Philosophische Grammatik – I
1933–1934, 591 remarks, Ms-140, Ms-114, Ts-213, Ms-115
§Ms-140
1r[1]1. Wie kann man vom ‘Verstehen’ & ‘Nicht verstehen’ eines Satzes reden; ist es nicht erst ein Satz, wenn man es versteht?
§Ms-140
1r[2]Hat es Sinn auf eine Baumgruppe zu zeigen & zu fragen: “Verstehst Du, was diese Baumgruppe sagt?” Im allgemeinen nicht; aber könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?
§Ms-140
1r[4]‘Sätze’ wird man dann die Baumgruppen nennen, die man versteht, aber auch andere, die man nicht versteht, wenn man annimmt, daß der Pflanzer sie verstanden habe.
§Ms-140
1r[5]“Fängt das Verstehen nicht erst mit dem Satz an, mit dem ganzen Satz? Kann man einen halben Satz verstehn?” – Ein halber Satz ist kein ganzer Satz. – Aber, was die Frage meint, kann man vielleicht so verstehn: Denken wir uns der Rösselsprung im Schachspiel würde immer durch zwei Verschiebungen des Rössels ausgeführt (eine gerade, eine schief); dann könnte Einer sagen: “im Schachspiel gibt es keinen halben Rösselsprung”, & meinen: ein halber Rösselsprung verhält sich zu einem ganzen nicht wie eine halbe Semmel zu einer ganzen. Man will sagen: es ist kein Unterschied des Grades.
§Ms-140
1r[6]Es ist doch seltsam, daß die Wissenschaft & die Mathematik die Sätze gebraucht: aber vom Verstehen dieser Sätze nicht spricht.
§Ms-140
1r[7] &2r[1]
2. Man sieht im Verstehen das Eigentliche, im Zeichen das Nebensächliche. – Übrigens, wozu dann das Zeichen überhaupt? – Wenn man meint, nur um sich Andern verständlich zu machen, – so sieht man wohl das Zeichen als eine Medizin an, die im Andern den gleichen Zustand hervorrufen soll, wie ich ihn habe.
§Ms-140
2r[2]Wenn auf die Frage “was meinst Du mit dieser Handbewegung” die Antwort lautet: “ich meine, Du sollst hinausgehen”, so hätte diese Antwort nicht richtiger gelautet: “ich meine, was ich mit dem Satz ‘Du sollst hinausgehn’ meine”.
§Ms-140
2r[3]Wenn Frege gegen die formale Auffassung der Arithmetik spricht, so sagt er gleichsam: diese kleinlichen Erklärungen, die Zeichen betreffend, sind müßig, wenn wir die Zeichen verstehn. Und das Verstehen wäre quasi das Sehen eines Bildes, aus dem alle Regeln folgen, wodurch sie verständlich werden. Frege scheint aber nicht zu sehen, daß dieses Bild selbst wieder ein Zeichen ist, oder ein Kalkül der uns den geschriebenen erklärt.
§Ms-140
2r[4]Was wir “Verstehen einer Sprache” nennen ist oft von der Art des Verständnisses, welches wir für einen Kalkül kriegen, wenn wir die Geschichte seiner Entstehung kennen lernen, oder seine praktische Anwendung. Und auch da lernen wir einen leicht überblickbaren Symbolismus statt des uns fremden kennen. – Denken wir uns, Einer hätte das Schachspiel ursprünglich als Schreibspiel kennen gelernt, & später würde ihm die ‘Deutung’ des Schach als Brettspiel gezeigt. “Verstehen” heißt hier etwas Ähnliches wie “Übersehn”.
§Ms-140
2r[5] &2v[1] &
3r[1]
Wenn ich jemandem einen Befehl gebe, so ist es mir ganz genug, ihm Zeichen zu geben. Und ich würde, einen Befehl empfangend, nie sagen: “das sind ja nur Worte, & ich muß hinter die Worte dringen”. Und wenn ich jemand etwas gefragt hätte & er gibt mir eine Antwort, bin ich zufrieden – das war es gerade, was ich erwartete – & wende nicht ein: “das ist ja eine bloße Antwort”.
§Ms-140
3r[2]Wenn man aber sagt: “wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen?” – so sage ich: “wie soll er wissen, was er meint; er hat ja auch nur seine Zeichen”.
§Ms-140
3r[3]Gesprochenes kann man nur durch die Sprache erklären, drum kann man die Sprache selbst, in diesem Sinn, nicht erklären.
§Ms-140
3r[4]Die Sprache muß für sich selbst sprechen.
§Ms-140
3r[5]3. Man kann sagen: Die Meinung fällt aus der Sprache heraus; denn was ein Satz meint wird wieder durch einen Satz gesagt.
§Ms-140
3r[6]“Was hast Du mit diesen Worten gemeint?” “Hast Du diese Worte gemeint?” Die erste Frage ist keine nähere Bestimmung der zweiten. Die erste wird durch einen Satz beantwortet, der den unverstandenen Satz ersetzt. Der zweiten Frage ähnlich ist die: “Hast Du das im Ernst oder Spaß gemeint?” Anders ist der Fall: “Hast Du etwas mit dieser Handbewegung gemeint, – & was?”
§Ms-140
3r[7] &4r[1]
Die Worte “verstehen”, “meinen” bedeuten in einem Teil ihrer Anwendungen eine psychische Reaktion beim Hören, Lesen, Aussprechen, etc., des Satzes. Verstehen ist dann das Phänomen, welches sich einstellt, wenn ich den Satz einer mir geläufigen Sprache höre, & nicht, wenn ich den Satz einer mir fremden Sprache höre. Das Lernen der Sprache bewirkt ihr Verstehn. Aber das gehört zur Geschichte dieser Reaktion. – Das Verstehen des Satzes geschieht mir so wie das Hören des Satzes & begleitet das Hören.
§Ms-140
4r[2]Ich kann von einem ‘Erleben’ des Satzes reden. “Ich sage das nicht nur, ich meine auch etwas damit”: Wenn man überlegt, was dabei in uns vorgeht, wenn wir Worte meinen (& nicht bloß sagen), so ist es uns, als wäre dann etwas mit diesen Worten gekuppelt, während sie sonst leer liefen. Als ob sie in uns eingriffen.
§Ms-140
12r[1]4. Das Verstehen eines Satzes ist dem Verstehen eines Musikstücks verwandter als man glauben würde. Warum müssen diese Takte gerade so gespielt werden? Warum will ich das Zu- & Abnehmen der Stärke & des Tempos gerade auf dieses Bild bringen? – Ich möchte sagen: “weil ich weiß, was das alles heißt”. Aber was heißt es denn? – Ich wüßte es nicht zu sagen. Ich kann als Erklärung nur das musikalische Bild in das Bild eines andern Vorgangs übersetzen; & dieses Bild jenes beleuchten lassen.
§Ms-140
4r[3] &5r[1]
Mit dem Verstehen eines Satzes kann man auch das vergleichen, was wir Verstehen eines Bildes nennen. Denken wir uns das Bild eines Stillebens, & wir seien nicht im Stande es als räumliche Darstellung zu sehen, sondern sähen nur Flecke & Striche in der Bildfläche. Wir können dann sagen “wir verstehen das Bild nicht”. Wir sagen dies aber auch, (in anderm Sinne,) wenn wir das Bild zwar räumlich sehen, in den räumlichen Gebilden aber nicht uns wohlbekannte Dinge (Bücher, Tiere, Flaschen) erkennen. Angenommen das Bild sei ein Genrebild & die Menschen darauf etwa ein Zoll lang. Hätte ich einmal wirkliche Menschen von dieser Länge gesehen, so könnte ich sie in diesem Bild erkennen & das Bild als ihre lebensgroße Darstellung auffassen. Mein Gesichtserlebnis des Bildes wäre in diesem Falle ein anderes, als wenn ich das Bild normalerweise als verkleinerte Darstellung sehe, obwohl die Illusion des räumlichen Sehens in beiden Fällen die gleiche ist. – Das Sehen wirklicher Menschen von einem Zoll Länge ist hier aber nur als mögliche Ursache jenes Gesichtserlebnisses angegeben; dieses ist im übrigen von jenem unabhängig. Wie die Zeichnung eines Würfels vielleicht nur der räumlich sieht, der schon viele wirkliche Würfel betrachtet hat: aber die Beschreibung des räumlichen Gesichtsbildes nichts von dem enthält, was einen wirklichen Würfel von einem gemalten unterscheidet. Den verschiedenen Erlebnissen, wenn ich ein Bild einmal so, einmal so sehe, ist es zu vergleichen, wenn ich einen Satz mit Verständnis, & ohne Verständnis lese. (Erinnern wir uns daran, wie es ist, wenn wir einen Satz mit falscher Betonung lesen, ihn daher nicht verstehen, – & nun draufkommen, wie er zu lesen ist.)
§Ms-140
5r[2](Eine Uhr als Uhr, d.h., als Zifferblatt mit Zeigern sehen ist ähnlich wie: den Orion als schreitenden Mann sehen.)
§Ms-140
25r[5] &26r[1]
5. Es ist sonderbar: Wir möchten das Verstehen einer Geste als ein Übersetzen in Worte erklären, & das Verstehen von Worten als ein Übersetzen in Gesten. Und wirklich werden wir Worte durch eine Geste & eine Geste durch Worte erklären.
§Ms-140
25r[4]Anderseits sagt man “ich verstehe diese Geste” in dem Sinn wie: “ich verstehe dieses Thema”, “es sagt mir etwas”, & das heißt hier: ich folge ihm mit bestimmtem Erlebnis.
§Ms-140
5r[3]Denke an den Unterschied des Verständnisses, wenn in einem Satz ein Wort einmal mit diesem einmal mit jenem Wort zusammengehörig empfunden wird. Und ich hätte sagen können, daß das Wort einmal zu diesem, einmal zu jenem Wort gehörig aufgefaßt, verstanden, gesehen, ausgesprochen wird.
§Ms-140
5r[4]Wir können dann ‘Satz’ das nennen, was einmal so, einmal anders aufgefaßt wird; aber auch diese oder jene Auffassung (selbst). Hier ist eine Quelle von Verwechslungen.
§Ms-140
5r[5] &6r[1]
Ich lese aus der Mitte einer Erzählung den Satz: “nachdem er das gesagt hatte, verließ er sie wie am vorigen Tage”. Verstehe ich den Satz? – Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Es ist ein deutscher Satz, & insofern verstehe ich ihn. Ich wüßte wie man diesen Satz gebrauchen könnte, ich könnte einen Zusammenhang für ihn erfinden. Und doch verstehe ich ihn nicht in dem Sinne, wie ich ihn verstünde, wenn ich die Erzählung gelesen hätte. (Vergleiche: verschiedene Sprachspiele. Beschreibung eines Sachverhalts, Erfinden einer Erzählung, etc. Was ist in dem einen, was im andern Fall ein sinnvoller Satz?)
Verstehen wir Gedichte von Christian Morgenstern, oder Lewis Carroll's Gedicht “Jabberwocky”? Es zeigt sich hier klar, daß der Begriff des Verstehens fließt.
§Ms-140
6r[2]6. Es sei mir ein Satz in einer mir nicht geläufigen Chiffre gegeben & zugleich der Schlüssel zu ihrer Entzifferung. Dann ist mir in gewissem Sinn Alles zum Verständnis des Satzes gegeben. Und doch würde ich auf die Frage, ob ich den Satz verstehe antworten: “ich muß ihn erst entziffern”, & wenn ich ihn als deutschen Satz entziffert vor mir hätte, würde ich sagen “jetzt verstehe ich ihn”. Wenn man nun die Frage stellt: “in welchem Augenblick der Übertragung ins Deutsche beginnt das Verstehen” –, so erhält man einen Einblick in das Wesen dessen, was wir “verstehen” nennen.
§Ms-140
6r[3]Ich sage einen Satz: “ich sehe dort einen schwarzen Fleck”; aber die Wörter sind doch willkürlich ich ersetze sie also der Reihe nach durch die ersten 6 Buchstaben des Alphabets. Nun lautet er: “a b c d e f”. Aber nun zeigt es sich, daß ich – wie man sagen möchte – den Sinn des obern Satzes nicht ohne weiteres in dem neuen Ausdruck denken kann. Ich könnte es auch so sagen: ich bin nicht gewöhnt, statt ‘ich’ ‘a’ zu sagen, statt ‘sehe’ ‘b’, statt ‘dort’ ‘c’, u.s.w.. Ich meine aber nicht, ich sei nicht gewöhnt mit dem Zeichen ‘a’ sofort das Wort ‘ich’ zu assoziieren, etc.; sondern ich bin nicht gewöhnt ‘a’ an der Stelle von ‘ich’ zu gebrauchen.
§Ms-140
6r[4]“Einen Satz verstehen” kann heißen, “wissen was der Satz besagt”, d.h.: die Frage ‘was sagt dieser Satz’ beantworten können.
§Ms-140
6r[5] &7r[1]
Es ist eine häufig erscheinende Auffassung, daß Einer sein Verständnis nur unvollkommen zeigen kann. Daß er gleichsam nur immer aus der Ferne darauf deuten, auch sich ihm nähern, es aber nie mit der Hand berühren kann. Und das Letzte immer ungesagt bleiben muß. – Man sagt: “Das Verständnis ist doch etwas Anderes als der Ausdruck des Verstehens. Das Verständnis kann man nicht zeigen; es ist etwas Inneres, Seelisches. –” Oder auch: “Was immer ich zum Zeichen des Verständnisses tue, ob ich die Erklärung eines Wortes wiederhole, oder einen Befehl ausführe zum Zeichen, daß ich ihn verstanden habe, so müssen diese Handlungen doch nicht als Beweise des Verständnisses gedeutet werden.” Das ist ähnlich, wie man auch sagt: “ich kann einem Andern nicht meine Zahnschmerzen zeigen; & ich kann ihm nicht beweisen, daß ich Zahnschmerzen habe.” Aber die Unmöglichkeit von der (hier) die Rede ist, soll doch eine logische sein. “Ist es nicht so, daß der Ausdruck des Verständnisses eben ein unvollkommener Ausdruck ist?” Das heißt doch wohl, ein Ausdruck dem etwas fehlt, – was aber wesentlich unausdrückbar ist; denn sonst könnte ich ja eben einen bessern finden. Und “wesentlich unausdrückbar” bedeutet, daß es keinen Sinn hat von einem vollkommenern Ausdruck zu reden.
§Ms-140
7r[2]Uns interessieren die psychischen Vorgänge, die einen Satz erfahrungsgemäß begleiten, nicht. Wohl aber das Verstehen, in einer Erklärung des Sinnes niedergelegt.
§Ms-140
7r[3]7. Die Grammatik des Wortes “meinen” zu verstehn, muß man sich fragen, was ist das Kriterium dafür, daß ein Ausdruck so gemeint ist. Was soll als Kriterium der Meinung betrachtet werden? –
§Ms-140
7r[4]Die Antwort auf die Frage “wie ist das gemeint” stellt die Verbindung zwischen zwei sprachlichen Ausdrücken her. Also fragt auch die Frage nach dieser Verbindung.
§Ms-140
7r[5] &8r[1]
Die Art & Weise des Gebrauchs der Wörter “Sinn”, “Bedeutung”, “meinen”, u.a. verleitet uns dazu, zu denken, daß dieser Sinn, etc., dem Zeichen so gegenübersteht, wie der Name seinem Träger. Der Vorgang, den wir das Verstehen eines Satzes, einer Beschreibung, nennen ist manchmal ein Übertragen aus einem Symbolismus in einen andern; ein Nachziehen des Bildes, ein Kopieren, ein Übertragen in eine andere Darstellungsart. Die Beschreibung verstehen heißt dann, sich ein Bild des Beschriebenen machen. Und der Vorgang ist mehr oder weniger ähnlich dem: nach einer Beschreibung eine Zeichnung anfertigen.
§Ms-140
8r[2]Und wir sagen auch: “ich verstehe dieses Bild genau, ich könnte es in Ton kneten.”
§Ms-140
8r[3]8. Wir reden von dem Verstehen eines Satzes als der Bedingung dafür, daß wir ihn anwenden können. Wir sagen: “ich kann einen Befehl nicht befolgen, wenn ich ihn nicht verstehe”, oder auch: “ich kann ihn nicht befolgen, ehe ich ihn verstehe”. Muß ich wirklich einen Satz verstehen, um nach ihm handeln zu können? – “Gewiß, sonst wüßtest Du ja nicht, was Du zu tun hast”. – Aber was nützt mich dieses Wissen; vom Wissen zum Tun ist ja wieder ein Sprung. “Ich muß aber doch einen Befehl verstehn, um nach ihm handeln zu können” – hier ist das “muß” verdächtig. Wenn das ein logisches Muß ist, so ist der Satz eine grammatische Anmerkung.
§Ms-140
8r[4]Man könnte da fragen: Wie lange vor dem Befolgen mußt Du den Befehl verstehn? – Aber der Satz “ich muß den Befehl verstehn, ehe ich nach ihm handeln kann” hat natürlich einen guten Sinn. Nur keinen metalogischen. – Und ‘verstehen’, ‘meinen’ sind keine metalogischen Begriffe.
§Ms-140
8r[5] &9r[1]
Wenn “einen Satz verstehen” heißt: in irgend einer Weise nach ihm handeln, dann kann das Verständnis nicht die Bedingung dafür sein, daß wir nach ihm handeln. Wohl aber kann die besondere Handlung des Verstehens erfahrungsgemäß die Vorbedingung zur Befolgung des Befehls sein.
§Ms-140
9r[2]“Ich kann den Befehl nicht ausführen, weil ich nicht verstehe, was Du meinst. – Ja, jetzt verstehe ich Dich.” – Was ging da vor, als ich auf einmal den Andern verstand? Da sind viele Möglichkeiten. Z.B.: der Befehl konnte in einer mir geläufigen Sprache, aber mit falscher Betonung gegeben worden sein, & es fiel mir plötzlich die richtige Betonung ein. Einem Dritten würde ich dann etwa sagen: “jetzt verstehe ich ihn; er meint …” & nun würde ich den Befehl in der richtigen Betonung wiederholen. Und mit dem Erfassen des wohlbekannten Satzes hätte ich den Befehl verstanden. Ich meine: ich müßte nun nicht erst einen abstrakten Sinn erfassen. – Oder: ich hätte den Befehl in diesem Sinn verstanden, er wäre also ein richtiger deutscher Satz; er erschiene mir aber ungereimt. Ich würde in so einem Fall sagen: “Ich verstehe Dich nicht; denn das kannst Du doch nicht meinen”. Dann aber wäre mir eine begreiflichere Deutung eingefallen. Es konnten mir vor dem Verstehen mehrere Deutungen, d.h., mehrere Erklärungen vorschweben, für deren eine ich mich dann entschied. (Der Vorgang des Verstehens, wenn der Zerstreute auf den Befehl “rechtsum” sich nach links gewendet hat, & nun, sich an die Stirn greifend, sagt: “ach so, ‘rechtsum’” & rechtsum macht.)
§Ms-140
9r[3] &10r[1]
9. Schreiben wir den Befehl die Quadrate einer Reihe von Zahlen zu bilden in Form einer Tabelle so:
– Es scheint uns, als ob wir dem Befehl durch das Verstehen etwas hinzufügen, was die Lücke zwischen Befehl & Ausführung füllt. So daß wir Einem, der sagt “aber Du verstehst ihn ja, er ist also nicht unvollständig”, antworten könnten: “Ja ich verstehe ihn, aber nur, weil ich noch etwas hinzufüge; die Deutung nämlich”. – Aber was veranlaßt Dich gerade zu dieser Deutung? Ist es der Befehl–, dann war er ja schon eindeutig, da er diese Deutung befahl. Oder hast Du die Deutung willkürlich hinzugefügt, – dann hast Du ja auch den Befehl nicht verstanden, sondern nur das, was Du aus ihm gemacht hast.
§Ms-140
10r[2](Wir sehen im philosophischen Denken Probleme, an Stellen wo keine sind. Und die Philosophie soll zeigen, daß dort kein Problem ist.)
§Ms-140
10r[3]Eine Interpretation ist doch etwas, was in Zeichen gegeben wird. Es ist diese Interpretation im Gegensatz zu einer andern. (Die anders lautet.) Wenn man also sagte: “jeder Satz bedarf noch einer Interpretation”, so hieße das: kein Satz kann ohne einen Zusatz verstanden werden.
§Ms-140
10r[4]Es geschieht natürlich, daß ich Zeichen deute, Zeichen eine Deutung gebe; aber doch nicht immer, wenn ich ein Zeichen verstehe! (Wenn man mich fragt “wie viel Uhr ist es?”, so geht in mir keine Arbeit des Deutens vor; sondern ich reagiere einfach auf das, was ich sehe & höre. Es zückt Einer das Messer auf mich, – dann sage ich nicht: “ich deute das als eine Drohung”.)
§Ms-140
10r[5]10. “Ein Wort verstehen” kann heißen: Wissen, wie es gebraucht wird; es anwenden können.
§Ms-140
10r[6] &11r[1]
“Kannst Du diese Kugel heben?” – “Ja.” Dann versuche ich's & es gelingt mir nicht. Da werde ich vielleicht sagen: “ich habe mich geirrt, ich kann es nicht”. Vielleicht aber: “Jetzt kann ich es nicht, weil ich zu müde bin; aber als ich sagte, ich könnte es, da konnte ich es”. Ähnlich: “Ich dachte ich könnte Schach spielen, aber ich habe es schon vergessen”, aber anderseits: “Als ich sagte ‘ich kann Schach spielen’ da konnte ich's auch, aber jetzt ist mir alles entfallen”. – Was ist aber das Kriterium dessen, daß man es damals konnte? – Wie wußte ich, daß ich es konnte? Darauf würde man antworten: “ich konnte so ein Gewicht immer heben”, “ich hatte es gerade zuvor gehoben”, “ich habe vor noch nicht langer Zeit Schach gespielt & mein Gedächtnis ist gut”, “ich hatte gerade die Regeln rekapituliert”, u.s.w.. Was ich als eine Antwort auf jene Frage ansehe, das wird mir zeigen, in welcher Weise ich das Wort “Können” gebrauche.
§Ms-140
11r[2]Das Wissen, das Können, die Fähigkeit, wird man einen Zustand nennen wollen. Vergleichen wir Sätze mit einander, deren jeder in anderm Sinn einen Zustand beschreibt: “ich habe seit gestern Zahnschmerzen” “ich habe mich seit gestern nach ihm gesehnt” “ich habe ihn seit gestern erwartet” “ich wußte seit gestern, daß er kommen werde” “ich kann seit gestern Schach spielen”.
Kann man sagen: “ich wußte seit gestern ununterbrochen, daß er kommen werde”? In welche dieser Sätze kann man mit Sinn das Wort “ununterbrochen” einsetzen?
§Ms-140
11r[3]Wenn man das Wissen einen “Zustand” nennt, dann in dem Sinn, in welchem man vom Zustand eines Körpers, eines physikalischen Modells redet. Also auch im physiologischen Sinn, oder auch in dem einer Psychologie, die von unbewußten Zuständen eines Seelenmodells redet. Und das würde freilich auch jeder zugeben; aber nun muß man sich noch darüber klar sein, daß man sich aus dem grammatischen Gebiet der “bewußten Zustände” heraus in ein anderes grammatisches Gebiet begeben hat. Ich kann wohl von unbewußten Zahnschmerzen reden, wenn der Satz “ich habe unbewußte Zahnschmerzen” etwa heißen soll: “ich habe einen schlechten Zahn, der nicht schmerzt”. Aber der Ausdruck “bewußter Zustand” (im früheren Sinne) steht nun zum Ausdruck “unbewußter Zustand” nicht in dem grammatischen Verhältnis, wie der Ausdruck “ein Sessel den ich sehe” zu dem: “ein Sessel den ich nicht sehe, weil er hinter mir steht”.
§Ms-140
11r[4]“Etwas wissen”, statt dessen können wir sagen: “einen Zettel bei sich haben auf dem es aufgeschrieben steht”.
§Ms-140
12r[2]Wenn “die Bedeutung eines Worts verstehn” heißt, die grammatischen Möglichkeiten seiner Anwendung kennen, dann kann ich fragen: “Wie kann ich dann gleich wissen, was ich mit einem Wort meine, das ich ausspreche; ich kann dann doch nicht die ganze Anwendungsart des Wortes auf einmal im Kopf haben?”
§Ms-140
12r[3]Ich kann die Möglichkeiten der Anwendung eines Worts im Kopf haben in dem Sinn, in welchem der Schachspieler alle Regeln des Schachspiels im Kopfe hat; aber zugleich auch das ABC & das Einmaleins. Das Wissen ist das hypothetische Reservoir, woraus das gesehene Wasser fließt.
§Ms-140
12r[4]11. Man darf also nicht denken, es handle sich beim Verstehen, Meinen eines Worts um einen Akt des momentanen, sozusagen nicht-diskursiven Erfassens der Grammatik. Als könnte man sie gleichsam auf einmal hinunterschlucken.
§Ms-140
12r[5]Es ist, wie wenn ich mir im Werkzeugkasten der Sprache Werkzeuge zum künftigen Gebrauch herrichtete.
§Ms-140
12r[6]“Ich kann das Wort ‘gelb’ anwenden”, dem ist analog: “ich kann mit dem König im Schachspiel ziehen”.
§Ms-140
12r[7] &13r[1]
Und hier im Schachspiel können wir wieder den Doppelsinn des Wortes “verstehen” finden. Wenn Einer, der das Spiel kennt, einer Schachpartie zusieht, so hat er bei einem Zug des Spiels im allgemeinen ein anderes Erlebnis als der, welcher zusieht ohne das Spiel zu verstehn. (Und auch wieder ein anderes Erlebnis als Einer, der gar nicht weiß, daß es ein Spiel ist.) Man kann auch sagen, daß es die Kenntnis der Schachregeln ist, die den ersten Zuschauer vom zweiten unterscheidet, & also auch, daß es die Kenntnis der Regeln ist, durch die der erste den Schachzug in seiner besondern Weise erlebt. Aber dieses Erlebnis ist nicht die Kenntnis der Regeln. Beides aber sind wir geneigt “Verständnis” zu nennen.
§Ms-140
13r[2]Das Verständnis der Sprache, quasi des Spiels, scheint wie ein Hintergrund, auf dem der einzelne Satz erst Bedeutung gewinnt. – Aber dieses Verständnis, die Kenntnis der Sprache, ist nicht ein Bewußtseinszustand, der die Sätze der Sprache begleitet. Selbst wenn es einen solchen Zustand im Gefolge hätte. Vielmehr ist es von der gleichen Art wie das Verstehen, Beherrschen eines Kalküls, also wie: multiplizieren können.
§Ms-140
14r[6]12. Wie, wenn man fragte: Wann kannst Du Schach spielen? Immer? Oder während Du sagst, daß Du's kannst? Oder während eines Schachzuges? – Und wie seltsam, daß Schachspielen-Können so kurze Zeit braucht & eine Schachpartie so viel länger! (Augustinus: “Wann messe ich einen Zeitraum?”)
§Ms-140
14r[7]Es kann uns scheinen, als wären die grammatischen Regeln in irgend einem Sinne die Auseinanderlegung dessen, was wir beim Gebrauch des Wortes auf einmal erleben.
§Ms-140
13r[3]Um uns über die Grammatik des Wortes “verstehen” klarer zu werden, fragen wir: Wann verstehen wir den Satz? – Wenn wir ihn ganz ausgesprochen haben? Oder während wir ihn aussprechen? – Ist das Verstehen ein artikulierter Vorgang wie das Sprechen des Satzes; & entspricht seine Artikulation der des Satzes? Oder ist es unartikuliert& begleitet den Satz wie ein Orgelpunkt ein Thema?
§Ms-140
13r[4]Wie lange braucht es: einen Satz verstehen?
Und wenn wir den Satz eine Stunde lang verstehen, beginnen wir da immer wieder vom frischen?
§Ms-140
13r[5] &14r[1]
13. Das Schachspiel ist durch seine Regeln (sein Regelverzeichnis) charakterisiert. Wenn ich das Spiel durch seine Regeln definiere (vom Damespiel unterscheide), so gehören diese Regeln zur Grammatik des Wortes “Schach”. Muß nun dem, der das Wort “Schach” sinnvoll gebraucht, eine Definition des Wortes vorschweben? Gewiß nicht. – Gefragt, was er unter “Schach” versteht, wird er erst eine geben.
Wenn ich nun fragte: “Wie Du das Wort ausgesprochen hast, was hast Du damit gemeint?” – Wenn er mir darauf antwortet: “Ich habe das Spiel gemeint, das wir so oft gespielt haben etc. etc.” so weiß ich, daß ihm diese Erklärung in keiner Weise beim Gebrauch des Wortes vorgeschwebt hatte; & daß seine Antwort meine Frage nicht in dem Sinn beantwortet, daß sie mir sagt, was “in ihm vorgegangen ist”, als er das Wort aussprach.
§Ms-140
14r[2]Was der macht, der ein Zeichen in dem & dem Sinne deutet, versteht, ist ein Schritt eines Kalküls (quasi einer Rechnung). Er tut ungefähr was er sagt, wenn er seiner Deutung Ausdruck gibt.
§Ms-140
14r[3]Unter “Gedanken” kann man einen besondern psychischen Vorgang verstehen, der etwa das Aussprechen des Satzes begleitet; aber auch: den Satz selbst im System der Sprache.
§Ms-140
14r[4]“Er hat diese Worte gesagt, sich aber dabei nichts gedacht.” – “Doch, ich habe mir etwas dabei gedacht.” – “Und zwar was denn?” – “Nun, was ich gesagt habe.”
§Ms-140
14r[5]Auf die Aussage “dieser Satz hat Sinn” kann man nicht wesentlich fragen: “welchen?” Wie man auch auf den Satz “diese Zusammenstellung von Worten ist ein Satz” nicht fragen kann: “welcher?”
§Ms-114
45r[4]14. Kann ich das, was die grammatischen Regeln von einem Worte sagen, auch anders beschreiben, nämlich durch die Beschreibung des Vorgangs, der beim Verstehen stattfindet? Wenn also die Grammatik – z.B. – die Geometrie der Verneinung ist, kann ich sie durch die Beschreibung dessen ersetzen, was bei der Anwendung sozusagen hinter dem Wort “nicht” steht? Wir sagen: “Wer die Negation versteht, der weiß, daß die doppelte Negation eine Bejahung ergibt”.
§Ms-114
45r[5] &45v[1]
Das klingt so wie: “Kohle & Sauerstoff gibt Kohlensäure”. Aber in Wirklichkeit gibt die doppelte Negation nichts, sondern ist etwas. Es täuscht uns da etwas eine physikalische Tatsache vor. Als sähen wir ein Ergebnis des logischen Prozesses. Während das Ergebnis nur das des physikalischen Prozesses ist.
§Ms-114
45v[2]Man möchte sagen: “die Verneinung hat die Eigenschaft verdoppelt eine Bejahung zu ergeben.” Während die Regel die Verneinung nicht näher beschreibt sondern konstituiert. Die Negation hat die Eigenschaft, einen Satz der Wahrheit gemäß zu verneinen. So hat ein Kreis – etwa ein auf einer Fläche gemalter – die Eigenschaft, da oder dort zu stehn, diese Farbe zu haben, von einer Geraden (Farbgrenze) geschnitten zu werden, etc.; aber nicht Eigenschaften, die ihm die Geometrie zuzuschreiben scheint. (Nämlich, jene Eigenschaften haben zu können.) Und die Eins hat nicht die Eigenschaft zu sich selbst addiert zwei zu ergeben.
§Ms-114
45v[3] &46r[1]
15. Die Geometrie spricht sowenig von Würfeln, wie die Logik von der Verneinung. Sie definiert die Würfelform aber beschreibt sie nicht. Sagt die Beschreibung eines Würfels, daß er rot & hart ist, dann ist ‘Beschreibung der Würfelform’ ein Satz wie: “diese Kiste ist würfelförmig”. Aber wenn ich beschreibe, wie man eine würfelförmige Kiste macht, ist hierin nicht auch eine Beschreibung der Würfelform enthalten? Eine Beschreibung nur sofern von diesem Ding gesagt wird, es sei würfelförmig, & im Übrigen eine Analyse des Begriffs Würfel. Nicht die Würfelform hat die Eigenschaft lauter gleiche Seiten zu besitzen; aber ein Holzklotz hat diese Eigenschaft. Noch hat “die Eins die Eigenschaft, zu sich selbst addiert zwei zu ergeben”.
§Ms-114
46r[2]“Dieses Papier ist nicht schwarz, & zwei solche Verneinungen geben eine Bejahung”. Der Zusatz erinnert an: “und zwei solche Pferde können den Wagen fortbewegen”. Aber in ihm wird nichts über die Verneinung ausgesagt; sondern er ist eine Regel über die Ersetzung eines Zeichens durch ein anderes.
§Ms-114
46r[3] &46v[1]
“Daß zwei Verneinungen eine Bejahung ergeben, muß doch schon in der Verneinung, die ich jetzt gebrauche, liegen.” Hier bin ich im Begriffe eine Mythologie des Symbolismus zu erfinden? Es hat den Anschein, als könnte man aus der Bedeutung der Negation schließen, daß “~~p” p bedeutet. Als würden aus der Natur der Negation die Regeln über das Negationszeichen folgen. So daß, in gewissem Sinne, die Negation zuerst vorhanden ist, & dann die Regeln der Grammatik. Es ist also, als hätte das Wesen der Negation einen zweifachen Ausdruck in der Sprache: denjenigen dessen Bedeutung ich erfasse, wenn ich den Ausdruck der Negation in einem Satz verstehe, & die Folgen dieser Bedeutung in der Grammatik.
§Ms-114
46v[4] &47r[1]
16. Was heißt es, daß im Satze “die Rose ist rot” das “ist” eine andere Bedeutung hat, als in “2 mal 2 ist 4”? Wenn man antwortet, es heiße, daß verschiedene Regeln von diesen beiden Wörtern gelten, so ist zu sagen, daß wir hier nur ein Wort haben. – Und wenn ich nur auf die grammatischen Regeln achte, so erlauben diese eben die Verwendung des Wortes “ist” in beiden Zusammenhängen. – Die Regel aber, welche zeigt, daß das Wort “ist” in den zwei Sätzen verschiedene Bedeutung hat, ist die, welche erlaubt im zweiten Satz das Wort “ist” durch “ist gleich” zu ersetzen, & die diese Ersetzung im ersten Satz verbietet.
§Ms-114
47r[2]“Ist nun diese Regel nur die Folge des Ersten: daß das Wort ‘ist’ in den beiden Sätzen verschiedene Bedeutungen hat? Oder ist es so, daß die Regel eben der Ausdruck dafür ist, daß das Wort in den beiden Zusammenhängen Verschiedenes bedeutet?”
§Ms-114
46v[3]B Es scheint so, als wäre in einem Satz, der, z.B., das Wort “Kugel” enthält, schon der Schatten anderer Verwendungen dieses Worts enthalten. Nämlich eben die Möglichkeit, jene andern Sätze zu bilden. Wem scheint es so? und unter welchen Umständen?
§Ms-114
47r[4] &47v[1]
Es liegt der Vergleich nahe, daß das Wort “ist” in verschiedenen Fällen verschiedene Bedeutungskörper hinter sich hat; daß es etwa beidemale eine quadratförmige Fläche ist, aber das einemal die Endfläche eines Prismas das andremal die Endfläche einer Pyramide. Denken wir uns nun diesen Fall: Wir hätten Glaswürfel, die vollkommen durchsichtig wären, deren eine Seitenfläche aber sei rot gefärbt. Wenn wir diese Würfel im Raume zusammenstellen, so werden nur bestimmte Anordnungen roter Quadrate entstehen können, bedingt durch die Form der Glaskörper. Ich könnte nun die Regel, nach der die roten Quadrate angeordnet sein können auch ohne Erwähnung der Würfel ausdrücken, aber in ihr wäre dennoch das Wesen der Würfelform enthalten. Freilich nicht, daß gläserne Würfel hinter den roten Quadraten stehen, wohl aber die Geometrie des Würfels. Wenn wir nun aber einen solchen Würfel sehen, sind damit schon die Gesetze der möglichen Zusammenstellung gegeben; also die Geometrie des Würfels? Kann ich die Geometrie des Würfels von einem Würfel ablesen?
§Ms-114
47v[2]Der Würfel ist dann eine Notation der Regel. Und hätten wir eine solche Regel gefunden, so könnten wir sie wirklich nicht besser notieren, als mittels der Zeichnung eines Würfels. (Und daß es hier auch eine Zeichnung statt des Würfels tut, ist bedeutsam.) Wie kann aber der Würfel (oder die Zeichnung) als Notation einer geometrischen Regel dienen? Nur sofern er als Satz oder Teil eines Satzes einem System von Sätzen angehört.
§Ms-140
26r[2]17. (Gefragt, was ich mit dem Wort “und” im Satz “gib mir das Brot und die Butter” meine, würde ich mit einer zusammenfassenden Gebärde antworten; & diese Gebärde würde, was ich meine, illustrieren. Ähnlich, wie ein grünes Täfelchen die Bedeutung von “grün” illustriert & die W-F-Notation die Bedeutung von “nicht”, “und”, etc.)
§Ms-114
47v[4]Das Zeichen der Negation “pWF | | FW”, z.B.,
ist gleichwertig jedem andern Negationszeichen; es ist ebenso ein Komplex von Strichen, wie der Ausdruck “nicht p”, & zum Zeichen für die Negation wird es nur durch die Art, wie es ‘wirkt’, – ich meine: wie es im Spiel gebraucht wird.
(Analoges, für die W-F-Schemata der Tautologie & Kontradiktion.)
§Ms-114
47v[5]Ich möchte sagen: Nur dynamisch wirkt das Zeichen, nicht statisch.
§Ms-114
47v[6] &48r[1]
18. Es scheint hier leicht, als ob das Zeichen die ganze Grammatik zusammenfaßte; daß sie in ihm enthalten wäre wie die Perlenschnur in einer Schachtel & wir sie nur herausziehen müßten. (Aber ein solches Bild ist es eben, das uns irreführt.) Als wäre das Verständnis ein momentanes Erfassen von etwas, wovon später mir die Konsequenzen gezogen werden, & zwar so, daß diese Konsequenzen bereits in einem, ideellen Sinn existieren, ehe sie gezogen werden. Als ob der Würfel schon die Geometrie des Würfels enthielte & ich sie nur noch auszubreiten hätte. Aber welcher Würfel? Der Gesichtswürfel, oder ein Eisenwürfel? Oder gibt es einen idealen geometrischen Würfel? Es schwebt uns offenbar der Vorgang vor, wenn wir aus einer Zeichnung, einer Vorstellung (oder einem Modell) Sätze der Geometrie ableiten. Aber welche Rolle spielt dabei das Modell? Doch wohl die des Zeichens; des Zeichens, das in einem bestimmten Spiel verwendet wird. – Und es ist interessant & merkwürdig, wie dieses Zeichen verwendet wird, wie wir, etwa, die Zeichnung des Würfels wieder & wieder benützen, in immer andern Verbindungen. – Und es ist dieses Zeichen (mit der Identität eines Zeichens), welches wir für jenen Würfel nehmen, in dem die geometrischen Gesetze bereits liegen. (Sie liegen in ihm so wenig, wie im Schachkönig die Dispositionen in gewisser Weise gebraucht zu werden.)
§Ms-114
48r[2] &48v[1]
Man ist in der Philosophie immer in der Gefahr, eine Mythologie des Symbolismus, oder der Psychologie aufzustellen; statt einfach zu sagen, was man weiß.
§Ms-114
48v[3]19. Der Begriff der Bedeutung, wie ich ihn in meine philosophischen Erörterungen übernommen habe, stammt aus einer primitiven Philosophie der Sprache her.
§Ms-114
48v[4]“Bedeutung” kommt von “deuten”.
§Ms-114
48v[5] &49r[1]
Augustinus, wenn er vom Lernen der Sprache redet, redet nur davon, wie wir den Dingen Namen beilegen, oder die Namen der Dinge verstehen. Das Benennen scheint hier das Fundament & Um & Auf der Sprache zu sein.
Von einem Unterschied der Wortarten redet Augustinus nicht & meint mit “Namen” offenbar Wörter wie “Baum”, “Tisch”, “Brot” & gewiß die Eigennamen der Personen; dann aber wohl auch “essen”, “geben”, “hier”, “dort”, kurz alle Wörter.
Gewiß aber denkt er zunächst an Hauptwörter, & an die übrigen als etwas, was sich finden wird. (Und Plato sagt, daß der Satz aus Haupt- & Zeitwörtern besteht.) Sie beschreiben eben das Spiel einfacher als es ist. Aber das Spiel, welches Augustinus beschreibt, ist allerdings ein Teil der Sprache. Denken wir, ich wollte aus Bausteinen, die mir ein Andrer zureichen soll, einen Bau aufführen; so könnten wir zuerst ein Übereinkommen dadurch treffen, indem ich, auf einen Baustein zeigend, sage: “das ist eine Säule”, auf einen andern: “das heißt ‘Würfel’”, – “das heißt ‘Platte’”, u.s.w.. Und nun riefe ich die Wörter “Säule”, “Platte” etc. aus in der Ordnung, wie ich die Steine brauche.
§Ms-114
49r[2] &49v[1]
Augustinus beschreibt einen Kalkül unserer Sprache, nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieser Kalkül. (Und das muß man in vielen Fällen sagen, wo die Frage vor uns steht: “ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar”. Die Antwort ist: “ja, brauchbar, – aber nur dafür; nicht für das ganze Gebiet, das Du darzustellen vorgabst”.)
§Ms-114
120v[2]Man könnte also sagen, Augustinus stelle die Sache zu einfach dar; aber auch: er stelle eine einfachere Sache dar.
§Ts-213
26r[3]Es ist so, als erklärte jemand: “spielen besteht darin, daß man Dinge, gewissen Regeln gemäß, auf einer Fläche verschiebt …” und wir ihm antworteten: Du denkst da gewiß an die Brettspiele, und auf sie ist Deine Beschreibung auch anwendbar. Aber das sind nicht die einzigen Spiele. Du kannst also Deine Erklärung richtigstellen, indem Du sie ausdrücklich auf diese Spiele einschränkst.
Man könnte also sagen, Augustinus stelle das Lernen der Sprache zu einfach dar; aber auch: er stelle eine einfachere Sache dar. (Wer das Schachspiel einfacher beschreibt – mit einfacheren Regeln – als es ist, beschreibt damit dennoch ein Spiel, aber ein anderes.)
§Ms-114
120v[3]20. Wie Augustinus das Lernen der Sprache beschreibt, das kann uns zeigen, von welcher Auffassung der Sprache der Begriff von der Bedeutung der Wörter sich herleitet.
§Ms-114
49v[3]Ich wollte sagen: Wie Augustinus das Lernen der Sprache beschreibt, das kann uns zeigen, woher diese Auffassung eigentlich kommt. Man könnte den Fall unserer Sprache mit dem einer Schrift vergleichen, in der Buchstaben zum Bezeichnen von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung & etwa als Interpunktionszeichen. Sieht man dann diese Schrift als Sprache zur Beschreibung des Lautbildes an, so kann man sich denken, daß Einer sie so mißverstünde, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut, & als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen.
§Ms-114
50r[2]Wie die Handgriffe im Führerstand einer Lokomotive sehr verschiedene Arten der Betätigung haben, so die Wörter der Sprache, die in gewissem Sinne Handgriffen entsprechen. Einer ist der Handgriff einer Kurbel, sie kann kontinuierlich verstellt werden, denn sie betätigt ein Ventil; ein anderer betätigt einen Schalter, der zwei Stellungen hat; ein dritter ist der Handgriff einer Pumpe & wirkt nur wenn er auf & ab bewegt wird; etc.. Aber alle sehen einander ähnlich, denn sie werden mit der Hand angefaßt.
§Ms-114
50r[1]Hierher gehört auch: Man kann, leicht verständlich, von Kombinationen von Farben mit Formen sprechen (etwa der Farben rot & blau mit den Formen Quadrat & Kreis), ganz ebenso wie von Kombinationen verschiedener Figuren oder Körper. Und hier ist die Wurzel des schlechten Ausdrucks, die Tatsache sei ein Komplex von Gegenständen. Es wird hier, daß ein Mensch krank ist verglichen mit der Zusammenstellung zweier Dinge, wovon das eine der Mensch, das andere die Krankheit wäre.
§Ms-114
50r[3] &50v[1]
21. Wer einen Satz einer ihm geläufigen Sprache liest, empfindet die Wörter der verschiedenen Wortarten in ganz verschiedener Weise. (Das Gleichnis vom Bedeutungskörper.) Wir vergessen ganz, daß die Laut- oder Schriftbilder “nicht” & “Tisch” & “grün” gleichartige Dinge sind & sehen die Einförmigkeit der Wörter nur klar in einer uns fremden Sprache. (Vergleiche William James über die Gefühle die Worten wie “nicht”, “aber”, etc. entsprechen.)
§Ms-140
26r[3](Das “nicht” macht eine abwehrende Geste.
Nein, es ist eine abwehrende Geste. Das Begreifen der Verneinung ist das Verstehen einer abwehrenden, verneinenden, Geste.)
§Ms-114
50v[2]Vergleich der Linien mit verschiedener Funktion auf einer Landkarte (Grenzen, Straßen, Meridiane, Schichtenlinien) mit den verschiedenen Wortarten im Satz. Der Unbelehrte sieht eine Menge von Linien & kennt nicht die Verschiedenheit ihrer Bedeutungen. Denken wir uns auf der Karte auch einen Strich, der ein Zeichen durchstreicht, um zu zeigen, daß es ungiltig ist.
§Ms-114
50v[3]Der Unterschied der Wortarten ist dem Unterschied der Spielfiguren im Schach zu vergleichen, aber auch dem noch größeren einer Spielfigur & des Schachbretts.
§Ms-114
51r[3]22. Wäre es nicht ähnlich, wenn ich mich entschlösse, die Formen der Schachfiguren zu ändern, oder, die Figur eines Pferdchens als König zu verwenden? Wie würde es sich nun zeigen, daß das Pferdchen Schachkönig ist? Kann ich hier nicht sehr gut von einem Wechsel der Bedeutung reden?
§Ms-114
50v[4] &51r[1]
Man sagt: Das Wesentliche am Wort ist seine Bedeutung. Man kann das Wort durch ein anderes ersetzen, das die gleiche Bedeutung hat. Damit ist ein Platz für das Wort fixiert, & man kann ein Wort für ein anderes setzen, wenn man es an den gleichen Platz setzt.
§Ms-114
51r[2]Wenn ich mich entschlösse (auch in meinen Gedanken) statt “rot” ein neues Wort zu sagen, wie würde es sich zeigen daß dieses an dem Platz des Wortes “rot” steht? Wenn man übereinkäme im Deutschen statt “nicht” “non” zu sagen & dafür statt “rot” “nicht”; so bliebe das Wort “nicht” in der Sprache, & doch könnte man sagen, daß “non” jetzt so gebraucht wird, wie früher “nicht”, & daß jetzt “nicht” anders gebraucht wird.
§Ms-140
15r[1]23. Ich will erklären: der Ort eines Worts in der Grammatik ist seine Bedeutung.
§Ms-140
15r[2]Ich kann aber auch sagen: Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt.
§Ms-140
15r[3](“Das was 1 cm³ Wasser wiegt, hat man ‘1 Gramm’ genannt.” – “Ja was wiegt er denn?”)
§Ms-140
15r[4]Die Erklärung der Bedeutung erklärt den Gebrauch des Wortes. Der Gebrauch des Wortes in der Sprache ist seine Bedeutung.
§Ms-140
15r[5]Die Grammatik beschreibt den Gebrauch der Wörter in der Sprache.
§Ms-140
15r[6]Sie verhält sich also zur Sprache ähnlich wie die Beschreibung eines Spiels, wie die Spielregeln, zum Spiel.
§Ms-140
15r[7]Die Bedeutung, in unserm Sinne, ist in der Erklärung der Bedeutung niedergelegt. Meinten wir dagegen mit dem Wort Bedeutung eine charakteristische Empfindung, die mit dem Gebrauch des Worts verbunden ist, dann steht die Erklärung des Worts zu seiner Bedeutung etwa im Verhältnis der Ursache zur Wirkung.
§Ms-140
15r[8]24. Die Erklärung der Bedeutung kann jede Meinungsverschiedenheit in Bezug auf seine Bedeutung beseitigen. Sie kann Mißverständnisse aufklären.
§Ms-140
15r[9]Das Verstehen, von welchem hier die Rede ist, ist ein Korrelat einer Erklärung.
§Ms-140
15r[10] &15v[1] &
16r[1]
“Erklärung der Bedeutung eines Zeichens” damit meint man vor allen andern Regeln des Gebrauchs die Definitionen. Die Unterscheidung von Verbaldefinition & hinweisender Definition gibt eine beiläufige Einteilung dieser Erklärungsarten. Um die Rolle zu verstehn die eine Definition im Kalkül spielt, muß man den besondern Fall untersuchen.
§Ms-140
16r[2]Es kann uns nun so scheinen als müßten aus der hinweisenden Erklärung eines Wortes die andern grammatischen Regeln über dieses Wort folgen; da doch die hinweisende Erklärung, z.B. “das heißt ‘rot’”, die Bedeutung des Wortes “rot” bestimme. Aber diese Erklärung ist doch nichts weiter als diese Worte zusammen mit dem Hinweisen auf einen roten Gegenstand z.B. ein rotes Stück Papier. Ist diese Erklärung nun wirklich eindeutig? Hätte ich nicht ebendieselbe gebraucht um dem Wort “rot” die Bedeutung des Wortes “Papier”, “Viereck”, “grell”, “leicht”, “dünn” etc., etc., zu geben?
§Ms-140
16r[3]Hätte ich aber statt “das heißt ‘rot’” die Erklärung gegeben “diese Farbe heißt ‘rot’”, dann ist diese wohl eindeutig, aber nur, wenn durch den Ausdruck “Farbe” die Grammatik des Wortes “rot” bis auf eine letzte Bestimmung festgelegt ist. (Es könnte hier aber z.B. die Frage entstehen: “nennst Du gerade diesen Farbton rot, oder auch andre ähnliche Farbtöne?”) Man könnte so erklären: die Farbe dieses Flecks heißt “rot”, die Form “Ellipse”.
§Ms-140
16r[4]Ich könnte sagen: Man muß schon sehr viel von einer Sprache verstehen um diese Erklärung zu verstehn. Wer diese Erklärung versteht muß bereits wissen, wohin die Worte (“rot”, “Ellipse”) gestellt werden, an welchen Platz der Sprache sie kommen.
§Ms-140
16r[5] &17r[1]
25. Wie Wörter „Form”, “Farbe” in diesen Erklärungen bestimmen die Art der Anwendung des Worts & also das, was man die Wortart nennen kann. Und man könnte in der gebräuchlichen Grammatik sehr wohl unter den Wortarten “Formwort”, “Farbwort”, “Klangwort”, “Stoffwort” etc. unterscheiden. (Aber nicht mit demselben Rechte: “Metallwort”, “Giftwort”, “Raubtierwort”. Es hat Sinn zu sagen: “Eisen ist ein Metall”, “Phosphor ist ein Gift”, etc.; nicht aber: “Rot ist eine Farbe”, “der Kreis ist eine Form”, etc.)
§Ms-140
17r[2]Ich kann nun ein Farbwort, ein Formwort, ein Zahlwort, etc., etc. hinweisend erklären (dem Kind werden die Zahlwörter hinweisend erklärt & die Erklärung ist gut); ja auch die Verneinung, Disjunktion usw. Der gleiche Hinweis könnte ein Zahlwort, ein Formwort, ein Farbwort, etc. erklären. Nur spielt die hinweisende Erklärung in der Grammatik jeder Wortart eine andere Rolle; & in jedem Fall ist sie nur eine Regel.
§Ms-140
17r[3](Überlege auch die Grammatik von Erklärungen der Art: “dieser Tag heißt Montag”, “diesen Tag des Jahres will ich ‘Versöhnungstag’ nennen”.)
§Ms-140
17r[4] &18r[1]
26. Aber wenn wir die Bedeutung eines Wortes lernen, so wird uns doch sehr oft nur die eine Regel, die hinweisende Erklärung gegeben. Wie kommt es dann, daß wir das Wort auf diese Erklärung hin verstehen? Raten wir die übrigen Regeln? Denken wir gleich an den Fall des Kindes das Wörter verstehen lernt, indem man ihm Gegenstände zeigt & Wörter dabei ausspricht. Es erhält also doch hinweisende Erklärungen; & nun versteht es die Wörter. – Aber was ist hier das Kriterium des Verstehens? Doch, daß es sie richtig anwendet. Errät es Regeln? – Ja wir werden uns fragen: sollen wir dieses Zeigen & Vorsprechen von Wörtern überhaupt “Erklärungen” nennen? Aber das Sprachspiel ist eben noch sehr einfach & die hinweisende Erklärung spielt in ihm eine andere Rolle, als in entwickelteren Sprachspielen. (Das Kind kann z.B. noch nicht fragen “wie heißt das?”) Aber es ist keine scharfe Grenze zwischen primitiven Formen & den komplizierteren. Ich wüßte nicht, was ich noch “Erklärung” & was ich keine mehr nennen kann. Ich kann nur Sprachspiele oder Kalküle beschreiben; ob man sie dann noch Kalküle nennen will ist ja gleichgültig, & wenn wir uns nur durch den Gebrauch des Sammelnamens nicht vom Untersuchen jedes einzelnen Falls, den wir beurteilen wollen, abhalten lassen.
§Ms-140
18r[5]Ich könnte auch vom kleinen Kind sagen: “es kann das Wort anwenden, es weiß, wie es angewendet wird”. Aber was das heißt, sehe ich nur, wenn ich frage: was ist das Kriterium dieses Wissens. Es ist hier nicht die Fähigkeit Regeln anzugeben.
§Ms-140
18r[2]Was ist das Zeichen dafür, daß Einer ein Spiel versteht? Muß er die Regeln hersagen können? Ist nicht auch das ein Kriterium daß er das Spiel spielen kann, d.h. eben spielt, & könnte er nicht, um die Regeln befragt, in Verlegenheit geraten? Lernt er das Spiel unbedingt so, indem ihm die Regeln gesagt werden, & nicht auch bloß durch's Zusehn, wenn es gespielt wird? Freilich wird er dabei oft zu sich sagen: “ach so, also das ist die Regel”, & es wäre der Fall möglich, wo er sich die Regeln, wie er sie bemerkt aufschriebe; aber gewiß gibt es ein Lernen des Spiels doch auch ohne explizite Regeln.
§Ms-140
18r[3]Ja so, wie die Grammatik einer Sprache erst aufgezeichnet wird & erst in die Existenz tritt, wenn die Sprache schon lange von den Menschen gesprochen worden ist, werden primitive Spiele auch gespielt, ohne daß ihr Regelverzeichnis angelegt wäre, ja wohl auch, ohne daß eine einzige Regel dafür formuliert worden wäre.
§Ms-140
18r[4]Wir aber betrachten die Spiele & die Sprache unter dem Gesichtspunkt eines Spiels, das nach Regeln vor sich geht. D.h. wir vergleichen die Sprache immer mit so einem Vorgang.
§Ms-140
19r[1]27. Der Name, den ich einem Körper gebe, – einer Gestalt, – einer Farbe, – einer Länge, hat allemal eine andere Grammatik. (“A” in “A ist gelb” hat andere Grammatik wenn A ein Körper ist, als wenn es die Oberfläche eines Körpers ist; es hat z.B. Sinn zu sagen, der Körper sei durch & durch gelb, aber nicht, die Oberfläche sei es.) Und man zeigt in anderm Sinne auf einen Körper, als auf seine Länge, oder seine Farbe; es ist z.B. die Definition möglich: “auf eine Farbe zeigen” heißt, auf den Körper zeigen, der sie hat. Wie der, welcher Geld heiratet, es nicht in demselben Sinne heiratet, wie er die Frau heiratet, die es besitzt.
§Ms-140
19r[2]Geld, & was man dafür kauft. In gewissen Fällen einen Gegenstand; aber auch die Erlaubnis auf einem Platz im Theater zu sitzen, oder einen Titel, oder schnelle Fortbewegung, oder das Leben, etc..
§Ms-140
19r[3]Ein Name hat Bedeutung, der Satz Sinn im Kalkül welchem er angehört. Dieser ist sozusagen autonom. – Die Sprache muß für sich selber sprechen. Ich könnte sagen: Mich interessiert nur der Inhalt eines Satzes; & der Inhalt eines Satzes ist in ihm. Seinen Inhalt hat der Satz als Glied eines Kalküls.
§Ms-114
69v[1]Man könnte sagen: mich interessiert nur der Inhalt des Satzes, & der Inhalt des Satzes ist in ihm. – Seinen Inhalt hat der Satz als Glied eines Kalküls. Die Sprache muß für sich selber sprechen.
§Ms-140
20r[1]Die Bedeutung ist die Rolle die das Wort im Kalkül spielt.
§Ms-140
20r[2]Die Bedeutung eines Namens ist nicht das, worauf wir bei der hinweisenden Erklärung des Namens zeigen; d.h., sie ist nicht der Träger des Namens. – Der Ausdruck “der Träger des Namens ‘N’” ist gleichbedeutend mit dem Namen “N”. Der Ausdruck kann an Stelle des Namens gebraucht werden. “Der Träger des Namens ‘N’ ist krank” heißt: N ist krank. Man sagt nicht: die Bedeutung von “N” sei krank. Der Name verliert seine Bedeutung nicht, wenn sein Träger aufhört zu existieren (wenn er etwa stirbt). Aber heißt es nicht dasselbe: “zwei Namen haben einen Träger” & “zwei Namen haben dieselbe Bedeutung”? Gewiß, statt “a = B” kann man schreiben “der Träger des Namens ‘A’ = der Träger des Namens ‘B’”.
§Ms-140
20r[3]28. Was heißt es: “ein Wort verstehen”? Man sagt dem Kind: “nein, kein Stück Zucker mehr!” & nimmt es ihm weg. So lernt es die Bedeutung des Wortes “kein”. Hätte man ihm mit denselben Worten ein Stück Zucker gereicht, so hätte es gelernt, das Wort anders zu verstehen. (Es hat damit gelernt, das Wort zu gebrauchen, aber auch, ein bestimmtes Gefühl mit ihm zu verbinden, es in bestimmter Weise zu erleben.)
§Ms-140
20r[4] &21r[1]
Worin besteht die Bedeutung eines Wortes wie “vielleicht”? – Wie lernt ein Kind den Gebrauch des Wortes “vielleicht”? Es spricht etwa einen Satz nach, den es von einem Erwachsenen gehört hat: “sie wird vielleicht kommen”; im gleichen Tonfall, wie der Erwachsene. (Dies ist gleichsam ein Spiel.) Dann fragt man sich manchmal: versteht es das Wort “vielleicht” schon, oder spricht es es nur nach? – Was ist aber das Anzeichen dafür, daß es das Wort wirklich versteht? – Nun, daß es es in bestimmten Fällen in bestimmter Weise – in gewissen Satzverbindungen & in bestimmtem Tonfall – gebraucht. Was heißt es: das Wort “vielleicht” verstehen? – Verstehe ich das Wort “vielleicht”? – Und wie beurteile ich, ob ich es tue? Doch ungefähr so: Ich weiß, wie es gebraucht wird; ich kann jemandem seine Anwendung erklären, indem ich sie etwa in fiktiven Fällen beschreibe. Ich werde die Gelegenheit seiner Anwendung beschreiben, seine Stellung in den Sätzen, den Tonfall, in welchem es gesprochen wird. – Das sagt natürlich nur, daß “ich verstehe das Wort “vielleicht”” so viel heißt wie: “ich weiß, wie es gebraucht wird; etc.”, nicht, daß ich, um die Frage ob ich das Wort verstehe zu beantworten, versuche, mir seine ganze Anwendung ins Gedächtnis zu rufen. Vielmehr werde ich auf diese Frage entweder ohne weiteres mit der Antwort “ja” reagieren, vielleicht nachdem ich mir das Wort noch einmal vorgesagt habe, mich sozusagen überzeugt habe, daß es mir wohl vertraut ist; oder mir eine Anwendung denken, mir das Wort im richtigen Ton mit einer Gebärde der Unsicherheit vorsprechen; u. dergl.. Das ist ein ähnlicher Fall, wie wenn mir jemand eine Rechnung “die ich nicht genau verstehe” erklärt, & wenn er einen bestimmten Punkt seiner Erklärung erreicht hat, sage ich: “so, jetzt verstehe ich's; jetzt weiß ich selbst weiter”. Wie weiß ich, daß ich weiter weiß? Habe ich in diesem Moment die übrige Rechnung durchflogen? Gewiß nicht. Vielleicht hat mir ein Teil von ihr vorgeschwebt; vielleicht eine bestimmte Anwendung, eine Figur. Würde ich gefragt: wie weißt Du daß Du das Wort “vielleicht” anwenden kannst, so würde ich vielleicht nur antworten: “Ich habe es hundertmal angewendet”. –
§Ms-140
21r[2]29. Man könnte aber fragen: Verstehe ich denn das Wort, mit der Beschreibung seiner Anwendung, verstehe ich denn seinen Zweck? Habe ich mich nicht um etwas Wichtiges betrogen?
§Ms-140
21r[3]Ich weiß jetzt nur etwa wie Menschen dieses Wort gebrauchen. Aber das könnte auch ein Spiel sein, oder Formen des Anstands. Ich weiß nicht, warum sie so handeln, wie (die) Sprache in ihr Leben eingreift. Ist denn die Bedeutung wirklich nur der Gebrauch des Worts? Ist sie nicht die Art, wie dieser Gebrauch in das Leben eingreift? Aber ist denn sein Gebrauch nicht Teil unseres Lebens?!
§Ms-140
22r[1]Verstehe ich das Wort “herrlich”, wenn ich weiß, wie & bei welcher Gelegenheit es Menschen gebrauchen? Kann ich es denn dann schon selbst gebrauchen? Ich meine, quasi, mit Überzeugung brauchen. Konnte ich nicht diesen Gebrauch kennen & ihm dennoch verständnislos folgen? (Wie in gewissem Sinne dem Singen der Vögel.) Besteht also das Verständnis nicht in etwas Anderem; dem Fühlen “in der eignen Brust”, dem Erleben dieser Ausdrücke? – Sie müssen in mein Leben eingreifen.
§Ms-140
22r[2]Nun, die Sprache greift ja auch in mein Leben ein. Und was “Sprache” heißt ist ein Wesen bestehend aus heterogenen Teilen & die Art & Weise wie sie eingreift unendlich mannigfach.
§Ms-140
22r[3]30. Wir werden sagen, daß das Wort “herrlich”, das Wort “ach”, aber auch das Wort “vielleicht” der Ausdruck einer Empfindung, eines Gefühls, ist. Dieses Gefühl nenne ich aber nicht die Bedeutung des Wortes. Wie immer die Beziehung des Wortes zu dieser Empfindung ist, daß es durch sie hervorgerufen wird, daß sie das Wort regelmäßig begleitet, daß das Wort sie entlädt, wie jede sprachliche Erfahrungstatsache als solche, interessiert uns nicht. Es bleibt für uns bei der Beschreibung eines Vorgangs, & an ihr interessiert uns nicht die Wahrheit, sondern ihre Form. Der Vorgang als Spiel.
§Ms-140
22r[4]Ich beschreibe nur die Sprache & erkläre nichts.
§Ms-140
22r[5]Ich kann für meine Zwecke statt der Empfindungen, von welchen man sagt das Wort drücke sie aus, Tonfall & Gebärden setzen, mit welchen das Wort gebraucht wird.
§Ms-140
22r[6]Und so könnte ich sagen: Ein Wort verstehen, dazu gehört in manchen Fällen, es bei gewissen Gelegenheiten in bestimmtem Tonfall sprechen können.
§Ms-140
22r[7]Man könnte sagen, gewisse Wörter sind nur der Angriffspunkt für einen Tonfall.
§Ms-140
22r[8] &23r[1]
Aber ich könnte auch statt des Tonfalls & der begleitenden Gebärde, für meine Zwecke, das Wort selbst als Gebärde auffassen. (Kann ich nicht sagen der Laut “ha ha” ist ein Lachen, der Laut “ach” ein Seufzer?)
§Ms-140
23r[2]31. Könnte ich mir nicht eine Sprache denken, die in einem immer gleichen Versmaß gesprochen würde & um dieses Versmaß zu erhalten, wären da & dort zwischen den Worten der Sätze Füllwörter eingeschoben. Denken wir, wir redeten von der Bedeutung dieser Füllwörter. (Der Schmied, der, um im gleichen Rhythmus zu schlagen, schwache Schläge zwischen den wirksamen schlägt.)
§Ms-140
23r[3]Die Sprache ist eben eine Sammlung sehr verschiedener Werkzeuge. In diesem Werkzeugkasten ist ein Hammer, eine Säge, ein Maßstab, ein Winkel, ein Lot, ein Leimtopf & der Leim. Viele der Werkzeuge sind mit einander durch Form & Gebrauch verwandt, man kann die Werkzeuge auch beiläufig in Gruppen nach ihrer Verwandtschaft einteilen aber die Grenzen dieser Gruppen werden oft, mehr oder weniger, willkürlich sein; & es gibt verschiedenerlei Verwandtschaften, die sich durchkreuzen.
§Ms-140
23r[4]Ich sagte, die Bedeutung eines Worts sei die Rolle, die es im Kalkül der Sprache spiele. (Ich verglich es einem Stein im Schachspiel.) Und denken wir nun daran wie mit einem Wort, sagen wir z.B. dem Wort “rot”, kalkuliert wird. Es wird angegeben an welchem Ort sich die Farbe befindet, welche Form, welche Größe, der Fleck oder der Körper hat, der die Farbe trägt, ob sie rein oder mit andern vermischt, dunkler oder heller ist, gleichbleibt oder wechselt, etc. etc.. Es werden Schlüsse aus den Sätzen gezogen, sie werden in Abbildungen, in Handlungen übersetzt, es wird gezeichnet, gemessen & gerechnet. Denken wir aber an die Bedeutung des Wortes “ach”. Wenn man uns nach ihr fragte, würden wir wohl sagen: “‘ach’ ist ein Seufzer; man sagt z.B. ‘ach, es regnet schon wieder!’” u. dergl.. Und damit hätte man den Gebrauch des Wortes beschrieben. Aber was entspricht nun dem Kalkül, dem komplizierten Spiel, das wir mit anderen Worten spielen? Es ist ihm im Gebrauch des Wortes “ach” oder “hurra” oder “hm” nichts zu vergleichen.
§Ms-140
24r[1]Man darf übrigens hier Zeichen mit Anzeichen nicht verwechseln. Den Laut “hm” kann man einen Ausdruck der Bedenklichkeit nennen & auch, für den Andern, ein Anzeichen der Bedenklichkeit, wie Wolken ein Anzeichen des Regens sind. “hm” ist aber nicht der Name der Bedenklichkeit.
§Ms-140
24r[2]32. Denken wir uns, wir wollten die Ballspiele beschreiben. Da gäbe es solche, wie Fußball, Kricket, Tennis, mit einem ausgebildeten komplizierten System von Regeln; dann aber ein Spiel, das nur darin besteht, daß jeder einen Ball so hoch wirft als er kann; endlich eines, wie es kleine Kinder spielen, indem sie einen Ball in beliebiger Richtung werfen & ihn dann wieder holen. Oder es wirft Einer einen Ball aus Freude hoch & fängt ihn wieder, ohne aber mit Andern dabei zu konkurrieren. Vielleicht wird man manches kein Ballspiel mehr nennen wollen; aber ist es klar, wo hier die Grenze zu ziehen ist?
§Ms-140
24r[3]Wir interessieren uns für die Sprache, als einen Vorgang nach expliziten Regeln. Denn die philosophischen Probleme sind Mißverständnisse, die durch Klärung der Regeln, nach denen wir die Worte gebrauchen wollen, zu beseitigen sind. Wir betrachten die Sprache von einem einseitigen Standpunkt.
§Ms-140
24r[4]Wir sagten: wir verstünden mit dem Gebrauche noch nicht den Zweck des Wortes “vielleicht”. Mit Zweck aber meinten wir hier die Rolle, die es im menschlichen Leben spielt. (Und diese Rolle könnte man die “Bedeutung” des Wortes nennen, in dem Sinn, in welchem man von der ‘Bedeutung eines Ereignisses für unser Leben’ spricht.) Wir sagten aber: unter “Bedeutung” verstünden wir das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt. Und die Erklärung der Bedeutung ist kein Erfahrungssatz & keine Kausalerklärung, sondern eine Regel, ein Übereinkommen.
§Ms-140
25r[1]Man könnte erklären: das Wort “ha!” in unserer Sprache hat den Zweck, im Angesprochenen Schrecken zu erregen. Worin liegt es, daß es diesen Zweck hat? Was ist das Kriterium dafür? Das Wort Zweck wird, wie alle Wörter unsrer Sprache, auf verschiedene mehr oder weniger verwandte Weisen angewendet. Nennen wir zwei charakteristische Spiele: Wir könnten sagen, der Zweck einer Handlung ist, was, auf die Frage nach dem Zweck, vom Handelnden angegeben wird. Wenn wir anderseits sagen, die Henne gluckt um ihre Küchlein zusammenzurufen, so schließen wir diesen Zweck aus der Wirkung des Gluckens. Wir würden das Sammeln der Küchlein nie den Zweck des Gluckens nennen, wenn das Glucken nicht immer, oder meistens, oder unter bestimmten angebbaren Umständen, diesen Erfolg hätte. – Man mag nun sagen, daß der Zweck, die Wirkung des Wortes “ha!” das Wichtige an diesem Wort ist; aber die Erklärung des Zwecks oder der Wirkung ist nicht, was wir die Erklärung der Bedeutung nennen.
§Ms-140
25r[2]Ein Wort kann, seiner Wirkung nach, durch kein andres ersetzbar sein; wie man eine Geste nicht durch eine andere ersetzen kann. (Das Wort habe eine Seele, nicht bloß eine Bedeutung.) Es würde auch niemand glauben ein Gedicht bleibe wesentlich unverändert, wenn man seine Wörter nach entsprechenden Übereinkommen durch andere ersetzt.
§Ms-140
25r[3]Unsern Satz, “die Bedeutung sei, was die Erklärung der Bedeutung erkläre”, können wir so ausdeuten: Kümmern wir uns nur um das, was die Erklärung der Bedeutung heißt, und um die Bedeutung sonst in keinem Sinne.
§Ms-140
26r[4] &27r[1]
33. Könnte man aber nicht so sagen: Die Sätze, die wir aussprechen, haben einen bestimmten Zweck, sie sollen gewisse Wirkungen hervorrufen. Sie sind Teil eines Mechanismus, etwa eines psychologischen, & ihre Wörter sind auch solche Teile (Hebel, Zahnräder, u. dergl.). Das Beispiel, welches darzustellen scheint, woran wir hier denken ist ein Musikautomat, eine Spielmaschine. Sie enthält eine Rolle, Walze, etc., auf welcher das Musikstück in irgend einer Notation (durch die Stellung von Löchern, Stiften, usw.) geschrieben steht. Es ist als gäben diese Schriftzeichen den Befehl, der dann von den Tasten und Hämmern etc. ausgeführt wird. Und sollen wir also nicht sagen, daß der Sinn des Zeichens seine Wirkung ist? – Aber wie, wenn die Spielmaschine in schlechtem Zustand ist, & die Zeichen auf der Rolle bringen statt der Tonreihe Zischen und Klopfen hervor? – Vielleicht sagt man: der Sinn der Zeichen sei ihre Wirkung auf einen Mechanismus in gutem Zustand, also: der Sinn eines Befehls sei seine Wirkung auf einen willigen Menschen. Aber was wird hier als Kriterium der Willigkeit angesehen? Man wird also sagen: der Sinn jener Zeichen ist nicht ihre Wirkung, aber ihr Zweck. Aber bedenken wir noch dieses: man ist versucht zu glauben, dieser Zweck sei nun ein Teil des ganzen Zwecks den die Spielmaschine zu erfüllen hat. – Dieser Zweck ist etwa, Leuten ein Vergnügen zu machen. Aber es ist klar daß kein Teil dieses Zweckes mit dem “Sinn der Zeichen” gemeint war. Vielmehr dachten wir hier nur an den Zweck dieser Zeichen innerhalb des Mechanismus der Spielmaschine. – Und so kann man sagen: Der Zweck eines Befehls ist sein Sinn, soweit der Zweck durch eine Sprachregel angesagt wird. “Ich sage ‘geh!’, weil ich will, daß Du mich allein läßt”, “Ich sage ‘vielleicht’, weil ich nicht ganz sicher bin”.
§Ms-140
27r[2]Uns interessiert eine Erklärung der Wirkungsweise der Sprache als psychophysischer Mechanismus nicht. Diese Erklärung ist selber eine Beschreibung von Phänomenen (der Assoziation, des Gedächtnisses, etc.) in der Sprache; sie ist selber ein sprachlicher Akt & stellt sich außerhalb des Kalküls; während wir eine Erklärung brauchen, die ein Teil des Kalküls ist.
§Ms-140
27r[3]“Wie soll er wissen, welche Farbe er zu wählen hat, wenn er das Wort ‘rot’ hört?” – “Sehr einfach: er soll die Farbe nehmen, deren Bild ihm beim Hören des Wortes einfällt.” – Aber wie soll er wissen, was das heißt, & welche die ist, ‘die ihm beim Hören des Wortes einfällt’? Freilich gibt es auch einen Vorgang: die Farbe wählen, die Dir bei diesem Wort einfällt. Und der Satz: “rot ist die Farbe, die Dir beim Hören des Wortes ‘rot’ einfällt” ist eine Definition.
§Ms-140
27r[4]Wenn ich sage, “Symbol ist das, was diesen Effekt hervorruft” –, so ist eben die Frage: wie ich von “diesem Effekt” reden kann. – Und wie ich weiß, daß es der ist, den ich gemeint habe, wenn er eintritt. – Es ist drum keine Erklärung, die die Wurzel unseres Problems trifft, zu sagen: sehr einfach, wir vergleichen ihn mit unserem Erinnerungsbild. Denn wie ist uns die Vergleichsmethode gegeben, nach der wir vergleichen sollen, d.h.: Wie wissen wir, was wir zu tun haben, wenn uns befohlen wird “zu vergleichen”?
§Ms-140
27r[5] &28r[1]
Es ist in unsrer Sprache eine Funktion des Wortes “rot”, uns die bestimmte Farbe in Erinnerung zu rufen; ja es könnte gefunden werden, daß sich dieses Wort dazu besser als andere eignet, ja, daß es allein jenen Zweck erfüllt. Aber wir hätten uns statt des Mechanismus der Assoziation auch einer Tabelle, oder ähnlichen Hilfsmittels bedienen können; & nun müßte unser Kalkül eben mit dem assoziierten, oder gesehenen, Farbmuster weiterschreiten. Die psychologische Wirksamkeit eines Zeichens beschäftigt uns nicht. Ich würde mir auch erlauben, eine solche Wirksamkeit zu erdichten.
§Ms-140
28r[2]Die Untersuchung, ob die Bedeutung eines Wortes seine Wirkung sei, sein Zweck, etc., ist eine grammatische Untersuchung.
§Ms-140
28r[3]34. Warum kann man ein Wort verstehen & warum keinen Federstiel? Ist es die Verschiedenheit der Formen? Aber Du sagst: wir könnten ja auch einen Federstiel verstehen, wenn man ihm eine Bedeutung gegeben hätte. Aber wie macht man denn das, ihm eine Bedeutung geben? – Wie hat man denn dem Wort “rot” eine gegeben? Nun, man zeigt auf etwas, & sagt “das nenne ich ‘rot’”. Ja ist das eine Art Weihe, oder mystische Formel? Wie wirkt denn dieses Zeigen & Aussprechen von Worten? Es wirkt nur innerhalb eines Systems anderer Sprachhandlungen. – Und jetzt kann man also einen Federstiel verstehen; aber enthält also dieses Verstehen jenes ganze System seiner Anwendung? Unmöglich. Wir sagen, wir verstehen seine Bedeutung, wenn wir seine Anwendung wissen, aber wir haben ja gesagt, daß das Wort “wissen” keinen Bewußtseinszustand bezeichnet. Das heißt: die Grammatik dieses Wortes ist nicht die eines ‘Bewußtseinszustandes’, sondern eine andere. Und, sie kennen zu lernen, ist nur ein Mittel: nachzusehen, wie das Wort tatsächlich gebraucht wird.
§Ms-140
28r[4] &29r[1]
Aber auf die Frage: “hast Du den Satz (den Du jetzt gelesen hast) verstanden” wird man doch wahrheitsgemäß einmal “ja”, einmal “nein” antworten. “Es muß also doch etwas Anderes vorgehen, wenn ich ihn verstehe, als wenn ich ihn nicht verstehe.” Gut. Wenn ich also einen Satz verstehe, so geschieht etwas, ganz ähnlich dem, wenn ich einer Melodie als Melodie folgen kann, im Gegensatz dazu: wenn sie zu lang oder zu verwickelt ist & ich sagen muß, “diesem Teil konnte ich nicht folgen”. Und dasselbe könnte mit einem Bild, ich meine jetzt, einem reinen Ornament geschehen. Ich sehe zuerst nur ein Gewirr von Strichen, endlich gruppieren sie sich mir in bekannte & gewohnte Formen; ich sehe eine Einteilung, ein mir geläufiges System. – Kamen in dem Ornament auch Abbilder mir wohlbekannter Gegenstände vor, so wird das Erkennen von solchen ein weiteres Verständnis bedeuten. (Denke hier an das Auflösen eines Vexierbildes.) Ich werde dann sagen: “ja, jetzt sehe ich das Bild richtig”. – Auf die Frage: “was ist da vorgegangen, als Du diesen Satz mit Verständnis lasest”, müßte ich dann sagen: ich habe ihn als eine, mir ihrer Art nach wohlbekannte, deutsche Wortverkettung gelesen. Etwa auch: es hat mir dabei das Bild vorgeschwebt …. Nun fragt man aber: “Ist das alles? Darin allein konnte doch nicht das Verständnis bestehen!” Nun, das (oder dergleichen) ist alles, was während meines Lesens & unmittelbar darauf vorsichgegangen ist; aber was wir “verstehen” nennen bezieht sich eben auf unzählige Vorgänge, die vor & nach dem Lesen dieses Satzes stattfinden. Wenn ich aber einen Satz nicht verstehe: da konnte es ein Satz einer mir fremden Sprache sein & alles was ich sehe ist eine Reihe unbekannter Wörter. Oder, was ich las, schien ein deutscher Satz zu sein, aber ein Teil war keine mir geläufige Wortverbindung, & als ich nun versuchte sie zu begreifen (& das kann wieder Verschiedenes heißen) da gelang es mir nicht. (Denke an die Vorgänge, wenn wir den Sinn eines Gedichtes zu verstehen trachten, das in unsrer Muttersprache geschrieben ist, dessen Sprachformen wir aber doch nicht verstehen.) Von einem Satz einer mir fremden Sprache aber, etwa einem lateinischen, den ich nur mühsam durch Konstruieren entziffern kann, werde ich auch sagen, ich verstehe ihn, wenn ich ihn stückweise ins Deutsche übersetzt habe und nie dazugekommen bin seine Satzmelodie zu erfassen.
§Ms-140
29r[2] &30r[1]
Aber um den Satz zu verstehen, muß ich doch seine Worte verstehen! Und ich verstehe doch Worte beim Lesen, & andere wieder nicht. Ich höre ein Wort & man fragt mich: “hast Du es verstanden?” & ich antworte, der Wahrheit gemäß, “ja”. Was geschah da, als ich es verstand: wie unterscheidet sich dieses – Verstehen, von dem was geschieht, wenn ich das Wort nicht verstehe? – Das Wort sei etwa “Baum” gewesen. Muß mir, damit ich wahrheitsgemäß sagen konnte, ich habe es verstanden, das Bild eines Baumes vorgeschwebt sein? Nein. Und auch keine andre Vorstellung. Alles, was ich sagen kann ist, daß ich auf die Frage “verstehst Du das Wort ‘Baum’” unbedenklich, & ohne zu lügen, mit “ja” geantwortet hätte. – Hätte der Andre mich weiter gefragt: “also, was ist ein Baum?” so hätte ich ihm nun einen beschrieben, gezeigt, aufgezeichnet; vielleicht aber hätte ich geantwortet: “ich weiß es, will es aber nicht erklären”. Und bei meinen Worten konnte mir die Vorstellung eines Baumes vorschweben, vielleicht sah ich nach etwas, was irgend eine Ähnlichkeit mit einem Baum hatte, oder mir gingen andre Worte dabei im Kopf herum, etc. etc.. Sehen wir eben zu, wie wir das Wort “verstehen” tatsächlich gebrauchen. Jenes Wort konnte auch eines sein, von dem ich sagte: “ich habe gewußt, was es bedeutet, & es wird mir auch wieder einfallen”, & später sagte ich: “jetzt ist es mir eingefallen!” – Was war da geschehen? – Es war mir vielleicht die Situation eingefallen, in der mir das Wort erklärt worden war: ich sah mich mit Andern in einem Zimmer etc. etc.. (Wenn ich aber nun dieses Wort mit Verständnis in einem Satz lese, so mußte mir nicht wieder dieses Bild vorschweben; sondern vielleicht gar keines.) Oder es war ein Wort einer fremden Sprache; & ich hatte es schon oft gehört, aber nicht verstanden. Ich hatte mir vielleicht gesagt: “was mag es heißen?” & ihm eine in den Zusammenhang passende Bedeutung zu geben versucht (wieder verschiedenste Möglichkeiten). Jetzt fällt mir etwa diese Situation ein & ich sage: “ich verstehe das Wort nicht”. Ich konnte aber auch auf das fremde Wort unmittelbar mit der Antwort “ich verstehe es nicht” reagieren; wie auf das Wort Baum mit der entgegengesetzten. Es sei das Wort “rot” gewesen, & ich sagte automatisch, ich verstünde es; nun fragt er nochmals: “verstehst Du es wirklich?” Da rufe ich mir, quasi zur Kontrolle, ein rotes Vorstellungsbild vor die Seele. Aber wie weiß ich, daß das die richtige Farbe ist, die mir erscheint? Und doch sage ich jetzt, gänzlich überzeugt, ich verstehe es. – Aber ich konnte auch auf eine Farbentabelle blicken, wo unter der Farbe das Wort “rot” steht. – Ich könnte die Beschreibung solcher Vorgänge ins Unermeßliche verlängern.
§Ms-140
31r[2] &32r[1]
35. Das Problem, das uns beschäftigt, konnte man, geradezu, in die Worte fassen: “Muß man beim verständnisvollen Lesen des Wortes ‘blau’, etwa, die Vorstellung der blauen Farbe vor sich sehen?” Man hat sich diese Frage oft gestellt & sie dann meistens negativ beantwortet; und aus dieser Antwort den Schluß gezogen, daß der für das Verstehen charakteristische Vorgang eben ein anderer, noch nicht von uns erfaßter sei. – Wenn man also unter “Verstehen” das meint, was das verständnisvolle Lesen vom verständnislosen unterscheidet: was geht da beim Verstehen vor? Nun, “Verstehen” nennen wir nicht einen Vorgang, der das Lesen oder Hören begleitet, sondern: mehr oder weniger mit einander verwandte Vorgänge, auf einem Hintergrund, in einer Umgebung von Tatsachen bestimmter Art: des tatsächlichen Gebrauches der gelernten Sprache oder Sprachen. – Man sagt, das Verstehen ist ein “geistiger Vorgang”, & diese Bezeichnung ist in diesem, sowie in einer Unzahl anderer Fälle irreführend. Sie vergleicht das Verstehen einem bestimmten Prozeß – wie dem Übertragen aus einer Sprache in die andre; und sie legt diese selbe Auffassung fürs Denken, Wissen, Glauben, Wünschen, Beabsichtigen, u.a. nahe. Wir sehen nämlich in allen diesen Fällen, daß das, was wir etwa naiverweise als Kennzeichen eines solchen Vorgangs angeben würden, ihm nicht in allen Fällen, oder auch der Mehrzahl der Fälle, eignet. Und der nächste Schluß daraus ist, daß das Wesentliche des Vorgangs etwas bisher Unentdecktes, schwer Erfaßbares ist. Denn man sagt: Wenn ich in allen diesen Fällen das Wort “Verstehen” gebrauche, so muß also in allen etwas Gleiches geschehen, welches eben das Wesentliche des Verstehens (Erwartens, Wünschens, etc.) ist. Denn warum sollte ich sie sonst mit dem gleichen Wort benennen? – Dieses Argument geht aus der Auffassung hervor, daß es das Gemeinsame der Vorgänge, oder Gegenstände, etc. ist, welches ihre Charakterisierung durch ein gemeinsames Begriffswort rechtfertigen muß. Diese Auffassung ist, in gewissem Sinne, zu primitiv. Was das Begriffswort anzeigt, ist allerdings eine Verwandtschaft der Gegenstände aber diese Verwandtschaft muß keine Gemeinsamkeit einer Eigenschaft oder eines Bestandteils sein. Sie kann die Glieder kettenartig verbinden, so daß eines mit einem andern durch Zwischenglieder verwandt ist; & zwei einander nahe Glieder können gemeinsame Züge haben, einander ähnlich sein, während entferntere nichts mehr mit einander gemein haben & doch zu der gleichen Familie gehören. Ja selbst wenn ein Zug allen Familienmitgliedern gemeinsam ist, muß nicht er es sein, der den Begriff definiert.
§Ms-140
32r[3]Die Verwandtschaft der Glieder des Begriffs kann durch die Gemeinsamkeit von Zügen in ihnen hergestellt sein, deren Auftreten in der Familie des Begriffs sich auf äußerst komplizierte Weise überkreuzt.
§Ms-140
32r[5] &33r[1]
So gibt es wohl nicht ein Charakteristikum, das allem was wir Spiel nennen gemeinsam ist. Aber man kann auch nicht sagen, “Spiel” habe eben mehrere unabhängige Bedeutungen (wie etwa das Wort “Bank”). “Spiele” nennt man vielmehr auf verschiedene Weisen mit einander verwandte Vorgänge, zwischen denen es eine Mannigfaltigkeit von Übergängen gibt.
§Ms-140
32r[2]Man könnte sagen: das Begriffswort oder der Sammelname ist in diesem Fall dadurch definiert, daß es Übergänge von einem der Glieder zum andern gibt. – Nun könnte man aber einwenden, daß ja von Allem zu Allem Übergänge zu machen seien & daß dadurch der Begriff also nicht begrenzt sei. Darauf muß ich sagen, daß er es meist tatsächlich nicht ist & seine Bestimmung etwa lautet: “mit ‘Erkenntnis’ meinen wir diese & diese Vorgänge, & ähnliche”. Wollen wir aber, zur Klärung eines philosophischen Paradoxes, im Gebrauch eines Worts Grenzen ziehen, so stellen wir dem tatsächlichen Bild dieses Gebrauchs, worin sozusagen die verschiedenen Farben ohne scharfe Grenzen in einander fließen, eines an die Seite, dem ersten in bestimmter Weise ähnlich, aber aus klar aneinander grenzenden Farben bestehend.
§Ms-140
32r[4]Und statt “und ähnliche”, hätte ich sagen können: “& in mancher Weise mit ihnen verwandte”.
§Ms-140
33r[2]36. Wenn wir den wirklichen Gebrauch eines Wortes betrachten, so sehen wir etwas Fluktuierendes. Wir stellen diesem Fluktuierenden in unseren Betrachtungen etwas Festeres entgegen. Ähnlich, wie wenn man von dem sich stets verändernden Bild einer Landschaft ein ruhendes Abbild malt.
§Ms-140
33r[3]Wir betrachten die Sprache unter dem Gesichtspunkt des Spieles nach festen Regeln. Wir vergleichen sie mit so einem Spiel, messen sie an ihm.
§Ms-140
33r[4]Wollen wir, für unsere Zwecke, den Gebrauch eines Wortes bestimmten Regeln unterwerfen, so stellen wir seinem fluktuierenden Gebrauch einen andern an die Seite, indem wir einen charakteristischen Aspekt des ersten in Regeln fassen.
§Ms-140
33r[5]So könnte man sagen, der Gebrauch des Wortes “gut” (im ethischen Sinne) sei aus einer überaus großen Anzahl einander verwandter Spiele zusammengesetzt. Sozusagen Fassetten des Gebrauchs. Es ist aber gerade der Zusammenhang dieser Fassetten, ihre Verwandtschaft, was hier einen Begriff erzeugt.
§Ms-140
33r[6]Es geschieht aber hier nicht, was in der Physik die vereinfachende Beschreibung einer Naturerscheinung ist, die von untergeordneten Einflüssen absieht. Man kann nicht sagen, die Logik stelle eine idealisierte Wirklichkeit dar, sie gelte streng nur für eine ideale Sprache, u. dergl.. Denn woher nehmen wir den Begriff dieses Ideals?! Man könnte höchstens sagen: “wir konstruieren eine ideale Sprache”, im Gegensatz etwa zur Umgangssprache; aber nicht, wir sagen etwas, was nur von einer idealen Sprache gelten würde.
§Ms-140
34r[1] &35r[1]
37. Über das Verstehen eines Bildes möchte ich noch folgendes sagen: Man wird von einem Verstehen eines Genrebildes (z.B.) reden, wenn wir den dargestellten Vorgang, die Handlung in ihm erkennen. Das Kriterium für dieses Erkennen ist dann etwa, daß man, befragt, die Handlung in Worten erklärt, sie mimisch darstellt, u.a.m.. Es ist auch möglich, daß uns dieses Erkennen nicht leicht fällt, sei es, weil wir die Figuren auf dem Bild nicht gleich als solche sehen (Vexierbild), sei es, weil wir uns nicht zusammenreimen können, was sie mit einander tun; u. dergl.. Es gibt in diesen Fällen dann einen, uns bekannten, Vorgang des Erkennens etwa nach einer Zeit des Zweifelns. Ist das Bild dagegen eines, wovon wir sagen würden, “wir erfassen es auf den ersten Blick”, so finden wir eine Schwierigkeit, zu sagen, worin das Verstehen hier eigentlich besteht. Vor allem geschieht nicht das, daß wir die gemalten Gegenstände für wirkliche halten. Und “ich verstehe es” heißt hier auch nicht: ich verstehe endlich (nach einer Bemühung) daß es dieses Bild ist. Und es geht kein Erkennen vor sich, wie das Erkennen eines alten Bekannten auf der Straße, wobei man etwa sagt: “ach das ist ja …!” Wenn man sagen wollte: es geht ein Wiedererkennen vor sich; worin besteht dieses Wiedererkennen? Ich erkenne etwa einen gewissen Teil des Bildes als ein menschliches Gesicht: Ja muß ich dazu auf ein wirkliches Gesicht blicken; oder mir die Erinnerung an ein gesehenes vors Auge rufen? Ist es so: ich krame im Schrank meines Gedächtnisses, bis ich etwas dem Bild Ähnliches finde & das Wiedererkennen ist eben dieses Finden? Es findet in unserm Fall nicht ein bestimmter Vorgang statt, den man das Wiedererkennen nennen könnte; obwohl, der das Bild sieht, auf die Frage “erkennst Du was das ist”, wahrheitsgemäß, mit “ja” antworten wird, oder etwa mit den Worten: “das ist ein Gesicht”. Wohl aber kann man sagen, daß er etwas Anderes sieht, wenn er den Komplex von Strichen als Gesicht sieht, als wenn er dies nicht tut. Ich möchte dann sagen: ich sehe etwas Wohlbekanntes vor mir. Aber was die Wohlbekanntheit ausmacht ist nichts Historisches, daß ich solche Gegenstände schon so oft gesehen habe etc., denn die Vorgeschichte des Erlebnisses liegt ja nicht im Erlebnis. Vielmehr liegt die Wohlbekanntheit etwa darin daß ich sofort einen bestimmten Rhythmus des Bildes ergreife & bei ihm bleibe, sozusagen in ihm ruhe. Im Übrigen besteht die Wohlvertrautheit eben in jedem besondern Fall in einem besondern Erleben, & das Bild eines Tisches hat ein Erleben, das Bild eines Bettes ein anderes. Wenn ich sage: “ich verstehe dieses Bild”, so fragt es sich eben: will ich sagen, “ich verstehe es so”? Und das “so” steht für eine Übersetzung des Verstandenen in einen andern Ausdruck. Oder ist es ein, sozusagen, intransitives Verstehen? Denke ich gleichsam beim Verstehen des Einen an ein Anderes; d.h., besteht das Verstehen darin, daß ich an etwas Anderes denke? Und meine ich das nicht, so ist das Verstandene quasi autonom, & das Verstehen dem Verstehen einer Melodie zu vergleichen.
§Ms-140
35r[3](Es ist interessant zu bemerken, daß die Bilder, die uns beim Lesen eines isolierten Wortes, wenn wir es etwa so recht verstehen wollen, vorschweben, beim Lesen des Satzes meist ganz ausbleiben & das Bild was uns bei seinem verständnisvollen Lesen vorschwebt vielfach etwas wie ein Resultat des ganzen Satzes ist.)
§Ms-140
36r[2] &37r[1]
38. Es ist möglich, daß Einer die Bedeutung eines Wortes (z.B. des Wortes “blau”) vergißt. Was hat er da vergessen? – Wie äußert sich das? Er zeigt z.B. auf Täfelchen verschiedener Farben & sagt: “ich weiß nicht mehr, welche von diesen man ‘blau’ nennt”. Oder aber, er weiß überhaupt nicht mehr, was das Wort bedeutet (wozu das Wort dient) & nur, daß es ein deutsches Wort ist. Man könnte nun sagen: Der, welcher die Bedeutung des Wortes “blau” vergessen hat & aufgefordert wurde, einen blauen Gegenstand aus andern auszuwählen, fühlt beim Ansehn dieser Gegenstände, daß die Verbindung zwischen dem Wort “blau” & jenen Farben nicht mehr besteht (daß sie unterbrochen ist). Und die Verbindung wird wieder hergestellt, wenn wir ihm die Erklärung des Wortes wiederholen. Aber wir konnten die Verbindung auf mannigfache Weise wiederherstellen: Wir konnten auf einen blauen Gegenstand weisen & sagen “das ist blau”, oder sagen “erinnere Dich an Deinen blauen Fleck”, oder wir sprachen vielleicht das englische “blue” aus, etc. etc.. Und wenn ich nun sagte, wir konnten die Verbindung auf diese verschiedenen Arten herstellen, so liegt der Gedanke nahe, daß ich ein bestimmtes Phänomen, welches ich die Verbindung zwischen Wort & Farbe, oder das Verständnis des Wortes nenne, auf alle diese verschiedenen Arten hervorgerufen habe, wie ich die Enden zweier Drähte durch Gegenstände verschiedener Formen & aus verschiedenen Materialien leitend mit einander verbinden kann. Aber von dem Phänomen so einer Verbindung, davon daß z.B. beim Hören des Worts ein Bild der Farbe mir vor's innere Auge tritt, muß nicht die Rede sein. Denn wenn das, was wiederhergestellt ist, sein Verständnis des Wortes ist, so kann sich das in sehr verschiedenartigen Vorgängen äußern & hinter diesen Äußerungen steckt nun nicht noch ein Vorgang, das eigentliche Verstehen, das diese Äußerungen begleitet & verursacht, wie die Zahnschmerzen das Stöhnen, Halten der Wange, Verziehn des Gesichts, etc.. Würde man mich daraufhin fragen, ob ich also meinte, daß es gar kein Verstehen gebe, sondern nur Äußerungen des Verstehens, so müßte ich antworten, daß diese Frage so sinnlos ist, wie die, ob es eine Drei gibt. Ich kann nur die Grammatik des Wortes “verstehen” (bruchstückweise) beschreiben & darauf hinweisen, daß sie nicht die ist, welche man ohne genaues Hinsehn vermuten würde. Es geht uns hier so, wie dem kleinen Maler Klecksel, der das menschliche Profil mit zwei Augen zeichnet, weil er weiß, daß der Mensch zwei Augen hat.
§Ms-140
39r[3]39. Die Erklärung der Bedeutung eines Worts hat einen Effekt ähnlich dem ‘Weiterwissen’, wenn man jemandem den Anfang eines Gedichts sagt, bis er sagt: jetzt weiß ich weiter. (Sage Dir selbst die verschiedenen psychischen Möglichkeiten dieses Weiterwissens.)
§Ms-140
39r[4]Die Weise, wie wir die Sprache erlernten, ist in ihrem Gebrauch nicht enthalten. (Wie die Ursache eben nicht in ihrer Wirkung.)
§Ms-140
39r[5]Welche Wirkung hat die hinweisende Erklärung? Wird sie beim Gebrauch des Wortes immer wieder herangezogen, oder wirkt sie wie eine Impfung, die uns bis auf weiteres geändert hat?
§Ms-140
39r[6]Die Erklärung als Teil des Kalküls kann nicht in die Ferne wirken. Sie wirkt nur soweit sie angewandt wird.
§Ms-140
37r[2]40. Nocheinmal: In welchen Fällen werden wir denn sagen, “er versteht das Wort ‘blau’”? Nun, wenn er den blauen Gegenstand auf der Stelle aus den andern auswählt; oder auch, wenn er in glaubwürdiger Weise sagt, er könne jetzt den blauen auswählen, wolle es aber nicht (vielleicht bemerken wir, daß er dabei unwillkürlich auf den blauen Gegenstand blickt; vielleicht glauben wir ihm auch bloß auf Grund seines früheren Verhaltens). Und wie weiß denn er, daß er das Wort versteht? d.h. unter welchen Umständen wird er es sagen können? Manchmal nach irgend einem Test, manchmal auch ohne einen solchen. Aber wird er dann nicht vielleicht später sagen müssen, “ich habe mich geirrt, ich habe es doch nicht verstanden”, – wenn es sich herausstellt, daß er es nicht anwenden kann? Kann er sich in diesem Falle verteidigen & sagen, er habe das Wort wohl verstanden, als er dies behauptet habe, dann aber sei ihm die Bedeutung entfallen? Nun was kann er denn als Kriterium(Beweis) anführen, daß er damals das Wort verstanden habe? – Er sagt etwa: “ich habe damals die Farbe vor mir gesehn, aber jetzt kann ich mich an sie nicht erinnern”. Nun wenn das impliziert, daß er das Wort verstanden hat, so hat er es damals verstanden. – Oder er sagt: “ich kann nur sagen, daß ich das Wort hundertmal schon angewendet habe”, oder “daß ich es gerade vorher angewendet hatte; & als ich sagte, ich verstehe es, dachte ich an diesen Fall”. Was man als Begründung einer Behauptung auffaßt, das konstituiert den Sinn der Behauptung.
§Ms-140
37r[3] &38r[1]
Wie ist es nun, wenn wir sagen: “er versteht das Wort ‘blau’, er hat sofort die blaue Kugel aus den andern herausgeholt”; er aber sagt uns: “ich habe sie nur aufs Geratewohl gezogen, ich hatte das Wort nicht verstanden”. Was für ein Kriterium hatte er dafür, das Wort nicht verstanden zu haben; & sollen wir ihm nun glauben? – Es erzeugt eine merkwürdige Gedankenempfindung, wenn man sich fragt: “woher weiß ich, daß ich dieses Wort nicht verstehe?” Man möchte dann sagen “ich verbinde damit nichts”, “es sagt mir nichts”, “es ist ein bloßer Laut”, & um diese Äußerungen zu verstehen muß man sich in die Erinnerung rufen, wie das ist ‘wenn man etwas mit dem Wort verbindet’, wenn der Wortklang durch eine Erklärung zum bedeutungsvollen Wort geworden ist, wenn man mit dem Wort etwas anfangen kann. Man wird sagen: “Gewiß, er kann sich doch darin nicht irren, wenn er sagt, daß er das Wort nicht verstanden hat”. Und das ist eine Bemerkung über die Grammatik der Aussage “ich habe das Wort nicht verstanden”. Und ebenso ist es eine Bemerkung zur Grammatik wenn wir sagen: “Ob er verstanden hat, können wir nicht wissen, sondern nur vermuten, er aber weiß es”. Und es ist zu sagen, daß die Aussage “ich habe das Wort nicht verstanden” nicht einen Zustand während des Hörens des Wortes beschreibt, sondern, daß die Vorgänge, die das Nichtverstehen charakterisierten, auf mannigfache Weise nach dem Hören des Wortes vorsichgehen konnten.
§Ms-114
121r[3]41. Wir reden von einem Verstehen (einem Vorgang des Verstehens, oder auch einem Zustand des Verstehens) & auch von gewissen Vorgängen, die Kriterien dieses Verstehens sind. Das Verstehen möchte man einen geistigen Vorgang oder einen Zustand der Seele nennen & charakterisiert es damit als hypothetischen Vorgang etc. oder richtiger als Vorgang (oder Zustand) im hypothetischen Sinn. D.h. man verweist das Wort “Verstehen” in ein bestimmtes Gebiet der Grammatik.
§Ms-114
121r[4] &121v[1]
Und zwar ist die Grammatik des seelischen Zustands oder Vorgangs in mancher Beziehung ähnlich der etwa des Gehirnvorgangs. Der Hauptunterschied ist vielleicht der, daß im Falle des Gehirnvorgangs eine direkte Kontrolle als möglich zugelassen wird; wenn man etwa den betreffenden Vorgang durch Öffnen des Schädels sieht. Während von so einem ‘unmittelbaren Wahrnehmen’ in der Grammatik des seelischen Vorgangs nicht die Rede ist. (Diesen Zug gibt es in diesem Spiel nicht.)
§Ms-114
121v[2]Welches ist das Kriterium dafür, daß wir das Wort “rot” verstehen? Daß wir einen roten Gegenstand aus anderen auswählen, wenn es verlangt wird, oder daß wir die hinweisende Definition des Wortes “rot” geben können? Beides betrachten wir als Zeichen des Verständnisses. Hören wir jemand das Wort “rot” gebrauchen & bezweifeln daß er es versteht, so können wir ihn zur Prüfung fragen: “welche Farbe nennst Du ‘rot’”. Anderseits, wenn wir jemandem die hinweisende Erklärung des Wortes gegeben hätten & nun sehen wollten, ob er sie richtig verstanden hat, würden wir nicht von ihm verlangen, daß er sie wiederhole, sondern wir gäben ihm etwa die Aufgabe, aus einer Reihe von Dingen die roten herauszusuchen.
§Ms-114
121v[3] &122r[1]
Hier kann gefragt werden: “ist von meinem Verstehen oder vom Verständnis des Andern die Rede?”
“Nur ich kann wissen, ob ich verstehe, der Andere kann es nur vermuten.” “Daß ich verstehe ist keine Hypothese, daß der Andere versteht ist eine.”
Wenn wir das sagen, so fassen wir “Verstehen” als ein Erlebnis auf analog z.B. dem eines Schmerzes. Man sagt: “Du kannst nicht wissen ob ich verstehe (ob ich mich freue etc.); Du kannst nicht in mich hineinschauen”. “Du kannst nicht wissen, was ich denke”. Wohl, aber das gilt nur dann, wenn Du nicht laut denkst; & der Unterschied zwischen dem lauten (oder schriftlichen) Denken & dem Denken in der Vorstellung interessiert uns hier nicht.
§Ms-114
122r[2]Darauf kann man einwenden daß das Denken auch wenn es nur das visuelle Erlebnis des Schreibens wäre, doch privat ist & daß der Andere zwar sehen kann was meine physische Hand schreibt aber nicht mein Seherlebnis haben kann. Diese Fragen müssen uns an einer andern Stelle beschäftigen.
§Ms-114
122r[3] &122v[1]
Aber können wir für unseren gegenwärtigen Zweck statt “er versteht” & “ich verstehe” nicht sagen “er schreibt” & “ich schreibe”? Wir lassen dann die Frage des Erlebens ganz aus dem Spiel. Und also etwa auch die Frage privaten Verständnisses. Sie erscheint uns dann hier unwichtig.
§Ms-114
122v[2]Wir nennen “verstehen” nicht die Handlung – welche immer – die uns das Verständnis zeigt, sondern einen Zustand, für den diese Handlung ein Anzeichen ist. Und das ist eine Aussage über die Grammatik der Bezeichnung eines solchen Zustandes.
§Ms-114
122v[3]42. Wir können das Hersagen der Regel allein ‘Kriterium des Verstehens’ nennen oder auch Proben des Gebrauchs allein. In einem Fall wird dann “er versteht” heißen: “wenn Du ihn nach der Regel fragst wird er sie sagen”; im andern Fall: “wenn Du eine Anwendung der Regel von ihm verlangst wird er Deinen Befehl ausführen.” Oder aber wir betrachten das Angeben der Regel als ein Symptom dafür daß er etwas Anderes tun kann als die Regel angeben. So also, wie wir die Uhr ans Ohr halten, sie ticken hören & sagen: sie geht. Wir erwarten dann nicht bloß daß sie weiterhin ticken wird, sondern auch, daß sie die Zeit zeigen wird.
§Ms-114
123r[1]Man könnte sagen: “das Hersagen der Regel ist ein Kriterium des Verständnisses, wenn er die Regel mit Verständnis ausspricht & nicht rein mechanisch.” Aber hier kann wieder die sinnvolle Betonung beim Aussprechen als Verständnis gelten; & warum dann nicht einfach das Aussprechen selbst?
§Ms-114
123r[2]Verstehen = be-greifen = einen bestimmten Eindruck von dem Gegenstand erhalten, ihn auf sich wirken lassen. Einen Satz auf sich wirken lassen; Konsequenzen des Satzes betrachten, sich vorstellen; etc..
§Ms-114
123r[3]“Verstehen” nennen wir ein psychisches Phänomen das speziell mit der Erscheinung des Lernens & Gebrauchs unserer, der menschlichen, Wortsprache verbunden ist.
§Ms-140
38r[2] &39r[1]
Wie verhält es sich mit dem Erinnern an die Bedeutung eines Worts? Ich sehe einen Gegenstand einer bestimmten Farbe vor mir & sage: “dieses Buch ist braun & ich habe immer diese Farbe ‘braun’ genannt”. Was für ein Akt des Erinnerns muß da vor sich gehn, damit ich das sagen kann? Aber diese Frage könnte man viel allgemeiner stellen. Wenn man mich z.B. fragte “hast Du den Tisch, an dem Du jetzt sitzt, schon früher einmal gesehen”, so würde ich antworten; “ja, ich habe ihn unzählige male gesehn”. Und weiter gefragt würde ich sagen: ich bin an ihm durch Monate jeden Tag gesessen. – Welcher Akt, oder welche Akte des Erinnerns gehen da vor sich? Ich sehe mich doch nicht im Geiste ‘monatelang täglich an diesem Tisch sitzen’. Aber doch sage ich, ich erinnere mich daran, es getan zu haben & kann es nachträglich auch auf verschiedene Weise erhärten. Ich habe z.B. im vorigen Sommer auch in diesem Zimmer gewohnt. Aber wie weiß ich das, sehe ich es vor mir? Nein. Worin besteht dann das Erinnern in diesem Fall? Wenn ich, sozusagen, dem Grund der Erinnerung nachgehe, so tauchen auch einzelne Bilder meines früheren Aufenthalts in mir auf, aber doch nicht etwa mit ihrem Datum. Und auch ehe sie aufgetaucht sind & ehe ich verschiedene Zeugnisse in mir berufen habe, sage ich wahrheitsgemäß, ich erinnere mich hier durch Monate gewohnt & diesen Tisch gesehn zu haben. Das Erinnern ist also wohl nicht der geistige Vorgang, den man sich darunter, auf den ersten Blick, vorstellen würde. Wenn ich mit Recht sage “ich erinnere mich daran”, kann das Verschiedenste vorgehen & auch bloß das, daß ich es sage. Und sage ich hier “mit Recht”, so lege ich natürlich nicht fest, was der rechte & was der unrechte Gebrauch des Ausdrucks ist, sondern charakterisiere, umgekehrt, den bestehenden Gebrauch.
§Ms-140
39r[2]Es geht mit dem psychischen Vorgang des Verstehens wie mit dem arithmetischen Gegenstand Drei. Das Wort “Vorgang” hier & das Wort “Gegenstand” dort geben uns eine falsche grammatische Einstellung zu dem Wort.
§Ms-114
59r[2]43. [→ ]
Ist es nicht so, daß eine Erklärung, eine Tabelle, zuerst so gebraucht wird, daß man sie “nachschlägt”, daß man sie dann gleichsam im Kopf nachschlägt, sie sich vors innere Auge ruft (oder dergleichen), & daß man endlich ohne diese Tabelle arbeitet, – also so, als wäre sie nie dagewesen. – In diesem letzteren Falle spielt man nun ein anderes Spiel. Denn es ist nicht so, daß jene Tabelle ja doch im Hintergrund steht (& man immer auf sie zurückgreifen kann); sie ist aus unserm Spiel ausgeschieden, & wenn ich auf sie “zurückgreife”, so tue ich, was der Erblindete tut, der auf den Tastsinn zurückgreift. Eine Erklärung fertigt eine Tabelle an, & sie wird zur Geschichte, wenn ich die Tabelle nicht mehr benütze.
§Ms-114
59r[3] &59v[1] &
60r[1]
Ich muß unterscheiden zwischen den Fällen: wenn ich mich, einmal, nach der Tabelle richte, & ein andermal in Übereinstimmung mit der Tabelle, handle, ohne sie zu benützen. – Die Regel, deren Erlernung uns veranlaßte, jetzt so & so zu handeln, ist als Ursache unserer Handlungsweise, als ihre Vorgeschichte ohne Interesse für uns. – Sofern sie aber eine allgemeine Beschreibung unsrer Handlungsweise ist, ist sie eine Hypothese. Es ist die Hypothese, daß diese beiden Leute, die am Schachbrett sitzen, so & so handeln (ziehen) werden. (Wobei auch ein Verstoß gegen die Spielregeln unter die Hypothese fällt, denn sie sagt dann etwas über das Verhalten der Spieler, wenn sie auf den Verstoß aufmerksam werden.) Die Spieler könnten aber die Regeln auch so benützen, daß sie in jedem besonderen Fall nachschlagen, was zu tun ist; hier träte die Regel in die Spielhandlung selbst ein & verhält sich zu ihr nicht, wie eine Hypothese zu ihrer Bestätigung. – Hier gibt es aber eine Schwierigkeit: Denn der Spieler, der ohne Benützung eines Regelverzeichnisses spielt, ja, der nie eins gesehen hat, könnte dennoch, wenn es verlangt würde, Regeln seines Spiels angeben; & zwar nicht, indem er durch wiederholte Beobachtung feststellte, wie er in dieser & jener Spielsituation handelt, sondern, indem er vor einem Zug stehend sagte: “in diesem Fall zieht man so”. – Aber, wenn das so ist, so zeigt es doch nur, daß er unter gewissen Umständen eine Regel aussprechen wird, nicht, daß er von ihr beim Spielen expliziten Gebrauch macht. Daß er ein Regelverzeichnis anlegen wird, wenn man es verlangt, ist eine Hypothese; & wenn man eine Disposition, ein Vermögen dazu in ihm annimmt, so ist es eine psychische Disposition analog einer physiologischen. Wenn gesagt wird, diese Disposition charakterisiere den Vorgang des Spiels, so charakterisiert sie ihn als einen psychologischen oder physiologischen, was er tatsächlich ist. (In unserem Studium des Symbolismus gibt es keinen Vordergrund & Hintergrund, nicht wesentlich ein greifbares Zeichen & ein es begleitendes ungreifbares Vermögen oder Verständnis.)
§Ms-114
60r[2]44. Das was uns am Zeichen interessiert, die Bedeutung die für uns maßgebend ist, ist das, was in der Grammatik des Zeichens niedergelegt ist.
§Ms-114
60r[3]Wir fragen: Wie gebrauchst Du das Wort, was machst Du damit? – das wird uns lehren, wie Du es verstehst.
§Ms-114
60r[4]Die Grammatik, das sind die Geschäftsbücher der Sprache, aus denen alles zu ersehen sein muß, was nicht begleitende Empfindungen betrifft, sondern die tatsächlichen Transaktionen mit der Sprache.
§Ms-114
60r[5]Man könnte in gewissem Sinne sagen, daß es uns nicht auf Nuancen ankommt. (Ich könnte mir einen Philosophen denken, der glaubte, einen Satz, über das Wesen des Erkennens, etwa, in roter Farbe drucken lassen zu müssen, da er sonst nicht wirklich das ausdrücke, was er ausdrücken solle.)
§Ms-114
60r[6] &60v[1]
45. Die Deutung von Schrift- & Lautzeichen durch hinweisende Erklärungen ist nicht Anwendung der Sprache, sondern ein Teil der Sprachlehre. Die Deutung vollzieht sich noch im Allgemeinen, als Vorbereitung auf jede Anwendung.
§Ms-114
60v[2]Man kann die hinweisende Erklärung auffassen als eine Regel der Übersetzung aus einer Gebärdensprache in die Wortsprache.
§Ms-114
52r[2] &52v[1]
Wenn ich sage “die Farbe dieses Gegenstands heißt ‘violett’”, so muß ich die Farbe mit den Worten “die Farbe dieses Gegenstands” schon bezeichnet haben, sie schon zur Taufe gehalten haben, damit eine Namengebung geschehen kann. Denn ich könnte auch sagen: “der Name dieser Farbe ist von Dir zu bestimmen”; & der den Namen gibt müßte nun schon wissen, wem er ihn geben soll (an welchen Platz der Sprache er ihn stellt). Ich könnte so erklären: die Farbe dieses Flecks heißt “rot”, die Form “Ellipse”. Und die Wörter “Farbe” & “Form” stehen für die Anwendungsarten der Namen & bezeichnen in Wirklichkeit Wortarten wie “Hauptwort” & “Eigenschaftswort”. Man könnte sehr wohl in der gebräuchlichen Grammatik die Bezeichnungen “Farbwort”, “Formwort”, “Stoffwort” einführen. (Aber mit demselben Recht auch “Baumwort”, “Buchwort”?)
§Ms-114
60v[3]Zur Grammatik gehört nicht, daß dieser Erfahrungssatz wahr, jener falsch ist. Zu ihr gehören alle Bedingungen (die Methode) des Vergleichs des Satzes mit der Wirklichkeit. Das heißt, alle Bedingungen des Verständnisses (des Sinnes).
§Ms-114
60v[4]Soweit sich die Bedeutung der Wörter in der eingetroffenen Erwartung, in der Erfüllung des Wunsches, in der Befolgung des Befehls, etc., erweist, zeigt sie sich schon in einer sprachlichen Darstellung der Erwartung etc. Sie wird also ganz in der Sprachlehre bestimmt. In dem, was sich hat voraussehen lassen; worüber man schon vor dem Eintreffen der Tatsache reden konnte.
§Ms-114
61r[1]46. Besteht nun unsere Sprache aus primären Zeichen (hinweisenden Gesten) & sekundären Zeichen (Worten)?
Man möchte fragen, ob es in unserer Sprache nicht die primären Zeichen geben müsse, während sie auch ohne die sekundären auskommen könnte. Der falsche Ton in dieser Frage liegt darin, daß sie eine Erklärung der wirklich bestehenden Sprache, erwartet, statt der bloßen Beschreibung.
Es klingt wie eine lächerliche Selbstverständlichkeit, wenn ich sage, daß der, welcher glaubt, die Gesten seien die primären Zeichen, die allen andern zu Grunde liegen, außer Stande wäre, den gewöhnlichsten Satz durch Gebärden zu ersetzen.
§Ms-114
61r[2]Man möchte zwischen Regeln der Grammatik unterscheiden, die “eine Verbindung von Sprache & Wirklichkeit” herstellen, & solchen, die es nicht tun. Eine Regel der ersten Art ist: “diese Farbe heißt ‘rot’”, – eine Regel der zweiten Art: “~~p = p”. Über diesen Unterschied besteht ein Irrtum; die Sprache ist nicht etwas, dem eine Struktur gegeben, & das dann der Wirklichkeit aufgepaßt wird.
§Ms-114
61r[3] &61v[1]
Man könnte fragen wollen: Ist es denn aber ein Zufall, daß ich zur Erklärung von Zeichen, also zur Vervollständigung des Zeichensystems, aus den Schrift- & Lautzeichen heraustreten muß? Trete ich damit nicht eben in das Gebiet, worin sich dann das zu Beschreibende abspielt? – Aber ist es nicht seltsam, daß ich dann überhaupt mit den Schriftzeichen etwas anfangen kann? – Man sagt etwa, daß die Schriftzeichen bloß die Vertreter jener Dinge sind, auf die die hinweisende Erklärung zeigt. –
(Es hat natürlich einen guten Sinn, zu sagen, das definierte Zeichen verträte das definierende; & auch die hinweisende Erklärung mache ein Wort zum Vertreter des Hinweises auf einen Gegenstand. Übrigens aber: nicht die Farbe rot wird vom Wort “rot” vertreten, sondern etwa ein rotes Täfelchen.)
§Ms-114
121r[1]Aber wie ist denn diese Vertretung möglich? Ich kann doch nicht ein beliebiges Ding ein anderes vertreten lassen. – Es ist dann eben bedeutsam, daß diese Vertretung möglich ist; denn das Vertretende muß, in bestimmten Fällen wenigstens, ebensogut taugen wie das Vertretene.
§Ms-114
61v[2] &62r[1]
47. Man möchte sagen: ein rotes Täfelchen, oder dergleichen, ist das primäre Zeichen für die Farbe Rot, das Wort oder ein sekundäres Zeichen: denn es erklärt die Bedeutung des Wortes “rot”, wenn ich auf ein rotes Täfelchen weise etc., aber nicht, wenn ich sage “rot” bedeute dasselbe wie “rouge”.
§Ms-114
123r[4] &123v[1]
Aber erkläre ich nicht einem Franzosen die Bedeutung des Wortes “rot” auf eben diese Weise? “Ja, aber nur, weil er die Bedeutung von ‘rouge’ durch hinweisende Definition gelernt hat.” Aber muß ihm diese Definition gegenwärtig sein (& andernfalls ist sie nur Geschichte), oder ein rotes Vorstellungsbild, wenn er meine Erklärung “rot = rouge” versteht? Muß so ein Bild gegenwärtig sein, wenn er, wie wir sagen würden, das Wort “rouge” mit Verständnis gebraucht? (Denke an den Befehl: “Stelle Dir einen kreisförmigen roten Fleck vor!”)
§Ms-114
62v[3]48. Sind die Zeichen, die man ‘primäre’ nennen möchte unmißverständlich? Kann man etwa sagen sie müßten eigentlich nicht mehr verstanden werden? – Wenn das heißen soll, sie müßten nicht weiter gedeutet werden, so gilt das auch vom Wort; heißt es aber, sie könnten nicht weiter gedeutet werden, dann ist es falsch. (Denke an die Erklärung der Gesten durch Worte u. u..)
§Ms-114
123v[2]Ist es richtig, & in welchem Sinne, von der hinweisenden Definition zu sagen, sie setze wie die Verbaldefinition ein Zeichen für ein anderes; das Wort für den Hinweis?
§Ms-114
63r[2] &63v[1]
49. Wie ist es wenn ich eine Bezeichnungsweise festsetze; wenn ich, z.B. für den eigenen Gebrauch, Farbtönen Namen geben will: Ich werde das etwa mittels einer Tabelle tun; und nun werde ich doch nicht den Namen zur falschen Farbe schreiben (zu der Farbe, der ich ihn nicht geben will). Aber warum nicht? Warum soll nicht “rot” gegenüber dem grünen Täfelchen stehen & “grün” gegenüber dem roten, etc.? Wenn die hinweisende Definition nur ein Zeichen statt eines andern setzt so sollte das doch keinen Unterschied machen. – Da gibt es jedenfalls zwei verschiedene Fälle: Es kann die Tabelle, mit grün gegenüber “rot” etc., so gebraucht werden, daß der, der sie ‘nachschlägt’, vom Wort “rot” schräg auf das rote Täfelchen übergeht & vom Wort “grün” auf das grüne u.s.f.. Wir würden dann sagen, die Tabelle sei nur anders angeordnet (nach einem andern räumlichen Schema), aber sie verbinde die Zeichen, wie die gewohnte. – Es könnte aber auch sein, daß der welcher die Tabelle benützt, von der einen Seite horizontal zu andern blickt & nun in irgend welchen Sätzen das Wort “rot” durch ein grünes Täfelchen ersetzt; aber nicht etwa auf den Befehl “gib mir das rote Buch” ein grünes bringt, sondern ganz richtig ein rotes (d.h. das, welches auch wir “rot” nennen). Dieser hat nun die Tabelle anders benützt, als der Erste, aber doch so, daß das Wort “rot” für ihn die gleiche Farbe bedeutet, wie für uns. Es ist nun der zweite Fall, der uns interessiert, & die Frage ist: Kann ein grünes Täfelchen als Muster für rot dienen? – Ich kann mir eine Abmachung denken, nach welcher Einer, dem ich eine grüne Tafel zeige & sage male mir diese Farbe, mir ein Rot malen soll; zeige ich ihm mit diesen Worten blau, so hat er gelb zu malen (etwa immer die komplementäre Farbe). Und daher ist es auch möglich daß Einer meinen Befehl auch ohne eine solche Abmachung so deutet. Die Abmachung könnte auch gelautet haben: “wenn ich sage, male diese Farbe, dann male immer eine etwas dunklere”; & wieder können wir uns denken, daß der Befehl auch ohne diese Verabredung so gedeutet würde. – Aber kann man sagen: es kopiere Einer das Rot des Täfelchens, indem er einen bestimmten Ton von grün malt? Und zwar etwa, wie er eine geometrische Figur, nach verschiedenen Projektionsmethoden, verschieden & genau kopieren kann? – Kann ich Farben mit Gestalten vergleichen & kann ein grünes Täfelchen einerseits als Name einer bestimmten Schattierung von Rot verwendet werden, anderseits als ihr Muster? wie ein Kreis als Name einer bestimmten Ellipsengestalt dienen kann, aber auch als ihr Muster.
§Ms-114
64r[1]Es ist klar: das Muster wird nicht verwendet wie das Wort (der Name). Und die hinweisende Erklärung, die Tabelle, sofern sie uns von Worten zu Mustern führt anders, als die Tabelle die einen Namen durch einen andern ersetzt.
§Ms-114
64r[2]50. Das Wort “kopieren” hat aber in verschiedenen Fällen verschiedene Bedeutung & dem entsprechend wechselt, was ich “Muster” nenne. Was heißt es “eine Figur genau kopieren”: sie nach dem Augenmaß genau kopieren? oder mit Meßinstrumenten? und mit welchen? Welches wollen wir die gleiche Farbe wie die des Musters nennen? Denke an verschiedene Vergleichsmethoden. Inwiefern läßt sich die Regel dunkler zu kopieren mit der vergleichen eine Figur in vergrößertem oder verkleinertem Maßstab zu kopieren?
§Ms-114
64r[3] &64v[1]
Denken wir uns einen Menschen, der vorgäbe, er könne Schattierungen von Rot in grün kopieren, & der nun, das rote Muster ansehend, mit allen äußeren Zeichen des genauen Kopierens einen grünen Ton mischte. Der wäre für uns auf gleicher Stufe, wie Einer, der (genau hinhorchend) Farben nach Violintönen mischte. Wir würden in dem Fall sagen: “ich weiß nicht, wie er es macht”; aber nicht in dem Sinne, als verstünden wir nicht die verborgenen Vorgänge in seinem Gehirn oder in seinen Muskeln, sondern, wir verstehen nicht, was es heißt “dieser Farbton sei die Kopie dieses Violintons”. Es sei denn, daß damit gemeint ist, daß ein Mensch erfahrungsgemäß einen bestimmten Farbton mit einem bestimmten Klang assoziiert (ihn vor sich sieht, malt, etc.). Der Unterschied der Bedeutungen von “Assoziieren” & “Kopieren” zeigt sich darin, daß es keinen Sinn hat für die assoziierte Gestalt (oder Farbe) von einer Projektionsmethode (Regel des Übertragens) der Assoziation zu reden. Wir sagen: “Du hast nicht richtig kopiert”, – aber nicht “Du hast nicht richtig assoziiert”.
§Ms-114
123v[3]Anderseits ist es wohl denkbar, daß Menschen in den Farben die sie mit Violintönen assoziieren so genau übereinstimmten daß Einer zum Andern sagen könnte: “Nein, diesen Violinton hast Du nicht richtig dargestellt, er war gelblicher als Du ihn gemalt hast”; & der Andere würde etwa antworten: “Du hast recht es hat mir selber so geschienen”. –
§Ms-114
64v[2] &65r[1]
51. Bringt die Tabelle das Wort mit einem Muster in Zusammenhang, so ist es nun nicht gleichgültig mit welchem Täfelchen beim Nachschlagen das Wort verbunden wird. – “Aber dann gibt es also willkürliche Zeichen & solche, die nicht willkürlich sind!” – Denken wir nur an die Verständigung durch Landkarten, Zeichnungen, & anderseits durch Sätze. Die Sätze sind so wenig willkürlich, wie die Zeichnungen; nur die Worte sind willkürlich. Und anderseits ist die Projektionsmethode der Landkarte willkürlich wie sollte man bestimmen, was willkürlich ist.
§Ms-114
65r[2]Ich kann allerdings die Festsetzung von Wortbedeutungen vergleichen der Festsetzung einer Projektionsart, wie der zur Abbildung räumlicher Gebilde (“der Satz ist ein Bild”); dies ist ein guter Vergleich, aber er enthebt uns nicht der Untersuchung des Funktionierens der Worte, welches seine eigenen Regeln hat. Wir können freilich sagen – d.h. es entspricht dem Sprachgebrauch – daß wir uns durch Zeichen verständigen, ob wir nun Wörter oder Muster verwenden; aber das Spiel, sich nach Worten richten ist ein anderes, als das: sich nach Mustern richten. (Wörter sind dem was wir “Sprache” nennen nicht wesentlich, & Muster auch nicht.) Die Wortsprache ist nur eine unter vielen möglichen Arten der Sprache & es gibt Übergänge von einer zur andern. (Denke an zwei Arten den Satz “ich sehe einen roten Kreis” zu schreiben: es könnte dadurch geschehen, daß ich einen Kreis schreibe & ihm die entsprechende Farbe (rot) gebe; aber auch so, daß ich einen Kreis & daneben einen roten Fleck schreibe. Betrachte die Landkarte daraufhin, was in ihr der Ausdrucksform der Wortsprache entspricht.)
§Ms-114
65r[3] &65v[1] &
66r[1]
52. “Ich will nicht verlangen, daß in der erklärenden Tabelle das rote Muster horizontal gegenüber dem Wort “rot” stehen soll, aber irgend ein Gesetz des Lesens der Tabelle muß es doch geben, denn sonst verliert sie ja ihren Sinn”. Ist es aber gesetzlos wenn die Tabelle so aufgefaßt wird, wie die Pfeile des Schemas
andeuten? – “Aber muß dann nicht eben das Schema der Pfeile vorher gegeben werden?” – Muß denn vor der gewöhnlichen Gebrauchsweise das Schema
gegeben werden? “Wird aber dann nicht wenigstens eine zeitliche Regelmäßigkeit im Gebrauch der Tabelle gefordert? würde es angehen, wenn wir eine Tabelle einmal nach diesem, einmal nach jenem Schema zu gebrauchen hätten? Wie soll man denn wissen, wie die Tabelle zu gebrauchen ist?” – Ja, weiß man es denn heute? Die Zeichenerklärungen haben doch irgendwo ein Ende. Ich würde natürlich ein Mißverständnis hervorrufen, wenn ich, ohne eine besondere Abmachung, jemandem den Weg wiese, indem ich mit dem Finger nicht in der Richtung zeigte, in der er gehen soll, sondern in der entgegengesetzten. Es liegt in der menschlichen Natur, das Zeigen mit dem Finger so zu verstehen. (Wie es in ihr liegt Brettspiele zu spielen & Zeichensprachen zu erfinden, die aus geschriebenen Zeichen auf einer Fläche bestehn.)
§Ms-114
66r[2]Die Tabelle garantiert die Gleichheit der Übergänge, die in ihr gemacht werden, nicht. Sie zwingt mich ja nicht, sie immer gleich zu gebrauchen. Sie ist da, wie ein Feld, durch das Wege führen; aber ich kann ja auch querfeldein gehen. – Ich mache den Übergang in der Tabelle bei jeder Anwendung von Neuem. Er ist nicht, quasi, ein für allemal in der Tabelle gemacht (sie verleitet mich nur ihn zu machen). (Von welcher Art sind diese Sätze? – Wohl von derselben, wie die Bemerkung, daß die Zeichenerklärungen doch einmal ein Ende haben. Und das ist etwas ähnlich, wie wenn man sagt: “was nützt Dir die Annahme eines Schöpfers, sie schiebt doch das Problem des Anfangs der Welt nur hinaus”. Diese Bemerkung hebt einen Aspekt meiner Erklärung hervor, den ich vielleicht nicht bemerkt hatte. Man könnte auch sagen: “Sieh' Deine Erklärung doch so an! – bist Du jetzt noch immer von ihr befriedigt?”
§Ms-114
66v[1]53. Kann man etwas Rotes nach dem Wort “rot” suchen? braucht man ein Erinnerungsbild dazu?
§Ms-114
66v[2]Kann man sagen, daß das Wort “rot”, um ein brauchbares Zeichen zu sein, ein Supplement im Gedächtnis – braucht? Wenn ich eine Erfahrung mit den Worten beschreibe “vor mir liegt ein rotes Buch”, ist die Rechtfertigung (des Gebrauchs) dieser Worte, außer der beschriebenen Erfahrung, die, daß ich mich erinnere das Wort “rot” immer für diese Farbe verwendet zu haben? Muß das die Rechtfertigung sein?
§Ms-114
124r[2] &124v[1]
Brauchen wir etwa nur einen gesprochenen Befehl befolgen zu können ein Erinnerungsbild dessen, was wir taten als wir ihn das letzte Mal befolgten? Befiehlt er uns also eigentlich: “Tu jetzt das, was Du, Deiner Erinnerung nach, damals getan hast”? Auch diesen Befehl könnte man geben. Aber brauche ich also um ihn befolgen zu können ein Erinnerungsbild vom Suchen in der Erinnerung? Der Befehl “Tu jetzt das was Du Deiner Erinnerung nach damals getan hast” sagt mir, ich solle an einem bestimmten Ort nach einem Bild suchen, welches mir sagen wird, was ich zu tun habe. Der Befehl ist also ganz analog dem: “Tu das was auf dem Zettel in dieser Lade aufgeschrieben steht”. Steht nichts auf dem Zettel so ist der Befehl sinnlos.
§Ms-114
66v[3]⋎
Wenn es beim Gebrauch des Wortes “rot” auf das Bild ankommt, das mein Gedächtnis beim Klang dieses Wortes automatisch reproduziert, so bin ich dieser Reproduktion geradeso ausgeliefert, als wäre ich entschlossen, die Bedeutung durch Nachschlagen in einer Tabelle zu bestimmen, wobei ich mich dem, was ich in ihr fände, quasi, auf Gnade & Ungnade ergeben würde.
§Ms-114
66v[4] &67r[1]
Wenn mir das Farbmuster, nach dem ich mich richten will, dunkler vorkommt als es meiner Erinnerung nach gestern war, so muß ich nicht dem Gedächtnis recht geben & tue es auch nicht immer. Und ich könnte sehr wohl von einem Nachdunkeln meines Gedächtnisses reden.
§Ms-114
67r[2]54. Wenn ich jemandem sage “male die Farbe Deiner Zimmertür nach dem Gedächtnis”, so bestimmt das, was er zu tun hat, nicht eindeutiger als der Befehl: “male das Grün, welches Du auf dieser Tafel siehst”. Auch den ersten dieser Sätze könnte man sich so aufgefaßt denken, wie, normalerweise, etwa den Satz “male einen Farbton, etwas lichter als den, welchen Du Dich erinnerst dort gesehen zu haben”; und anderseits wird der, dem man den Befehl gibt, den Farbton nach einem Muster zu malen für gewöhnlich nicht über die Projektionsmethode im Zweifel sein.
§Ms-114
67r[3] &67v[1]
Wenn mir befohlen worden wäre: “suche mir eine rote Blume auf dieser Wiese & bringe sie mir”, & ich fände nun eine, – vergleiche ich sie da mit meinem Erinnerungsbild der roten Farbe? – Und muß ich auch ein weiteres Bild zu Rate ziehen um zu sehen ob das erste noch stimmt? – Und warum soll ich dann unbedingt das erste brauchen? – Ich sehe die Farbe der Blume & erkenne sie. (Es wäre natürlich denkbar, daß Einer das Muster einer Farbe halluziniert & es wie ein Wirkliches mit dem gesuchten Gegenstand vergleicht.)
Auch wenn ich sage “nein, diese Farbe ist noch nicht die richtige, sie ist heller als die, die ich dort gesehen habe”, so ist nicht gesagt daß ich diese vor mir sehe & der Vorgang der ist des Vergleichens zweier gleichzeitig gesehener Farbtöne. Und es ist auch nicht so, als klingelte es irgendwo in meinem Geiste, wenn der richtige Farbton gefunden wäre & als trüge ich ein Bild dieses Klingelns mit mir herum, um beurteilen zu können, wenn es klingelt.
§Ms-114
67v[2]Es ist ein anderes Spiel, mit einem Muster auf die Suche gehn, es an die Gegenstände anlegen & so die Farbengleichheit prüfen, & anderseits: ohne ein solches Muster nach Wörtern einer Wortsprache handeln. Denken wir an das laute Lesen nach der Schrift (oder das Schreiben, nach dem Gehör). Wir könnten uns freilich eine Art Tabelle denken, die uns dabei führen könnte. Aber es führt uns keine; kein Akt des Gedächtnisses, nichts, vermittelt zwischen dem geschriebenen Zeichen & dem Laut.
§Ms-114
67v[3] &68r[1]
55. Würde ich nun gefragt: “warum wählst Du diese Farbe auf diesen Befehl hin; wie rechtfertigst Du diese Wahl?”, – so kann ich in dem einen Fall antworten: “Weil diese Farbe in meiner Tabelle gegenüber dem Wort ‘rot’ steht”. Im andern Fall gäbe es auf diese Frage keine Antwort & die Frage hat keinen Sinn. Aber im ersten Spiel hat die Frage keinen Sinn: “Warum nennst Du die Farbe ‘rot’ die in der Tabelle gegenüber dem Worte ‘rot’ steht”. Ein Grund läßt sich nur innerhalb eines Spiels angeben. Die Kette der Gründe kommt zu einem Ende & zwar an der Grenze des Spiels. (Grund & Ursache.)
§Ms-114
68r[3]Und, wenn man sich in die Erinnerung ruft, “daß die Tabelle uns nicht zwingt”, sie auf eine bestimmte Weise, – noch, sie immer auf die gleiche Weise zu benützen, – so wird es (ganz) klar, daß unser Gebrauch des Wortes “Regel” & “Spiel” ein schwankender (nach den Rändern zu verschwimmender) ist.
§Ms-114
68v[2]Die Verbindung zwischen “Sprache & Wirklichkeit” ist durch die Worterklärungen gemacht, – welche zur Sprachlehre gehören; so daß die Sprache in sich geschlossen, autonom, bleibt.
§Ms-114
69v[2]56. Denken wir an eine Gebärdensprache, mit der wir uns Menschen verständlich machen, die keine Wortsprache mit uns gemein haben. Fühlen wir hier auch das Bedürfnis aus der Sprache heraus zu treten, um ihre Zeichen mit der Wirklichkeit zu verbinden?
§Ms-114
69v[3] &70r[1]
“Die Verbindung von Wort & Sache durch das Lehren der Sprache hergestellt”. Was ist das für eine Verbindung, welcher Art? Eine mechanische, elektrische, psychische Verbindung kann funktionieren oder nicht funktionieren. Mechanismus & Kalkül. Die Zuordnung von Gegenstand & Namen ist keine andere als die durch eine Tabelle, hinweisende Geste & gleichzeitiges Aussprechen des Namens, u. dergl., erzeugte. Sie ist ein Teil des Symbolismus. Einem Gegenstand einen Namen geben ist wesentlich von gleicher Art wie ihm ein Namenstäfelchen umhängen.
Es ist der Ausdruck einer unrichtigen Auffassung, wenn man sagt: die Verbindung zwischen Name & Gegenstand sei eine psychologische.
§Ms-114
70r[2] &70v[1]
57. Denken wir uns, daß jemand eine Figur im Maßstab 1 : 10 kopiert; ist dann in dem Vorgang des Kopierens das Verständnis der allgemeinen Regel dieses Abbildens enthalten? – Mein Stift wurde von mir quasi ganz voraussetzungslos gehalten & nur von der Länge der Vorlage geführt (beeinflußt). – Ich würde sagen: wäre die Vorlage länger gewesen, so wäre ich mit dem Stift noch weiter gefahren & wenn kürzer, weniger weit. Aber ist, gleichsam, der Geist, der sich hierin ausspricht, schon im Nachziehen des Strichs enthalten? Ich kann mir vornehmen: “ich gehe solange, bis ich den N. finde” – ich will etwa jemand auf einer Straße treffen –; & nun gehe ich die Straße entlang & treffe ihn an einem bestimmten Punkt, & bleibe stehn. War in dem Vorgang des Gehens, oder einem andern gleichzeitigen das Handeln nach der allgemeinen Regel, die ich mir vorgesetzt hatte, enthalten? Oder war der Vorgang nur in Übereinstimmung mit dieser Regel, aber also auch in Übereinstimmung mit andern Regeln? Ich gebe jemandem den Befehl von eine Linie parallel zu a zu ziehen. A
Er versucht (beabsichtigt) es zu tun, aber mit dem Erfolg, daß die Linie parallel zu b wird. War der Vorgang des Kopierens derselbe, als hätte er beabsichtigt eine Linie parallel zu b zu ziehen, & seine Absicht ausgeführt?
§Ms-114
70v[2]Und wenn es mir gelungen ist, eine Vorlage nach der vorgesetzten Regel zu kopieren, ist es dann möglich den Vorgang des Kopierens, wie er stattgefunden hatte, auch durch eine andere allgemeine Regel zu beschreiben? Oder kann ich diese Beschreibung ablehnen mit den Worten: “nein, ich habe mich von dieser Regel leiten lassen – & nicht von der andern, die in diesem Falle allerdings das gleiche Resultat ergeben hätte”?
§Ms-114
70v[3]58. Man möchte sagen: Wenn ich absichtlich eine Form nachzeichne, so hat der Vorgang des Kopierens mit der Vorlage diese Form gemein. Sie ist eine Fassette des Vorgangs des Kopierens; eine Fassette, die an dem kopierten Gegenstand anliegt & sich dort mit ihm deckt. Wenn auch mein Bleistift die Vorlage nicht trifft, die Absicht trifft sie immer.
§Ms-114
70v[4] &71r[1]
Wenn ich auf dem Klavier nach Noten spielen will, so wird die Erfahrung lehren, welche Tonfolge ich tatsächlich spielen werde; & die Beschreibung des Gespielten muß nichts mit der Beschreibung des Notenbildes gemein haben. Wenn ich dagegen meine Absicht beschreiben will, so muß ich sagen, daß ich dieses Notenbild in Tönen wiedergeben wollte. – Und nur das kann der Ausdruck dafür sein, daß die Absicht an die Vorlage heranreicht & eine allgemeine Regel enthält.
§Ms-114
71r[2]Der Ausdruck der Absicht beschreibt die Vorlage der Abbildung; die Beschreibung des Abbildes nicht.
§Ms-114
71r[3]59. Es kann nie essentiell für unsere Betrachtungen sein, daß ein symbolisches Phänomen in der Seele sich abspielt & nicht auf dem Papier, für Andere sichtbar. Immer wieder ist man in Versuchung, einen symbolischen Vorgang durch einen besondern psychischen Vorgang erklären zu wollen; als ob die Psyche “in dieser Sache viel mehr tun könnte”, als die Zeichen. Es mißleitet uns da die Idee eines Mechanismus, der mit besonderen Mitteln arbeitet, & daher besondere Bewegungen erklären kann. Wie wenn wir sagen: diese Bewegung kann nicht durch eine Anordnung von Hebeln erklärt werden.
§Ms-114
71r[4] &71v[1]
Die Beschreibung des Psychischen muß sich ja wieder als Symbol verwenden lassen. Hierher gehört, daß es eine wichtige Einsicht ist in das Wesen der Zeichenerklärung, daß sich das Zeichen durch seine Erklärung ersetzen läßt. Das bringt den Begriff dieser Erklärung in Gegensatz zu dem der Kausalerklärung.
§Ms-114
71v[2]60. Man kann sagen daß es sich nicht durch äußere Beobachtung entscheiden läßt, ob ich lese oder nur Laute hervorbringe, während ein Text an meinen Augen vorbeiläuft. Aber das Lesen kann nicht wesentlich eine innere Angelegenheit sein. Das Ableiten der Übersetzung von der Vorlage kann auch ein sichtbarer Vorgang sein. Man muß z.B. den Vorgang dafür nehmen können der sich auf dem Papier abspielt, wenn die Glieder der Reihe 100, 121, 144, 169 durch die Rechnungen
aus den Gliedern der Reihe 10, 11, 12, 13 abgeleitet erscheinen.
§Ms-114
71v[3]Das Gefühl, welches man bei jeder solchen – gleichsam behaviouristischen – Darstellung hat, daß sie roh (unbeholfen) ist, leitet irre; wir sind versucht, nach einer “besseren” Darstellung zu suchen; die gibt es aber gar nicht. Eine ist so gut wie die andere & jedesmal stellt das System dar, worin ein Zeichen verwendet wird (“Darstellung dynamisch, nicht statisch”.)
§Ms-114
72r[2](Auch der psychische Prozeß kann nichts in wesentlich anderem Sinne ‘offen lassen’, als eine leere Klammer im Symbolismus eine Argumentstelle offen läßt.)
§Ms-114
72r[3]Man kann nicht fragen: Welcher Art sind die geistigen Vorgänge, daß sie wahr & falsch sein können, was die außergeistigen nicht können. Wenn, wenn es die ‘geistigen’ können, so müssen's auch die andern können; & umgekehrt. – Denn, können es die seelischen Vorgänge, so muß es auch ihre Beschreibung können. Denn in ihrer Beschreibung muß es sich zeigen, wie es möglich ist.
§Ms-114
72r[4]Wenn man sagt, der Gedanke sei eine seelische Tätigkeit, oder eine Tätigkeit des Geistes, so denkt man an den Geist als an ein trübes, gasförmiges Wesen, in dem manches geschehen kann, das außerhalb dieser Sphäre nicht geschehen kann. Und von dem man manches erwarten kann, das sonst nicht möglich ist. (Der Vorgang des Denkens im menschlichen Geist, & der Vorgang der Verdauung.)
§Ms-114
72v[1]61. Jedes Abbilden (Handeln nach – nicht bloß in Übereinstimmung mit – gewissen Regeln), Ableiten einer Handlung aus einem Befehl, Rechtfertigen einer Handlung mit einem Befehl, ist von der Art des schriftlichen Ableitens eines Resultats aus einer Angabe, des Hinweises auf eine Tabelle.
§Ms-114
73r[2]“Ich schreibe hierher die Zahl ‘16’, x x² x³ | 1 | 2 | 3 | 4 16 64 weil dort ‘x²’ steht & hier ‘64’ weil dort ‘x³’ steht”. So sieht jede Rechtfertigung aus. In gewissem Sinne bringt uns das nicht weiter. Aber es kann uns ja nicht weiter, d.h., zu dem Metalogischen bringen. (Die Schwierigkeit ist hier, das nicht zu rechtfertigen versuchen, was keine Rechtfertigung hat.)
§Ms-114
72v[2] &73r[1]
Wenn die Aufgabe ist die Quadrate, Kuben, etc., der natürlichen Zahlen zu bilden, so kann man sagen: “ich schreibe hierher die Zahl 16,
x x² x³ | 1, | 2, | 3, | 4 16
Wie aber, wenn ich sagte: “ich schreibe hierhin ein “ + ”, weil dort x² steht”? Man würde fragen: “Schreibst Du überall ein “ + ” wo ein x² steht?” – – d.h., man würde nach einer allgemeinen Regel fragen; das “weil” in meinem Satze gäbe sonst keinen Sinn. Oder man könnte fragen: “
Woher weißt Du denn, daß Du es deswegen geschrieben hast?” Hier hat man das “weil” als Einleitung einer Angabe der Ursache aufgefaßt, statt des Grundes.
§Ms-114
73r[3]Wenn ich der Regel folgend unter ‘4’ ‘16’ schreibe, so könnte es scheinen, als wäre hier eine Kausalität im Spiel, die nicht hypothetisch, sondern unmittelbar wahrgenommen (erlebt) wäre. (Verwechslung von ‘Grund’ & ‘Ursache’)
§Ms-114
73r[4] &73v[1]
Welche Art von Nexus ist in dem Satz: “ich geh' hinaus, weil er es befiehlt”, gemeint? Und wie vergleicht sich dieser Satz mit dem: “ich geh' hinaus, obwohl er es mir befohlen hat”. (Oder: “ich geh' hinaus, aber nicht, weil er es befohlen hat”, “ich geh' hinaus, weil er mir befohlen hat, es nicht zu tun”.)
§Ms-114
73v[2]62. “Das soll er sein” (dieses Bild stellt ihn vor), darin liegt das ganze Problem der Darstellung. Was ist das Kriterium dafür, wie ist es zu verifizieren, daß dieses Bild das Porträt jenes Gegenstandes ist– d.h., ihn darstellen soll? Die Ähnlichkeit macht das Bild nicht zum Portrait (es könnte dem Einen täuschend ähnlich & dabei das Portrait eines Andern sein, dem es weniger ähnlich sieht.) Wie kann ich wissen daß er das Bild als Porträt des N meint? – Nun, etwa indem er's sagt, oder drunter schreibt. Welchen Zusammenhang hat das Portrait des N mit ihm. Etwa den, daß der Name darunter steht mit dem er angeredet wird.
§Ms-114
73v[3]Wenn ich mich an meinen Freund erinnere, ihn “vor mir sehe”, was ist hier der Zusammenhang des Erinnerungsbildes mit seinem Gegenstand? Die Ähnlichkeit? Nun die Vorstellung als Bild kann ihm nur ähnlich sein.
§Ms-114
73v[4] &74r[1]
Die Vorstellung von ihm ist ein ungemaltes Portrait.
Ich mußte auch in der Vorstellung seinen Namen unter das Bild schreiben, damit es zur Vorstellung von ihm wurde.
§Ms-114
74r[2]Ich habe den Vorsatz eine bestimmte Handlung auszuführen, ich hege einen Plan aus. Der Plan in meiner Seele soll darin bestehen, daß ich mich das & das tun sehe. Aber wie weiß ich, daß ich es bin den ich sehe? Nun ich bin es ja nicht, sondern etwa ein Bild. Aber warum nenne ich es mein Bild? “Wie weiß ich, daß ich es bin”: die Frage hat Sinn, wenn es z.B. heißt: “wie weiß ich, daß ich es bin, den ich dort im Spiegel sehe”. Und die Antwort gibt Merkmale, nach denen ich zu erkennen bin. Daß aber mein Vorstellungsbild mich vertritt ist meine eigene Bestimmung. Und ich könnte ebensogut fragen: “woher weiß ich, daß das Wort ‘ich’ mich vertritt?”, denn meine Gestalt im Bild war nur ein anderes Wort “ich”.
§Ms-114
74r[3] &74v[1]
“Ich kann mir vorstellen daß du zur Türe hinausgehen wirst”. Wir unterliegen einer seltsamen Täuschung, daß im Satz, im Gedanken, die Gegenstände das tun, was der Satz von ihnen aussagt. Es ist, als ob im Befehl ein Schatten der Ausführung läge. Aber ein Schatten eben dieser Ausführung. Du gehst im Befehl dort & dort hin. – Sonst wäre es aber eben ein andrer Befehl. Gewiß diese Identität ist die, die der Diversität zweier verschiedener Befehle entspricht.
§Ms-114
74v[2] &75r[1]
“Ich dachte Napoleon sei im Jahre 1805 gekrönt worden.” – Was hat Dein Gedanke mit Napoleon zu tun? Welche Verbindung besteht zwischen Deinem Gedanken & Napoleon? – Es kann, z.B., die sein, daß das Wort “Napoleon” in dem Ausdruck meines Gedankens vorkommt, plus dem Zusammenhang, den dieses Wort mit seinem Träger hatte; also etwa, daß er sich so unterschrieb, so angeredet wurde etc., etc.. “Aber mit dem Wort ‘Napoleon’ bezeichnest Du doch, wenn Du es aussprichst, eben diesen Menschen”. – “Wie geht denn, Deiner Meinung nach, dieser Akt des Bezeichnens vor sich? Momentan? oder braucht er Zeit?” – “Ja aber, wenn man Dich fragt: ‘hast Du jetzt eben den Mann gemeint, der die Schlacht bei Austerlitz gewonnen hat’, wirst Du doch sagen: ‘ja’. Also hast Du diesen Mann gemeint, als Du den Satz aussprachst?” – Wohl, aber nur etwa in dem Sinn, in welchem ich damals auch wußte, daß 6 × 6 = 36 ist. Die Antwort “ich habe den Sieger von Austerlitz gemeint” ist ein neuer Schritt in unserm Kalkül. Täuschend ist an dieser Antwort die vergangene Form, die eine Beschreibung dessen zu geben scheint, was “in mir” während des Aussprechens vorging. (“Aber ich habe ihn gemeint”. Sonderbarer Vorgang, dieses Meinen! Kann man (in Europa) jemanden meinen, auch wenn er in Amerika ist? Und auch, wenn er gar nicht mehr existiert?)
§Ms-114
75r[2]63. Man ist (irregeführt durch unsere Grammatik) versucht, zu fragen: “wie denkt man einen Satz, wie erwartet man daß das & das eintreffen wird? (wie macht man das?)” “Wie arbeitet der Gedanke, wie bedient er sich seines Ausdrucks?” – Diese Frage scheint analog der: “wie arbeitet der Musterwebstuhl, wie bedient er sich der Karten”.
Aber man könnte antworten: “Weißt Du es denn wirklich nicht? Du siehst es doch, wenn Du denkst.” Es ist ja nichts verborgen.
§Ms-114
75r[4] &75v[1]
Unser Gefühl ist dann, daß in dem Satz “ich glaube, daß p der Fall ist” etwas Wesentliches, der eigentliche Vorgang des Glaubens, nicht dargestellt, nur angedeutet sei, daß sich diese Andeutung durch eine Beschreibung des Mechanismus des Glaubens müsse ersetzen lassen. Eine Beschreibung, worin die Wortfolge “p” vorkäme, wie die Karten in der Beschreibung des Musterwebstuhls. Und daß nun diese Beschreibung erst der volle Ausdruck des Glaubens wäre. Vergleichen wir das Glauben mit dem Aussprechen des Satzes; es gehen auch da sehr komplizierte Vorgänge in unserm Kehlkopf, in den Sprechmuskeln, Nerven, etc., vor sich. Diese begleiten den ausgesprochenen Satz. Und er bleibt das Einzige was uns interessiert, nicht als Bestandteil eines Mechanismus, sondern eines Kalküls.
§Ms-114
75v[2]“Wie macht der Gedanke das, daß er darstellt?” – Die Antwort könnte sein: “Weißt Du es denn wirklich nicht? Du siehst es doch, wenn Du denkst.” Es ist ja nichts verborgen. Wie macht der Satz das? – Weißt Du es denn nicht? Es ist ja nichts versteckt.
§Ms-114
75r[3]Aber auf die Antwort “Du weißt ja, wie es der Satz macht, es ist ja nichts verborgen” möchte man sagen: “ja, aber es fließt alles so rasch vorüber & ich möchte es gleichsam breiter auseinandergelegt sehen”.
§Ms-114
75v[3] &76r[1]
Es ist uns, als ginge es uns mit dem Gedanken so, wie mit einer Landschaft, die wir gesehen haben & beschreiben sollen, aber wir erinnern uns ihrer nicht genau genug, um sie in allen ihren Zusammenhängen beschreiben zu können. So meinen wir, können wir das Denken nachträglich nicht beschreiben, weil uns die vielen feineren Vorgänge dann verloren gegangen sind. Diese feinen Verhäkelungen möchten wir sozusagen unter der Lupe sehen. (Denke an den Satz: “Alles fließt”.)
]
§Ms-114
76r[3] &76v[1]
Wir fragen: “Was ist ein Gedanke; welcher Art muß etwas sein, um die Funktion des Gedankens verrichten zu können?” Und diese Frage ist analog der: was ist, oder, wie funktioniert eine Nähmaschine? – Aber die Antwort, die der unsern analog wäre, würde lauten: schau den Strich an, den sie nähen soll; alles, was der Maschine wesentlich ist, ist an ihm zu sehen; alles andre kann so, oder anders sein. Was ist denn die Funktion, Bestimmung, des Gedankens? – Wenn sie seine Wirkung ist, dann interessiert sie uns nicht. Wir sind nicht im Bereiche der Kausalerklärungen & jede solche Erklärung klingt für uns trivial.
§Ms-114
125r[1]64. Wenn man an den Gedanken, als etwas spezifisch Menschliches, Organisches denkt, möchte man fragen: “Könnte es denn eine Gedankenprothese geben, einen anorganischen Ersatz für den Gedanken?” Aber wenn das Denken nun im Schreiben oder Sprechen besteht, warum soll dies nicht eine Maschine tun? – “Ja, aber die Maschine weiß von nichts!” – Freilich, von einer Prothese des Sehens & Hörens zu reden hat keinen Sinn. Man redet zwar von einem künstlichen Fuß, aber nicht von künstlichen Fußschmerzen.
§Ms-114
76r[2]“Aber könnte eine Maschine denken?” – Könnte sie Schmerzen haben? Hier kommt es drauf an, was man unter dem Ausdruck versteht “Schmerzen haben”. Ich kann den Andern als eine Maschine ansehen die Schmerzen hat, d.h.: den andern Körper. Und ebenso, natürlich, meinen Körper. Dagegen setzt das Phänomen der Schmerzen, welches ich beschreibe, wenn ich etwa sage “ich habe Zahnschmerzen”, einen physikalischen Körper nicht voraus. (Ich kann Zahnschmerzen haben ohne Zähne.) Und hier hat nun die Maschine gar keinen Platz. – Es ist klar, die Maschine kann nur einen physikalischen Körper ersetzen. Und in dem Sinne, in welchem man von einem solchen sagen kann, er habe Schmerzen, kann man es auch von einer Maschine sagen. Oder wieder: die Körper, von denen wir sagen, sie hätten Schmerzen, können wir mit Maschinen vergleichen, & auch Maschinen nennen.
§Ms-114
76v[3] &77r[1]
Es ist eine der für unsere Betrachtungen gefährlichsten Ideen, daß wir mit dem Kopf, oder im Kopf, denken. Die Idee von einem Vorgang im Kopf, in dem gänzlich abgeschlossenen Raum, gibt dem Denken etwas Okkultes. “Das Denken geht im Kopf vor sich” heißt eigentlich nichts anderes, als: der Kopf hat etwas mit dem Denken zu tun. – Man sagt freilich auch “ich denke mit der Feder” & diese Ortsangabe ist mindestens ebensogut. Zu sagen: Denken sei eine Tätigkeit des Geistes, wie Schreiben eine Tätigkeit der Hand, ist eine Travestie der Wahrheit. (Die Liebe im Herzen. Kopf & Herz als Lokalitäten der Seele.)
§Ms-114
125r[2] &125v[1]
65. Wir können sagen: Denken ist das Operieren mit Symbolen. Aber ‘Denken’ ist ein fließender Begriff, & welcher das ‘Operieren mit Symbolen’ ist, muß in jedem besondern Fall eigens betrachtet werden. Ich könnte auch sagen: Denken ist Operieren mit der Sprache; aber ‘Sprache’ ist ein fließender Begriff.
§Ms-114
125v[2]Wenn gesagt wird: “Denken ist ein geistiger Vorgang”, so ist das wohl nur richtig, insofern man auch das Sehen eines geschriebenen Satzes oder das Hören eines gesprochenen einen geistigen Vorgang nennt. Also in dem Sinne in welchem man Schmerzen einen geistigen Zustand nennt. Man will dann mit dem Wort “geistiger Vorgang” das ‘Erlebnis’ vom ‘physikalischen Vorgang’ unterscheiden. – Anderseits deutet freilich das Wort “geistiger Vorgang” an, daß es sich hier um unverstandene Vorgänge in einer uns nicht zugänglichen Sphäre handelt. Ferners redet die Psychologie auch von ‘unbewußten Gedanken’ & meint hier mit “Gedanken” einen Vorgang in einem Seelenmodell. (‘Modell’ in dem Sinn, in welchem man von einem mechanischen Modell der elektrischen Vorgänge spricht.) Wenn dagegen Frege vom Gedanken spricht, den ein Satz ausdrückt, so ist hier das Wort “Gedanke” etwa gleichbedeutend dem Wort “Sinn des Satzes”.
§Ms-114
126r[1]Man könnte sagen: in allen Fällen meint man mit “Gedanke” das Lebende am Satz. Das, ohne welches er tot, eine bloße Lautfolge oder Folge geschriebener Figuren ist. Wenn ich aber ebenso von einem Etwas spräche, welches einer Konfiguration von Schachfiguren Bedeutung gibt, d.h., sie von einer beliebigen Zusammenstellung von Holzklötzchen unterscheidet, was könnte ich da nicht alles meinen! Die Regeln die die Schachkonfiguration zu einer Situation eines Spiels machen, die besonderen Erlebnisse die wir mit solchen Spielstellungen verbinden, den Nutzen des Spiels. Oder wenn wir von einem Etwas sprächen, welches das Papiergeld von bloßen bedruckten Zetteln unterscheidet & ihm seine Bedeutung, sein Leben gibt!
§Ms-114
77r[3]Wenn wir vom Gedanken & seinem Ausdruck reden so ist der Gedanke nicht eine Art von Stimmung, die durch den Satz, wie durch eine Droge hervorgerufen wird. Und die Verständigung, durch die Sprache, ist nicht der Vorgang, daß ich durch ein Gift im Andern die gleichen Schmerzen hervorrufe, wie ich sie habe. (Was für einen Vorgang kann man “Gedankenübertragung” & “Gedankenlesen” nennen?)
§Ms-114
77v[1]66. (Niemand würde fragen, ob das schriftliche Multiplizieren zweier Zahlen im Dezimalsystem gleichläuft mit dem Gedanken der Multiplikation.)
§Ms-114
77r[4] &77v[1]
Ein französischer Politiker hat gesagt, die französische Sprache sei dadurch ausgezeichnet, daß in ihr die Wörter in der Reihenfolge stünden, wie man denkt. Die Idee, daß eine Sprache eine Wortfolge haben kann, die der Reihenfolge des Denkens entspricht, im Gegensatz zu anderen Sprachen, rührt von der Auffassung her, daß das Denken vom Ausdruck der Gedanken getrennt vor sich geht; & ein wesentlich anderer Vorgang ist. “Die grammatischen Möglichkeiten des Negationszeichens offenbaren sich freilich erst nach & nach im Gebrauch des Zeichens, aber ich denke die Negation auf einmal. Das Zeichen ‘nicht’ ist ja nur ein Hinweis auf den Gedanken ‘nicht’; es stößt mich nur, daß ich das Rechte denke (ist nur ein Signal).”
§Ms-114
78r[1]“Ich habe etwas bestimmtes damit gemeint, als ich sagte …”. – “Hast Du bei jedem Wort etwas anderes gemeint, oder während des ganzen Satzes dasselbe?” Übrigens seltsam: wenn man bei jedem deutschen Wort etwas meint, daß dann eine Zusammenstellung solcher Wörter Unsinn sein kann! – “Dachtest Du denn, als Du den Satz sagtest, daran, daß …” – “Ich dachte nur, was ich sagte.”
§Ms-114
78r[2]Lernt das Kind nur sprechen, oder auch denken? Lernt es den Sinn des Multiplizierens vor–, oder nach dem Multiplizieren?
§Ms-114
78r[3] &78v[1]
Ist es, quasi, eine Verunreinigung des Sinnes, daß wir ihn ein einer bestimmten Sprache, mit ihren Zufälligkeiten, ausdrücken, & nicht gleichsam körperlos & rein? Spiele ich eigentlich doch nicht das Schachspiel selbst, da die Figuren auch anders sein könnten?! (Ist ein mathematischer Beweis in der allgemeinen Theorie der Irrationalzahlen darum weniger allgemein oder streng, weil wir ihn mit Bezug auf die Dezimalnotation dieser Zahlen führen? Beeinträchtigt es auch die Strenge & Reinheit des Satzes 25 × 25 = 625, daß er in einem bestimmten Zahlensystem hingeschrieben ist?)
§Ms-114
78v[2]Der Gedanke kann nur etwas ganz hausbackenes, gewöhnliches, sein. (Man pflegt sich ihn als etwas Ätherisches, Unerforschtes, zu denken; als handle es sich um Etwas, dessen Außenseite bloß wir kennen, dessen Wesen aber noch unerforscht ist, – etwa wie unser Gehirn.) Man möchte sagen: “Der Gedanke, dieses seltsame Wesen”
Wir können wieder nur die Grammatik des Wortes “denken” explizit machen. (Und ebenso der Worte “erwarten”, “glauben”, etc..)
§Ms-114
126r[2] &126v[1]
Aber wenn ich sage der Gedanke sei etwas ganz Hausbackenes, so meine ich, es gehe uns mit diesem Begriff wie mit dem etwa der Zahl Eins. Es scheint etwas geheimnisvoll an ihm zu sein, weil wir seine Grammatik mißverstehn & ein greifbares Ding vermissen was dem Dingwort entspricht. (Das ist beinah ähnlich, wie wenn wir aus dem Raum vor uns eine menschliche Stimme hörten, aber keinen Menschen vor uns sähen.)
§Ms-114
78v[3]67. Wozu denkt der Mensch? Wozu ist es nütze? Warum berechnet er die Wandstärke eines Dampfkessels & läßt nicht den Zufall, oder die Laune, sie bestimmen? Es ist doch bloß Erfahrungstatsache, daß Kessel, die berechnet wurden, nicht so oft explodieren. Aber, wie er alles eher täte, als die Hand ins Feuer stecken, das ihn früher gebrannt hat, so wird er alles eher tun, als den Kessel nicht berechnen. Da uns nun Ursachen nicht interessieren, so können wir sagen: die Menschen denken tatsächlich; sie gehen z.B. auf diese Weise vor, wenn sie einen Dampfkessel bauen. – Kann nun ein so erzeugter Kessel nicht explodieren? Doch, gewiß!
§Ms-114
78v[4] &79r[1]
Wir überlegen uns Handlungen, ehe wir sie ausführen. Wir machen uns Bilder von ihnen; aber wozu? Es gibt doch kein “Gedankenexperiment”! Wir erwarten etwas, & handeln der Erwartung gemäß; muß die Erwartung eintreffen? Nein. Warum aber handeln wir nach der Erwartung? Weil wir dazu getrieben werden, wie dazu, einem Automobil auszuweichen, uns niederzusetzen, wenn wir müde sind, aufzuspringen, wenn wir uns auf einen Dorn gesetzt haben.
§Ms-114
79r[2]Was es mit dem Glauben an die Gleichförmigkeit des Geschehens auf sich hat, wird vielleicht am klarsten, wenn wir Furcht vor dem erwarteten Ereignis empfinden. Nichts könnte mich bewegen, meine Hand in die Flamme zu stecken, obwohl ich mich doch nur in der Vergangenheit verbrannt habe. Der Glaube, daß mich das Feuer brennen wird, ist von der Natur der Furcht, daß es mich brennen wird. Hier sehe ich auch was “es ist sicher” bedeutet.
§Ms-114
79r[3]Wenn man mich in's Feuer zöge, würde ich mich wehren & würde nicht gutwillig gehn; & ebenso würde ich schreien “es wird mich brennen!” & nicht: “es wird vielleicht ganz angenehm sein!”
§Ms-114
79r[4] &79v[1]
“Aber Du glaubst doch auch, daß es mehr Dampfkesselexplosionen geben würde, wenn man die Kessel nicht berechnete!” – Ja, ich glaube es; – aber was will das sagen? Folgt daraus, daß tatsächlich weniger sein werden? – Und was ist denn die Grundlage dieses Glaubens?
§Ms-114
79v[2] &80r[1]
68. Ich nehme an, daß dieses Haus, in dem ich schreibe im Laufe der nächsten halben Stunde nicht einstürzen wird. – Wann nehme ich das an; die ganze Zeit? Und was für eine Tätigkeit ist dieses Annehmen? Es kann damit eine psychologische Disposition gemeint sein; aber auch das Denken, Ausdrücken, eines bestimmten Gedankens. Im zweiten Falle spreche ich etwa einen Satz aus, der wieder ein Glied einer Überlegung (Kalkulation) ist. Nun sagt man: Du mußt aber doch einen Grund haben das anzunehmen, sonst ist die Annahme ungestützt & wertlos. – (Erinnere Dich daran, daß wir zwar auf der Erde stehen, die Erde aber nicht wieder auf etwas; & Kinder glauben, sie müsse fallen, wenn sie nicht gestützt ist.) Nun, ich habe auch Gründe zu meiner Annahme. Sie lauten etwa: daß das Haus schon jahrelang gestanden hat, aber nicht solange, daß es schon baufällig sein könnte; etc., etc.. – Was als Grund einer Annahme gilt, kann von vornherein angegeben werden, & bestimmt einen Kalkül; ein System von Übergängen. Wird nun aber nach einem Grund dieses Kalküls gefragt, so sehen wir, daß er nicht vorhanden ist. Ist der Kalkül also willkürlich von uns angenommen? So wenig, wie die Furcht vor dem Feuer, oder einem wütenden Menschen, der sich uns nähert. “Gewiß sind doch die Regeln der Grammatik, nach denen wir vorgehen & operieren, nicht willkürlich!” – Gut, also, warum denkt denn ein Mensch, wie er denkt, warum geht er denn durch diese Denkhandlungen? (Gefragt ist hier natürlich nach Gründen, nicht nach Ursachen.) Nun, da lassen sich Gründe in dem Kalkül angeben, & zum Schluß ist man dann versucht zu sagen: “es ist eben sehr wahrscheinlich, daß sich die Dinge jetzt so verhalten, wie sie sich immer verhalten haben”, – oder dergleichen. Eine Redewendung, die den Anfang der Begründung verhüllt. (Der Schöpfer als Erklärung am Beginn der Welt.) Das was so schwer einzusehen ist, lautet etwa: daß, solange wir im Bereich der Wahr-Falsch-Spiele bleiben, eine Änderung der Grammatik uns nur von einem solchen Spiel zu einem andern führen kann, aber nicht von etwas Wahrem zu etwas Falschem. Und wenn wir anderseits aus dem Bereich dieser Spiele heraustreten, so nennen wir es nicht mehr ‘Sprache’ & ‘Grammatik’, & zu einem Widerspruch mit der Wirklichkeit kommen wir wieder nicht.
§Ms-114
80r[2] &80v[1]
69. Was ist ein Satz? – Wovon unterscheide ich denn einen Satz? Oder, wovon will ich ihn denn unterscheiden? Von Satzteilen in seinem grammatischen System (wie eine Gleichung von ihren Teilen), oder von Allem, was wir nicht ‘Satz’ nennen, also diesem Sessel, meiner Uhr, etc. etc.?
§Ms-114
80v[2]Wenn ich frage: “wie ist der allgemeine Begriff des Satzes begrenzt”, – so muß dagegen gefragt werden: “ja, haben wir denn einen allgemeinen Begriff vom Satz?” “Aber ich habe doch einen bestimmten Begriff von dem was ich ‘Satz’ nenne.” – Nun, wie würde ich ihn denn einem Andern, oder mir selbst, erklären? Denn in dieser Erklärung wird sich ja zeigen, was mein Begriff ist (ein das Wort ‘Satz’ begleitendes Gefühl geht mich ja nichts an). Ich würde den Begriff durch Beispiele erklären. – Also geht mein Begriff, soweit die Beispiele gehn. – Aber es sind doch nur Beispiele & der Begriff, der nur sie allein umschließt, soll ja eben ausdehnungsfähig sein. – Gut, dann mußt Du mir sagen, was “ausdehnungsfähig” hier bedeutet. Die Grammatik dieses Wortes muß bestimmte Grenzen haben.
§Ms-114
80v[3] &81r[1]
“Aber ich kenne doch einen Satz, wenn ich ihn sehe, also muß ich auch die Grenzen des Begriffes scharf ziehen können.” Ist aber wirklich kein Zweifel möglich? – Denken wir uns eine Sprache in der alle Sätze Befehle sind in bestimmter Richtung zu gehn. (Sie würde etwa von einer Art primitiver Menschen ausschließlich im Kriege gebraucht. Denken wir daran, wie beschränkt einmal der Gebrauch der geschriebenen Sprache war.) Nun, Befehle “geh' hierhin!”, “geh dorthin!” würden wir noch Sätze nennen; wie aber wenn die Sprache nun nur aus dem Zeigen mit dem Finger in irgend einer Richtung bestünde? Wäre dieses Zeichen noch ein Satz? – Und wie ist es mit einer Sprache deren Zeichen nur das Verlangen nach bestimmten Gegenständen ausdrückte (ähnlich der ersten Sprache der Kinder) & die bloß aus Zeichen für diese Gegenstände besteht (gleichsam aus Hauptwörtern)? Oder denken wir an ein System aus zwei Zeichen bestehend, deren eines Annahme, das andre Ablehnung dargebotener Gegenstände ausdrückt. Ist dies eine Sprache, besteht sie aus Sätzen? Und anderseits: fällt alles was den Satzklang der deutschen Sprache hat unter unsern Satzbegriff? “Ich bin müde”, “2 × 2 ist 4”, “die Zeit vergeht”, “es gibt nur eine 0”?
§Ms-114
81r[2] &81v[1]
Das Wort “Satz” bezeichnet noch keinen scharf begrenzten Begriff. Wollen wir unserm Gebrauch dieses Wortes einen Begriff mit scharfen Grenzen an die Seite stellen, so steht es uns frei ihn zu definieren, ähnlich wie es uns freisteht die Bedeutung des primitiven Längenmaßes “ein Schritt” auf das Maß von 75 cm einzuengen.
§Ms-114
81v[2]70. “Was geschieht, wenn ein neuer Satz in die Sprache aufgenommen wird: was ist das Kriterium dafür, daß es ein Satz ist?” Denken wir uns einen solchen Fall. Wir lernen etwa eine neue Erfahrung kennen, das Bremseln des elektrischen Schlages, & sagen, es sei unangenehm. Mit welchem Recht nenne ich diese neu gebildete Aussage einen “Satz”? Nun, mit welchem Rechte habe ich denn von einer neuen “Erfahrung” geredet, oder von einer neuen “Muskelempfindung”? Doch wohl, nach Analogie meines früheren Gebrauchs dieser Wörter. Mußte ich aber, anderseits, das Wort “Erfahrung” & das Wort “Satz” in dem neuen Fall gebrauchen? Ist denn damit schon etwas über das Bremseln ausgesagt, daß ich dafür das Wort Erfahrung gebrauche? Und was läge daran, wenn ich den Ausdruck “das Bremseln ist unangenehm” aus dem Satzbegriff ausschlösse, weil ich seine Grenzen schon früher endgültig gezogen hätte?
§Ms-114
81v[3] &82r[1]
Vergleiche mit dem Satzbegriff den Begriff ‘Zahl’, & anderseits den Begriff der Kardinalzahl. Zu den Zahlen rechnen wir die Kardinalzahlen, Rationalzahlen, irrationalen Zahlen, komplexen Zahlen; ob wir noch andere Konstruktionen, nach ihrer Ähnlichkeit mit diesen, Zahlen nennen, oder die Grenze hier oder anderswo endgültig ziehen wollen, steht uns frei. Der Zahlbegriff ist darin analog dem Begriff des Satzes. Dagegen kann man den Begriff der Kardinalzahl [1, ξ, ξ + 1] einen streng umschriebenen nennen, d.h. er ist ‘Begriff’ in einem andern Sinne dieses Wortes.
§Ms-114
82r[2]71. Wie bin ich denn zum Begriff ‘Satz’, oder zum Begriff ‘Sprache’ gekommen? Doch nur durch die Sprachen, die ich gelernt habe. – Aber die scheinen mich in gewissem Sinne über sich selbst hinausgeführt zu haben, denn ich bin jetzt im Stande, eine neue Sprache zu konstruieren, z.B., Wörter zu erfinden. – Also gehört diese Konstruktion noch zum Begriff der Sprache. Aber nur, wenn ich ihn so festlege. Immer wieder ist der Sinn meines “u.s.w.” grammatisch begrenzt.
§Ms-114
82v[4]Das ist es auch, was ich damit gemeint habe, “daß es zwar in der Wirklichkeit Überraschungen gibt, aber nicht in der Grammatik”.
§Ms-114
92v[1]“Aber die Sprache kann sich doch erweitern.” – Gewiß; aber wenn dieses Wort “erweitern” hier einen Sinn hat, so muß ich jetzt schon wissen, was damit gemeint ist, muß angeben können, wie ich mir so eine Erweiterung vorstelle. Und was ich jetzt nicht denken kann, das kann ich jetzt auch nicht ausdrücken, & auch nicht andeuten. Und das Wort “jetzt” bedeutet hier: “in diesem Kalkül”, oder: “wenn die Worte nach diesen grammatischen Regeln gebraucht werden”. Hier haben wir auch dieses bohrende Problem: wie es möglich ist, an die Existenz von Dingen auch nur zu denken, wenn wir immer nur Vorstellungen – ihre Abbilder – sehen. – abgeschrieben – Wir fragen: “Wie bin ich denn aber überhaupt zu diesem Begriff gekommen?” Zu dieser Frage ist ganz richtig der Nachsatz zu denken: “ich konnte doch nicht mein eigenes Denken transzendieren”, “ich konnte doch nicht sinnvoll das transzendieren, was für mich Sinn hat”. Es ist das Gefühl: daß ich nicht auf Schleichwegen (hinterrücks) dahin kommen kann, etwas zu denken, was auf direktem Wege zu denken mir verwehrt ist.
§Ms-114
82v[2]Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus, & auch kein Argument.
§Ms-114
82v[3]Was tut der, der eine neue Sprache konstruiert (erfindet), nach welchem Prinzip geht er vor? Denn dieses Prinzip ist der Begriff der ‘Sprache’. – Erweitert (verändert) jede neu konstruierte Sprache den Begriff der Sprache? – Überlege, welches Verhältnis sie zum früheren Begriff hat. Das kommt darauf an, wie dieser Begriff festgelegt wurde. – Denken wir an das Verhältnis der Komplexen Zahlen zum ältern Zahlbegriff; & anderseits, an den Fall, wenn zum ersten Mal zwei bestimmte (etwa sehr große) Kardinalzahlen hingeschrieben & mit einander multipliziert werden, & an das Verhältnis dieser neuen Multiplikation zum allgemeinen Begriff der Multiplikation von Kardinalzahlen.
§Ms-114
126v[4]72. Man kann in der Logik nicht allgemein sein ins Blaue. Lege ich die Grammatik meiner Allgemeinheit fest so gibt es keine logischen Überraschungen mehr. Und lege ich sie nicht fest so bin ich nicht mehr im Reich einer exakten Grammatik. D.h.: die Unbestimmtheit der Allgemeinheit ist keine Unbestimmtheit ihrer Grammatik. Die Allgemeinheit ist eine Bewegungsfreiheit, keine Unbestimmtheit der Geometrie.
§Ms-114
82v[5] &83r[1]
Aber, wenn so der allgemeine Begriff der Sprache, sozusagen, zerfließt, zerfließt da nicht auch die Philosophie? Nein, denn die Aufgabe der Philosophie ist nicht, eine neue, ideale, Sprache zu schaffen, sondern den Sprachgebrauch unserer Sprache – der bestehenden – zu klären. Ihr Zweck ist es besondere Mißverständnisse zu beseitigen; nicht, etwa, ein eigentliches Verständnis erst zu schaffen.
§Ms-114
83r[2]Der welcher darauf aufmerksam macht, daß ein Wort in mehreren verschiedenen Bedeutungen gebraucht wurde, oder, daß bei dem Gebrauch eines Ausdrucks uns dieses irreführende Bild vorschwebt, & der überhaupt Regeln feststellt (tabuliert), nach denen gewisse Worte gebraucht werden, hat gar nicht die Pflicht übernommen eine Erklärung (Definition) des Wortes “Regel”, oder “Satz”, oder “Wort”, etc. zu geben. Es ist mir erlaubt das Wort “Regel” zu verwenden, ohne zuerst die Regeln des Gebrauchs dieses Wortes zu tabulieren. Und diese Regeln sind nicht Über-Regeln.
§Ms-114
83r[3]Und die Philosophie hat es in demselben Sinn mit Kalkülen zu tun, wie sie es mit Gedanken, Sätzen & Sprachen zu tun hat. Hätte sie's aber wesentlich mit dem Begriff des Kalküls zu tun, also mit dem Begriff des Kalküls vor allen Kalkülen, so gäbe es eine Metaphilosophie. (Aber die gibt es nicht. Man könnte alles, was wir zu sagen haben, so darstellen, daß das als ein leitender Gedanke erschiene.)
§Ms-114
83v[1] &84r[1]
73. Wie gebrauchen wir denn das Wort “Regel”, wenn wir etwa von Spielen reden? Im Gegensatz wozu? – Wir sagen z.B. “das folgt aus dieser Regel”, aber dann könnten wir die betreffende Regel zitieren & so das Wort “Regel” ersetzen. Oder wir sprechen von “allen Regeln des Spiels” & haben sie dann entweder aufgezählt (& dann liebt wieder der erste Fall vor), oder wir sprechen von den Regeln als einer Gruppe von Ausdrücken, die auf bestimmte Art aus gegebenen Grundregeln erzeugt werden, & dann steht das Wort “Regel” für den Ausdruck dieser Grundregeln & Operationen. Oder wir sagen: “das ist eine Regel, das nicht”, – wenn das zweite, etwa, nur ein einzelnes Wort ist oder ein nicht vollständiger Satz im Sinne der deutschen Grammatik, oder die Illustration einer Stellung der Spielfiguren. (Oder: “nein, das ist nach der neuen Abmachung auch eine Regel”.) – Wenn wir etwa das Regelverzeichnis des Spiels aufzuschreiben hätten, so könnte so etwas gesagt werden & dann hieße es: das gehört hinein, das nicht. Aber nicht vermöge einer bestimmten Eigenschaft (nämlich der, eine Regel zu sein); wie wenn man lauter Äpfel in eine Kiste packen möchte, & sagt: “nein, das gehört nicht hinein, das ist eine Birne”. Ja, aber wir nennen doch manches “Spiel”, & manches nicht, & manches “Regel”, & manches nicht! – Aber auf die Abgrenzung alles dessen, was wir Spiel nennen gegen alles Andere, kommt es ja nie an. Die Spiele sind für uns die Spiele, von denen wir gehört haben, die wir aufzählen können, & etwa noch einige nach Analogie neu gebildete; & wenn jemand etwa ein Buch über die Spiele schriebe, so brauchte er eigentlich das Wort “Spiel” auch im Titel des Buches nicht zu verwenden, sondern als Titel könnte eine Aufzählung der Namen der einzelnen Spiele stehen. Und gefragt: Was ist denn aber das Gemeinsame aller dieser Dinge, weswegen Du sie zusammenfaßt? – könnte er sagen: ich weiß es nicht in einem Satz anzugeben, – aber Du siehst ja viele Analogien. Im übrigen scheint mir die Frage müßig, da ich auch wieder, nach Analogien fortschreitend, durch unmerkbare Stufen zu Gebilden kommen kann, die niemand mehr im gewöhnlichen Leben “Spiel” nennen würde. Ich nenne daher “Spiel” das, was auf dieser Liste steht, wie auch, was diesen Spielen bis zu einem gewissen (von mir nicht näher bestimmten) Grade ähnlich ist. Und ich behalte mir vor, in jedem neuen Fall zu entscheiden, ob ich etwas zu den Spielen rechnen will oder nicht.
§Ms-114
84r[2] &84v[1]
Und so verhält es sich mit dem Begriff ‘Regel’, ‘Satz’, ‘Sprache’, etc.. Nur in besonderen Fällen (d.h., nicht immer, wenn wir das Wort “Regel” gebrauchen) handelt es sich darum die Regeln von etwas abzugrenzen, was nicht Regel ist, & in allen diesen Fällen ist es leicht das unterscheidende Merkmal zu geben. Wir brauchen das Wort “Regel” im Gegensatz zu “Wort”, “Abbildung” & einigem Andern, & diese Abgrenzungen können klar gezogen werden. Dagegen ziehen wir dort meist keine Grenzen, wo wir sie nicht brauchen. (Es ist, wie wenn man für gewisse Spiele nur einen Strich mitten durchs Spielfeld zieht um die Parteien zu trennen, das Feld aber im übrigen nicht begrenzt, weil es nicht nötig ist.) Wir können das Wort “Pflanze” in unmißverständlicher Weise gebrauchen, aber es lassen sich unzählige Grenzfälle konstruieren, für welche die Entscheidung, ob etwas noch unter den Begriff ‘Pflanze’ falle, erst zu treffen wäre. Ist aber deshalb die Bedeutung des Wortes “Pflanze” in allen andern Fällen mit einer Unsicherheit behaftet, sodaß man sagen könnte, wir verstehen das Wort eigentlich nicht? Ja, würde uns eine Definition, die diesen Begriff nach mehreren Seiten hin begrenzte, die Bedeutung des Wortes in allen Sätzen klarer machen, & wir also alle Sätze, in denen es vorkommt, besser verstehn?
§Ms-114
127r[1] &127v[1]
74. Wie haben wir denn das Wort “Pflanze” verstehen gelernt? Wenn ich davon absehe, daß wir vielleicht eine Definition des Begriffs, in der Botanik etwa, gelernt haben, die dann auch nur in der Botanik eine Rolle spielt, so ist es klar, daß wir die Bedeutung des Wortes durch Beispiele gelernt haben. Und wenn wir nun von hypothetischen Dispositionen absehen, so stehen diese Beispiele nur für sich selbst. Hypothesen über das Lernen & Gebrauchen der Sprache & kausale Zusammenhänge interessieren uns ja nicht. Wir nehmen daher nicht an, daß die Beispiele im Lernenden etwas hervorrufen, ein Wesen vor seine Seele rufen, die Bedeutung des Begriffswortes, den Begriff ‘Pflanze’. Sollten die Beispiele eine Wirkung haben indem sie, sagen wir, ein bestimmtes Gesichtsbild im Lernenden hervorrufen, so geht uns der kausale Zusammenhang zwischen den Beispielen & diesem Bild nichts an, & für uns stehen sie nebeneinander. Und wir können etwa dann von den Beispielen ganz absehen & nur das Bild als Symbol des Begriffs ansehen; oder auch Bild & Beispiele zusammen. Wenn man sagt “wir verstehen das Wort ‘Sessel’, weil wir wissen, was allen Sesseln gemeinsam ist” –, was heißt es, daß wir das wissen? Etwa daß wir bereit sind es zu sagen (wie im Fall “wir wissen, daß 6 × 6 36 ist”)? Und was ist also das Gemeinsame? Oder sagen wir hier nicht nur darum, wir wissen das Gemeinsame, weil wir das Wort “Sessel” anwenden können? Verführt uns da nicht etwa eine Analogie wie diese: Nehmen wir an, ich erklärte das Wort “rot” indem ich auf eine rote Wand, ein rotes Buch, ein rotes Tuch zeigte & jemand fertigte danach ein Muster der Farbe Rot an indem er ein Rotes Täfelchen herstellte. Man könnte in diesem Falle sagen, er habe gezeigt daß er begriffen habe, was das Gemeinsame aller Beispiele war, die ich ihm gegeben hatte.
§Ms-114
127v[2]Der grammatische Ort des Wortes “Spiel”, “Regel” etc. ist durch Beispiele etwa so gegeben, wie der Ort einer Zusammenkunft durch die Angabe sie werde bei diesem & diesem Baum stattfinden.
§Ms-114
127v[3] &128r[1]
75. Man denkt sich die Bedeutung als etwas, was uns bei dem Wort vorschwebt. Was uns bei dem Wort vorschwebt charakterisiert jedenfalls die Bedeutung. Was mir aber vorschwebt ist ein Beispiel, ein Fall der Anwendung des Worts. Und das Vorschweben besteht nicht eigentlich darin, daß, wenn immer ich das Wort ausspreche oder höre eine bestimmte Vorstellung gegenwärtig ist, sondern daß mir, wenn ich nach der Bedeutung des Wortes gefragt werde, Anwendungen des Wortes einfallen.
§Ms-114
128r[2]Jemand sagt mir: “Zeige den Kindern ein Spiel!” Ich lehre sie nun Geld würfeln & der Andere sagt mir: “Ich habe nicht so ein Spiel gemeint”. Mußte ihm da, als er mir den Befehl gab der Ausschluß des Würfelspiels vorschweben?
§Ms-114
128r[3]Nehmen wir an jemand sagte: “Nein, so ein Spiel habe ich nicht gemeint; ich habe ‘Spiel’ in der engeren Bedeutung gebraucht”. Wie zeigt es sich daß er das Wort in einer engeren Bedeutung gebraucht?
§Ms-114
128r[4] &128v[1]
Kann man aber das Wort “Spiel” nicht auch in seiner weitesten Bedeutung gebrauchen? Aber welches ist die? Es sind ja keine Grenzen gezogen außer wir legen eigens solche fest. Ein Satz wie der: “Die Assyrer kannten verschiedene Spiele”, wenn wir ihn ohne jede weitere Qualifikation etwa in einem Geschichtsbuch fänden, würde uns sehr seltsam anmuten; weil wir nicht sicher wären ein Beispiel angeben zu können was auch nur beiläufig der Bedeutung des Wortes “Spiel” in diesem Fall entspricht.
§Ms-114
128v[2]Es will etwa jemand in das Regelverzeichnis eines Spieles schreiben, das Spiel sei in dem & dem Jahre erfunden worden. Ich sage: “ (Nein,) das gehört nicht ins Regelverzeichnis, das ist keine Regel”. Ich schließe hier also Sätze der Geschichte aus den Regeln aus. Und ebenso würde ich einen Satz wie: “dieses Spiel ist nur durch lange Übung zu erlernen” als einen Erfahrungssatz aus den Regeln ausschließen. Aber es würde uns leicht irreführen zu sagen, man hätte damit um das Gebiet der Regeln Grenzen gezogen.
§Ms-114
128v[3] &129r[1]
76. Wenn ich jemandem den Gebrauch eines Wortes, etwa des Wortes “wünschen”, durch charakteristische Beispiele klar zu machen suche, so liegt es nahe, daß der Andere in Form eines Einwands gegen das von mir Vorgebrachte ein Beispiel anführt das auf eine noch andere Gebrauchsart hindeutet. Meine Antwort ist dann, daß das neue Beispiel für unsre Betrachtung nützlich werden kann, daß es aber kein Einwand gegen meine Beispiele ist. Denn ich wollte ja nicht sagen, diese Beispiele seien die Darstellung des Wesens dessen was man “wünschen” nennt. Höchstens Darstellungen verschiedener Wesenheiten die alle man wegen gewisser Verwandtschaften mit diesem Wort bezeichnet. Der Irrtum ist, daß angenommen wird, wir wollten durch Beispiele das Wesen, des Wünschens etwa, illustrieren, & die Gegenbeispiele zeigten nun, daß dieses Wesen noch nicht richtig erfaßt sei. Das ist, als wäre unser Ziel, eine Theorie des Wünschens zu geben, die dann eben alle Fälle des Wünschens erklären müßte. Darum sind aber anderseits die herangezogenen Beispiele nur dann von Nutzen, wenn sie klar ausgeführt, & nicht bloß vag angedeutet sind.
§Ms-114
84v[2] &85r[1]
Der Gebrauch des Wortes “Satz”, “Sprache”, etc. hat die Verschwommenheit des normalen Gebrauchs aller Begriffswörter unserer Sprache. Zu glauben, sie wären darum unbrauchbar, oder doch ihrem Zweck nicht ganz entsprechend, wäre so, als wollte man sagen: “der Duft dieser Rose ist nichts nutz, weil man nicht weiß, wo er anfängt & wo er aufhört”. Will ich zur Aufklärung & zur Vermeidung von Mißverständnissen im Gebiet eines solchen Sprachgebrauchs scharfe Grenzen ziehen, so werden sich diese zu den verfließenden Grenzen im natürlichen Sprachgebrauch ([unreadable]) verhalten, wie scharfe Konturen in einer Federzeichnung zu den allmählichen Übergängen von Farbflecken in der dargestellten Wirklichkeit.
§Ms-114
85r[2]Sokrates weist den Schüler zurecht, der, nach dem Wesen der Erkenntnis gefragt, Erkenntnisse aufzählt. Und er läßt dies auch nicht als einen vorläufigen Schritt zur Beantwortung der Frage gelten. Während unsere Antwort gerade eine solche Aufzählung & die Angabe einiger Analogien ist. (Wir machen es uns in der Philosophie in gewissem Sinne immer leichter & leichter.)
§Ms-114
85r[3] &85v[1]
77. Die Philosophie der Logik redet in keinem andern Sinn von Sätzen & Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun, wenn wir sagen “hier steht ein chinesischer Satz aufgeschrieben”, oder “nein, das sieht nur aus wie ein Schriftzeichen, ist aber ein Ornament”, etc. etc.. Wir reden von dem räumlichen & zeitlichen Phänomen der Sprache, nicht von einem unräumlichen & unzeitlichen Unding. Aber wir reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Regeln für ihren Gebrauch angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben. Die Frage “was ist ein Wort” ist analog der: “was ist eine Schachfigur (etwa der Schachkönig)”.
§Ms-114
85v[2]Wir können leicht, beim Nachdenken über Sprache & Bedeutung, dahin kommen zu denken, wir redeten in der Philosophie eigentlich nicht von Wörtern & Sätzen im ganz hausbackenen Sinn, sondern in einem sublimierten, abstrakten Sinn. – So als wäre ein bestimmter Satz nicht eigentlich das, was irgend ein Mensch ausspricht, sondern ein Idealwesen (die “Klasse aller gleichbedeutenden Sätze”, oder dergleichen). Aber ist auch der Schachkönig von dem die Schachregeln handeln ein solches Idealding, ein abstraktes Wesen? [→ [“Hier ist es schwer den Kopf …”]]
[neue Zeile, nicht Absatz]
§Ms-114
86r[2](Über unsre Sprache sind nicht mehr Bedenken gerechtfertigt, als ein Schachspieler über das Schachspiel hat, nämlich keine.)
§Ms-114
85v[3]Wir können in der Philosophie auch keine größere Allgemeinheit erreichen, als in dem, was wir im Leben & der Wissenschaft sagen. Auch hier (wie in der Mathematik) lassen wir alles, wie es ist.
§Ms-114
85v[4] &86r[1]
Wenn ich über Sprache (Wort, Satz, etc.) rede, muß ich die Sprache des Alltags reden. Ist diese Sprache etwa zu grob, materiell, für das, was wir sagen wollen? Und wie wird denn eine andere gebildet? – Und wie merkwürdig, daß wir dann mit der unsern überhaupt etwas anfangen können! Daß ich bei den philosophischen Erklärungen der Sprache schon die volle Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muß, zeigt schon, daß ich nur Äußerliches über die Sprache vorbringen kann. “Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen?” – Nun, Deine Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefaßt! – Und Deine Skrupel sind Mißverständnisse. – Deine Fragen beziehen sich auf Wörter, so muß ich von Wörtern reden. Man sagt: Es kommt nicht auf's Wort an, sondern auf seine Bedeutung; & denkt dabei an die Bedeutung, wie an eine Sache von der Art des Worts, wenn auch vom Wort verschieden. Hier das Wort, hier die Bedeutung. Das Geld & die Kuh, die man dafür kaufen kann. (Anderseits aber: das Geld, & sein Nutzen.)
§Ms-114
86r[3] &86v[1]
78. Wenn wir nach der allgemeinen Satzform fragen –, bedenken wir, daß die gewöhnliche Sprache zwar einen bestimmten Satzrhythmus, Satzklang hat, daß wir aber nicht alles, was diesen Satzklang hat, einen Satz nennen. – Daher spricht man auch vom sinnvollen & unsinnigen “Satz”. Anderseits aber ist dieser Satzklang dem was wir in der Logik Satz nennen nicht wesentlich. Der Ausdruck “gut Zucker” klingt nicht wie ein deutscher Satz, kann aber doch sehr wohl den Satz “Zucker schmeckt gut” ersetzen. Und zwar nicht etwa so, daß wir uns etwas Fehlendes hinzudenken müßten. (Vielmehr kommt es nur auf das Ausdruckssystem an dem der Ausdruck “gut Zucker” angehört.) Es fragt sich also, ob wir abgesehen von diesem irreführenden Satzklang noch einen allgemeinen Begriff vom Satz haben.
§Ms-114
86v[2]Denken wir uns die deutsche Sprache so geändert daß die Reihenfolge der Wörter im Satz die umgekehrte der gegenwärtig richtigen ist. Das Ergebnis wären also Wortfolgen welche wir erhalten, wenn wir Sätze eines deutschen Buches von rechts nach links durchlesen. Es ist klar, daß die Mannigfaltigkeit der Ausdrucksmöglichkeiten dieser Sprache genau die gleiche wie die der deutschen sein muß; aber wir könnten einen längeren Satz, wenn er so gelesen würde nur äußerst schwer verstehen & würden vielleicht nie lernen “in dieser Sprache zu denken”. (Das Beispiel einer solchen Sprache kann manches am Wesen dessen, was wir “Gedanken” nennen, klar machen.)
§Ms-114
86v[3] &87r[1]
79. Die Erklärung: “Satz sei alles, was wahr oder falsch sein kann” bestimmt den Begriff des Satzes in einem besondern Sprachsystem als das, was in diesem System Argument einer Wahrheitsfunktion sein kann. Und wenn wir von dem sprechen, was der Satzform als solcher wesentlich ist, so sind wir geneigt die Wahrheitsfunktionen zu meinen. “Satz ist alles, was wahr oder falsch sein kann” heißt dasselbe wie: “Satz ist alles, was sich verneinen läßt”.
§Ms-114
87r[2]“p” ist wahr = p “p” ist falsch = ~p
Man könnte sagen: die Worte “wahr” & “falsch” sind nur Glieder einer bestimmten Notation der Wahrheitsfunktionen.
Was er sagt, ist wahr = Es ist so, wie er sagt.
§Ms-114
87r[3] &87v[1]
Ist es denn richtig, zu schreiben ““p” ist wahr”, “‘p’ ist falsch”; muß es nicht heißen “ p ist wahr” (oder falsch)? Der Tintenstrich ist doch nicht wahr; wie er schwarz & krumm ist. Sagt denn “‘p’ ist wahr” etwas über das Zeichen ‘p’ aus? – “Ja, es sagt, daß ‘p’ mit der Wirklichkeit übereinstimmt.” – Betrachten wir, statt eines Satzes der Wortsprache, ein gezeichnetes Bild das nach exakten Projektionsregeln mit der Wirklichkeit zu vergleichen ist. Hier muß es sich gewiß am deutlichsten zeigen, was “‘p’ ist wahr” von dem Bild ‘p’ aussagt. Man kann also den Satz “‘p’ ist wahr” mit dem vergleichen: “dieser Gegenstand hat die Länge dieses Meterstabes”; & “p” dem Satz: “dieser Gegenstand ist 1 m lang”. Aber der Vergleich ist falsch, denn “dieser Meterstab” ist eine Beschreibung, “Meterstab” eine Begriffsbestimmung. Dagegen tritt in “‘p’ ist wahr” der Maßstab unmittelbar in den Satz ein. ‘p’ repräsentiert hier einfach die Länge & nicht den Meterstab. Denn die darstellende Zeichnung ist ja auch gar nicht ‘wahr’, außer nach einer bestimmten Projektionsmethode, die den Maßstab zu einem rein geometrischen Anhängsel der gemessenen Strecke macht.
§Ms-114
87v[2]Man kann es auch so sagen: Den Satz “‘p’ ist wahr” kann man nur dann verstehen wenn man die Grammatik des Zeichens “‘p’” als eines Satzzeichens versteht; nicht, wenn “‘p’” einfach der Name der Gestalt eines bestimmten Tintenstriches ist. Und endlich kann man sagen die Anführungszeichen im Satz “‘p’ ist wahr” sind einfach überflüssig.
§Ms-114
87v[3] &88r[1]
Wenn man erklärt: “(x) ∙ fx” sei wahr, wenn “f( )” für alle Substitutionen wahre Sätze ergibt, – so bedenken wir, daß der Satz “(x) ∙ fx” aus dem Satz “‘f( )’ gibt für alle Substitutionen wahre Sätze” folgt, & umgekehrt dieser aus jenem. Die beiden Sätze sagen also das selbe. Jene Erklärung setzt also den Mechanismus der Verallgemeinerung nicht erst aus seinen Teilen zusammen. –
§Ms-114
88r[2]Man kann natürlich nicht sagen, Satz sei dasjenige, wovon man “wahr” & “falsch” aussagen kann, in dem Sinn, als könnte man versuchen, zu welchen Symbolen die Wörter “wahr” & “falsch” paßten & danach entscheiden, ob etwas ein Satz ist. Denn dieser Versuch könnte nur dann etwas bestimmen, wenn “wahr” & “falsch” schon bestimmte Bedeutungen haben, & das können sie nur wenn der Zusammenhang in dem sie vorkommen dürfen bereits festgelegt ist. (Denke auch an die Bestimmung von Redeteilen durch Fragen. “Wer oder was …?”)
§Ms-114
88v[4]80. In dem Schema “es verhält sich so & so” ist das “es verhält sich” eigentlich der Angriff für die Wahrheitsfunktionen. “Es verhält sich” ist also ein Ausdruck aus einer Notation der Wahrheitsfunktionen. Ein Ausdruck der uns zeigt, welcher Teil der Grammatik hier in Funktion tritt.
§Ms-114
88v[3]Wenn ich “es verhält sich so & so” als allgemeine Satzform gelten lasse, dann muß ich “2 + 2 = 4” unter die Sätze rechnen. Es braucht weitere Regeln, um die Sätze der Arithmetik auszuschließen.
§Ms-114
88r[3] &88v[1]
Kann man die allgemeine Form des Satzes angeben? – Warum nicht? Wie man ja auch den Begriff Zahl festlegen könnte, durch das Zeichen “[0, ξ, ξ + 1]” z.B.. Es steht mir ja frei nur das “Zahl” zu nennen, & so kann ich eine analoge Vorschrift auch zur Bildung von Sätzen oder Gesetzen geben & das Wort “Satz” oder “Gesetz” als Äquivalent dieser Vorschrift gebrauchen. – Wehrt man sich dagegen & sagt, es sei doch klar, daß dadurch nur gewisse Gesetze von andern abgegrenzt worden seien, so antworte ich: Du kannst freilich nicht eine Grenze ziehen, wenn Du von vornherein entschlossen bist keine anzuerkennen! Es bleibt dann natürlich die Frage: Wie gebrauchst Du das Wort Satz? Im Gegensatz wozu? –
§Ms-114
88v[2](“Kann ein Satz von allen Sätzen, oder allen Satzfunktionen, handeln?” – Was meint man damit? Denkt man an einen Satz der Logik? – Wie sieht denn der Beweis eines solchen Satzes aus?)
§Ms-114
88v[5]Eine allgemeine Satzform bestimmt den Satz als Glied eines Kalküls.
§Ms-114
88v[6] &89r[1]
81. Die Regeln, welche aussagen, daß die & die Zusammenstellungen von Worten keinen Sinn ergibt, sind sie mit den Festsetzungen für das Schachspiel zu vergleichen, daß es, z.B., keine Spielstellung ist, wenn zwei Figuren auf demselben Feld stehen, oder eine Figur auf der Grenze zweier Felder, etc.? Diese Sätze sind wieder ähnlich gewissen Handlungen; wie wenn man z.B. ein Schachbrett aus einem größeren Stück eines karierten Papiers herausschnitte. Sie ziehen eine Grenze.
Was heißt es denn, zu sagen: “diese Wortzusammenstellung ist sinnlos”? Von einem Wort kann man sagen: “diesen Namen habe ich niemandem gegeben”; & das Namengeben ist eine bestimmte Handlung (Umhängen eines Täfelchens). Denke an die Darstellung der Reise eines Forschers durch eine Linie, die wir in den Projektionen der beiden Erdhalbkugeln ziehen. Wir können nun sagen: Ein Linienstück, das auf der Zeichenebene die Grenzkreise dieser Projektionen verläßt, ist in dieser Darstellung sinnlos. Man könnte es auch so ausdrücken: Keine Vereinbarung ist darüber getroffen worden.
§Ms-114
89r[2] &89v[1]
“Wie mach' ich's denn, um ein Wort immer sinnvoll anzuwenden; schaue ich immer in der Grammatik nach? Nein, daß ich etwas meine, – was ich meine hindert mich Unsinn zu sagen”. – Aber was meine ich denn? – Ich möchte sagen: Ich rede vom Teilen eines Apfels, aber nicht vom Teilen der Farbe Rot, weil ich bei den Worten “teilen eines Apfels” mir etwas denken kann, etwas vorstellen, etwas wollen kann, – beim Ausdruck “teilen der Farbe Rot” nicht. Richtiger wäre es zu sagen, daß ich bei den Worten “teilen eines Apfels” mir etwas denke, vorstelle, etwas will, aber nicht beim Ausdruck “teilen der Farbe rot”. Der Ausdruck “ich teile Rot” kann aber doch einen Sinn haben (z.B. den des Satzes “ich teile etwas Rotes”). – Was, wenn ich fragte: welches Wort, welcher Fehler, macht den Ausdruck zum Unsinn? Da sieht man, daß wir bei diesem Ausdruck, trotz seiner Sinnlosigkeit, an ein ganz bestimmtes grammatisches System denken. Daher sagen wir auch “Rot kann man nicht teilen”, geben also eine Antwort; während man auf eine Wortzusammenstellung wie “ist hat gut” nichts antworten würde. – Denkt man nun aber an ein bestimmtes System, Sprachspiel mit seiner Anwendung, dann sagt, daß “ich teile rot” unsinnig ist, vor allem, daß dieser Ausdruck nicht zu dem bestimmten Spiel gehört, zu dem es, seinem Aussehen nach zu gehören scheint.
§Ms-114
89v[2] &90r[1]
Was machen wir nun, wenn wir der Wortgruppe “ich teile Rot” einen Sinn geben? – Ja wir könnten doch ganz Verschiedenes aus ihr machen: einen Erfahrungssatz, einen Satz der Arithmetik (wie 2 + 2 = 4), einen unbewiesenen Satz der Mathematik (wie den Goldbachschen Satz), einen Ausruf, und anderes. Ich habe also eine beliebige Auswahl; & wie ist die begrenzt? Das ist schwer zu sagen –: durch allerlei Arten von Nützlichkeit, & auch durch die formelle Ähnlichkeit der Gebilde mit gewissen primitiven Satzformen, & alle diese Grenzen sind verschwommen.
§Ms-114
90r[2]“Woher weiß ich, daß man Rot nicht teilen kann?” – Das ist selbst keine Frage. Ich möchte sagen: “Man muß mit der Unterscheidung von Sinn & Unsinn anfangen. Vor ihr ist nichts möglich. Ich kann sie nicht begründen.”
§Ms-114
90r[3] &90v[1]
82. Kann man fragen: “wie müssen die grammatischen Regeln für die Wörter beschaffen sein, damit sie einem Satz Sinn geben”? Ich sage z.B.: “Hier liegt kein Buch, aber es könnte eins da liegen; dagegen ist es unsinnig zu sagen, die Farben grün & rot könnten zu gleicher Zeit an einem Ort sein. Aber, wenn der Satz dadurch sinnvoll wird, daß er mit den grammatischen Regeln in Einklang ist, so machen wir eben die Regel, die den Satz “rot & grün sind zugleich an diesem Fleck” zuläßt. Gut; aber damit ist nun die Grammatik dieses Ausdrucks noch nicht festgelegt. Es müssen erst noch weitere Bestimmungen darüber getroffen werden, wie ein solcher Satz zu gebrauchen ist; wie er z.B. verifiziert wird.
§Ms-114
90v[2]Wenn man auch den Satz als Bild des beschriebenen Sachverhalts auffaßt & sagt, der Satz zeige eben, wie es ist, wenn er wahr ist, er zeige also die Möglichkeit des behaupteten Sachverhalts; so kann der Satz doch bestenfalls tun, was ein gemaltes, oder modelliertes, Bild tut, & er kann also jedenfalls nicht das hinstellen, was nun einmal nicht der Fall ist. Also hängt es ganz von unserer Grammatik ab, was möglich genannt wird & was nicht, nämlich eben was sie zuläßt. Aber das ist doch willkürlich! – Gewiß; aber grammatische Gebilde, welche wir Erfahrungssätze nennen, z.B. die, welche eine sichtbare Verteilung von Körpern im Raum beschreiben & sich durch eine zeichnerische Darstellung ersetzen ließen, haben eine bestimmte Anwendung, einen bestimmten Nutzen. Aber nicht jede Konstruktion, die einem solchen Erfahrungssatz ihrer äußern Form nach, ähnlich ist & die in einem Kalkül eine irgendwie ähnliche Rolle spielt, hat einen analogen Nutzen, & wir werden dann nicht geneigt sein diese Konstruktion einen Satz zu nennen.
§Ms-114
90v[3] &91r[1]
“Möglich” heißt hier soviel wie “denkbar”; aber “denkbar” kann heißen “malbar”, “modellierbar”, “vorstellbar”, also: darstellbar in einem bestimmten System. Nun, da kommt es auf das System an. – Man fragt z.B.: “ist es denkbar, daß eine Baumreihe in gerader Richtung weiterläuft, ohne je zu einem Ende zu kommen?” – Warum soll das nicht ‘denkbar’ sein, es ist doch jedenfalls in einem grammatischen System aussprechbar. Aber was ist nun die Anwendung des Satzes, wie wird er verifiziert, welche Beziehung hat seine Verifikation zu der eines Satzes wie: “diese Baumreihe endet mit dem 100sten Baum”? Das wird uns zeigen wie viel diese Denkbarkeit, sozusagen, wert ist.
chemisch möglich:
§Ms-114
91r[2] &91v[1]
“Ich habe tatsächlich nie gesehen, daß ein schwarzer Strich nach & nach immer heller wird, bis er weiß ist, & dann immer rötlicher bis er rot ist; aber ich weiß, daß es möglich ist, weil ich es mir vorstellen kann.” – Die Ausdrucksweise “ich weiß, daß es möglich ist, weil …” ist von Fällen hergenommen, wie: “ich weiß, daß es möglich ist diese Tür mit diesem Schlüssel aufzusperren, weil ich es schon einmal getan habe”. Vermute ich also in dem Sinn: daß jener Farbenübergang möglich sein wird, weil ich mir ihn vorstellen kann? – Ist es nicht vielmehr so: “der Farbenübergang ist möglich” heißt hier dasselbe wie “ ich kann mir ihn vorstellen”? – Wie ist es damit: “Das Alphabet läßt sich laut hersagen, weil ich es mir im Geiste hersagen kann”? Und “ich kann mir den Farbenübergang vorstellen” ist hier keine Aussage über meine besondere Vorstellungskraft, wie “ich kann diesen Stein heben” eine Aussage über meine Muskelkraft. Der Satz “ich kann mir den Übergang vorstellen”, ebenso wie der “dieser Sachverhalt läßt sich zeichnen”, verbindet die Sprachliche Darstellung mit einer anderen Darstellungsweise; er ist als Satz der Grammatik zu verstehn.
§Ms-114
92r[2]83. Es scheint, als könnte man sagen: die Wortsprache läßt unsinnige Wortzusammenstellungen zu, die Sprache der Vorstellung aber nicht unsinnige Vorstellungen. Also die Sprache der Zeichnung auch nicht unsinnige Zeichnungen; – aber so ist es nicht: denn eine Zeichnung kann auf gleiche Weise unsinnig sein, wie ein Satz. Denken wir an eine Werkzeichnung nach welcher der Dreher arbeiten soll; hier ist es sehr leicht sich das exakte Analogon zu einem unsinnigen Scheinsatz vorzustellen. Denken wir auch an das Beispiel vom Einzeichnen einer Reiseroute in die Projektionen der Erdkugel.
§Ms-114
91v[2] &92r[1]
Wenn man die Sinnlosigkeit metaphysischer Redeweisen dartun will, sagt man oft: “ich könnte mir das Gegenteil davon nicht vorstellen”, oder: “wie wäre es denn, wenn's anders wäre”. (Wenn z.B. jemand gesagt hätte, daß meine Vorstellungen privat seien, daß nur ich allein wissen kann, wenn ich Schmerzen empfinde, etc..) Nun, wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie es anders wäre, so kann ich mir auch nicht vorstellen, es wäre so. Denn, “ich kann mir nicht vorstellen” deutet hier nicht auf eine mangelnde Vorstellungskraft. Ich kann ja auch nicht versuchen, es mir vorzustellen: Es ergibt keinen Sinn, zu sagen, “ich stelle es mir vor”. Und das heißt, eine Verbindung zwischen diesem Satz & der Darstellungsweise der Vorstellung (oder Zeichnung) ist nicht gemacht. Warum sagt man aber gerade: “ich kann mir nicht vorstellen, wie es anders wäre” & nicht “ich kann mir das nicht vorstellen”? Man sieht den unsinnigen Satz (z.B. “dieser Stab hat eine Länge” als eine (Art) Tautologie an, im Gegensatz zu einer Kontradiktion. Man sagt gleichsam: “Ja, er hat eine Länge; aber wie könnte es denn anders sein; also, wozu es sagen!” Wir werden auf den Satz “dieser Stab hat eine Länge” nicht antworten “Unsinn!”, sondern “Freilich!”. Wir könnten es auch so sagen: Wenn wir die beiden Sätze “dieser Stab hat eine Länge” & seine Verneinung “dieser Stab hat keine Länge” hören, so sind wir parteiisch & neigen dem ersten Satze zu; statt beide für Unsinn zu erklären. Der Grund dieser Einseitigkeit aber ist eine Verwechslung: Wir sehen den ersten Satz verifiziert (& den zweiten falsifiziert) dadurch, “daß der Stab 4 m hat”. “Und 4 m ist doch eine Länge”, – aber man vergißt, daß dies ein Satz der Grammatik ist.
§Ms-114
93r[1]Man kann auch zeigen, daß ein Satz metaphysisch gemeint ist, indem man fragt: “Soll was Du behauptest eine Erfahrungstatsache sein? Kannst Du Dir denken (vorstellen), daß es anders wäre?” – Willst Du sagen, Substanz sei noch nie zerstört worden, oder, es sei undenkbar, daß sie zerstört werde? Willst Du sagen daß die Erfahrung lehre, daß der Mensch immer das Angenehmere dem Unangenehmeren vorziehe?
§Ms-114
93r[2]Seltsam, daß man sollte sagen können, der & der Sachverhalt sei undenkbar! Auch wenn wir im Denken wesentlich eine Begleitung des Ausdrucks sehen, so müssen also doch die Worte, die den undenkbaren Sachverhalt in dieser Aussage angeben unbegleitet sein. Was soll sie also für einen Sinn haben? es sei denn, daß sie sagt, diese Worte seien sinnlos. Aber dann ist nicht, quasi, ihr Sinn sinnlos; sondern sie werden aus unserer Sprache ausgeschaltet, wie etwa irgend ein beliebiges Geräusch, & der Grund zu ihrer ausdrücklichen Ausschließung kann nur darin liegen, daß wir versucht sind, sie mit einem Satz unserer Sprache zu verwechseln.
§Ms-114
93r[3] &93v[1]
84. Welche Rolle der Satz im Kalkül spielt, das ist sein Sinn. Die Methode des Messens (des Messens einer Länge z.B.) verhält sich zu einer bestimmten Messung genau so, wie der Sinn eines Satzes zu seiner Wahr- oder Falschheit.
§Ms-114
93v[2]Was heißt es denn: “entdecken, daß eine Aussage keinen Sinn hat”? – Und was heißt das: “wenn ich etwas damit meine, muß es doch Sinn haben das zu sagen”? –‘Wenn ich etwas damit meine’ – wenn ich Was damit meine?! –
Man will sagen: der sinnvolle Satz ist der, den man nicht nur sagen, sondern den man auch denken kann. Das wäre etwa als sagte man: das sinnvolle Bild ist das, was ich nicht nur zeichnen sondern auch modellieren kann. Und dies zu sagen, hätte Sinn. Aber das Denken des Satzes ist nicht eine Tätigkeit die man nach den Worten vollzieht (wie etwa das Singen nach den Noten). Das folgende Beispiel zeigt dies.
Hat es Sinn zu sagen: “ich habe soviele Freunde, soviel die eine Lösung von x³ + 2x ‒ 3 = 0 ergibt”? Hier, könnte man meinen, hätten wir eine Notation, deren Grammatik allein nicht bestimmt, ob ein Satz Sinn hat oder nicht. So daß es also von vornherein überhaupt nicht bestimmt wäre. Wenn der Ausdruck “die Wurzel der Gleichung …” eine Beschreibung im Russell'schen Sinne wäre, so hätte der Satz “ich habe n Äpfel & 2 + n = 6” einen andern Sinn, als der Satz “ich habe 4 Äpfel”.
§Ms-114
93v[3]Dies gibt ein herrliches Beispiel dafür, was es heißt: einen Satz zu verstehen.
§Ms-114
93v[4] &94r[1]
Der Sinn eines Satzes ist nicht pneumatisch (wie der Gedanke es nicht ist), sondern er ist das, was auf die Frage nach der Erklärung des Sinnes zur Antwort kommt. Oder: der eine Sinn unterscheidet sich vom andern, wie die Erklärung des einen von der Erklärung des andern. Also auch: der Sinn des einen Satzes unterscheidet sich vom Sinn des andern, wie der eine Satz vom andern. Der Sinn des Satzes ist keine Seele.
§Ms-114
94r[2]Etwas ist ein Satz nur in einer Sprache. Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Ein Satz ist ein Zeichen in einem System von Zeichen. Er ist eine Zeichenverbindung unter mehreren möglichen & im Gegensatz zu andern möglichen. Gleichsam eine Zeigerstellung im Gegensatz zu andern möglichen.
§Ms-114
94r[3]“Geh' in der Richtung, in der der Pfeil zeigt.” “Geh' 100 mal soweit als der Pfeil lang ist.” “Mach soviele Schritte als ich Pfeile zeichne.” “Zeichne diesen Pfeil nach.” “Komm' um die Zeit die dieser Pfeil anzeigt wenn er der Stundenzeiger einer Uhr ist.” Für jeden dieser Befehle kann der gleiche Pfeil stehen. ↑ im Gegensatz zu ↗ ist ein andres Zeichen, als ↑ im Gegensatz zu ↑.
§Ms-114
94v[1]85. Das Symbol scheint als solches unbefriedigt zu sein. Der Wunsch, die Vermutung, der Glaube, der Befehl scheint etwas Unbefriedigtes, Ergänzungsbedürftiges zu sein. So möchte ich mein Gefühl des Verstehens dem Befehl gegenüber als das einer Innervation bezeichnen. Aber auch die Innervation an sich ist nicht unbefriedigt, läßt nichts offen, ist nicht ergänzungsbedürftig. Und ich will sagen: “ der Wunsch ist unbefriedigt, weil er der Wunsch nach Etwas ist; die Meinung unbefriedigt, weil sie die Meinung ist, es sei etwas der Fall, etwas Wirkliches; etwas außerhalb dem Vorgang der Meinung.”
§Ms-114
94v[2]Ich möchte sagen: “Meine Erwartung ist so gemacht, daß, was immer kommt, mit ihr übereinstimmen muß, oder nicht.” Der Satz scheint uns als Richter hingestellt & wir fühlen uns vor ihm verantwortlich. – Er scheint die Realität zu fordern sich mit ihm zu vergleichen.
§Ms-114
94v[3] &95r[1]
Ich sagte, der Satz wäre wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt: das ist, wie alle logischen Gleichnisse des Satzes, selber ein besonderer Fall eines Satzzeichens. Man möchte nun sagen: “Lege den Maßstab an einen Körper an; er sagt nicht, daß der Körper so lang ist. Vielmehr ist er gleichsam tot & leistet nichts von dem, was der Gedanke leistet.” Es ist, als hätten wir uns eingebildet, das Wesentliche am lebenden sei die äußere Gestalt, & hätten nun einen Holzblock in dieser Gestalt hergestellt & sähen mit Enttäuschung den toten Klotz, der auch keine Ähnlichkeit mit dem Leben hat.
§Ms-114
95r[2]86. Ich will sagen: “Wenn Einer die Erwartung sehen könnte, müßte er sehen, was erwartet wurde.” – Aber so ist es ja auch: Wer den Ausdruck der Erwartung sieht, sieht was erwartet wird. Und wie könnte man es auf andere Weise, in anderem Sinne, sehen?
§Ms-114
95r[3] &95v[1]
Der Befehl die Zahlen 1 bis 4 zu quadrieren, wenn ich ihn etwa durch die Tabelle
→
ausdrücke, kommt uns in gewissem Sinne unvollständig vor; es ist, als wäre etwas nur angedeutet, was nicht ausgesprochen ist. (Nämlich eben die Befolgung.) Es scheint uns, als ob, wenn wir den Befehl verstehen, wir etwas hinzufügen, was die Lücke füllt. So daß wir dem, der sagte “aber Du verstehst ihn ja, also ist er ja vollständig” antworten können: “Ja, aber nur, weil ich noch etwas hinzufüge: die Deutung nämlich.” – Aber was veranlaßt Dich denn zu gerade dieser Deutung? Ist es der Befehl, dann war er ja schon eindeutig, da er diese Deutung befahl. Oder hast Du die Deutung willkürlich hinzugefügt –, dann hast Du auch den Befehl nicht verstanden, sondern erst das, was Du aus ihm, auf eigene Faust, gemacht hast. Wir möchten sagen, es sei nur angedeutet, das Zeichen suggeriere nur undeutlich, was wir zu tun hätten. Es sei etwa in dem Sinn undeutlich, wie der Pfeil
→
weniger deutlich ist, als der Pfeil
Der Schein der Unbeholfenheit, mit welcher das Zeichen wie ein Stummer durch allerlei suggestive Gebärden sich verständlich zu machen sucht, – verschwindet, wenn wir bedenken, daß das Zeichen nur in einem grammatischen System seine Funktion erfüllt. Für uns ist der Befehl deutlich, wenn er unzweideutig ist; & einen deutlichern gibt es nicht (Was in der Logik nicht nötig ist, hilft auch nicht.)
§Ms-114
129r[2] &129v[1]
Wenn wir einen Befehl geben, so kann es scheinen, als ob das Letzte was der Befehl wünscht (doch) unausgedrückt bleiben muß, da immer noch eine Kluft zwischen dem Befehl & seiner Befolgung bleibt. Ich wünsche etwa, daß Einer eine bestimmte Bewegung macht, etwa den Arm hebt. Damit es ganz deutlich wird mache ich ihm die Bewegung vor. Dieses Bild scheint unzweideutig bis auf die Frage: wie weiß er daß er diese Bewegung machen soll? – Wie weiß er überhaupt, wie er die Zeichen, welche immer ich ihm gebe, gebrauchen soll? Ich werde nun etwa trachten den Befehl durch weitere Zeichen zu ergänzen, indem ich von mir auf den Andern denke, Gebärden der Aufmunterung mache, etc.. Hier scheint es als finge der Befehl zu stammeln an. Denken wir, ich wollte jemandem vorschreiben die Zahl 4 zu quadrieren & täte es mit dem Schema:
Ich bin nun versucht zu sagen, daß mit dem Fragezeichen doch nur etwas angedeutet aber nicht ausgesprochen ist. Als trachte das Zeichen sich uns verständlich zu machen. , in welchen Zeichen tun wir das?
§Ms-114
96r[1]87. In wiefern kann man den Wunsch als solchen, den Glauben, – ‘unbefriedigt’ nennen? Was ist das Vorbild der Unbefriedigung, das wovon wir unsern Begriff nehmen. Ist es ein Hohlraum? und würde man von einem solchen sagen, er sei unbefriedigt; wäre das nicht auch eine Metapher? Ist es nicht ein Gefühl, was wir Unbefriedigung nennen; etwa der Hunger? Wir können in einem bestimmten System des Ausdrucks einen Gegenstand mittels der Worte “befriedigt” & “unbefriedigt” beschreiben. Wenn wir, z.B., festsetzten den Hohlzylinder den “unbefriedigten Zylinder” zu nennen & den ihn ergänzenden Vollzylinder, seine “Befriedigung”.
§Ms-114
96r[2]Es scheint: Die Erwartung & die Tatsache, die die Erwartung befriedigt, passen doch irgendwie zusammen. Man soll nun eine Erwartung beschreiben & eine Tatsache, die zusammenpassen, damit man sieht, worin diese Übereinstimmung besteht. Da denkt man sofort an das Passen einer Vollform in eine entsprechende Hohlform. Aber wenn man diese beiden beschreiben will, so sieht man, daß, soweit sie passen eine Beschreibung für beide gilt. (Vergleiche dagegen, was es heißt: “diese Hose paßt nicht zu diesem Rock”.)
§Ms-114
97v[3]Die Erwartung verhält sich zu ihrer Befriedigung nicht, wie der Hunger zu seiner Befriedigung. Ich kann den Hunger beschreiben, & das was ihn stillt, & sagen, daß es ihn stillt.
§Ms-114
98r[2]Aber es ist auch nicht so: ich habe Lust auf einen Apfel; was immer also diese Lust stillen wird, werde ich einen “Apfel” nennen.
§Ms-114
96r[3] &96v[1] &
97r[1]
88. Das Paradoxe ist darin ausgedrückt, daß, wenn das Ereignis eintritt welches ich erwartet habe, es sich nicht von dem unterscheidet, welches ich erwartet habe. Wenn man also fragt: “Wie unterscheidet sich denn dieser Mensch von dem, den Du erwartet hast; denn in Deiner Erwartung war doch der wirkliche Mensch nicht vorhanden, sonst hättest Du ihn nicht erwarten können”, so ist die Antwort dennoch: dieser Mensch ist der, den ich erwartet habe. Ich sage: “Genau so habe ich mir's vorgestellt”; & jemand antwortet etwa: “Das ist unmöglich, denn das eine war eine Vorstellung & das andere ist keine; & hast Du etwa Deine Vorstellung für Wirklichkeit gehalten?”
Ich sehe wie Einer das Gewehr anlegt & sage: “ich erwarte mir einen Schuß”. Der Schuß fällt. – Wie, das hast Du Dir erwartet; was also dieser Krach irgendwie schon in Deiner Erwartung? Oder stimmt Deine Erwartung nur in anderer Hinsicht mit dem Eingetretenen überein; war dieser Lärm nicht in Deiner Erwartung enthalten & kam nur als ein Akzidens hinzu, als die Erwartung erfüllt wurde? Aber nein, wenn der Lärm nicht eingetreten wäre, so wäre meine Erwartung nicht erfüllt worden; der Lärm hat sie erfüllt; er kam nicht zu der Erfüllung hinzu, wie ein zweiter Gast zu dem einen den ich erwartet hatte. – War das am Ereignis, was nicht auch in der Erwartung war, ein Akzidens, eine Beigabe der Schickung? – Aber was war denn dann nicht Beigabe, – kam denn irgend etwas vor dem Schuß schon in meiner Erwartung vor? – Und was war denn Beigabe, – denn hatte ich mir nicht den ganzen Schuß erwartet?
“Der Knall war leiser als ich mir ihn erwartet hatte.” – “Hat es also in Deiner Erwartung lauter geknallt?”
§Ms-114
97r[2]“Das Rot, das Du Dir vorstellst, ist doch gewiß nicht Dasselbe – dieselbe Sache – wie das, was Du vor Dir siehst; – wie kannst Du dann sagen ‘das ist dasselbe, was ich mir vorgestellt habe’?” – Aber verhält es sich nicht analog in den Sätzen “hier ist ein roter Fleck” & “hier ist kein roter Fleck”? In beiden kommt das Wort “rot” vor, also kann dieses Wort nicht das Vorhandensein von etwas Rotem anzeigen. Das Wort “rot” hat eben nur im Satzzusammenhange seine Funktion. Und ist nicht das Mißverständnis, daß man die Bedeutung des Wortes “rot” für den Sinn eines Satzes nimmt, welcher sagt, etwas sei rot?
§Ms-114
100v[2]Die Möglichkeit dieses Mißverständnisses liegt auch in dem Doppelsinn der Ausdrucksweise von “der Farbe Rot als dem gemeinsamen Bestandteil zweier Tatbestände”. In dem einen Fall heißt das, daß sowohl da wie dort etwas rot ist, etwas die Farbe Rot hat. Im andern Fall handelt es sich nicht um eine Gemeinsamkeit der Farbe (die ja durch eine Farbangabe ausgedrückt würde). Die Gemeinsamkeit im letzteren Fall ist die Harmonie zwischen Wirklichkeit & Gedanken, der in Wahrheit eine Form unserer Sprache entspricht.
§Ms-114
97r[3]89. dann
Komisch wäre es, zu sagen: “ein Vorgang sieht anders aus, wenn er geschieht, als wenn er nicht geschieht”. Oder: “Ein roter Fleck sieht anders aus, wenn er da ist, als wenn er nicht da ist; aber die Sprache abstrahiert von diesem Unterschied, denn sie spricht von einem roten Fleck, ob er da ist, oder nicht.”
§Ms-114
100r[2] &100v[1]
Wenn wir Einem sagen “stelle Dir die Farbe Rot vor” so soll er sich etwa einen roten Fleck vorstellen, aber nicht einen grünen, weil dieser nicht rot ist.
(Könnte man zur Erklärung des Wortes “rot” auf etwas weisen, was nicht rot ist? Das wäre ähnlich wie wenn man Einem, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, das Wort “bescheiden” erklären sollte & man zeigte zur Erklärung auf einen arroganten Menschen & sagte: “dieser ist nicht bescheiden”. Es ist kein Argument gegen eine solche Erklärungsweise, daß sie vieldeutig ist. Jede Erklärung kann mißverstanden werden.
Man könnte z.B. zur Erklärung eines Farbworts immer auf die komplementäre Farbe zeigen; aber ohne vorher abzumachen, daß man auf die komplementäre zeigen werde: wie man ja jetzt auch nicht abmacht, daß man auf einen Gegenstand von der Farbe selbst zeigt. Vergleiche den Wegweiser dessen Hand entgegen der Wegrichtung weist.)
§Ms-114
129v[2] &130r[1]
Wohl aber könnte man fragen: sollen wir das noch eine “Erklärung” nennen? – Denn sie spielt im Kalkül natürlich eine andere Rolle als was wir gewöhnlich hinweisende Erklärung des Wortes “rot” nennen auch wenn sie dieselbe praktische Folge dieselbe Wirkung auf den Lernenden hätte.
§Ms-114
97r[4] &97v[1]
Die Realität ist keine Eigenschaft, die dem Erwarteten noch fehlt & die nun hinzutritt, wenn die Erwartung eintrifft. – Die Realität ist auch nicht wie das Tageslicht, das den Dingen erst Farbe gibt, wenn sie im Dunkeln schon, gleichsam farblos, vorhanden sind.
§Ms-114
97v[2]“Wie weißt Du, daß Du einen roten Fleck erwartest; d.h., wie weißt Du, daß ein roter Fleck die Erfüllung dessen ist, was Du Dir erwartest?” Aber ebensogut könnte ich fragen: “wie weißt Du, daß das ein roter Fleck ist?” Wie weißt Du, daß, was Du getan hast, wirklich war: das Alphabet im Geist herzusagen? – Aber wie weißt Du, daß, was Du laut hersagst, nun wirklich das Alphabet ist? Das ist natürlich die gleiche Frage wie die: “Woher weißt Du, daß, was Du ‘rot’ nennst, wirklich dasselbe ist, was der Andre so nennt”. Und die eine Frage hat, als eine metaphysische gebraucht, ebenso wenig Sinn wie eine andere.
§Ms-114
97v[4] &98r[1]
Du siehst also, möchte ich sagen, an diesen Beispielen, wie die Worte wirklich gebraucht werden.
§Ms-114
98r[3]90. Man könnte meinen: Welcher außerordentliche Prozeß muß das Wollen sein, daß ich das jetzt wollen kann, was ich erst in fünf Minuten tun werde! Wie kann ich das Ereignis erwarten; es ist ja noch gar nicht da?
§Ms-114
98r[4] &98v[1]
“Sokrates: Wer also vorstellt; was nicht ist, der stellt nichts vor? – Theaitetos: So scheint es. – Sokrates: Wer aber nichts vorstellt, der wird gewiß überhaupt gar nicht vorstellen? – Th.: Offenbar, wie wir sehen.” Setzen wir in diesem Argument statt des Wortes “vorstellen” etwa das Wort “töten”, so gibt es eine Regel für den Gebrauch dieses Worts; es hat keinen Sinn zu sagen “ich töte etwas, was nicht existiert”. Ich kann mir einen Hirsch auf dieser Wiese vorstellen, der nicht da ist, aber keinen töten, der nicht da ist. Und “sich einen Hirsch auf dieser Wiese vorstellen” heißt: sich vorstellen, daß ein Hirsch da ist. Einen Hirsch töten aber heißt nicht: töten, daß etc.. Wenn aber jemand sagt: “damit ich mir einen Hirsch vorstellen kann, muß es ihn doch in einem gewissen Sinne geben”, – so ist die Antwort: nein, es muß ihn dazu in keinem Sinne geben. Und wenn geantwortet würde: “aber die braune Farbe z.B. muß es doch geben, damit ich sie mir vorstellen kann”, – so ist zu sagen: “es gibt die braune Farbe” heißt überhaupt nichts; außer etwa, daß sie da oder dort als Färbung eines Gegenstands erscheint, & das ist nicht nötig, damit ich mir einen braunen Hirsch vorstellen kann.
§Ms-114
98v[3] &99r[1]
Wir sagen, der Ausdruck der Erwartung ‘beschreibe’ die erwartete Tatsache & denken an sie wie an einen Gegenstand oder Komplex der als Erfüllung der Erwartung in die Erscheinung tritt. – Aber der Erwartete ist nicht die Erfüllung, sondern daß er kommt. Der Fehler ist tief in unserer Sprache verankert: Wir sagen “ich erwarte ihn” & “ich erwarte sein Kommen” & “ich erwarte, daß er kommt”. Es ist uns schwer, von dem Vergleich loszukommen: Der Mensch tritt ein – das Ereignis tritt ein. Als wäre das Ereignis schon vorgebildet vor der Tür der Wirklichkeit & würde nun in diese (wie in ein Zimmer) eintreten.
§Ms-114
99r[2]91. Ich kann ihn suchen, wenn er nicht da ist, aber nicht auf ihn zeigen, wenn er nicht da ist. Man könnte sagen wollen: “da muß er doch auch dabei sein, wenn ich ihn suche”. – Dann muß er auch dabei sein, wenn ich ihn nicht finde, & auch, wenn es ihn nicht gibt.
§Ms-114
99r[3] &99v[1]
Ihn (etwa meinen Stock) suchen, ist eine Art des Suchens & unterscheidet sich davon, daß man etwas andres sucht, durch das, was man beim Suchen tut (sagt, denkt), nicht durch das was man findet. Und trage ich beim Suchen ein Bild mit mir oder eine Vorstellung, – nun gut. Und sage ich, das Bild sei das Bild des Gesuchten, so sagt das nur, welchen Platz das Bild im Vorgang des Suchens einnimmt. Und finde ich ihn & sage “da ist er! den habe ich gesucht”, so sind diese Worte nicht etwa eine Worterklärung für die Bezeichnung des gesuchten Gegenstands (etwa für die Worte “mein Stock”), die erst jetzt, wo er gefunden ist, gegeben werden könnte.
§Ms-114
99v[2]“Den hast Du gesucht? Du konntest ja nicht einmal wissen, ob er da ist!” Vergleiche dagegen das Suchen nach der Dreiteilung des Winkels.)
§Ms-114
99v[3]Man kann vom Träger des Namens sagen, daß er nicht existiert; & das ist natürlich keine Tätigkeit, obwohl man es mit einer verwechseln könnte & sagen: er müsse doch dabei sein, wenn er nicht existiert. (Und das ist von einem Philosophen bestimmt schon einmal geschrieben worden.)
§Ms-114
99v[4] &100r[1]
92. Der Gedanke, daß uns erst das Finden zeigt, was wir gesucht, erst die Erfüllung des Wunsches was wir gewünscht haben, heißt den Vorgang so beurteilen, wie die Symptome der Erwartung oder des Suchens bei einem Andern. Ich sehe ihn unruhig in seinem Zimmer auf & ab gehen; da kommt jemand zur Tür herein & er wird ruhig & gibt Zeichen der Befriedigung; & nun sage ich: “er hat offenbar diesen Menschen erwartet”. Die Symptome der Erwartung sind nicht der Ausdruck der Erwartung.
§Ms-114
100v[4] &101r[1] &
101v[1]
Man hat vielleicht das Gefühl, daß man sich im Satz “ich erwarte, daß er kommt” der Worte “er kommt” in anderem Sinne bedient, als in der Behauptung “er kommt”. Aber wäre es so, wie könnte ich davon reden, daß meine Erwartung in Erfüllung gegangen ist?
Aber nun sage ich vielleicht beim auf & ab gehen “Ich erwarte, daß er herein kommt”. – Nun ist eine Ähnlichkeit vorhanden! Aber welcher Art ist sie?! Nun könnte man aber fragen: Wie schaut das aus, wenn er kommt? – Es geht die Tür auf, ein Mann tritt ein, etc.. Wie schaut das aus, wenn ich erwarte, daß er kommt? – Ich gehe im Zimmer auf & ab, sehe zuweilen auf die Uhr, etc.. – Aber der eine Vorgang hat ja mit dem andern nicht die geringste Ähnlichkeit! Wie kann man dann dieselben Worte zu ihrer Beschreibung gebrauchen? Wo ist denn hier Hohlform & Vollform? Aber in meinem Zimmer auf & ab gehen konnte ich doch auch ohne zu erwarten, daß er kommen werde, & auch auf die Uhr sehen, etc.. Diese Vorgänge würde ich nicht mit den Worten “ich erwarte, daß er kommt” beschreiben. Worin läge es denn z.B., daß ich gerade ihn erwarte? Ich sagte doch, der Vorgang der Erwartung sollte ein solcher sein, daß ich aus ihm ersehen müßte, was erwartet wird. Nennt man jene erwartenden Handlungen die Erwartung, dann ist sie ein Hunger & die Erfüllung der Erwartung ist das, was den Hunger stillt. Was uns interessiert ist die Erwartung als Gedanke, also als Ausdruck der Erwartung.
Und die Worte “er kommt” bedeuten dasselbe im Ausdruck der Erwartung & in der Beschreibung der Erfüllung, denn wenn ich die beiden Worte erklären wollte, etwa durch hinweisende Erklärungen so würden die gleichen Erklärungen für beide Sätze gelten.
§Ms-114
130r[2] &130v[1]
Ich kann wohl sagen: In meinem Zimmer unruhig auf & ab gehen, zur Tür schauen, bei einem Geräusch aufhorchen heißt: den N. erwarten. – Das ist eben eine Definition des Ausdrucks “den N erwarten”. Freilich ist es keine Definition des Wortes “erwarten”, denn es ist ja damit z.B. nicht erklärt was es heißt “den M erwarten”. Nun, dafür können wir sorgen; wir sagen etwa: den X erwarten heißt die angegebenen Handlungen ausführen & dabei den Namen “X” aussprechen. Nach dieser Definition ist der den ich erwarte, der, welcher den ausgesprochenen Namen hat. Oder ich definiere: den Menschen X erwarten heißt: das tun was ich im zweiten Beispiel angegeben habe & die Zeichnung eines Menschen anfertigen. Der Erwartete ist nun, wer den Namen X trägt & der Zeichnung entspricht. – Damit wäre natürlich nicht erklärt, was es heißt “das Gehen des N erwarten” & ich müßte dafür entweder eine unabhängige Definition geben, oder eine allgemeinere Erklärung die Gehen & Kommen umschließt. Und mit der wäre etwa nicht erklärt, was es heißt “ein Gewitter erwarten”; etc. etc..
§Ms-114
130v[2]Was alle diese Fälle charakterisiert ist, daß, was erwartet wird aus der erwartenden Handlung mittels der Definition abgelesen werden kann. Nicht eine spätere Erfahrung entscheidet darüber, was wir erwarten. Und ich kann sagen: In der Sprache berühren sich Erwartung & Erfüllung.
§Ms-114
130v[3]Die Handlung des Erwartenden ist hier also eine, die ich nach gegebenen Regeln in den Satz “er erwartet, daß p geschieht” übertragen kann. Und also ist das einfachste typische Beispiel für diese Fälle, daß die Erwartung des Eintreffens von p darin besteht, daß der Erwartende sagt: “ich erwarte daß p geschieht”. Daher klärt es in sovielen Fällen die grammatische Situation, zu sagen: Setzen wir statt der Erwartung den Ausdruck der Erwartung. Statt des Gedankens, den Ausdruck des Gedankens.
§Ms-114
130v[4] &131r[1]
93. Die Erwartung kann man auffassen als eine erwartende, vorbereitende Handlung. Sie streckt wie ein Ballspieler die Hände aus, richtet sie, um den Ball zu empfangen. Und die Erwartung des Ballspielers kann darin bestehen, daß er die Hände in bestimmter Haltung ausstreckt & auf den Ball blickt.
§Ms-114
131r[2]Mancher wird vielleicht sagen wollen: “Die Erwartung ist ein Gedanke.” Das entspricht offenbar einem Gebrauch des Wortes “erwarten”. Und wir wollen uns nur erinnern, daß der Vorgang des Gedankens sehr verschiedenerlei sein kann. Und ist die Erwartung der Gedanke: “ich erwarte daß p geschieht”, so ist es unsinnig zu sagen, ich werde vielleicht erst später erkennen, was ich erwartet habe.
§Ms-114
131r[3]Analoges könnte man von Wunsch, Furcht, Hoffnung sagen. (Plato nennt die Hoffnung “eine Rede”.)
§Ms-114
131r[4] &131v[1]
Anders ist es aber, wenn man den Hunger einen “Wunsch” nennt & zwar den Wunsch nach der Speise, die ihn stillen wird. Dann ist es eine Hypothese, daß gerade das den Wunsch befriedigen wird & es gibt eine Vermutung darüber & einen Zweifel. Und so ist es auch wenn ich “Erwartung” ein Gefühl nenne, etwa eins der Unruhe, Unbefriedigung. Aber natürlich sind diese Gefühle nicht Gedanken in amorpher Form.
§Ms-114
131v[2]Die Vorstellung, daß der Gedanke ein seltsamer Vorgang im menschlichen Geist sei macht es möglich, sich ihn in einen amorphen Dauerzustand verwandelt zu denken.
§Ms-114
131v[3]Wenn ich sage “ich habe ihn den ganzen Tag erwartet”, so ist mit “erwarten” kein Dauerzustand gemeint, der den Erwarteten & sein Kommen als Bestandteile enthielte, wie ein Teig Mehl, Zucker, Eier gleichmäßig verrührt enthält. Die Erwartung bestand vielmehr in einer Folge von Handlungen, Gedanken (&) Gefühlen.
§Ms-114
106r[1]94. Wenn ich jemanden erwarte, – was geschieht? – Ich finde etwa in meinem Kalender beim heutigen Datum seinen Namen & den Vermerk “5 h ”. Ich sage zu jemand anderem “ich kann heute nicht zu Dir kommen, weil ich N erwarte.” Ich mache Vorbereitungen wie zum Empfang eines Gastes. Ich überlege: “raucht N?” erinnere mich, ihn rauchen gesehen zu haben & stelle Zigarren zurecht. Nahe an 5 h sage ich zu mir: “jetzt wird er gleich kommen”, & dabei stelle ich mir einen Menschen vor der aussieht wie N; dann stelle ich mir vor, wie er in's Zimmer tritt & wie ich ihn begrüße & beim Namen nenne. So ein Vorgang & vieles mehr oder weniger Ähnliche heißt: “das Kommen des N erwarten”.
§Ms-114
131v[4]Ich werde aber vielleicht auch dann sagen “ich habe den N erwartet”, wenn die einzige Verbindung meiner erwartenden Tätigkeiten mit ihm, die ist, daß ich z.B. an einem bestimmten Tage Vorbereitungen für eine Mahlzeit für mich & eine andere Person treffe & daß sich N für diese Mahlzeit bei mir angesagt hat.
§Ms-114
131v[5] &132r[1]
Worin besteht der Vorgang oder Zustand des Wunsches einen Apfel zu essen? Vielleicht empfinde ich Hunger oder Durst oder beides, & stelle mir dabei einen Apfel vor oder erinnere mich, daß mir gestern einer geschmeckt hat, vielleicht sage ich: “ich möchte einen Apfel essen”, vielleicht gehe ich & schaue in einen Schrank wo gewöhnlich Äpfel liegen. Vielleicht verbinden sich alle diese Zustände & Tätigkeiten & andere.
§Ms-114
102r[2] &102v[1]
95. , Das Gleiche ist von der Intention zu sagen. Wenn eine Vorrichtung als Bremse wirken soll, tatsächlich aber, aus irgendwelchen Ursachen den Gang der Maschine nicht verzögert, so ist die Absicht, der die Vorrichtung dienen soll aus ihr & ihrer Wirkungsweise nicht unmittelbar zu erkennen. Wenn man sagt “das ist eine Bremse, sie funktioniert aber nicht”, so spricht man von der Absicht. – Wenn es nun aber so wäre, daß immer dann, wenn die Vorrichtung nicht als Bremse funktioniert, eine bestimmte Person ärgerlich würde, wäre nun in dieser Wirkungsweise die Intention der Vorrichtung nicht ausgesprochen? Nein, denn nun könnte man sagen, daß der Hebel einmal die Bremse, einmal den Ärger betätigt? Denn wie drückt es sich aus, daß jener Mensch darüber ärgerlich wird, daß der Hebel die Bremse nicht betätigt. “Sich darüber ärgern, daß die Vorrichtung nicht so funktioniert”, heißt nämlich wieder etwas ähnliches wie, “wünschen, daß sie so funktioniert”. – Und wir haben hier das alte Problem, welches wir so ausdrücken möchten: “daß der Gedanke, daß p der Fall ist, nicht voraussetzt, daß es der Fall ist; daß aber anderseits doch etwas an der Tatsache für den Gedanken selbst Voraussetzung sein muß (ich kann nicht denken, daß etwas rot ist, wenn die Farbe Rot nicht existiert)”. Es ist das Problem der Harmonie zwischen Welt & Gedanken. – Man kann darauf antworten, daß die Gedanken im selben sind wie das Zweifelhafte & an diesem anliegen wie der Maßstab an dem Gemessenen.
Denn eigentlich will ich doch sagen: daß der Wunsch, ‘er möchte kommen’ der Wunsch ist, daß wirklich er wirklich kommen möge. Und wollte man eine weitere Erklärung dieser Versicherung haben, so würden wir sagen: “& unter ‘er’ verstehe ich diesen da, & mit ‘kommen’ meine ich diese Handlung …”. Aber das sind eben Erklärungen der Grammatik, Erklärungen, die die Sprache konstituieren.
Der Satz “ich könnte nicht denken, daß etwas rot ist, wenn Rot nicht existierte” bezieht sich wirklich auf die Vorstellung von etwas Rotem, oder die Existenz eines roten Musters, als Teil unserer Sprache. Aber natürlich kann man auch nicht sagen, unsere Sprache müsse ein solches Muster enthalten. Enthält sie es nicht, so ist sie eben eine Andere. Aber man kann sagen & betonen, daß sie es enthält.
§Ms-114
102v[2]In der Sprache wird alles ausgetragen.
§Ms-114
132r[2] &132v[1]
96. Es scheint nun irgendwie, als würde man die Intention von außen betrachtet nie als Intention erkennen; als müßte man sie selbst intendieren um sie als Meinung zu verstehen. Das hieße aber sie nicht als Phänomen, nicht als Tatsache an & für sich, zu betrachten; sondern als etwas Intendiertes, – dem eine Richtung gegeben wurde. Und was diese Richtung ist, das wissen wir nicht. (Es ist etwas, was der Erscheinung als solcher fehlt). – Das ist natürlich wieder das vorige Problem. Denn der Witz ist, daß man es dem Gedanken ansehen muß, daß er der Gedanke ist, daß das & das der Fall ist. Kann man es ihm nicht ansehen (sowenig wie den Magenschmerzen woher sie rühren) so hat er kein logisches Interesse. Meine Auffassung scheint unsinnig, wenn man sie so ausdrückt: Man soll sehen können, worüber Einer denkt, wenn man ihm den Kopf aufmacht; wie ist denn das möglich? die Gegenstände, über die er denkt, sind ja gar nicht in seinem Kopf (ebensowenig wie in seinen Gedanken) (!)
Man muß die Gedanken, Intentionen, etc. “von außen betrachtet” als solche verstehen, ohne über eine Bedeutung von etwas unterrichtet zu werden. Denn das Bedeuten gehört dann eben mit zum Phänomen des Gedankens.
§Ms-114
132v[2]Wenn man den Gedanken betrachtet, so kann also von einem Verstehen keine Rede mehr sein; denn, sieht man ihn, so muß man ihn als den Gedanken dieses Inhalts erkennen; es ist nichts zu deuten. – Aber so ist es ja wirklich; wenn wir denken, da wird nicht gedeutet. –
§Ms-114
132v[3]97. Wenn ich sagte: “das hieße aber die Intention nicht als Phänomen zu betrachten”, so erinnerte hier die Intention an den Willen in der Schopenhauerschen Auffassung. Jedes Phänomen scheint uns tot im Gegensatz zum lebenden Gedanken.
§Ms-114
132v[4] &133r[1] &
133v[1]
“Die Intention von außen gesehen”, das hat mit der Frage zu tun, ob eine Maschine denken könnte.
“Welches Phänomen immer man sähe, es könnte nie die Intention sein. Denn die muß ja das Intendierte enthalten. Und jedes Phänomen, wäre ein in sich Vollständiges, sich um nichts außer ihm Bekümmerndes, das tot daläge wenn man es für sich betrachtet.” Und dem analog ist es wenn wir sagen: “Der Wille kann kein Phänomen sein, denn jedes Phänomen geschieht wieder nur, wird von uns hingenommen, ist aber nicht etwas, was wir tun. Der Wille ist nicht etwas, was ich geschehen sehe, sondern er besteht gleichsam darin, daß wir in der Handlung sind; daß wir die Handlung sind.” Schau auf Deinen Arm & bewege ihn & Du wirst das sehr stark empfinden: “Du beobachtest nicht wie er sich bewegt, Du machst keine Erfahrung – oder keine bloße Erfahrung – sondern Du tust etwas.” Du kannst Dir dann sagen, daß Du Dir sehr wohl auch den Fall denken könntest, daß ganz dasselbe mit Deiner Hand geschehe, aber von Dir beobachtet, nicht von Dir gewollt. – Aber schließe Deine Augen & bewege den Arm; dann machst Du doch auch eine Erfahrung & nun frage Dich, ob Du Dir wieder vorstellen könntest, Du machest die gleiche Erfahrung, aber ohne sie zu wollen.
§Ms-114
133v[2] &134r[1]
Wenn man willkürliche von unwillkürlichen Bewegungen unterscheiden will & es wird etwa ausgesprochen, daß sich die willkürlichen Bewegungen des Armes, z.B., von den unwillkürlichen durch ein Gefühl der Innervation unterscheiden, so drängt es Einen zu sagen: “Aber ich erleide doch diese Erfahrung nicht, ich tue sie doch!” – Aber kann man bei der Erfahrung der Innervation auch noch von einem Unterschied zwischen erleiden & tun reden? Ich möchte sagen: “Wenn ich will so geschieht doch nichts mit mir, weder die Bewegung noch ein Gefühl, sondern ich bin das Agens.” Gut, aber es ist doch sicher daß Du auch Erfahrungen machst, wenn Du den Arm willkürlich bewegst; denn Du siehst (& fühlst) ihn doch sich bewegen ob Du Dich nun beobachtend dazu verhältst oder nicht. Dann versuche also einmal zu unterscheiden zwischen allen Erfahrungen des Handelns plus dem Tun (das keine Erfahrung ist) & allen diesen Erfahrungen ohne das Element des Tuns. Überlege, ob Du dieses Element auch weiter noch bedarfst, oder ob es Dir nun obsolet erscheint. – Und freilich kannst Du mit Recht sagen, daß wenn Du etwas tust, nichts mit Dir geschieht; denn, die Phänomene des Tuns sind eben andere, als die des Beobachtens, etwa, einer Reflexbewegung. Klar wird dies übrigens erst, wenn man die sehr verschiedenen Fälle dessen betrachtet, was man gewollte Handlungen & was man ungewollte oder unwillkürliche Vorgänge unseres Lebens nennt. (Davon mehr an einer anderen Stelle.)
§Ms-114
134r[2] &134v[1]
98. Mit “Intention” meine ich hier das, was das Zeichen im Gedanken verwendet. Die Intention scheint zu interpretieren, die endgültige Interpretation zu geben, aber nicht ein weiteres Zeichen oder Bild, sondern etwas Anderes, das, was man nicht wieder interpretieren kann. Aber ein psychologisches Ende ist erreicht, kein logisches. Denken wir eine Zeichensprache, eine ‘abstrakte’, ich meine eine die uns fremd ist, in der wir uns nicht heimisch fühlen, in der, wie wir sagen würden, wir nicht denken. (wir haben früher einmal so ein Beispiel erwähnt), & denken wir uns diese Sprache interpretiert durch eine Übersetzung in eine, wie wir sagen möchten, unzweideutige Bildersprache, eine Sprache die aus perspektivisch gemalten Bildern des Darzustellenden besteht. Es ist ganz klar, daß es viel leichter ist, sich verschiedene Deutungen der Schriftzeichen zu denken, als eines in gewohnter Art gemalten Bildes, das etwa ein Zimmer mit gewöhnlichen Möbeln darstellt. Hier werden wir auch geneigt sein zu sagen, es gebe hier keine Möglichkeiten der Deutung mehr.
§Ms-114
134v[2]Wir könnten da auch sagen, wir lebten nicht in der Zeichensprache, wohl aber im gemalten Bilde.
§Ms-114
134v[3](Das hängt auch damit zusammen daß, was wir ein ‘ähnliches Portrait’ nennen, nicht ein Bild nach irgend einer beliebig festgesetzten Projektionsart ist. “Ähnlichkeit” bedeutet hier etwas Ähnliches wie “Verwechselbarkeit”.)
§Ms-114
134v[4] &135r[1] &
135v[1]
“Nur das intendierte Bild reicht als Maßstab an die Wirklichkeit heran. Von außen betrachtet steht es gleich tot & isoliert da”. Es ist als hätten wir ein Bild erst so angeschaut, daß wir in ihm leben & die Gegenstände in ihm uns als wirkliche umgeben, & dann träten wir zurück & wären nun außerhalb, sähen den Rahmen & das Bild wäre eine bemalte Fläche. So, wenn wir intendieren, umgeben uns die Bilder der Intention & wir leben unter ihnen. Aber wenn wir aus der Intention heraustreten, so sind es bloße Flecke auf einer Leinwand, ohne Leben & ohne Interesse für uns. (Wir könnten auch sagen:) Wenn wir intendieren, leben wir im Raum der Intention unter den Schatten der Intention zugleich mit den wirklichen Dingen. Denken wir, wir sitzen im verdunkelten Kino & leben im Film. Der Saal werde nun erhellt aber das Lichtspiel auf der Leinwand gehe weiter. Aber jetzt sehen wir es plötzlich “von außen” als Bewegungen von lichten & dunkeln Flecken auf einer Leinwand.
(Im Traum geschieht es manchmal, daß wir eine Geschichte erst lesen, & auf einmal in ihr selbst agieren. Und nach dem Aufwachen aus einem Traum ist es manchmal als wären wir aus dem Traum heraus zurück getreten & sehen ihn jetzt, als ein fremdes Bild, vor uns.) Und es heißt auch etwas “in den Seiten eines Buches leben”. Das hängt damit zusammen, daß unser Körper für das Dasein unserer Erfahrung ganz unwesentlich ist. (Damit vergleiche man auch die Bemerkung: Wenn wir einen Satz verstehen, erhält er für uns Tiefe.)
§Ms-114
135v[2]99. Nicht das findet statt, daß sich dieses Symbol nicht mehr deuten läßt, sondern: ich deute nicht. Ich deute nicht, weil ich mich in dem gegenwärtigen Bild natürlich fühle. Wenn ich deute, so schreite ich auf meinem Gedankenweg von Stufe zu Stufe.
§Ms-114
135v[3]Sehe ich das gedachte Symbol “von außen” an, so kommt es mir zum Bewußtsein daß es so & so gedeutet werden könnte; ist es eine Stufe meines Gedankenweges, so ist es ein mir natürlicher Aufenthalt & es beschäftigt (& beunruhigt) mich seine weitere Deutbarkeit nicht. – Wie ich die Tabelle, den Eisenbahnfahrplan, bei mir habe ohne daß es mich beschäftigt, daß eine Tabelle auf verschiedene Art deutbar ist.
§Ms-114
135v[4] &136r[1] &
136v[1]
Wenn ich davon redete, daß meine Vorstellung, um ein Portrait zu sein auch den Namen des Dargestellten tragen muß, so meinte ich nicht, daß ich mir ihn mit seinem Namen zugleich vorstellen muß. Denn wenn ich etwa sage: “ich sehe doch nicht bloß ein Bild vor mir, das dem N (aber vielleicht auch andern Leuten) ähnlich sieht, sondern ich weiß doch, daß es er ist, ihn darstellt”, so könnte ich fragen: wann weiß ich das, & was heißt es das zu wissen? Aber es muß auch während des Vorstellens gar nichts statthaben was ich dieses “Wissen” nennen könnte. So etwas kann etwa nach der Vorstellung vor sich gehen, indem ich dann vom Bild zum Namen übergehe, vielleicht sage ich hätte mir den N vorgestellt, während zur Zeit der Vorstellung nichts sie als die Vorstellung des N charakterisierte, als etwa eine Ähnlichkeit. Der Vorstellung konnte etwas vorangehen, welches den Bezug auf N ausmachte. Und so begleitet die Interpretation die Vorstellung nicht, sondern liegt in dem Weg, der über die Vorstellung führt. Alles das erscheint klarer, wenn man statt des Vorstellens das Zeichnen eines Bildes annimmt.
§Ms-114
72r[1]100. (Der Unterschied zwischen ‘innen’ & ‘außen’ interessiert uns nicht.)
§Ms-114
136v[2] &137r[1]
Wenn ich den Vorgang der Intention beschreiben will, so fühle ich vor allem, daß sie noch am ehesten leisten kann, was sie soll, wenn sie ein äußerst getreues Bild von dem enthält, was sie intendiert. Aber ferner, daß auch das nicht ausreicht, weil ja das Bild, was immer es ist, sich verschieden deuten läßt; daß also dieses Bild doch wieder isoliert dasteht. Wie man das Bild allein in's Auge faßt, ist es plötzlich tot & es ist, als wäre ihm etwas genommen worden, was es zuvor belebt hatte. Es ist kein Gedanke, keine Intention & wie immer wir es uns begleitet denken, durch artikulierte oder unartikulierte Vorgänge & durch welche Empfindungen immer, es bleibt isoliert, weist nicht aus sich heraus auf eine Realität außer sich. Nun sagt man: “Freilich intendiert das Bild nicht, sondern wir müssen mit ihm (etwas) intendieren”. Aber wenn dieses Intendieren, Meinen (wieder) etwas ist was mit dem Bild geschieht, so sehe ich nicht ein, warum das an einen Menschen gebunden sein soll. Man kann ja auch den Vorgang der Verdauung als chemischen Prozeß studieren unabhängig davon, ob er in einem Lebewesen stattfindet. Wir wollen sagen: “Das Intendieren ist doch wesentlich ein geistiger Vorgang, ein Vorgang des bewußten Lebens, nicht der toten Materie”. Aber was soll einen solchen ausmachen, als die spezifische Art dessen, was vorgeht– solange wir eben von einem Vorgang reden. Und nun kommt es uns so vor, als ob gar kein Vorgang, welcher Art immer, das Intendieren sein kann. – Wir sind eben hier mit der Grammatik des Vorgangs nicht zufrieden, & nicht mit der spezifischen Art eines Vorgangs. – Man könnte sagen: jeden Vorgang würden wir in diesem Sinne ‘tot’ nennen!
§Ms-114
137r[2]Sagen wir, der Wunsch, daß dieser Tisch um ein Stück höher wäre, sei der Akt daß ich meine Hand über den Tisch halte, so hoch als ich ihn wünschte. Nun ist der Einwand: “Die Hand über dem Tisch kann nicht der Wunsch sein: sie drückt nicht aus, daß der Tisch höher sein sollte; sie ist wo sie ist & der Tisch ist wo er ist. Und es würde auch nichts nützen, wenn ich irgend eine andere Geste machte.” –
§Ms-114
137r[3] &137v[1]
“Die Meinung hat eine Richtung (einen Sinn), den kein bloßer Vorgang hat.”
(Fast könnte man sagen: “die Meinung geht, während jeder Vorgang steht”.)
§Ms-114
137v[2]101. Nun aber: Denke ich mir das Aussprechen des Wunsches als den Akt des Wunsches, so erscheint mir das Problem als gelöst; weil ich im System der Sprache das Medium zu haben scheine, worin der Satz nicht tot ist.
§Ms-114
137v[3]Wenn wir uns den Ausdruck des Wunsches als Wunsch denken, so ist das beinahe, wie wenn wir uns, zu gewissen Zwecken, Lebewesen vorstellen, die sich etwa nur entlang den Linien eines gewissen Netzes auf der Erde fortbewegten, oder dergleichen.
§Ms-114
137v[4]Nun aber würde man sagen: Auch wenn das Aussprechen des Wunsches der Wunsch ist, so ist doch nicht die ganze Sprache bei diesem Aussprechen zugegen, & ist es dann der Wunsch! Wie hilft dann die Sprache? Nun es ist eben nicht nötig, daß etwas außer dem Ausdruck zugegen sei.
§Ms-114
137v[5] &138r[1]
102. Man könnte quasi in der Grammatik der Sprache die ganzen Zusammenhänge auffinden (nachschlagen). Das ganze Netz in das der Satz gehört, ist da zu sehen.
§Ms-114
138r[2]Fragt man: “warum stoßen wir uns denn nicht an den bloßen Vorgängen, wenn wir denken, meinen, etc.?”, so müssen wir uns sagen: wir denken ja dann nicht, ob das Bild der Gedanke, die Meinung ist, sondern wir gebrauchen, durchlaufen, Bilder, Sätze etc..
§Ms-114
138r[3]Aber freilich, wenn Du das Bild den Wunsch nennst (z.B. daß der Tisch höher wäre), was Du dann tust ist, das Bild mit einem Ausdruck der Sprache vergleichen & dem entspricht es freilich nicht, außer es ist Teil eines Systems, das in unsere Sprache übertragbar ist.
§Ms-114
138r[4] &138v[1]
Man sagt: wie kann denn diese Haltung der Hand, dieses Bild, der Wunsch sein, daß das & das der Fall wäre; sie ist weiter nichts als eine Hand über einem Tisch & steht allein & ohne Sinn da! Wie eine einzelne Kulisse aus einer Aufführung eines Theaterstücks, die allein stehen geblieben ist. Sie hatte Leben nur im Stück. über einem Tisch ist auch nicht der Wunsch, der Tisch möge höher sein, wenn sie nicht systematisch in diesen Ausdruck übersetzt werden kann.
§Ms-114
138v[2]Wir sehen in der Geste den eigentlichen Schatten der Erfüllung nicht; den unzweideutigen, oder nicht mehr deutbaren.
§Ms-114
138v[3]Wir fragen: “wünscht eine Hand über einem Tisch?” Und wünscht irgend etwas, was wir, ob es geistig oder materiell ist, hinzufügen mögen? Ist in irgend so einer Situation oder einem Vorgang wirklich das was gewünscht wird da? – Und was ist unser Vorbild für dieses Dasein? Ist es nicht unsere Sprache? Wo ist denn das gegeben, was den Wunsch zu diesem Wunsche macht, obwohl er doch nur Wunsch ist? Eben im ausgedrückten Wunsch.
§Ms-114
138v[4]“Das Wünschen muß doch zeigen was gewünscht wird, es muß doch, was gewünscht wird in der Wunschsphäre vorbilden.” Aber welcher wirkliche Vorgang schwebt Dir denn hierfür als Vorbild vor? (Welches ist denn der Spiegel in dem Du Dir das Gewünschte gesehen denkst?)
§Ms-114
138v[5] &139r[1]
“Die Geste versucht vorzubilden,” möchte man sagen, “aber kann es nicht”.
§Ms-114
139r[2]103. Kann man sagen, daß wenn ich wünsche, mein Wunsch die Erfüllung vorzubilden scheint? Er scheint dann gar nichts zu tun; es fällt mir nichts Seltsames an ihm auf. Nur wenn wir die sprachliche Äußerung des Wunsches betrachten, entsteht dieser Schein.
§Ms-114
139r[3]Wir betrachten einen Vorgang, den wir den Vorgang des Wunsches nennen würden, daß dieser Tisch höher wäre. Aber in diesem Vorgang ist die Erfüllung auch nicht scheinbar enthalten. Nun sagt man: “Aber dieser Vorgang soll ja ein Schatten gerade der gewünschten Tatsache sein & das sind doch diese Handlungen nicht.” Aber warum sagst Du denn, daß der Wunsch das sein soll?! “Nun, weil er der Wunsch ist, es möge gerade das der Fall sein.” Ja, & das ist die einzige Antwort, die Du darauf geben konntest. Und nun ist jener Vorgang also doch der Schatten, soweit er dem Ausdruck des Wunsches in der Wortsprache systematisch entspricht. Dieser Schatten ist im Wunschvorgang der Wortsprache. (In der Sprache treffen sich Wunsch & Erfüllung.)
§Ms-114
139v[2]Denke auch an den dem unsern ganz analogen Fall: “dieser Tisch ist nicht 80 cm hoch”; muß die Tatsache daß er 90 cm, also nicht 80 cm hoch ist, den Schatten der Tatsache enthalten daß er 80 cm hoch ist? Warum macht es diesen Eindruck? Macht etwa der Tisch der 90 cm hoch ist, wenn ich ihn sehe, auch den schattenhaften Eindruck, daß er die Höhe hat, die er nicht hat? Das wäre etwa als mißverstünden wir die Behauptung “⊢~p” dahin, sie enthielte die Behauptung “⊢p”; etwa wie “⊢ p ∙ q” in einem Sinne “⊢p” enthält.
§Ms-114
139v[3] &140r[1]
Es beschreibt mir jemand seine Handlungen als er, wie er sagt, den Wunsch hatte, der Tisch möge 10 cm höher sein. Er sagt, er habe die Hand 10 cm über den Tisch gehalten. Ich antworte: “Aber wie weißt Du daß Du nicht bloß den Wunsch hattest, der Tisch solle höher sein, denn auch dann hättest Du die Hand in irgend einer Höhe über dem Tisch gehalten”. Nun sagt er: “Ich werde doch wissen, was ich gewünscht habe”. Ich: “Gut, aber ich will wissen woran Du Dich erinnerst, wenn Du Dich an Deinen Wunsch erinnerst; was der Vorgang Deines Wunsches war; & was Dich sagen macht, Du hättest gerade das gewünscht.” Er: “Ich weiß, daß ich absichtlich die Hand gerade 10 cm hoch gehalten habe.” Ich: “Aber worin bestand gerade diese Absicht?” – Ich könnte auch fragen: “Hast Du auch gewiß im Maßstab 1 : 1 gewünscht? & wie weißt Du das?” Hätte er den Wunschvorgang so beschrieben: “ich habe gesagt, ‘ich möchte den Tisch 10 cm höher haben’”, so wäre die Frage, wie er wissen konnte was er wünschte, nicht aufgetreten. (Außer man hätte etwa weiter gefragt: “Hast Du diese Worte auch so gemeint, wie sie gewöhnlich gemeint werden?”) Und es läuft endlich immer darauf hinaus, daß er diesen Vorgang ohne weitere Meinung eben den Wunsch nennt, daß das geschehen möge. [Äußerung, nicht Beschreibung!]
§Ms-114
140r[2]“Wie weiß ich, daß ich mich an ihn erinnere, wenn die Erinnerung ein Bild ist?” Aber inwiefern weiß ich es denn? (“Wie kann ich mich an einen bestimmten von zwei Menschen erinnern, die ganz gleich aussehn?”)
§Ms-114
140r[3] &140v[1]
104. Wir sagen “der Satz ist keine bloße Lautreihe, er ist mehr”; wir denken daran daß ein chinesischer Satz für uns eine bloße Reihe von Lauten ist, daß das eben heißt, daß wir ihn nicht verstehn & wir sagen, das kommt daher daß wir beim chinesischen Satz keinen Gedanken haben (Z.B. das chinesische Wort für ‘rot’ bringt in uns keine rote Vorstellung hervor). “Also ist das, was den sinnvollen Satz von bloßen Lauten unterscheidet der hervorgerufene seelische Vorgang.” Der Satz ist wie ein Schlüsselbart dessen einzelnen Auszahnungen so angeordnet Hebel der Seele in gewisser Weise bewegen. Der Satz spielt gleichsam auf dem Instrument der Seele ein Thema (einen Gedanken). Wozu aber soll ich jetzt außer dem systematischen Spiel der Worte noch ein mit diesem parallel laufendes Spiel geistiger Elemente annehmen. Es vermehrt ja nur die Sprache um etwas Gleichartiges.
§Ms-114
140v[2] &141r[1]
Der Satz sei: “N ging heute nachmittag ins Senathaus”. Der Satz ist für mich kein bloßer Laut, er ruft in mir eine Vorstellung hervor etwa eines Mannes in der Nähe des Senathauses. Aber der Satz & diese Vorstellung ist nicht bloß ein Klang & eine schwache Vorstellung; sondern der Satz hat es sozusagen in sich diese Vorstellung hervorzurufen, aber auch andere Konsequenzen, & das ist sein Sinn. Die Vorstellung scheint nur ein schwaches Abbild dieses Sinnes, oder, sagen wir, nur eine Ansicht dieses Sinnes. – Aber was meine ich denn damit; sehe ich den Satz eben nicht als Glied in einem System von Konsequenzen?
§Ms-114
141r[2]Nehmen wir an der obige Satz riefe in mir ein sehr deutliches Bild des N auf dem Wege zum Senathause hervor; in diesem Bild sei auch die untergehenden Sonne (“abend”) zu sehen & ein Kalenderblatt mit dem heutigen Datum.
Wenn ich dieses Bild, statt es durch den Satz hervorrufen zu lassen, malte & es dem Andern als Mitteilung statt des Satzes zeigte, so kann er wieder sagen es drücke einen Gedanken aus, man müsse es verstehen; & als Akt des Verstehens würde er wahrscheinlich an ein Übersetzen in die Wortsprache denken.
§Ms-114
141r[3] &141v[1]
“Ich komme am 24ten Dezember in Wien an”, das sind doch nicht bloße Worte! Gewiß nicht; wenn ich sie lese, geht außer dem Wahrnehmen der Worte noch Verschiedenes in mir vor sich: ich empfinde etwa Freude, stelle mir etwas vor & dergleichen. – Aber ich meine doch nicht bloß, daß mit dem Satz verschiedene mehr oder weniger unwesentliche Begleiterscheinungen vor sich gehn; ich meine, der Satz hat doch einen bestimmten Sinn & den erfasse ich. Aber was ist denn dieser bestimmte Sinn? Nun, daß diese bestimmte Person, die ich kenne, dort & dort hin kommt, etc.. Ja, & wenn Du den Sinn angibst, bewegst Du Dich in der grammatischen Umgebung des Satzes umher. Du siehst dann die verschiedenen Transformationen & Konsequenzen des Satzes als präformiert an; & das sind sie, sofern sie in einer Grammatik niedergelegt sind. (Du betrachtest eben den Satz, wie einen Zug eines gegebenen Spiels.)
§Ms-114
141v[2]Ich sagte, es sei das System der Sprache, welches den Satz zum Gedanken macht & ihn uns zum Gedanken macht. Es heißt nicht: es ist das System der Sprache, welches uns den Satz, wenn wir ihn aussprechen, zum Gedanken macht, denn das System ist dann nicht anwesend & es braucht gar nichts, das uns den Satz lebendig macht, da die Frage der Lebendigkeit gar nicht auftaucht. Wenn wir dagegen fragen: “warum kommt uns der Satz nicht isoliert & tot vor, wenn wir nämlich über ihn, seinen Sinn, den Gedanken, etc., nachdenken”, so kann man sagen, daß wir uns dann im System der Sprache weiterbewegen.
§Ms-114
141v[3] &142r[1]
Gemäß den Worten “ich erfasse den Sinn” oder “ich denke den Gedanken dieses Satzes”, nimmst Du einen Vorgang an, der zum Unterschied vom bloßen Satzzeichen diese Konsequenzen beinhaltet.
§Ms-114
142r[2]105. “Der Gedanke, dieses seltsame Wesen”: aber er kommt uns nicht seltsam vor wenn wir ihn denken. Er kommt uns seltsam vor, wenn wir uns sagen: daß er die Gegenstände im Geist zusammenstellt, weil es eben der Gedanke ist, daß dieser Mensch das tut; er ist nicht ein Zeichen oder Bild, denn davon müßte ich erst wieder wissen, wie es gemeint ist; der Gedanke ist nicht etwas Totes, denn für mich geschieht dann wirklich, was ich denke. Woher diese seltsame Betrachtungsweise? Was es macht, daß man meint, der Gedanke, der gedachte Satz, enthalte die Realität, ist, daß man bereit ist von ihm zur Realität überzugehen & diesen Übergang als etwas bereits in ihm potentiell Enthaltenes empfindet (wenn man nämlich darüber nachdenkt), denn wir sagen: “dieses Wort meinte ihn”. Wir empfinden diesen Übergang (als) legitim, wie den erlaubten Zug eines Spiels.
§Ms-114
142r[3] &142v[1]
Der Gedanke kommt uns nicht geheimnisvoll vor während wir denken, sondern nur, wenn wir, gleichsam retrospektiv, sagen: “wie war das möglich?” Wie war es möglich, daß der Gedanke von diesem Menschen selbst handelte? Aber hier erstaune ich nur über einen sprachlichen Ausdruck, den ich jetzt mißverstehe.
§Ms-114
142v[2]Der Gedanke kommt uns geheimnisvoll vor. Aber nicht während wir denken. Auch meinen wir nicht psychologisch merkwürdig; wir sehen in ihm nicht nur eine besondere Art, Bilder & Zeichen zu machen; sondern es scheint uns, als hätten wir mit ihm die Realität eingefangen.
§Ms-114
142v[3]Er scheint uns ein seltsamer Vorgang nicht wenn wir ihn ansehen; sondern wenn wir uns von der Sprache führen lassen, wenn wir (das) ansehen, was wir über ihn sagen. Dieses Geheimnis verlegen wir in die Natur des Vorgangs. (Wir deuten das Rätselhafte das durch das Unverständnis unserer Sprachform hervorgebracht wird, als
das Rätselhafte eines uns unverständlichen Vorgangs.)
§Ms-114
143r[1]106. “Das Denken ist ein merkwürdiger Vorgang, denn wenn ich daran denke, was morgen geschehen wird, so bin ich im Geiste in der Zukunft.” Man muß eben die Grammatik des Satzes “ich bin im Geiste in der Zukunft” verstehen, um nicht zu glauben, daß hier die Zukunft in seltsamer Weise im Sinn eines Satzes, in der Bedeutung der Worte erfaßt wird. So meint man auch die unendliche Reihe der Kardinalzahlen sei irgendwie vor unserm geistigen Auge, wenn wir jenen Ausdruck sinnvoll gebrauchen können.
§Ms-114
143r[2]Was heißt: “dieses Bild ist für mich er”? Ich habe dieselbe Einstellung zu dem Portrait, wie zu dem Menschen selber. Denn ich unterscheide doch zwischen ihm & seinem Bild.
§Ms-114
143r[3]Ein Gedankenexperiment, (das) kommt auf dasselbe hinaus, wie ein Experiment, das man, statt es auszuführen, aufzeichnet, malt oder beschreibt. Und das Ergebnis des Experiments ist dann das erdichtete Ergebnis des erdichteten Experiments.
§Ms-114
143r[4]“Der Sinn dieses Satzes war mir gegenwärtig”, was geschah da?
§Ms-114
143v[1]“Das kann nur jemand sagen, der davon überzeugt ist”. Wie hilft ihm die Überzeugung (dabei), wenn er es sagt? – Ist sie dann neben dem gesprochenen Ausdruck vorhanden? (Oder wird sie von diesem zugedeckt, wie ein leiser Ton von einem lauten, so daß sie gleichsam nicht mehr gehört werden kann, wenn man sie laut ausdrückt?) Wie, wenn Einer sagte: “damit man eine Melodie nach dem Gedächtnis singen kann, muß man sie im Geiste hören & sie nachsingen”?
§Ms-114
143v[2]Versuche folgendes: Sage einen Satz, etwa: “das Wetter ist heute sehr schön”; & nun denke den Gedanken dieses Satzes, aber ohne Satz, sondern rein.
§Ms-114
144r[2]107. Es ist beinahe als sagte man: wir können uns nicht dorthin gehen sehen, da wir selbst gehen(und also nicht stehen & zuschauen können). Aber hier laborieren wir eben, wie so sehr oft, an einer Ausdrucksweise, die inadäquat ist, die wir abschütteln wollen, aber zugleich gebrauchen, & wir kleiden den Protest gegen unsere eigene Ausdrucksweise in einen Satz, der ihr angehört. Denn, wenn man sagt, “wir sehen uns dorthin gehen”, so meint man eben, daß wir sehen, was man sieht, wenn man selbst geht & nicht was man sieht wenn ein Anderer geht. Und man hat auch eine bestimmte Seherfahrung wenn man selbst geht.
§Ms-114
144v[1]D.h., man redet von einem Fall, der Erfahrung entgegengesetzt, in welchem das Subjekt wie ein Element in einer chemischen Verbindung gebunden ist. Aber woher nimmt man diese Idee? Den Begriff des lebenden Tuns im Gegensatz zum toten Phänomen.
§Ms-114
144v[2]Denken wir uns, jemand würde nun sagen: “selbst gehen ist keine Erfahrung”.
§Ms-114
144v[3]Wir wollen sagen: “Wenn wir meinen, so ist hier kein totes Bild (welcher Art immer), sondern es ist als gingen wir auf jemand zu. Wir gehen auf das Gemeinte zu.”
§Ms-114
144v[4]Aber hier konstruieren wir fälschlich einen Gegensatz zwischen der Erfahrung & etwas anderem, als ob Erfahrung das wäre, wenn man ruhig sitzt & die Bilder an sich vorüberziehen läßt.
§Ms-114
144v[5]“Wenn man meint, so meint man selber”; so bewegt man sich selber. Man stürmt selber vor & kann daher das Vorstürmen nicht auch beobachten. Gewiß nicht.
§Ms-114
144v[6]Ja, meinen ist, wie wenn man auf jemanden zugeht.
§Ms-114
103r[2] &103v[1]
108. Die Erfüllung der Erwartung besteht nicht darin, daß ein Drittes geschieht, das man, außer eben als “die Erfüllung dieser Erwartung” auch noch anders beschreiben könnte, etwa als ein Gefühl der Befriedigung, oder der Freude, oder wie immer. Die Erwartung, daß p der Fall sein wird ist das Gleiche wie die Erwartung der Erfüllung jener Erwartung. Könnte die Rechtfertigung einer Handlung als Befolgung eines Befehls so lauten: “Du hast gesagt ‘bring mir eine gelbe Blume’, & diese hier hat mir daraufhin ein Gefühl der Befriedigung gegeben, darum habe ich sie gebracht”? Müßte man da nicht antworten: “Ich habe Dir doch nicht geschafft, mir die Blume zu bringen, die Dir auf meine Worte hin ein solches Gefühl geben wird!”
§Ms-114
103v[2](Ich gehe die gelbe Blume suchen. Auch wenn mir während des Suchens ein Bild vorschwebt, – brauche ich es denn, wenn ich die gelbe Blume – oder eine andere – sehe? – Und wenn ich sage: “sobald ich eine gelbe Blume sehe, schnappt, gleichsam, etwas in dem Gedächtnis ein”, – wie etwa im Schlagwerk einer Uhr ein Hebel in die eines Rades kann ich denn dieses Einschnappen eher voraussehen, erwarten, als die gelbe Blume? – Wenn es auch in einem bestimmten Fall wirklich so ist, daß ich nicht das Gesuchte, sondern ein anderes (indirektes) Kriterium erwarte, so ist dies jedenfalls keine Erklärung des Erwartens.)
§Ms-114
103v[3] &104r[1]
Aber geht nicht mit dem Eintreffen des Erwarteten immer ein Phänomen der Zustimmung (oder Befriedigung) zusammen? – Ist dieses Phänomen ein anderes, als das Eintreten des Erwarteten? Wenn ja, dann weiß ich nicht, ob so ein Phänomen die Erfüllung immer begleitet. Wenn ich sage: der, dem die Erwartung erfüllt wird, muß doch nicht ausrufen “ja, das ist es”, oder dergleichen, – so kann man mir antworten: “Gewiß, aber er muß doch wissen, daß die Erwartung erfüllt ist”. – Ja, soweit dieses Wissen dazu gehört, daß sie erfüllt ist. – “Wohl, aber wenn Einem eine Erwartung erfüllt wird, so tritt doch immer eine Entspannung auf!” – Woher weißt Du das?
§Ms-114
104r[2] &104v[1]
109. Die Beschreibung der Sprache muß dasselbe leisten, wie die Sprache. “Denn dann kann ich wirklich aus dem Satz, der Beschreibung der Wirklichkeit, ersehen, wie es sich in der Wirklichkeit verhält.” – Aber nur das nennt man ja “Beschreibung”, & nur das nennt man ja “ersehen, wie es sich verhält”! Und etwas anderes ist es ja nicht, was je damit gesagt wird: daß wir aus der Beschreibung ersehen, wie es sich in Wirklichkeit verhält. “Du beziehst von dem Befehl die Kenntnis dessen, was Du zu tun hast. Und doch gibt Dir der Befehl nur sich selbst, & auf seine Wirkung kommt es nicht an.” Aber hier werden wir eben von der Ausdrucksweise unserer Sprache irregeleitet, wenn sie sagt “die Kenntnis dessen”, oder “die Kenntnis der Handlung”. Denn es ist also, als ob dieses Etwas, die Handlung, ein Ding wäre, das in der Befolgung des Befehls in (die) Existenz treten solle, & als ob der Befehl uns eben dieses Ding kennen lehrte, also zeigte; so daß er es also schon in irgend einem Sinne in die Existenz riefe. (Wie kann der Befehl – die Erwartung – uns einen Menschen zeigen, ehe er in unser Zimmer eingetreten ist?!)
§Ms-114
104v[2]Wenn man sagt, aus dem Befehl sei die Handlung zu entnehmen, die ihn befolgt, aus dem Satz die Tatsache die ihn wahr macht, – was ist denn aus dem Satz zu entnehmen, außer er selbst. Oder wie kann man denn aus dem Befehl die Handlung ableiten ehe sie geschieht? außer man meint eine andere Form der Beschreibung jener Handlung, wie wenn ich etwa nach dem Befehl eine Zeichnung der Handlung anfertige. – Aber auch diese weitere Beschreibung ist erst da, wenn ich sie abgeleitet habe & steckt nicht schon schattenhaft im Befehl selbst.
§Ms-114
98v[2]Etwas tun können erscheint wie ein Schatten des wirklichen Tuns, gerade wie der Sinn des Satzes als Schatten einer Tatsache, oder das Verstehen des Befehls als Schatten seiner Ausführung. Im Befehl wirft die Tatsache gleichsam “ihren Schatten schon voraus”. Dieser Schatten aber, was immer er wäre, ist nicht das Ereignis. Das schattenhafte Antizipieren der Tatsache besteht darin, daß wir jetzt denken können, daß das eintreffen wird, was erst eintreffen wird. Oder, wie es irreführend heißt: daß wir jetzt das (oder, an das) denken können, was erst eintreffen wird.
§Ms-114
104v[3] &105r[1]
110. Das Denken mit seiner Anwendung geht Schritt für Schritt als Kalkül vor sich. – Wieviele Zwischenstufen ich auch zwischen den Gedanken & die Anwendung setze, immer folgt eine Zwischenstufe der nächsten – & die Anwendung der letzten – ohne Zwischenglied. Hier haben wir den gleichen Fall, wie wenn wir zwischen Entschluß & Tat durch Zwischenglieder vermitteln möchten.
§Ms-114
105r[2]Die Zweideutigkeit unserer Ausdrucksweise: Wenn uns ein Befehl in einer Chiffre gegeben wäre & der Schlüssel zur Übersetzung in's Deutsche, so könnten wir den Vorgang den deutschen Befehl zu bilden, mit den Worten bezeichnen: “aus der Chiffre ableiten, was wir zu tun haben” oder “ableiten, was die Befolgung des Befehls ist”. Wenn wir anderseits nach dem Befehl handeln, ihn befolgen, so kann man auch hier von einem Ableiten der Befolgung reden.
§Ms-114
105r[3]Wir können die Brücke zur Befolgung nicht überschreiten, als bis wir bei ihr angelangt sind.
§Ms-114
145r[1]111. Uns interessiert das Denken als Kalkül; nicht als Tätigkeit der menschlichen Phantasie.
§Ms-114
105v[2]Der Kalkül des Denkens knüpft mit der Wirklichkeit außerhalb dem Denken an.
Vom Befehl zu seiner Ausführung ist ein Schritt einer Rechnung. Ja, die Rechnung
steht zu ihrem Resultat 625 genau im Verhältnis des Befehls zur Ausführung. Und soweit – & nur soweit – als diese Rechnung ein Bild des Resultats ist, ist auch der Befehl ein Bild der Ausführung (die Erwartung ein Bild der Erfüllung). Und soweit das Resultat durch die Rechnung bestimmt ist, soweit ist die Befolgung durch den Befehl bestimmt.
§Ms-114
106v[1]112. Wenn ich in der Sprache denke, so schweben mir nicht neben dem sprachlichen Ausdruck die Bedeutungen vor; sondern die Sprache selbst ist das Vehikel der Gedanken.
§Ms-114
106v[2]Inwiefern antizipiert denn der Befehl die Ausführung? – Dadurch, daß er das jetzt befiehlt, was später ausgeführt wird? Aber es müßte ja heißen: “… was später ausgeführt, oder nicht ausgeführt wird”. Und das sagt nichts. “Aber, wenn auch mein Wunsch nicht bestimmt, was der Fall sein wird, so bestimmt er doch sozusagen das Thema einer Tatsache, ob die nun den Wunsch erfüllt, oder nicht.” Wir wundern uns – gleichsam – nicht darüber, daß Einer die Zukunft weiß, sondern darüber, daß er überhaupt prophezeien kann (richtig oder falsch). Als nähme die bloße Prophezeiung, gleichgültig ob richtig oder falsch, schon einen Schatten der Zukunft voraus. – Während sie über die Zukunft nichts weiß; & weniger als nichts nicht wissen kann.
§Ms-114
106v[3] &107r[1]
Wenn man nun fragt: Ist also die Tatsache durch die Erwartung auf ja & nein bestimmt, oder nicht, – d.h., ist es bestimmt, in welchem Sinne die Erwartung durch ein Ereignis – welches immer eintreffen mag – beantwortet werden wird, – so muß man antworten: Ja! wenn nicht der Ausdruck der Erwartung unbestimmt ist, insofern er z.B. eine Disjunktion verschiedener Möglichkeiten ist.
§Ms-114
107r[3]“Der Satz bestimmt doch schon im Voraus, was ihn wahr machen wird”. Gewiß, der Satz ‘p’ bestimmt, daß p der Fall sein muß um ihn wahr zu machen; & das heißt: (der Satz p) = (der Satz, den die Tatsache p wahr macht)
Und die Aussage, daß der Wunsch, p möge der Fall sein, durch das Ereignis p befriedigt wird, sagt nichts; außer als eine Zeichenregel:
(der Wunsch daß p der Fall sein möge) = (der Wunsch, der durch die Tatsache p befriedigt wird)
§Ms-114
107r[4]Wie alles Metaphysische ist die Harmonie zwischen Gedanken & Wirklichkeit in der Grammatik der Sprache aufzufinden.
§Ms-114
107r[5] &107v[1]
113. Statt Harmonie, Übereinstimmung von Gedanken & Wirklichkeit könnte man hier sagen: Bildhaftigkeit der Gedanken. Ist aber die Bildhaftigkeit eine Übereinstimmung? In der Abhandlung hatte ich so etwas gesagt wie: sie ist eine Übereinstimmung der Form. Das ist aber irreführend. Alles kann ein Bild von allem sein: wenn wir den Begriff des Bildes entsprechend ausdehnen. Und sonst müssen wir eben sagen, was wir ein Bild von etwas nennen, & damit auch, was wir noch die Übereinstimmung der Bildhaftigkeit, die Übereinstimmung der Formen nennen wollen. Denn, was ich sagte, kommt ja eigentlich darauf hinaus: daß jede Projektion, nach welcher Methode immer, etwas mit dem Projizierten gemeinsam haben muß. Aber das sagt nur, daß ich hier den Begriff des ‘gemeinsam habens’ ausdehne & ihn dem allgemeinen Begriff des Projizierens äquivalent mache. Ich mache also nur auf eine Möglichkeit der Verallgemeinerung aufmerksam (was freilich sehr wichtig sein kann). Die Übereinstimmung von Gedanken & Wirklichkeit liegt darin, daß, wenn ich fälschlich sage, etwas sei rot, es doch immerhin nicht rot ist. Und wenn ich Einem das Wort “rot” im Satze “Das ist nicht rot” erklären will, ich dazu auf etwas Rotes zeige.
§Ms-114
107v[2] &108r[1]
In welchem Sinne kann ich sagen, der Satz sei ein Bild? Wenn ich darüber denke, möchte ich sagen: er muß ein Bild sein, damit er mir zeigen kann, was ich tun soll; damit ich mich nach ihm richten kann. Aber dann willst Du also bloß sagen, daß Du Dich nach dem Satz richtest in dem Sinne, in welchem Du Dich nach einem Bild richtest. Zu sagen, daß der Satz ein Bild ist, hebt gewisse Züge in der Grammatik des Wortes “Satz” hervor.
Das Denken ist ganz dem Zeichnen von Bildern zu vergleichen.
Man kann aber auch sagen, daß, was wie ein Vergleichsobjekt des Satzes erscheint, ein besonderer Fall unseres allgemeinern Begriffs ist. Wenn ich den Satz mit einem Maßstab verglichen habe, so habe ich, strenggenommen, eine Längenangabe mit Hilfe eines Maßstabs als Beispiel für alle Sätze gebraucht.
§Ms-114
108r[2] &108v[1]
114. Sinn des Satzes, Sinn eines Bildes. Wenn wir den Satz mit einem Bild vergleichen, so müssen wir bedenken, ob mit einem Portrait (einer historischen Darstellung), oder mit einem Genrebild. Und beide Vergleiche haben Sinn.
(Sätze in Dichtungen entsprechen Genrebildern.) “Wenn ich ein Genrebild anschaue, so ‘sagt es mir etwas’, auch wenn ich keinen Augenblick glaube (mir einbilde), die Menschen, die ich darin sehe seien wirklich, oder, es habe wirkliche Menschen in dieser Situation gegeben. ‘Es sagt mir etwas’ kann aber hier nur heißen, ich habe eine bestimmte Einstellung dazu, sehe es in bestimmter Weise. Denn wie, wenn ich fragte: “was sagte es mir denn?”
Bedenke die gänzlich verschiedene Grammatik der Ausdrücke: “dieses Bild stellt Leute in einer Dorfschenke dar”,
“dieses Bild stellt die Krönung Napoleons dar”.
§Ms-114
108v[2](Sokrates: “Und wer vorstellt, sollte nicht etwas vorstellen?” – Theaitetos: “Notwendig.” – Sokrates: “Und wer etwas vorstellt, nichts Wirkliches?” – Th.: “So scheint es.”)
§Ms-114
145r[2] &145r[3]
Sagt es mir, z.B., “in einer Schenke sitzen zwei Leute & trinken Wein”? Nur dann, wenn dieser Satz in irgend einer Form außer dem Bild im Vorgang des Verstehens auftritt. Wenn ich mir also etwa beim Betrachten des Bildes sage: “hier sitzen zwei Leute etc.”. Wenn mir das Bild in diesem Sinne etwas sagt, so sagt es mir Worte. Aber inwiefern erklärt es sich mit diesen Worten? Für die Realität ist es doch ein Umweg, sich durch die Sprache zu erklären. Also ist der Tatsache, daß das Bild mir etwas sagt nicht wesentlich, daß mir bei seinem Anblick Worte einfallen. Denn das Bild sollte doch die direktere Sprache sein.
Hier ist es wichtig zu verstehen, daß man statt eines Bildes auch einen Ausschnitt aus der körperlichen Wirklichkeit hätte betrachten können. Denn die Beziehung die wir zu einem gemalten Tisch haben hat zwar historisch ihren Ursprung in unserer Beziehung zu wirklichen Tischen, aber diese tritt in jene nicht ein.
§Ms-115
1[1]115. 14.12.1933
Das Bild sagt mir also sich selbst. Und daß es mir etwas sagt wird etwa darin bestehen, daß ich in ihm Gegenstände in irgend einer charakteristischen Gruppierung wiedererkenne. (Wenn ich sage: “ich sehe in diesem Bild einen Tisch”, so charakterisiert das, wie gesagt, das Bild in einer Weise, die nichts mit der Existenz eines ‘wirklichen’ Tisches zu tun hat. “Das Bild zeigt mir einen Würfel”, kann z.B. heißen: es enthält die Form
.)
§Ms-115
2[2] Ich leugne natürlich nicht, daß es Phänomene des Wiedererkennens gibt (wenn wir, z.B., sagen: “das ist dasselbe Kästchen, das ich vor Jahren dort gesehen habe”) auch nicht, daß unter den Phänomenen, die wir “Wiedererkennen” nennen, das ist, ein Vorstellungsbild mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Wenn man mich fragt: “hast Du Deinen Schreibtisch wiedererkannt, wie Du heute morgen in Dein Zimmer getreten bist?” so würde ich wohl sagen “gewiß!” und doch ist es irreführend, das was sich da abgespielt hat ein “Wiedererkennen” zu nennen. Gewiß, der Schreibtisch war mir nicht fremd, ich war nicht überrascht ihn zu sehn, wie ich es gewesen wäre wenn ein andrer dagestanden hätte oder ein fremdartiger Gegenstand.
§Ms-115
5[1]“Wohlbekannt ist das, wovon ich weiß, was es ist”.
§Ms-115
3[2]“Was heißt es: ‘dieser Gegenstand ist mir wohlbekannt?’” – “Nun, ich weiß daß er ein Tisch ist.” Das kann aber alles mögliche heißen, u.a.: “ich weiß, wie er gebraucht wird”, “ich weiß er sieht wie ein Tisch aus, wenn man ihn aufklappt”, “ich weiß, daß man das einen ‘Tisch’ nennt”.
§Ms-115
3[3]Was ist das Wesen des ‘Wohlbekanntseins’? Worin besteht es, daß ein Anblick mir wohlbekannt ist? (Schon diese Frage ist eigentümlich; sie klingt nicht wie eine grammatische Frage.) Ich möchte sagen: “Ich sehe was ich sehe.” Und die Wohlbekanntheit kann nur darin liegen, daß ich in dem Anblick ruhe.
§Ms-115
3[4]116. “Ich sehe, was ich sehe”, das sage ich darum, weil ich nicht benennen will, was ich sehe. Ich will nicht sagen, “ich sehe eine Blume”, denn das setzt ein Sprachübereinkommen voraus & meine Ausdrucksweise will sich nicht auf die Geschichte des Eindrucks beziehen.
§Ms-115
5[2]Ich will alles ‘Geschichtliche’ aus meiner Betrachtungsweise des Bekanntseins ausschalten. Es bleiben dann Eindrücke (Erlebnisse, Reaktionen), & auch wo die Sprache in unsere Erfahrungen eintritt betrachten wir sie nicht als bestehende Einrichtung.
§Ms-115
4[2]Das Wohlbekanntsein bestehe darin, daß ich erkenne: was ich sehe sei eine Blume. Ich sage nun: Das Aussprechen der Worte “das ist eine Blume” ist die Reaktion des Erkennens; aber das Kriterium des Erkennens ist nicht, daß ich den Gegenstand richtig benenne, sondern daß ich bei seinem Anblick eine Lautverbindung mit bestimmtem Erlebnis ausspreche. Denn daß die Lautverbindung das richtige deutsche Wort ist, oder überhaupt ein Wort einer bestehenden Sprache liegt nicht in dem Erlebnis beim Aussprechen.
§Ms-115
5[3]Die Multiplizität des Wohlbekanntseins, wie ich es verstehe, ist also die des Ruhens in einem Anblick. Es könnte darin bestehen daß mein Blick auf dem Gegenstand nicht unruhig (suchend) umherschweift, daß ich den Aspekt des Gesehenen nicht wechsle sondern mich in einem Aspekt niederlasse & bleibe.
§Ms-115
5[4]Ich sehe das Bild eines dicken Rockes & habe ein Gefühl der Wärme & Behaglichkeit, ich sehe das Bild einer winterlichen Landschaft & friere. Diese Reaktionen, könnte man sagen, sind durch frühere Erfahrung gerechtfertigt. Aber wir bekümmern uns jetzt nicht um die Geschichte unserer Erfahrungen & also auch nicht um eine solche Rechtfertigung.
§Ms-115
6[1]Niemand wird sagen, daß jedesmal wenn ich in mein Zimmer komme, in die altgewohnte Umgebung, sich ein Wiedererkennen alles dessen was ich sehe, & hundertemale gesehen habe, abspielt.
§Ms-115
6[2]117. Wenn wir an unser Verstehen eines Bildes etwa eines Genrebildes denken, so sind wir vielleicht geneigt anzunehmen, daß es da ein bestimmtes Phänomen des Wiedererkennens gibt & wie die gemalten Menschen als Menschen, die gemalten Bäume als Bäume erkennen, etc. Aber vergleiche ich denn beim Anblick eines Genrebildes die gemalten Menschen mit wirklichen, etc.? Soll ich also sagen ich erkenne die gemalten Menschen als gemalte Menschen? Und also auch die wirklichen Menschen als wirkliche?
§Ms-115
6[3]Freilich gibt es ein Phänomen des Erkennens, wenn wir, etwa nach einem Vorgang des Suchens, eine Zeichnung als Darstellung eines Menschen erkennen; aber was sich hier abspielt geschieht eben nicht, wenn ich die Zeichnung sogleich als Darstellung eines Menschen sehe.
§Ms-115
7[1]Das Bild einer menschlichen Gestalt sowie die menschliche Gestalt selbst sind uns wohlvertraute Gegenstände. Von einem Wiedererkennen aber ist hier keine Rede.
§Ms-115
7[2]118. Von den Vorgängen, die man “Wiedererkennen” nennt haben wir leicht einen falschen Begriff; als bestünde das Wiedererkennen immer darin daß wir zwei Eindrücke mit einander vergleichen. Es ist als trüge ich ein Bild eines Gegenstandes bei mir & agnoszierte danach einen Gegenstand als den, welchen das Bild darstellt. Unser Gedächtnis scheint uns so einen Vergleich zu vermitteln, indem es uns ein Bild des früher Gesehenen aufbewahrt oder uns erlaubt (wie durch ein Rohr) in die Vergangenheit zu blicken.
§Ms-115
7[3] &8[1]
In den meisten Fällen des Wiedererkennens findet kein solcher Vergleich statt. Jemand kommt mir auf der Gasse entgegen dessen Gesicht meinen Blick auf sich zieht; vielleicht frage ich mich “wer ist das?”; plötzlich ändert sich der Aspekt des Gesichtes in bestimmter Weise, “es wird mir bekannt”; ich lächle gehe auf ihn zu & begrüße ihn beim Namen; jetzt reden wir von der vergangenen Zeit & dabei schwebt mir vielleicht auch ein Erinnerungsbild von ihm vor, ich sehe ihn in einer bestimmten Situation.
§Ms-115
8[2]Man sagt vielleicht: hätte ich nicht sein Bild in der Erinnerung bewahrt, so könnte ich ihn nicht erkennen. Aber hier gebraucht man eine Metapher, oder man spricht eine Hypothese aus.
§Ms-115
8[3]Man könnte sagen: “der Anblick war erinnerungsbetont”.
§Ms-115
8[4]Man sagt auch: “wir könnten Worte gar nicht gebrauchen, wenn wir nicht sie & die Gegenstände die sie bezeichnen wiedererkennten”. Wenn wir die Farbe Grün nicht als solche wiedererkennten (wohl wegen Mangels an Gedächtnis), so könnten wir also das Wort “Grün” nicht anwenden. Aber haben wir denn irgend eine Kontrolle dieses Wiedererkennens, so daß wir wissen daß es wirklich ein Wiedererkennen ist? Wenn wir von einem Wiedererkennen reden, so meinen wir, daß wir etwas als das erkennen, was es, nach andern Kriterien, wirklich ist. “Erkennen” heißt: erkennen, was ist.
§Ms-115
8[5]119. Die Wohlbekanntheit bestätigt den Aspekt ohne ihn aber mit etwas Anderem zu vergleichen. Sie stempelt ihn gleichsam ab.
§Ms-115
9[1]Anderseits möchte ich sagen: “was ich hier vor mir sehe, ist doch nicht irgend eine Form, die ich auf bestimmte Weise sehe, sondern es sind eben meine Schuhe, die ich kenne.” Aber hier bekämpfen sich eben zwei Ausdrucksweisen.
§Ms-115
9[2]Diese Form, die ich sehe – möchte ich sagen – ist nicht einfach eine Form, sondern sie ist eine von den mir bekannten Formen; sie ist eine im vorhinein ausgezeichnete Form. Sie ist eine von den Formen deren Bild schon früher in mir war & nur weil sie so einem Bild entspricht, ist sie die wohlbekannte Form. (Ich trage gleichsam einen Katalog solcher Formen mit mir herum & die Gegenstände die dort abgebildet sind, sind dann die wohlbekannten.)
§Ms-115
9[3]Aber daß ich das Bild schon früher mit mir herumgetragen habe wäre nur eine kausale Erklärung des gegenwärtigen Eindrucks. Es ist, als sagte man: diese Bewegung geht so leicht, als wäre sie eingeübt worden. Und es ist ja nicht so sehr als vergliche ich den Gegenstand mit einem neben ihm stehenden Bild sondern als deckte er sich mit dem Bild. Ich sehe also nur Eines & nicht zwei.
§Ms-115
10[1]120. Man sagt: “dieses Gesicht hat einen ganz bestimmten Ausdruck”, & sucht etwa nach Worten, die ihn charakterisieren.
§Ms-115
10[2]Hier ist es leicht in jene Sackgasse des Philosophierens zu geraten, wo man glaubt die Schwierigkeit der Aufgabe liege darin, daß schwer Erhaschbares, die schnell entschlüpfende gegenwärtige Erfahrung, oder dergleichen, von uns beschrieben werden sollten. Wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint; & es scheint als haben wir es nicht mit den Phänomenen zu tun, von denen der Alltag redet, sondern “mit den leicht entschwindenden, die mit ihrem Auftauchen & Vergehen jene ersteren annähernd erzeugen”.
§Ms-115
10[3]Und da muß man sich daran erinnern, daß alle die Phänomene, die uns nun so merkwürdig vorkommen, die ganz gewöhnlichen sind, die, wenn sie geschehen, uns nicht im geringsten auffallen. Sie kommen uns erst in der seltsamen Beleuchtung merkwürdig vor, die wir nun auf sie werfen, wenn wir philosophieren.
§Ms-115
10[4] &11[1]
121. “Das Bild sagt mir sich selbst”, möchte ich sagen. D.h., daß es mir etwas sagt, besteht in seiner eigenen Struktur in seinen Formen & Farben. So ein Fall wäre es z.B., wenn “es sagt mir etwas” oder “es ist ein Bild” hieße: es zeigt irgend eine Kombination von Würfeln & Zylindern.
§Ms-115
11[2]“Es sagt mir etwas” kann heißen: es erzählt mir etwas, es ist eine Erzählung.
§Ms-115
11[3]Es sagt mir sich selbst, wie ein Satz, eine Erzählung mir sich selbst sagt.
§Ms-115
11[4]Ist denn der Begriff des erzählenden Bildes nicht ähnlich dem des Genrebildes (oder Schlachtenbildes). Und wenn ich beschreiben wollte, was ein Schlachtenbild ist, so brauchte ich mich nicht auf eine Realität außerhalb des Bildes zu beziehen sondern nur von gemalten Menschen, gemalten Pferden, gemalten Kanonen etc. zu reden.
§Ms-115
11[5]“Das Bild sagt mir etwas”: es gebraucht, sozusagen, Worte; hier sind Augen, Mund, Nase, Hände, etc. etc.. Ich vergleiche das Bild mit einer Kombination sprachlicher Formen.
§Ms-115
11[6] &12[1]
Aber das System der Sprache ist nicht von der Kategorie eines Erlebnisses. Das typische Erlebnis beim Gebrauch eines Systems nicht das System. (Vergleiche: Bedeutung des Wortes “oder” & Oder-Gefühl.)
§Ms-115
12[2]“Jetzt sagt mir diese Zeichenfolge etwas; früher, ehe ich die Sprache lernte, hat sie mir nichts gesagt”. Nehmen wir an wir meinten damit, daß der Satz jetzt mit einem bestimmten Erlebnis gelesen wird. Gewiß, diese Zeichenfolge hat, ehe ich die Sprache verstehen lernte, nicht diesen Eindruck gemacht. Der Eindruck ist natürlich, wenn wir vom Kausalen absehen vom System der Sprache ganz unabhängig. – Und nun wehrt sich etwas in mir dagegen, zu sagen: daß der Satz etwas sagt, besteht darin, daß er mir diesen Eindruck macht. “Etwas ist ein Satz nur in einer Sprache”, will ich sagen.
§Ms-115
12[3]122. ‘Sprache’, das sind doch die Sprachen. Auch solche die ich nach Analogie bestehender erfinde. Die Sprachen sind Systeme.
§Ms-115
12[4]“Ein Satz ist ein Satz einer Sprache”. Aber das heißt eben: “Sätze” nenne ich Glieder der Sprachen.
§Ms-115
12[5] &13[1]
Aber achten wir auf den Gebrauch des Wortes “deutsche Sprache”, sonst fragen wir etwa: “Was ist die Sprache? alle ihre Sätze die je gesprochen worden sind? die Klasse ihrer Regeln & Wörter? etc. etc..”. Was ist das System? Wo ist es? Was ist das Schachspiel? alle Partien? Das Regelverzeichnis?
§Ms-115
13[2]“Satz ist das Glied einer Sprache”. “Es ist doch offenbar die Kombination von Wörtern die auch anders kombiniert werden könnten, was den Satz ausmacht”. D.h. aber: was ihn für mich ausmacht. So betrachte ich die Sprache.
§Ms-115
13[3]Wir wollen eben auf das System der Sprache achten.
§Ms-115
13[4]123. Gewiß, ich lese eine Geschichte & kümmere mich den Teufel um ein System der Sprache. Ich lese einfach, habe Eindrücke, sehe Bilder vor mir, etc.. Ich lasse die Geschichte an mir vorüberziehen wie Bilder, wie eine Bildergeschichte. (Damit will ich natürlich nicht sagen, daß jeder Satz in mir ein visuelles Bild oder mehrere hervorruft, & daß das etwa der Zweck eines Satzes sei.)
§Ms-115
13[5]Denken wir uns eine Bildergeschichte in schematischen Bildern, also ähnlicher der Erzählung in einer Sprache als eine Folge realistischer Bilder. Man könnte in so einer Bildersprache etwa insbesondere den Gang von Schlachten festgehalten haben. (Sprachspiel.) Und ein Satz unserer Wortsprache kommt so einem Bild dieser Bildersprache viel näher als man meint.
§Ms-115
14[1]Denken wir auch daran, wie wir uns solche Bilder [
] nicht erst in realistische übertragen, um sie zu ‘verstehen’, sowenig wir uns je Photographien oder die Bilder des Films in färbige Bilder übertragen obwohl uns schwarz-weiße Menschen oder Pflanzen etc. in der Wirklichkeit unsagbar fremd & schrecklich vorkämen. Wie, wenn wir nun hier sagten: “ein Bild ist etwas nur in einer Bildersprache”?
§Ms-115
14[2]Ein Satz einer Erzählung gibt uns dieselbe Befriedigung, wie ein Bild.
§Ms-115
14[3] &15[1]
124. Wir können uns (anderseits) eine Sprache denken, in deren Verwendung der Eindruck, den ein Zeichen uns macht, keine Rolle spielt; in der es ein Verstehen im Sinne eines solchen Eindrucks nicht gibt. Die Zeichen werden uns etwa geschrieben übermittelt & wir können sie uns nun merken. (D.h. der einzige Eindruck von dem da die Rede ist, ist das Bild des Zeichens.) Wenn es nun ein Befehl ist, so übertragen wir nach Regeln, Tabellen, das Zeichen in Handlung. Zum Eindruck ähnlich dem eines Bildes kommt es gar nicht & man schreibt auch nicht Geschichten in dieser Sprache. Es gibt aber etwa eine Art Unterhaltungslektüre, die darin besteht, daß man gewisse Zeichenfolgen in Körperbewegungen übersetzt die eine Art Tanz bilden. (Vergleiche die Bemerkung über Verstehen & Chiffre.)
§Ms-115
15[4]In diesem Fall könnte man wirklich sagen: “Die Zeichenfolge ist tot ohne das System”.
§Ms-115
15[2]Es wäre natürlich auch denkbar, daß wir einen Satz der Wortsprache, um von ihm einen Eindruck zu erhalten, nach Regeln in ein gezeichnetes Bild übertragen müßten. (Daß erst dies Bild eine Seele hätte.)
§Ms-115
15[3](Ich könnte meinem Schüler sagen: Du wirst anders denken, wenn Du durch diese Übungen gegangen bist.)
§Ms-115
15[5]Aber auch in unserer gewöhnlichen Sprache können wir von dem Eindruck des Satzes oft ganz absehen & wichtig ist nur, wie wir mit dem Satz operieren. (Frege's Auffassung der Logik.)
§Ms-115
15[6]“Es gibt keinen alleinstehenden Satz”. Denn was ich “Satz” nenne ist eine Spielstellung in einer Sprache.
§Ms-115
16[1]Ist das Verwirrende nicht, daß ich eine Spielstellung betrachten kann so genau ich will, aber dadurch nicht herausfinde, daß es eine Spielstellung ist? Es verwirrt uns hier etwas in der Grammatik des Wortes “Spielstellung”.
§Ms-115
16[2]Das Denken heißt eine Tätigkeit, wie das Rechnen. Niemand würde Rechnen einen Zustand nennen, oder Schach spielen.
§Ms-115
16[3]125. Denken wir uns eine Art Vexierbild, worin nicht ein bestimmter Gegenstand aufzufinden ist, sondern das uns auf den ersten Blick als ein Gewirr nichtssagender Striche erscheint & nach einigem Suchen erst als, sagen wir, ein Landschaftsbild. – Worin besteht der Unterschied zwischen dem Anblick des Bildes vor & nach der Lösung. Daß wir es beidemale anders sehen ist klar. Inwiefern aber kann man nach der Auflösung sagen, jetzt sage uns das Bild etwas, früher habe es uns nichts gesagt?
§Ms-115
16[4]Wir können diese Frage auch so stellen: Was ist das allgemeine Charakteristikum dafür, daß die Lösung gefunden ist?
§Ms-115
18[2](Wer nicht versteht, warum wir über diese Dinge reden, muß, was wir sagen, als leere Spielerei empfinden.)
§Ms-115
18[3] &19[1]
126. Der Eindruck ist Eins, & die Bestimmtheit des Eindrucks etwas Anderes. Was ich den Eindruck der Wohlbekanntheit nenne hat die Multiplizität einer Bestimmtheit.
§Ms-115
19[2]Wir können in ein menschliches Gesicht schauen das wir genau kennen ohne irgend einen Eindruck zu erhalten, sozusagen ganz stumpfsinnig; & von da bis zu einem starken Eindruck gibt es alle Stufen.
§Ms-115
19[3]Denken wir uns der Anblick eines Gesichts brächte einen starken Eindruck auf uns hervor es flößt uns etwa Furcht ein. Soll ich dann sagen: vor allem muß da ein Eindruck der Wohlbekanntheit sein, die Form des menschlichen Gesichts als solche muß mir den Eindruck der Bekanntheit machen; & zu diesem Eindruck kommt nun der der Furcht. – Ist es nicht so, daß, was ich den Eindruck der Artbekanntheit nenne, ein Charakteristikum eines jeden starken Eindrucks ist den ein Gesicht auf mich macht. Etwa das Charakteristikum der Bestimmtheit. Ich sagte ja der Eindruck der Wohlbekanntheit bestehe etwa darin daß wir in einem Anblick ruhen, den Aspekt nicht wechseln & dergleichen.
§Ms-115
19[4] &20[1]
127. Kann ich mir den Eindruck der individuellen Bekanntschaft wegdenken, wo er ist, & hinzudenken wo er nicht ist? Und was heißt das? Ich sehe z.B. das Gesicht eines Freundes an & frage mich: wie schaut dieses Gesicht aus wenn ich es als ein mir unbekanntes Gesicht sehe (als sähe ich es etwa jetzt zum ersten mal)? Was bleibt sozusagen von dem Anblick des Gesichts wenn ich den Eindruck der Bekanntheit wegdenke, abziehe? – Hier bin ich nun geneigt zu sagen: “es ist sehr schwer die Bekanntheit von dem Eindruck des Gesichts zu trennen”. Aber ich fühle auch daß das eine irreführende Ausdrucksweise ist. Ich weiß nämlich gar nicht wie ich es auch nur versuchen soll diese beiden zu trennen. Der Ausdruck “sie trennen” hat für mich gar keinen klaren Sinn. Ich weiß was es heißt: “stelle Dir diesen Tisch vor aber schwarz, obwohl er braun ist” das heißt etwas Ähnliches wie: “male ein Bild dieses Tisches aber schwarz statt braun”; oder analog: “zeichne diesen Menschen aber mit längeren Beinen als er hat”.
§Ms-115
20[2]Wie, wenn man sagte: “denke Dir diesen Schmetterling, genau so wie er ist, aber häßlich statt schön”?!
§Ms-115
20[3] &21[1]
“Es ist sehr schwer … wegzudenken”: hier scheint es als handle es sich um eine psychologische Schwierigkeit, eine Schwierigkeit der Introspektion oder dergleichen. (Dies trifft für ein großes Gebiet von philosophischen Problemen zu: Denke an das Problem der genauen Wiedergabe, Beschreibung, des im Gesichtsfeld Gesehenen; an die Beschreibung der immer fließenden Erscheinung; auch daran: “wieviel Regentropfen siehst Du, wenn Du in den Regen schaust”.)
Vergleiche: “Es ist schwer diesen Tisch aus der Ferne bewegen zu wollen”.
§Ms-115
21[2]Wir haben in diesem Fall nicht bestimmt, was es heißen soll sich die Wohlbekanntheit wegzudenken.
Es könnte etwa heißen, sich des Eindrucks zu entsinnen den ich hatte als ich das Gesicht zum ersten Male sah. Und hier wieder muß man wissen was es heißt zu “versuchen” sich an den Eindruck zu erinnern. Denn das hat mancherlei Bedeutung. Fragen wir uns: welche Tätigkeiten nennen wir “versuchen uns an etwas zu erinnern”; was tun wir wenn wir uns daran erinnern wollen was wir gestern zu Mittag gegessen haben; gibt es diese Methode auch für die frühen Kindheitserinnerungen eines Erwachsenen; kann man versuchen, sich an die eigene Geburt zu erinnern?
§Ms-115
21[3] &22[1]
Ich sage mir: ich will versuchen ein gedrucktes deutsches Wort anzuschauen und es so zu sehen als hätte ich nicht lesen gelernt & als seien die schwarzen Figuren auf dem Papier sonderbare Zeichnungen deren Zweck ich mir nicht denken kann, oder nicht ahne. Da geschieht nun dies, daß ich das gedruckte Wort nicht anschauen kann ohne daß mir das Lautbild des Wortes oder der Buchstaben die ich gerade anschaue vorschwebt.
§Ms-115
22[2]Eine zeichnerische Darstellung des Innern eines Radioempfängers wird für den der keine Kunde von solchen Dingen hat, ein Gewirr sinnloser Striche sein. Hat er aber den Apparat & seine Funktion kennengelernt so wird jene Zeichnung für ihn ein sinnvolles Bild sein. Gegeben nun eine bestimmte mir jetzt sinnlose körperliche Gestalt (etwa im Bild), kann ich nach Belieben sie sinnvoll vorstellen? Das wäre, als fragte man: kann ich mir einen beliebig geformten Gegenstand als Gebrauchsgegenstand vorstellen? Aber zu was für einem Gebrauch? Nun man kann ja wenigstens eine Klasse von Körperformen sich methodisch als Wohnungen von Tieren oder Menschen denken. Eine andere Klasse als Waffen. Eine etwa als Modelle von Landschaften etc. etc.. Und hier weiß ich also, wie ich einer sinnlosen Form Sinn geben kann.
§Ms-115
27[2]Das hängt mit dem Gegensatz von sagen & meinen zusammen. “Jeder Ausdruck kann (doch) lügen”: Aber denke doch nur was Du mit “lügen” meinst. Wie stellst Du Dir die Lüge vor? setzt Du nicht einen Ausdruck einem andern entgegen? Doch gewiß dem Ausdruck einen Vorgang, der auch Ausdruck sein könnte.
§Ms-115
23[1]128. Wenn ich sage, dieses Gesicht hat den Ausdruck der Milde, Güte, Feigheit, so scheine ich nicht nur zu meinen daß wir die & die Gefühle mit dem Anblick des Gesichts assoziieren, sondern ich bin versucht zu sagen, daß das Gesicht ein Aspekt der Feigheit, Güte, etc., selbst ist. (Vergleiche z.B. Weininger.) – Man kann sagen: ich sehe die Feigheit in dieses Gesicht hinein (& könnte sie auch in ein anderes hineinsehen), aber jedenfalls scheint sie mit dem Gesicht nicht bloß assoziiert, äußerlich verbunden, sondern die Furcht hat die Multiplizität der Gesichtszüge. Und wenn sich z.B. die Züge ein wenig ändern, so können wir von einer entsprechenden Änderung der Furcht reden. Würden wir gefragt: “kannst Du Dir dieses Gesicht auch als Ausdruck des Mutes denken”, so wüßten wir, gleichsam, nicht, wie wir den Mut in diesen Zügen unterbringen sollten. Ich sage dann etwa: “Ich weiß nicht was das hieße, wenn dieses Gesicht ein mutiges Gesicht ist”. Aber wie sieht die Lösung so einer Frage aus? Man sagt etwa: “Ja, jetzt versteh' ich es; das Gesicht ist sozusagen gleichgültig gegen die Außenwelt”. Wir haben also Mut hineingedeutet. Der Mut, könnte man sagen, paßt jetzt wieder auf das Gesicht. Aber was paßt hier worauf?
§Ms-115
24[1]Es ist ein verwandter Fall (obwohl es vielleicht nicht so scheinen möchte) wenn wir uns z.B. darüber wundern, daß die Franzosen nicht einfach sagen “der Mann ist gut” sondern ein attributives Adjektiv dorthin setzen, wo ein prädikatives stehen sollte; und wenn wir das Problem uns dann dadurch lösen daß wir sagen sie meinten “der Mensch ist ein guter”.
§Ms-115
24[2] &25[1]
Könnten verschiedene Deutungen eines Gesichtsausdrucks nicht darin bestehen, daß ich mir zu ihm jedesmal eine andere Fortsetzung denke? So ist es gewiß oft. Ich sehe ein Bild das einen lächelnden Kopf darstellt. Was tue ich, wenn ich das Lächeln einmal als freundliches einmal als böses auffasse? Stelle ich es mir dann nicht in einer räumlichen & zeitlichen Umgebung vor die ich freundlich oder boshaft nenne? So könnte ich mir zu dem Bild vorstellen daß der Lächelnde auf ein spielendes Kind herniederlächelt oder aber auf das Leiden eines Feindes. Daran wird nichts geändert dadurch, daß ich mir auch die auf den ersten Blick liebliche Situation durch eine weitere Umgebung wieder anders deuten kann. Ein gewisses Lächeln werde ich, wenn keine besondern Umstände meine Deutung umstellen, als freundliches auffassen, ein freundliches nennen, entsprechend reagieren.
§Ms-115
25[2]129. Was heißt es: “Freundlichkeit in das Lächeln hineinlesen”? Es heißt vielleicht, ich mache ein dem lächelnden Gesicht auf eine bestimmte Weise koordiniertes Gesicht. Ich ordne etwa dem andern Gesicht meines in der Weise zu daß es den einen oder andern Zug des andern übertreibt.
§Ms-115
25[3] &26[1]
Ein freundlicher Mund, ein freundliches Auge. Wie denkt man sich eine freundliche Hand? – Wahrscheinlich geöffnet & nicht als Faust. – Und könnte man sich die Haarfarbe des Menschen als Ausdruck der Freundlichkeit, oder des Gegenteils, denken? Aber, so gestellt, scheint dies zu fragen, ob uns das gelingen wird. Die Frage soll lauten: Wollen wir etwas eine freundliche, oder unfreundliche Haarfarbe nennen? Wollen wir solchen Worten Sinn geben, so würden wir uns etwa einen Menschen denken dessen Haare dunkel werden, wenn er böse wird. Das Hineinlesen des bösen Ausdrucks in die dunklen Haare aber geschähe mittels einer schon fertigen Idee. Man kann sagen: das freundliche Auge der freundliche Mund, das Wedeln des Hundes sind unter anderm primäre & von einander unabhängige Symbole der Freundlichkeit, ich meine damit: sie sind Teile der Phänomene die man Freundlichkeit nennt. Will man sich andere Erscheinungen als Ausdruck der Freundlichkeit denken so sieht man jene Symbole in sie hinein. Wir sagen “er macht ein finsteres Gesicht”; vielleicht weil die Augen durch die Augenbrauen stärker beschattet werden; & nun übertragen wir die Idee der Finsternis auf die Haarfarbe. Er macht finstere Haare. Fragte man mich ob ich mir einen Sessel mit freundlichem Ausdruck denken kann, so würde ich mir ihn gewiß vor allem mit einem freundlichen Gesichtsausdruck vorstellen wollen, ein freundliches Gesicht in ihn hineinlesen.
§Ms-115
26[2] &27[1]
Ich sage: “dieses Gesicht (das zuerst den Eindruck der Furchtsamkeit macht) kann ich mir auch als ein mutiges denken”. Damit meinen wir nicht, daß ich mir vorstellen kann, wie jemand mit diesem Gesicht etwa einem Andern das Leben retten kann (das kann man sich natürlich zu jedem Gesicht vorstellen). Ich rede vielmehr von einem Aspekt des Gesichtes selbst. Was ich meine ist auch nicht, ich könne mir vorstellen, daß dieser Mensch sein Gesicht in ein mutiges, im gewöhnlichen Sinn, verändern kann; wohl aber, daß es auf eine ganz bestimmte Art in ein solches übergehen kann. Die Umdeutung eines Gesichtsausdrucks ist aber zu vergleichen mit der Umdeutung eines Akkordes in der Musik, wenn wir ihn einmal als Überleitung in diese einmal in jene Tonart ‘hören’. (Vergleiche auch den Unterschied Mischfarbe, Zwischenfarbe.)
§Ms-115
27[3]Wenn wir uns fragen “welcher Personenname würde den Charakter dieses Menschen treffen” – klanglich abbilden – so steht gleichsam die Projektionsmethode, nach der wir abbilden, fest. (So könnte sich etwa ein Dichter fragen welchen Namen er einer Person geben will.) Manchmal aber projizieren wir den Charakter in den gegebenen Namen. So scheint es uns, daß die großen Meister die Namen haben die einzig zu dem Charakter ihrer Werke passen.
§Ms-115
27[4] &28[1]
Erlebnis der wirklichen Größe. Wir sähen ein Bild das die Form eines Sessels zeigt; man sagt uns, es stelle eine Konstruktion von Hausgröße vor. Nun sehen wir es anders.
§Ms-115
28[2]Was geschieht wenn wir lernen den Schluß einer Kirchentonart als Schluß zu empfinden?
§Ms-115
28[3]Denke an die Vielgestaltigkeit dessen was wir “Sprache” nennen. Wortsprache, Bildersprache, Gebärdensprache, Tonsprache.
§Ms-115
28[5] &29[1]
130. “‘Diesen Gegenstand kenne ich wohl’, das ist als sagte ich: ‘dieser Gegenstand ist in meinem Katalog abgebildet’”. Dann bestünde es also darin, daß so ein Bild in einem bestimmten Umschlag mit andern zusammengebunden wäre; in dieser Lade läge. – Aber wenn ich mir das wirklich vorstelle, & denke ich vergliche einfach den gesehenen Gegenstand mit Bildern in meinem Katalog & fände, daß er mit einem von ihnen übereinstimmt, so wäre das eben nicht ähnlich dem Phänomen der Wohlbekanntheit. Man nimmt nämlich an das Bild in unserem Katalog sei uns wohlbekannt. Wäre es uns fremd, so würde die Tatsache daß es in diesem Umschlag, in dieser Lade ist gar nichts für uns bedeuten.
§Ms-115
29[2]Wenn ich nun von dem Vorbild im Katalog meines Geistes rede oder dem Futteral worein der Gegenstand paßt, wenn er mir wohlbekannt ist, so möchte ich, daß das Futteral in meinem Geist sozusagen als “Form der Vorstellung” ist, sodaß ich nicht sagen kann, ein Vorbild sei in meinem Geiste, welches (wirklich) nicht dort ist. – Das Vorbild zieht sich sozusagen in meinen Geist zurück, ist also kein Objekt mehr für ihn. Das heißt aber nur: es hatte keinen Sinn von einem Vorbild überhaupt zu reden. (Die Raumbrille die wir nicht ablegen können.)
§Ms-115
29[3] &30[1]
Wenn wir von der Wohlbekanntheit als von einem Passen des Gegenstandes in ein Futteral reden, so ist das nicht ganz so als verglichen wir das Gesehene mit einem Abbild. Wir meinen dann eigentlich das Gefühl, wenn der Gegenstand ohne Widerstand in die Form des Futterals gleitet. Aber dieses Gefühl könnten wir auch haben, wenn gar kein genau passendes Futteral vorhanden wäre. Wir können uns auch jeden Gegenstand in einem unsichtbaren Futteral denken & das ändert gar nichts an unseren Erfahrungen & ist nun eine leere Form der Darstellung.
§Ms-115
30[5] &31[1]
Es sollte eigentlich nicht heißen: “ja, ich erkenne es, es ist ein Gesicht” sondern: “ich erkenne es, ich sehe es als Gesicht”. (Das Wort Gesicht könnte für mich hier das bloße Ornament
bedeuten (ohne irgend eine Beziehung zum Gesicht des Menschen), wäre also auf gleicher Stufe wie irgend eine andere uns bekannte Figur, z.B. ein Hakenkreuz.) Denn die Frage ist: Was erkenne ich als was? Denn, “ein Ding als sich selbst erkennen” heißt nichts.
§Ms-115
31[2]131. Das Gedächtnis mit einem Notizbuch verglichen: Einerseits dient dieser Vergleich als Bild dessen was bewußt vorgeht; anderseits gibt er ein psychologisches Modell. (Und das Wort “bewußt” verweist hier auf einen Abschnitt der Grammatik & ist nicht der eine Teil des psychologischen Gegensatzes “bewußt” – “unbewußt”.)
§Ms-115
31[3] &32[1]
Die Vorgänge des Erinnerns sind sehr mannigfach. “Bist Du in Deinem Zimmer gewesen?” – “Ja.” – “Bist Du sicher?” – “Ich wüßte doch wenn ich gestern nicht hier gewesen wäre!” Dabei brauche ich mich keinen Augenblick in der Erinnerung in meinem Zimmer sehen. Aber nehmen wir an ich sähe mich während ich so spräche in meinem Zimmer am Fenster stehen; wie zeigt mir das Bild daß es gestern war. Freilich, das Bild könnte das auch zeigen, wenn ich in ihm etwa einen Wandkalender mit dem gestrigen Datum sähe. Wenn das aber nicht der Fall war, wie las ich dann aus dem Erinnerungsbild oder der Erinnerung ab daß ich gestern so am Fenster stand, wie übersetzte ich das Erlebnis der Erinnerung in Worte? – Aber übersetzte ich denn ein Erlebnis in Worte? Sprach ich nicht einfach die Worte aus; und zwar in bestimmtem Tonfall & dergleichen Erlebnissen der Sicherheit? War das nicht aber das Erlebnis der Erinnerung? (Das Erlebnis der Überzeugung ist von der Art des Erlebnisses des Tonfalls.) Aber was machte Dich so sicher als Du diese Worte sprachst? Nichts; ich war sicher. Ich kann freilich, was ich so aussprach, nun auf andere Weise – wie man sagen würde – nachprüfen. Das heißt: ich kann nun versuchen mich an spezielle Geschehnisse des gestrigen Tages zu erinnern & mir Bilder vor's Auge zu rufen etc.. Aber das mußte jedenfalls nicht geschehen sein ehe ich antwortete.
§Ms-115
32[2]Wenn wir einen Vorgang aus der Erinnerung erzählen so sehen wir wohl manchmal Erinnerungsbilder vor uns; meistens aber sind sie nur in der Erinnerung verstreut wie Illustrationen in einem Märchenbuch.
§Ms-115
32[3] &33[1]
Es sagt mir jemand: “stelle Dir auf dieser weißen Wand einen Fleck vor von der Farbe die man ‘rot’ nennt”. Ich tue es; – soll ich nun sagen ich habe mich daran erinnert welche Farbe ‘rot’ heißt. Wenn ich von diesem Tisch rede, erinnere ich mich, daß dieser Gegenstand ‘Tisch’ genannt wird.
§Ms-115
33[2]Könnte man nicht einwenden: “So kann also der gewisse Erinnerungen nicht haben, der keine Sprache gelernt hat?” Freilich, – er kann keine sprachlichen Erinnerungen, sprachlichen Wünsche, etc. haben. Und sprachliche Erinnerungen, etc., sind ja nicht bloße fadenscheinige Schemata; ist denn das sprachliche Erlebnis kein Erlebnis? (Worte sind Taten.)
§Ms-115
33[3]Manche Menschen erinnern sich an ein musikalisches Thema in der Weise, daß das Notenbild vor ihnen auftaucht & sie es herunterlesen. Es wäre denkbar daß, was wir das “Erinnern” bei einem Menschen nennen, darin bestünde, daß er sich im Geiste ein Buch nachschlagen sähe & daß was er in diesem Buch liest eben das Erinnerte wäre. (Wie reagiere ich auf eine Erinnerung?)
§Ms-115
33[4] &34[1]
Übrigens, denke ich denn, wenn ich die Gegenstände meiner Umgebung als wohlbekannte behandle, an diesen Vergleich. Natürlich nicht. Das tue ich erst, wenn ich den Akt des Erkennens (Wiedererkennens) nachträglich betrachte; & zwar nicht so sehr indem ich zu sehen trachte, was dabei tatsächlich vorgegangen ist, als indem ich es durch ein vorgefaßtes Schema betrachte. (Fluß der Zeit.) (Das Problem vom Wesen der Zeit & dem Fluß der Zeit ist diesem sehr ähnlich.)
§Ms-114
108v[3]132. und
Wenn man es für selbstverständlich hält, daß sich der Mensch an seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, daß diese Phantasie nicht wie ein gemaltes Bild oder plastisches Modell ist; sondern ein kompliziertes Gebilde aus heterogenen Bestandteilen: Wörtern, Bildern, u.a.. Man wird dann das Operieren mit Schrift – & Lautzeichen nicht mehr in Gegensatz stellen zu dem Operieren mit “Vorstellungsbildern” der Ereignisse.
§Ms-114
108v[4] &109r[1]
Die Illustration in einem Buch gesellt sich zum Wort, wie ein verwandter Behelf zum andern. (Die Häßlichkeit eines Menschen kann im Bild, im gemalten, abstoßen, wie in der Wirklichkeit, aber auch in der Beschreibung, in den Worten.)
§Ms-114
109r[2]Die Stellungnahme zu dem Bild (dem Gedanken) – wie wir das Bild erleben, das macht es uns zur Wirklichkeit. D.h., das verbindet es mit der Wirklichkeit; stellt eine Kontinuität mit der Wirklichkeit her. (Die Furcht verbindet das Bild mit dem Schrecken der Wirklichkeit.)
§Ms-114
109r[3]133. Kann eine hinweisende Erklärung mit den übrigen Regeln der Anwendung eines Wortes kollidieren? – Denn Regeln können doch nicht kollidieren, außer sie widersprechen einander. Denn im Übrigen bestimmen sie ja eine Bedeutung, & sind keiner verantwortlich, so daß sie ihr widersprechen könnten.
§Ms-114
109r[4]Die Grammatik ist keiner Wirklichkeit Rechenschaft schuldig. Die grammatischen Regeln bestimmen erst die Bedeutung (konstituieren sie) & sind darum keiner Bedeutung verantwortlich & insofern willkürlich.
§Ms-114
109v[1]Es kann keine Diskussion darüber geben, ob diese Regeln oder andere die richtigen für das Wort “nicht” sind (d.h. ob sie seiner Bedeutung gemäß sind).
Denn das Wort hat ohne diese Regeln noch keine Bedeutung, & wenn wir die Regeln ändern, so hat es nun eine andere Bedeutung (oder keine) & wir können dann ebensogut auch das Wort ändern.
§Ms-114
109v[2]“Das einzige Korrelat in der Sprache zu einer Naturnotwendigkeit ist eine willkürliche Regel. Sie ist das einzige, was man von dieser Notwendigkeit in einen Satz abziehen kann.”
§Ms-114
109v[3] &110r[1]
Warum nenne ich die Regeln des Kochens nicht willkürlich; & warum bin ich versucht, die Regeln der Grammatik willkürlich zu nennen? Weil das Kochen durch seinen Zweck definiert ist, dagegen die Sprache nicht. Wer sich beim Kochen nach andern als den richtigen Regeln richtet kocht schlecht; aber wer sich nach andern Regeln als denen des Schach richtet, spielt ein anderes Spiel; & wer sich nach andern grammatischen Regeln richtet, als etwa den üblichen, spricht darum nichts Falsches, sondern von etwas Anderem.
§Ms-114
110r[2]Wenn ich dem Holzblock eine bestimmte Form geben will, so ist der Hieb der richtige, der diese Form erzeugt. Ich nenne aber nicht das Argument das richtige, das die gewünschten Folgen hat. (Pragmatism.) Vielmehr nenne ich die Rechnung falsch, obwohl die Handlungen, die dem Resultat entsprungen sind, zum gewünschten Ende geführt haben. (Vergleiche den Witz: “Ich mach' den Haupttreffer & er will mich belehren!”) Das zeigt, daß die Rechtfertigungen in den beiden Fällen verschieden sind, & also “Rechtfertigung” Verschiedenes in den beiden bedeutet. In einem Fall kann man sagen: “Wart' nur, Du wirst schon sehen, daß das Rechte (d.h. gewünschte) herauskommt”; im andern ist dies keine Rechtfertigung.
§Ms-114
110r[4] &110v[1]
Die Regeln der Kochkunst hängen mit der Grammatik des Wortes “Kochen” anders zusammen, als die Regeln des Schachspiels mit der Grammatik des Wortes “Schachspielen” & als die Regeln des Multiplizierens mit der Grammatik des Wortes “multiplizieren”.
§Ms-114
110v[2]Die Regeln der Grammatik sind in demselben Sinne willkürlich, wie die Wahl einer Maßeinheit. Aber das kann doch nur heißen, daß sie von der Länge des Objekts der Messung unabhängig ist; und daß nicht die Wahl der einen Einheit ‘wahr’, der andern ‘falsch’ ist, wie die Angabe der Länge wahr oder falsch ist. Das ist natürlich nur eine Bemerkung über die Grammatik des Wortes “Längeneinheit”.
§Ms-114
110v[3] &111r[1]
134. Man ist versucht, die Regeln der Grammatik zu rechtfertigen, indem man z.B. sagt: “aber es gibt doch wirklich 4 primäre Farben”. Und gegen die Möglichkeit dieser Rechtfertigung richtet es sich, wenn wir sagen, daß die Regeln der Grammatik willkürlich sind. Kann man aber nicht doch sagen, daß die Grammatik der Farbwörter die Welt, wie sie tatsächlich ist, charakterisiert? Man möchte sagen: kann ich nicht wirklich vergebens nach einer fünften primären Farbe suchen? (Und wenn man suchen kann, dann ist ein Finden denkbar.) Nimmt man nicht die primären Farben zusammen, weil sie eine Art von Ähnlichkeit haben? oder doch die Farben im Gegensatz zu Formen & Tönen? Oder habe ich, wenn ich diese Einteilung der Welt als die richtige hinstelle, schon eine vorgefaßte Idee als Paradigma im Kopf? Von der ich dann sagen kann: “das ist die Weise, wie wir die Dinge betrachten”; oder “wir wollen eben ein solches Bild der Dinge machen”. Wenn ich nämlich sage: “die primären Farben haben doch eine bestimmte Ähnlichkeit miteinander”, – woher nehme ich den Begriff dieser Ähnlichkeit? Nicht nur von den 4 primären Farben? Ist nicht so, wie der Begriff ‘primäre Farbe’ nichts andres ist als ‘blau oder rot oder grün oder gelb’, auch der Begriff jener Ähnlichkeit nur durch die vier Farben gegeben? Ja, sind sie nicht die gleichen! (Denn hier kann man sagen: “Wie wäre es wenn diese Farben diese Ähnlichkeit nicht hätten?!”) (Denken wir an die Zusammenfassung der vier primären Farben mit weiß & schwarz, & der sichtbaren Farben mit Ultraviolett & Infrarot.)
§Ms-115
34[2]Ich nenne Regeln der Darstellung nicht Konventionen, wenn sie sich dadurch rechtfertigen lassen, daß die Darstellung, wenn sie ihnen gemäß ist, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. So ist die Regel, “male den Himmel heller als irgend etwas, was von ihm sein Licht empfängt” keine Konvention. Die Regeln der Grammatik lassen sich nicht dadurch rechtfertigen, daß man zeigt, ihre Anwendung führe zu einer Übereinstimmung der Darstellung mit der Wirklichkeit. Denn diese Rechtfertigung müßte das Dargestellte selbst beschreiben.
§Ms-114
111r[2] &111v[1]
Ich nenne Regeln der Darstellung nicht Konventionen, wenn sie sich rechtfertigen lassen, daß die Darstellung, wenn sie jenen Regeln gemäß ist, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die Regeln der Grammatik lassen sich nicht durch eine Charakterisierung des Darzustellenden rechtfertigen. Denn, was die Grammatik dieser Charakterisierung zuläßt, warum soll es nicht auch die Grammatik zulassen, die ich zu rechtfertigen versuche.
Und was diese Rechtfertigung sagen kann, was ihre Grammatik zuläßt, – warum soll es nicht auch die Grammatik zulassen, die ich zu rechtfertigen versuche.
Warum sollen beide Ausdrucksweisen nicht die selbe Freiheit haben? Und wie kann, was die eine sagt, einschränken, was die andre sagen darf?
§Ms-115
34[3] &35[1]
Kann aber die Rechtfertigung nicht einfach auf die Wirklichkeit zeigen? Inwiefern ist dieses Zeigen aber eine Rechtfertigung? Hat es denn die Multiplizität einer Rechtfertigung? Es mag freilich die Ursache (davon) sein, daß wir diesen Satz statt jenes sagen. Aber gibt es einen Grund dafür? Nennen wir das “Rechtfertigung”?
§Ms-114
111v[2] &112r[1]
Niemand wird leugnen, daß das Studium des Wesens der Spielregeln für das Studium der grammatischen Regeln nützlich sein muß, da irgend eine Ähnlichkeit zweifellos besteht. – Es ist überhaupt besser, ohne ein vorgefaßtes Urteil, oder Vorurteil, über die Analogie zwischen Grammatik & Spiel, & nur getrieben von dem sicheren Instinkt, daß hier eine Verwandtschaft vorliegt, die Spielregeln zu betrachten. Und hier wieder soll man einfach berichten, was man sieht & nicht fürchten, daß man damit eine bedeutungsvolle & richtige Anschauung untergräbt; oder auch, seine Zeit mit etwas Überflüssigem verliert.
§Ms-114
112r[2]135. Man kann natürlich die Sprache als einen Teil eines psychologischen Mechanismus betrachten. Am einfachsten ist das wenn man den Sprachbegriff auf Befehle einschränkt. Man kann dann daran denken, wie ein Vormann die Arbeiten einer Schar von Leuten durch Zurufe lenkt.
§Ms-114
112r[3]Man kann sich denken, daß ein Mensch die Sprache erfindet; daß er die Erfindung macht andere menschliche Wesen für sich arbeiten zu lassen indem er sie durch Strafe & Belohnung abrichtet auf Zurufe hin gewisse Tätigkeiten zu verrichten. Diese Erfindung wäre analog der Erfindung einer Maschine.
§Ms-114
112v[2]Kann man sagen die Grammatik beschreibe die Sprache; die Sprache, jenen Teil des psychologischen Mechanismus mittels dessen wir durch das Aussprechen von Worten gleichsam wie durch das Drücken auf die Knöpfe einer Tastatur eine menschliche Maschine für uns arbeiten machen? Die Grammatik nun beschreibe jenen Teil der ganzen Maschine. Diejenige Sprache, dann, wäre die richtige, die die gewünschte Tätigkeit veranlassen würde. die also funktionierte, eine Sprache die das nicht tut, wäre wie eine nach falschen Prinzipien gebaute Dampfmaschine (also eigentlich keine Dampfmaschine)
§Ms-114
112v[3] &113r[1]
Es ist klar ich kann durch Erfahrung feststellen, daß ein Mensch (oder Tier) auf ein Zeichen so reagiert wie ich es will, auf ein anderes nicht. Daß z.B. ein Mensch auf das Zeichen „→” hin nach rechts, auf das Zeichen „←” nach links geht; daß er aber auf das Zeichen „” nicht so reagiert wie auf „→” etc.. Ja ich brauche gar keinen Fall zu erdichten & nur den tatsächlichen zu betrachten daß ich einen Menschen der nur Deutsch gelernt hat, nur mit der deutschen Sprache lenken kann. (Denn das Lernen der deutschen Sprache betrachte ich nur als ein Einstellen des Mechanismus auf eine gewisse Art der Beeinflussung & es macht keinen prinzipiellen Unterschied ob der Andere die Sprache gelernt hat oder vielleicht schon von Natur so gebaut ist daß er auf die Sätze der deutschen Sprache so reagiert wie Einer Mensch, wenn er sie gelernt hat.)
§Ms-114
113r[2] &113v[1]
Ich hätte nun die Entdeckung gemacht, daß Einer etwa auf einen Wink verbunden mit dem Ruf „Zu” mir Zucker bringt auf den Wink & den Ruf “Mi” mir Milch bringt, & daß er dies auf andere Worte hin nicht tut. Kann ich dann sagen, es zeige sich, daß “Zu” das richtige (einzig richtige) Zeichen für Zucker, “Mi” das richtige für Milch sei? Nun wenn ich das sage, so gebrauche ich den Ausdruck “Zeichen für Zucker” anders, als man es gewöhnlich gebraucht & anders als ich es gebrauchen will.
§Ms-114
113v[2]“Dieses ist das Zeichen für Zucker” konstatiert nicht eine Wirkung dieses Zeichens sondern drückt eine Absicht aus. D.h. verbindet das Wort “Zucker” mit einem andern Ausdruck der Sprache. “Dieses ist das Zeichen für Zucker” verwende ich nicht analog dem Satz: “wenn ich diesen Knopf drücke so erhalte ich ein Stück Zucker”.
§Ms-114
113v[3] &114r[1]
136. Vergleichen wir nun aber dennoch die Sprache mit einem System solcher Knöpfe, mit einer Tastatur, mittelst welcher ich durch Drücken verschiedener Kombinationen von Tasten einen Menschen oder eine Maschine lenken kann. Was entspricht in diesem Fall der Grammatik der Sprache? Es ist leicht sich eine solche Tastatur durch die der Maschine verschiedene ‘Befehle’ zu geben sind zusammenzustellen. Sehen wir uns eine ganz einfache an: sie bestehe aus zwei Tasten; auf der einen steht “geh” auf der andern “komm”. Nun könnte man meinen eine Regel der Grammatik müsse offenbar sein, die beiden Tasten dürfen nicht zugleicherzeit niedergedrückt werden (das ergäbe einen Widerspruch). Aber was geschieht denn, wenn wir beide zugleich drücken? Nehme ich an, daß dies eine Wirkung hat? oder keine? – In jedem Fall kann ich die Wirkung oder das Ausbleiben einer Wirkung als den Zweck & Sinn des gleichzeitigen Niederdrückens beider Knöpfe bezeichnen.
§Ms-114
114r[2]Oder: Wenn ich sage der Befehl “bring mir Zucker” & “bring mir Milch” hat Sinn aber nicht die Kombination “Zucker mir Milch”, so heißt das nicht, daß das Aussprechen dieser Wortverbindung keine Wirkung hat. Und wenn sie nun die Wirkung hat, daß der Andre mich anstarrt & den Mund aufmacht, so nenne ich sie nicht deswegen den Befehl mich anzustarren etc.. auch wenn ich gerade diese Wirkung hätte hervorbringen wollen.
§Ms-114
114r[3]“Diese Wortverbindung hat keinen Sinn” heißt nicht, sie hat keine Wirkung. Und auch nicht, “sie hat nicht die gewünschte Wirkung”.
§Ms-114
114r[4] &114v[1]
137. Zu sagen “diese Wortverbindung hat keinen Sinn” schließt sie aus dem Bereich der Sprache aus & umgrenzt dadurch das Gebiet der Sprache. Wenn man aber eine Grenze zieht, so kann das verschiedenerlei Gründe haben. Wenn ich einen Platz mit einem Zaun einem Strich oder sonst irgendwie umziehe, so kann das den Zweck haben irgend jemand nicht hinaus, oder nicht hinein zu lassen; es kann aber auch zu einem Spiel gehören & die Grenze soll etwa von den Spielenden übersprungen werden; oder es kann andeuten, wo der Besitz des A aufhört & der des B anfängt; etc. etc.. Ziehe ich also eine Grenze, so ist damit noch nicht gesagt, weshalb ich sie ziehe.
§Ms-114
114v[2]Die Sprache ist für uns nicht als Einrichtung definiert, die einen bestimmten Zweck erfüllt. Sondern “Sprache” ist für mich ein Sammelname & ich verstehe darunter die deutsche Sprache, die englische Sprache, u.s.w. & noch verschiedene Zeichensysteme die mit diesen Sprachen eine größere oder geringere Verwandtschaft haben.
§Ms-114
114v[3]Die Sprache interessiert mich als Erscheinung & nicht als das Mittel zu einem bestimmten Zweck.
§Ms-114
114v[4] &115r[1]
138. Die Grammatik besteht aus Vereinbarungen. So eine Vereinbarung ist es z.B., wenn sie sagt: “das Wort ‘rot’ bedeutet diese Farbe”. Eine solche Vereinbarung kann also etwa in einer Tabelle enthalten sein. – Nun wie könnte denn die Vereinbarung in einem Mechanismus (einem dem Pianola analogen) Platz finden? Nun, es wäre doch möglich, daß in dem Mechanismus ein Teil von der Art einer Tabelle sich befindet, der zwischen das einer Sprache Analoge & den übrigen Mechanismus eingeschaltet ist.
§Ms-114
115r[3] &115v[1]
Freilich stellt eine hinweisende Erklärung eines Worts eine Verbindung her zwischen einem Wort & ‘einer Sache’ & der Zweck dieser Verbindung ist etwa daß der Mechanismus dessen Teil unsre Sprache ist auf gewisse Weise funktioniert. Die Erklärung kann also das richtige Arbeiten bewirken, wie die Verbindung zwischen Taste & Hammer im Klavier; aber die Verbindung besteht nicht darin, daß das Hören des Worts nun die Wirkung hat, wenn es vielleicht auch diese Wirkung hat, weil die Verbindung (so) gemacht wurde. Und die Verbindung, nicht die Wirkung, bestimmt die Bedeutung.
§Ms-114
115v[3]Wenn Einem eine Sprache gelehrt wird, lernt er da, was Sinn & was Unsinn ist? Inwieweit benützt er die Grammatik & insbesondere die Unterscheidung zwischen Sinn & Unsinn wenn er die Sprache verwendet?
§Ms-114
115v[4] &116r[1]
Wenn er die Notenschrift lernt, so wird ihm eine Art Grammatik beigebracht. Es heißt da: diese Note entspricht dieser Taste am Klavier, das Zeichen # erhöht einen Ton, das Zeichen ♮ hebt die Wirkung des # auf etc. etc.. Wenn der Schüler fragte ob ein Unterschied zwischen
&
sei oder was das Zeichen
bedeute, so würden wir ihm sagen, daß die Entfernung des Notenkopfes von den Linien nichts ausdrücke, u.s.f.. Diese Belehrungen kann man so auffassen, daß sie dazu dienen den Schüler zu einer Spielmaschine (Pianola) zu machen. Und so ist, was im Pianola der Grammatik der Sprache des Tonstreifens entspricht, im Bau des Pianolas verkörpert. Sofern man den Zweck aus dem Bau ablesen kann, ist die Grammatik im Bau ausgedrückt. Die Wirkung kann man nicht ablesen.
§Ms-114
116r[2]Kann man denn auch von einer Grammatik reden, sofern eine Sprache dem Menschen durch ein reines Abrichten gelehrt wird? Es ist klar, daß ich da das Wort “Grammatik” nur in einem “degenerierten” Sinn gebrauchen kann, wenn ich es gebrauchen will: denn wie kann ich hier von “Erklärung” reden oder von “Übereinkommen”? Ein abgerichtetes Kind oder Tier kennt auch noch keine Philosophie.
§Ms-114
115v[2]139. Wenn ich sagte für uns sei Sprache nicht das, was einen bestimmten Zweck erfülle, sondern den Begriff bestimmen gewisse Systeme die wir “Sprachen” nennen & solche die nach Analogien zu jenen gebildet seien, – so könnte ich das auch so ausdrücken: ich erlaube mir kausale Zusammenhänge für die Wirkungsweise der Sprache auch zu erdichten.
§Ms-114
116v[2]Denken wir uns es würde Einer erklären: “Sprache ist alles, womit man sich verständigen kann”. Worin besteht es aber, sich verständigen? – Zur Erklärung müßten wir einen Vorgang der Verständigung beschreiben; und in diesem Vorgang würden gewisse kausale Verbindungen, erfahrungsgemäße Regelmäßigkeiten auftreten. Aber gerade die würden mich nicht interessieren; ich würde mich nicht scheuen solche Zusammenhänge zu fingieren. Ich würde also “Schlüsselbart” nicht das nennen, was die Tür öffnet sondern das, was eine bestimmte Form, Struktur, hat.
§Ms-115
35[2]“Sprache” das ist ein Wort wie “Tastatur”. Es gibt Maschinen die eine Tastatur enthalten. Nun könnte ich mich aus irgendwelchen Gründen für Formen von Tastaturen interessieren (solche die im Gebrauch sind & auch andere bloß von mir ersonnene). Und eine Tastatur erfinden könnte heißen etwas erfinden was die gewünschte Wirkung hat; aber auch neue Formen ersinnen die den alten auf mannigfache Weise analog sind.
§Ms-114
116v[3]“Ein Zeichen ist doch immer für ein lebendes Wesen da, also muß das etwas dem Zeichen essentielles sein”. Ja, wie ist ein “lebendes” Wesen definiert? Es scheint daß ich hier bereit bin, das Lebewesen durch die Fähigkeit zur Benützung einer Zeichensprache zu definieren. Und der Begriff des Lebewesens hat wirklich eine ganz ähnliche Unbestimmtheit wie der der Sprache.
§Ms-114
100v[3]140. In der Sprache berühren sich Erwartung & Erfüllung.
§Ms-114
117r[1]Eine Sprache erfinden könnte heißen, auf Grund von Naturgesetzen (oder in Übereinstimmung mit ihnen) eine Vorrichtung zu bestimmtem Zweck erfinden; es hat aber auch den andern Sinn, dem analog, wenn wir von der Erfindung eines Spiels reden. Ich sage hier etwas über die Grammatik des Worts “Sprache” aus, indem ich sie mit der des Wortes “erfinden” in Verbindung bringe.
§Ms-114
117r[2]Sind die Regeln des Schachspiels willkürlich? Denken wir uns, es stellte sich heraus, daß nur das Schachspiel, die Menschen unterhalte & befriedige. Dann sind doch diese Regeln, wenn der Zweck des Spiels erfüllt werden soll, nicht willkürlich. In einem analogen Sinne ist die Maßeinheit in der wir eine Länge ausdrücken willkürlich, in einem andern die Wahl der Einheit beschränkt, oder bestimmt.
§Ms-115
35[3]“Die Regeln eines Spiels sind willkürlich” heißt: der Begriff “Spiel” ist nicht durch die Wirkungen, die das Spiel auf uns haben soll, definiert.
§Ms-114
117r[3] &117v[1]
Die Sprache ist für uns ein Kalkül; sie ist durch die Sprachhandlungen charakterisiert.
§Ms-114
117v[3]Woher die Bedeutung der Sprache? Kann man sagen: “Ohne Sprache könnten wir uns nicht miteinander verständigen”? Nein. Der Fall ist nicht dem analog: Ohne das Telefon könnten wir nicht von Europa nach Amerika sprechen. Wahr ist es aber: Ohne Sprache könnten wir die Menschen nicht bewegen unsern Willen zu tun, ohne Sprache könnten wir nicht Häuser bauen.
§Ms-115
35[4] &36[1]
141. Ist die Philosophie ein Geschöpf der Wortsprache? Ist die Wortsprache eine Bedingung für die Existenz der Philosophie? Richtiger würde man fragen: Gibt es außerhalb des Gebietes unserer Wortsprachen auch etwas der Philosophie Analoges? Denn die Philosophie, (das) sind die philosophischen Probleme, d.i. die bestimmten individuellen Beunruhigungen, die wir “philosophische Probleme” nennen. Das ihnen Gemeinsame reicht soweit als das Gemeinsame zwischen verschiedenen Gebieten unserer Sprache. Betrachten wir nun ein bestimmtes philosophisches Problem, etwa das: “Wie ist es möglich einen Zeitraum zu messen da (doch) Vergangenheit & Zukunft nicht gegenwärtig & die Gegenwart nur ein Punkt ist” –; so ist das Charakteristische daran, daß sich hier eine Verwirrung in Form einer Frage äußert, welche diese Verwirrung nicht anerkennt. Daß der Frager durch eine bestimmte Änderung seiner Ausdrucksweise von seinem Problem erlöst wird.
§Ms-114
118v[2]Ich könnte mir eine Orgel denken deren Register durch Tasten zu betätigen wären, die den Spieltasten des Manuals ganz gleichgeformt & unter diese verstreut wären. Und es könnte nun ein philosophisches Problem entstehen: “wie sind stumme Töne möglich”. Und der würde das Problem lösen, der auf den Gedanken käme die Registertasten durch Züge zu ersetzen, die mit den Spieltasten keine Ähnlichkeit haben.
§Ms-115
36[2]Ein dem philosophischen analoges Problem, oder eine Beunruhigung, könnte etwa dadurch entstehen, daß jemand auf allen Tasten des Manuals spielte, daß das Ergebnis nicht wie Musik klänge, & daß er doch versucht wäre zu glauben, es müsse Musik sein. etc..
§Ms-114
118v[3] &119r[1]
142. “Könnte eine Sprache aus lauter unabhängigen Signalen bestehen?” Statt dessen könnte man fragen: Wollen wir eine Reihe von einander unabhängigen Signalen noch “Sprache” nennen? – Wenn gefragt würde: Kann so eine Sprache dasselbe leisten, wie eine die aus Sätzen also Kombinationen von Zeichen, besteht, müßte man antworten: die Erfahrung wird es lehren, ob z.B. die Wirkung jener Signale auf die Menschen eine ähnliche ist wie die der Sätze. Aber die Wirkung interessiert uns nicht; wir betrachten die Erscheinung, den Kalkül der Sprache. Denken wir uns etwa ein Tagebuch mit Signalen geführt. Eine Seite ist in Abschnitte für die Stunden des Tages eingeteilt nach Art eines Stundenplans. Das Zeichen “A” heißt: ich schlafe; “B” heißt “ich arbeite”; “C”, ich esse; u.s.w., u.s.w.. Aber da kommt es nun drauf an: werden diese Erklärungen gegeben, daß sie also die Signale mit einer andern Sprache verbinden; werden hinweisende Erklärungen der Signale gegeben die die Signalsprache vervollständigen? Oder soll die Sprache wirklich nur aus den Zeichen A, B, C, etc. bestehen? Wie, wenn Einer fragte: “wie weißt Du daß Du jetzt dasselbe tust, wie vor einer Stunde”, & ich antwortete: “ich hab mir's ja aufgeschrieben, hier steht ja ein ‘C’”. – Kann man fragen ob das Zeichen “A” immer das gleiche bedeutet; & unter welchen Umständen kann diese Frage, mit ja oder nein, beantwortet werden? (Man kann sich eine Sprache denken in der die Wörter, die Farbnamen etwa, mit den Wochentagen ihre Bedeutung wechseln; diese Farbe heißt Montag “rot”, Dienstag “blau”. “A = A” kann besagen, daß es in der betreffenden Sprache keinen Wechsel der Bedeutung des Zeichens “A” gibt.)
§Ms-114
119r[2] &119v[1]
Denken wir uns wieder eine Sprache die aus Befehlen besteht. Man soll mit ihr die Bewegungen eines Menschen leiten können; die Befehle bestehen aus einer Längenangabe verbunden mit den Wörtern “vor”, “rückwärts”, “rechts”, “links” & den Wörtern “schnell” & “langsam”. Man könnte nun natürlich alle diejenigen Befehle die man wirklich gebrauchen wird durch von einander unabhängige Zeichen ersetzen. Es könnte Einer diese Signale zuerst als Abkürzungen der Sätze jener ersten Sprache lernen, sie auch in diese zurückübersetzen ehe er sie befolgt, später aber unmittelbar nach den Signalen handeln. – Man könnte dann von zwei Sprachen reden & die erste bildhafter nennen als die zweite. Man würde nämlich nicht sagen, daß ich aus einer Reihe solcher Signale allein ein Bild der Bewegung des Menschen, der ihnen folgte, ableiten kann, wenn nicht zu den Signalen noch das tritt, was man eine allgemeine Regel der Übersetzung in die Zeichnung nennen würde. Wir würden nicht sagen: aus dem Zeichen abbcd läßt sich die Figur
ableiten; wohl aber aus abbcd und der Tabelle
abcd | ↑→↓←.
§Ms-114
120r[2] &120v[1]
Wir reden vielmehr von der Möglichkeit dieser Rechtfertigung. Und die verhält sich zum wirklich eintretenden Fall ähnlich wie ein Gedankengang, in dem ich die Überlegung 12 × 12 = 144 mache, zu einer Wiedergabe des Gedankengangs, worin diese Multiplikation auf dem Papier wirklich durchgeführt ist. Wir vergleichen den tatsächlichen Vorgang beim Gebrauch des Zeichens mit einem solchen, in welchem eine Rechtfertigung gegeben wird. Wir ergänzen das tatsächlich Ausgeführte zu einem bestimmten Kalkül, um es von diesem bestimmten Gesichtspunkt anzusehen. Damit ist es zu vergleichen wenn die gewöhnliche Grammatik einen elliptischen Satz ergänzt, also dieses Gebilde als einen verkürzten Satz auffaßt.
§Ms-114
119v[2] &120r[1]
Man kann nun sagen: die Grammatik erklärt die Bedeutung der Zeichen & dadurch macht sie die Sprache bildhaft. Ich kann die Wahl eines Wortes durch die Grammatik rechtfertigen. Das heißt aber nicht, daß ich die Worte, die ich etwa in einer Beschreibung, gebrauche durch Erklärungen rechtfertige, oder rechtfertigen muß.