies?]

§EPB

191[3] &
192[1]

Wir sehen, ein weitverzweigtes Netz von Familienähnlichkeiten verbindet die Fälle in denen der Ausdruck der Möglichkeit, Fähigkeit gebraucht wird; in denen wir sagen etwas könne geschehen etc. Gewisse charakteristische Züge erscheinen in diesen Fällen in verschiedenen Verbindungen. Z.B. das Element der Voraussage des zukünftigen Verhaltens, der Beschreibung eines Zustands der Bedingung für ein gewisses Verhalten, der Aussage über Proben des Verhaltens.

§EPB

192[2]

Vielleicht das wichtigste dieser Elemente ist das der Aussage über den Zustand. Wir haben eine starke Neigung, das Verhalten eines Gegenstandes aufzufassen als Folge seines Zustands.

Dies spiegelt sich in dem Ausdrucke unserer Sprache “er ist im Stande etwas zu tun”, oder “er besitzt die Fähigkeit”; im Gebrauche des Präsens: “er kann Schach spielen”, “er kann große Zahlen im Kopf mit einander multiplizieren”, etc.

§EPB

192[3] &
193[1]

Die Fähigkeit zur Lösung mathematischer Probleme, etc. stellen wir uns als einen gewissen Zustand, als einen gewissen Bau, der menschlichen Seele vor. So auch denken wir uns das Gedächtnis als einen Speicher für die Eindrücke, die wir erhalten. – Denke daran, wie sicher die meisten Menschen sind, es müsse der Fähigkeit des Multiplizierens, des Aufsagens eines Gedichts, etc. etwas im Zustande, oder Bau, des Gehirns entsprechen; obwohl sie doch über so einen psychophysiologischen Parallelismus so gut wie gar nichts wissen. Wir haben eine überwältigende Neigung, die Erscheinungen, die wir in so einem Falle wirklich beobachten, durch das Symbol eines Mechanismus darzustellen, dessen Arbeiten wir eben in diesen Erscheinungen wahrnehmen. Die Möglichkeit dieser Erscheinungen liegt in der Beschaffenheit des Mechanismus; diese ist die Fähigkeit.

§EPB

193[2] &
194[1]

Schauen wir nun zurück auf die Diskussion des Sprachspiels (47). Es war keine rechte Erklärung, zu sagen, B werde dann von den Kombinationen der Buchstaben geführt, wenn er auch andere Befehle ausführen könnte. – Ja, als wir fragten ob B in (47) von den Zeichen geführt werde, oder nicht, waren wir immer in Versuchung zu sagen, wir könnten dies nur entscheiden, wenn wir in die eigentliche Verbindung hineinsähen, zwischen dem Sehen der Zeichen & dem Handeln nach ihnen. Denn wir haben ein bestimmtes Bild davon, was wir in einem Mechanismus ‘Führung eines Teils durch andre Teile’ nennen würden. – Und zwar fällt uns, wenn wir über das Geführtwerden durch die Zeichen nachdenken, sofort ein Mechanismus von der Type des Pianolas ein. Hier haben wir den klaren Fall der Führung: das Spiel der Klaviertasten geführt durch die Perforierung des Papierstreifens. Wir könnten den Ausdruck gebrauchen: das Pianola läse die Perforierungen der Rolle herunter. Und man könnte Gruppen solcher Perforierungen ‘komplexe Zeichen’, oder ‘Sätze’, nennen, – wenn man ihre Funktion entgegenstellt der Funktion ähnlicher Einrichtungen in einer andern Type von Mechanismen. Z.B. der Funktion der Zähne eines Schlüsselbartes. Der Riegel des Schlosses wird von dieser bestimmten Zusammenstellung von Zähnen bewegt. Aber wir werden nicht sagen, die Bewegung des Riegels werde geführt durch die Aufeinanderfolge dieser verschiedenen Zähne. D.h. der Riegel bewegt sich nicht ‘dieser Aufeinanderfolge gemäß’.

§EPB

194[2]

Man sieht hier den Zusammenhang zwischen der Idee des Geführtwerdens & der der Fähigkeit neue Zeichenverbindungen zu lesen: Denn wir können sagen, das Pianola könne irgend eine Kombination der Perforierungen lesen; es ist nicht zum Erzeugen einer bestimmten Tonfolge gebaut; während der Riegel des Schlosses nur von der Anordnung der Zähne bewegt wird die durch den Bau des Schlosses vorausbestimmt ist. – Wir könnten sagen, die Zähne des Schlüsselbartes seien nicht vergleichbar den Wörtern eines Satzes, sondern Buchstaben eines Worts; der Bart des Schlüssels entspräche nicht einem Satz, sondern einem Wort.

§EPB

195[1]

Nun ist aber klar daß in den Fällen (46), (47) von solchen Mechanismen nicht die Rede ist; wenn wir diese auch als Gleichnisse gebrauchen können dazu, um das Verhalten des B zu beschreiben. Der Gebrauch des Wortes “geführt werden” im Falle des Pianolas ist nur einer aus einer Familie verwandter Arten des Gebrauchs. Wenn wir jenen auch oft als Gleichnis, als Darstellungsart, der andern verwenden möchten.

§EPB

195[2] &
196[1] &
197[1]

Es wird uns nun helfen, wenn wir über den Begriff des Geführtwerdens klar werden wollen, den Begriff des Lesens zu betrachten. Mit ‘Lesen’ meine ich hier die Tätigkeit Geschriebenes, Gedrucktes in Laute umzusetzen, auch nach Diktat zu schreiben, oder Gedrucktes abzuschreiben, u. dergl., ohne, daß es dabei auf das Verstehen dessen, was man liest, ankommt. Der Gebrauch des Wortes ‘lesen’ ist uns unter den Umständen unseres gewöhnlichen Lebens natürlich außerordentlich wohl bekannt. (Es würde außerordentlich schwer sein, diese Umstände auch nur in groben Zügen zu beschreiben.) Ein Mensch, etwa ein Deutscher, ist als Kind, in der Schule, oder zu Hause, durch eine der bei uns gebräuchlichen Unterrichtsarten gegangen, er hat gelernt seine Muttersprache zu lesen; später liest er Bücher, die Zeitung, Briefe, etc..– Was geht nun vor sich, wenn er die Zeitung liest? – Seine Augen gleiten den gedruckten Wörtern entlang, er spricht sie laut aus, oder sagt sie nur zu sich selbst; aber gewisse Wörter sagt er, indem er ihre gedruckte Form als Ganzes auffaßt, andere nachdem er ihre ersten Buchstaben gesehen hat, andere wieder liest er vielleicht Buchstabe für Buchstabe. Wir würden auch sagen, er habe einen Satz gelesen, wenn er, während seine Augen über ihn gleiten weder laut noch zu sich selbst spricht, aber dann im Stande ist, den Satz wörtlich, oder doch annähernd, wiederzugeben. Er kann auf das achten, was er liest, aber er kann auch, wie wir sagen könnten, als bloße Lesemaschine funktionieren, ich meine, das Gedruckte laut & richtig lesen, ohne aber auf die Worte die er liest zu achten, vielleicht während seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ist. So daß er nicht im Stande ist zu sagen, was er gelesen hat, wenn wir ihn gleich darauf fragen. – Vergleiche nun mit einem solchen Leser einen Anfänger in der Schule. Er liest die Wörter, indem er sie mühsam buchstabiert. Einige Wörter aber errät er einfach aus ihrem Zusammenhang, oder er weiß vielleicht das Stück schon auswendig. Der Lehrer sagt dann, daß er die Wörter nicht wirklich liest oder, daß er vorgibt sie zu lesen. Wenn wir an diesen Fall denken & uns fragen worin ‘lesen’ besteht, werden wir geneigt sein, zu sagen, es sei eine bewußte geistige Tätigkeit. In so einem Falle sagen wir auch: “Nur er weiß natürlich, ob er liest, niemand andrer kann es wissen”. Und doch müssen wir zugeben– was das Lesen eines bestimmten Wortes anbelangt– daß dabei in der Seele im Geiste des Anfängers, der ‘vorgibt’ zu lesen, genau dasselbe vorsichgehen konnte, wie im Geiste des fließenden Lesers. Wir gebrauchen das Wort ‘lesen’ anders, wenn wir vom geübten Leser sprechen, als wenn wir vom Anfänger sprechen. Was wir im Fall des ersten ein ‘Lesen’ nennen, nennen wir nicht ‘lesen’ im Fall des Anfängers. Wir möchten freilich sagen, das was im geübten Leser & was im Anfänger geschieht, wenn sie das Wort aussprechen, kann nicht dasselbe sein. Der Unterschied liege, wenn nicht in ihrem Bewußtsein, so im Unbewußten ihres Geistes, oder in ihrem Gehirn. Wir denken hier an zwei Mechanismen, Vorrichtungen; wir können nicht sehen, wie sie arbeiten, aber dieses Arbeiten entscheidet lesen oder nicht-lesen. Der Unterschied liege, wenn nicht in dem, was ihnen gerade bewußt ist, so im Unbewußten, oder in ihrem Gehirn. Wir stellen uns hier zwei Mechanismen vor; wir können nicht in sie hinein sehen, aber was in ihnen vorgeht, das unterscheidet Lesen vom NichtLesen. – Aber wir kennen ja in diesen Fällen keine solchen Mechanismen. – Überlegen wir uns das Folgende:

§EPB

197[2] &
198[1]

71 Denke Dir, es würden von uns Menschen, oder Tiere, als Lesemaschinen benützt. Sie werden zu diesem Zwecke einer Abrichtung unterzogen. Der Lehrer, der sie abrichtet, sagt von Einigen, daß sie schon lesen können, von Andern, sie können es nicht. Nimm den Fall eines Schülers, der bisher nicht angebissen hat: zeigt man ihm ein geschriebenes Wort, so wird er manchmal Laute aussprechen, & hie & da geschieht es dann ‘zufällig’, daß sie ungefähr stimmen. Ein Dritter hört diesen Schüler gerade in so einem Fall & sagt, “Er liest”. Aber der Lehrer sagt: “Nein, er liest nicht; es war nur ein Zufall”. – Nehmen wir aber an, daß dieser Schüler, wenn wir ihm nur weitere Wörter & Sätze zeigen, auf diese fortgesetzt richtig reagiert. Nach einiger Zeit sagt der Lehrer: “Jetzt kann er lesen”. Aber wie war es mit jenem ersten Wort? Soll der Lehrer sagen: “Ich hatte mich geirrt, er hatte doch gelesen”– oder soll er sagen: “Er hat erst später angefangen wirklich zu lesen”? Wann hat er wirklich zu lesen angefangen? Welches war das erste Wort das er las oder welcher der erste Buchstabe? – Diese Frage ist hier sinnlos. – Es sei denn, wir gäben eine künstliche Erklärung, etwa: “Das erste Wort das er liest = das erste der ersten Reihe von 50 Wörtern, die er fehlerlos liest”. Verwenden wir aber das Wort ‘lesen’ für einen bestimmten Bewußtseinsvorgang (Empfindungen) des Lesens der Buchstaben, – dann könnte der Lesende sagen, daß dieses Wort das erste war, welches er wirklich gelesen hat.

§EPB

198[2]

Oder in dem hiervon verschiedenen Fall einer Maschine, die, etwa ähnlich dem Pianola, Zeichen mit Lauten verbände, könnte man sagen: “Erst nachdem das & das an der Maschinerie geschehen war – etwa gewisse Teile durch Drähte verbunden worden waren – fing die Maschine an zu lesen; der erste Buchstabe, den sie gelesen hat, war …”.

§EPB

198[3] &
199[1]

Im Falle (71) war ein Wesen eine ‘LeseMaschine’, wenn es auf gedruckte Zeichen, die man ihm vorlegt, in bestimmter Weise reagierte. Von keiner Verbindung zwischen dem Sehen des Zeichens & der Reaktion, von keinem seelischen Mechanismus, ist in diesem Fall die Rede. Der Lehrer kann auch vom Abgerichteten nicht sagen: “Vielleicht hat er dieses Wort gelesen”, – denn es ist ja kein Zweifel darüber, was er getan hat. – Die Veränderung, als der Schüler zu lesen anfing, war eine Veränderung des Verhaltens (im allgemeinen); & der Ausdruck “das erste Wort im neuen Zustand” hat hier keinen Sinn erhalten. (Vergleiche damit diesen Fall:

∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙

In dieser Figur folgt eine Reihe von Punkten in weiten Abständen einer Reihe von Punkten in engen Abständen. Welches ist (von links nach rechts) der letzte Punkt der ersten Reihe & welches der erste Punkt der zweiten? Angenommen diese Punkte wären Löcher in der Scheibe einer Sirene; dann würden wir einen hohen Ton hören, der auf einen tiefen folgt. In welchem Augenblicke hört der tiefe Ton auf & fängt der hohe an?)

§EPB

199[2] &
200[1]

Wir sind aber versucht zu sagen, das einzige wirkliche Kriterium des Lesens sei der uns bewußte Akt des Lesens, ein bestimmter Bewußtseinsvorgang; denn “ein Mensch muß doch selber wissen, ob er wirklich liest, oder bloß vorgibt zu lesen”. – Angenommen A will den B glauben machen, er könne cyrillische Schrift lesen. Er lernt einen russischen Satz auswendig & sagt ihn dann, während er auf den gedruckten Satz schaut als läse er. Wir werden hier gewiß sagen, A wisse, daß er nicht liest, & er empfinde, während er zu lesen vorgibt, daß er dies tue. Denn es gibt natürlich eine Menge für das Lesen eines gedruckten oder geschriebenen Satzes charakteristische Erfahrungen; es ist nicht schwer, sich eine Reihe von ihnen ins Gedächtnis zu rufen (denke an Empfindungen des Stockens, genauer Hinsehens, Verlesens, der größeren & geringeren Geläufigkeit der Wörter, etc.). Und ebenso gibt es eine Menge charakteristischer Erfahrungen für das Hersagen von etwas auswendig Gelerntem. – Und A wird, in unserm Fall keine von denen haben die für das Lesen charakteristisch sind, & er wird etwa eine Reihe von Empfindungen & Gedanken haben, die für das Schwindeln charakteristisch sind. –

§EPB

200[2]

Denke Dir aber diesen Fall:

72 Wir geben jemandem, der fließend lesen kann, etwas zu lesen, was er nie vorher gesehen hat. Er liest es uns vor; aber mit den Empfindungen des Aufsagens von etwas was er auswendig weiß. (Vielleicht durch Einfluß irgend eines Giftes, das er genossen hat.) Würden wir in einem solchen Fall sagen, er läse das Stück nicht wirklich? Würden wir also hier seine Empfindung als Kriterium dafür gelten lassen, ob er liest oder nicht?

73 Oder diesen Fall: Wenn man einem Menschen, der unter dem Einfluß eines bestimmten Giftes steht, eine Reihe geschriebener Zeichen vorlegt, die keinem existierenden Alphabet angehören, so spricht er, je nach der Anzahl der Zeichen, Wörter aus, als wären jene Schriftzeichen die Buchstaben dieser Wörter & als habe er sie gelesen. Dies geschieht mit allen äußeren Zeichen & mit den persönlichen Empfindungen des Lesens. (Solche Erfahrungen haben wir übrigens in Träumen. Nach dem Aufwachen sagen wir dann etwa: “Es kam mir vor, ich läse diese Zeichen, – obwohl es ja gar keine Zeichen sind.”)

§EPB

200[3] &
201[1]

In so einem Fall würden manche geneigt sein zu sagen, der Mann lese, Andre, er lese nicht. – Angenommen er habe nun eine Gruppe von fünf Zeichen als das Wort “Nagel” gedeutet. Nun zeigen wir ihm andere Kombinationen derselben Zeichen & er deutet in allen weiteren Versuchen jedes der Zeichen so, legt ihm den gleichen Laut bei, wie das erste Mal. In diesem Falle wären wir vielleicht geneigt, zu sagen, er benütze ein imaginäres Alphabet & er lese die Zeichen.

§EPB

201[2]

Bedenke auch, daß es eine kontinuierliche Reihe vermittelnder Fälle gibt zwischen dem Fall, in welchem jemand das schon auswendig weiß, was er lesen soll, & dem, in welchem er jedes Wort Buchstabe für Buchstaben liest, ohne jede Hilfe des Erratens aus dem Zusammenhang, des Auswendig-Wissens, etc.

§EPB

201[3]

74 Mache diesen Versuch: Sage die Zahlenreihe von 1 bis 12. – Nun schau auf das Zifferblatt Deiner Uhr & lies diese Reihe. – Frage Dich, was Du in diesem Falle lesen genannt hast. Das heißt, was hast Du getan, um es zu einem Lesen zu machen?

§EPB

201[4]

Versuchen wir diese Erklärung: Jemand liest, wenn er die Reproduktion von der Vorlage ableitet. (Ich nenne ‘Vorlage’ das, was er liest; ob er es laut liest, abschreibt, ob es das Diktat ist, nach welchem er schreibt, oder die Partitur, die er spielt, etc. etc.) Wenn wir nun jemand das cyrillische Alphabet gelehrt hätten & wie jeder Buchstabe auszusprechen sei; wenn wir ihm dann ein Lesestück vorlegen & er buchstabiert es, indem er jeden Buchstaben so ausspricht, wie wir es ihn gelehrt haben; dann werden wir gewiß sagen können, er leite den Klang jedes Wortes aus dem Schriftbild des Wortes ab. Und dies ist auch ein klarer Fall des Lesens. (Wir könnten sagen: wir haben ihn die Regel des Alphabets gelehrt.)

§EPB

201[5] &
202[1]

Aber warum sagten wir hier, er habe das gesprochene Wort vom geschriebenen mit Hilfe der Regel des Alphabets abgeleitet? Wissen wir mehr als, daß wir ihn gelehrt haben, wie jeder Buchstabe auszusprechen sei, & daß er dann die gedruckten Worte laut gelesen habe? Wir möchten antworten, daß er es irgendwie gezeigt haben muß, daß er den Übergang vom Druckbild zum ausgesprochenen Wort mit Hilfe der Regel mache, die wir ihm gegeben haben.

§EPB

202[2]

75 Und was wir damit meinen, daß er das zeigt, ist klarer zu sehen, wenn wir unser Beispiel dahin abändern, daß er, statt einen gedruckten Text laut zu lesen, ihn abschreibt, z.B. aus der Blockschrift in die Kursivschrift. Denn hier konnten wir ihm die Regel des Alphabets in Form einer Tabelle geben die Block- & Kursivbuchstaben einander zuordnet. Dann können wir uns das Ableiten der Umschrift aus der Vorlage so vorstellen: Er schaut, ehe er einen Buchstaben niederschreibt, oder doch öfters, in der Tabelle nach; er sagt etwa zu sich selbst “Wie schaut ein kleines ‘A’ aus?”, – versucht es sich vorzustellen, ohne in die Tabelle zu schauen, etc.

§EPB

202[3] &
203[1]

Aber wie, wenn er das alles täte und dabei

76 ein ‘A’ in ein ‘b’ umschriebe, ein ‘B’ in ein ‘c’, u.s.f. und ein ‘Z’ in ein ‘a’? Würden wir das nicht ‘lesen’ oder ‘ableiten’ nennen? Wir könnten in diesem Fall sein Vorgehen so beschreiben: Er benütze die Tabelle, wie wir sie benützen würden, wenn wir in ihr nicht horizontal von links nach rechts sähen, also so:

,

sondern so:

Obwohl er beim Nachschauen in der Tabelle gerade von links nach rechts geblickt, oder mit dem Finger gezeigt, hatte.

§EPB

203[2]

77 – Aber sagen wir nun, er transkribiere, mit allen normalen Vorgängen des Nachschauens in der Tabelle, ein ‘A’ in ein ‘n’, ein ‘B’ in ein ‘x’, – kurz er transkribiere nicht nach einem Schema, welches, wie wir sagen würden, irgend eine einfache Regelmäßigkeit aufweist: könnten wir dies nicht auch ‘ableiten’ nennen?

§EPB

203[3]

78 Aber nimm an, er bleibe nicht bei seiner Art der Transkription; sondern ändere sie nach einer einfachen Regel: Hat er einmal ein ‘A’ in ein ‘n’ umgeschrieben, so schreibt er das nächste ‘A’ in ein ‘o’, das nächste in ein ‘p’ um, etc. Aber wo ist die Grenze zwischen diesem Vorgehen & einem gänzlich regellosen? –

§EPB

203[4] &
204[1]

Nun könnte man einwenden, ich habe im Falle (76) doch offenbar angenommen, daß er die Tabelle in einer andern als der gewöhnlichen Weise versteht. Aber was nennen wir, ‘die Tabelle in der & der Weise auffassen’? Wie immer Du Dir den Vorgang des ‘Auffassens’ vorstellst, so ist er doch nur ein Glied zwischen den Vorgängen des Ableitens, die ich beschrieben habe & dem Transkribieren selbst. Ja diese ‘Auffassung’ könnte wieder mit einem Schema von Pfeilen beschrieben werden; & wir könnten dann sagen, daß er, z.B., die Tabelle so nachgeschaut:

,

so verstanden:

& so transkribiert habe:

§EPB

204[2]

Aber heißt das nun, daß das Wort “ableiten” (oder “auffassen”) nichts Eigentliches bedeute; da es ja scheint, daß sein Sinn, wenn wir ihm nachgehen, in nichts zerfließt?

§EPB

204[3]

Im Falle (75) stand die Bedeutung des Wortes “ableiten” ganz klar vor uns. Aber wir sagten uns, dies sei ja nur ein ganz spezieller Fall des Ableitens. Das Wesentliche dieses Vorganges zeigte sich uns hier in einem besonderen Gewand & es schien, daß wir ihm dieses besondere Gewand nehmen müßten, um das Wesentliche zu sehen. In den Beispielen (76), (77), (78) versuchten wir dies zu tun, nur um zu finden, daß das, was ein Kleid zu sein schien zum Wesentlichen des Falles selbst gehörte. (Es war als hätten wir versucht, die eigentliche Artischocke zu finden, indem wir sie ihrer Blätter entkleideten.)

§EPB

204[4] &
205[1]

Das Ableiten ist allerdings in (75) dargestellt; d.h., dieses Beispiel zeigt uns einen aus der Familie der Fälle, in denen dieses Wort gebraucht wird. Und die Erklärung, wofür dieses Wort gebraucht werde, – oder das Wort ‘lesen’, oder der Ausdruck ‘geführt werden’– besteht in Beispielen, welche charakteristische Züge des Gebrauchs vor Augen führen. Manche dieser Beispiele werden einen solchen Zug in übertriebener Form darstellen, manche in Übergangsformen, manche werden uns sein Abklingen zeigen. Stelle Dir vor, es wollte Dir jemand einen Begriff geben von den besonderen Gesichtszügen der Mitglieder einer gewissen Familie. Er tut dies, indem er Dir Familienportraits zeigt & auf die charakteristischen Züge in ihnen hinweist. Seine Aufgabe wird darin liegen, Dir diese Bilder in der richtigen Folge & in den richtigen Zusammenstellungen zu zeigen; so daß Du z.B. sehen kannst, wie gewisse Einflüsse die Züge der Familie nach & nach geändert haben; oder, in welcher besondern Weise diese Gesichter altern, welche Gesichtszüge dabei besonders hervortreten, etc.

§EPB

205[2]

Es war nicht das die Aufgabe unserer Beispiele, das Wesen des Ableitens, Lesens, u.s.f., durch einen Schleier unwesentlicher Züge sehen zu lassen. Und die Beispiele waren nicht Beschreibungen eines Äußern zu dem Zweck, uns einen Kern raten zu lassen, den wir aus irgend einem Grund nicht in seiner Nacktheit zeigen konnten. Wir sind versucht, zu denken, daß diese Beispiele indirekte Hilfsmittel sind, um in unserm Geist ein gewisses Bild, eine gewisse Idee, zu erzeugen; daß sie etwas andeuten, was sie nicht zeigen können. (Dies wäre etwa so, wenn ich jemandem ‘ein Bild davon geben möchte’, wie es war, als Leute in meiner Jugend Walzer tanzten.)

§EPB

205[3]

Unsere Methode ist rein beschreibend; die Beschreibungen, die wir geben, sind nicht Andeutungen von Erklärungen.

§EPB

205[4] &
206[1]

“Aber, lesen”– möchten wir sagen– “ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst Du's sehen; es geht da etwas Besonderes vor, was sich mit nichts anderm vergleichen läßt.”

Nun, was geht denn vor, wenn ich lese? Ich sehe gedruckte Wörter & spreche Wörter aus. Aber das ist natürlich nicht alles, denn ich könnte ja leicht gedruckte Wörter sehen & Wörter aussprechen & es wäre doch nicht lesen. Auch dann nicht wenn die Wörter die ich spreche die sind, die man von jenen gedruckten Wörtern, einem bestehenden Alphabet entsprechend, ablesen soll. Und wenn Du sagst, das Lesen sei ein ganz bestimmtes Erlebnis so spielt es ja dabei gar keine Rolle, ob Du nach einer von den Menschen allgemein anerkannten Regel des Alphabets liest, oder nicht. – Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? – Da möchte ich sagen, “Die gesprochenen Wörter kommen in besonderer Weise”. Nämlich sie kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. Sie kommen von selbst. Aber auch das ist nicht genug; denn mir können ja allerlei Wörter einfallen während ich auf die gedruckten schaue & ich habe diese damit doch nicht gelesen. Da könnte ich noch sagen, daß mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte mich z.B. etwas an sie. Sondern die gesprochenen Worte schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein gedrucktes Wort – wenn ich die Druckschrift kenne – gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des inneren Hörens des Worts.

§EPB

206[2] &
207[1] &
208[1]

Ich möchte z.B. nicht sagen: “Das (gedruckte) Zeichen “nichts” erinnert mich immer an den Laut “nichts””. Ich sagte doch die gesprochenen Worte kämen beim Lesen ‘in besonderer Weise’; aber in welcher Weise? Ist dies nicht eine Fiktion? Sehen wir uns einzelne Buchstaben an & geben acht in welcher Weise der Laut des Buchstabens kommt.

79 Lies den Buchstaben ‘A’. Nun wie kam der Laut? Wir wissen gar nichts darüber zu sagen. – Nun lies den 79 Buchstaben ‘a’ im Spiel (37) indem Du die entsprechende Bewegung mit der Hand machst! Wie kam diese Bewegung? anders als der Laut im vorigen Versuch? – Ich habe in die Tabelle geschaut & die entsprechende Bewegung gemacht; mehr weiß ich nicht zu sagen. – Nun schau auf das Zeichen

und laß Dir dabei einen Buchstaben einfallen; sprich ihn aus. Mir fiel der Laut ‘U’ ein, aber ich könnte nicht sagen, es war ein wesentlicher Unterschied in der Art & Weise, wie dieser Laut kam. Der Unterschied lag in der etwas andern Situation: ich hatte mir vorher gesagt, ich solle mir einen Laut einfallen lassen; es war eine gewisse Spannung da, ehe der Laut kam. Und mir fiel dabei nicht der Satz ein “das ist ein ‘U’”, wie er mir beim Anblick des Zeichens ‘U’ kommt. Auch war mir jenes Zeichen nicht vertraut, wie die Buchstaben; ich sah es gleichsam gespannt, mit einem gewissen Interesse für seine Form an, ich dachte dabei an ein umgekehrtes σ. Und wenn Du sagst, der Buchstabe A ‘erinnere’ Dich nicht an den Laut, wie etwa der Anblick eines Krokodils an das Wort ‘fressen’, so gibt es da Übergänge; Du könntest z.B. die Form

an einem Holzbock oder an einem Dachstuhl sehen & der Laut ‘a’ fiele Dir nicht ein; oder aber der Anblick könnte Dich an ein A erinnern & Du sprichst den Laut aus. – Stelle Dir vor, Du müßtest nun das Zeichen

wirklich als Lautzeichen benützen, Du gewöhnst Dich also daran, bei seinem Anblick einen bestimmten Laut auszusprechen, etwa den Laut ‘st’. Können wir mehr sagen, als daß nach einiger Zeit dieser Laut automatisch kommt, wenn wir das Zeichen sehen? D.h., wir fragen uns bei seinem Anblick nicht mehr, “Was ist das für ein Buchstabe?”, – auch sage ich mir natürlich nicht, “Ich will bei diesem Zeichen den Laut ‘st’ aussprechen”, noch auch “Dieses Zeichen erinnert mich irgendwie an den Laut ‘st’”.

§EPB

208[2] &
209[1]

Was ist nun an der Behauptung, das Lesen sei doch ‘ein ganz bestimmter Vorgang’. Das heißt doch wohl, beim Lesen finde immer ein bestimmter Vorgang statt, den wir wiedererkennen. – Aber wenn ich einmal einen Satz im Druck lese & ein andermal mich im Spiel (37) nach einem Satz bewege unter Benützung der Tabelle, – findet hier wirklich der gleiche seelische Vorgang statt? Dahingegen ist aber freilich eine Gleichförmigkeit im Erlebnis des Lesens einer Druckseite! Denn der Vorgang ist ja ein gleichförmiger. Und es ist ja natürlich, daß sich dieser Vorgang unterscheidet von dem etwa, sich Wörter beim Anblick beliebiger Striche einfallen zu lassen. Denn schon der bloße Anblick einer gedruckten Zeile ist ja ungemein charakteristisch, d.h., ein ganz spezielles Bild: Die Buchstaben alle ungefähr von der gleichen Größe, immer wiederkehrend; die Wörter, die sich zum großen Teil ständig wiederholen & uns unendlich wohlvertraut sind, ganz wie wohlvertraute Gesichter. – Denke an das Unbehagen, das wir empfinden, wenn die Rechtschreibung eines Wortes geändert wird (& an die noch tiefern Gefühle, die Fragen der Schreibung von Wörtern in manchen Menschen aufgeregt haben). Freilich, nicht jede Zeichenform hat sich uns tief eingeprägt. Ein Zeichen wie ‘~’ für die Verneinung kann, ohne in uns etwas aufzuregen, durch ein beliebiges anderes ersetzt werden. – Bedenke, daß das gesehene Wortbild uns in ähnlicher Weise vertraut ist wie das gehörte. – Auch gleitet der Blick anders über die gedruckte Zeile, als über eine Reihe beliebiger Haken

.

(Ich rede hier nicht von dem was durch Beobachtung der Augenbewegung festgestellt werden kann.) Er gleitet, möchte man sagen, besonders widerstandslos, ohne hängen zu bleiben, & doch rutscht er nicht. Und dabei geht ein unwillkürliches Sprechen in der Vorstellung vor sich. Und so verhält es sich, wenn ich Deutsch oder andere Sprachen lese, gedruckt oder geschrieben, & in verschiedenen Schriftarten. – Was aber von dem allen ist für das Lesen als solches wesentlich? Nicht ein Zug der in allen Fällen des Lesens vorkäme.

§EPB

209[2]

Aber empfinden wir nicht wenn wir lesen eine Art Verursachung unseres Sprechens durch die Wortbilder?

80 Lies einen Satz, & nun schau der Reihe

entlang & sprich dabei einen Satz. Ist es nicht klar, daß im ersten Fall das Sprechen mit dem Anblick der Zeichen verbunden war & im zweiten unverbunden neben dem Schauen herläuft?

§EPB

209[3] &
210[1]

Aber warum sagst Du, wir fühlten eine Verursachung? Verursachung ist doch das, was wir durch Experimente feststellen, indem wir das regelmäßige Zusammentreffen von Vorgängen beobachten. Wie könnte ich denn sagen, daß ich eben das, was so durch Versuche festgestellt wird, fühle? (Später muß noch hievon die Rede sein.) Eher könnte man sagen, ich fühle, daß die Buchstaben der Grund sind warum ich so & so lese. Denn wenn mich jemand fragte, “warum liest Du so?”, so begründe ich es durch die Buchstaben, welche da stehen. – Aber was soll es heißen diese Begründung, die ich ausgesprochen, gedacht, habe, zu fühlen? – Ich möchte sagen: ich fühle beim Lesen einen gewissen Einfluß der Buchstaben auf mich, aber nicht einen Einfluß jener Schnörkel auf das, was ich rede. Vergleichen wir wieder einen einzelnen Buchstaben mit einem solchen Schnörkel. Würde ich auch sagen, ich fühle den Einfluß von ‘i’ wenn ich diesen Buchstaben lese? Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich beim Anblicken von ‘i’ den Laut ‘i’ sage, oder beim Anblicken von

.

Der Unterschied ist, daß das innere Hören des i-Lauts beim Anblick des Buchstaben automatisch, ja gegen meinen Willen, geschieht; & wenn ich den Buchstaben laut lese, sein Aussprechen anstrengungsloser ist, als wenn ich beim Hinschauen auf

‘i’ sage. – Das heißt, das verhält sich so, wenn ich den Versuch mache; aber natürlich nicht, wenn ich, zufällig auf den Strich

sehend, in irgend einem Zusammenhang etwa ein Wort ausspreche, in dem der i-Laut vorkommt.

§EPB

210[2] &
211[1]

Wir wären ja nie auf den Gedanken gekommen, wir fühlten einen Einfluß der Wortbilder auf uns beim Lesen wenn wir diesen Fall nicht mit dem beliebiger Striche verglichen hätten. Und hier merken wir allerdings einen Unterschied. Und diesen Unterschied deuten wir als Einfluß, & Fehlen des Einflusses. Und zwar sind wir zu dieser Deutung dann besonders geneigt, wenn wir absichtlich langsam lesen, – etwa um zu sehen, was denn beim Lesen geschieht. Wenn wir uns sozusagen recht absichtlich von den Buchstaben führen lassen. Aber dieses ‘mich führen lassen’ besteht eben nur darin, daß ich mir die Buchstaben gut anschaue, etwa gewisse andere Gedanken ausschalte. – Überlege Dir hier, was Du eigentlich tust, wenn Du jemand Dich bei der Hand einen Weg führen läßt. –

§EPB

211[2]

Wir bilden uns ein, wir nähmen durch ein Gefühl, quasi, einen verbindenden Mechanismus wahr zwischen dem Wortbild & dem Laut den wir sprechen. Denn, wenn ich vom Erlebnis des Einflusses, der Verursachung, des Geführtwerdens rede, so soll das ja heißen, daß ich sozusagen die Bewegung der Hebel fühle, die den Anblick der Buchstaben mit dem Sprechen der Laute verbinden.

§EPB

211[3] &
212[1]

Ich hätte nun mein Erlebnis beim Lesen eines Wortes auf verschiedene Weise treffend mit Worten darstellen können. So könnte ich sagen, was beim Lesen eines Wortes geschehe, sei nicht bloß, daß ich sehe & dabei etwas ausspreche, sondern ich fühle auch, daß mir das Geschriebene das was ich sage eingebe. Aber ich hätte auch sagen können, daß beim Lesen der Worte das Bild des Buchstaben & der Laut in einem eigentümlichen Sinn eine Einheit bilden; so daß man den Zusammenhang des Lautes e mit dem Schriftzeichen ‘e’ dadurch erklären möchte, daß man auf das Zeichen weisend sagt: “Das ist ja ein e”. (Ein Zusammenhang, eine ‘Einheit’, dieser nicht unähnlich, besteht z.B. zwischen den Gesichtern berühmter Männer & dem Klang ihrer Namen. Wenn Du Dir z.B. Namen wie Schubert, Haydn, Mozart, sagst & Dir dabei die Gesichter dieser Männer vorstellst, so kann es Dir so vorkommen, als ob jene Namen der richtige Ausdruck für diese Gesichtszüge wären; daß etwa mit dem Namen Schubert dieses Gesicht richtig beschrieben sei.) Es ist mir, wenn ich das Erlebnis dieser Einheit habe, als könne ich z.B. beim Lesen des Wortes ‘ja’ zwischen dem geschriebenen Wort & dem ausgesprochenen nicht recht unterscheiden; oder, wie ich auch sagen könnte, als wäre das Aussprechen ein Teil der Wahrnehmung des Zeichens selbst.

§EPB

212[2]

Aber jetzt lies einmal ein paar Sätze im Druck, so wie Du's gewöhnlich tust, wenn Du nicht an den Begriff des Lesens denkst; & dann frage Dich, ob Du beim Lesen solche Erlebnisse der Einheit, des Einflusses etc. gehabt hast. Sage nicht, Du habest sie unbewußt gehabt! – Auch lassen wir uns nicht durch das Bild verleiten: ‘Beim nähern Hinsehen’ zeigen sich diese Erscheinungen. (Wenn ich beschreiben will, wie ein Berg aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung dadurch nicht genauer, daß ich beschreibe, was ich bei der Betrachtung aus der Nähe an ihm sehe.)

§EPB

212[3] &
213[1] &
213[2]

Ich kann zwar sagen, wer liest, werde von den Buchstaben geführt; & wer einen Satz sagt & dabei jener Reihe von Schnörkeln entlang schaut, werde nicht geführt. Dies ist eine Erklärung für den, der den Ausdruck ‘von Buchstaben geführt werden’ versteht ehe er das Wort ‘lesen’ versteht. Aber es wäre falsch zu sagen: “Wer liest hat das Gefühl, Erlebnis, des Geführtwerdens”. (Es sei denn, daß damit bloß jedem Erlebnis beim Lesen der Name ‘Erlebnis des Geführtwerdens’ gegeben werden soll.) Denke wieder daran, was Du erlebst, fühlst, wenn Du einen Weg geführt wirst.

§EPB

213[3]

81 Denke Dir diesen Fall: Du bist auf einem ebenen Platz (vielleicht mit verbundenen Augen) & wirst von jemand an der Hand geleitet, bald rechts bald links; Du mußt immer des Zuges seiner Hand gewärtig sein, & etwa achtgeben, daß Du bei einem unerwarteten Zug nicht stolperst. (Dies könnte in einem Spiel vorkommen.) – Oder aber: Du wirst von jemandem an der Hand dort & dahin geschleppt, wo Du nicht gehen willst. – Oder: Du wirst im Tanz von einem Partner geführt. Du stellst Dich so rezeptiv als möglich ein, um seine Absicht zu erraten & dem leisesten Drucke zu folgen. – Oder: Jemand führt Dich einen Spazierweg. Ihr geht im Gespräch neben einander her & wo immer er geht, gehst Du auch. – Oder: Du gehst eine Straße entlang (& wirst von ihr geführt). Alle diese Situationen sind einander ähnlich; aber was ist allen den Erlebnissen gemeinsam?

§EPB

213[4] &
214[1]

“Aber geführt werden ist doch ein bestimmtes Erlebnis.” – Über diesen Gebrauch des Wortes ‘bestimmt’, später. Aber es ist jedenfalls nicht immer dasselbe Erlebnis. Und wenn Du sagst, es ist ein bestimmtes Erlebnis, so ist die Antwort darauf: Du denkst an ein bestimmtes Erlebnis des Geführtwerdens.

§EPB

214[2]

82 Überlege Dir etwa diese Fälle: Im Spiel (38) schaut Einer, welcher nach den Befehlen eine Linie zieht vor jedem Linienstück gewissenhaft auf den Buchstaben im Satz. Wir können uns davon leicht eine Vorstellung machen, & wir werden sagen: der wird geführt.

§EPB

214[3]

Nehmen wir an B mache es im Spiel (47) ebenso; wenn wir nun aber die Zahl der Sätze in dem Spiel erweitern, etwa die Sätze ‘a c a a’ & ‘c c a a’ einführen wollen, so reagiert B gar nicht auf sie; er benimmt sich als haben wir ihm etwas gänzlich Fremdartiges gezeigt. Soll ich nun sagen, sein genaues Ansehen jedes Buchstaben etc. sei nur automatisches Handeln gewesen. Er habe die Sätze doch nicht als Sätze aufgefaßt, sondern, sozusagen, nur als Wörter?

§EPB

214[4] &
215[1]

83 Denke Dir das Spiel (38) mit Hilfe der Tabelle (37) gespielt. Es gibt nun verschiedene Varianten: nach der einen zieht B die Linienstücke immer parallel zu den Pfeilen der Tabelle, nach einer andern aber in einem Winkel von 30˚ zu ihnen, etc.. Du kannst Dir nun jemanden vorstellen der immer wieder vergißt, welche Version er spielt. Er schaut gewissenhaft in die Tabelle, zieht aber dann regellos in irgend einer Richtung. Das könnte man sich so vorstellen daß er jedesmal ein anderes Erklärungsschema der Tabelle im Geiste vor sich sieht. Aber wenn er das Spiel richtig spielte, so würden wir doch sagen er werde geführt, & habe das Erlebnis des Geführtwerdens, auch wenn er kein Erklärungsschema der Tabelle vor sich sieht. Warum also nicht auch hier? Und wird er nun geführt, wenn er gewissenhaft in der Tabelle nachschaut & gewissenhaft regellos die Striche zieht? “Aber, wer sich nach den Pfeilen richtet, sagt sich doch: ‘Ich ziehe den Strich darum so, weil der Pfeil dahin zeigt’.” – Aber warum sollte unser vergeßlicher Freund sich nicht gerade das sagen?

§EPB

215[2]

Es kann Einer auch die Sätze & welche Figur sie bedeuten in (47) auswendig wissen, aber sich dennoch, gleichsam zur Vorsicht von ihnen führen lassen: sie Buchstabe für Buchstabe ansehen etc..

§EPB

215[3]

84 Stelle Dir auch diesen Fall vor: Wir zeigen Einem, der das Spiel (37) gespielt hat einen Satz dieses Spiels; dann sagen wir ihm: “Gehe, wie es Dir gerade einfällt”. Wir bemerken nun, daß der Weg den er nimmt immer eine bestimmte Beziehung zu dem Satz hat, den wir ihm gezeigt hatten. (Er geht etwa immer entgegen den Pfeilrichtungen der Tabelle.) – –

§EPB

215[4] &
216[1]

Wenn ich mir das Erlebnis des Geführtwerdens vergegenwärtigen will, so stelle ich mir das ‘gewissenhafte’ Nachsehen, etc., vor. Ich nehme dabei sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck an (etwa eines gewissenhaften Buchhalters). An diesem Bild ist z.B. die Sorgfalt sehr wesentlich; an einem andern Bild etwa, das Ausschalten jedes eigenen Willens. (Denke Dir, daß Einer das, was der gewöhnliche Mensch mit den Zeichen der Unachtsamkeit tut, mit dem Ausdruck – & warum nicht mit den Empfindungen? – der Sorgfalt macht: Er läßt das Geschirr sorgsam auf den Boden fallen, verschüttet ebenso das Wasser auf dem Tisch, etc. Ist er nun sorgfältig? –) Stelle ich mir so einen bestimmten Vorgang lebendig vor, so erscheint er mir als das Erlebnis des Geführtwerdens (oder Lesens). Nun aber frage ich mich: “Was tust Du?” – Du schaust auf jedes Zeichen, Du machst dieses Gesicht dazu, Du ziehst das Linienstück langsam (u. dergl.). – Das ist also das Erlebnis des Geführtwerdens? Da möchte ich sagen: “Nein, das ist es nicht; es ist etwas Innerlicheres, Wesentlicheres”. – Es ist, als ob zuerst all diese mehr oder weniger unwesentlichen Vorgänge in eine bestimmte Atmosphäre gekleidet wären, die sich nun verflüchtigt, wenn ich genau hinschaue.

§EPB

216[2]

Frage Dich, wie Du ‘mit Bedacht’ eine Strecke parallel einem Pfeil ziehst, ein andermal mit Bedacht in einem Winkel zu dem Pfeil. Was ist das Erlebnis des Bedachts? Da fällt Dir gleich eine bestimmte Miene, eine Gebärde ein, – & dann möchtest Du sagen: “und es ist eben ein bestimmtes inneres Erlebnis”. (Womit Du natürlich gar nichts mehr gesagt hast.)

§EPB

216[3]

(Du merkst einen Zusammenhang mit der Frage nach dem Wesen der Absicht, des Willens, – des Meinens & Verstehens.)

§EPB

216[4] &
217[1]

85 Mache einen beliebigen Fahrer auf dem Papier

und nun zeichne ihn daneben nach

,

laß Dich von ihm führen. – Ich möchte sagen: “Gewiß! ich habe mich jetzt führen lassen. Aber was dabei Charakteristisches geschehen ist –? Wenn ich sage, was geschehen ist, so kommt es mir nicht mehr charakteristisch vor.”

§EPB

217[2]

Aber nun merke ich dies: Während ich mich führen lasse ist alles ganz einfach, ich merke nichts Besonderes; aber danach, wenn ich mich frage, was damals geschehen ist, so scheint etwas Unbeschreibbares geschehen zu sein. Danach genügt mir keine Beschreibung. Ich kann, sozusagen, nicht glauben, daß ich bloß hingeschaut, das Gesicht gemacht, den Strich gezogen habe. – Aber erinnere ich mich denn an etwas anderes? Nein; & doch kommt mir vor, als müsse etwas Anderes gewesen sein; und zwar dann, wenn ich mir dabei das Wort ‘führen’, ‘Einfluß’, und andere, sage. Denn ich bin doch geführt worden, sage ich mir. – Dann erst tritt die Idee jenes ätherischen, ungreifbaren, Einflusses auf. (Zusammenhang mit dem Problem des ‘willkürlichen Handelns’. W. James: Was geschieht, wenn ich, nach längerem Überlegen, des morgens aus dem Bett steige.

§EPB

217[3]

Ich fühle nämlich wenn ich nachträglich über das Erlebnis denke, daß das Wesentliche an ihm das ‘Erlebnis eines Einflusses’, einer Verbindung ist, im Gegensatz zu irgend einer bloßen Gleichzeitigkeit von Phänomenen; zugleich aber möchte ich kein erlebtes Phänomen ‘Erlebnis des Einflusses’ nennen. (Die Idee: der Wille ist keine Erscheinung.) Ich möchte sagen, ich hätte das ‘Weil’ erlebt; & doch will ich keine Erscheinung ‘Erlebnis des Weil’ nennen.

§EPB

217[4] &
218[1] &
219[1]

86 Vergleichen wir damit diesen Fall: Jemand soll sagen, was er fühlt, wenn ihm ein Gewicht auf der flachen Hand ruht. – Ich kann mir nun vorstellen, daß hier ein Zwiespalt entsteht: Einerseits sagt er sich, was er fühlt, sei ein Druck gegen die Handfläche & eine Spannung in den Muskeln seines Arms; anderseits will er sagen: “aber das ist doch nicht Alles; ich empfinde doch einen Zug, ein Streben, des Gewichts nach unten!”. Aber wann empfindet er denn dieses ‘Streben’? Wenn er an das ‘Streben’ denkt. Mit dem Worte ‘Streben’ ist hier ein bestimmtes Bild, eine Geste, ein Tonfall, verbunden; und die ‘Empfindung des Strebens’ hast Du, wenn Dir dieses Bild, diese Geste, ja dieses Wort, vorschweben. –Denke auch daran: Manche Menschen sagen, von dem & dem gehe ‘ein Fluidum’ auf sie aus.–Daher fiel uns auch das Wort ‘Einfluß’ ein.– Ich möchte sagen, “Ich erlebe das Weil”. – Aber nicht, weil ich mich dieses Erlebnisses erinnere, sondern, weil ich beim Philosophieren über das, was ich erlebe, dieses, gleichsam, durch das Medium (die Atmosphäre) des Begriffes ‘weil’ (oder ‘Einfluß’, oder ‘Ursache’, oder ‘Verbindung’) anschaue. Denn freilich tue ich, was ich tue, unter dem Einfluß der Vorlage; dies liegt aber nicht einfach in dem, was ich beim Ziehen der Linie empfinde, sondern auch, z.B., darin, daß ich sie der andern parallel ziehe (obwohl auch das natürlich für das Geführtwerden nicht allgemein wesentlich ist). Wir sagen auch: “Du siehst ja, daß ich von ihr geführt werde”; & was sieht der, der das sieht? – Es kann aber auch das das Geführtwerden ausmachen, was ich über den Vorgang darnach sage. Z.B., daß ich sage “Ich bin geführt worden”. – Dies klingt befremdlich, denn wie kann etwas dadurch im nachhinein wahr werden, daß ich sage es habe sich so verhalten? – Die Verwendung der Vergangenheitsform ist aber hier ähnlich der des Verbums ‘meinen’ in Sätzen wie: “Als ich von Heinrich IV. sprach, meinte ich den König von Frankreich”. (Hievon muß später die Rede sein.) Wir werden unter Umständen, (auch darum) sagen, jemand sei geführt worden, weil er nachträglich seine Handlung unter dem Begriff des Geführtwerdens sieht. (Dies hängt damit zusammen, daß wir sagen, jemand könne mit Sicherheit das Motiv seiner Handlung wissen.)

§EPB

219[2] &
220[1]

Wenn ich zu mir selbst sage: “Ich werde doch geführt”, so mache ich etwa eine Handbewegung, die das Führen ausdrückt:

86 Mach eine solche Handbewegung, gleichsam als leitetest Du jemand entlang (ohne es aber zu tun) & frage Dich, worin denn das Führende dieser Bewegung besteht. Denn Du hast hier eingestandenermaßen niemanden geführt & doch könntest Du die Bewegung eine ‘führende’ nennen. Also war in dieser Bewegung & der Empfindung dabei nicht das Wesen des Führens enthalten & doch konntest Du nicht umhin diese Bezeichnung zu gebrauchen. Es ist eben eine Erscheinungsform des Führens, die Dir diesen Ausdruck aufdrängt. – Erinnere Dich der Diskussion von (66).

§EPB

220[2]

87 Denke Dir eine Fläche die in verschiedenen Farben gemalt ist. Und zwar ist etwa ein Stück grün. Das Grün geht nach verschiedenen Seiten in andere Farben über; nach der einen wird es immer gelblicher & endlich reines Gelb, nach einer andern wird es bläulicher & endlich himmelblau, & dieses geht nach einer Richtung in Weiß über, etc.. Nach manchen Seiten hin wechselt die Farbe rasch, – man könnte sagen, das Farbgefälle ist steil, – nach andern ist es flacher & stückweise ist es ganz oder beinahe eben. – Denke Dir nun diese Fläche groß, daß Du sie nicht überschauen kannst; Du gehst etwa auf ihr spazieren. – Du bist gerade im Blauen & Bläulichen; nun sollst Du sagen, was für eine Farbe die Fläche hat. Es besteht nämlich eine Tendenz, zu glauben, sie habe eine Farbe. Da wirst Du versucht sein, zu sagen: “Sie ist eigentlich blau; freilich spielt das Blau auch in andere Farben, aber das Gemeinsame, das Charakteristische ist: sie ist blau.”

§EPB

220[3]

Kommst Du nun aber mehr ins Rötliche, so wird sich Dein Gefühl ändern; & Du wirst sagen wollen: “Vielleicht hätte ich eigentlich sagen sollen, sie ist blaurot; das Blaue war nur ein Grenzfall; eigentlich ist sie blaurot.” Du könntest dann von Farbe zu Farbe geführt & von jeder betrogen werden. An jeder möchten wir krampfhaft festhalten, – bis keine Spur mehr von ihr da ist & wir einem andern Eindruck unterliegen.

§EPB

220[4] &
221[1]

Je wohlvertrauter mir dann der Farbton ist, je stärker der Eindruck, den er auf mich macht, desto mehr bin ich geneigt ihn für die Farbe der Fläche zu nehmen.

§EPB

221[2]

So ist es wenn gefragt wird: “Was ist das Wesen der Strafe?”, – und nun der Eine sagt, eigentlich ist jede Strafe ein Akt der Rache, ein Andrer, das Wesen der Strafe ist Abschreckung, u.s.f.. Aber gibt es nicht typische Fälle der Rache der Gesellschaft, & wieder typische Fälle der Abschreckungsmaßnahme, & andere, der Strafe als Besserungsmittel; & nicht unzählige Zwischenstufen & Mischungen?

§EPB

221[3]

Würden wir also nach dem Wesen der Strafe gefragt, oder nach dem Wesen der Revolution, oder nach dem Wesen des Wissens, oder des kulturellen Verfalls, oder des Sinnes für Musik, – so würden wir nun nicht versuchen, ein Gemeinsames aller Fälle anzugeben, – das, was sie alle eigentlich sind, – also ein Ideal, das in ihnen allen enthalten ist; sondern statt dessen Beispiele, gleichsam Zentren der Variation.

§EPB

221[4] &
222[1]

So, wenn man uns fragt: “Worin besteht ‘Lesen’?”, so möchten wir sagen: Lesen ist eine bestimmte geistige Tätigkeit. Dann sind wir geneigt etwas zu lesen, um zu sehen, worin diese Tätigkeit besteht. Und zwar merken wir beim gewöhnlichen Lesen nichts, & wollen nun näher zusehen. Da scheint es uns dann, als sehen wir jetzt etwas: die Wortgestalten sprechen in bestimmter Weise zu uns. Sie sind uns wohl bekannte, ausdrucksvolle Physiognomien (dies gilt vielleicht besonders von den geschriebenen, & in einer uns wohlvertrauten Handschrift). Und es ist gerade das Wohlvertraute des Eindrucks, das uns verführt zu glauben, hier hätten wir nun das Wesentliche. Aber wir brauchen nur weiter im Gebiet des Lesens spazieren zu gehen, & von diesem bestimmten Eindruck ist nichts mehr vorhanden, die Landschaft ändert sich.

§EPB

222[2]

So geht es uns mit vielen Begriffen – z.B. dem des Bildes, der Abbildung –: denken wir über sie nach, so denken wir zuerst an den Teil ihrer Ausdehnung, in dem wir, man könnte sagen, zu Hause sind. Von dort zieht es uns in die Weite; & wir werden nicht gewahr, daß alles sich nun nach & nach, gänzlich geändert hat. Und zu sagen: im Grunde ist es ja immer dasselbe, – heißt jetzt vielleicht nur mehr: von dort komme ich her, mit diesem Zustand will ich alles vergleichen.

§EPB

222[3]

Was heißt es nun, wenn wir sagen, die Buchstaben unserer Schrift, oder die Wortbilder & Klänge, seien uns wohlvertraut, – oder wir erkennten sie wieder, wenn wir sie wahrnehmen?

§EPB

222[4]

Gibt es ein Gefühl der Vertrautheit & haben wir es also, wenn immer wir vertraute, bekannte, Gegenstände wahrnehmen? Ja hast Du für gewöhnlich, wenn Du die wohlbekannten Dinge Deiner Umgebung ansiehst ein Gefühl der Vertrautheit? – Wann haben wir solche Gefühle? – Es wäre aber leicht gewesen, zu sagen, bei welchen Gelegenheiten wir die entgegengesetzten Gefühle haben: Überraschung, Erstaunen, Befremdung, etc. – Denken wir uns diesen Vorgang:

§EPB

222[5] &
223[1]

88 A zeigt dem B eine Reihe von Gegenständen; B soll sagen, ob er sie kennt, oder nicht.

§EPB

223[2]

Vergleiche diese Fälle: A zeigt dem B etwa eine Reihe von Apparaten: ein Thermometer, ein Spektroskop, ein Elektrometer, eine Waage, u.a.; dann aber einen Bleistift, eine Feder, einen Kieselstein.

In einigen dieser Fälle: ein Suchen & Nachdenken: “Was ist das nur?” – Dann wieder sagt er einfach: Natürlich “Eine Waage!” (gleichsam aufatmend). Bei Bleistift & Feder wundert er sich, daß ihm so Wohlbekanntes gezeigt wird, & beim Kieselstein weiß er zuerst nicht, was er sagen soll, weil er auf Gegenstände eingestellt ist, die einen bestimmten Zweck haben. Endlich sagt er mit einem Achselzucken: “Es ist ein gewöhnlicher Kieselstein”. – Bei gewissen Gegenständen: “Ich habe das schon oft gesehen, aber was es ist, weiß ich nicht”, bei andern, “Das schaut so aus, als wäre es irgend ein Werkzeug, aber ich weiß nicht, was für eines”. In einem Fall sagt er, “Das ist ein Bleistift”, in einem andern, “Das ist Deine Feder”.

§EPB

223[3]

Was geschieht nun, wenn B einen Bleistift als Bleistift erkennt?

§EPB

223[4]

89 A hat ihm einen stabförmigen Gegenstand gezeigt, B nimmt ihn in die Hand & untersucht ihn; es zeigt sich, er besteht aus zwei Teilen, einer Kappe & einem Bleistift. B sagt: “Das ist ja ein Bleistift.” Wir könnten hier sagen: B hat schon gewußt, wie ein Bleistift aussieht; er hätte z.B. jederzeit einen aufzeichnen oder beschreiben können. Er wußte nicht daß das Ding, welches ihm gezeigt wurde, das enthielt, was er jederzeit hätte beschreiben können.

§EPB

224[1]

90 Vergleiche damit den Fall: Man zeigt B ein geschriebenes Wort, hält es aber verkehrt. B erkennt es nicht; nun drehen wir das Blatt Papier langsam; endlich sagt B: Jetzt seh' ich's, es ist “Bleistift”. – Wir können sagen: Er hat gewußt, wie das Wort “Bleistift” ausschaut; er wußte nicht, daß das Wort, was man ihm zeigte, umgedreht so ausschauen würde.

§EPB

224[2]

In (89) & (90) könnten wir sagen, es sei etwas versteckt gewesen. Merke aber die verschiedenen Anwendungen von “versteckt”.

§EPB

224[3]

91 Vergleiche damit dies: Du liest einen Brief & kannst eines der Worte nicht entziffern. – Dann errätst Du aus dem Zusammenhang, es muß ‘Boden’ heißen; & nun kannst Du es lesen: Du erkennst diesen Strich als das ‘B’ diesen als das ‘o’ etc.. Dieser Fall ist verschieden von dem, in welchem das Wort durch einen Tintenklecks verdeckt war & Du bloß aus dem Zusammenhang errietst, daß hier dieses Wort gestanden haben muß.

§EPB

224[4]

92 Vergleiche damit: Du siehst ein Wort, kannst es aber nicht lesen; jemand verändert es ein wenig: er macht noch einen Strich dazu, verlängert einen, oder dergleichen; & nun kannst Du es lesen. In (90) hätte B sagen können “Ich habe auf das Wort geschaut während es gedreht wurde & ich habe gesehen, daß es sich nicht geändert hat”. –

§EPB

224[5] &
225[1]

93 Angenommen, das Spiel bestehe darin, daß B dem A sagt, ob er einen Gegenstand erkennt; aber nicht, was der Gegenstand sei. Nach einem Hygrometer, das er nicht erkennt, zeigt A ihm einen gewöhnlichen Bleistift. B sagt, er erkenne ihn. – Was geschah da als er den Bleistift erkannte? Mußte er zu sich selbst sagen– obwohl er es dem A nicht sagte – dies sei ein Bleistift? Warum sollte das geschehen sein müssen? – Als was also erkannte er das Ding?

§EPB

225[2]

Angenommen, er hätte zu sich selbst gesagt, “Das ist ein Bleistift”, könntest Du diesen Fall mit (89) & (90) vergleichen? In diesen Fällen konnte man sagen: “Er erkennt dieses Ding als jenes”, – wobei man z.B. für ‘dieses’ auf den verkappten Bleistift & für ‘jenes’ auf einen gewöhnlichen Bleistift weist. Und analog im Fall (90).

§EPB

225[3]

In (93) veränderte sich der Bleistift nicht, & die Worte “Das ist ein Bleistift” bezogen den Gegenstand nicht auf ein Muster eines Bleistifts. B hätte auf die Frage “Was ist ein Bleistift?” unmittelbar auf diesen weisen können.

§EPB

225[4]

Aber als er sich sagte “Das ist ein Bleistift”, – wie wußte er das, wenn er das Ding nicht als irgend etwas erkannte. Das kommt aber darauf hinaus zu fragen: “Wie hat er ‘Bleistift’ als das Wort für dieses Ding erkannt?” Nun, wie hat er es erkannt? – Er hat auf den Anblick des Dinges damit reagiert, daß er diese Worte sagte.

§EPB

225[5]

94 – Denke Dir, jemand zeigte Dir Farben & Du sollst sie benennen. Du sagst nun, auf eine Farbe weisend, “Das ist rot”. Wenn man Dich nun fragte “Wie weißt Du, daß das rot ist”, was könntest Du antworten?

§EPB

225[6] &
226[1]

Es gibt freilich den Fall, in welchem dem B eine allgemeine Erklärung des Begriffs gegeben wurde z.B.: “Wir wollen ‘Bleistift’ alles nennen, was diese Form hat & auf Papier schreibt.” A zeigt nun dem B unter anderm einen Stift, B versucht ihn & sagt “Das ist ein Bleistift”. In diesem Falle könnten wir sagen, findet eine Ableitung statt; in (93) & (94) aber keine.

§EPB

226[2]

Sollen wir nun sagen, daß B, als A ihm den Bleistift zeigte nach dem Hygrometer, das er noch nie gesehen hatte, beim Anblick des Bleistifts das Gefühl der Vertrautheit hatte?

95 Stellen wir uns vor, wie es wirklich geschehen sein mag. Er sah den Bleistift, lächelte, fühlte Erleichterung, & das Wort kam ihm dabei in den Sinn, oder er sprach es aus.

§EPB

226[3]

Aber wie ist es: haben wir nun ein ‘Gedankenexperiment’ gemacht? – Wie wissen wir denn, daß es sich so verhält, bloß dadurch, daß wir es uns so vorstellen? Was ist das für eine seltsame Weise, festzustellen, wie sich eine Sache verhält? – Oder ist es so, weil diese Vorgänge in mir stattfinden & ich also nur in mich hineinzusehen habe? – Von ‘innen’ & ‘außen’ wollen wir später reden, – aber jedenfalls, sollte man meinen, die Sache müßte eben jetzt in mir vorgehen, wenn ich sie jetzt in mir sehen soll. Auch habe ich mich nicht an den Fall erinnert, denn er ist mir nie geschehen.

§EPB

226[4] &
227[1]

Nun kann man ja wirklich ein Experiment machen, dadurch, daß man sich etwas vorstellt. Nicht ein Experiment in der Vorstellung, d.i., das bloße Vorstellungsbild eines Experiments. (Ein Laboratorium kann man nicht dadurch überflüssig machen, daß man sich Apparate & Versuche einfach vorstellt.)

96 Wenn mich z.B. jemand fragt, “Wie begrüßt Du den N., wie gehst Du auf ihn zu?”, so kann ich, um antworten zu können, mir vorstellen N trete herein & ich mache etwa dabei die Bewegung des Begrüßens. Und dies ist ein Versuch. Er mag mich täuschen, & was wirklich in so einem Fall geschieht mag etwas anderes sein; aber die Erfahrung lehrt vielleicht daß wirklich meist das geschieht, was so ein Versuch zeigt. Hätte also die Frage gelautet, “Lächelt ein Mensch in so einem Fall?”, so hätte ich allerdings den Versuch mit der Vorstellung machen können. – Weiß ich aber nun, daß man lächelt, oder nur, daß ich lächle? Und wenn das erstere, ist dann das Vorstellen nicht ein Erinnern? Jedenfalls nicht notwendigerweise ‘das Erinnern an bestimmte Fälle’.

§EPB

227[2]

97 – Die Aufgabe wäre: “Mache, wie man auf jemand unter den & den Umständen zugeht.” Hier kann das Erinnern die Form der Nachahmung haben; & muß nicht etwa ein visuelles Erinnerungsbild da sein, wonach er sich bei der Nachahmung richtet. Und wenn ich nun mich selbst nachahme, ist das Erinnerung? –

§EPB

227[3]

98 Man sagt in solchen Fällen manchmal, nachdem man sich die Situation vorgestellt hat: “Von mir weiß ich sicher, daß ich in so einem Falle lächle, ich könnte gar nicht anders”. Aber könnte es nicht vorkommen, daß mir ein Augenzeuge sagte: “Ich versichere Dich, Du hast in diesen Fällen nie gelächelt”; & ist es nicht möglich, daß ich ihm glaubte?

§EPB

228[1]

Aber um einen solchen Versuch hatte es sich in (95) nicht gehandelt. Denn die Frage war nicht, ob das & das uns bekannte Gefühl in diesem Falle auftrete, oder nicht, sondern ob wir bei seiner Betrachtung ein Gefühl sähen, das wir ‘Gefühl der Vertrautheit’ (oder ‘Bekanntheit’) zu nennen bereit sind. Wenn ich also sagte: “Stellen wir uns vor, was in so einem Falle wirklich geschieht”, so hieß das: stellen wir uns den Fall einmal vor, ohne von dem Wort ‘Gefühl der Vertrautheit’ beeinflußt zu sein, also– wie wir sagen könnten – ohne grammatisches Vorurteil. Und wir könnten fragen: Hast Du nun noch das Bedürfnis zu sagen: er habe beim Anblick des Bleistifts das Gefühl der Vertrautheit?

§EPB

228[2]

Aber ist jenes Gefühl der Erleichterung nicht gerade das, welches den Übergang vom Unvertrauten zum Vertrauten kennzeichnet? – Wir sagen in sehr verschiedenen Fällen jemand habe die Gefühle der Spannung & Entspannung, der Anstrengung, der Erleichterung, des Ausruhens: Jemand hält ein Gewicht mit gestrecktem Arm; sein Arm, sein ganzer Körper sind in einem Zustand der Spannung. Er läßt das Gewicht nieder, & empfindet Erleichterung. – Jemand läuft, – dann ruht er. – Er denkt angestrengt über eine Aufgabe im Euklid nach; er findet die Lösung & die Spannung hat nachgelassen. – Er trachtet sich an einen Namen zu erinnern, – der Name fällt ihm ein.

§EPB

228[3] &
229[1]

Was aber haben alle diese Fälle mit einander gemein, daß wir sagen, sie seien alle Fälle von Spannung & Entspannung? –

§EPB

229[2]

– Warum gebrauchen wir den Ausdruck “im Gedächtnis suchen”, wenn wir uns einer Sache erinnern wollen? – Fragen wir uns: Worin besteht die Ähnlichkeit der Vorgänge: einen vergessenen Namen im Gedächtnis suchen, &, z.B., ein Buch im Schrank suchen? – Wie sieht die Antwort auf so eine Frage aus?

§EPB

229[3]

Eine Art der Beantwortung wäre jedenfalls die, eine Reihe von Bindegliedern zu beschreiben. So könnte man sagen, der Fall des materiellen Suchens, der dem Suchen im Gedächtnis am nächsten steht, ist nicht Suchen nach einem Buch im Schrank, sondern, Nachschlagen einer Stelle die wir vergessen haben, in einem Buch. Und nun könnte man weitere Fälle interpolieren. – Eine andere Art die Ähnlichkeit anzuzeigen wäre die: “In beiden Fällen kann ich zuerst etwas nicht aufschreiben & nachher kann ich es.” Oder die: “In beiden Fällen runzle ich die Stirn, kneife mein Gesicht zusammen & erwäge Möglichkeiten”.

§EPB

229[4]

Aber es ist wichtig, daß wir uns solcher Ähnlichkeiten nicht bewußt sein müssen, damit sich uns der Ausdruck “suchen im Gedächtnis” aufdrängt.

§EPB

229[5] &
230[1]

Vielleicht möchte man sagen: “Es muß uns doch eine Ähnlichkeit auffallen, oder wir würden nicht das gleiche Wort gebrauchen”. Sage statt dessen: “Es muß uns eine Ähnlichkeit zwischen diesen Vorgängen auffallen oder wir würden nicht das gleiche Bild zu ihrer Darstellung benützen”. Das heißt, daß ein Akt dem Gebrauch des Bildes vorausgehen muß. Aber warum sollte das ‘Auffallen der Ähnlichkeit’ nicht zum Teil, oder ganz, darin bestehen, daß wir dasselbe Bild gebrauchen? Und warum sollte es nicht zum Teil oder ganz darin bestehen, daß wir geneigt sind, den gleichen Ausdruck zu gebrauchen?

§EPB

230[2]

Wir sagen: “Dieses Bild (dieser Ausdruck) drängt sich mir unwiderstehlich auf”. Ist das keine Erfahrung?!

§EPB

230[3]

Wir haben es hier mit einem von vielen Fällen zu tun, denen wir in dieser Untersuchung immer wieder begegnen: Ein Wort wird unter anderem von uns zur Bezeichnung eines sogenannten ‘seelischen’ Vorgangs oder Zustandes verwendet, der eine Handlung vorbereitet; eine solche Vorbereitung ist in einer Klasse von Fällen die praktische Bedingung für das Zustandekommen der Handlung; wir sind gewohnt, zu sagen, der seelische Vorgang muß stattgefunden haben, damit die Handlung stattfinden konnte; wir sind nun geneigt eine solche seelische Vorbereitung zu postulieren als Vorbedingung der Handlungen: So sagen wir: “Man muß einen Befehl verstehen, ehe man ihn ausführen kann”, “Man muß wissen, wo der Schmerz ist, damit man die Stelle zeigen kann”, “Man muß die Melodie kennen, wenn man sie singen will”, “Die Ähnlichkeit muß uns aufgefallen sein, ehe wir sie ausdrücken können”.

§EPB

230[4] &
231[1]

99 Nimm an, ich hätte jemandem das Wort ‘blau’ erklärt, indem ich auf verschiedene blaue Gegenstände gezeigt, & die Worte “Das heißt ‘blau’” dazu ausgesprochen, habe; was heißt es nun, wenn ich sage: “Wenn er die Bedeutung jetzt verstanden hat, wird er mir etwas Blaues bringen, wenn ich es verlange”? Dies scheint zu sagen: Wenn er (das) erfaßt hat, was allen den Gegenständen gemeinsam ist, die ich ihm gezeigt habe, wird er in der Lage sein, meinen Befehl zu befolgen. Aber was ist ihnen allen gemeinsam?

§EPB

231[2]

100 Kannst Du mir sagen, was einem lichten & einem dunkeln Blau gemeinsam ist? Vergleiche damit diesen Fall: Ich zeige Dir zwei Bilder, zwei verschiedene Landschaften; in beiden findet sich an irgend einer Stelle der gleiche Busch. Ich sage: “Zeige mir das, was diesen beiden Bildern gemeinsam ist”. Du suchst die Bilder ab, dann zeigst Du zur Antwort auf den Busch.

§EPB

231[3]

101

Oder: Ich zeige jemand zwei Haufen von Werkzeugen, & sage: “Das was beiden Haufen gemeinsam ist, heißt ‘Stemmeisen’”. Der Andre hat die Werkzeuge zu sortieren, bis er das findet, was in beiden vorkommt, & dadurch gelangt er, können wir sagen, zur hinweisenden Erklärung.

§EPB

231[4]

102 Oder ich gebe diese Erklärung: “In diesen zwei Bildern siehst Du verschiedene Farbflecken; der Farbton, der in beiden vorkommt, heißt ‘Karmin’.” – Hier hat es einen klaren Sinn zu sagen: “Wenn er gesehen hat, was beiden gemeinsam ist, kann er mir nun auf meinen Befehl einen Gegenstand von jener Farbe bringen”.

§EPB

231[5] &
232[1]

Vergleiche mit dem Vorgang beim Lesen unsrer gewöhnlichen Schrift das Lesen von Worten die ganz in großen Buchstaben gedruckt sind, wie manchmal die Auflösungen von Rätseln. Welch anderer Vorgang! – Oder lies unsre Schrift von rechts nach links!}

§EPB

232[2]

103 Es gibt freilich dieses Spiel: Ich sage jemandem: “Ich werde Dir die Bedeutung des Zeichens (Wortes) ‘W’ erklären, indem ich auf verschiedene Gegenstände weise. ‘W’ bedeutet etwas, was ihnen allen gemeinsam ist”. Ich zeige ihm nun zuerst zwei Bücher, & er fragt sich: “Bedeutet ‘W’ ‘Buch’?” – Dann zeige ich auf einen Ziegel, & er denkt: “Vielleicht bedeutet es ‘Rechteck’”. Endlich zeige ich auf eine glühende Kohle & er sagt sich: “Es bedeutet ‘rot’; alles, was er mir gezeigt hat, hatte etwas Rotes”; dabei läßt er vielleicht seinen Blick über alles was an den Gegenständen rot ist schweifen. Es wäre auch lehrreich diese Variante zu betrachten:

104 Der Andre soll in jedem Stadium des Spiels zeichnen oder malen, was er denkt, daß ich meine. Es wäre dann in gewissen Fällen klar, was er zeichnen soll. Hätten z.B. alle Gegenstände das gleiche Fabrikszeichen so wird er dieses aufzeichnen, wenn er glaubt daß ich es meine. Sind sie aber alle rötlich, was soll er malen? Welchen Ton von rot; & welche Form? Wie, wenn er ein andermal malen wollte, daß alle rot & rund seien? Man sagt sich gleich, hier sei eine Abmachung nötig.

§EPB

232[3]

Wenn einer, auf verschiedene Töne von Rot zeigend fragte: “Was haben alle diese gemein, daß Du sie mit dem gleichen Wort benennst?”, – so möchte ich antworten: “Siehst Du es denn nicht?!”, – & dies ist natürlich keine Antwort.

§EPB

232[4] &
233[1]

Es gibt Fälle, in denen, erfahrungsgemäß, ein Mensch Befehle, wie “Bring mir das & das”, nicht ausführen kann, wenn er nicht vorher erkannt hat, was den Dingen gemein ist, auf die, bei der Erklärung des betreffenden Wortes gewiesen wurde. Und dieses Erkennen kann dann darin bestehen, daß er auf das Gemeinsame zeigt, oder etwas aufzeichnet, oder sich vorstellt, oder ein bestimmtes Wort sagt, u.s.f. – Dann aber gibt es Fälle, in denen so ein einleitender Prozeß nicht stattfindet; & wir dennoch sagen, er habe das Gemeinsame in den Gegenständen welches wir meinten erkannt, wenn er nun meinen Befehl “Bringe mir …” zu unserer Zufriedenheit ausführt.

§EPB

233[2]

“Warum nennst Du diese verschiedenen Erfahrungen, ‘Erfahrungen der Anstrengung’ & ‘Erfahrungen der Entspannung’?” – “Weil sie alle etwas mit einander gemein haben.” – “Was hat eine geistige Anstrengung mit einer körperlichen Gemeinsames?” – “Ich weiß es nicht; aber irgend eine Ähnlichkeit besteht ja offenbar.” – Warum sagtest Du dann aber, sie hätten etwas gemeinsam? – Du hast damit ein bestimmtes Bild gebraucht aber keine Erklärung gegeben. – Es kann ja sein daß allen Vorgängen, die wir Anstrengung (& Entspannung) nennen etwas gemeinsam ist, z.B. eine Art der Atmung, oder ein Spannungszustand gewisser Muskeln etc. Kannst Du aber nicht sagen, welcher Art das Gemeinsame ist, so ist es keine Erklärung: ihre Ähnlichkeit besteht darin, daß ihnen etwas gemeinsam ist.

§EPB

233[3]

Sollen wir nun sagen, Du hast ein besonderes ‘Gefühl des Ähnlichseins oder der Ähnlichkeit’, wenn Du die Erfahrungen mit einander vergleichst, & darum gebrauchst Du den gleichen Ausdruck für sie?

§EPB

233[4] &
234[1]

Stelle Dir diese Frage: Wann hast Du das Gefühl? – Denn was wir ‘zwei Erfahrungen vergleichen’ nennen ist ja ein komplizierter Vorgang: Du riefst Dir etwa die beiden Erfahrungen nach einander in's Gedächtnis, denkst abwechselnd an die eine & an die andre; wann, während dies vorgeht, hast Du das Gefühl? – Was tut diese Frage? Sie nimmt uns die Lust, hier von einem besonderen Gefühl zu sprechen.

§EPB

234[2]

“Aber ich würde doch nicht sagen, die Vorgänge seien ähnlich, wenn ich nicht ein Erlebnis dieser Ähnlichkeit hätte?” – Aber muß dieses Erlebnis ein Gefühl sein? Angenommen es wäre das Erlebnis, daß sich Dir das Wort ‘Ähnlichkeit’ aufdrängt, – würdest Du dies ein Gefühl nennen? – Ich sage nicht, daß hierbei nicht allerlei Gefühle auftreten!

§EPB

234[3]

“Aber gibt es nicht ein Gefühl der Ähnlichkeit?” – Ich glaube es gibt eine Reihe von Gefühlen, die man Gefühle der Ähnlichkeit in speziellen Fällen nennen könnte. Wenn auch nicht ein Gefühl, oder ein Erlebnis, welches das Wahrnehmen der Ähnlichkeit wäre. Denke an Erfahrungen, die wir in solchen Fällen haben:

§EPB

234[4]

105 Es gibt eine Erfahrung des Beinahe-nichtunterscheiden-könnens. Du siehst z.B. zwei Längen, oder zwei Farben, die beinahe ganz gleich sind & willst sehen, ob Du einen Unterschied in ihnen entdecken kannst, oder ob ihr Unterschied für den & den Zweck zu groß ist. Du siehst von einer zur andern, blinzelst, hältst den Atem an, wackelst mit dem Kopf, murmelst vielleicht Worte, u.s.f. Man könnte sagen: Zwischen all diesen Erfahrungen ist ja kaum Platz für ein Gefühl der Ähnlichkeit.

§EPB

234[5] &
235[1]

Wenn immer ich nun meinen Tisch sehe, sehe ich Tischfüße, die ganz oder beinahe gleich hoch sind; aber habe ich hier auch solche Erfahrungen des Nicht-unterscheiden-könnens?

§EPB

235[2]

Vergleiche mit dem ersten Beispiel eines, in welchem es keinerlei Schwierigkeit macht die ähnlichen Gegenstände zu unterscheiden. Ich sage z.B.: “Ich will diese beiden Beete von ähnlicher Farbe, ich will hier keinen starken Kontrast”. Die Erfahrung wenn der Blick von einem zum andern geht, könnte man hier ein sanftes Gleiten nennen.

§EPB

235[3]

Ich höre Variationen über ein Thema & sage: “Ich sehe noch nicht, in wiefern das eine Variation des Themas ist, aber ich merke eine gewisse Ähnlichkeit (Analogie).” Bei gewissen charakteristischen Punkten der Variation ‘wußte ich, wo ich im Thema bin’; & diese Erfahrung konnte darin bestehen, daß mir blitzartig die betreffende Stelle des Themas einfiel, oder es schwebte mir ihr Notenbild vor, oder ich machte die gleiche Geste, wie an jener Stelle, etc.

§EPB

235[4]

“Aber wenn zwei Farben einander ähnlich sind, so sollte doch meine Erfahrung dieser Ähnlichkeit darin bestehen, daß ich die Ähnlichkeit erfasse, welche da ist.” – Aber ist nun ein bläuliches Grün einem gelblichen Grün ähnlich, oder nicht? Unter gewissen Umständen werden wir sagen, sie seien ähnlich, unter andern, sie seien gänzlich unähnlich. Sollen wir sagen, wir haben da zwei verschiedene Relationen wahrgenommen, die zwischen den beiden Farben bestehen?

106 – Nimm an, ich beobachte die allmähliche Veränderung der Farbe einer Substanz: ein bläuliches Grün geht nach & nach in grün, dann in gelbliches grün, in gelb & endlich in orange über.

§EPB

235[5] &
236[1]

Ich sage Dir: “Es braucht nur eine kurze Zeit vom Bläulichgrünen zum Gelblichgrünen, die sind ähnlich.” – Setzt das nicht eine Erfahrung der Ähnlichkeit schlechtweg von Blaugrün & Gelbgrün voraus? – Die Erfahrung könnte sein, daß ich im Geist einen Farbenstreifen vor mir sehe, in dem Blaugrün & Gelbgrün nah am Grün liegen, & das Orange weiter zur Seite; oder ich sehe ein Grün vor mir, das bald ins Bläuliche bald ins Gelbliche schillert; oder ich sehe nichts vor mir & sage nur was ich sage (Dies wird später klarer werden. Es handelt sich darum, was sind die Paradigmen für die Verwendung des Wortes & welches die Gegenstände auf die es angewandt wird.). – Wenn ich aber über die Ähnlichkeit von Blaugrün & Gelbgrün & die Unähnlichkeit von Blaugrün & Orange nachdenke, empfinde ich jetzt etwa bei der Vorstellung dieses Farbenpaares etwas wie Spannung, ich mache ein Gesicht, gleichsam, als ob es mich ekelte, das Wort ‘Diskrepanz’ kommt mir in den Sinn; & beim ersten Farbenpaar mache ich ein versöhnliches Gesicht & fühle mich entspannt. Und es ist eine wichtige Tatsache, daß ich dabei ja mein Gesicht nicht sehe, sondern nur fühle.

§EPB

236[2]

(Beachte die große Familie der Bedeutungen des Wortes “ähnlich”.)

§EPB

236[3] &
237[1]

Es ist nun etwas Bemerkenswertes an dem Satz: daß wir sowohl geistige, als auch körperliche Anspannung darum ‘Anspannung’ nennen, weil zwischen beiden eine Ähnlichkeit bestehe. Würden wir sagen: “Wir gebrauchen das Wort ‘rot’ sowohl für ein lichtes Rot wie für ein dunkles, weil eine Ähnlichkeit zwischen ihnen besteht”? – Wenn man uns fragt: “Warum nennst Du das auch ‘rot’?”, so möchten wir sagen: “Weil es auch rot ist”. – Hier möchte man als Erklärung vorschlagen: ‘rot’ bezeichne etwas, was dem dunkeln & dem hellen Rot gemeinsam sei; & wenn wir mit ‘Anspannung’ auch etwas meinten, was der geistigen & der körperlichen Anspannung gemeinsam ist, dann wäre es falsch, zu sagen, sie hießen beide ‘Anspannung’ weil sie einander ähnlich sind & das Richtige: sie hießen ‘Anspannung’, weil Anspannung in beiden ist.

§EPB

237[2]

Was aber haben lichtrot & dunkelrot miteinander gemeinsam? Beim ersten Blick scheint die Antwort klar: Sie sind beide Schattierungen derselben Farbe, Rot. – Aber das ist nur eine Tautologie. Fragen wir so: Was haben diese beiden Farben, auf welche ich zeige, mit einander gemeinsam (& die eine sei ein Hellrot, die andre ein Dunkelrot)? – Die Antwort darauf wäre etwa: Ich weiß nicht, was für ein Spiel Du spielst; & davon hängt es ab, ob ich sagen kann, sie haben etwas gemein, & was.

§EPB

237[3]

107 Nimm an: A zeigt B verschiedene Farbmuster & fragt ihn, was je zwei von ihnen mit einander gemeinsam haben. Als Antwort hat B auf das Muster einer reinen Farbe zu zeigen. Zeigt A ihm Rosa & Orange, so zeigt B auf ein reines Rot; zeigt A ihm zwei Schattierungen von bläulichem Grün, so zeigt B auf reines Blau & reines Grün, etc.. Zeigte A ihm in diesem Spiel lichtes & dunkles Rot, so wäre die Antwort nicht zweifelhaft. Zeigte er ihm reines Rot & reines Grün, so wäre die Antwort, diese beiden hätten nichts gemeinsam. – Aber ich kann mir leicht Umstände vorstellen, unter denen wir sagen würden, diesen beiden Farben sei etwas gemeinsam, & auch ohne uns zu bedenken sagen würden, was.

§EPB

237[4] &
238[1]

108 – Stellen wir uns einen Sprachgebrauch vor (eine Kultur), in welchem es einen gemeinsamen Namen für grün & rot, & einen für blau & gelb gibt. zwei Kasten: die sogenannten ‘Patrizier’ trugen blau & gelbe Gewänder, die ‘Plebejer’ rot & grüne. So hatte sich dieser Wortgebrauch herausgebildet: Von Blau & von Gelb spricht man als ‘patrizischen Farben’, von rot & von grün als ‘plebeischen’. Der Ursprung dieser Worte aber ist gänzlich in Vergessenheit geraten. Sagt man von einem Ding, es sei ‘plebejisch’ gefärbt so weiß man natürlich nicht, ob es grün oder rot sei, so wie wir nicht wissen, ob etwas hellblau oder dunkelblau ist, wenn bloß gesagt wird, es sei blau. Wollen sie zwischen Blau & Gelb unterscheiden, so fügen sie dem Wort patrizisch noch ein Wort bei (wie wir das Wort ‘hell’ dem Wort ‘blau’) u.s.f.. Fragte man einen Mann dieses Volkes, was diesen beiden Farben (die wir ‘gelb’ & ‘blau’ nennen) mit einander gemein ist, – würde er nicht antworten, sie seien beide patrizisch?

§EPB

238[2]

Denke Dir etwa, Menschen nähmen in der sie umgebenden Natur ein ständiges Übergehen von roten Färbungen in grüne & von grünen in rote wahr, & zwar so wie wir es im Herbst an manchen Blättern sehen, die nicht zuerst gelb & dann rot werden, sondern die durch einen dunkel schillernden Ton vom Grünen ins Rote übergehen. Ähnlich geschieht es auch mit Blauem & Gelbem was sie um sich sehen. (Wie etwa der Abendhimmel manchmal im Osten blau ist & nach Westen hin über ein helles Grau in gelb übergeht) Für diese Menschen gehören rot & grün immer zusammen. Es sind zwei Pole des Gleichen. Wollen sie in ihrer Sprache rot & grün unterscheiden, so fügen sie dem gemeinsamen Wort eines von zwei Adverben bei, wie wir dem Wort ‘Rot’ die Worte ‘hell’ oder ‘dunkel’. Auf die Frage, ob diese beiden Färbungen (eine rote & eine grüne) etwas mit einander gemeinsam haben, sind sie geneigt zu antworten: ja, beide seien …

§EPB

239[1]

108 Umgekehrt könnte ich mir auch eine Sprache (& das heißt wieder eine Lebensform) denken, die zwischen Dunkelrot & Hellrot eine Kluft befestigt. etc.

§EPB

239[2]

Vergleiche (106) & (102): in beiden konnte die Frage lauten: “Welches ist die gemeinsame Farbe?” & auch die Antwort die gleiche Form haben obwohl die Fälle gänzlich verschieden sind.

§EPB

239[3]

109 Eine Worterklärung könnte lauten: “Was diesen beiden Farben gemeinsam ist, nenne ich ‘rot’” – dabei zeige ich auf ein bläuliches & auf ein gelbliches Rot. Und jemand könnte diese Erklärung verstehen; d.h. z.B. einen Befehl “Bring mir noch einen roten Gegenstand” daraufhin richtig ausführen. Aber vielleicht bringt er mir etwas Blaues & ich möchte sagen: “Er scheint irgend eine Ähnlichkeit zu bemerken zwischen diesem Ding & den Mustern, die ich ihm gezeigt habe”.

[→ ]

§EPB

239[4]

Manche Menschen, wenn sie einen Ton nachsingen sollen, den man auf dem Klavier anschlägt, singen regelmäßig die Quint des Tons.

110 Man könnte sich daher eine Sprache denken, die den gleichen Namen für Grundton & Quint hat. – Denke nun es fragte jemand: “Was haben Grundton & Quint mit einander gemein?” – Zu sagen, sie haben eine gewisse Affinität, ist natürlich keine Erklärung. (Erklärung der Affinität des ersten & zweiten Gedankens eines Sonatensatzes)

§EPB

239[5]

Sollen wir sagen, geistige & körperliche Anstrengung seien ‘Anstrengungen’ im gleichen Sinn des Worts, oder in verschiedenem Sinn? –

§EPB

239[6]

Es gibt Fälle, in denen wir eine Frage solcher Art unbedenklich beantworten. Betrachte den folgenden Fall:

§EPB

240[1]

{ 109 “Ich meine mit ‘rot’, was diesen beiden Farben gemeinsam ist”: Könnte nicht jemand diese Erklärung verstehen? – Warum nicht, er könnte z.B. einen Befehl “Bring mir noch einen roten Gegenstand” daraufhin richtig ausführen. – Vielleicht aber bringt er mir nun einen blauen Gegenstand, & wir sind geneigt zu sagen: Er scheint eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Mustern & diesem Ding zu bemerken. }

§

240[2]

109 Eine Worterklärung könnte lauten: “Was diesen beiden Farben gemeinsam ist, nenne ich ‘rot’”. Und jemand könnte diese Erklärung verstehen. Er würde z.B. einen Befehl, “Bring mir noch einen roten Gegenstand”, daraufhin richtig ausführen. …

§EPB

240[3]

109 Betrachte den Satz: “Ich meine mit ‘rot’, was diesen beiden Farben gemeinsam ist”. – Könnte denn nicht jemand diese Erklärung verstehen? – Gewiß; er könnte … . – Vielleicht aber … …, & wir sind dann geneigt zu sagen: …

§EPB

240[4] &
241[1]

111 Jemand hat den Gebrauch der Wörter ‘heller’ & ‘dunkler’ gelernt. Er kann z.B. einen Befehl ausführen “Male einen dunkleren Farbton als diesen!”, oder die Frage beantworten “Welche von diesen Farben ist dunkler?” u.s.f. – Nun sage ich zu ihm: “Ordne die Vokale a e i o u nach der Dunkelheit ihres Klanges!” – Vielleicht sieht er nur verdutzt drein & tut nichts; vielleicht aber überlegt er & ordnet nun die Vokale etwa so: i, e, a, o, u. (Dies tun tatsächlich viele Menschen.) Nun könnte vielleicht Einer glauben, die Vokale müßten dazu in der Vorstellung des Menschen Farben erzeugen & er ordne eben diese Farben. So verhält es sich aber nicht. Die Vokale werden, ohne Dazwischenkunft von Farbenbildern nach ihrer Dunkelheit geordnet.

§EPB

241[2]

Würden wir nun gefragt, ob u wirklich dunkler ist als e, so sind wir geneigt zu sagen: “Nein, – es macht mir irgendwie einen dunklern Eindruck”.

§EPB

241[3]

Wir könnten nun Einen, der gesagt hätte “u ist dunkler als e”, fragen: “Was war es, das Dir dieses Wort eingab? Warum gebrauchst Du hier das Wort ‘dunkler’?”

§EPB

241[4]

Hier besteht wieder die Versuchung zu sagen: “Du mußt etwas gesehen haben, was der Beziehung, die zwischen Farben besteht & der Beziehung die zwischen den Lauten besteht gemeinsam ist.” – Wenn er nun aber nichts solches angeben kann! –

§EPB

241[5]

Beachte die Ausdrucksweise “Du mußt …”. Damit will man nicht sagen: “Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß man in solchen Fällen etwas sieht, etc.”. Aber darum sagt dieser Satz auch über die Tatsachen nichts aus. (Er schlägt eigentlich eine Darstellungsweise vor.)

§EPB

241[6]

112 Sagt mir nun jemand: “Ich sehe eine Ähnlichkeit zwischen dunkel hier & dunkel dort, aber ich kann nicht sagen, worin sie besteht”, so sage ich ihm: “Das charakterisiert Deine Erfahrung der Ähnlichkeit.”

§EPB

241[7] &
242[1]

Denke Dir Du siehst auf zwei Gesichter & sagst: “Sie sind einander ähnlich, – aber ich weiß nicht worin die Ähnlichkeit besteht”. Dann nach einer Weile sagst Du: “Jetzt weiß ich's. Ihre Augen haben die gleiche Form”. – Nun ist Deine Erfahrung der Ähnlichkeit eine andre, als vorher. Das ist natürlich eine grammatische Bemerkung; wie die: “Wenn man ‘näher hinsieht’, sieht man klarer wie das Ding ausschaut; aber nicht, wie das Gesichtsbild ausschaut, das man hatte.”

§EPB

242[2]

Nun zu der Frage: “Warum gebrauchst Du hier das Wort ‘dunkler’?” – Die Antwort könnte sein: “Ich habe es nicht aus irgend einem Grund gebraucht.” Aber ich kann das sagen: ich gebrauche nicht nur das Wort, sondern ich gebrauche es auch im gleichen Ton, & mit dem gleichen Gesichtsausdruck & der gleichen Geste, wie von etwas Sichtbarem. – So ist es auch, wenn wir von tiefem Schlaf, tiefer Traurigkeit, & einem tiefen Brunnen reden.

§EPB

242[3]

113 Es gibt Menschen, die unter den sieben Wochentagen fette & magere unterscheiden; & meine Erfahrung, wenn ich einen Wochentag als fett empfinde, besteht darin, daß mir das Wort ‘fett’ kommt, etwa mit einer Mimik die Beleibtheit & eine gewisse Bequemlichkeit ausdrückt.

§EPB

242[4]

Sage nicht, dies sei nicht die eigentliche Erfahrung, denn man müsse zuerst den Tag als fett empfinden ehe man das Wort ‘fett’ für ihn braucht & die Gebärde dazu macht. Warum muß man? Ist Dir eine solche erste Erfahrung bewußt? – Und wenn nicht, – ist dieses ‘muß’ dann nicht der Ausdruck eines grammatischen Vorurteils? – Vielmehr lernst Du aus diesem & ähnlichen Fällen eine wichtige Gebrauchsart des Wortes ‘empfinden’.

§EPB

242[5]

Wir sind nun geneigt zu sagen ein Vokal sei nicht in demselben Sinne dunkler als ein andrer, in dem eine Farbe dunkler ist, als eine andre. Denn das hieß es ja: u sei nicht wirklich dunkler als e etc.. – Betrachte nun dieses Beispiel:

§EPB

243[1]

114 Wir haben jemand die Farbnamen ‘rot’& ‘grün’, durch hinweisende Erklärungen verstehen gelehrt. Er kann z.B. Befehle ausführen, in denen diese Wörter gebraucht werden. Ich zeige ihm nun einen Haufen von Blättern, von denen einige rötlich braun, die andern grünlich gelb gefärbt sind & sage: “Lege die roten & die grünen Blätter auf zwei Haufen”. Er wird daraufhin vielleicht die rotbraunen & die grünlichgelben Blätter von einander scheiden. – Habe ich nun hier die Worte ‘rot’ & ‘grün’ in demselben Sinn gebraucht, wie in früheren, normalen, Fällen, oder in anderem, wenn auch ähnlichem, Sinn? Welche Gründe würde man für die letztere Auffassung angeben? Man kann, z.B., anführen, daß er auf den Befehl ‘Male einen roten Fleck!’ wenn ihm alle Farben zur Verfügung stehen gewiß keinen braunen mit einem rötlichen Stich gemalt hätte; & darum, könnte man sagen bedeutet ‘rot’ in den beiden Fällen etwas Verschiedenes. Ich könnte aber auch sagen: “Es hat immer die gleiche Bedeutung. Die Umstände der Anwendung sind hier etwas andere.”

§EPB

243[2] &
244[1] &
245[1]

Als Kriterium dafür daß das Wort zwei Bedeutungen hat gilt uns in manchen Fällen daß es zwei verschiedene Erklärungen des Wortes gibt. Wir sagen dann nicht nur daß das Wort in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet wird, sondern auch, welches diese zwei Bedeutungen sind. So sagen wir das Wort ‘Bank’ habe zwei Bedeutungen, denn einmal bedeutet es diesen Gegenstand (eine Sitzbank) ein andermal diesen (die Kreditbank). Und die Gegenstände, auf die ich weise sind hier die Muster nach denen ich mich bei der Benützung des Wortes zu richten habe. Soll ich nun sagen das Wort ‘rot’ habe verschiedene Bedeutungen, weil ich es auf verschiedene Töne anwende? – Denken wir uns diesen Fall:

115 Irgendwo gebrauchen die Menschen die Farbwörter ‘rot’, ‘grün’, ‘blau’, ‘gelb’ stets in Verbindung mit Mustern dieser Farben, die sie bei sich tragen. Alle Muster von Rot haben den gleichen Ton & ebenso wird auch nur ein Ton von Grün als Muster verwendet, etc.. Ihre Farbwörter sind Zeichen die sie mit den Händen geben, & auf jedem Mustertäfelchen ist ein solches Zeichen abgebildet. Beim Gebrauch der Zeichen sehen sie stets nach, welches Täfelchen das Zeichen trägt, das der Andre gibt, u.s.f.. Sie gebrauchen aber diese Muster für verschiedene Töne von Rot, Grün, etc. Holen also auf einen Befehl “Bring mir ein grünes Blatt!” bald dieses bald jenes Grün u.s.f.

§EPB

245[2]

Man wird geneigt sein, zu sagen, daß in dieser Sprache jedes der Farbwörter nur eine Bedeutung hat, vielleicht daß es das bedeutet, was allen roten Tönen (etc.) mit einander gemein sei. – “Aber gebrauchen sie nun ihr Muster für das, was den verschiedenen Rot gemeinsam ist, oder einfach, einmal für den einen Ton, einmal für den andern, also ‘in verschiedenen Bedeutungen’?”

116 – Aber nimm nun an, Du brachtest auf den Befehl “Bring mir zwei rote Bücher”, ein Zinnoberrotes& ein Karminrotes: Wie hast Du das Wort ‘rot’ des Befehles angewendet? Hast Du das darunter verstanden, was den beiden Rot gemeinsam ist, oder einfach, einmal Zinnober & einmal Karmin?

§EPB

245[3]

117 Denke Dir diesen Fall: Ein Volk besitzt kein Wort welches unserm ‘rot’, oder ‘grün’, etc., entspricht sondern für jedes dieser Wörter hat es fünf verschiedene, für fünf Helligkeitsgrade der Farben. Wenn diese Leute Deutsch lernen, wundern sie sich, daß es da bloß ein Wort für diese fünf gibt. Würden sie nicht sagen, unser ‘rot’ habe fünf verschiedene Bedeutungen? >

§EPB

245[4]

118 Denke Dir eine Sprache, in welcher das Wort ‘rot’, in verschiedenen Tonlagen ausgesprochen, auf verschiedene Helligkeitsgrade von Rot angewendet wird. Hier, würden wir sagen, bedeutet es Verschiedenes, je nach dem Ton, in dem es ausgesprochen wird. Aber wir könnten auch sagen: “Es bedeutet immer das gleiche; & der Ton zeigt den Helligkeitsgrad an.”

§EPB

245[5] &
246[1]

Oder, – müssen wir nicht sagen, daß für sie unser Wort ‘rot’ fünf verschiedene Bedeutungen hat? Besonders, wenn wir uns denken, daß Einer, wenn er das Wort bei uns hört sich im Geiste alle seine fünf Wörter hersagt & die Farbtöne dabei vorstellt. Gewöhnte er sich aber nach & nach an unsern Sprachgebrauch lernte er ‘auf Deutsch denken’, – würden wir da nicht vielleicht sagen, er sähe nun das Gemeinsame aller jener Töne?

§EPB

246[2]

119 Denke Dir, Menschen lernten den Gebrauch der Farbwörter zuerst beim Mischen von Malfarben. Sie haben sechs Farbnäpfe: Rot, Blau, Grün, Gelb, Weiß, Schwarz. Die sechs Farbwörter lernen sie zuerst auf die sechs Farbstoffe anwenden. Sie machen dann vielfache Übungen, wie diese: es werden ihnen einfärbige Gegenstände gezeigt; sie müssen sagen ‘aus welchen Farben diese Mischfarben bestehen’, ‘Welche von diesen Mischfarben rot enthalten’ u.s.f. Später lernen sie Befehle wie ‘Bring mir etwas Rotes’ ausführen & zwar auch so, daß sie einen Gegenstand bringen dessen Farbe ‘genügend rot enthält’. – Hier würde man gewiß sagen, für sie bedeutet ‘rot’ was diesen Tönen gemeinsam ist.

§EPB

246[3] &
247[1]

120 “Können wir nicht zwei Töne von Rot, sagen wir, Karmin & Zinnober, einmal als Farben auffassen, die rot mit einander gemein haben, – einmal, einfach als zwei einigermaßen ähnliche Farbtöne, oder, als zwei Farbtöne die reinem Rot ähnlich sind?” – Ja; aber in welchen Fällen würdest Du sagen, daß wir dies tun, & worin besteht dieses ‘einmal so – einmal anders Auffassen’? – Wer z.B. durch die Schule (119) gegangen ist, dem wird vielleicht, wenn er sagt, zwei Dinge (ein zinnoberrotes & ein karminrotes) seien beide rot, dabei eine Zerlegung von Farben vorschweben & darin kann das Auffassen der beiden Töne als Mischfarben bestehen, oder das Auffassen des Rot als ihr gemeinsamer Bestandteil. Wir werden später noch von dem Auffassen (oder Sehen) von Etwas als Etwas reden. Sehr verschiedene Vorgänge nennen wir so; & nicht einen einfachen grundlegenden Vorgang, wie unsere Ausdrucksweise uns zu glauben verleitet.

§EPB

247[2] &
248[1]

121 Denke an die Verwendung der Farbwörter in Ausdrücken wie ‘schwarzer Kaffee’, ‘weißer Wein’, ‘Rotwild’, etc. – Wir könnten uns vorstellen, daß Menschen die Farbwörter je nach dem Gebiet von Gegenständen, von denen sie reden, in verschiedener Weise gebrauchten. So sagen sie von einem Pferd, es sei rot, wenn es nach unsern Begriffen braun ist mit einem leichten rötlichen Stich; sie reden von ‘blauen’ Pferden & meinen weiße mit einem bläulichen Schimmer; bei Kühen sind die Begrenzungen ihrer Farbbegriffe wieder etwas anders, & wieder anders bei Äpfeln & Pflaumen & Ziegeln etc.. (Es wäre das vergleichbar damit, daß Menschen verschiedenerlei Längenmaß für Holz, Tuch, etc. haben.) Wenn ich nun ihre Ausdrucksweise lernen sollte, & von einem Pferd sagen muß, es sei blau, das ich nie anders als weiß oder weißgrau genannt hätte, so würde ich mir gewiß sagen: “‘Blau’ bedeutet hier bei ihnen das”, & obwohl ich gleichsam verstünde, daß sie das ‘blau’ nennen, so bedeutet nun ‘blau’ für mich doch etwas andres als gewöhnlich. D.h. zeigt man mir zwei Farbtöne die beide ziemlich nahe reinem Blau sind & fragt mich, ob das Wort ‘blau’, auf diese beiden angewandt, dieselbe Bedeutung hat, so bin ich geneigt zu sagen, es hat dieselbe, & vielleicht auch: Blau sei das, was beide Gegenstände sind, das Blau sei nur einmal ein wenig mit Weiß, einmal ein wenig mit Grün ‘legiert’. (Ich sage ja auch zwei Ketten sind aus Gold, wenn die eine etwas mehr Kupfer enthält, als die andre. Hier rede ich also von Blau als dem gemeinsamen ‘Hauptbestandteil’. Beachte den Gebrauch von ‘ziemlich nahe’; ich hätte auch sagen können ‘ziemlich ähnlich’.) Zeigt man mir aber ein solches Blau & dazu jenes Weißgrau mit der Spur des bläulichen Schimmers, & fragt mich, ob ‘Blau’ dasselbe bedeutet, wenn man diese beiden ‘Blau’ nennt, – so sage ich wohl, nein; & ich werde hinzufügen: “Das sind ja ganz verschiedene Farben nur mit einer leisen Verwandtschaft.” Oder: “‘Blau’ bedeutet hier eigentlich, ‘Weiß mit einem Stich ins Blaue’”. Denn, soll ich zeigen, welche Farbe ich ‘blau’ nenne, so werde ich zur Erklärung nicht auf so ein Weiß zeigen. Aber die Leute in unserm Beispiel sagen vielleicht: “Blau, bei Pferden, ist das, bei Pflaumen das, etc.”. Wenn man sie aber fragt, ob bei ihnen ‘blau’ Verschiedenes oder immer nur Eines heißt, so kann ich mir vorstellen, daß sie antworten: “‘Blau’ heißt immer nur blau. Natürlich ein blaues Pferd schaut anders aus als der blaue Himmel etc.!”

§EPB

248[2] &
249[1]

Vielleicht aber sagst Du: “‘Blau’ ist doch nicht die Farbe eines hellblauen oder dunkelblauen Körpers sondern, es ist der Begriff unter den die Farbe des Dinges fällt” oder “‘Blau’ bedeutet die Klasse aller blauen Farben”. ‘Klasse’ ist ein logisches Modewort, wir müssen von ihm noch reden, & es ist damit hier nichts erklärt, & ebensowenig mit der Verwendung des Wortes ‘Begriff’. Aber wir könnten aus diesem Beispiel allerdings etwas über die Biegsamkeit des Begriffes ‘Begriff’ lernen.

§EPB

249[2]

Wir haben die Idee, daß der Mensch, der das Wort ‘blau’ versteht, seine Bedeutung kennt, in seiner Seele ein Bild dieses Begriffes trägt. Frage Dich aber: “Wie sieht dieses Bild aus?” – Von dieser Metapher ausgehend kann man aber sagen: Das Wort hat für Dich eine Bedeutung, wenn Du geneigt bist, Dir selbst nur eine hinweisende Erklärung des Wortes zu geben. (Lernst Du also die Sprache der Leute im Beispiel (121) & memorierst die Farbtöne, die diese ‘blau’ nennen, so bedeutet das Wort einmal das, einmal das.)

§EPB

249[3] &
250[1]

Wir konnten nicht entscheiden ob im Beispiel (114) ‘rot’ nur eine, oder zwei Bedeutungen habe; aber nehmen wir an, der, dem ich den Befehl gebe, sagt:

122 “Es sind zwar hier keine roten & grünen Blätter, aber ich verstehe Dich”, & darauf sortiert er sie. Oder: er hat sonst Befehle von der Art, “Sortiere diese Gegenstände etc.”, ohne sich zu bedenken ausgeführt; als ich ihm aber den gab, die Blätter zu sortieren, sah er zuerst auf den Haufen & stutzte; dann fing er an rötlich braune & grünlich gelbe zu sortieren. – Oder er besinnt sich einen Augenblick & sagt zu sich selbst: “Er meint wohl diese”, dabei blickt er auf ein rotbraunes & ein grüngelbes Blatt, dann sortiert er. – Dies, können wir sagen, bedeutet daß jene Blätter für ihn nicht in demselben Sinne ‘grün’ & ‘rot’ sind wie die Dinge, die früher so genannt wurden. – Befolgt er anderseits meinen Befehl ohne das geringste Bedenken, ‘als wäre es ganz selbstverständlich’, daß ich hier die Worte ‘rot’ & ‘grün’ gebrauche, so liegt es nahe, zu sagen, sie haben für ihn auch in diesem Befehl ihre alte Bedeutung. – Wollte man aber sagen: “Also muß der, welcher sich erst besinnen mußte & der welcher den Befehl, wie selbstverständlich, ausführte verschiedene Bilder der Begriffe in ihrer Seele getragen haben”, – so würde ich antworten: “Was Du sagst kann eine Hypothese sein zur Erklärung der Tatsachen, die ich beschrieben habe, oder auch ein Gleichnis, wodurch Du diese Tatsachen darstellst; aber es folgt nicht aus den Tatsachen.”

§EPB

250[2]

123 Denke Dir nun diesen Fall: Jemand hat wie im Beispiel (111) den Gebrauch von ‘heller’ & ‘dunkler’ gelernt. Ich gebe ihm die Aufgabe beliebige Gegenstände in Reihen zu ordnen nach ihrer Helligkeit. Er tut dies, indem er eine Reihe von Büchern legt, eine Reihe von Tiernamen aufschreibt, & endlich schreibt er noch die Reihe ‘i, e, a, o, u’. Ich frage ihn, weshalb er diese Reihe hingeschrieben hat, & er antwortet: “i ist doch heller als e, & e ist heller als a, & a ist heller als o!” – Ich werde über diese Idee erstaunt sein, & doch sagen müssen, es ist etwas daran. Vielleicht sage ich ihm: “Aber i ist doch nicht in der Weise heller als e, wie das Buch heller ist als das!”. Aber er versteht mich nicht, zuckt mit den Achseln, & sagt: “Aber i ist doch heller als e, nein?” –

§EPB

250[3] &
251[1]

Wir werden geneigt sein diesen Fall als eine ‘Abnormität’ zu behandeln, & zu sagen: “Er muß ein Organ haben, womit er sowohl färbige Dinge als auch Laute als heller & dunkler empfindet. Und ‘heller’ & ‘dunkler’ haben also für ihn eigentlich eine andere Bedeutung als für uns.” Und wenn wir versuchen, unsere Idee klar zu machen, so sieht sie etwa so aus: Im normalen Menschen zeigt ein Instrument sichtbare Helligkeit & Dunkelheit an & ein anderes die Helligkeit & Dunkelheit von Lauten (in dem Sinne, in welchem wir sagen könnten, Strahlen gewisser Wellenlängen nähmen wir mit den Augen wahr, andere mit unserm Temperatursinn.) In unserm Subjekt (122) aber werden sowohl Farben als auch Laute nach den Ausschlägen desselben Instruments geordnet (wie eine photographische Platte auf einen Bereich von Wellenlängen reagiert, welchen wir nur mit zwei Sinnesorganen wahrnehmen können).

§EPB

251[2]

Der normale Mensch registriert Helligkeit & Dunkelheit von Farben auf einem Instrument (der Seele, oder des Gehirns) & das, was man ‘Helligkeit & Dunkelheit von Lauten’ nennen kann, auf einem andern (in dem Sinne in welchem wir sagen können, Strahlen zwischen gewissen Wellenlängen nähmen wir mit unsern Augen wahr, andere mit unserm Temperatursinn.) In unserm Subjekt (122) aber werden sowohl Farben als auch Laute nach den Ausschlägen desselben Instruments geordnet (wie etwa eine photographische Platte einen Bereich von Wellenlängen anzeigt zu dessen Wahrnehmung wir zwei Sinnesorgane brauchen.) Das Subjekt in (123) aber, sind wir versucht zu sagen, ordnet Farben & Laute nach den Ausschlägen desselben Instruments (wie eine photographische Platte einen Bereich von Wellenlängen anzeigt zu dessen Wahrnehmung wir zwei Sinnesorgane brauchen.)

§EPB

251[3] &
252[1]

Dieses Bild, ungefähr, liegt hinter unserer Idee, in (123) müsse das Subjekt die Worte ‘heller’ & ‘dunkler’ anders verstehen als wir. Auf der andern Seite aber wissen wir in diesem Fall nichts von der Existenz eines besondern Instrumentes & die Annahme ein solches existiere kann nur eine Hypothese (& vielleicht eine ganz überflüssige) sein, oder ein Bild mit dem wir die Tatsachen einprägsamer darstellen.

§EPB

252[2] &
253[1]

“Aber er gebraucht doch ‘heller’ gewiß in einem andern Sinn, wenn er sagt, i sei heller als e!” – Unterscheidest Du hier zwischen dem Sinn, in welchem er das Wort gebraucht, & der Art des Gebrauches? D.h., willst Du sagen, wenn Einer das Wort so gebraucht, wie er, müsse neben den offenbaren Unterschieden des Gebrauchs noch ein anderer bestehen, & zwar im seelischen Vorgang? – Denke hier z.B. an das, was in der Betrachtung (116) & (120) gesagt wurde. – Oder willst Du nur sagen, daß der Gebrauch von ‘lichter’ in diesem Satz doch gewiß ein andrer genannt werden müsse, als der im Satz “Dieser Topf ist heller als der”. Aber ist diese Verschiedenheit noch etwas, über & außer allen besonderen Verschiedenheiten? Und die Verschiedenheiten sind freilich mannigfaltig; hinsehen & hinhören; Farben malen, Laute aussprechen; etc. Und ferner, wenn ich in (111) dem Schüler sage, “Jetzt ordne die fünf Vokale nach ihrer Dunkelheit”, so bin ich geneigt dabei ein besonderes Gesicht zu machen (vielleicht ein verschmitztes) & es in besonderem Ton zu sagen (etwa zögernd); und diesem Ausdruck der Stimme, des Gesichts & etwa der Gebärde entspricht es, wenn ich z.B. sage: “Sie sind freilich nicht eigentlich hell & dunkel”, oder, “ Es sind gleichsam hellere & dunklere unter ihnen”, oder die Äußerungen in (122). Es verhält sich mit den Erlebnissen der Unähnlichkeit, wie mit denen der Ähnlichkeit.

§EPB

253[2]

124 A: “Körper & Laute sind bald heller, bald dunkler”. – B: “Aber doch Körper & Laute nicht im selben Sinn! Körper siehst Du & Laute siehst Du nicht; i ist doch nicht heller als a, wie dieses Buch heller ist als das!” – A: “Ich sage ja nicht, daß ich die Laute sehen kann, oder auf den Tisch stellen, sondern nur, daß sie auch bald heller, bald dunkler sind.” – B: “Dann meinst Du mit ‘heller’ & ‘dunkler’ etwas anderes als ich.” – Ja, wenn das Kriterium, für das was A ‘meint’ in dem liegen soll, was er bei so einer Gelegenheit sagt. Worauf aber schließt B, wenn er sagt “Dann meinst Du …”? – Er schließt auf gar nichts, oder in unbestimmter Weise darauf, daß sich wohl auch andere Unterschiede zwischen der Auffassung des A & der seinen finden werden. (Wie etwa, wenn man sagt: “Du hättest bei dieser Gelegenheit so gehandelt? Dann mußt Du ein ganz anderer Mensch sein, als ich.”)

§EPB

253[3] &
254[1]

“Aber nehme ich denn nicht wahr, daß die Relation ‘lichter’ (oder ‘dunkler’) zwischen Färbigem eine andre ist, als die Relation ‘lichter’ zwischen Lauten, – so wie ich wahrnehme, daß die Relation ‘lichter’ zwischen i & e die gleiche ist, wie zwischen e & a?” Aber unter Umständen werden wir auch geneigt sein in diesem Fall von verschiedenen Relationen zu reden. Man könnte sagen: “Es kommt drauf an, wie man sie vergleicht”.

§EPB

254[2] &
255[1]

125 Stellen wir die Frage: – “Sollen wir sagen, daß die (beiden) Pfeile, → und ←, in verschiedenen Richtungen weisen, oder in der gleichen?” – Auf den ersten Blick sagt man: “Natürlich in verschiedenen.” – Aber sieh die Sache so an: Wenn ich in den Spiegel sehe & sehe das Spiegelbild eines Gesichtes, so kann das das Kennzeichen dafür sein, daß ich meinen eigenen Kopf im Spiegel sehe; sähe ich anderseits im Spiegel einen Hinterkopf so könnte ich sagen: “Es kann nicht mein Kopf sein, es ist einer, der in entgegengesetzter Richtung schaut”. So könnte ich sagen: ein Pfeil & das Spiegelbild eines Pfeiles zeigen in gleicher Richtung, wenn ihre Spitzen einander zugekehrt sind, & in entgegengesetzter, wenn die Spitze des einen der Feder des andern zugekehrt ist. – Nimm an jemand hätte den gewöhnlichen Gebrauch des Wortes ‘gleich’ gelernt in den Verbindungen: ‘die gleiche Farbe’, ‘die gleiche Form’, ‘die gleiche Länge’; er kennt auch den Gebrauch des Wortes ‘gerichtet’ in Verbindungen wie ‘der Pfeil ist auf den Baum gerichtet’. – Nun zeigen wir ihm die zwei Paare von Pfeilen: und | →←→→; & fragen ihn, von welchen zweien er sagen möchte, sie seien ‘gleich gerichtet’. – Wenn nun gewisse Anwendungen in seinen Gedanken obenauf liegen, ist es da nicht leicht vorzustellen, daß er vom ersten Paar sagen wird, sie seien gleich gerichtet?

§EPB

255[2]

(Vielleicht wendet man ein: “Wenn man das unter ‘Richtung’ & das unter ‘gleich’ versteht, dann kann man nur das als ‘gleiche Richtungen’ bezeichnen.” Ebenso ist man versucht zu sagen: “Wenn man das unter der Negation versteht & das unter der Bejahung, so gibt eine doppelte Negation eine Bejahung.” Von dem Fehler in dieser Auffassung müssen wir noch sprechen.)

§EPB

255[3]

126 Wenn wir eine Tonleiter hören, sagen wir daß nach je sieben Tönen der gleiche Ton wiederkehrt. Wenn Einer gefragt würde, warum er das den ‘gleichen’ Ton nennt, so würde er vielleicht antworten: “Es ist wieder ein c”. Aber das ist nicht, was ich hören will, denn ich frage: “Warum nennt man diesen Ton wieder ‘c’?” – Darauf wäre die Antwort vielleicht: “Hörst Du denn nicht, daß es derselbe Ton ist, nur um eine Oktav höher?!” – Auch hier könnten wir uns vorstellen, jemandem sei der Gebrauch des Wortes ‘gleich’ gelehrt worden wie in (125), und nun werde ihm die C-Dur Tonleiter vorgespielt & er gefragt, ob etwa die ‘gleichen Töne’ in ihr immer wiederkehren. Und wir können uns leicht verschiedene Antworten auf diese Frage vorstellen. (Vergleiche (110).)

§EPB

255[4] &
256[1]

(Insbesondere könnte ich mir vorstellen, daß er sich weigert die Pfeile

→→

als ‘gleich gerichtet’ zu bezeichnen, da es keine Stelle gibt, auf die sie beide zeigen.)

§EPB

256[2]

Wenn wir den Versuch mit zwei Menschen A & B machen, & A braucht ‘gleich’ für jeden achten Ton & B auch für die Dominant jedes Tons, – können wir sagen: A & B höre Verschiedenes? – Wenn wir dies sagen, so laß uns klar sein, ob wir behaupten wollen, es müsse eine Verschiedenheit bestehen, noch außer der, die der Versuch gezeigt hat.

§EPB

256[3] &
257[1]

127 Unsere Erörterungen hängen mit folgendem Problem zusammen: Nimm an, wir haben jemand gelehrt, Zahlenreihen anzuschreiben nach Regeln von der Form “Mache jede folgende Zahl um n größer”. Wir geben den Befehl eine solche Reihe aufzuschreiben in der abgekürzten Form “Addiere immer n!”. Die Zahlzeichen in diesem Spiel sind Gruppen von Strichen: |, ∣∣, ∣∣∣, ∣∣∣∣, etc.. – Wenn ich sage, wir haben jemand dieses Spiel gelehrt, so meine ich natürlich, wir haben ihm einerseits Erklärungen allgemeiner Art gegeben, & Übungsbeispiele mit ihm gemacht. Diese Beispiele hätten sich z.B. im Zahlenraum bis 86 bewegt. – Wir geben ihm nun einmal den Befehl “Addiere immer 1!” & beobachten, daß er von 90 an, wie wir sagen würden, immer 2, & von 180 an immer 3 addiert. Wir machen ihn darauf aufmerksam & sagen: “Ich habe Dir gesagt ‘addiere 1’; schau doch wie Du die Reihe angefangen hast!” – Nimm an der Schüler sagt, auf die Zahlen 92, 94, etc. weisend “Ich bin doch in der gleichen Weise weiter gegangen! Ich dachte, so sollte ich's machen.” – Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen: “Aber siehst Du denn nicht …?”, & ihm die alten Regeln & Beispiele wieder vorzuführen. – Wir könnten in so einem Fall sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus diese Regel (auf unsere Erklärungen & Beispiele hin) so, wie wir die Regel verstünden: “Addiere bis 90 immer 1, bis 180 immer 2, etc.!”.

§EPB

257[2]

128 (Dieser Fall hätte eine Ähnlichkeit mit dem, daß ein Mensch, von Natur aus, auf eine zeigende Gebärde damit reagiert, daß er in der Richtung von der Fingerspitze zur Hand schaut. Verstehen ist hier reagieren.)

§EPB

257[3] &
258[1]

129 “Was Du sagst läuft also darauf hinaus, es sei, um den Befehl ‘addiere immer 1’ richtig zu befolgen, bei jedem Schritt eine neue Einsicht, Intuition, nötig.” – Aber was heißt es, ‘den Befehl richtig ausführen’? Wie, & wann soll es entschieden werden, welches an einem bestimmten Punkt der richtige Schritt ist? – “Der richtige Schritt ist überall der, der mit dem Befehl, wie er gemeint ist, übereinstimmt.” – Das heißt wohl: als Du ihm den Befehl gabst “Addiere immer 1!”, da hast Du gemeint, er solle nach 90 91 schreiben, nach 290 291, nach 1041 1042 & so fort. Aber wie hast Du damals das alles meinen können? Ja, eine unendliche Anzahl Meinungen!? – Oder würdest Du sagen: es hat nur ein Meinen stattgefunden, aus welchem aber jede der besondern Meinungen ihres Orts folgt? – Aber ist denn nicht die Frage eben: Was folgt aus der allgemeinen Regel? – “Ich habe aber doch schon gewußt, daß er nach 90 91 schreiben soll als ich den Befehl gab: ‘Addiere immer 1.’” – Du wirst von der Grammatik des Wortes ‘wissen’ irregeführt. War dieses Wissen ein seelischer Akt, durch welchen Duden Übergang von 90 auf 91 ausführtest, als Du den Befehl gabst d.h.: ein Akt vergleichbar dem Aussprechen des Satzes: ‘Nach 90 soll er 91 schreiben’? Wenn ja, so frage Dich wieviele solcher Akte Du ausgeführt hast, als Du den Befehl gabst. – Oder meinst Du mit dem Wissen eine Disposition zu gewissen Denkhandlungen, – dann kann nur die Erfahrung lehren, wozu es eine Disposition ist. – “Aber hätte man mich gefragt, welche Zahl er nach 1568 schreiben soll, so hätte ich geantwortet ‘1569’”. – Ich zweifle vielleicht auch nicht daran, aber es ist doch eine Hypothese; vergleichbar der, daß Du den N aus dem Wasser gezogen hättest, wenn er hineingefallen wäre. – Ich glaube Deine Idee ist die, daß Du in dem geheimnisvollen Vorgang des Meinens, der Intention, die Übergänge irgendwie machtest, ohne sie wirklich zu machen. Deine Seele fliegt gleichsam voran & macht alle Übergänge, während Dein Körper noch nicht bei ihnen angelangt ist. – Diese merkwürdige & uns immer wieder begegnende Idee steht in Zusammenhang mit dem Gebrauch der Vergangenheitsform des Wortes “meinen”, wenn wir sagen: “Ich meinte, Du solltest nach ‘90’ ‘91’ schreiben”. Diese Vergangenheitsform scheint zu sagen, daß damals ein (besonderer) Vorgang des Meinens bezüglich der Folge dieser Zahlen stattgefunden hat; in Wirklichkeit aber redet der Satz von keinem solchen Vorgang. Man könnte die Vergangenheitsform durch diese Umformung des Satzes erklären: “Hättest Du mich damals gefragt, welcher Übergang an dieser Stelle dem Sinn meines Befehls gemäß ist, so hätte ich geantwortet …”. Aber dies ist eine Hypothese.

§EPB

258[2] &
259[1]

Denke an diesen Fall: “Als ich von Strauß sprach, meinte ich den Komponisten der ‘Fledermaus’.” – Bedeutet das: ich habe, als ich ihn meinte, daran gedacht, daß er die ‘Fledermaus’ geschrieben hat?

§EPB

259[2]

130 Wenn wir sagen: “Nach dem Sinne des Befehls sollte er nach ‘90’ ‘91’ schreiben”, so erscheint es, als eile dieser Sinn wie ein Schatten dem Befehl voraus, & alle Übergänge seien im Sinne in schattenhafter Weise schon gemacht. – Aber wenn so die Übergänge in schattenhafter Weise gemacht worden wären, – welcher Schatten macht die Übergänge von den schattenhaften Übergängen zu den wirklichen? – Wenn die Worte der Regel die Übergänge von einer Zahl zur nächsten nicht vorausnehmen konnten, so konnte es auch kein seelischer Akt der diese Worte begleitet.

§EPB

259[3] &
260[1]

In der Philosophie begegnen Dir eine Unmenge solcher schattenhafter ätherischer Gebilde. Ihre Vorstellung drängt sich uns als Erklärung einer von uns mißverstandenen grammatischen Form auf. (Sie ist das Erzeugnis einer unverstandenen Sprachlogik (Paul Ernst).)

§EPB

260[2]

131 Es ist nicht ein Akt der Einsicht der uns die Regel “Addiere immer 1” bei jedem Schritt so anwenden läßt, wie wir sie eben anwenden. (Es sei denn, daß es im besondern Fall ein Akt der Einsicht wäre. Ich sage etwa: “Ach Du meinst, ich solle jede Zahl um 1 größer machen als die vorige!”) Eher noch könnte man von einem Akt der Entscheidung reden. Aber auch das ist irreführend, denn es findet kein Deliberieren statt, sondern er schreibt etwas hin, oder spricht etwas aus. – Wir wollen hier – wie in tausend andern Fällen – es nicht wahr haben, daß die Kette der Gründe zu einem Ende kommt.

§EPB

260[3] &
261[1]

132 Nun vergleiche diese beiden Sätze: “Es ist doch gewiß nicht die gleiche Anwendung der Regel ‘addiere immer 1’, wenn man anfängt: ‘1, 2, 3, 4 …’ & nach 90 fortsetzt: ‘92, 94, 96 etc.’”; und: “Es ist doch gewiß nicht die gleiche Anwendung des Wortes ‘dunkler’, wenn man es zuerst auf färbige Dinge, & dann auf Laute anwendet”.

– Das kommt drauf an, was Du ‘einen andern Sinn’ nennst. – Aber ich sage auch, Laute seien “in einem andern Sinn ‘heller’ & ‘dunkler’”, als färbige Gegenstände; & ich schreibe auch in der Reihe ‘Addiere immer 1’ nach ‘90’: ‘91, 92, 93 …’. – Nicht mit einer bestimmten Rechtfertigung, – oder nicht notwendig mit einer bestimmten Rechtfertigung.

§EPB

261[2]

133 Es ist eine sehr verbreitete Denkkrankheit, hinter allen Handlungen der Menschen Zustände der Seele zu postulieren, aus denen die Handlungen ‘entspringen’. Man gibt Scheinerklärungen von der Art: diese Handlung entspringe aus dem Charakter des Menschen, das Benehmen aus dem Volkscharakter, etc., etc.. (Es beruhigt uns eben, etwas zu sagen, was die Form der Erklärung hat.) – Nimm an, jemand sagt: “Die Mode ändert sich, weil der Geschmack der Menschen sich ändert.” – Wenn nun ein Schneider heuer einen andern Schnitt des Frackes entwirft als im vorigen Jahr, warum soll das, was wir die Änderung seines Geschmacks nennen, nicht zum Teil, oder ganz, eben darin bestehen, daß er dies tut?

§EPB

261[3] &
262[1]

Aber man sagt: “Einen neuen Schnitt zeichnen ist doch nicht, seinen Geschmack ändern, so wie, etwas sagen, nicht heißt, es meinen. Es müssen bestimmte Empfindungen, seelische Vorgänge, das Zeichnen, & Sprechen, begleiten. – Es ist doch offenbar möglich, daß Einer einen neuen Schnitt zeichnet, ohne seinen Geschmack geändert zu haben; sowie er etwas sagen kann, ohne es zu meinen.” Und das ist gewiß wahr. Aber es folgt daraus nicht, daß unter bestimmten Umständen das unterscheidende Merkmal einer Geschmacksänderung nicht einfach darin besteht, daß er jetzt etwas anderes zeichnet als vor einem Jahr. (Siehe das Beispiel 66). Übrigens ist ja selbstverständlich, daß es bei diesem Zeichnen mannigfache Empfindungen & seelische Vorgänge geben wird. – Und ist, in einem Fall was er zeichnet, nicht das Kriterium der Geschmacksänderung, so folgt nun nicht, daß es in einer Veränderung einer eigenen Region seines Geistes sozusagen eines Geschmackszentrums besteht.

§EPB

262[2]

Wir gebrauchen das Wort ‘Geschmack’ nicht zur Bezeichnung einer Empfindung. So etwas anzunehmen, heißt, den Gebrauch dieses Wortes viel einfacher darzustellen, als er in Wirklichkeit ist. Durch die Darstellung der Praxis unserer Sprache in falscher Vereinfachung entstehen eine Unmenge unserer philosophischen Probleme. (Denke etwa an die Idee: die Eigenschaften eines Dings seien Ingredienzien, die in ihm enthalten sind. Die Schönheit sei im Schönen enthalten; wie der Alkohol im Alkoholischen.)

§EPB

262[3] &
263[1]

134 Wenn immer wir es in diesen Untersuchungen mit Ausdrücken zu tun haben, die wie man sagen würde, seelische Vorgänge oder Zustände beschreiben, mit Ausdrücken also wie ‘einen Satz in dem & dem Sinne meinen’, ‘auffassen’, ‘eine Absicht haben’, ‘von etwas überzeugt sein’, ‘etwas glauben’, ‘annehmen’, ‘bezweifeln’, ‘wünschen’, ‘hoffen’, etc., ist es klärend, in unseren Betrachtungen für das Meinen, Glauben, Zweifeln u.s.f. den Tonfall, die Gebärde, den Gesichtsausdruck zu substituieren, die für jene seelischen Vorgänge charakteristisch sind.

§EPB

263[2] &
264[1]

Stellen wir diese Betrachtung an: William James spricht irgendwo davon, daß wir mit den Worten ‘wenn’, ‘und’, ‘nicht’ bestimmte Gefühle verbänden, daß man also von einem ‘Wenn-Gefühl’ reden könnte. etc. Diese Gefühle sollen die Bedeutungen jener Wörter erklären. – Wie kommt man nun auf die Idee, daß es solche Gefühle gibt? – Nun, man spricht sich einen Satz vor, z.B., “Wenn es heute regnet, kann ich nicht ausgehen”, & beobachtet was da geschieht. Wenn Du das nun tust so wirst Du gleich merken, daß das ‘Wenn-Gefühl’ nicht immer ‘gleich stark’ ist. Du bist vielleicht geneigt zu sagen, daß Du den Satz einmal mehr, einmal weniger mechanisch aussprichst. – Aber denke doch daran wie Du ihn aussprichst, wenn Du ihn praktisch gebrauchst. Denn im praktischen Gebrauch erfüllt er doch wohl seine eigentliche Funktion. Du wirst sehen, daß Du ihn da bei verschiedenen Gelegenheiten sehr verschieden aussprichst & daß das Wenn-Gefühl nicht bloß der Stärke nach variiert. Und ferner: Du wirst sehen daß, was Du dieses Gefühl nennst, mit einem bestimmten Tonfall, einer Gebärde, einem Gesichtsausdruck, verbunden ist; änderst Du den Tonfall so ändert sich das Gefühl denn es ist, mindestens zum Teil, das Gefühl dieses Tonfalls. Mach das Experiment: Sage den Wenn-Satz & schüttle dazu verneinend den Kopf.

§EPB

264[2]

Wenn uns nun nicht eine falsche Auffassung der Grammatik des Wortes ‘Bedeutung’ verführt, daß wir glauben, es müsse ein Wenn-Gefühl geben, so werden wir nun sagen: Es gibt Wenn-Gefühle & zwar in dem Sinne, in dem es Wenn-Gebärden gibt, oder Wenn-Tonfälle. Diese sind für den Gebrauch des Wortes ‘wenn’ charakteristisch insofern wir das Wort oft in dieser Weise aussprechen. Aber sie können auch ganz fehlen & das Wort doch vollgiltig gebraucht sein.

§EPB

264[3] &
265[1]

So nun verhält es sich auch mit dem Gebrauch der Wörter ‘meinen’, ‘glauben’, ‘beabsichtigen’ etc.: eine falsche – falsch vereinfachte – Auffassung ihrer Bedeutung, d.h. ihrer Grammatik, verleitet uns, zu denken, es müsse jedem dieser Wörter ein bestimmtes charakteristisches Erlebnis entsprechen. Und auch hier macht man etwa den Versuch, sagt sich einen Satz vor, etwa “Ich glaube es wird heute regnen”, beobachtet sich & denkt: “Nun, es geht doch etwas Bestimmtes dabei vor, wenn ich etwas glaube”. Aber auch hier sieh weg von diesem experimentellen Aussprechen des Satzes & denke daran wie Du ihn für praktische Zwecke aussprichst. Geht da wirklich immer das Gleiche vor? Und nun sieh auf Dein Experiment & frage Dich ob, was da vorgegangen ist nicht wieder mit der besonderen Art & Weise verknüpft ist, wie Du den Satz ausgesprochen hast. Ja wenn Du so ein Experiment machst so mimst Du ja das Glauben, & wie tust Du es? Du machst einen gewissen Tonfall nach, ein Gesicht, eine Gebärde. (Vergleiche (86)) Es verhält sich mit dem Erlebnis des Meinens, der Überzeugung etc. ganz so wie mit dem Wenn-Gefühl.

§EPB

265[2]

135 Wir sprechen von einem ‘Ton der Überzeugung’ & dies täten wir nicht wenn dieser Ton für das Überzeugtsein nicht irgendwie charakteristisch wäre. – Aber es ist auch klar, daß dieser Ton fehlen kann, & dennoch mit Überzeugung geredet wird. – “Ganz richtig,” sagst Du nun, “das zeigt daß Überzeugtsein eben etwas anderes ist, als im Ton der Überzeugung reden. Und da es auch etwas anders ist, als mit einer bestimmten Gebärde reden, etc., so ist es eben eine spezifische Erfahrung, die zwar manchmal von solchen Äußerungen begleitet wird, aber mit ihnen nicht zu verwechseln ist.” – Aber deswegen ist es doch keine spezifische Erfahrung! Und ist es denn eine? – Denn es ‘muß’ nun keine sein. – Denke Dir Du verstündest das Wort ‘rot’ nicht, & jemand sagt Dir ‘rot’ bedeute eine spezifische Erfahrung. Da wirst Du fragen: ‘Welche?’ Und so ist es auch keine Erklärung zu sagen Überzeugung sei eine bestimmte Erfahrung. Die Frage ist: Welche? Wenn Du eine Erfahrung so nennst, welche ist es? – Und willst Du diese Frage beantworten, so siehst Du bald, daß Du das Wort gar nicht zur Bezeichnung einer Erfahrung gebrauchst.

§EPB

265[3] &
266[1] &
267[1]

136 Wenn wir nachsehen wollen welche besondere Erfahrung die der Überzeugung ist geschieht es uns so, wie wenn wir nach der spezifischen Erfahrung des Lesens suchen. Wir fixieren unsere Aufmerksamkeit auf die Empfindung in einem besondern Fall & glauben, hier haben wir die spezifische Erfahrung. – Wenn ich mir z.B. sage: “Ich bin überzeugt daß binnen fünf Jahren ein fürchterlicher Krieg ausbricht”, so finde ich, ich empfinde ein schweres, drückendes Gefühl in der Magengegend. Und wäre dies nicht meine Überzeugung so hätte ich es nicht. Aber nun denke ich mir daß ich sagte: “Ich bin überzeugt, das Wetter wird heute schön bleiben”. Auch da ein Gefühl, das nicht wäre, wenn ich nicht überzeugt wäre, – aber wo ist das Gemeinsame? Such es & sieh ob es da ist, & was es etwa ist! Nur glaub' nicht, es müsse da sein. Eines ist freilich gemeinsam: die selben Worte; & das ist ja schon viel, & mit ihnen geht vielleicht auch ein etwas ähnlicher Ton. – Vergleiche übrigens mit den Empfindungen, die in den zwei obigen Fällen die Überzeugung kennzeichnen, die Erfahrungen, wenn wir sagen: “Ich bin überzeugt, in dieser Rechnung ist ein Fehler”! “Aber warum gebrauchen wir dann in diesen verschiedenen Fällen das gleiche Wort?” – Die Spiele die wir mit ihm spielen haben eine gewisse Ähnlichkeit. – Und auch die Empfindungen, die den Gebrauch des Wortes begleiten haben eine gewisse Ähnlichkeit. – Denke, in welchen Sprachspielen Du etwa den Ausdruck “ich bin überzeugt, daß …” lernen könntest. [→ ] Denken wir auch daran wie man etwa ein Kind das Wort ‘sicher’ oder ‘gewiß’ lehrt; man sagt ihm etwa: “Er kommt ganz sicher!”, & dabei spielt der Tonfall der Worte die größte Rolle, & auch Gebärde & Gesicht. Das Wort dient hauptsächlich als der Träger dieses Tonfalls.

§EPB

267[2] &
268[1]

137 Laß uns eine Analogie betrachten aus dem Gebiet des Gesichtsausdrucks. Denke es wäre die Frage: welches ist der Zug der ein Gesicht freundlich macht? Zuerst nimmt man vielleicht an daß es gewisse ‘freundliche Züge’ gibt, deren jeder ein Gesicht bis zu einem gewissen Grade freundlich macht, & je mehr solche Züge vorhanden sind desto freundlicher ist das Gesicht. Auch deutet daraufhin unsere Ausdrucksweise, wir sprechen von ‘freundlichen Augen’, einem ‘freundlichen Mund’ etc.. Aber es ist unschwer zu sehen daß der ‘freundliche Mund’ unter bestimmten Umständen – & das heißt hier: zusammen mit bestimmten andern Zügen des Gesichts z.B. Runzeln der Stirn etc. – nicht freundlich, ja unfreundlich, aussehen kann. (Ein freundliches & ein unfreundliches Grinsen muß sich nicht im Mund unterscheiden. Betrachte Strichgesichter wie:

.

Sage nicht, was dem rechten für uns keinen freundlichen Ausdruck gebe, sei eine Assoziation! Es ist gleichgültig, was den Eindruck verursacht. Es ist auch gewiß wahr: diese Gruppen von Punkten & Strichen hätten für uns gar keinen ‘Ausdruck’, wenn wir dieses Schema nicht vom Gesicht des Menschen her kennten. Aber das ist hier auch gleichgültig: Nun haben diese Gruppen von Strichen Ausdruck, & wenn wir sie anschauen, so sehen wir nur sie & halluzinieren nicht etwa ein Gesicht von Fleisch & Blut dahinter. Wir können also diese Strichgesichter – & das ist für folgende Betrachtungen wichtig – als autonome Gebilde mit Gesichtsausdruck ansehen, die diesen nirgends anders her borgen.)

§EPB

268[2]

Aber wenn es sich nun so verhält, ist es da nicht unrichtig von einem ‘freundlichen Mund’, & dergleichen, zu reden? – Sehen wir noch eine Redewendung an, die wir oft gebrauchen: “Es ist der Mund, der dieses Gesicht so freundlich macht”. Das heißt doch ungefähr: “Wäre der Mund anders, so hätte das Gesicht nicht den freundlichen Ausdruck”. – Aber das könnte man ja auch von den andern Zügen sagen! wären sie anders, so hätte es den freundlichen Ausdruck auch nicht; auch mit diesem Mund. – Aber darum ist es doch nicht unsinnig, zu sagen, es sei der Mund, der das Gesicht freundlich mache: Wir denken eben hier an eine bestimmte, verhältnismäßig einfache, Veränderung des Gesichts die seinen Ausdruck ins Gegenteil verwandeln würde. Und ferners lenkt dieser Zug, wenn wir das Gesicht betrachten, besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Auch: Halten wir uns die übrigen Züge des Gesichts weg, so stellen wir uns normalerweise ein freundliches Gesicht zu diesem Mund vor; – obwohl auch das Gegenteil möglich wäre. (Ähnlich sagen wir auch “Es ist dieses Wort, was dem Satz seine Kraft” gibt. etc., etc.)

§EPB

268[3] &
269[1]

Es gibt eine große Familie freundlicher Gesichter; von dieser Familie ist, sozusagen, ein wichtiger Zweig durch den ‘freundlichen Mund’ gekennzeichnet, ein anderer, durch die ‘freundlichen Augen’, etc. Aber in der großen Familie boshafter Gesichter kann auch dieser Mund vorkommen, & auch diese Augen. Und zwar wirkt der ‘freundliche Mund’ hier nicht freundlich: so daß seine Freundlichkeit etwa nur von der Bosheit der andern Züge übertönt würde. Wir sagen auch, “der lächelnde Mund wird von den Augen Lügen gestraft”, & nicht, das Gesicht sei eigentlich doch nicht so unfreundlich, da doch immerhin der Mund lächle.

§EPB

269[2]

138 Sehr verschiedene Züge kennzeichnen, was Einer sagt, als Ausdruck der Überzeugung. Es gibt da Gefühle, wie die, in den Beispielen (136) & Gefühle die mit dem Ton, der Miene, einer charakteristischen Körperhaltung, einer Geste der Überzeugung verbunden sind, aber er muß gar keine solchen für das Überzeugtsein charakteristischen Erlebnisse haben, während er die Überzeugung ausdrückt, & was das Überzeugtsein ausmacht, kann in dem liegen, was er vor & nachher tut. Und daß ein Tun von allerlei Gefühlen begleitet ist, ist wieder selbstverständlich.

§EPB

269[3] &
270[1] &
271[1]

“Das Erlebnis des Tons, der Miene etc. kannst Du doch nicht ‘für die Überzeugung charakteristisch’ nennen, da sie eben von andern Erlebnissen lügengestraft werden können.” – Aber in diesem & jenem Fall werden sie eben nicht von etwas anderm lügengestraft, & hier sind sie das hervorstechende Merkmal der Überzeugung. – Wie in diesem Gesicht der freundliche Mund der hervorstechend freundliche Zug. Gewiß, das Reden in dieser Weise macht das Überzeugtsein nicht aus; aber wenn Du mich fragst: “Was für ein Erlebnis hattest Du da, als Du mit Überzeugung sagtest: …” so werde ich vielleicht antworten müssen: “Ich blickte vor mich hin, sprach in diesem Ton, (etc.)”; wenn auch dieses Erlebnis das Überzeugtsein nur in der besonderen Situation, mit dem was vorher & nachherging & in der Abwesenheit gewisser andrer Tendenzen, charakterisierte. – “Aber man sagt doch oft: Ich habe mit dem Gefühl der Überzeugung geredet’. – Nun, welches Gefühl ist das?” – Stelle Dir solche Fälle vor! dann wirst Du es vielleicht sehen. – Ich denke da hauptsächlich an ein Gefühl im Gesicht (ein Gefühl des Gesichtsausdrucks) & an ein Gefühl in der Brust (ein Gefühl der Atmung). Hier ist es wieder nützlich, sich zu fragen: “Wann habe ich das Gefühl der Überzeugung?” Denn vergiß nicht, daß das, wovon Du überzeugt bist, ein Satz ist, – Anfang & Ende hat. Bist Du vom ersten Buchstaben des Satzes bis zum letzten überzeugt? & immer vom Gleichen? Oder bist Du von jedem Wort einzeln überzeugt, & wann bist Du es? –

Zieh auch keine irreführende Grenze zwischen Tun & Erleben; als wäre es kein Erleben, so & so zu reden, etc. (Vergleiche frühere Bemerkungen.) Denn, wie der Tonfall der Überzeugung, so kann auch das ‘Gefühl der Überzeugung’ Lügen gestraft werden. Der, der die Überzeugung schauspielert & der sie hat, können genau das selbe erleben, während sie ihr Ausdruck geben; auch dann, wenn sie nicht etwa ‘automatisch’, oder ‘ohne zu denken’, reden. Wie ein freundliches & ein unfreundliches Gesicht genau die gleichen Augen haben kann.

§EPB

271[2]

139 Eine Ausdrucksweise, die dazu angetan ist, uns irrezuleiten ist diese: “Er sagt es & meint es”. – Vergleiche ‘Meinen, was Du sagst’ wenn Du a) jemandem sagst: “Ich werde mich freuen Sie zu sehen”, & b): “Der Zug nach N geht um 3 h30”. – Angenommen, Du hättest jemandem jene ersten Worte gesagt, & würdest danach gefragt: “Hast Du es gemeint?” – Du würdest dann etwa an Deine Gefühle denken, als Du es sagtest & wärst geneigt zu antworten: “Hast Du es denn nicht gemerkt, daß ich es gemeint habe?”. Angenommen aber, Du habest jemand die Information gegeben: “Der Zug nach N geht um 3 h30”; & nun fragte Dich jemand “Hast Du es gemeint?”. Da wärst Du vielleicht einfach geneigt zu sagen: “Ja freilich, warum soll ich sie nicht gemeint haben!”

§EPB

271[3]

Im ersten Fall werden wir vielleicht von einem bestimmten Gefühl reden, welches das Meinen der Worte kennzeichnet, aber nicht im zweiten Fall.

§EPB

271[4] &
272[1]

140 Vergleiche nun auch die Erlebnisse des Lügens in den beiden Fällen! Im ersten wird das wohl oft das Lügen kennzeichnen, daß unsere Worte nicht von den entsprechenden Gefühlen begleitet sind, aber vielleicht sogar von den entgegengesetzten. Wir fühlen: es fällt uns schwer ein freundliches Gesicht zu machen. – Wenn wir im Falle (b) eine Lüge sagen, so werden wir wohl auch dabei ein anderes Erlebnis haben als wenn wir jemand wahrheitsgemäß über den Abgang des Zuges informieren, aber der Unterschied wird nun nicht in der Abwesenheit eines für das Meinen charakteristischen Gefühls liegen, sondern etwa im Vorhandensein eines Gefühls des Unbehagens, der Unsicherheit, etc..

§EPB

272[2]

Es ist aber auch möglich, beim Aussprechen einer Lüge ganz entschieden das zu empfinden, was man Gefühle des Meinens nennen könnte dessen, was man sagt. (Es heißt dann manchmal von jemand, er habe diese Lüge so oft gesagt, daß er sie schon beinahe selber glaubt.)

141 Man sollte hier aber vielleicht einen Unterschied machen zwischen ‘glauben’, was man sagt, & ‘meinen’, was man sagt. Wenn ich z.B. sage der Zug geht um 5 h30, während ich wohl weiß, daß er um 3 h geht, so könnte man sagen, ich glaube zwar nicht, was ich sage, sage es doch aber nicht automatisch, wie ein Papagei, & meine es also. – Hier frage Dich wieder, wann Du es meinst; & wie das Meinen das Sagen begleitet. Auch mache diesen Versuch: Denke “Der Zug geht um 3 h30”, aber ohne Worte! – Auf die Frage “Was geschah da, als Du das sagtest & es meintest, & auch glaubtest?” wirst Du in einer großen Zahl von Fällen antworten müssen: “Ich habe es gesagt; mehr weiß ich nicht”. (Von dem Meinen alles dessen was man nicht automatisch spricht, später.)

§EPB

272[3] &
273[1]

Wenn man unter ‘Glauben’ einen Akt verstehen will, der vor sich geht, wenn das Geglaubte gedacht, ausgesprochen wird, dann wird ‘Glauben’ in vielen Fällen das Gleiche bedeuten wie ‘dem Glauben Ausdruck geben’.

§EPB

273[2]

142 Es ist interessant einen Einwand hiergegen zu betrachten: Wie, wenn ich – wahrheitsgemäß – sage “Ich glaube, es wird regnen”, & jemand will einem Franzosen, der nicht Deutsch versteht, erklären, was ich glaube. – Wenn alles, was geschah, war, daß ich jenen Satz aussprach, so sollte ja der Franzose erfahren, was ich glaube, wenn er meine Worte hört, oder wenn man ihm sagt: “Il croit: ‘es wird regnen’”. Nun ist es klar, daß ihm das nicht sagen wird, was ich glaube; & dies zeigt, daß wir ihm das Wesentliche nicht mitgeteilt haben, nämlich den seelischen Akt des Glaubens. – Die Antwort aber ist, daß selbst wenn meine Worte von allerlei Erfahrungen begleitet waren, & wenn wir im Stande wären, diese zusammen mit den deutschen Worten dem Franzosen zu übermitteln, er auch dann nicht gewußt hätte, was ich glaube. Denn ‘wissen, was ich glaube’ heißt nicht: fühlen, was ich fühle während ich diese Worte spreche. Ebenso wie “meine Absichten bei diesem Schachzug kennen” nicht heißt: fühlen, was ich fühle während ich den Zug mache. Obwohl dies zu wissen Dir in gewissen Fällen sehr genauen Aufschluß über meine Absichten geben würde.

§EPB

273[3] &
274[1]

Wir würden sagen, wir hätten dem Franzosen mitgeteilt, was ich glaube, wenn wir ihm meine Worte in's Französische übersetzt hätten. Und es ist möglich, daß wir ihm dadurch nichts darüber mitteilen, was in mir vor sich ging, als ich den Satz aussprach. Vielmehr haben wir ihm einen Satz gegeben der in seiner Sprache eine ähnliche Stellung einnimmt, wie mein Satz in der deutschen Sprache. – Und anderseits kann man wieder sagen daß wir, in gewissen Fällen wenigstens, ihm viel genauer hätten mitteilen können was ich glaubte, wenn er im Deutschen zu Hause gewesen wäre, weil er dann, ‘genau wüßte, was in mir vorgegangen ist, als ich redete’.

§EPB

274[2]

Gegeben gewisse Umstände, so wird allerdings Meinen & Nicht-meinen Glauben, Beabsichtigen etc. durch das charakterisiert, was in der Seele des Redenden vorgeht, oder nicht vorgeht.

§EPB

274[3]

Du wirst Dich hier wieder fragen können: Was für Fälle gibt es da? Und wenn Du Dir Fälle des Meinens vergegenwärtigst, so wirst Du sehen, daß es eine Unzahl verschiedenartiger gibt; die aber alle mit einander auf eine oder die andere Art verwandt sind.

§EPB

274[4] &
275[1]

“Das Meinen ist ein seelischer Vorgang beim Reden, – vielleicht auch vorher, aber besonders während des Redens. – Wenn ich etwas meine, so geht doch in mir etwas anderes vor, als wenn ich es sage & nicht meine.” – Das letztere ist im großen & ganzen wahr. Und nun sieh nach, was vorgeht. Und kümmere Dich dabei nicht um das was ‘doch eigentlich vorgehen müßte’. Wir sind beim Philosophieren immer in der Versuchung, die Dinge so darzustellen, wie der kleine Maler Klecksel die menschlichen Gesichter im Profile.

§EPB

275[2]

“Es ist ein Unterschied im seelischen Vorgang, wenn Du meinst, was Du sagst & wenn Du es nicht meinst.” – Es sind allerlei solche Unterschiede & in verschiedenen Fällen ganz verschiedene. Aber es kann auch in besonderen Fällen gar kein solcher Unterschied bestehen. Vergleiche die charakteristischen Empfindungen des Meinens, wenn Du zu jemandem sprichst:

“Verzeih, es tut mir sehr leid, daß ich das gesagt habe!”

“Ich freue mich, daß Du da bist!”

“Die Erde geht in einer Ellipse um die Sonne.” “Ich hoffe Dich wiederzusehen!”: – Worin besteht es, dies Meinen? Man könnte denken: darin, daß man ein Gefühl des Hoffens hat. Aber wie ist so ein Gefühl? – Ist es, z.B., nur ein Gefühl des Hoffens im allgemeinen, oder dieser Hoffnung? – Schau nach; siehst Du wirklich ein solches Gefühl, was die Worte begleitet? – Vielleicht hattest Du bei diesen Worten ein Gefühl der Bedrückung (die Angst beim Abschied), & mit diesen Worten & unter diesen Umständen, kann man sagen, Du fühltest Hoffnung.

§EPB

275[3]

“Hast Du wirklich gemeint, es wird regnen, oder hast Du es nur so gesagt?” Etwas sagen & meinen, kann heißen, es ohne Hintergedanken sagen; & es bloß sagen kann darin bestehen, daß man es mit Hintergedanken sagt.

§EPB

276[1]

“Ich werde dieses Haus nie mehr betreten!” Hast Du es gemeint? – Wie meint man das “nie mehr”? – Braucht es einige Zeit diese Worte zu meinen? (oder) kann man es tun, während man sie ausspricht?

§EPB

276[2]

Wie wäre es gewesen, hätte er die Worte ‘nicht wirklich’ gemeint? – Frage Dich: wie sagt man diesen Satz wenn man ihn meint; wie, wenn man ihn eigentlich nicht meint?

§EPB

276[3]

“Ich habe es mehr als eine Übertreibung gemeint.” Daß ich das sage, darin liegt, zum Teil, daß ich es so gemeint habe. (Vergleiche Traum & Erzählung des Traums nach dem Aufwachen.) – Aber was ist das für eine Entdeckung, die ich da gemacht habe? Wie konnte ich eine Entdeckung darüber machen, worin das Meinen liegt? – Ich schaue den Fall mir ohne ein gewisses grammatisches Vorurteil an & da sehe ich, daß auch was ich weiterhin sage, es bestimmt, ob ich von ‘Übertreibung’ reden soll. (Wer den ei-Laut anhört, ohne an die Schreibung zu denken, hört, daß er a–e klingt.)

§EPB

276[4]

“Etwas im Scherz (im Ernst) meinen” – Meinst Du jedes Wort eines Scherzes im Scherz? u. u. ]

§EPB

276[5]

Wir werden in vielen Fällen – außer wenn wir philosophieren – gar nicht davon reden, daß Einer meint, was er sagt: z.B., wenn er jemandem die Gesetze des freien Falls erklärt. Wollen wir hier von ‘meinen’ reden, so fühlen wir eine gewisse Schwierigkeit; wir wissen nicht recht, welchem Fall das Meinen entgegengesetzt wird. Ob dem, daß der Lehrer im Schlafe redet, oder dem, daß er eigentlich von einer andern Mechanik überzeugt ist, oder dem, daß er geistesabwesend gesprochen hat etc. – Was ist der Unterschied zwischen einem zerstreuten, geistesabwesenden, Reden & einem nicht zerstreuten. Stelle Dir Fälle vor. –

§EPB

277[1]

Ich gehe einen Gang entlang & stolpere über eine Stufe, & sage: “Ich habe geglaubt, es geht da eben weiter”. – Was geschah da, als ich es glaubte? – Oder ich bin derselben Meinung & sage einem Andern: “Geh nur eben weiter!”

§EPB

277[2]

Die seelischen Vorgänge während des Redens spielen die gleiche Rolle wie insbesondere, die Ausdrucksempfindungen (d.i., die Empfindungen, die die Korrelate sind des Ausdrucks der Überzeugung, des Zweifels, der Vermutung etc. etc..) Man kann sagen: “Wer es unter diesen Umständen so sagt, der meint es.” (In dieser Umgebung ist dieser Mund ein freundlicher Mund.) Es ist nichts da, was diesen Ausdruck lügenstraft. Denn er ist nicht das Symptom dafür, daß etwas Anderes vorhanden ist: das eigentliche Meinen; sondern er ist einer der Züge, die das Meinen ausmachen, freilich nur zusammen mit anderen Zügen & in der Abwesenheit gewisser anderer.

§EPB

277[3]

Wir können uns den Fall denken, daß A gegen B falsch ist, er redet mit ihm immer in der freundlichsten Weise denn er ist ein ausgezeichneter Schauspieler, hinter seinem Rücken aber haßt er den B. A wird also wohl in der Abwesenheit des B schlecht von ihm reden & ihm zu schaden trachten. – Aber können wir uns auch das denken: A ist falsch gegen B, er redet immer in der freundlichsten Weise mit ihm, denn er ist ein ausgezeichneter Schauspieler; aber in B's Abwesenheit redet er auch immer in der freundlichsten Weise von ihm, sowohl zu Andern, als auch zu sich selbst, & er tut auch nichts um B zu schaden. – Es lassen sich mit großem Nutzen für das Verständnis eine Unzahl von Fällen vorstellen.

§EPB

277[4] &
278[1]

Es ist nicht wahr, wenn man sagt: “Nur er kann wirklich wissen, ob er meint, was er sagt.” – Nein, es kommt vor, daß ich mit Sicherheit weiß, daß er es meint, & daß ich allen seinen nachträglichen Versicherungen, er hätte es nicht gemeint, nicht glauben könnte. (Davon später mehr.)

§EPB

278[2]

Ich verspreche jemandem: “Ich werde bestimmt morgen zu Dir kommen.” – (Was geschieht da, wenn ich es wirklich meine?). – Nun denke Dir, Du gehst auf einen ganz Unbekannten zu & sagst ihm diese Worte. – Versuche sie zu meinen. – “Aber wie kann ich das, ich weiß ja gar nicht, wo er wohnt?” – Aber wenn Du es einem Bekannten sagst, so mußt Du ja auch nicht an seine Adresse denken, während Du es sagst. – Nehmen wir an, jemand hätte wirklich das einem Unbekannten gesagt; & er versichere uns dann: “Als ich es sagte, hab ich es gemeint.” – Wir werden ihn fragen: “Wie war das? – Hast Du ihn für einen Bekannten angesehen; oder war es, als hättest Du ein Gespräch mit ihm gehabt & als sei dies der letzte Satz des Gesprächs; oder hattest Du, sozusagen, ein Vorgefühl, daß Du morgen zu diesem Menschen kommen werdest; oder hast Du plötzlich den Zwang gespürt, auf diesen Menschen zuzugehen & ihm das im Ernst zu sagen; oder meinst Du, Du habest es einfach ohne Hintergedanken gesagt, & ohne daß Dir daran etwas sonderbar vorgekommen wäre?”

§EPB

278[3] &
279[1]

Denk an die Grammatik des Ausdrucks: “jemand matt setzen”. Er bezieht sich auf eine gewisse Handlung im Spiel. Aber wenn jemand, sagen wir ein Kind, mit Schachfiguren & einem Schachbrett spielt, dabei, ein paar Figuren aufs Brett setzt & die Bewegungen des Mattsetzens macht, werden wir nicht sagen, es habe jemand matt gesetzt.

§EPB

279[2]

Nimm an: ich ziehe & gebe meinem Gegner Schachmatt; jemand fragt mich: “Hast Du die Absicht gehabt ihn matt zu setzen?” – Ich sage, ja. Nun fragt er: “Wie kannst Du das sagen? Du weißt doch nur, daß in Dir das & das vorgegangen ist, wie Du den Zug gemacht hast.” Denn kann nicht nur der die Absicht haben jemand matt zu setzen, der das Spiel versteht; d.h., der die Regeln kennt & eine gewisse Praxis im Spiel hat? – Aber wie können denn diese Bedingungen in meine seelischen Vorgänge beim Ziehen eintreten? – Und doch hängt es von diesen ab, ob ich ihn jetzt absichtlich matt gemacht habe, oder nicht.

§EPB

279[3]

Oder: Kann jemand, der das Spiel nicht kennt, mich matt setzen wollen? Und warum nicht? Ist es ihm unmöglich sich in den richtigen Geisteszustand zu versetzen? Und wenn es ihm nun doch gelänge? –

§EPB

279[4]

Aber was geschah, als ich ihn mit Absicht matt setzte? – Nimm an, ich sagte mir die Worte: “Nun wird er matt.” – Aber diese Worte konnte auch der sagen, der das Spiel nicht kennt; ja er konnte sie mit allen meinen Empfindungen sagen, aber sie bedeuten nichts; nicht, weil sie nicht von den richtigen Erlebnissen begleitet werden, sondern, weil sie nicht im Zusammenhang eines Sprachspiels stehen.

§EPB

280[1]

Denke Dir diesen Fall: Du hattest Besuch; er war Dir unwillkommen & langweilig; Du hattest die ganze Zeit Gedanken von der Art: “Wenn er nur schon ginge” etc.. Als er weggeht sagst Du ihm nun: “Ich hoffe Du kommst bald wieder!” – & meinst es. Nachdem Du es gesagt hast, hoffst Du, er werde nie mehr wieder kommen. – Ist das möglich? Und wenn Du meinst, daß nein, – warum nicht? – Ich glaube, Du wirst Dich fragen: Wie kann das zugehen? was heißt es hier, diesen Satz, ex abrupto, meinen? – Nimm an, es sagte jemand: “Das könnte nur ein momentaner Wahnsinn sein”. Aber ist das eine Erklärung? Zugegeben, daß es ein Wahnsinn ist, so will ich wissen: Worin bestand hier das Meinen? – Etwas meinen besteht darin, daß man Verschiedenes denkt, fühlt, sagt & tut.

§EPB

280[2]

Es geschieht auch, daß wir sagen: “Im Augenblick, als ich es sagte, war ich davon überzeugt.” Und hier – könnte man meinen – sollte es sich (doch) zeigen, worin das Überzeugtsein besteht. Aber stelle Dir so einen Fall vor! – Du findest nicht, was Du suchst. Dieses Überzeugtsein, könnte man sagen, wird wohl seine Vorgeschichte gehabt haben.

§EPB

280[3] &
281[1]

“Unter diesen Umständen, am Schluß einer Schachpartie.” – werde ich sagen müssen – “heißt das, ihn absichtlich matt setzen”. Oder auch: “unter diesen Umständen heißt, was in mir vorging: die Absicht haben, ihn matt zu setzen”. Man sagt auch z.B.: “Ich hatte jetzt die Absicht ihm Schach zu geben”. Und würde ich gefragt: “Was meinst Du, wenn Du das sagst; was ist da geschehen, wie Du ‘die Absicht hattest’?” – so würde ich mich etwa an die Worte erinnern die ich mir gesagt habe, die Züge, die ich mir vorgestellt habe, etc.. – Und man sagt auch: “Ich habe jetzt die Absicht, ihm Schach zu geben” & da ist das nicht eine Beschreibung meines seelischen Zustandes– nach vorhergegangener Introspektion; es ist nicht, als sagte man: “Es fällt mir auf, ich habe jetzt die Absicht …”, wie man etwa sagen kann “Es fällt mir auf, ich habe jetzt die Tendenz, Übles von N. zu reden”. Sondern, daß ich das sage, ist ein Teil des Vorgangs, die Absicht zu haben. D.h., wenn ich mich etwa nachträglich daran erinnere & sagen soll, ob ich damals die Absicht hatte & worin dies bestand, so werde ich sagen, ich hatte die Absicht, denn ich sagte zu mir selbst (oder auch laut … denn das kommt auf dasselbe hinaus). “Ich habe jetzt die Absicht etc.” –

§EPB

281[2]

Warum interessieren wir uns hier, wie auch früher, als wir vom Lesen und anderem sprachen, so sehr für die Tatsachen der Psychologie? Was haben diese mit unserer Untersuchung zu tun? – Was uns interessiert, ist der Gegensatz zwischen dem wirklichen Sachverhalt & dem, welchen unsere Ausdrucksweise uns zu erwarten geneigt macht.

§EPB

281[3] &
282[1]

Denke an einen (bestimmten) Menschen, in dessen Zuneigung (zu Dir) Du unbedingtes Vertrauen setzst – & nun versuche Dir vorzustellen, daß, was er zu Dir spricht, falsch gemeint ist. Er sei also ein ganz unerhörter Schauspieler. Was hieße das? d.h.: welche Annahmen machst Du nun über ihn? – Da wirst Du Dir vielleicht vorstellen, daß er, wenn Du ihm den Rücken drehst, Dir bös nachschaut; oder, während er das & das Freundliche zu Dir spreche, sage er in sich selbst etwas Unfreundliches. Aber da müßte ich vielleicht sagen, er sei verrückt, denn wenn er dies auch zu sich selbst sagte, so wäre es mir hier durchaus nicht klar, daß ich nicht dem trauen sollte, was er laut sagt.

§EPB

282[2] &
283[1]

Was vom Worte ‘meinen’ gilt, gilt auch von ‘denken’. – Wir können oft nicht anders denken, als indem wir halblaut zu uns (selbst) sprechen; & niemand, der beschreiben sollte, was da vorsichgeht, käme auf die Idee zu sagen, daß dabei ein Vorgang – das Denken – den Vorgang des Sprechens begleite. Wenn er nicht durch die Existenz des Wortpaares “Sprechen-Denken” dazu verleitet wird, dadurch nämlich, daß unsere Sprache von diesen beiden Verben einen parallelen Gebrauch macht. Denke an den Gebrauch der Ausdrücke: “Er redet ohne zu denken”, “Denke bevor Du sprichst!”, “Ich kann meinen Gedanken nicht richtig ausdrücken”, “Er sagt eines & denkt dabei etwas anderes”, “Er meint kein Wort von dem, was er sagt”. Sehr interessant & nützlich ist es auch, die folgende Absurdität zu überlegen, die vor einigen Jahren ein französischer Staatsmann gesagt hat: in der französischen Sprache folgen die Wörter in der Ordnung, in welcher man denkt.

§EPB

283[2]

Wenn beim lauten Denken etwas das Sprechen begleitet, so ist es etwa der Tonfall der Rede, der Ausdruck des Gesichts & der Gebärde, & Ähnliches. Aber niemand würde diese Vorgänge allein ‘das Denken’ nennen.

§EPB

283[3]

Freilich, man sagt “Ich glaube & sage, es wird regnen”; & das klingt, als liefen hier zwei Vorgänge mit einander parallel: Glauben, es wird regnen, & Sagen, es wird regnen.

§EPB

283[5]

“Was ich mit ‘dunkler’ meine, findet sich nicht in der Beziehung der Laute; ich sage es von Lauten nur in übertragener Bedeutung, d.h., nur vergleichsweise.” – Aber denkst Du also immer zuerst an Farben, wenn Du das Wort auf Laute anwendest? – “Nein, aber ich ziehe das Wort nur zu, hole es gleichsam heran; es ist nicht das eigentliche Wort für die Sache. Das Wort hat dann eine andere Beziehung zu dem, was es bezeichnet. Oder: ich habe ein anderes Erlebnis des Meinens.” Dieses Erlebnis ist z.B. gekennzeichnet durch das Zögern, wenn wir mit Ausdruck sagen: “o ist – gleichsam – dunkler als e.” (Statt des Wortes ‘gleichsam’ steht manchmal nur ein Zögern der Rede & ein unartikulierter Laut.) [→ ]

§EPB

283[6] &
284[1]

Man kann sagen: “Körperliche & geistige Anstrengung heißen beide so, denn das Element der Anstrengung ist in beiden”. Die Idee, das Bild, ist hier: “Anstrengung” heißt etwas, was in beiden enthalten ist. Man kann aber auch sagen: “Ich nenne beides “Anstrengung”, weil eine Ähnlichkeit zwischen ihnen besteht”. Und man kann sich nun an alle möglichen Ähnlichkeiten erinnern. Denke an geistige & körperliche Unruhe, oder Ruhe. Man könnte sagen, die geistige Unruhe ist eine Art körperlicher Unruhe. Ähnliches ist oft gesagt worden ( “Und Geist ist auch nur etwas am Körper” (Zarathustra). Diese Idee muß uns noch beschäftigen.) Es gibt vielleicht Menschen, die geneigt sind zu sagen: “Ich nenne Laute & Farben ‘heller’ & ‘dunkler’, weil das gleiche Element in beiden Relationen da ist.”

§EPB

284[2]

Nehmen wir an, Einer sagte: “Ich sehe in ihnen ein Gemeinsames.” Was soll ich nun sagen? – Ich werde ihn fragen: Was ist das? – Er: “Das kann ich Dir nicht erklären, ich kann nur sagen, daß ich so etwas sehe.” – Ich: Dann sagst Du mir damit auch nichts neues, außer, daß Du Dich eben so ausdrücken willst; & das ist ja vielleicht in mancher Beziehung interessant.

§EPB

284[3] &
285[1]

Es fragt mich jemand: “Welche Farbe hat das Buch dort?” Ich antworte: “Rot”. Er: “Warum nennst Du seine Farbe ‘rot’?” – Ich werde normalerweise sagen müssen: “Aus keinem Grunde. – Ich habe hingesehen, & das Wort ‘rot’ gesagt.” Hier möchte man sagen: “Das kann doch nicht alles sein! Du könntest doch auf eine Farbe schauen & ein Wort dabei sagen & doch die Farbe nicht benennen.” Und dann fällt uns leicht die Erklärung ein: “Wenn ich das Wort als Name dieser Farbe ausspreche so kommt es mir in einer besondern Weise.” Fragt man aber, auf welche Weise, so können wir keine Beschreibung von ihr geben. Nun könnte man fragen: “Erinnerst Du Dich also, daß Dir das Wort bei so einer Gelegenheit immer in dieser selben Weise gekommen ist?” & ich muß gestehen, daß wir uns an keine besondere Weise erinnern. Ja es ist leicht zu sehen, daß wir beim Benennen einer Farbe ganz verschiedenartige Erfahrungen haben können. Denke etwa an diese Fälle: 1) Ich habe ein Eisen ins Feuer gelegt, will es auf helle Rotglut erhitzen & sage: “Gib auf das Eisen acht & sag mir von Zeit zu Zeit, welchen Hitzegrad es erreicht hat.” Du beobachtest es & sagst: “Es fängt an hellrot zu werden.” –

  1. Wir stehen an einer Straßenkreuzung & ich sage: Schau auf das Lichtzeichen & sag mir wenn grün kommt; dann lauf ich hinüber.” Frage Dich: wenn Du nun in einem solchen Falle “Grün!” sagst & in einem andern “Lauf!”, kommen Dir diese beiden Wörter in verschiedener Weise, oder auf die gleiche? Kannst Du hierüber irgendetwas im allgemeinen sagen?

  2. Ich frage Dich: “Was hat der Stoff dort für eine Farbe?” Du denkst: “Wie nennt man ihn nur? heißt das ‘Preußisch Blau’, oder ‘Indigo’?”

§EPB

285[2] &
286[1]

Man kann die Frage auch so stellen: Wenn ich ihm sage “Bring mir eine rote Blume”, – wie soll er wissen, welche Farbe er zu wählen hat? – “Sehr einfach: er soll die Farbe nehmen, deren Bild ihm beim Hören des Wortes einfällt.” – Aber wie soll er wissen, was die ‘Farbe’ ist, ‘deren Bild ihm einfällt’? Braucht es dafür ein weiteres Kriterium? – Es gibt (übrigens) auch ein Spiel: die Farbe wählen, die einem beim Wort ‘rot’ einfällt. Und ein anderes: auf die Farbe zeigen, die Du ‘rot’ nennst.

§EPB

286[2] &
287[1]

Wenn wir in einer Diskussion über diese Dinge sagen “Der Name einer Farbe kommt in einer bestimmten Weise”, so bekümmern wir uns nicht um verschiedene Fälle & Möglichkeiten. Vielmehr, unsere Stütze ist das Argument, daß eine Farbe benennen verschieden ist vom Aussprechen (irgend) eines Wortes, während man auf eine Farbe sieht. “Nimm an, ich zähle Gegenstände, welche auf meinem Tisch liegen; einer ist blau, einer rot, einer weiß, einer schwarz. Ich schaue der Reihe nach auf sie & sage: ‘Eins, zwei, drei, vier’. Ist es nicht leicht zu sehen, daß hier etwas anderes geschieht, während Du die Worte aussprichst, als was geschieht, wenn Du jemandem die Farben dieser Gegenstände hättest sagen sollen? – Und hättest Du nicht hier, wie früher, sagen können: ‘alles was dabei geschieht, ist, daß ich die Dinge anschaue & die Zahlwörter sage’?” – Nun ist gewiß: in vielen Fällen ist das Zählen von Dingen von andern, charakteristischen, Erlebnissen begleitet, als das Angeben ihrer Farben. Und es ist leicht zu sagen worin dieser Unterschied besteht. Beim Zählen von Gegenständen gibt es, z.B., eine gewisse charakteristische Geste: wir zeigen mit dem Finger der Reihe nach auf sie & streichen sie, gleichsam, als schon gezählt ab. Man kann an verschiedene ähnliche Erfahrungen denken. Anderseits gibt es Erfahrungen des Konzentrierens unserer Aufmerksamkeit auf die Farbe von Dingen; verschiedene Erfahrungen (eine von ihnen ist, daß uns der Name einfällt den die Farbe in unsrer Muttersprache hat). Aber es ist nicht wahr, daß immer wenn wir zählen & immer wenn wir Farben angeben, die Vorgänge solche, mehr oder weniger charakteristischen, Züge aufweisen.

§EPB

287[2]

Wenn uns diese Dinge philosophische Schwierigkeiten bereiten, so werden wir– gleichsam – den Versuch machen: ‘eine Farbe benennen’, um zu sehen, was dabei geschieht. Dabei starren wir etwa auf ein bestimmtes Ding vor uns & sprechen den Farbnamen immer wieder, im selben Ton & mit der gleichen Gebärde, aus: versuchen ihn– gleichsam – von der Farbe des Dinges abzulesen. Und es ist kein Wunder daß wir dann dazu geneigt sind zu sagen, etwas ganz Bestimmtes geschehe, wenn wir eine Farbe benennen. Aber schaue von diesem Versuch auf andere Fälle des Benennens von Farben! –

§EPB

287[3] &
288[1] &
289[1]

Denke hier an die Fragen die uns beim Nachdenken über das Wesen des Wollens, des willkürlichen Handelns begegnen. Vergleiche etwa diese Fälle: Ich überlege mir, ob ich einen bestimmten, eher schweren Gegenstand heben soll; ich entschließe mich dazu, es zu tun; dann setze ich meine Kraft ein, & hebe ihn. – Hier, könnte man sagen, haben wir einen ausgewachsenen Fall des geflissentlichen, willkürlichen Handelns. – Vergleiche damit etwa: Du reichst jemand ein brennendes Zündholz hin, nachdem Du Deine Zigarette damit angezündet hast,– Du hast gesehen, daß er sich seine auch anzünden will. (Das tust Du gleichsam ‘by the way’.) Oder: Du bewegst Deine Hand beim Schreiben eines Briefes. Oder Lippen, Zunge, etc. beim Reden. – Ich habe früher mit Absicht den irreführenden Ausdruck gebraucht: “ein ausgewachsener Fall”; denn dies drückt aus, was wir über diese Fälle zu denken geneigt sind: daß nämlich in dem einen das voll aufgeblüht & aller Augen sichtbar ist, was in allem willkürlichen Handeln, wenn auch nicht so offensichtlich, liegt. Unser Bild & unsere Ausdrucksweise nehmen wir von einem speziellen Fall her, wenden sie auf näher & entfernter Verwandtes an; & möchten nun sagen: eigentlich haben wir überall das Gleiche. Die Ausdrucksformen unserer Sprache passen eigentlich auf gewisse besondere Anwendungen der Worte: “wollen”, “denken”, “meinen”, etc.; auch “lesen” gehört hierher. (So hätten wir das Buchstabieren das ‘voll entwickelte Lesen’ nennen können. Vergleiche meinen Gebrauch des Wortes ‘Bild’ in der Log. Phil. Abh..) – Wir sprechen von einem Willensakt & unterscheiden ihn von der gewollten Handlung. Und in unserem ersten Beispiel finden sich Akte, die diesen Fall unterscheiden von einem, in welchem ich nichts andres sagen kann, als daß mein Arm mit dem Gewicht sich gehoben hat. Aber wo sind die Analoga zu diesen Akten in anderen Fällen?

§EPB

289[2]

Diese Abwesenheit des Willensaktes – wie ich einmal sagen will – ist William James aufgefallen & er beschreibt z.B. den Akt des Aufstehens am Morgen so: er liege im Bett und überlege ob es schon Zeit sei aufzustehen, – & auf einmal finde er, daß er aufsteht. Ähnlich sagt man manchmal “plötzlich hörte ich mich die Worte sagen …”. Was heißt es denn aber, wenn ich sage: “Wenn ich aufstehe geschieht nur das”. Im Gegensatz wozu? Was ist es denn, was nicht geschieht? Und wenn etwas hier nicht geschieht, so geschieht es ja wohl in andern Fällen. Nun, ich glaube, wenn Einer ein schweres Gewicht mit Anstrengung hebt, oder Schritt für Schritt einen mühevollen Weg geht, wird er nicht sagen: “I find myself …” Es ist das Gefühl der Muskelanstrengung, dessen Abwesenheit wir ‘Abwesenheit des Willensaktes’ nannten.

§EPB

289[3] &
290[1]

Hier ist ein merkwürdiger Widerstreit zweier Ideen: Man möchte sagen “der Wille ist keine Erfahrung” &– “der Wille ist doch nur Erfahrung”. Was heißen diese beiden Sätze überhaupt & warum will man beide sagen? – Wenn man den ersten Satz sagt, hat man ihn durch Introspektion gewonnen? Hat man sich beim Wollen beobachtet & gesehen, daß der Wille keine Erfahrung ist? Man möchte sagen: “Der Wille darf keine Erfahrung sein! denn, wenn mir das Wollen auch nur geschieht, dann ist es eben kein Wollen.” – Und ist es hier nicht wieder, als rängen wir mit dem Wesen der Dinge?! – Aber sind nicht beide Teile gleicherweise auf falscher Fährte? “Der Wille ist eine Erfahrung” –, im Gegensatz wozu? – Ich hätte statt dessen auch sagen können: “Das Wollen geschieht mir”. Nun wie verwenden wir das Wort “etwas geschieht mir”? Wir sagen nicht “Es geschieht mir, daß mein Arm sich hebt”, wenn ich ihn hebe; wir sagen dies aber in gewissen andern Fällen. Und wir können uns so ausdrücken: “die Erfahrungen, wenn sich in beiden Fällen der Arm hebt sind verschiedene”. Den Ausdruck “es geschieht mir, daß ich den Arm hebe” gebrauchen wir für gewöhnlich nicht; & wenn, dann heißt er wohl: ich hebe den Arm.

§EPB

290[2]

Was ist (nun) der Unterschied zwischen den beiden Erfahrungen, wenn ich einmal meinen Arm hebe & ein andermal es mir geschieht daß er sich hebt? Da gibt es verschiedene Fälle. Er wird z.B. von einem Anderen gegen meinen Willen gehoben. D.h. ich mache eine Muskelanstrengung, ihn nicht zu heben. Es gibt aber auch Fälle in denen wir den Arm schlaff hängen lassen & er sich von selbst, weder mit, noch gegen unsern Willen, hebt. Nur dann haben wir auch nicht die gleichen Empfindungen in den Armmuskeln, als wenn wir ihn heben.

§EPB

290[3] &
291[1]

Gefährlich ist hier die Verwechslung zwischen Wollen & Wünschen. – Denn wenn ich meinen Arm hebe, so ist es nicht so, daß ich zuerst wünsche, er möchte sich heben, & nun tut er es tatsächlich. (Obwohl auch das in besondern Fällen geschehen könnte.)

§EPB

291[2]

103 Wenn wir unsere Finger in bestimmter Art verschränken, so sind wir nicht im Stande einen bestimmten Finger auf Befehl zu heben, wenn der Befehlende bloß auf den Finger zeigt – ihn bloß unserm Auge zeigt. Wenn er ihn dagegen berührt, so können wir ihn bewegen. Man kann diese Erfahrung so beschreiben: wir seien nicht im Stande, den Finger heben zu wollen. Aber nicht nur ist das ganz anders, als wenn wir nicht im Stande sind den Finger zu heben, sondern wir müssen sagen, daß der Ausdruck ‘im Stande sein’ & das Wort ‘versuchen’ hat im ersten Fall eine andere, wenn auch verwandte Bedeutung.

§EPB

291[3]

Man ist nun leicht geneigt diesen Fall so zu beschreiben: man könne für den Willen keinen Angriff finden, ehe der Finger nicht berührt sei, ehe man den Finger nicht fühle. Erst wenn man ihn fühle, könne der Wille wissen, wo er anzugreifen habe. Aber diese Ausdrucksweise ist irreführend. (Man möchte sagen:) “Wie soll ich denn wissen, wo ich mit dem Willen anzupacken habe, wenn das Gefühl nicht die Stelle bezeichnet?” (Aber ich könnte fragen: “)Und wie weiß man denn, wenn das Gefühl da ist, wohin ich den Willen zu lenken habe?(”)

§EPB

291[4] &
292[1]

“Dieses Experiment, sowie das, ein Viereck mit den Diagonalen im Spiegel zeichnen, zeigt möchte man sagen, daß Wollen auch nur eine Erfahrung ist (der ‘Wille’ nur ‘Vorstellung’). Er kommt, wenn er kommt; ich kann ihn nicht herbeiführen.” – Oder: “Man kann nicht wollen, wenn man will. Es geschieht einfach!”

§EPB

292[2]

Was dieses Experiment aber tut, ist: es legt uns eine Betrachtungsweise nahe. Denn, indem es uns in die Lage bringt zu sagen: “ich kann das nicht wollen”, wirft es das Wollen mit andern Dingen zusammen, die auch nicht kommen, weil ich wünsche, daß sie kommen. Es hätte oben heißen sollen: Ich kann nicht immer wollen, wenn ich zu wollen wünsche. Oder, ich kann eine willkürliche Handlung nicht immer ausführen, wenn ich sie zu tun wünsche, oder, sie geschieht nicht immer, wenn ich wünsche sie geschähe, auch wenn sich keine Kraft meinem Willen entgegensetzt.

§EPB

292[3]

(Wer lernt die Ohren zu bewegen, lernt auch es zu wollen. Dies ist ähnlich damit: Wer sprechen lernt, lernt auch denken.)

§EPB

292[4]

“Kannst Du wollen wenn Du willst?” Das Wort ‘wollen’ ist hier falsch verwendet. Es schillert in zwei Bedeutungen (Frege). Es ist als wäre mit dem Wollen schon gewollt – & wäre noch nicht gewollt. (Das Bild vom Schillern stellt die Sache darum so gut dar, weil auch der Eindruck des Schillerns in einem gewissen Sinne ein Farbeindruck ist.)