Tagebücher 1914–1916

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1914–1917, 997 remarks, Ms-101, Ms-102, Ms-103

§Ms-101

8r[4]

22.08.1914

Die Logik muß für sich selber sorgen.

§Ms-101

8r[5] &
9r[1]

φ(x) Wenn sich syntaktische Regeln für Funktionen überhaupt aufstellen lassen, dann ist die ganze Theorie der Dinge, Eigenschaften etc. überflüssig. Es ist auch gar zu auffällig daß weder in den „Grundgesetzen” noch in den „Principia Mathematica” von dieser Theorie die Rede ist. Nochmals: denn die Logik muß für sich selbst sorgen. Ein mögliches Zeichen muß auch bezeichnen können. Alles was überhaupt möglich ist, ist auch legitim. Erinnern wir uns an die Erklärung warum „Sokrates ist Plato” unsinnig ist. Nämlich darum weil wir eine willkürliche Bestimmung nicht getroffen haben, aber nicht darum weil das Zeichen an und für sich etwa illegitim sei!

§Ms-101

12r[2] &
13r[1]

02.09.1914

Wir müssen in einem gewissen Sinne uns nicht in der Logik irren können. Dies ist schon teilweise darin ausgedrückt: Die Logik muß für sich selbst sorgen. Dies ist eine ungemein tiefe & wichtige Erkenntnis.

§Ms-101

13r[2]

Frege sagt: jeder rechtmäßig gebildete Satz muß einen Sinn haben und ich sage: jeder mögliche Satz ist rechtmäßig gebildet & wenn er keinen Sinn hat so kann das nur daran liegen daß wir einigen seiner Bestandteile keine Bedeutung gegeben haben. Wenn wir auch glauben es getan zu haben.

§Ms-101

13r[3] &
14r[1]

03.09.1914

Gestern nicht ganz erfolglos gearbeitet. In Tolstoi gelesen mit großem Gewinn. Wie ist es mit der Aufgabe der Philosophie vereinbar daß die Logik für sich selbst sorgen soll? Wenn wir z.B. fragen: ist die & die Tatsache von der Subjekt- Prädikat-Form dann müssen wir doch wissen was wir unter der „S.P.-Form” verstehen. Wir müssen wissen ob es so eine Form überhaupt gibt. Wie können wir dies wissen? „Aus den Zeichen!” Aber wie? Wir haben ja gar keine Zeichen von dieser Form. Wir können zwar sagen: wir haben Zeichen die sich so benehmen wie solche von der S.P.-Form, aber beweist das daß es wirklich Tatsachen dieser Form geben muß? Nämlich: wenn diese vollständig analysiert sind. Und hier frägt es sich wieder: Gibt es so eine vollständige Analyse. Und wenn nicht: Was ist denn dann die Aufgabe der Philosophie?!!?

§Ms-101

14r[2] &
15r[1]

Also können wir uns fragen: Gibt es die Subjekt-Prädikat-Form? Gibt es die Relationsform? Gibt es überhaupt irgend eine der Formen von denen Russell und ich immer gesprochen haben? (Russell würde sagen: „ja! denn das ist einleuchtend.” Jaha!)

§Ms-101

15r[2]

Also: wenn alles was gezeigt werden braucht durch die Existenz der Subjekt-Pädikat-Sätze etc. gezeigt wird dann ist die Aufgabe der Philosophie eine andere als ich ursprünglich annahm. Wenn dem aber nicht so ist so müßte das Fehlende durch eine Art Erfahrung gezeigt werden und das halte ich für ausgeschlossen.

§Ms-101

15r[3]

Die Unklarheit liegt offenbar in der Frage worin eigentlich die logische Identität von Zeichen und Bezeichnetem besteht! Und diese Frage ist (wieder) eine Hauptansicht des ganzen philosophischen Problems.

§Ms-101

16r[1] &
17r[1]

Es sei eine Frage der Philosophie gegeben: etwa die ob „A ist gut” ein Subjekt-Prädikat-Satz sei; oder die ob „A ist heller als B” ein Relationssatz sei! Wie läßt sich so eine Frage überhaupt entscheiden?! Was für eine Evidenz kann mich darüber beruhigen daß – zum Beispiel – die erste Frage bejaht werden muß? (Dies ist eine ungemein wichtige Frage). Ist die einzige Evidenz hier wieder jenes höchst zweifelhafte „Einleuchten”?? Nehmen wir eine ganz ähnliche Frage die aber einfacher & grundlegender ist; nämlich diese: ist ein Punkt in unserem Gesichtsbild ein „einfacher Gegenstand”, ein Ding? Solche Fragen habe ich doch bisher immer als die eigentlichen philosophischen angesehen – und sie sind es auch gewiß in einem Sinne – aber nochmals: welche Evidenz könnte so eine Frage überhaupt entscheiden? Ist hier nicht ein Fehler in der Fragestellung denn es scheint als leuchtete mir über diese Frage gar nichts ein; es scheint als könnte ich mit Bestimmtheit sagen, daß diese Fragen überhaupt nie entschieden werden könnten.

§Ms-101

17r[2]

04.09.1914

Wenn nicht die Existenz des Subjekt-Prädikat-Satzes alles Nötige zeigt dann könnte es doch nur die Existenz irgend einer besonderen Tatsache jener Form zeigen. Und die Kenntnis einer solchen kann nicht für die Logik wesentlich sein.

§Ms-101

17r[3] &
18r[1]

Gesetzt den Fall wir hätten ein Zeichen das wirklich von der S.P.-Form wäre, wäre dieses für den Ausdruck von S.P.-Sätzen irgendwie geeigneter als unsere S.P.-Sätze? Es scheint nein! Liegt das an der bezeichnenden Relation?

§Ms-101

18r[2]

Wenn sich die Logik ohne die Beantwortung gewisser Fragen abschließen läßt dann muß sie ohne sie abgeschlossen werden.

§Ms-101

18r[3]

Die logische Identität von Zeichen & Bezeichnetem besteht darin daß man im Zeichen nicht mehr & nicht weniger wiedererkennen darf als im Bezeichneten.

§Ms-101

18r[4]

Wären Zeichen & Bezeichnetes nicht ihrem vollen logischen Inhalte nach identisch dann müßte es noch etwas Fundamentaleres geben als die Logik.

§Ms-101

18r[5]

05.09.1914

φ(a) . φ(b) . aRb ≝ φ[aRb]

§Ms-101

18r[6] &
19r[1]

Erinnere dich daß die Worte „Funktion” „Argument” „Satz” etc. in der Logik nicht vorkommen dürfen!

§Ms-101

19r[3]
Φ[ ψz] φx x ψx φ Φφ

Von zwei Klassen zu sagen sie seien identisch sagt etwas. Von zwei Dingen dies zu sagen sagt nichts dies schon zeigt die Unzulässigkeit der Russellschen Definition

§Ms-101

19r[5]

Der letzte Satz ist eigentlich nichts anderes als der uralte Einwand gegen die Identität in der Mathematik. Nämlich der daß wenn 2 × 2 wirklich gleich 4 wäre daß dieser Satz dann nicht mehr sagen würde als a = a.

§Ms-101

19r[6]

Könnte man sagen: Die Logik kümmert die Analysierbarkeit der Funktionen mit denen sie arbeitet nicht.

§Ms-101

20r[2]

07.09.1914

Bedenke daß auch ein unanalysierter S.P.-Satz etwas ganz Bestimmtes klar aussagt.

§Ms-101

20r[3] &
21r[1]

Kann man nicht sagen: Es kommt nicht darauf an daß wir es mit nicht analysierbaren S.P.-Sätzen zu tun haben sondern darauf daß unsere S.P.-Sätze sich in jeder Beziehung wie solche benehmen d.h. also daß die Logik unserer S.P.-Sätze dieselbe ist wie die Logik jener anderen. Es kommt uns ja nur darauf an die Logik abzuschließen und unser Haupteinwand gegen die nicht-analysierten S.P.-Sätze war der, daß wir ihre Syntax nicht aufstellen können solange wir ihre Analyse nicht kennen. Muß aber nicht die Logik eines scheinbaren S.P.-Satzes dieselbe sein wie die Logik eines wirklichen? Wenn eine Definition überhaupt möglich ist, die dem Satz die S.P.-Form gibt ‥‥?

§Ms-101

21r[2]

08.09.1914

Das „Einleuchten” von dem Russell so viel sprach kann nur dadurch in der Logik entbehrlich werden daß die Sprache selbst jeden logischen Fehler verhindert. Und es ist klar daß jenes „Einleuchten” immer gänzlich trügerisch ist & war.

§Ms-101

21r[3]

19.09.1914

aRb . bRc . cRd . dRe = φ(a,e)

( R s ) a R s e

Ein Satz wie „dieser Sessel ist braun” scheint etwas enorm Kompliziertes zu sagen, denn wollten wir diesen Satz so aussprechen daß uns niemand gegen ihn Einwendungen die aus seiner Vieldeutigkeit entspringen machen könnte so würde er endlos lang werden müssen.

§Ms-101

22r[1]

20.09.1914

Daß der Satz ein logisches Abbild seiner Bedeutung ist leuchtet dem unbefangenen Auge ein.

§Ms-101

22r[2]

Gibt es Funktionen von Tatsachen? Z.B. „Es ist besser wenn dies der Fall ist als wenn jenes der Fall ist.”

§Ms-101

22r[3]

Worin besteht denn die Verbindung zwischen dem Zeichen p und den übrigen Zeichen des Satzes: „Es ist gut daß p der Fall ist.”? Worin besteht diese Verbindung??

§Ms-101

22r[4]

Der Unbefangene wird sagen: offenbar in der räumlichen Beziehung des Buchstaben p zu den zwei Nachbarzeichen. Wenn aber die Tatsache „p” eine solche wäre in welcher keine Dinge vorkommen??

§Ms-101

22r[5] &
23r[1]

„Es ist gut daß p” kann wohl analysiert werden in „p . es ist gut wenn p”.

§Ms-101

23r[2]

Wir setzen voraus: p sei nicht der Fall: Was heißt es dann zu sagen, „es ist gut daß p?” Wir können ganz offenbar sagen, der Sachverhalt p sei gut ohne zu wissen ob „p” wahr oder falsch ist.

§Ms-101

23r[3]

Der Ausdruck der Grammatik: „Ein Wort bezieht sich auf ein anderes” wird hier beleuchtet.

§Ms-101

23r[4]

Es handelt sich in den obigen Fällen darum anzugeben wie Sätze in sich zusammenhängen. Wie der Satz-Verband zustande kommt.

§Ms-101

23r[5]

(α β γ) φ(α…)

Wie kann sich eine Funktion auf einen Satz beziehen???? Immer die uralten Fragen!

§Ms-101

24r[1]

Nur sich nicht von Fragen überhäufen lassen; nur es sich bequem machen!

§Ms-101

24r[2] &
25r[1]

„φ(ψx)”: Nehmen wir an uns sei eine Funktion eines S.P.-Satzes gegeben und wir wollen die Art der Beziehung der Funktion zum Satz dadurch erklären daß wir sagen: Die Funktion bezieht sich unmittelbar nur auf das Subjekt des S.P.-Satzes und was bezeichnet ist das logische Produkt aus dieser Beziehung und dem S.P.-Satzzeichen. Wenn wir das nun sagen so könnte man fragen: wenn du den Satz so erklären kannst warum erklärst du dann nicht auch seine Bedeutung auf die analoge Art & Weise. Nämlich „sie sei keine Funktion einer S.P.-Tatsache sondern das logische Produkt einer solchen & einer Funktion ihres Subjektes”? Muß nicht der Einwand der gegen diese Erklärung gilt auch gegen jene gelten?

§Ms-101

25r[2]

21.09.1914

Es scheint mir jetzt plötzlich in irgend einem Sinne klar daß eine Eigenschaft eines Sachverhalts immer intern sein muß.

§Ms-101

25r[3]

φa, ψb aRb man könnte sagen der Sachverhalt aRb habe immer eine gewisse Eigenschaft, wenn die beiden ersten Sätze wahr sind.

§Ms-101

25r[4]

Wenn ich sage: Es ist gut daß p der Fall ist dann muß dies eben in sich gut sein.

§Ms-101

25r[5]

Es scheint mir jetzt klar daß es keine Funktionen von Sachverhalten geben kann.

§Ms-101

26r[1]

Man könnte fragen: wie kann der Sachverhalt p eine Eigenschaft haben, wenn es sich am Ende gar nicht so verhält?

§Ms-101

26r[2]

24.09.1914

Die Frage, wie ist eine Zuordnung von Relationen möglich, ist identisch mit dem Wahrheits-Problem.

§Ms-101

26r[3]

25.09.1914

Denn dies ist identisch mit der Frage wie ist die Zuordnung von Sachverhalten möglich (einem bezeichnenden & einem bezeichneten).

§Ms-101

26r[4]

Sie ist nur durch die Zuordnung der Bestandteile möglich; ein Beispiel bietet die Zuordnung von Namen & Benanntem. (Und es ist klar daß auch eine Zuordnung der Relationen auf irgend eine Weise stattfindet.)

§Ms-101

26r[5]

❘aRb❘; ❘ab❘; p = aRb Def

Hier wird ein einfaches Zeichen einem Sachverhalt zugeordnet.

§Ms-101

27r[1]

26.09.1914

Worauf gründet sich unsere – sicher wohl begründete – Zuversicht daß wir jeden beliebigen Sinn in unserer zweidimensionalen Schrift werden ausdrücken können?!

§Ms-101

27r[2]

27.09.1914

Ein Satz kann seinen Sinn ja nur dadurch ausdrücken daß er dessen logisches Abbild ist!

§Ms-101

27r[3]

Auffallend ist die Ähnlichkeit zwischen den Zeichen „aRb” und „aσR ∙ Rσb”.

§Ms-101

27r[4]

29.09.1914

Der allgemeine Begriff des Satzes führt auch einen ganz allgemeinen Begriff der Zuordnung von Satz und Sachverhalt mit sich: Die Lösung aller meiner Fragen muß höchst einfach sein!

§Ms-101

28r[1]

Im Satz wird eine Welt probeweise zusammengestellt. (Wie wenn im Pariser Gerichtssaal ein Automobilunglück mit Puppen etc. dargestellt wird.)

§Ms-101

28r[2]

Daraus muß sich (wenn ich nicht blind wäre) sofort das Wesen der Wahrheit ergeben.

§Ms-101

28r[3]

Denken wir an hieroglyphische Schriften bei denen jedes Wort seine Bedeutung darstellt! Denken wir daran daß auch wirkliche Bilder von Sachverhalten stimmen und nicht stimmen können.

§Ms-101

28r[4] &
29r[1]

”:

Wenn in diesem Bild der rechte Mann den Menschen A vorstellt und bezeichnet der linke den Menschen B so könnte etwa das Ganze aussagen „A ficht mit B”. Der Satz in Bilderschrift kann wahr und falsch sein. Er hat einen Sinn unabhängig von seiner Wahr- oder Falschheit. An ihm muß sich alles Wesentliche demonstrieren lassen.

§Ms-101

29r[2]

Man kann sagen wir haben zwar nicht die Gewißheit daß wir alle Sachverhalte in Bildern aufs Papier bringen können wohl aber die Gewißheit daß wir alle logischen Eigenschaften der Sachverhalte in einer zweidimensionalen Schrift abbilden können.

§Ms-101

29r[3]

Wir sind hier noch immer sehr an der Oberfläche aber wohl auf einer guten Ader.

§Ms-101

29r[4] &
30r[1]

30.09.1914

Man kann sagen in unserem Bilde stellt der Rechte etwas dar und auch der Linke, aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre so könnte ihre gegenseitige Stellung etwas darstellen. (Nämlich eine Beziehung)

§Ms-101

30r[2]

Ein Bild kann Beziehungen darstellen die es nicht gibt!!! Wie ist dies möglich?

§Ms-101

30r[3]

Jetzt scheint es wieder als müßten alle Beziehungen logisch sein damit ihre Existenz durch die des Zeichens verbürgt sei.

§Ms-101

30r[4]

02.10.1914

Was in „aRb ∙ bSc” a & c verbindet ist nicht das „ ∙ ” Zeichen sondern das Vorkommen desselben Buchstaben „b” in den beiden einfachen Sätzen.

§Ms-101

30r[5]

Man kann geradezu sagen:

statt „dieser Satz hat diesen & diesen Sinn”: „dieser Satz stellt diesen & diesen Sachverhalt dar!”

§Ms-101

31r[1]

Er bildet ihn logisch ab.

§Ms-101

31r[2]

Nur so kann der Satz wahr oder falsch sein: nur dadurch kann er mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht übereinstimmen daß er ein Bild eines Sachverhaltes ist.

§Ms-101

31r[3]

03.10.1914

Nur insoweit ist der Satz ein Bild eines Sachverhalts als er logisch gegliedert ist! (Ein einfaches – ungegliedertes – Zeichen kann weder wahr noch falsch sein.)

§Ms-101

31r[4]

Der Name ist kein Bild des Benannten!

§Ms-101

31r[5]

Der Satz sagt nur insoweit etwas aus, als er ein Bild ist!

§Ms-101

31r[6] &
32r[1]

Tautologien sagen nichts aus, sie sind nicht Bilder von Sachverhalten: Sie sind selber logisch vollkommen neutral. (Das logische Produkt einer Tautologie und eines Satzes sagt nicht mehr noch weniger aus als dieser allein.)

§Ms-101

32r[2]

04.10.1914

Es ist klar daß in „xRy” das bezeichnende Element einer Relation enthalten sein kann auch wenn „x” & „y” nichts bezeichnen. Und dann ist die Relation das einzige was in jenem Zeichen bezeichnet wird.

§Ms-101

32r[3]

Aber wie ist es dann möglich, daß in einem Code „Kilo” heißt: „es geht mir gut”? Hier sagt doch ein einfaches Zeichen etwas aus und wird benützt andern etwas mitzuteilen!! –

§Ms-101

32r[4]

Kann denn in der vorigen Bedeutung das Wort „Kilo” nicht wahr oder falsch sein?!

§Ms-101

33r[1]

05.10.1914

Jedenfalls kann man doch ein einfaches Zeichen dem Sinne eines Satzes zuordnen. –

§Ms-101

33r[2]

Nur die Wirklichkeit interessiert die Logik. Also die Sätze nur insoweit sie Bilder der Wirklichkeit sind.

§Ms-101

33r[3]

Wie aber kann ein Wort wahr oder falsch sein? Es kann jedenfalls nicht den Gedanken ausdrücken, der mit der Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht übereinstimmt. Der muß doch gegliedert sein!

§Ms-101

33r[4]

Ein Wort kann nicht wahr oder falsch sein in dem Sinne, daß es nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen kann, oder das Gegenteil.

§Ms-101

33r[5] &
34r[1]

06.10.1914

Der allgemeine Begriff zweier Komplexe von denen der eine das logische Bild des andern sein kann, also in einem Sinne ist.

§Ms-101

34r[2]

Die Übereinstimmung zweier Komplexe ist offenbar intern und kann daher nicht ausgedrückt sondern nur gezeigt werden.

§Ms-101

34r[3]

„p” ist wahr sagt nichts anderes aus als p!

„‚p’ ist wahr” ist – nach dem Obigen – nur ein Scheinsatz wie alle jene Zeichenverbindungen die scheinbar etwas sagen was nur gezeigt werden kann.

§Ms-101

34r[4]

07.10.1914

Wenn ein Satz φa gegeben ist so sind mit ihm auch schon alle seine logischen Funktionen (~φa etc.) mitgegeben!

§Ms-101

34r[5]

08.10.1914

Vollständige und unvollständige Abbildung eines Sachverhaltes.

§Ms-101

35r[3]

Der Ausdruck „nicht mehr weiter zerlegbar” ist auch einer der mit „Funktion”, „Ding” etc. auf dem Index stehenden; wie aber wird das gezeigt was wir durch ihn ausdrücken wollen?

§Ms-101

35r[4]

(Man kann natürlich weder von einem Ding noch von einem Komplex sagen sie seien nicht mehr weiter zerlegbar.)

§Ms-101

35r[5] &
36r[1]

09.10.1914

Wenn es eine unmittelbare Zuordnung von Relationen gäbe so wäre die Frage: wie sind dann die Dinge zu einander zugeordnet die in diesen Relationen stehen?, gibt es eine direkte Zuordnung von Relationen ohne Rücksicht auf ihren Sinn?

§Ms-101

36r[2]

Ob wir zu der Annahme von „Beziehungen zwischen Beziehungen” nicht nur irregeführt werden, durch die scheinbare Analogie zwischen den Ausdrücken: „Beziehungen zwischen Dingen”

und „Beziehungen zwischen Beziehungen”?

§Ms-101

36r[3]

Ich mache bei allen diesen Überlegungen irgendwo irgend einen grundlegenden Fehler.

§Ms-101

36r[4]

Die Frage nach der Möglichkeit von Existenzsätzen steht nicht in der Mitte sondern am Uranfang der Logik.

§Ms-101

36r[5]

Alle Probleme die das infin. ax. mit sich bringt sind schon im Satze „(∃x) x = x” zu lösen!

§Ms-101

36r[6]

10.10.1914

Oft macht man eine Bemerkung und sieht erst später wie wahr sie ist.

§Ms-101

37r[1]

11.10.1914

Unsere Schwierigkeit liegt jetzt darin daß in der Sprache allem Anscheine nach die Analysierbarkeit oder das Gegenteil nicht wiedergespiegelt wird. Das heißt: wir können, wie es scheint aus der Sprache allein nicht entnehmen ob es z.B. wirkliche Subjekt-Prädikat-Tatsachen gibt oder nicht. Wie aber könnten wir diese Tatsache oder ihr Gegenteil ausdrücken? Dies muß gezeigt werden!

§Ms-101

37r[2] &
38r[1]

Wie aber, wenn wir uns um die Frage der Zerlegbarkeit gar nicht kümmerten? (Wir würden dann mit Zeichen arbeiten die nichts bezeichnen, sondern nur, durch ihre logischen Eigenschaften ausdrücken helfen.) Denn auch der unzerlegte Satz spiegelt ja logische Eigenschaften seiner Bedeutung wieder. Wie also wenn wir sagten: daß ein Satz weiter zerlegbar ist das zeigt sich wenn wir ihn durch Definitionen weiter zerlegen und wir arbeiten mit ihm in jedem Fall gerade so als wäre er unanalysierbar.

§Ms-101

38r[2]

Bedenke, daß die „Sätze von den unendlichen Anzahlen” alle mit endlichen Zeichen dargestellt sind!

§Ms-101

38r[3]

Aber brauchen wir – wenigstens nach Freges Methode – nicht hundert Millionen Zeichen um die Zahl 100.000.000 zu definieren? (Kommt es hier nicht darauf an ob sie auf Klassen oder Dinge angewandt wird?)

§Ms-101

38r[4] &
39r[1]

Die Sätze die von den unendlichen Zahlen handeln können wie alle Sätze der Logik dadurch erhalten werden daß man die Zeichen selber berechnet (denn es tritt zu den ursprünglichen Urzeichen ja an keiner Stelle ein fremdes Element hinzu) also müssen auch hier die Zeichen alle logischen Eigenschaften des Dargestellten selber haben.

§Ms-101

39r[2]

12.10.1914

Die triviale Tatsache daß ein vollkommen analysierter Satz ebensoviel Namen enthält als seine Bedeutung Dinge, diese Tatsache ist ein Beispiel der allumfassenden Darstellung der Welt durch die Sprache.

§Ms-101

39r[3]

Man müßte jetzt einmal genauer die Definitionen der Kardinalzahlen untersuchen um den eigentlichen Sinn von Sätzen wie dem infin. ax. zu verstehen.

§Ms-101

39r[4]

13.10.1914

Die Logik sorgt für sich selbst; wir müssen ihr nur zusehen wie sie es macht.

§Ms-101

39r[5] &
40r[1]

Betrachten wir den Satz: „Es gibt eine Klasse mit nur einem Glied”. Oder, was auf dasselbe hinauskommt den Satz: (φ):.(x):φx:φy.φzy,z.y=z

Bei „(∃x)x = x” konnte man verstehen daß er tautologisch sei da er überhaupt nicht hingeschrieben werden könnte wenn er falsch wäre, aber hier! Dieser Satz kann an Stelle des infin. ax. untersucht werden!

§Ms-101

40r[2]

Ich weiß daß die folgenden Sätze wie sie stehen unsinnig sind: Kann man von den Zahlen reden wenn es nur Dinge gibt? Wenn also z.B. die Welt nur aus einem Dinge bestünde und aus sonst nichts, könnte man sagen es gäbe ein Ding. Russell würde wahrscheinlich sagen: wenn es ein Ding gibt dann gibt es auch die Funktion (∃x) ξ̂ = x. Aber! –

§Ms-101

40r[3] &
41r[1]

Wenn es diese Funktion nicht tut dann kann von der 1 nur die Rede sein wenn es eine materielle Funktion gibt die nur von einem Argument befriedigt wird.

§Ms-101

41r[2]

Wie verhält es sich mit Sätzen wie:

(∃φ) . (∃x) ․φ(x)

und:

(∃φ) . (∃x) . ~φ(x)?

Ist einer von diesen eine Tautologie? Sind dies Sätze einer Wissenschaft, d.h. sind dies überhaupt Sätze?

§Ms-101

41r[3]

Erinnern wir uns aber daß die Variable & nicht die Allgemeinheitsbezeichnung die Logik charakterisieren!

§Ms-101

41r[4] &
42r[1]

14.10.1914

Gibt es denn eine Wissenschaft der vollständig verallgemeinerten Sätze? Dies klingt höchst unwahrscheinlich. Das ist klar: Wenn es völlig verallgemeinerte Sätze gibt, dann hängt ihr Sinn von keiner willkürlichen Zeichengebung mehr ab! Dann aber kann eine solche Zeichenverbindung die Welt nur durch ihre eigenen logischen Eigenschaften darstellen d.h. sie kann nicht falsch, & nicht wahr sein. Also gibt es keine vollständig verallgemeinerten Sätze. Aber jetzt die Anwendung!

§Ms-101

42r[2]

Nun aber die Sätze: „(∃φ,x) ․φ(x)” und „~(∃φ,x) . φ(x)”

Welcher von ihnen ist tautologisch welcher kontradiktorisch?

§Ms-101

42r[3] &
43r[1]

Immer wieder entsteht das Bedürfnis nach einer vergleichenden Zusammenstellung von Sätzen die in internen Beziehungen stehen. Man könnte zu diesem Buch geradezu Bildertafeln anlegen. (Die Tautologie zeigt was sie zu sagen scheint, die Kontradiktion zeigt das Gegenteil von dem was sie zu sagen scheint.)

§Ms-101

43r[2]

Es ist klar daß wir alle überhaupt möglichen völlig allgemeinen Sätze bilden können sobald uns nur eine Sprache gegeben ist. Und darum ist es doch kaum zu glauben daß solche Zeichenverbindungen wirklich etwas über die Welt aussagen sollten. – Andererseits aber dieser graduelle Übergang vom elementaren Satz zum völlig allgemeinen!!

§Ms-101

43r[3]

Man kann sagen: die völlig allgemeinen Sätze kann man alle a priori bilden.

§Ms-101

43r[4] &
44r[1]

15.10.1914

Es scheint doch als könnte die bloße Existenz der in „(∃x,φ)․φx” enthaltenen Formen die Wahr- oder Falschheit dieses Satzes allein nicht bestimmen! Es scheint also nicht undenkbar daß, z.B., die Verneinung keines Elementarsatzes wahr sei. Aber würde diese Aussage nicht schon den Sinn der Verneinung betreffen?

§Ms-101

44r[2]

Offenbar können wir jeden ganz allgemeinen Satz auffassen als die Bejahung oder Verneinung der Existenz irgend einer Art von Tatsachen. Aber gilt dies nicht von allen Sätzen?

§Ms-101

44r[3]

Jede Zeichenverbindung die etwas über ihren eigenen Sinn auszusagen scheint ist ein Scheinsatz (wie alle Sätze der Logik).

§Ms-101

44r[4] &
45r[1]

Der Satz soll einen Sachverhalt logisch vorbilden. Das kann er aber doch nur dadurch, daß seinen Elementen willkürlich Gegenstände zugeordnet wurden. Wenn dies nun im ganz allgemeinen Satz nicht der Fall ist so ist nicht einzusehen wie er etwas außerhalb ihm darstellen soll.

§Ms-101

45r[2]

Im Satze stellen wir – so zu sagen – zur Probe die Dinge zusammen wie sie sich in Wirklichkeit aber nicht zu verhalten brauchen, wir können aber nicht etwas Unlogisches zusammenstellen denn dazu müßten wir in der Sprache aus der Logik heraus können. – Wenn aber der ganz allgemeine Satz nur „logische Konstante” enthält so kann er für uns nicht mehr sein als – einfach – ein logisches Gebilde und kann nicht mehr tun als uns seine eigenen logischen Eigenschaften zu zeigen. – Wenn es ganz allgemeine Sätze gibt, – was stellen wir in ihnen probeweise zusammen??

§Ms-101

46r[1]

Wenn man sich vor der Wahrheit fürchtet (wie ich jetzt) so ahnt man nie die volle Wahrheit.

§Ms-101

46r[2]

Ich habe hier die Beziehungen der Satz-Elemente zu ihren Bedeutungen gleichsam als Fühler betrachtet durch welche der Satz mit der Außenwelt in Berührung steht; und das Verallgemeinern eines Satzes gleicht dann dem Einziehen der Fühler; bis endlich der ganz allgemeine Satz ganz isoliert ist. Aber stimmt dieses Bild? (Ziehe ich wirklich einen Fühler ein wenn ich statt φ(a), (∃x).φ(x) sage?)

§Ms-101

46r[3] &
47r[1]

16.10.1914

Nun scheint es aber als sprächen genau dieselben Gründe die ich anführte um zu zeigen daß „(∃x,φ) . φ(x)” nicht falsch sein könne, als sprächen diese Gründe auch dafür daß „~ (∃x,φ) . φ(x)” nicht falsch sein könne; und hier zeigt sich ein grundlegender Fehler. Denn es ist gar nicht einzusehen warum gerade der erste Satz & nicht der zweite eine Tautologie sein soll. Vergiß doch nicht daß auch die Kontradiktion „p ∙ ~p” etc. etc. nicht wahr sein kann & doch selbst ein logisches Gebilde ist.

§Ms-101

47r[2]

Angenommen daß keine Verneinung eines Elementarsatzes wahr ist hat in diesem Falle „Verneinung” nicht einen anderen Sinn als im entgegengesetzten Fall?

§Ms-101

47r[3]

„(∃φ):(x)․φx” – von diesem Satz scheint es fast gewiß daß er weder eine Tautologie noch eine Kontradiktion ist. Hier spitzt sich das Problem unerhört zu.

§Ms-101

47r[4] &
48r[1]

17.10.1914

Wenn es ganz allgemeine Sätze gibt so scheint es also als wären solche Sätze probeweise Zusammenstellungen „logischer Konstanten”. (!)

§Ms-101

48r[2]

Kann man denn aber nicht die ganze Welt vollständig mit ganz allgemeinen Sätzen beschreiben? (Das Problem zeigt sich von allen Seiten.) Ja, man könnte die Welt vollständig durch ganz allgemeine Sätze beschreiben also ganz ohne irgend einen Namen oder sonst ein bezeichnendes Zeichen zu verwenden. Und um auf die gewöhnliche Sprache zu kommen brauchte man Namen etc. nur dadurch einführen indem man nach einem „(∃x)” sagte „und dieses x ist A” u.s.w..

§Ms-101

48r[3]

Man kann also ein Bild der Welt entwerfen ohne zu sagen was was darstellt.

§Ms-101

49r[1]

Nehmen wir z.B. an die Welt bestünde aus den Dingen A und B und der Eigenschaft F und es wäre F(A) der Fall und nicht F(B).

Diese Welt könnten wir auch durch die folgenden Sätze beschreiben: (∃x,y) . (∃φ) . x ≠ y . φx․~φy. φu . φz ․⊃․ u = z (∃φ)․(ψ)․ψ = φ (∃x,y)․(z).z = x⌵z = y

Und hier braucht man auch Sätze von der Art der letzten zwei nur die Gegenstände identifizieren zu können.

§Ms-101

49r[2]

Aus alledem folgt natürlich daß es ganz allgemeine Sätze gibt!

§Ms-101

49r[3] &
50r[1]

Genügt oben nicht der erste Satz (∃x,y,φ) φx․~φy ∙ x ≠ y? Die Schwierigkeit der Identifizierung kann man dadurch wegschaffen indem man die ganze Welt in einem allgemeinen Satz beschreibt welcher anfängt: „(∃x,y,z… φ,ψ…RSetc.)” und nun folgt ein logisches Produkt etc.

§Ms-101

50r[2]

Wenn wir sagen „φ ist eine Einheitsfunktion und (x).φx” so heißt das soviel wie: „es gibt nur ein Ding”! (Wir sind hiermit scheinbar um den Satz „(∃x) . (y) . y = x” herumgekommen.)

§Ms-101

50r[3]

18.10.1914

Mein Fehler liegt offenbar in einer falschen Auffassung der logischen Abbildung durch den Satz.

§Ms-101

50r[4] &
51r[1]

Eine Aussage kann nicht den logischen Bau der Welt betreffen, denn damit eine Aussage überhaupt möglich sei, damit ein Satz Sinn haben kann, muß die Welt schon den logischen Bau haben, den sie eben hat. Die Logik der Welt ist aller Wahr- & Falschheit primär.

Beiläufig gesprochen: bevor irgend ein Satz überhaupt Sinn haben kann müssen die logischen Konstanten Bedeutung haben.

§Ms-101

51r[2]

19.10.1914

Die Beschreibung der Welt durch Sätze ist nur dadurch möglich daß das Bezeichnete nicht sein eigenes Zeichen ist! Anwendung –.

§Ms-101

51r[3]

Beleuchtung von Kant's Frage „wie ist reine Mathematik möglich” durch die Theorie der Tautologien!

§Ms-101

51r[4]

Es leuchtet ein daß man den Bau der Welt ohne irgend welche Namen zu nennen beschreiben können muß.

§Ms-101

52r[1]

20.10.1914

Aus dem Satz muß man den logischen Bau des Sachverhaltes ersehen der ihn wahr oder falsch macht. (Wie ein Bild zeigen muß in welchen räumlichen Beziehungen die darauf wiedergegebenen Dinge stehen müssen wenn das Bild richtig (wahr) ist.)

§Ms-101

52r[2]

Die Form eines Bildes könnte man dasjenige nennen worin das Bild mit der Wirklichkeit stimmen muß (um sie überhaupt abbilden zu können).

§Ms-101

52r[3]

Die Theorie der logischen Abbildung durch die Sprache gibt als erste einen Aufschluß über das Wesen der Wahrheits-Beziehung.

§Ms-101

52r[4] &
53r[1]

Die Theorie der logischen Abbildung durch die Sprache sagt – ganz allgemein: Damit es möglich ist daß ein Satz wahr oder falsch sei – daß er mit der Wirklichkeit übereinstimme oder nicht – dazu muß im Satze etwas mit der Wirklichkeit identisch sein.

§Ms-101

53r[2]

Das was in „~p” verneint ist nicht das „~” vor dem „p” sondern dasjenige was allen Zeichen die in dieser Notation mit „~p” gleichbedeutend sind gemeinsam ist; also das Gemeinsame von ~p ~~~p ~p⌵~p ~p ∙ ~p etc. etc. und dasselbe gilt für die Allgemeinheitsbezeichnung etc..

§Ms-101

53r[3]

Scheinsätze sind solche, die, wenn analysiert, das was sie sagen sollten doch nur wieder zeigen.

§Ms-101

54r[1]

Das Gefühl daß der Satz einen Komplex auf die Art der Russellschen Beschreibungen beschreibe rechtfertigt sich jetzt: Der Satz beschreibt den Komplex durch seine logischen Eigenschaften.

§Ms-101

54r[2]

Der Satz konstruiert eine Welt mit Hilfe seines logischen Gerüstes und darum kann man am Satz auch sehen wie sich alles Logische verhielte wenn er wahr wäre: man kann aus einem falschen Satz Schlüsse ziehen etc. So kann ich sehen daß, wenn „(x,φ). φ(x)” wahr wäre, dieser Satz im Widerspruch stünde mit einem Satze „ψ(a)”.)

§Ms-101

54r[3] &
55r[1]

Daß sich von materiellen Sätzen auf ganz allgemeine Sätze schließen läßt – daß diese zu jenen in bedeutungsvollen internen Beziehungen stehen können – zeigt daß die ganz allgemeinen Sätze logische Konstruktionen von Sachverhalten sind.

§Ms-101

55r[2]

21.10.1914

Ist die Russellsche Definition der Null nicht unsinnig? Kann man von einer Klasse x̂ (x ≠ x) überhaupt reden? – Kann man denn von einer Klasse x̂ (x = x) reden? Ist denn x ≠ x oder x = x eine Funktion von x?? – Muß nicht die Null definiert werden durch die Hypothese (∃φ):(x)~φx? Und Analoges würde von allen anderen Zahlen gelten. Dies nun wirft ein Licht auf die ganze Frage nach der Existenz von Anzahlen von Dingen.

§Ms-101

55r[3]

0 = α̂ {(∃φ):(x)~φx ․α = û (φu)} Def

1 = α̂ { ( φ) ( x) φx․ φy․ φz yz y = z: α = ( φu) } Def

[Das Gleichheitszeichen in der geschweiften Klammer könnte man vermeiden wenn man schriebe

0 = û (φu) {(∃φ) : (x)~φx}.]

§Ms-101

56r[1]

Der Satz muß die Möglichkeit seiner Wahrheit enthalten (und so zeigen). Aber nicht mehr als die Möglichkeit.

§Ms-101

56r[2]

Nach meiner Definition der Klassen ist (x).~ x̂(φx) die Aussage daß x̂(φx) null ist und die Definition der Null ist dann 0 = α̂ [(x).~α] Def.

§Ms-101

56r[3]

Ich dachte, die Möglichkeit der Wahrheit eines Satzes φ(a) ist an die Tatsache (∃x,φ) ․φx gebunden. Aber es ist nicht einzusehen warum φa nur dann möglich sein soll wenn es einen anderen Satz derselben Form gibt. φa braucht doch keinen Präzedenzfall. (Denn angenommen es gäbe nur die beiden Elementarsätze „φa” & „ψa” und „φa” sei falsch: warum soll dieser Satz nur dann einen Sinn haben wenn „ψa” wahr ist?!)

§Ms-101

56r[4] &
57r[1] &
58r[1]

22.10.1914

Im Satz muß etwas mit seiner Bedeutung identisch sein, der Satz darf aber nicht mit seiner Bedeutung identisch sein, also muß etwas in ihm mit seiner Bedeutung nicht identisch sein. (Der Satz ist ein Gebilde mit den logischen Zügen des Dargestellten und mit noch anderen Zügen, diese nun werden willkürlich sein und in verschiedenen Zeichensprachen verschieden.) Es muß also verschiedene Gebilde mit denselben logischen Zügen geben; das Dargestellte wird eines von diesen sein und es wird sich bei der Darstellung darum handeln dieses von anderen Gebilden mit denselben logischen Zügen zu unterscheiden (da ja sonst die Darstellung nicht eindeutig wäre). Dieser Teil der Darstellung (die Namengebung) muß nun durch willkürliche Bestimmungen geschehen. Es muß darnach also jeder Satz Züge mit willkürlich bestimmten Bedeutungen enthalten.

§Ms-101

58r[2]

Versucht man dies auf die ganz allgemeinen Sätze anzuwenden so scheint es daß darin irgend ein grundlegender Fehler ist.

§Ms-101

58r[3]

Die Allgemeinheit des ganz allgemeinen Satzes ist die zufällige. Er handelt von allen Dingen die es zufälligerweise gibt. Und darum ist er ein materieller Satz.

§Ms-101

58r[4]

23.10.1914

Einerseits scheint meine Theorie der logischen Abbildung die einzig mögliche andererseits scheint in ihr ein unlöslicher Widerspruch zu sein!

§Ms-101

58r[5]

Wenn der ganz allgemeine Satz nicht ganz entmaterialisiert ist so wird ein Satz durch die Verallgemeinerung wohl überhaupt nicht entmaterialisiert, wie ich glaubte.

§Ms-101

59r[1]

Ob ich von einem bestimmten Ding oder von allen Dingen die es gibt etwas aussage, die Aussage ist gleich materiell.

§Ms-101

59r[2]

„Alle Dinge”, das ist sozusagen eine Beschreibung statt „a & b & c”.

§Ms-101

59r[3]

Wie, wenn unsere Zeichen ebenso unbestimmt wären wie die Welt welche sie spiegeln?

§Ms-101

59r[4]

Um das Zeichen im Zeichen zu erkennen muß man auf den Gebrauch achten.

§Ms-101

59r[5] &
60r[1]

Wollten wir dasjenige welches wir durch „(x).φ(x)” ausdrücken durch das Vorsetzen eines Index vor „φ(x)” ausdrücken etwa so „Allg.φ(x)”, es würde nicht genügen (wir wüßten nicht was verallgemeinert wurde).

Wollten wir es durch einen Index am „x” anzeigen etwa so φ(xA) es würde auch nicht genügen (wir wüßten auf diese Weise nicht den Bereich der Allgemeinheit.).

Wollten wir es durch Einfüllen einer Marke in die leeren Argumentstellen versuchen etwa so „(A,A)․ψ(A,A)” es würde nicht genügen (wir könnten die Identität der Variablen nicht feststellen). Alle diese Bezeichnungsweisen genügen nicht weil sie nicht die notwendigen logischen Eigenschaften haben. Alle jene Zeichenverbindungen vermögen den gewünschten Sinn – auf die vorgeschlagene Weise – nicht abzubilden.

§Ms-101

60r[2]

24.10.1914

Um überhaupt eine Aussage machen zu können müssen wir – in einem Sinne – wissen wie es sich verhält wenn die Aussage wahr ist (und dies bilden wir eben ab).

§Ms-101

60r[3] &
61r[1]

Der Satz drückt aus was ich nicht weiß, was ich aber doch wissen muß um ihn überhaupt aussagen zu können das zeige ich in ihm.

§Ms-101

61r[2]

Die Definition ist eine Tautologie und zeigt interne Relationen zwischen ihren beiden Gliedern!

§Ms-101

61r[3]

25.10.1914

Warum aber untersuchst Du nie ein einzelnes spezielles Zeichen auf die Art & Weise hin wie es logisch abbildet?

§Ms-101

61r[4]

Der vollkommen analysierte Satz muß seine Bedeutung vorstellen.

§Ms-101

61r[5] &
62r[1]

Man könnte auch sagen, unsere Schwierigkeit läuft da hinaus daß der ganz allgemeine Satz nicht zusammengesetzt zu sein scheint. –.

Er scheint nicht wie alle anderen Sätze aus willkürlich bezeichnenden Bestandteilen zu bestehen die in einer logischen Form vereinigt sind. Er scheint keine Form zu haben sondern selbst eine in sich abgeschlossene Form zu sein.

§Ms-101

62r[2]

Man braucht bei den logischen Konstanten nie nach ihrer Existenz zu fragen, sie können ja auch verschwinden!

§Ms-101

62r[3]

Warum soll „φ(x̂)” nicht vorstellen wie (x).φx ist? Kommt es da nicht nur darauf an wie – auf welche Art & Weise – jenes Zeichen etwas vorstellt?

§Ms-101

62r[4]

Angenommen ich wollte vier Paare kämpfender Männer darstellen könnte ich es nicht so machen daß ich nur eines darstelle und sage: „so sehen alle viere aus”? (Durch diesen Nachsatz bestimme ich die Art & Weise der Darstellung.) (Ähnlich stelle ich (x).φx durch „φ(x̂)” dar.)

§Ms-101

62r[5] &
63r[1]

Bedenke daß es keine hypothetischen internen Beziehungen gibt. Ist eine Struktur gegeben und eine strukturelle Beziehung zu ihr dann muß es eine andere Struktur geben die jene Beziehung zu der ersten hat. (Dies liegt ja im Wesen der strukturellen Beziehungen.)

Und dies spricht für die Richtigkeit der obigen Bemerkung, sie wird hierdurch zu keiner-Ausflucht.

§Ms-101

63r[2]

26.10.1914

Es scheint also als wäre nicht die logische Identität von Zeichen & Bezeichnetem nötig sondern nur eine interne, logische, Relation zwischen Beiden. (Das Bestehen einer solchen schließt in gewissem Sinne das Bestehen einer Art grundlegender – interner – Identität mit ein.)

§Ms-101

63r[3] &
64r[1]

Es handelt sich ja nur darum daß das Logische des Bezeichneten durch das Logische des Zeichens & der Bezeichnungsweise allein vollständig bestimmt ist. Zeichen & Bezeichnungsweise zusammen müssen mit dem Bezeichneten logisch identisch sein.

§Ms-101

64r[2]

Der Sinn des Satzes ist das was er vorstellt.

§Ms-101

64r[3]

27.10.1914

„x = y” ist keine Satzform. (Folgen)

§Ms-101

64r[4]

Es ist ja klar daß „aRa” gleichbedeutend wäre mit „aRb ∙ a = b”. Man kann also den Scheinsatz „a = b” durch eine ganz analysierte Notation zum Verschwinden bringen. Bester Beweis für die Richtigkeit der obigen Bemerkung.

§Ms-101

64r[5] &
65r[1]

Die Schwierigkeit vor meiner Theorie der logischen Abbildung war die, einen Zusammenhang zwischen den Zeichen auf Papier & einem Sachverhalt draußen in der Welt zu finden.

§Ms-101

65r[2]

Ich sagte immer die Wahrheit ist eine Beziehung zwischen dem Satz & dem Sachverhalt konnte aber niemals eine solche Beziehung ausfindig machen.

§Ms-101

65r[3]

Die Darstellung der Welt durch ganz allgemeine Sätze könnte man die unpersönliche Darstellung der Welt nennen.

§Ms-101

65r[4]

Wie geschieht die unpersönliche Darstellung der Welt?

§Ms-101

65r[5]

Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit so wie wir sie uns denken.

§Ms-101

65r[6] &
66r[1]

28.10.1914

Was der Scheinsatz „es gibt n Dinge” ausdrücken will zeigt sich in der Sprache durch das Vorhandensein von n Eigennamen mit verschiedener Bedeutung. (etc.)

§Ms-101

66r[2]

Das was die ganz allgemeinen Sätze beschreiben, sind allerdings in gewissem Sinne strukturelle Eigenschaften der Welt. Dennoch können diese Sätze noch immer wahr oder falsch sein. Auch nachdem sie Sinn haben bleibt der Welt noch immer jener Spielraum.

Schließlich verändert ja die Wahr- oder Falschheit jedes Satzes etwas an der allgemeinen Struktur der Welt. Und der Spielraum der ihre Struktur durch die Gesamtheit aller Elementarsätze gelassen wird ist eben derjenige welchen die ganz allgemeinen Sätze begrenzen.

§Ms-101

66r[3] &
67r[1]

29.10.1914

Denn, wenn ein Elementarsatz wahr ist so ist doch jedenfalls ein Elementarsatz mehr, wahr, u. u..

§Ms-101

67r[2]

Damit ein Satz wahr sei muß er vor allem wahr sein können und nur das geht die Logik etwas an.

§Ms-101

67r[3]

Der Satz muß zeigen was er sagen will. – Er muß sich zu seiner Bedeutung ähnlich verhalten wie eine Beschreibung zu ihrem Gegenstand.

Die logische Form des Sachverhaltes aber, läßt sich nicht beschreiben. –

§Ms-101

67r[4]

Die interne Relation zwischen dem Satz & seiner Bedeutung, die Bezeichnungsweise – ist das System von Koordinaten das den Sachverhalt in den Satz abbildet. Der Satz entspricht den Grundkoordinaten.

§Ms-101

67r[5] &
68r[1]

Man könnte zwei Koordinaten aP&bP als einen Satz auffassen der aussagt der materielle Punkt P befinde sich im Ort (ab). Und damit diese Aussage möglich sei müssen also die Koordinaten a & b wirklich einen Ort bestimmen. Damit eine Aussage möglich ist müssen die logischen Koordinaten wirklich einen logischen Ort bestimmen!

§Ms-101

68r[2]

(Der Gegenstand von welchem die allgemeinen Sätze handeln ist recht eigentlich die Welt; die in ihnen durch eine logische Beschreibung eintritt. – Und darum kommt die Welt eigentlich doch nicht in ihnen vor so wie ja auch der Gegenstand der Beschreibung nicht in dieser vorkommt.)

§Ms-101

68r[3] &
69r[1]

Daß in gewissem Sinne die logische Form von p vorhanden sein muß auch wenn p nicht der Fall ist das zeigt sich symbolisch dadurch daß „p” in „~p” vorkommt.

§Ms-101

69r[2]

Die Schwierigkeit ist die: wie kann es die Form von p geben wenn es keinen Sachverhalt dieser Form gibt. Und worin besteht diese Form dann eigentlich?!

§Ms-101

69r[3]

Analytische Sätze gibt es nicht.

§Ms-101

69r[4]

30.10.1914

Könnte man sagen: „in „~φ(x)” stellt „φ․(x)” vor wie es sich nicht verhält”?

§Ms-101

69r[5]

Man könnte auch auf einem Bild eine negative Tatsache darstellen indem man darstellt was nicht der Fall ist.

§Ms-101

69r[6] &
70r[1]

Wenn wir aber diese Darstellungsmethoden einräumen was ist dann eigentlich charakteristisch für die Beziehung des Darstellens?

§Ms-101

70r[2]

Kann man nicht sagen: Es gibt eben verschiedene logische Koordinatensysteme!

§Ms-101

70r[3]

Es gibt eben verschiedene Darstellungsweisen, auch durch das Bild, und das Darstellende ist nicht nur das Zeichen oder Bild sondern auch die Methode der Darstellung. Aller Darstellung ist gemeinsam daß sie stimmen oder nicht stimmen, wahr oder falsch sein kann.

§Ms-101

70r[4]

Denn, Bild und Darstellungsweise sind ganz außerhalb des Dargestellten!

Beide zusammen sind wahr oder falsch, nämlich das Bild, auf eine bestimmte Art & Weise. (Dies gilt natürlich auch vom Elementarsatz!)

§Ms-102

1r[1]

30.10.1914

Jeder Satz kann verneint werden. Und dies zeigt daß für alle Sätze „Wahr” & „Falsch” dasselbe bedeuten. (Dies ist von allerhöchster Wichtigkeit.) (Im Gegensatz zu Russell).

§Ms-102

1r[2]

Die Bedeutung des Satzes muß durch _ihn und seine Darstellungs_weise auf ja oder nein fixiert sein.

§Ms-102

1r[3]

In der Logik gibt es kein Nebeneinander, kann es keine Klassifikation geben!

§Ms-102

1r[4] &
2r[1]

31.10.1914

Ein Satz wie „(∃x,φ)․φx” ist gerade so gut zusammengesetzt wie ein elementarer; dies zeigt sich darin daß wir in der Klammer „φ” & „x” extra erwähnen müssen. Beide stehen – unabhängig – in bezeichnenden Beziehungen zur Welt, gerade wie im Falle eines Elementarsatzes „ψ(a)”.

§Ms-102

2r[2]

Verhält es sich nicht so: „die logischen Konstanten charakterisieren die Darstellungsweise der Elementarformen des Satzes”?

§Ms-102

2r[3]

Die Bedeutung des Satzes muß durch ihn und seine Darstellungsweise auf ja oder nein fixiert sein. Dazu muß sie durch ihn vollständig beschrieben sein.

§Ms-102

2r[4] &
3r[1]

Die Darstellungsweise bildet nicht ab; nur der Satz ist Bild.

§Ms-102

3r[2]

Die Darstellungsweise bestimmt wie die Wirklichkeit mit dem Bild verglichen werden muß.

§Ms-102

3r[3]

Vor allem muß die Elementarsatzform abbilden, alle Abbildung geschieht durch diese.

§Ms-102

3r[4]

01.11.1914

Sehr nahe liegt die Verwechslung zwischen der darstellenden Beziehung des Satzes zu seiner Bedeutung und der Wahrheitsbeziehung. Jene ist für verschiedene Sätze verschieden, diese ist eine und für alle Sätze die gleiche.

§Ms-102

3r[5] &
4r[1]

Es scheint als wäre „(x,φ)․φx” die Form einer Tatsache Φa ∙ Ψb ∙ Θc etc. (Ähnlich wäre (∃x).φx die Form von φ(a) wie ich auch wirklich glaubte.)

§Ms-102

4r[2]

Und hier muß eben mein Fehler liegen.

§Ms-102

4r[3]

Untersuche doch den Elementarsatz: welches ist denn die Form von „φa” & wie verhält sie sich zu „~φ(a)”?

§Ms-102

4r[4]

Jener Präzedenzfall auf den man sich immer berufen möchte muß schon im Zeichen selber liegen.

§Ms-102

4r[5]

Die logische Form des Satzes muß schon durch die Formen seiner Bestandteile gegeben sein. (Und diese haben nur mit dem Sinn der Sätze nicht mit ihrer Wahr- und Falschheit zu tun.)

§Ms-102

5r[1]

In der Form des Subjekts & des Prädikats liegt schon die Möglichkeit des S.-P.-Satzes etc.; aber – wie billig – nichts über seine Wahr- oder Falschheit.

§Ms-102

5r[2]

Das Bild hat die Relation zur Wirklichkeit die es nun einmal hat. Und es kommt darauf an: wie soll es darstellen. Dasselbe Bild wird mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht übereinstimmen jenachdem wie es darstellen soll.

§Ms-102

5r[3] &
6r[1]

Analogie zwischen Satz & Beschreibung: Der Komplex welcher mit diesem Zeichen kongruent ist (genau so in der graphischen Darstellung).

§Ms-102

6r[2]

Nur kann man eben nicht sagen dieser Komplex ist mit jenem kongruent (oder dergleichen) sondern dies zeigt sich. Und daher nimmt auch die Beschreibung einen anderen Charakter an.

§Ms-102

6r[3]

Es muß ja die Abbildungsmethode vollkommen bestimmt sein ehe man überhaupt die Wirklichkeit mit dem Satze vergleichen kann um zu sehen ob er wahr oder falsch ist. Die Vergleichsmethode muß mir gegeben sein ehe ich vergleichen kann.

§Ms-102

6r[4] &
7r[1]

Ob ein Satz wahr oder falsch ist muß sich zeigen.

Wir müssen aber im Voraus wissen wie es sich zeigen wird.

§Ms-102

7r[2]

Daß zwei Leute nicht kämpfen kann man darstellen indem man sie nicht-kämpfend darstellt und auch so indem man sie kämpfend darstellt und sagt das Bild zeige wie es sich nicht verhält. Man könnte mit negativen Tatsachen ebensogut darstellen wie mit positiven –. Wir aber wollen bloß die Prinzipe der Darstellung überhaupt untersuchen.

§Ms-102

7r[3] &
8r[1]

Der Satz „‚p’ ist wahr” ist gleichbedeutend mit dem logischen Produkt von ‚p’ und einem Satz „‚p’” der den Satz ‚p’ beschreibt und einer Zuordnung der Bestandteile der beiden Sätze. – Die internen Beziehungen von Satz & Bedeutung werden durch die internen Beziehungen zwischen ‚p’ und „‚p’” abgebildet.

§Ms-102

8r[2]

Nur sich nicht in Teilfragen verstricken sondern immer dort hinaus flüchten wo man freien Überblick über das ganze eine große Problem hat, wenn auch dieser Überblick noch unklar ist!

§Ms-102

8r[3]

„Ein Sachverhalt ist denkbar” („vorstellbar”) heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.

§Ms-102

8r[4] &
9r[1]

Der Satz muß einen logischen Ort bestimmen.

Die Existenz dieses logischen Orts ist durch die Existenz der Bestandteile allein verbürgt, durch die Existenz des sinnvollen Satzes.

Wenn auch kein Komplex in dem logischen Ort ist so ist doch Einer: nicht in dem logischen Ort.

§Ms-102

9r[2]

02.11.1914

In der Tautologie heben die Bedingungen der Übereinstimmung mit der Welt (die Wahrheitsbedingungen) – die darstellenden Beziehungen – einander auf so daß sie in keiner darstellenden Beziehung zur Wirklichkeit steht (nichts sagt).

§Ms-102

9r[3]

a = a ist nicht in demselben Sinne eine Tautologie wie p⊃p.

§Ms-102

10r[1]

Daß ein Satz wahr ist besteht nicht darin daß er eine bestimmte Beziehung zur Wirklichkeit hat sondern darin daß er zu ihr eine bestimmte Beziehung wirklich hat.

§Ms-102

10r[2]

Verhält es sich nicht so: Der falsche Satz hat wie der wahre und unabhängig von seiner Falsch- oder Wahrheit einen Sinn, aber keine Bedeutung? (Ist hier nicht ein besserer Gebrauch des Wortes „Bedeutung”?)

§Ms-102

10r[3] &
11r[1]

Könnte man sagen: sobald mir Subjekt und Prädikat gegeben sind so ist mir eine Relation gegeben die zwischen einem S.-P. Satz & seiner Bedeutung bestehen oder nicht bestehen wird. Sobald ich nur Subjekt & Prädikat kenne kann ich auch um jene Relation wissen die ja auch für den Fall daß der S.-P. Satz falsch ist eine unumgängliche Voraussetzung ist.

§Ms-102

11r[2]

03.11.1914

Damit es den negativen Sachverhalt geben kann muß es das Bild des positiven geben.

§Ms-102

11r[3]

Die Kenntnis der darstellenden Relation darf sich ja auch nur auf die Kenntnis der Bestandteile des Sachverhalts gründen!

§Ms-102

11r[4] &
12r[1]

Könnte man also sagen: Die Kenntnis des S.-P. Satzes & von Subjekt und Prädikat gibt uns die Kenntnis einer internen Relation etc.?

Auch dies ist strenggenommen nicht richtig da wir kein bestimmtes Subjekt oder Prädikat zu kennen brauchen.

§Ms-102

12r[2]

Offenbar daß wir den Elementarsatz als das Bild eines Sachverhalts empfinden –, wie geht das zu?

§Ms-102

12r[3]

Muß nicht die Möglichkeit der darstellenden Beziehung durch den Satz selbst gegeben sein?

§Ms-102

12r[4] &
13r[1]

Der Satz selber scheidet das mit ihm Kongruierende von dem nicht Kongruierenden. Zum Beispiel: ist also der Satz gegeben und Kongruenz dann ist der Satz wahr wenn der Sachverhalt mit ihm kongruent ist oder es sind gegeben der Satz und nicht-Kongruenz, dann ist der Satz wahr wenn der Sachverhalt mit ihm nicht kongruent ist.

§Ms-102

13r[2] &
14r[1]

Wie aber wird uns die Kongruenz oder nicht-Kongruenz, oder dergl., gegeben.

Wie kann mir mitgeteilt werden wie der Satz darstellt. Oder kann mir das überhaupt nicht gesagt werden. Und wenn dem so ist kann ich es „wissen”? Wenn es mir gesagt werden sollte so müßte dies durch einen Satz geschehen; der könnte es aber nur zeigen.

§Ms-102

14r[2]

Was gesagt werden kann, kann nur durch einen Satz gesagt werden, also kann nichts was zum Verständnis aller Sätze nötig ist gesagt werden.

§Ms-102

14r[3] &
15r[1]

Jene willkürliche Zuordnung von Zeichen & Bezeichnetem die die Möglichkeit der Sätze bedingt und die ich in den ganz allgemeinen Sätzen vermißte geschieht dort durch die Allgemeinheitsbezeichnung geradeso wie beim Elementarsatz durch Namen (denn die Allgemeinheitsbezeichnung gehört nicht zum Bild). Daher empfand man auch immer daß die Allgemeinheit ganz wie ein Argument auftritt.

§Ms-102

15r[2]

Verneinen kann man nur einen fertigen Satz. (Ähnliches gilt von allen ab-Funktionen.)

§Ms-102

15r[3]

Der Satz ist das logische Bild eines Sachverhaltes.

§Ms-102

15r[4]

Die Verneinung bezieht sich auf den fertigen Sinn des verneinten Satzes und nicht auf dessen Darstellungsweise.

§Ms-102

15r[5] &
16r[1]

Wenn ein Bild auf die vorhin erwähnte Weise darstellt wasnicht-der-Fall-ist so geschieht dies auch nur dadurch daß es dasjenige darstellt was nicht der Fall ist.

§Ms-102

16r[2]

Denn das Bild sagt gleichsam: „so ist es nicht” und auf die Frage „wie ist es nicht?” ist eben die Antwort der positive Satz.

§Ms-102

16r[3]

Man könnte sagen: die Verneinung bezieht sich schon auf den logischen Ort den der verneinte Satz bestimmt.

§Ms-102

16r[4]

Nur den festen Grund auf dem man einmal gestanden ist nicht verlieren!

§Ms-102

16r[5]

Der verneinende Satz bestimmt einen anderen logischen Ort als der verneinte.

§Ms-102

17r[1]

Der verneinte Satz zieht nicht nur die Grenzlinie zwischen dem verneinten Gebiet & dem übrigen, sondern er deutet auch schon auf das verneinte Gebiet.

§Ms-102

17r[2]

Der verneinende Satz bestimmt seinen logischen Ort mit Hilfe des logischen Ortes des verneinten Satzes. Indem er jenen als den außerhalb diesem liegenden beschreibt.

§Ms-102

17r[3]

Der Satz ist wahr, wenn es das gibt was er vorstellt.

§Ms-102

17r[4]

04.11.1914

Wie bestimmt der Satz den logischen Ort?

§Ms-102

18r[1]

Wie repräsentiert das Bild einen Sachverhalt?

§Ms-102

18r[2]

Selbst ist es doch nicht der Sachverhalt, ja dieser braucht gar nicht der Fall zu sein.

§Ms-102

18r[3]

Ein Name repräsentiert ein Ding ein anderer ein anderes Ding und selbst sind sie verbunden; so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den Sachverhalt vor.

§Ms-102

18r[4] &
19r[1]

Die logische Verbindung muß natürlich unter den repräsentierten Dingen möglich sein und dies wird immer der Fall sein wenn die Dinge wirklich repräsentiert sind. Wohlgemerkt jene Verbindung ist keine Relation sondern nur das Bestehen einer Relation.

§Ms-102

19r[2]

05.11.1914

So stellt der Satz den Sachverhalt gleichsam auf eigene Faust dar.

§Ms-102

19r[3]

Wenn ich aber sage: Die Verbindung der Satzbestandteile muß für die repräsentierten Dinge möglich sein: liegt nicht hierin das ganze Problem! Wie kann eine Verbindung zwischen Gegenständen möglich sein, die nicht ist.

§Ms-102

19r[4] &
20r[1]

Die Verbindung muß möglich sein heißt: der Satz & die Bestandteile des Sachverhalts müssen in einer bestimmten Relation stehen.

§Ms-102

20r[2]

Damit also ein Satz einen Sachverhalt darstelle ist nur nötig daß seine Bestandteile die des Sachverhalt repräsentieren und daß jene in einer für diese möglichen Verbindung stehen.

§Ms-102

20r[3]

Das Satzzeichen verbürgt die Möglichkeit der Tatsache welche es darstellt (nicht daß diese Tatsache wirklich der Fall ist) das gilt auch für die allgemeinen Sätze.

§Ms-102

20r[4] &
21r[1]

Denn wenn die positive Tatsache φa gegeben ist dann ist auch die Möglichkeit für (x).φx, ~(∃x).φx, ~φ(a) etc. etc. gegeben. (Alle logischen Konstanten sind bereits im Elementarsatz enthalten.)

§Ms-102

21r[2]

So entsteht das Bild. – Um mit dem Bilde einen logischen Ort zu bezeichnen müssen wir zu ihm eine Bezeichnungsweise setzen (die positive, negative, etc.).

§Ms-102

21r[3]

Man könnte z.B. mittelst fechtenden Puppen zeigen wie man nicht fechten solle.

§Ms-102

21r[4]

06.11.1914

Und der Fall ist hier ganz der gleiche wie bei ~φa obwohl das Bild von dem handelt was nicht geschehen soll statt von dem was nicht geschieht.

§Ms-102

21r[5] &
22r[1]

Daß man den verneinten Satz wieder verneinen kann zeigt, daß das was verneint wird schon ein Satz und nicht erst die Vorbereitung zu einem Satz ist.

§Ms-102

22r[2]

Könnte man sagen?: „Hier ist das Bild, aber ob es stimmt oder nicht kann man nicht sagen ehe man weiß was damit gesagt sein soll.”

§Ms-102

22r[3]

Das Bild muß nun wieder seinen Schatten auf die Welt werfen.

§Ms-102

22r[4]

07.11.1914

Der räumliche & der logische Ort stimmen darin überein daß beide die Möglichkeit einer Existenz sind.

§Ms-102

23r[1]

08.11.1914

Was sich in den Sätzen über Wahrscheinlichkeit durch das Experiment bestätigen läßt kann unmöglich Mathematik sein!

§Ms-102

23r[2]

Wahrscheinlichkeitssätze sind Auszüge naturwissenschaftlicher Gesetze.

§Ms-102

23r[3]

Sie sind Verallgemeinerungen und drücken eine unvollständige Kenntnis jener Gesetze aus.

§Ms-102

23r[4] &
24r[1]

Wenn ich z.B. schwarze & weiße Ballen aus einer Urne ziehe so kann ich nicht vor einem Zug sagen ob ich einen weißen oder schwarzen Ballen ziehen werde da ich hierzu die Naturgesetze nicht genau genug kenne aber das weiß ich doch daß im Falle gleich viel schwarze & weiße Ballen vorhanden sind die Zahlen der gezogenen schwarzen sich der der weißen bei fortgesetztem Ziehen nähern wird, so genau kenne ich die Naturgesetze eben doch.

§Ms-102

24r[2]

09.11.1914

Was ich nun in den Wahrscheinlichkeitssätzen kenne, sind gewisse allgemeine Eigenschaften der unverallgemeinerten naturwissenschaftlichen Sätze wie z.B. ihre Symmetrie in gewissen Beziehungen ihre Asymmetrie in anderen etc..

§Ms-102

24r[3]

Vexierbilder & das Sehen von Sachverhalten.

§Ms-102

25r[1]

Es war das was ich mein starkes scholastisches Gefühl nennen möchte, was die Ursache meiner besten Entdeckungen war.

§Ms-102

25r[2]

„nicht p” & „p” widersprechen einander, beide können nicht wahr sein; aber doch kann ich beide aussprechen, beide Bilder gibt es. Sie liegen nebeneinander.

§Ms-102

25r[3]

Oder vielmehr „p” & „~p” sind wie ein Bild und die unendliche Ebene außerhalb dieses Bildes (logischer Ort).

Den unendlichen Raum außerhalb kann ich nur mit Hilfe des Bildes herstellen indem ich ihn durch dieses begrenze.

§Ms-102

26r[1]

10.11.1914

Wenn ich sage „p ist möglich” heißt das ‚„p” hat einen Sinn’? redet jener Satz von der Sprache so daß also für seinen Sinn die Existenz eines Satzzeichens („p”) wesentlich ist? (Dann wäre er ganz unwichtig.) Aber will er nicht vielmehr das sagen was „p ⌵ ~p” zeigt?

§Ms-102

26r[2] &
27r[1]

Entspricht nicht mein Studium der Zeichensprache dem Studium der Denkprozesse, welches die Philosophen für die Philosophie der Logik immer für so wesentlich hielten? – Nur verwickelten sie sich immer in unwesentliche psychologische Untersuchungen & eine analoge Gefahr gibt es auch bei meiner Methode.

§Ms-102

27r[2]

11.11.1914

Da „a = b” kein Satz; „x = y” keine Funktion ist so ist eine ‚Klasse x̂ (x = x)’ ein Unding und ebenso die sogenannte Nullklasse. (Man hatte übrigens immer schon das Gefühl daß überall da wo man sich in Satzkonstruktionen mit x = x, a = a, etc. half, daß es sich in allen solchen Fällen um ein sich-heraus-schwindeln handelte; so wenn man sagte „a existiert” heißt „(∃x) x = a”.)

Dies ist falsch: da die Definition der Klassen selbst die Existenz der wirklichen Funktionen verbürgt.

§Ms-102

28r[1]

Wenn ich nun eine Funktion von der Nullklasse auszusagen scheine so sage ich daß diese Funktion von allen Funktionen wahr ist welche null sind – und dies kann ich auch dann sagen wenn keine Funktion null ist.

§Ms-102

28r[2]

Ist xxxφx identisch mit (x).~φx? Gewiß!

§Ms-102

28r[3]

Der Satz deutet auf die Möglichkeit, daß es sich so & so verhält.

§Ms-102

28r[4]

12.11.1914

Die Verneinung ist im selben Sinne eine Beschreibung wie der Elementarsatz selbst.

§Ms-102

29r[1]

Man könnte die Wahrheit eines Satzes möglich, die einer Tautologie gewiß und die einer Kontradiktion unmöglich nennen. Hier tritt schon das Anzeichen einer Gradation auf die wir in der Wahrscheinlichkeitsrechnung brauchen.

§Ms-102

29r[2]

In der Tautologie bildet der Elementarsatz – selbstverständlich – noch immer ab aber er ist mit der Wirklichkeit so lose verbunden daß dieser unbeschränkte Freiheit hat. Die Kontradiktion wieder setzt solche Schranken daß keine Wirklichkeit in ihnen existieren kann.

§Ms-102

30r[1]

Es ist als projizierten die logischen Konstanten das Bild des Elementarsatzes auf die Wirklichkeit – die dann mit dieser Projektion stimmen oder nichtstimmen kann.

Obwohl im einfachen Satz bereits alle logischen Konstanten vorkommen so muß in ihm doch auch sein eigenes Urbild ganz & unzerlegt vorkommen!

§Ms-102

30r[2]

Ist also etwa nicht der einfache Satz das Bild sondern vielmehr sein Urbild welches in ihm vorkommen muß.

§Ms-102

30r[3] &
31r[1]

Dieses Urbild ist dann wirklich kein Satz (hat aber die Gestalt eines Satzes) und es könnte der Fregeschen „Annahme” entsprechen.

§Ms-102

31r[2]

Der Satz bestünde dann aus Urbildern, die auf die Welt projiziert wären.

§Ms-102

31r[3]

13.11.1914

Bei dieser Arbeit lohnt es sich mehr als bei jeder anderen Fragen die man für gelöst hält immer wieder von neuen Seiten als ungelöst zu betrachten.

§Ms-102

31r[4] &
32r[1]

14.11.1914

Denke an die Darstellung negativer Tatsachen durch Modelle. Etwa: So & so dürfen zwei Eisenbahnzüge nicht auf den Gleisen stehen. Der Satz, das Bild, das Modell sind – im negativen Sinn – wie ein fester Körper der die Bewegungsfreiheit der anderen beschränkt, im positiven Sinne wie der von fester Substanz begrenzte Raum worin ein Körper Platz hat.

Diese Vorstellung ist sehr deutlich und müßte zur Lösung führen.

§Ms-102

32r[2]

15.11.1914

Projektion des Bildes auf die Wirklichkeit

| WirklichkeitModell (Bild)

(Maxwells Methode der mechanischen Modelle)

§Ms-102

33r[1]

Nur sich nicht um das kümmern was man einmal geschrieben hat! Nur immer von frischem anfangen zu denken als ob noch gar nichts geschehen wäre!

§Ms-102

33r[2]

Jener Schatten welchen das Bild gleichsam auf die Welt wirft: Wie soll ich ihn exakt fassen? Hier ist ein tiefes Geheimnis.

§Ms-102

33r[3]

Es ist das Geheimnis der Negation: Es verhält sich nicht so, und doch können wir sagen wie es sich nicht verhält. –

§Ms-102

33r[4] &
34r[1]

Der Satz ist eben nur die Beschreibung eines Sachverhalts. (Aber das ist alles noch an der Oberfläche.) Eine Einsicht am Ursprung ist mehr wert als noch so viele irgendwo in der Mitte.

§Ms-102

34r[2]

16.11.1914

Einführung des Zeichens „0” um die Dezimalnotation möglich zu machen: Die logische Bedeutung dieses Vorgehens.

§Ms-102

34r[3]

17.11.1914

Angenommen „φ(a)” ist wahr: Was heißt es zu sagen ~φa ist möglich?

(φa ist selber gleichbedeutend mit ~(~φa).)

§Ms-102

34r[4]

18.11.1914

Es handelt sich da immer nur um die Existenz des logischen Ort's.

Was – zum Teufel – ist aber dieser „logische Ort”!?

§Ms-102

34r[5] &
35r[1]

19.11.1914

Der Satz & die logischen Koordinaten: das ist der logische Ort.

§Ms-102

35r[2]

20.11.1914

Die Realität die dem Sinne des Satzes entspricht kann doch nichts anderes sein als seine Bestandteile da wir doch alles andere nicht wissen.

§Ms-102

35r[3]

Wenn die Realität in noch etwas anderem besteht so kann dies jedenfalls weder bezeichnet noch ausgedrückt werden, denn im ersten Fall wäre es noch ein Bestandteil im zweiten wäre der Ausdruck ein Satz für den wieder dasselbe Problem bestünde wie für den ursprünglichen.

§Ms-102

35r[4] &
36r[1]

21.11.1914

Was weiß ich eigentlich wenn ich den Sinn von „φa” verstehe aber nicht weiß ob es wahr oder falsch ist? Dann weiß ich doch nicht mehr als φa ⌵ ~φa; und das heißt ich weiß nichts.

§Ms-102

36r[2]

Da die Realitäten die dem Sinn des Satzes entsprechen nur seine Bestandteile sind so können sich auch die logischen Koordinaten nur auf jene beziehen.

§Ms-102

36r[3]

22.11.1914

An dieser Stelle versuche ich wieder etwas auszudrücken was sich nicht ausdrücken läßt.

§Ms-102

36r[4] &
37r[1]

23.11.1914

Obwohl der Satz nur auf einen Ort des logischen Raumes deuten darf so muß doch durch ihn schon der ganze logische Raum gegeben sein. – Sonst würden durch Verneinung, Disjunktion etc. immer neue Elemente – und zwar in Koordination – eingeführt was natürlich nicht geschehen darf.

§Ms-102

37r[2]

24.11.1914

Satz und Sachverhalt verhalten sich zu einander wie der Meterstab zu der zu messenden Länge.

§Ms-102

37r[3] &
38r[1]

Daß man aus dem Satz „(x) φx” auf den Satz „φa” schließen kann das zeigt wie die Allgemeinheit auch im Zeichen „(x) φx” vorhanden ist.

Und das gleiche gilt natürlich für die Allgemeinheitsbezeichnung überhaupt.

§Ms-102

38r[2]

Im Satze legen wir ein Urbild an die Wirklichkeit an.

§Ms-102

38r[3]

(Immer wieder ist es einem bei der Untersuchung der negativen Tatsachen als ob sie die Existenz des Satzzeichens voraussetzten.)

§Ms-102

38r[4] &
39r[1]

Muß das Zeichen des negativen Satzes mit dem Zeichen des positiven gebildet werden? (Ich glaube, Ja!) Warum sollte man den negativen Satz nicht durch eine negative Tatsache ausdrücken können?! Es ist wie wenn man statt des Meterstabes den Raum außerhalb des Meterstabes als Vergleichsobjekt nähme.

§Ms-102

39r[2]

Wie widerspricht eigentlich der Satz „~p” dem Satze „p”? Die internen Relationen der beiden Zeichen müssen Widerspruch bedeuten.

§Ms-102

39r[3]

Freilich muß nach jedem negativen Satz gefragt werden können: Wie verhält es sich nicht; aber die Antwort hierauf ist ja nur wieder ein Satz.

§Ms-102

39r[4]

25.11.1914

Jener negative Tatbestand der als Zeichen dient kann doch wohl bestehen ohne einen Satz der ihn wiederum ausdrückt.

§Ms-102

39r[5] &
40r[1]

Immer wieder ist es bei der Untersuchung dieser Probleme als wären sie schon gelöst und diese Täuschung kommt daher daß die Probleme oft ganz unseren Blicken entschwinden.

§Ms-102

40r[2]

Daß ~φa der Fall ist kann ich durch die Beobachtung von φ(x̂) & a allein ersehen.

§Ms-102

40r[3] &
41r[1]

Die Frage ist hier: Ist die positive Tatsache primär die negative sekundär, oder sind sie gleichberechtigt. Und wenn so, wie ist es dann mit den Tatsachen p ⌵ q, p ⊃ q etc. sind diese nicht mit ~p gleichberechtigt? Aber müssen denn nicht alle Tatsachen gleichberechtigt sein. Die Frage ist eigentlich die: Gibt es Tatsachen außer den positiven. (Es ist nämlich schwer das was nicht der Fall ist nicht zu verwechseln mit dem was stattdessen der Fall ist.)

§Ms-102

41r[2]

Es ist ja klar daß alle die ab-Funktionen nur so viele verschiedene Meßmethoden der Wirklichkeit sind. – Und gewiß haben die Meßmethoden durch p und ~p etwas Besonderes allen anderen voraus. –

§Ms-102

41r[3] &
42r[1]

Es ist der Dualismus, positive & negative Tatsachen, der mich nicht zur Ruhe kommen läßt. So einen Dualismus kann es ja nicht geben. Aber wie ihm entgehen?

§Ms-102

42r[2]

Alles das würde sich von selbst lösen durch ein Verständnis des Wesens des Satzes!

§Ms-102

42r[3]

26.11.1914

Wenn von einem Dinge alle positiven Aussagen gemacht sind, sind doch nicht schon alle negativen auch gemacht! Und darauf kommt alles an!

§Ms-102

42r[4]

Der gefürchtete Dualismus von positiv & negativ besteht nicht denn (x).φx etc., etc., sind weder positiv noch negativ.

§Ms-102

42r[5] &
43r[1]

Wenn schon der positive Satz nicht im negativen vorkommen muß, muß nicht in jedem Fall das Urbild des positiven Satzes im negativen vorkommen.

§Ms-102

43r[2]

Indem wir – und zwar in jeder möglichen Notation – zwischen ~aRb & ~bRa unterscheiden setzen wir in einer jeden eine bestimmte Zuordnung von Argument & Argumentstelle im negativen Satze voraus; die ja das Urbild des verneinten positiven Satzes ausmacht.

§Ms-102

43r[3]

Ist also nicht jene Zuordnung der Bestandteile des Satzes mit welcher noch nichts gesagt ist das eigentliche Bild im Satze?

§Ms-102

44r[1]

Ob nicht meine Unklarheit auf dem Unverständnis des Wesens der Relationen beruht?

§Ms-102

44r[2]

Kann man denn ein Bild verneinen? Nein. Und darin liegt der Unterschied zwischen Bild & Satz. Das Bild kann als Satz dienen. Dann tritt aber etwas zu ihm hinzu was macht daß es nun etwas sagt. Kurz: Ich kann nur verneinen daß das Bild stimmt, aber das Bild kann ich nicht verneinen.

§Ms-102

44r[3] &
45r[1]

Dadurch daß ich den Bestandteilen des Bildes Gegenstände zuordne, dadurch stellt es nun einen Sachverhalt dar und stimmt nun entweder oder stimmt nicht. (Z.B. stellt ein Bild das Innere eines Zimmers dar etc.)

§Ms-102

45r[2] &
46r[1]

27.11.1914

„~p” ist wahr wenn p falsch ist. Also, in dem wahren Satz „~p” ist der Teil ein falscher Satz. Wie kann ihn nun der Haken „~” mit der Wirklichkeit zum Stimmen bringen? Wir haben freilich schon gesagt daß es nicht der Haken „~” allein ist sondern alles was den verschiedenen Verneinungszeichen gemeinsam ist. Und was diesen allen gemeinsam ist muß offenbar aus der Bedeutung der Verneinung selbst hervorgehen. Und so muß sich also in dem Negationszeichen doch seine eigene Bedeutung spiegeln.

§Ms-102

46r[2]

28.11.1914

Die Negation vereinigt sich mit den ab-Funktionen des elementaren Satzes. Und die logischen Funktionen des Elementarsatzes müssen ebenso wie alle anderen ihre Bedeutung wiederspiegeln.

§Ms-102

46r[3]

29.11.1914

Die ab-Funktion bleibt nicht vor dem Elementarsatz stehen sondern sie durchdringt ihn.

§Ms-102

46r[4]

Was gezeigt werden kann kann nicht gesagt werden.

§Ms-102

46r[5] &
47r[1]

Ich glaube man könnte das Gleichheitszeichen ganz aus unserer Notation entfernen und die Gleichheit immer nur durch die Gleichheit der Zeichen (u.u.) andeuten. Es wäre dann freilich φ(a, a) kein spezieller Fall von (x,y)․φ(x,y) und φa keiner von (∃x,y)․φx․φy. Dann aber könnte man statt φx․φyx,yx=y einfach schreiben ~(∃x,y) . φx․φy.

§Ms-102

47r[2]

Durch diese Notation verlören auch der Scheinsatz (x)x = a oder ähnliche allen Schein von Berechtigung.

§Ms-102

47r[3] &
48r[1]

30.11.1914

01.12.1914 Der Satz sagt gleichsam: Dieses Bild kann auf diese Weise keinen (oder kann einen) Sachverhalt darstellen.

§Ms-102

48r[2]

02.12.1914

Es kommt eben darauf an das festzusetzen, was den Satz vom bloßen Bild unterscheidet.

§Ms-102

48r[3]

04.12.1914

Sehen wir uns z.B. die Gleichung ~ ~p = p an: diese bestimmt mit anderen das Zeichen für p da sie besagt daß es etwas sei was „p” & „~~p” gemein haben. Dadurch erhält jenes Zeichen Eigenschaften die wiederspiegeln daß die doppelte Verneinung eine Bejahung ist.

§Ms-102

48r[4]

05.12.1914

Wie sagt „p ․⌵․ ~p” nichts?

§Ms-102

48r[5] &
49r[1] &
50r[1] &
51r[1] &
52r[1] &
53r[1]

06.12.1914

Die Newton'sche Mechanik bringt die Weltbeschreibung auf eine einheitliche Form.

Denken wir uns eine weiße Fläche auf der unregelmäßige schwarze Flecken wären. Wir sagen nun: Was immer für ein Bild hierdurch entsteht immer werde ich seiner Beschreibung beliebig nahe kommen können indem ich die Fläche mit einem entsprechend feinen quadratischen Netzwerk bedecke und nun von jedem Quadrat sage daß es weiß oder schwarz ist. Ich werde auf diese Weise die Beschreibung dieser Fläche auf eine einheitliche Form gebracht haben. Diese Form ist beliebig denn ich hätte mit dem gleichen Erfolge ein dreieckiges oder sechseckiges Netz verwenden können. Es kann sein daß die Beschreibung mit Hilfe eines dreieckigen Netzes einfacher geworden wäre d.h. daß wir die Fläche mit einem gröberen Dreiecksnetz genauer beschreiben könnten als mit einem feineren quadratischen (oder umgekehrt) etc. Den verschiedenen Netzen entsprechen verschiedene Systeme der Weltbeschreibung.

Die Mechanik bestimmt die Form der Weltbeschreibung indem sie sagt: Alle Sätze der Weltbeschreibung müssen aus einer Anzahl gegebener Sätze – den mechanischen Axiomen – auf eine gegebene Art & Weise erhalten werden können. Hierdurch liefert sie die Bausteine zum Bau des wissenschaftlichen Gebäudes und sagt welches Gebäude Du immer aufführen willst jedes mußt Du irgendwie mit diesen & nur diesen Bausteinen zusammenbringen. Wie man mit dem Zahlensystem jede beliebige Anzahl muß hinschreiben können so muß man mit dem System der Mechanik jeden beliebigen Satz der Physik hinschreiben können.

Und hier sehen wir nun die gegenseitige Stellung von Logik & Mechanik.

(Man könnte das Netz auch aus verschiedenartigen Figuren bestehen lassen.)

Daß sich ein Bild wie das vorhin erwähnte durch ein Netz von gegebener Form beschreiben läßt, sagt über das Bild nichts aus (denn dies gilt für jedes solche Bild). Das aber charakterisiert das Bild daß es sich durch ein bestimmtes Netz, von bestimmter Feinheit, beschreiben läßt. So auch sagt es nichts über die Welt aus daß sie sich durch die Newtonsche Mechanik beschreiben läßt; aber wohl daß sie sich so durch jene beschreiben läßt wie dies eben der Fall ist. (Dies habe ich schon seit langer Zeit gefühlt.) – Auch das sagt etwas von der Welt daß sie sich durch die eine Mechanik einfacher beschreiben läßt als durch die andere.

Die Mechanik ist ein Versuch alle Sätze welche wir zur Weltbeschreibung benötigen nach einem Plan zu konstruieren. (Die unsichtbaren Massen Hertz's.)

Die unsichtbaren Massen Hertz's sind eingestandenermaßen Scheingegenstände.

§Ms-102

53r[2] &
54r[1]

07.12.1914

Die logischen Konstanten des Satzes sind die Bedingungen seiner Wahrheit.

§Ms-102

54r[2]

08.12.1914

Hinter unseren Gedanken, wahren & falschen liegt immer wieder ein dunkler Grund, den wir erst später in's Licht ziehen, & als einen Gedanken aussprechen können.

§Ms-102

54r[3]

12.12.1914

p . taut. = p d.h. taut. sagt nichts!

§Ms-102

54r[4]

13.12.1914

Erschöpft es das Wesen der Negation daß sie eine Operation ist die sich selbst aufhebt? Dann müßte χ die Negation bedeuten wenn χχp = p vorausgesetzt daß χp ≠ p.

§Ms-102

54r[5] &
55r[1]

Das ist einmal sicher daß nach diesen beiden Gleichungen χ nicht mehr die Bejahung ausdrücken kann! Und zeigt nicht die Fähigkeit des Verschwindens dieser Operationen daß sie logische sind?

§Ms-102

55r[2]

14.12.1914

15.12.1914 Es ist offenbar: wir können als Schriftzeichen der ab-Funktionen einführen welche wir wollen das eigentliche Zeichen wird sich automatisch bilden. Und welche Eigenschaften werden sich hiebei von selbst herausbilden?

§Ms-102

55r[3]

Das logische Gerüst um das Bild (des Satzes) herum bestimmt den logischen Raum.

§Ms-102

55r[4]

16.12.1914

Der Satz muß den ganzen logischen Raum durchgreifen.

§Ms-102

56r[1]

17.12.1914

Die ab-Funktionszeichen sind nicht materiell sonst könnten sie nicht verschwinden.

§Ms-102

56r[2]

18.12.1914

Am eigentlichen Satzzeichen muß geradesoviel zu unterscheiden sein, als am Sachverhalt zu unterscheiden ist. Darin besteht ihre Identität.

§Ms-102

56r[3]

20.12.1914

In „p” ist nicht mehr & nicht weniger zu erkennen als in „~p”.

§Ms-102

56r[4]

Wie kann ein Sachverhalt mit „p” übereinstimmen und mit „~p” nicht übereinstimmen.

§Ms-102

56r[5] &
57r[1]

Man könnte auch so fragen: Wenn ich zum Zweck der Verständigung mit einem Anderen Die Sprache erfinden wollte was für Regeln müßte ich mit ihm über unseren Ausdruck vereinbaren?

§Ms-102

57r[2]

23.12.1914

Charakteristisches Beispiel zu meiner Theorie der Bedeutung der physikalischen Naturbeschreibung: die beiden Wärmetheorien; einmal die Wärme als ein Stoff ein andermal als eine Bewegung aufgefaßt.

§Ms-102

57r[3] &
58r[1]

25.12.1914

Der Satz sagt etwas, ist identisch mit: Er hat ein bestimmtes Verhältnis zur Wirklichkeit, was immer diese sein mag. Und, wenn sie gegeben ist und jenes Verhältnis so ist der Sinn des Satzes bekannt. „p ⌵ q” hat ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit als „p.q”, etc.

§Ms-102

58r[2]

Die Möglichkeit des Satzes basiert natürlich auf dem Prinzip der Vertretung von Gegenständen durch Zeichen.

§Ms-102

58r[3]

Im Satz haben wir also die Vertretung von etwas durch etwas anderes.

Aber auch das gemeinsame Bindemittel.

§Ms-102

58r[4]

Mein Grundgedanke ist daß die logischen Konstanten nicht vertreten. Daß sich die Logik der Tatsache nicht vertreten läßt.

§Ms-102

58r[5] &
59r[1]

29.12.1914

Im Satze vertritt den Gegenstand der Name.

§Ms-102

59r[2]

11.01.1915

Ein Meterstab sagt nicht daß ein zu messendes Objekt einen Meter lang sei.

Auch dann nicht wenn wir wissen daß er zum Messen eines bestimmten Objektes dienen soll.

§Ms-102

59r[3]

Könnte man nicht fragen?: was muß zu jenem Meterstab dazukommen damit er etwas über die Länge des Objektes aussagt?

§Ms-102

59r[4]

(Der Meterstab ohne diesen Zusatz wäre die „Annahme”.)

§Ms-102

59r[5] &
60r[1]

14.01.1915

15.01.1915 Das Satzzeichen „p ⌵ q” stimmt wenn p der Fall ist, wenn q der Fall ist und wenn beide der Fall sind anderenfalls stimmt es nicht: dies scheint unendlich einfach zu sein; und so einfach wird die Lösung sein.

§Ms-102

60r[2]

16.01.1914

Der Satz ist einem hypothetischen Sachverhalt zugeordnet.

§Ms-102

60r[3]

Dieser Sachverhalt ist durch seine Beschreibung gegeben.

§Ms-102

60r[4]

Der Satz ist die Beschreibung eines Sachverhalts.

§Ms-102

60r[5] &
61r[1]

Wie die Beschreibung eines Gegenstandes nach seinen externen Eigenschaften, so beschreibt der Satz die Tatsache nach ihren internen Eigenschaften.

§Ms-102

61r[2]

Die Beschreibung stimmt, wenn der Gegenstand die besagten Eigenschaften hat: Der Satz stimmt, wenn der Sachverhalt die, durch den Satz aufgegebenen, internen Eigenschaften hat.

§Ms-102

61r[3]

17.01.1915

Der Sachverhalt p.q fällt unter den Satz „p⌵q”.

§Ms-102

61r[4] &
62r[1]

Zu dem Netz-Gleichnis der Physik: Obwohl die Flecke geometrische Figuren sind so kann uns doch selbstverständlich die Geometrie gar nichts über ihre Form & Lage sagen. Das Netz aber ist rein geometrisch alle seine Eigenschaften können a priori angegeben werden.

§Ms-102

62r[2]

18.01.1915

Der Vergleich zwischen Satz & Beschreibung ist rein logisch und muß daher weiter geführt werden.

§Ms-102

62r[3]

20.01.1915

Wieso ist Alle ein logischer Begriff?

§Ms-102

62r[4]

Wieso ist Alle ein Begriff der Form??

§Ms-102

62r[5]

Wie kommt es daß Alle in jedem Satz vorkommen kann?

Denn dies ist das Charakteristikum des Formbegriffs!

§Ms-102

62r[6] &
63r[1]

Alle scheint dem Inhalt des Satzes näher zu stehen als der Form. Alle: Dinge, Alle: Funktionen, Alle: Beziehungen: Es ist als ob Alle ein Bindeglied zwischen dem Begriff des Dinges, der Funktion etc. und dem einzelnen Ding der einzelnen Funktion sei.

§Ms-102

63r[2]

Die Allgemeinheit ist wesentlich mit der Elementar-Form verbunden.

§Ms-102

63r[3]

Das erlösende Wort –?!

§Ms-102

63r[4]

21.01.1915

Der Übergang von der allgemeinen Betrachtung der Satzform: Unendlich schwierig, fabelhaft.

§Ms-102

63r[5] &
64r[1]

22.01.1915

Meine ganze Aufgabe besteht darin, das Wesen des Satzes zu erklären. Das heißt, das Wesen aller Tatsachen anzugeben, deren Bild der Satz ist.

§Ms-102

64r[2]

Das Wesen alles Seins angeben.

§Ms-102

64r[3]

(Und hier bedeutet Sein nicht existieren – dann wäre es unsinnig.)

§Ms-102

64r[4]

23.01.1915

Die Verneinung ist eine Operation.

§Ms-102

64r[5]

Eine Operation bezeichnet eine Operation.

§Ms-102

64r[6]

Das Wort ist eine Sonde, manches reicht tief; manches nur wenig tief.

§Ms-102

64r[7] &
65r[1]

Eine Operation sagt natürlich nichts aus, nur ihr Resultat, und dies hängt von ihrem Gegenstand ab.

24.01.1915 Die logischen Scheinfunktionen sind Operationen.

§Ms-102

65r[2]

Nur Operationen können verschwinden!

§Ms-102

65r[3]

Der negative Satz schließt die Wirklichkeit aus.

§Ms-102

65r[4]

Wie kann die allumfassende, weltspiegelnde Logik so spezielle Haken & Manipulationen gebrauchen?! Nur indem sich alle diese zusammen zu einem unendlich feinen Netzwerk, zu dem großen Spiegel verknüpfen!

§Ms-102

65r[5]

25.01.1915

Man kann auch sagen; ~p ist falsch, wenn p wahr ist.

§Ms-102

65r[6] &
66r[1]

29.01.1915

Die Sprache ist artikuliert.

§Ms-102

66r[2]

07.02.1915

Die musikalischen Themen sind in gewissem Sinne Sätze. Die Kenntnis des Wesens der Logik wird deshalb zur Kenntnis des Wesens der Musik führen.

§Ms-102

66r[3]

14.02.1915

Gäbe es mathematische Gegenstände – logische Konstante – so wäre der Satz „ich esse 5 Pflaumen” ein Satz der Mathematik. Und er ist auch kein Satz der angewandten Mathematik.

§Ms-102

66r[4]

Der Satz muß seine Bedeutung vollständig beschreiben.

§Ms-102

67r[2]

Die Melodie ist eine Art Tautologie, sie ist in sich selbst abgeschlossen; sie befriedigt sich selbst.

§Ms-102

67r[3]

05.03.1915

Die Menschheit hat immer geahnt, daß es ein Gebiet von Fragen geben muß worin die Antworten – a priori – symmetrisch, und zu einem abgeschlossenen regelmäßigen Gebilde vereint – liegen.

§Ms-102

67r[4]

(Je älter ein Wort ist desto tiefer reicht es.)

§Ms-102

67r[5] &
68r[1]

06.03.1914

Die Probleme der Verneinung, der Disjunktion, von Wahr & Falsch – sind nur Spiegelbilder des einen, großen Problems, in den verschieden gestellten großen und kleinen Spiegeln der Philosophie.

§Ms-102

68r[2]

07.03.1915

Wie ~ξ, ~ξ ․⌵․ ~ξ etc. dieselbe Funktion ist so ist auch ~η ⌵ η, η⊃η etc. dieselbe – nämlich die tautologische – Funktion. Wie die anderen so kann auch sie – und vielleicht mit Vorteil – untersucht werden.

§Ms-102

68r[3]

08.03.1915

Meine Schwierigkeit ist nur eine – enorme – Schwierigkeit des Ausdrucks.

§Ms-102

68r[4]

18.03.1915

Es ist klar daß die genaueste Untersuchung des Satzzeichens nicht ergeben kann was es aussagt – wohl aber was es aussagen kann.

§Ms-102

69r[1]

27.03.1915

Das Bild kann eine Beschreibung ersetzen.

§Ms-102

69r[2]

29.03.1915

Das Kausalitätsgesetz ist kein Gesetz sondern die Form eines Gesetzes.

§Ms-102

69r[3]

„Kausalitätsgesetz” das ist ein Gattungsname. Und wie es in der Mechanik – sagen wir – Minimumgesetze gibt – etwa der kleinsten Wirkung – so gibt es in der Physik ein Kausalitätsgesetz, ein Gesetz von der Kausalitätsform.

§Ms-102

69r[4] &
70r[1]

Wie die Menschen ja auch eine Ahnung davon gehabt haben daß es ein „Gesetz der kleinsten Wirkung” geben müsse ehe sie genau wußten wie es lautete. (Hier wie so oft stellt sich das Aprioristische als etwas rein Logisches heraus.)

§Ms-102

70r[2]

03.04.1915

Der Satz ist ein Maß der Welt.

§Ms-102

70r[3]

Dies ist das Bild eines Vorgangs und stimmt nicht. Wie kann es dann noch immer das Bild jenes Vorgangs sein?

§Ms-102

70r[4] &
71r[1]

Daß „a” a vertreten kann & „b” b vertreten kann wenn „a” in der Relation „R” zu „b” steht, darin eben besteht jene gesuchte potentielle interne – Relation.

§Ms-102

71r[2]

05.04.1915

Der Satz ist kein Wörtergemisch.

§Ms-102

71r[3]

10.04.1915

Auch die Melodie ist kein Tongemisch, wie alle Unmusikalischen glauben.

§Ms-102

71r[4]

12.04.1915

Ich kann von dem Wesen des Satzes nicht auf die einzelnen logischen Operationen kommen!!!

§Ms-102

71r[5] &
72r[1]

15.04.1915

Ich kann eben nicht herausbringen inwiefern der Satz das Bild des Sachverhaltes ist! Beinahe bin ich bereit alle Bemühungen aufzugeben. — ——

§Ms-102

72r[2]

16.04.1915

Die Beschreibung ist auch sozusagen eine Operation deren Basis ihre Hilfsmittel und deren Resultat der beschriebene Gegenstand ist.

§Ms-102

72r[3]

Das Zeichen „Nicht” ist die Klasse aller verneinender Zeichen.

§Ms-102

72r[4]

17.04.1915

Das subjektive Universum.

§Ms-102

72r[5] &
73r[1]

Statt die logischen Operationen im Satz an dessen Teilsätzen zu vollziehen, können wir diesen auch Marken zuordnen und mit ihnen operieren. Dann ist einem Satzbild ein mit ihm in kompliziertester Weise zusammenhängendes Markensternbild zugeordnet.

( aRb p , cSd q , φe r ) ( ( p q) . r : : q . r p r)

§Ms-102

73r[2]

18.04.1915

Für die Operation der Verneinung ist der Übergang von p auf ~p nicht charakteristisch. (Der beste Beweis: sie führt auch von ~p zu p.)

§Ms-102

73r[3]

19.04.1915

Was sich in der Sprache spiegelt, kann ich nicht mit ihr ausdrücken.

§Ms-102

73r[4] &
74r[1]

23.04.1915

Wir glauben nicht a priori an ein Erhaltungsgesetz sondern wir wissen a priori die Möglichkeit seiner logischen Form.

§Ms-102

74r[2]

Alle jene a priori gewissen Sätze, wie der Satz vom Grunde von der Kontinuität in der Natur etc. etc., alle diese sind aprioristische Einsichten bezüglich der möglichen Formgebung der Sätze der Wissenschaft.

§Ms-102

74r[3] &
75r[1]

„Ockhams Devise” ist natürlich keine willkürliche oder durch ihren praktischen Erfolg gerechtfertigte Regel. Sie besagt daß unnötige Zeichen-Einheiten nichts bedeuten.

§Ms-102

75r[2]

Es ist klar daß Zeichen, die denselben Zweck erfüllen logisch identisch sind. Das rein Logische ist eben das was alle diese leisten können.

§Ms-102

75r[3]

24.04.1915

In der Logik (Mathematik) sind Prozeß & Resultat gleichwertig. (Darum keine Überraschungen.)

§Ms-102

75r[4] &
76r[1]

25.04.1915

Da die Sprache in internen Relationen zur Welt steht, so bestimmt sie und diese Relationen die logische Möglichkeit der Tatsachen. Haben wir ein bedeutungsvolles Zeichen so muß es in einer bestimmten internen Relation zu einem Gebilde stehen. Zeichen & Relation bestimmen eindeutig die logische Form des Bezeichneten.

§Ms-102

76r[2]

Aber kann nicht irgendein sogenanntes Ding mit irgend einem solchen auf ein und dieselbe Weise zugeordnet werden? Es ist z.B. ganz klar daß wir die Wörter der Sprache als miteinander logisch äquivalente Einheiten – empfinden und – gebrauchen.

§Ms-102

76r[3]

Es scheint immer als ob es etwas gäbe was man als Ding betrachten könne, andererseits wirkliche einfache Dinge.

§Ms-102

77r[1]

Es ist klar: Weder ein Bleistiftstrich noch ein Dampfschiff sind einfach. Besteht zwischen diesen beiden wirklich eine logische Äquivalenz?

§Ms-102

77r[2]

„Gesetze” wie der Satz vom Grunde etc. handeln vom Netz, nicht von dem was das Netz beschreibt.

§Ms-102

77r[3]

26.04.1915

Durch die Allgemeinheit müssen die gebräuchlichen Sätze ihr einfaches Gepräge kriegen.

§Ms-102

77r[4]

Wir müssen erkennen, wie die Sprache für sich selbst sorgt.

§Ms-102

77r[5] &
78r[1]

Der Satz welcher vom „Komplex” handelt steht in interner Beziehung zum Satze welcher von dessen Bestandteil handelt.

§Ms-102

78r[2]

27.04.1915

Die Willensfreiheit besteht darin daß zukünftige Ereignisse jetzt nicht gewußt werden können. Nur dann könnten wir sie wissen, wenn die Kausalität eine innere Notwendigkeit wäre – wie etwa die des logischen Schlusses. – Der Zusammenhang von Wissen & Gewußtem ist der der logischen Notwendigkeit.

§Ms-102

78r[3]

Ich darf mich nicht um die Sprache kümmern brauchen.

§Ms-102

78r[4] &
79r[1]

Das Nicht-Stimmen ist ähnlich wie die Nicht-Identität.

28.04.1915

§Ms-102

79r[2]

Die Operation des Verneinens besteht nicht etwa im Vorsetzen von ~ sondern in der Klasse aller verneinender Operationen.

§Ms-102

79r[3]

Was für Eigenschaften hat aber dann eigentlich diese ideale verneinende Operation?

§Ms-102

79r[4]

Wie zeigt es sich wenn sich zwei Aussagen miteinander vertragen?

Wenn man in p ⌵ q statt q p setzt so wird die Aussage zu p!

§Ms-102

79r[5] &
80r[1]

Gehört das Zeichen p.q auch unter diejenigen welche p bejahen? – Ist p eins von den Zeichen für p ⌵ q?

§Ms-102

80r[2]

Kann man so sagen?: Alle Zeichen welche p nicht bejahen, nicht von p bejaht werden und p nicht als Tautologie oder Kontradiktion enthalten alle diese Zeichen verneinen p.

§Ms-102

80r[3]

29.04.1915

Das heißt: alle Zeichen die von p abhängig sind & die weder p bejahen noch von p bejaht werden.

§Ms-102

80r[4] &
81r[1]

30.04.1915

Das Vorkommen einer Operation kann natürlich allein nichts besagen!

§Ms-102

81r[2]

p wird von allen Sätzen bejaht aus denen es folgt. Jeder Satz der p widerspricht verneint p.

§Ms-102

81r[3]

01.05.1915

Daß p․~p eine Kontradiktion ist zeigt daß ~p p widerspricht.

§Ms-102

81r[4]

Skeptizismus ist nicht unwiderleglich sondern offenbar unsinnig wenn er bezweifeln will wo nicht gefragt werden kann.

§Ms-102

81r[5] &
82r[1]

Denn Zweifel kann nur bestehen wo eine Frage besteht; eine Frage kann nur bestehen wo eine Antwort besteht, und diese nur wo etwas gesagt werden kann.

§Ms-102

82r[2]

Alle Theorien die besagen: „Es muß sich doch so verhalten, sonst könnten wir ja nicht philosophieren” oder „sonst könnten wir doch nicht leben” etc. etc., müssen natürlich verschwinden.

§Ms-102

82r[3]

Meine Methode ist es nicht das Harte vom Weichen zu scheiden, sondern die Härte des Weichen zu sehen.

§Ms-102

82r[4]

Es ist eine Hauptkunst des Philosophen sich nicht mit Fragen zu beschäftigen, die ihn nichts angehen.

§Ms-102

82r[5] &
83r[1]

Russells Methode in seiner „Scientific Method in Philosophy” ist geradezu ein Rückschritt von der Methode der Physik.

§Ms-102

83r[2]

02.05.1915

Die Klasse aller Zeichen die sowohl p als auch q bejahen ist das Zeichen für p.q. Die Klasse aller Zeichen die entweder p oder q bejahen ist der Satz „p⌵q”.

§Ms-102

83r[3]

03.05.1915

Man kann nicht sagen daß sowohl Tautologien als Kontradiktionen nichts sagen in dem Sinne daß sie etwa beide Nullpunkte in der Skala der Sätze wären. Denn zum Mindesten sind sie entgegengesetzte Pole.

§Ms-102

83r[4] &
84r[1]

Kann man sagen: Zwei Sätze sind einander entgegengesetzt wenn es kein Zeichen gibt das sie beide bejaht – was eigentlich heißt: wenn sie kein gemeinsames Glied haben.

§Ms-102

84r[2]

Man stellt sich also die Sätze als Klassen von Zeichen vor – die Sätze „p” und „q” haben das Glied „p.q” gemeinsam – und zwei Sätze sind einander entgegengesetzt wenn sie ganz außerhalb einander liegen.

§Ms-102

84r[3]

04.05.1915

Das sogenannte Gesetz der Induktion kann jedenfalls kein logisches Gesetz sein, denn es ist offenbar ein Satz.

§Ms-102

84r[4] &
85r[1]

Die Klasse aller Sätze von der Form F(x) ist der Satz (x) φx.

§Ms-102

85r[2]

05.05.1915

Gibt es die allgemeine Satzform?

Ja, wenn darunter die eine „logische Konstante” verstanden ist!

§Ms-102

85r[3]

Immer wieder scheint die Frage einen Sinn zu haben: „Gibt es einfache Dinge?” Und doch muß diese Frage unsinnig sein! –

§Ms-102

85r[4]

06.05.1915

Man würde sich vergeblich bemühen den Scheinsatz „gibt es einfache Dinge?” in Zeichen der Begriffsschrift auszudrücken.

§Ms-102

86r[1]

Es ist doch klar daß ich einen Begriff vom Ding, von der einfachen Zuordnung, vor mir habe wenn ich über diese Sache denke. Wie stelle ich mir aber das Einfache vor? Da kann ich immer nur sagen „‚x’ hat Bedeutung”. – Hier ist ein großes Rätsel!

§Ms-102

86r[2]

Als Beispiele des Einfachen denke ich immer an Punkte des Gesichtsbildes. (Wie mir als typisch „zusammengesetzte Gegenstände” immer Teile des Gesichtsbildes vorschweben.)

§Ms-102

86r[3]

07.05.1915

Ist räumliche Zusammengesetztheit auch logische Zusammengesetztheit? Es scheint doch, ja!

§Ms-102

87r[1]

Aus was besteht aber z.B. ein gleichförmig gefärbter Teil meines Gesichtsbildes? Aus minimum sensibile? Wie sollte man denn den Ort eines jeden solchen bestimmen?

§Ms-102

87r[2]

Auch wenn die von uns gebrauchten Sätze alle Verallgemeinerungen enthalten, so müssen in ihnen doch die Urbilder der Bestandteile ihrer Spezialfälle vorkommen. Also bleibt die Frage bestehen wie wir zu jenen kommen.

§Ms-102

87r[3] &
88r[1]

08.05.1915

Daß es keine Zeichen eines bestimmten Urbilds gibt zeigt nicht daß jenes Urbild nicht vorhanden ist. Die zeichensprachliche Abbildung geschieht nicht so daß ein Zeichen eines Urbilds einen Gegenstand desselben Urbilds vertritt. Das Zeichen und die interne Relation zum Bezeichneten bestimmen das Urbild dieses; wie Grundkoordinaten und Ordinaten die Punkte einer Figur bestimmen.

§Ms-102

88r[2]

09.05.1915

Eine Frage: Können wir ohne einfache Gegenstände in der Logik auskommen?

§Ms-102

88r[3] &
89r[1]

Offenbar sind Sätze möglich welche keine einfachen Zeichen enthalten d.h. keine Zeichen welche unmittelbar eine Bedeutung haben. Und diese sind wirklich Sätze die einen Sinn haben und die Definitionen ihrer Bestandteile brauchen auch nicht bei ihnen zu stehen.

§Ms-102

89r[2]

Es ist doch klar daß Bestandteile unserer Sätze durch Definitionen zerlegt werden können, und müssen, wenn wir uns der eigentlichen Struktur des Satzes nähern wollen. Jedenfalls gibt es also einen Prozeß der Analyse. Und kann nun nicht gefragt werden ob dieser Prozeß einmal zu einem Ende kommt? Und wenn, ja: Was wird das Ende sein??

§Ms-102

89r[3] &
90r[1]

Wenn es wahr ist daß jedes definierte Zeichen via seine Definitionen bezeichnet dann muß wohl die Kette der Definitionen einmal ein Ende haben.

§Ms-102

90r[2]

Der zerlegte Satz redet von mehr als der unzerlegte.

§Ms-102

90r[3]

Zerlegung macht den Satz komplizierter als er war aber kann & darf ihn nicht komplizierter machen als seine Bedeutung von Haus aus war.

§Ms-102

90r[4]

Wenn der Satz gerade so komplex ist wie seine Bedeutung, dann ist er ganz zerlegt.

§Ms-102

90r[5]

Die Bedeutung unserer Sätze aber ist nicht unendlich kompliziert.

§Ms-102

91r[1]

Der Satz ist das Bild der Tatsachen. Ich kann von einer Tatsache verschiedene Bilder entwerfen. (Dazu dienen mir die logischen Operationen.) Aber das für die Tatsache Charakteristische in diesen Bildern wird in allen dasselbe sein und von mir nicht abhängen.

§Ms-102

91r[2]

Mit der Zeichenklasse des Satzes „p” ist bereits die Klasse „~p” etc. etc. gegeben. Wie es auch sein muß.

§Ms-102

91r[3] &
92r[1]

Aber, setzt das nicht schon voraus daß uns die Klasse aller Sätze gegeben ist? Und wie kommen wir zu ihr?

§Ms-102

92r[2]

10.05.1915

11.05.1915 Ist die logische Summe zweier Tautologien eine Tautologie im ersten Sinne? Gibt es wirklich die Dualität: Tautologie – Kontradiktion?

§Ms-102

92r[3]

Unser Einfaches ist: das Einfachste was wir kennen. – Das Einfachste zu dem unsere Analyse vordringen kann – es braucht nur als Urbild, als Variable in unseren Sätzen zu erscheinen – dies ist das Einfache welches wir meinen und suchen.

§Ms-102

93r[1]

12.05.1915

Der allgemeine Begriff der Abbildung und der der Koordinaten.

§Ms-102

93r[2]

Angenommen der Ausdruck „~(∃x) x = x” wäre ein Satz nämlich etwa der: „Es gibt keine Dinge” dann müßte es sehr wundernehmen daß wir, um diesen Satz in Symbolen auszudrücken eine Relation ( = ) benützen müssen, von der in ihm eigentlich gar nicht die Rede ist.

§Ms-102

93r[3]

13.05.1915

Eine eigentümliche logische Manipulation, die Personifizierung der Zeit!

§Ms-102

93r[4] &
94r[1]

Nur nicht den Knoten zusammenziehen bevor man sicher ist daß man das rechte Ende erwischt hat.

§Ms-102

94r[2]

Dürfen wir einen Teil des Raumes als Ding betrachten.

Dies tun wir offenbar in gewissem Sinne immer, wo wir von den räumlichen Dingen reden.

§Ms-102

94r[3] &
95r[1]

Es scheint nämlich – zum mindesten soweit ich jetzt sehen kann – mit dem Wegschaffen von Namen durch Definitionen nicht getan zu sein: die komplexen räumlichen Gegenstände, zum Beispiel, scheinen mir in irgendeinem Sinn wesentlich Dinge zu sein – ich sehe sie, sozusagen, als Dinge – und ihre Bezeichnung vermittelst Namen scheint mehr zu sein als ein bloß sprachlicher Trick. Die räumlichen zusammengesetzten Gegenstände – z.B. – erscheinen – wie es scheint – wirklich als Dinge.

§Ms-102

95r[2]

Aber was bedeutet das alles?

§Ms-102

95r[3]

Schon daß wir so ganz instinktiv jene Gegenstände durch Namen bezeichnen. –

§Ms-102

95r[4]

14.05.1915

Die Sprache ist ein Teil unseres Organismus, und nicht weniger kompliziert als dieser.

§Ms-102

96r[2]

Das alte Problem von Komplex und Tatsache!

§Ms-102

96r[3] &
97r[1]

15.05.1915

Die Komplex-Theorie drückt sich in Sätzen aus wie dieser: „Wenn ein Satz wahr ist dann existiert etwas”; es scheint ein Unterschied zu sein zwischen der Tatsache welche der Satz ausdrückt: a steht in der Relation R zu b, und dem Komplex: a in der Relation R zu b welche eben dasjenige ist welches „existiert” wenn jener Satz wahr ist. Es scheint als könnten wir dieses Etwas bezeichnen, und zwar mit einem eigentlichen „zusammengesetzten Zeichen”. – Die Gefühle die sich in diesen Sätzen ausdrücken sind ganz natürlich und ungekünstelt; es muß ihnen also eine Wahrheit zu Grunde liegen. Aber welche?

§Ms-102

97r[3]

Soviel ist klar, daß ein Komplex nur durch seine Beschreibung gegeben sein kann; und diese stimmen oder nicht stimmen wird.

§Ms-102

97r[4]

Der Satz in welchem von einem Komplex die Rede ist, wird, wenn dieser nicht existiert, nicht unsinnig, sondern einfach falsch sein!

§Ms-102

97r[5] &
98r[1]

16.05.1915

Wenn ich den Raum sehe, sehe ich alle seine Punkte?

§Ms-102

98r[2]

Etwas „der Logik Widersprechendes” in der Sprache darstellen kann man ebensowenig, wie in der Geometrie eine den Gesetzen des Raumes widersprechende Figur durch ihre Koordinaten darzustellen, oder etwa die Koordinaten eines Punktes zu geben welcher nicht existiert.

§Ms-102

98r[3] &
99r[1]

Gäbe es Sätze welche die Existenz von Urbildern besagten dann wären diese unik und eine Art „logische Sätze” und die Anzahl dieser Sätze würde der Logik eine unmögliche Realität geben. Es gäbe Koordination in der Logik.

§Ms-102

99r[2]

17.05.1915

18.05.1915 Die Möglichkeit aller Gleichnisse, der ganzen Bildhaftigkeit unserer Ausdrucksweise, ruht in der Logik der Abbildung.

§Ms-102

99r[3] &
100r[1]

19.05.1915

Wir können sogar einen in Bewegung begriffenen Körper, und zwar mit seiner Bewegung zusammen als Ding auffassen. So bewegt sich, der um die Erde sich drehende Mond, um die Sonne. Hier scheint es nun klar daß in dieser Verdinglichung nichts als eine logische Manipulation vorliegt – deren Möglichkeit übrigens höchst bedeutungsvoll sein mag.

Oder betrachten wir Verdinglichungen wie: eine Melodie, ein gesprochener Satz. –

§Ms-102

100r[2]

Wenn ich sage „‚x’ hat Bedeutung” empfinde ich da: „es ist unmöglich daß „x” etwa dieses Messer oder diesen Brief bedeute”? Durchaus nicht. Im Gegenteil.

§Ms-102

100r[3]

20.05.1915

Ein Komplex ist eben ein Ding!

§Ms-102

100r[4] &
101r[1]

21.05.1915

Wohl können wir einen Tatbestand räumlich darstellen welcher den Gesetzen der Physik, aber keinen der den Gesetzen der Geometrie zuwiderliefe.

§Ms-102

101r[2]

22.05.1915

Die mathematische Notation der unendlichen Reihen wie 1+x1!+2!+ mit den Pünktchen ist ein Beispiel jener erweiterten Allgemeinheit. Ein Gesetz ist gegeben und die hingeschriebenen Glieder dienen als Illustration.

So könnte man statt (x) fx schreiben „f(x).f(y) ‥‥”.

§Ms-102

101r[3]

Räumliche & zeitliche Komplexe.

§Ms-102

101r[4]

23.05.1915

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

§Ms-102

101r[5] &
102r[1]

Es gibt wirklich nur eine Weltseele, welche ich vorzüglich meine Seele nenne, und als welche allein ich das erfasse, was ich die Seelen anderer nenne.

§Ms-102

102r[2]

Die vorige Bemerkung gibt den Schlüssel zur Entscheidung inwieweit der Solipsismus eine Wahrheit ist.

§Ms-102

102r[3]

Schon lange war es mir bewußt daß ich ein Buch schreiben könnte „Was für eine Welt ich vorfand.”.

§Ms-102

102r[4] &
103r[1]

Haben wir nicht eben das Gefühl von der einfachen Relation, welches uns immer als Hauptgrund für die Existenz der „einfachen Gegenstände” vorschwebt”, haben wir nicht dieses selbe Gefühl wenn wir an die Relation zwischen Namen & komplexem Gegenstand denken?

§Ms-102

103r[2]

Nehmen wir an der komplexe Gegenstand sei dies Buch. Es heiße „A”. Dann zeigt doch das Vorkommen des „A” im Satz das Vorkommen des Buches in der Tatsache an. Es löst sich eben auch bei der Analyse nicht willkürlich auf, so daß etwa seine Auflösung in jedem Satzgefüge eine gänzlich verschiedene wäre.

§Ms-102

103r[3] &
104r[1]

Und so wie das Vorkommen eines Ding-Namens in verschiedenen Sätzen so zeigt das Vorkommen des Namens zusammengesetzter Gegenstände die Gemeinsamkeit einer Form und eines Inhalts.

§Ms-102

104r[2]

Trotzdem scheint nun der unendlich komplexe Sachverhalt ein Unding zu sein!

§Ms-102

104r[3]

Aber auch das scheint sicher, daß wir die Existenz einfacher Gegenstände nicht aus der Existenz bestimmter einfacher Gegenstände schließen, sondern sie vielmehr als Endresultat einer Analyse– sozusagen durch die Beschreibung– durch einen zu ihnen führenden Prozeß, kennen.

§Ms-102

104r[4] &
105r[1]

Deswegen, weil eine Redewendung unsinnig ist, kann man sie noch immer gebrauchen – siehe die letzte Bemerkung.

§Ms-102

105r[2]

In dem Buch „Die Welt welche ich vorfand” wäre auch über meinen Leib zu berichten und zu sagen welche Glieder meinem Willen unterstehen etc. Dies ist nämlich eine Methode das Subjekt zu isolieren oder vielmehr zu zeigen daß es in einem wichtigen Sinne kein Subjekt gibt: Von ihm allein nämlich könnte in diesem Buche nicht die Rede sein. –

§Ms-102

105r[3] &
106r[1]

24.05.1915

Wenn wir auch die einfachen Gegenstände nicht aus der Anschauung kennen; die komplexen Gegenstände kennen wir aus der Anschauung, wir wissen aus der Anschauung daß sie komplex sind. – Und daß sie zuletzt aus einfachen Dingen bestehen müssen? Wir nehmen zum Beispiel aus unserem Gesichtsfeld einen Teil heraus, wir sehen daß er noch immer komplex ist, daß ein Teil von ihm noch immer komplex aber schon einfacher ist, u.s.w..–

§Ms-102

106r[2]

Ist es denkbar daß wir – z.B. – sehen, daß alle Punkte einer Fläche gelb sind, ohne irgend einen Punkt dieser Fläche zu sehen. Fast scheint es so.

§Ms-102

106r[3]

Der Entstehung der Probleme: die drückende Spannung die sich einmal in eine Frage zusammenballt, und sich objektiviert.

§Ms-102

107r[1]

Wie würden wir, z.B., eine gleichmäßig mit Blau bedeckte Fläche beschreiben?

§Ms-102

107r[2]

25.05.1915

Erscheint uns das Gesichtsbild eines minimum visibile wirklich als unteilbar? Was Ausdehnung hat ist teilbar. Gibt es Teile in unserem Gesichtsbild die keine Ausdehnung haben? Etwa die der Fixsterne? –

§Ms-102

107r[3] &
108r[1]

Der Trieb zum Mystischen kommt von der Unbefriedigtheit unserer Wünsche durch die Wissenschaft. Wir fühlen daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind unser Problem noch gar nicht berührt ist. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.

§Ms-102

108r[2]

Die Tautologie wird von jedem Satze bejaht; die Kontradiktion von jedem verneint. (Man könnte ja an jeden Satz, ohne seinen Sinn zu ändern irgend eine Tautologie mit „und” anhängen und ebenso die Verneinung einer Kontradiktion.)

Und „ohne seinen Sinn zu ändern” heißt: ohne das Wesentliche am Zeichen selbst zu ändern. Denn; man kann das Zeichen nicht ändern ohne seinen Sinn zu ändern.

§Ms-102

109r[1]

„aRa” muß Sinn haben wenn „aRb” Sinn hat.

§Ms-102

109r[2]

26.05.1915

Wie aber soll ich jetzt das allgemeine Wesen des Satzes erklären? Wir können wohl sagen: alles, was der Fall ist (oder nicht ist) kann durch einen Satz abgebildet werden. Aber hier haben wir den Ausdruck „der Fall sein”! Er ist ebenso problematisch.

§Ms-102

109r[3]

Das Gegenstück zum Satze bilden die Gegenstände.

§Ms-102

109r[4]

Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie.

§Ms-102

110r[1]

27.05.1915

Ich kann nur von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht.

§Ms-102

110r[2]

„Aber könnte es nicht etwas geben was durch einen Satz sich nicht ausdrücken läßt (und auch kein Gegenstand ist)?”. Das ließe sich eben dann durch die Sprache nicht ausdrücken; und wir können auch nicht darnach fragen.

§Ms-102

110r[3] &
111r[1]

Wie wenn es etwas außerhalb den Tatsachen gibt? Was unsere Sätze nicht auszudrücken vermögen? Aber da haben wir ja z.B. die Dinge, und wir fühlen gar kein Verlangen sie in Sätzen auszudrücken. Was sich nicht ausdrücken läßt das drücken wir nicht aus –. Und wie wollen wir fragen ob sich das ausdrücken läßt, was sich nicht ausdrücken läßt?

§Ms-102

111r[2]

Gibt es keinen Bereich außerhalb den Tatsachen?

§Ms-102

111r[3]

28.05.1915

„Zusammengesetztes Zeichen” und „Satz” sind gleichbedeutend.

§Ms-102

111r[4]

Ist es eine Tautologie zu sagen: die Sprache besteht aus Sätzen? Es scheint, ja.

§Ms-102

111r[5] &
112r[1]

29.05.1915

Aber ist die Sprache, die einzige Sprache? Warum soll es nicht eine Ausdrucksweise geben mit der ich über die Sprache reden kann, so daß diese mir in Koordination mit etwas Anderem erscheinen kann?

§Ms-102

112r[2]

Nehmen wir an die Musik wäre eine solche Ausdrucksweise: Dann ist jedenfalls charakteristisch für die Wissenschaft, daß in ihr keine musikalischen Themen vorkommen.

§Ms-102

112r[3]

Ich selbst schreibe hier nur Sätze hin. Und warum?

§Ms-102

112r[4]

Wie ist die Sprache unik?

§Ms-102

112r[5] &
113r[1]

30.05.1915

Die Worte sind wie die Haut auf einem tiefen Wasser.

Es ist klar daß es auf dasselbe hinauskommt zu fragen, was ist ein Satz, wie zu fragen was ist eine Tatsache – oder ein Komplex.

§Ms-102

113r[2]

Und warum soll man nicht sagen: „Es gibt Komplexe; man kann sie mit Namen benennen oder durch Sätze abbilden”?

§Ms-102

113r[3]

Der Name eines Komplexes fungiert im Satz wie der Name eines Gegenstandes welchen ich nur durch eine Beschreibung kenne. – Als Beschreibung fungiert der ihn abbildende Satz.

§Ms-102

114r[1]

Aber wenn es nun einfache Gegenstände gibt, ist es richtig ihre Zeichen und jene anderen „Namen” zu nennen?

§Ms-102

114r[2]

Oder ist Name sozusagen ein logischer Begriff?

„Er kennzeichnet die Gemeinsamkeit einer Form und eines Inhalts”. –

Je nach der Verschiedenheit der Struktur des Komplexes bezeichnet sein Name in anderer Art & Weise und unterliegt anderen syntaktischen Gesetzen.

§Ms-102

114r[3] &
115r[1]

Der Fehler in dieser Auffassung muß darin liegen, daß sie einerseits komplexe und einfache Gegenstände einander entgegenstellt andererseits aber sie als verwandt behandelt. Und doch: Bestandteile und Komplex scheinen einander verwandt, und entgegengesetzt zu sein! (Wie der Plan einer Stadt und die Karte eines Landes die vor uns in gleicher Größe, und verschiedenen Maßstäben liegen.)

§Ms-102

115r[2] &
116r[1]

Woher dies Gefühl!: „Allem was ich sehe, dieser Landschaft, dem Fliegen der Samen in der Luft, all diesem kann ich einen Namen zuordnen; ja, was, wenn nicht dieses, sollten mir Namen benennen”?

§Ms-102

116r[2]

Namen kennzeichnen die Gemeinsamkeit einer Form und eines Inhalts. – Sie kennzeichnen erst mit ihrer syntaktischen Verwendung zusammen eine bestimmte logische Form.

§Ms-102

116r[3]

31.05.1915

Mit der Weltbeschreibung durch Namen kann man nicht mehr leisten als mit der allgemeinen Weltbeschreibung!!!

§Ms-102

116r[4]

Könnte man also ohne Namen auskommen?? Doch wohl nicht.

§Ms-102

117r[1]

Die Namen sind notwendig zu einer Aussage, daß dieses Ding jene Eigenschaft besitzt u.s.f.. Sie verknüpfen die Satzform mit ganz bestimmten Gegenständen. Und wenn die allgemeine Weltbeschreibung wie eine Schablone der Welt ist, so nageln sie die Namen so an die Welt daß sie sich überall mit ihr deckt.

§Ms-102

117r[2]

01.06.1915

Das große Problem um welches sich alles dreht, was ich schreibe, ist: Ist, a priori, eine Ordnung in der Welt, und wenn, ja, worin besteht sie?

§Ms-102

117r[3] &
118r[1]

Du siehst in die Nebelwolke und kannst dir daher einreden das Ziel sei schon nahe.

Aber der Nebel zerrinnt und das Ziel ist noch nicht in Sicht!

§Ms-102

118r[2]

02.06.1915

Ich sagte: „Eine Tautologie wird von jedem Satze bejaht”; damit ist aber noch nicht gesagt, warum sie kein Satz ist. Ist denn damit schon gesagt warum ein Satz nicht von p und von ~p bejaht werden kann?!

§Ms-102

118r[3]

Meine Theorie bringt nämlich eigentlich nicht heraus daß der Satz zwei Pole haben muß.

§Ms-102

119r[1]

Ich müßte nämlich jetzt in der Redeweise dieser Theorie einen Ausdruck dafür finden, wieviel ein Satz sagt. Und es müßte sich dann eben ergeben daß Tautologien nichts sagen.

§Ms-102

119r[2]

Aber wie ist dies Maß Vielsagendheit zu finden?

§Ms-102

119r[3]

Es ist jedenfalls vorhanden; und unsere Theorie muß es zum Ausdruck bringen können.

§Ms-102

119r[4]

03.06.1915

Man könnte wohl sagen: Der Satz sagt am meisten, aus welchem am meisten folgt.

§Ms-102

119r[5] &
120r[1]

Könnte man sagen: „aus welchem die meisten, von einander unabhängigen, Sätze folgen”?

§Ms-102

120r[2]

Aber geht es nicht so?: Wenn p aus q folgt, aber nicht q aus p, dann sagt q mehr als p. Nun aber folgt aus einer Tautologie gar nichts. – Sie aber folgt aus jedem Satz. Analoges gilt von ihrem Gegenteil.

§Ms-102

120r[3] &
121r[1]

Aber wie! Wäre da die Kontradiktion nicht der vielsagendste Satz? Aus „p․~p” folgt ja nicht nur „p” sondern auch „~p”! Aus ihnen folgt jeder Satz und sie folgen aus keinem!? Aber ich kann doch aus einer Kontradiktion nichts schließen, eben weil sie eine Kontradiktion ist! Aber wenn die Kontradiktion die Klasse aller Sätze ist, so wird die Tautologie das Gemeinsame aller Klassen von Sätzen welche nichts Gemeinsames haben, und verschwindet gänzlich. „p⌵~p” wäre also nur scheinbar ein Zeichen. In Wirklichkeit aber die Auflösung des Satzes.

§Ms-102

121r[2] &
122r[1]

Die Tautologie verschwindet sozusagen innerhalb allen Sätzen die Kontradiktion außerhalb allen Sätzen.

§Ms-102

122r[2]

– Bei diesen Betrachtungen scheine ich übrigens immer unbewußt vom Elementarsatz auszugehen. –

§Ms-102

122r[3]

Die Kontradiktion ist die äußere Grenze der Sätze; kein Satz bejaht sie. Die Tautologie ist ihr substanzloser Mittelpunkt. (Man kann den Mittelpunkt einer Kreisfläche als deren innere Begrenzung auffassen.)

§Ms-102

122r[4]

(Das erlösende Wort ist übrigens hier noch nicht gesprochen.)

§Ms-102

122r[5] &
123r[1]

Es ist hier nämlich sehr leicht die logische Addition und das logische Produkt miteinander zu verwechseln.

§Ms-102

123r[2]

Wir kommen nämlich zu dem scheinbar merkwürdigen Resultat, daß zwei Sätze etwas gemeinsam haben müssen um von einem Satz bejaht werden zu können.

§Ms-102

123r[3]

(Die Gehörigkeit zu einer Klasse ist aber auch etwas, was Sätze gemeinsam haben können!)

§Ms-102

123r[4]

(Hier liegt noch eine entschiedene und entscheidende Unklarheit in meiner Theorie. Daher ein gewisses Gefühl der Unbefriedigung!)

§Ms-102

123r[5] &
124r[1]

04.06.1915

„p.q” hat nur dann Sinn wenn „p⌵q” Sinn hat.

§Ms-102

124r[2]

05.06.1915

„p.q” bejaht „p” und „q”. Das heißt aber doch nicht daß „p.q” der gemeinsame Bestandteil von „p” und „q” ist sondern im Gegenteil daß sowohl „p” als auch „q” in „p.q” enthalten sind.

§Ms-102

124r[3]

In diesem Sinne hätten p und ~p sogar etwas gemein zum Beispiel Sätze wie ~p⌵q und p⌵q. Das heißt: es gibt allerdings Sätze welche sowohl von „p” als auch von „~p” bejaht werden – z.B. die obigen –; es gibt aber keine die sowohl p als auch ~p bejahen.

§Ms-102

124r[4] &
125r[1]

Damit ein Satz wahr sein kann muß er auch falsch sein können.

§Ms-102

125r[2]

Warum sagt die Tautologie nichts? Weil in ihr von vornherein jede Möglichkeit zugegeben wird; weil ‥‥․

§Ms-102

125r[3]

Es muß sich im Satz selbst zeigen daß er etwas sagt und an der Tautologie daß sie nichts sagt.

§Ms-102

125r[4]

p.~ p ist dasjenige – etwa das Nichts – welches p und ~p gemeinsam haben.

§Ms-102

125r[5] &
126r[1]

In dem eigentlichen Zeichen für p liegt wirklich schon das Zeichen „p⌵q”. (Denn es ist dann möglich dieses Zeichen ohne Weiteres zu bilden.)

§Ms-102

126r[2]

06.06.1915

(Diese Theorie behandelt die Sätze exklusiv, sozusagen als eine eigene Welt und nicht in Verbindung mit dem was sie darstellen.)

§Ms-102

126r[3]

Die Verbindung der Bild-Theorie mit der Klassen-Theorie wird erst später ganz einleuchtend werden.

§Ms-102

126r[4]

Man kann von einer Tautologie nicht sagen daß sie wahr ist, denn sie ist wahr gemacht.

§Ms-102

126r[5] &
127r[1]

Sie ist kein Bild der Wirklichkeit insofern als sie nichts darstellt. Sie ist das, was alle Bilder – einander widersprechende – gemeinsam haben.

§Ms-102

127r[2]

In der Klassen-Theorie ist noch nicht ersichtlich warum der Satz seinen Gegensatz bedarf. Warum er ein von dem übrigen Teil des logischen Raumes abgetrennter Teil ist.

§Ms-102

127r[3]

Der Satz sagt, es ist: so, und nicht: so. Er stellt eine Möglichkeit dar und bildet doch schon ersichtlich den Teil eines Ganzen – dessen Züge er trägt – und von welchem er sich abhebt.

§Ms-102

127r[4] &
128r[1]

– p․⌵․q․⌵․~p ist auch ein Tautologie. – Es gibt wohl Sätze die sowohl p als auch ~p zulassen aber keinen den sowohl p als auch ~p bejaht.

§Ms-102

128r[2]

~pp~p~qq~q~rr~r~ss~s Die Möglichkeit von „p⌵q” wenn „p” gegeben ist, ist eine Möglichkeit nach einer anderen Dimension als die Unmöglichkeit von „~p”.

§Ms-102

128r[3]

„p⌵~p” ist ein ganz spezieller Fall von „p⌵q”.

§Ms-102

128r[4]

„p” hat nichts mit „~p⌵q” gemein.

§Ms-102

128r[5]

Dadurch daß ich an „p” das „~” hänge, tritt der Satz in eine andere Satzklasse.

§Ms-102

129r[1]

Jeder Satz hat nur ein Negativ; ‥‥ Es gibt nur einen Satz der ganz außerhalb von „p” liegt.

§Ms-102

129r[2]

Man könnte auch so sagen: Der Satz welcher p und ~p bejaht, wird von allen Sätzen verneint; der Satz welcher p oder ~p bejaht wird von allen Sätzen bejaht.

§Ms-102

129r[3]

Mein Fehler muß darin liegen daß ich dasjenige was aus dem Wesen der Verneinung u.a. folgt zu ihrer Definition gebrauchen will. – Die Gemeinsamkeit der Grenze von „p” & „~p” kommt in der von mir versuchten Erklärung der Verneinung gar nicht vor.

§Ms-102

130r[1]

07.06.1915

Wenn man z.B. sagen könnte: alle Sätze die p nicht bejahen, bejahen ~p so hätte man damit eine genügende Beschreibung. – Aber so geht es nicht.

§Ms-102

130r[2]

Kann man aber nicht sagen „~p” ist dasjenige was nur solche Sätze gemeinsam haben welche „p” nicht bejahen? – Und hieraus folgt ja schon die Unmöglichkeit von „p․~p”. (All dies setzt natürlich schon die Existenz der gesamten Satzwelt voraus, mit Recht?)

§Ms-102

130r[3] &
131r[1]

Es genügt nicht darauf hinzuweisen daß ~p außerhalb p liegt! Nur dann wird man alle Eigenschaften von „~p” ableiten können wenn „~p” wesentlich als das Negativ von p eingeführt wird!! Aber wie das tun!?? –

§Ms-102

131r[2]

Oder verhält es sich so, daß wir den Satz ~p überhaupt nicht „einführen” können, sondern, er tritt uns als vollendete Tatsache entgegen und wir können nur auf seine einzelnen formellen Eigenschaften hinweisen, wie z.B. daß er nichts mit p gemeinsam hat, daß kein Satz ihn und p enthält etc. etc..?

§Ms-102

131r[3] &
132r[1]

08.06.1915

Jeder „mathematische Satz” ist ein in Zeichen dargestellter Modus ponens. (Und es ist klar, daß man den Modus ponens nicht in einem Satz ausdrücken kann.)

§Ms-102

132r[2]

Die Gemeinsamkeit der Grenze von p und ~p drückt sich dadurch aus, daß das Negativ eines Satzes nur mit Hilfe eben dieses bestimmt wird. Wir sagen ja eben: das Negativ eines Satzes ist der Satz welcher ‥‥․ und nun folgt die Beziehung von ~p zu p. –

§Ms-102

132r[3]

09.06.1915

Man könnte natürlich einfach so sagen: Die Verneinung von p ist der Satz welcher keinen Satz mit p gemeinsam hat.

§Ms-102

133r[1]

Der Ausdruck „tertium non datur” ist eigentlich ein Unsinn. (Von einem Dritten ist eben in p⌵~p nicht die Rede!)

§Ms-102

133r[2]

Sollten wir das nicht auf unsere Erklärung des Negatives eines Satzes anwenden können?

§Ms-102

133r[3]

Können wir nicht sagen: Unter allen Sätzen welche nur von p abhängig sind, gibt es nur solche, welche p bejahen und solche, welche es verneinen.

§Ms-102

133r[4] &
134r[1]

Ich kann also sagen das Negativ von p ist die Klasse aller Sätze welche nur von „p” abhängig sind und “p” nicht bejahen.

§Ms-102

134r[2]

10.06.1915

“p ∙ q⌵~q” ist von „q” nicht abhängig!!

§Ms-102

134r[3]

Ganze Sätze, verschwinden!

§Ms-102

134r[4]

Schon das, daß „p ∙ q⌵~q” von „q” unabhängig ist obwohl es das Schriftzeichen „q” offenbar enthält, zeigt uns wie Zeichen von der Form η⌵~η scheinbar, aber doch nur scheinbar existieren können.

§Ms-102

134r[5]

Dies kommt natürlich daher, daß diese Zusammenstellung „p⌵~p” zwar äußerlich möglich ist, aber nicht den Bedingungen genügt unter welchen ein solcher Komplex etwas sagt also ein Satz ist.

§Ms-102

135r[1]

„p ∙ q⌵~q” sagt dasselbe wie „p ∙ r⌵~r” – was immer q und r besagen mag –: Alle Tautologien besagen dasselbe. (Nämlich nichts.)

§Ms-102

135r[2]

Aus der letzten Erklärung der Verneinung folgt daß alle von p allein abhängigen Sätze welche p nicht bejahen – und nur solche –, p verneinen. Also sind „p ∙ ~p” und „p⌵~p” keine Sätze, denn, das erste Zeichen bejaht weder noch verneint es p und das zweite müßte beide bejahen.

§Ms-102

135r[3] &
136r[1]

Da ich nun aber doch p⌵~p und p․~p hinschreiben kann, zumal in Verbindung mit anderen Sätzen so muß klar gestellt werden welche Rolle diese Scheinsätze nun, besonders in jenen Verbindungen, spielen. Denn sie sind natürlich nicht als ein völlig bedeutungsloses Anhängsel – wie etwa ein bedeutungsloser Name – zu behandeln. Sie gehören vielmehr mit in den Symbolismus – wie die „0” in der Arithmetik.

§Ms-102

136r[2]

– Da ist es klar, daß p⌵~p die Rolle eines wahren Satzes spielt, der aber Zero sagt.

§Ms-102

136r[3]

Wir sind also wieder bei der Quantität des Sagens:

§Ms-102

137r[1]

11.06.1915

Aus allen Sätzen folgt das Gegenteil von „p․~p”, heißt das soviel daß „p․~p” nichts sagt? – Nach meiner früheren Regel müßte die Kontradiktion ja mehr sagen als alle anderen Sätze.

§Ms-102

137r[2]
CKontradicktion Tautologie Satz

§Ms-102

137r[3]

Wenn ein vielsagender Satz auch falsch ist, so sollte eben das interessant sein, daß er falsch ist. Es ist befremdend daß das Negativ eines vielsagenden Satzes gänzlich nichtssagend sein soll.

§Ms-102

137r[4] &
138r[1]

Wir sagten: Wenn p aus q folgt aber nicht q aus p so sagt q mehr als p; wenn nun aber aus p folgt daß q falsch ist nicht aber aus q daß p falsch ist, was dann? Aus p folgt ~q; aus q nicht ~p. —?

§Ms-102

138r[2]

12.06.1915

Man könnte eigentlich bei jedem Satz fragen: Was hat es zu bedeuten, wenn er wahr ist, was hat es zu bedeuten wenn er falsch ist. Nun ist p․~p seiner Annahme nach immer nur falsch, und dies hat also nichts zu bedeuten; und wieviel es bedeutet wenn er wahr ist kann man ja gar nicht fragen.

§Ms-102

138r[3] &
139r[1]

13.06.1915

Wenn „p․~p” wahr sein könnte, so würde es allerdings sehr viel besagen. Aber die Annahme daß es wahr ist kommt eben bei ihm nicht in Betracht da es seiner Annahme nach immer falsch ist.

§Ms-102

139r[2]

Eigentümlich: Die Wörter „Wahr” und „Falsch” beziehen sich auf die Beziehung des Satzes zur Welt; daß diese Wörter in ihm selbst zur Darstellung verwendet werden können!

§Ms-102

139r[3] &
140r[1]

Wir sagten: Wenn ein Satz nur von p abhängig ist und wenn er „p” bejaht dann verneint er es nicht, und umgekehrt.: Ist dies das Bild jener gegenseitigen Ausschließung von p und ~p? Der Tatsache, daß ~p das ist, was außerhalb p liegt?

§Ms-102

140r[2]

Es scheint doch so! Der Satz „~p” ist in demselben Sinne das was außerhalb „p” liegt. – (Vergiß auch nicht daß das Bild sehr komplizierte Koordinaten zur Welt haben kann.)

§Ms-102

140r[3]

Man könnte übrigens einfach sagen: „p․~p” sagt im eigentlichen Sinne des Wortes nichts. Weil im vornherein keine Möglichkeit gelassen ist die er richtig darstellen kann.

§Ms-102

140r[4] &
141r[1]

Wenn, beiläufig gesprochen, „p folgt aus q” heißt, wenn p wahr ist so muß q wahr sein dann kann man überhaupt nicht sagen daß irgend etwas aus „p․~p” folgt, da es die Hypothese daß „p․~p” wahr sei nicht gibt!!

§Ms-102

141r[2]

14.06.1915

Wir sind uns also darüber klar geworden daß Namen für die verschiedensten Formen stehen, und stehen dürfen, und daß nun erst die syntaktische Anwendung die darzustellende Form charakterisiert.

Was ist nun die syntaktische Anwendung von Namen einfacher Gegenstände?

§Ms-102

141r[3] &
142r[1] &
143r[1]

Was ist mein Grundgedanke wenn ich von den einfachen Gegenständen rede: Genügen nicht am Ende die „zusammengesetzten Gegenstände” gerade den Anforderungen, die ich scheinbar an jene stelle? Gebe ich diesem Buch einen Namen „N” und rede nun von N, ist nicht das Verhältnis von N zu jenem „zusammengesetzten Gegenstand”, zu jenen Formen und Inhalten wesentlich dasselbe welches ich mir zwischen Namen und einfachem Gegenstand dachte?

Denn wohlgemerkt: wenn auch der Name „N” bei weiterer Analyse verschwindet so deutet er doch ein Gemeinsames an.

§Ms-102

143r[2]

Wie steht es aber mit der Bedeutung der Namen außerhalb des Satzzusammenhanges?

§Ms-102

143r[3] &
144r[1]

Man könnte aber die Frage auch so vorbringen: Es scheint daß die Idee des Einfachen in der des Komplexen und in der Idee der Analyse bereits enthalten liegt, so zwar daß, wir ganz absehend von irgendwelchen Beispielen einfacher Gegenstände, oder von Sätzen in welchen von solchen die Rede ist; zu dieser Idee kommen und die Existenz der einfachen Gegenstände als eine logische Notwendigkeit – a priori – einsehen.

Es hat also den Anschein, daß sich die Existenz der einfachen Gegenstände zu der der komplexen so verhält wie der Sinn von ~p zum Sinn von p: Der einfache Gegenstand sei im komplexen präjudiziert.

§Ms-102

144r[2]

15.06.1915

(Dies ist ja nicht zu verwechseln mit der Tatsache, daß der Bestandteil im Komplex präjudiziert ist.)

§Ms-102

144r[3]

(Eine der schwersten Aufgaben des Philosophen ist es zu finden wo ihn der Schuh drückt.)

§Ms-102

145r[1]

Ich empfinde die Möglichkeit dieser Uhr wie sie vor mir liegt einen Namen einfach zuzuordnen. Ich empfinde daß dieser Name auch außerhalb eines Satzes seine Bedeutung haben wird insoweit ich dies überhaupt je empfinde. Und ich empfinde daß jener Name in einem Satze allen Anforderungen an den Namen des einfachen Gegenstandes entsprechen wird.

§Ms-102

146r[2]

16.06.1915

Wir wollen jetzt einmal sehen, ob diese Uhr tatsächlich allen Bedingungen entspricht um ein „einfacher Gegenstand” zu sein. –

§Ms-102

146r[3]

Die Frage ist eigentlich die: Muß ich, um die syntaktische Behandlungsweise eines Namens zu kennen, die Zusammensetzung seiner Bedeutung kennen?, wenn ja so drückt sich die ganze Zusammensetzung auch schon im unanalysierten Satze aus. ‥‥․ –

§Ms-102

147r[1]

(Man versucht oft, zu große Gedankenklüfte zu überspringen und fällt dann mitten hinein.)

§Ms-102

147r[2]

Das was uns a priori gegeben scheint ist der Begriff: Dieses. – Identisch mit dem Begriff des Gegenstands.

§Ms-102

147r[3]

Auch Relation und Eigenschaften etc. sind Gegenstände.

§Ms-102

147r[4] &
148r[1] &
149r[1]

Meine Schwierigkeit besteht doch darin: In allen mir vorkommenden Sätzen kommen Namen vor welche aber bei weiterer Analyse wieder verschwinden müssen. Ich weiß daß eine solche weitere Analyse möglich ist bin aber nicht im Stande sie vollständig durchzuführen. Trotzdem nun weiß ich allem Anscheine nach daß wenn die Analyse vollständig durchgeführt wäre, ihr Resultat ein Satz sein müßte der wieder Namen Relationen etc. enthielte. Kurz es scheint als wüßte ich auf diese Weise nur eine Form von welcher ich kein einziges Beispiel kenne. Ich sehe: die Analyse kann weitergeführt werden und kann mir nun sozusagen nicht vorstellen, daß sie zu etwas Anderem führt als zu den mir bekannten Satzgattungen.

§Ms-102

149r[2]

Wenn ich sage diese Uhr ist glänzend und das was ich mit „diese Uhr” meine ändert seine Zusammensetzung im geringsten so ändert sich damit nicht nur der Sinn des Satzes dem Inhalt nach sondern die Aussage über diese Uhr ändert sofort auch ihren Sinn. Die ganze Form des Satzes ändert sich.

§Ms-102

149r[3] &
150r[1]

Das heißt die syntaktische Verwendung der Namen charakterisiert vollständig die Form der zusammengesetzten Gegenstände welche sie bezeichnen.

§Ms-102

150r[2]

Jeder Satz der einen Sinn hat hat einen kompletten Sinn, und er ist ein Bild der Wirklichkeit so daß, was in ihm noch nicht gesagt ist einfach nicht zu seinem Sinn gehören kann. Wenn der Satz „diese Uhr glänzt” einen Sinn hat so muß es erklärbar sein, wie dieser Satz diesen Sinn hat.

§Ms-102

150r[3] &
151r[1]

– Wenn ein Satz uns etwas sagt so muß er wie er da steht ein Bild der Wirklichkeit sein und zwar ein vollständiges – Es wird natürlich auch etwas geben was er nicht sagt – aber was er sagt sagt er vollständig und es muß sich scharf begrenzen lassen.

§Ms-102

151r[2]

Ein Satz mag also zwar ein unvollständiges Bild einer gewissen Tatsache sein, aber er ist immer ein vollständiges Bild.

§Ms-102

151r[3] &
152r[1]

Daraus schiene es nun als ob in gewissem Sinne alle Namen echte Namen wären. Oder wie ich auch sagen könnte als ob alle Gegenstände in gewissem Sinne einfache Gegenstände wären.

§Ms-102

152r[2]

17.06.1915

Nehmen wir an jeder räumliche Gegenstand bestehe aus unendlich vielen Punkten, dann ist es klar daß ich diese nicht alle namentlich anführen kann wenn ich von jenem Gegenstand spreche. Hier wäre also ein Fall wo ich zur vollständigen Analyse im alten Sinne gar nicht kommen kann; und vielleicht ist gerade dieser der gewöhnliche Fall.

§Ms-102

152r[3] &
153r[1]

Das ist doch klar daß die Sätze die die Menschheit ausschließlich benützt daß diese so wie sie stehen einen Sinn haben werden und nicht erst auf eine zukünftige Analyse warten um einen Sinn zu erhalten.

§Ms-102

153r[2] &
154r[1]

Nun scheint es aber doch eine legitime Frage: sind – z.B. – räumliche Gegenstände aus einfachen Teilen zusammengesetzt, kommt man bei ihrer Zerlegung auf Teile die nicht mehr zerlegbar sind, oder ist dies nicht der Fall? – Was für eine Art Frage ist aber dies? – Ist es, a priori, klar daß wir bei der Zerlegung auf einfache Bestandteile kommen müssen – liegt dies etwa schon im Begriff der Zerlegung –, oder ist eine Zerlegbarkeit ad infinitum möglich? – Oder am Ende gar ein Drittes?

§Ms-102

154r[2]

Jene Frage ist eine logische und die Zusammengesetztheit der räumlichen Gegenstände ist eine logische denn zu sagen, daß ein Ding ein Teil eines anderen sei ist immer eine Tautologie.

§Ms-102

154r[3]

Wie aber, wenn ich etwa sagen wollte daß ein Bestandteil einer Tatsache eine bestimmte Eigenschaft habe? Dann müßte ich sie namentlich anführen und eine logische Summe verwenden.

§Ms-102

154r[4] &
155r[1]

Gegen eine unendliche Zerlegbarkeit scheint auch nichts zu sprechen.

§Ms-102

155r[2]

Und immer wieder drängt es sich uns auf daß es etwas einfaches Unzerlegbares gibt, ein Element des Seins kurz ein Ding.

§Ms-102

155r[3] &
156r[1]

Es geht zwar nicht gegen unser Gefühl daß wir Sätze nicht soweit zerlegen können um die Elemente namentlich anzuführen aber wir fühlen daß die Welt aus Elementen bestehen muß. Und es scheint als sei das identisch mit dem Satz die Welt müsse eben sein was sie ist, sie müsse bestimmt sein. Oder mit anderen Worten was schwankt sind unsere Bestimmungen nicht die Welt. Es scheint als hieße die Dinge leugnen soviel als zu sagen: Die Welt könne sozusagen unbestimmt sein in dem Sinne etwa in welchem unser Wissen unsicher und unbestimmt ist.

§Ms-102

156r[2]

Die Welt hat eine feste Struktur.

§Ms-102

156r[3]

Ob nicht die Darstellung durch unzerlegbare Namen nur ein System ist?

§Ms-102

156r[4] &
157r[1] &
158r[1] &
159r[1] &
160r[1]

Alles was ich will ist ja nur vollständige Zerlegtheit meines Sinnes!! Mit anderen Worten der Satz muß vollkommen artikuliert sein. Alles was sein Sinn mit einem anderen Sinn gemeinsam hat muß im Satz separat enthalten sein. Kommen Verallgemeinerungen vor so müssen die Formen der besonderen Fälle ersichtlich sein. – Und es ist klar daß diese Forderung berechtigt ist sonst kann der Satz überhaupt kein Bild von irgend etwas sein. Denn wenn im Satze Möglichkeiten offen gelassen werden so muß eben das bestimmt sein: was offen gelassen wird. Die Verallgemeinerungen der Form – z.B. – müssen bestimmt sein. Was ich nicht weiß das weiß ich nicht, aber der Satz muß mir zeigen was ich weiß. Und ist dann nicht dies Bestimmte zu dem ich kommen muß gerade einfach in dem Sinn der mir immer vorgeschwebt hat? Es ist sozusagen das Harte. „Zusammengesetzte Gegenstände gibt es nicht” heißt dann also für uns: Im Satz muß klar sein wie der Gegenstand zusammengesetzt ist soweit wir überhaupt von seiner Zusammengesetztheit reden können. – Der Sinn des Satzes muß im Satze in seine einfachen Bestandteile zerlegt erscheinen –. Und diese Teile sind dann wirklich unzerlegbar, denn weiter zerlegte wären eben nicht diese. Mit anderen Worten der Satz läßt sich eben dann nicht mehr durch einen ersetzen welcher mehr Bestandteile hat sondern jeder der mehr Bestandteile hat hat auch nicht diesen Sinn. Immer wenn der Sinn des Satzes vollkommen in ihm selbst ausgedrückt ist, ist der Satz in seine einfachen Bestandteile zerlegt – eine weitere Zerlegung ist unmöglich und eine scheinbare überflüssig – und diese sind Gegenstände im ursprünglichen Sinne.

§Ms-102

160r[2]

18.06.1915

Ist die Zusammengesetztheit eines Gegenstandes für den Sinn eines Satzes bestimmend, dann muß sie soweit im Satze abgebildet sein als sie seinen Sinn bestimmt. Und soweit die Zusammensetzung für diesen Sinn nicht bestimmend ist, soweit sind die Gegenstände dieses Satzes einfach. Sie können nicht weiter zerlegt werden. –

§Ms-102

161r[1]

Die Forderung der einfachen Dinge ist die Forderung der Bestimmtheit des Sinnes.

§Ms-102

161r[2]

– Denn, rede ich etwa von dieser Uhr und meine damit etwas Komplexes und es kommt auf die Zusammensetzung nicht an so wird im Satz eine Verallgemeinerung auftreten und ihre Grundformen werden, soweit sie überhaupt gegeben sind, vollkommen bestimmt sein.

§Ms-102

161r[3]

Wenn es einen endlichen Sinn gibt und einen Satz der diesen vollständig ausdrückt dann gibt es auch Namen für einfache Gegenstände.

§Ms-102

162r[1]

(Das ist die richtige Designation.)

§Ms-102

162r[2] &
163r[1]

Wenn nun aber ein einfacher Name einen unendlichen komplexen Gegenstand bezeichnet? Wir sagen zum Beispiel etwas von einem Fleck unseres Gesichtsbilds aus etwa daß er rechts von einer Linie liege und wir nehmen an daß jeder Fleck unseres Gesichtsbilds unendlich komplex ist. Sagen wir dann von einem Punkt in jenem Fleck daß er rechts von der Linie liege dann folgt dieser Satz aus dem früheren und wenn unendlich viele Punkte in dem Flecken liegen dann folgen unendlich viele Sätze verschiedenen Inhalts logisch aus jenem ersten! Und dies zeigt schon daß er tatsächlich selbst unendlich komplex war. Nämlich nicht das Satzzeichen allein wohl aber mit seiner syntaktischen Verwendung.

§Ms-102

163r[2] &
164r[1]

Nun ist es aber natürlich sehr leicht möglich daß in Wirklichkeit nicht unendlich viele verschiedene Sätze aus einem solchen Satz folgen weil unser Gesichtsbild vielleicht – oder wahrscheinlich – nicht aus unendlichen vielen Teilen besteht – sondern jener kontinuierliche Gesichtsraum erst eine nachträgliche Konstruktion ist –; und dann folgt eben nur eine endliche Zahl Sätze aus dem bewußten und er selbst ist in jedem Sinne endlich.

§Ms-102

164r[2]

Aber beeinträchtigt nun diese mögliche unendliche Zusammengesetztheit des Sinnes, dessen Bestimmtheit?

§Ms-102

164r[3] &
165r[1]

Man könnte die Bestimmtheit auch so fordern!: Wenn ein Satz Sinn haben soll so muß vorerst die syntaktische Verwendung jedes seiner Teile festgelegt sein. – Man kann z.B. nicht erst nachträglich draufkommen daß ein Satz aus ihm folgt. Sondern z.B. welche Sätze aus einem Satz folgen muß vollkommen feststehen ehe dieser Satz einen Sinn haben kann!

§Ms-102

165r[2] &
166r[1]

Es scheint mir durchaus möglich daß Flächen in unserem Gesichtsbild einfache Gegenstände sind indem wir nämlich keinen einzigen Punkt dieser Fläche separat wahrnehmen, Gesichtsbilder von Sternen scheinen es sogar sicher zu sein. Wenn ich nämlich z.B. sage diese Uhr liegt nicht in der Lade so braucht daraus durchaus nicht logisch folgen daß ein Rad welches in der Uhr ist nicht in der Lade liegt denn ich wußte vielleicht gar nicht daß das Rad in der Uhr war habe daher auch nicht mit „diese Uhr” einen Komplex meinen können in welchem das Rad vorkommt. Und es ist gewiß daß ich – beiläufig gesprochen – nicht alle Teile meines theoretischen Gesichtsbildes sehe. Wer weiß ob ich unendlich viele Punkte sehe!

§Ms-102

168r[1]

Nicht: ein Satz folgt aus einem anderen, sondern die Wahrheit des einen folgt aus der Wahrheit des anderen. (Darum folgt aus „Alle Menschen sind sterblich”, „Wenn Sokrates ein Mensch ist, so ist er sterblich.”)

§Ms-102

168r[2]

Es kann aber wohl ein Satz von unendlich vielen Punkten handeln ohne in einem gewissen Sinne unendlich komplex zu sein.

§Ms-102

168r[3]

19.06.1915

Wenn wir sehen daß unser Gesichtsbild komplex ist so sehen wir aber auch daß es aus einfacheren Teilen besteht.

§Ms-102

168r[4] &
169r[1]

Wir können, ohne eine bestimmte Anwendung im Auge zu haben, von Funktionen der und jener Art reden.

§Ms-102

169r[2]

Es schwebt uns nämlich kein Beispiel vor wenn wir Fx und alle anderen variablen Formzeichen benutzen.

§Ms-102

169r[3]

Kurz: Wenn wir die Urbilder nur bei Namen anwenden würden so wäre die Möglichkeit daß wir die Existenz der Urbilder aus der Existenz ihrer einzelnen Fälle erkennen würden. Nun aber wenden wir Variable an das heißt wir reden sozusagen von den Urbildern allein ganz abgesehen von irgend welchen einzelnen Fällen.

§Ms-102

170r[1]

Wir bilden das Ding, die Relation, die Eigenschaft vermittelst Variablen ab und zeigen so daß wir diese Ideen nicht aus gewissen uns vorkommenden Fällen ableiten sondern sie irgendwie a priori besitzen.

§Ms-102

170r[2]

Es fragt sich nämlich: Wenn die einzelnen Formen mir sozusagen in der Erfahrung gegeben sind, dann darf ich doch in der Logik von ihnen nicht Gebrauch machen dann darf ich eigentlich kein x und kein φy schreiben. Aber das kann ich doch gar nicht vermeiden.

§Ms-102

171r[1]

Beiläufig gefragt: handelt die Logik von gewissen Gattungen von Funktionen u. dergl.? Und wenn nicht, was bedeuten dann Fx φz u.s.w. in der Logik? Dies müssen dann Zeichen allgemeinerer Bedeutung sein!

§Ms-102

171r[2]

Das Aufstellen einer Art logischen Inventars wie ich mir das früher vorstellte scheint es doch wohl nicht zu geben.

§Ms-102

171r[3]

Die Bestandteile des Satzes müssen einfach sein = Der Satz muß vollkommen artikuliert sein.

§Ms-102

172r[1]

Nun scheint dies aber den Tatsachen zu widersprechen? –

§Ms-102

172r[2]

In der Logik nämlich wollen wir scheinbar Idealbilder artikulierter Sätze vorführen. Aber wie ist das möglich?

§Ms-102

172r[3]

Oder können wir einen Satz wie „die Uhr liegt auf dem Tisch” ohne weiteres nach den Regeln der Logik behandeln. Nein; da sagen wir z.B. daß die Zeitangabe in dem Satze verschwiegen ist daß er nur scheinbar ‥‥ etc. etc.

Also ehe wir ihn behandeln können müssen wir ihn wie es scheint auf eine gewisse Art und Weise umgestalten.

§Ms-102

173r[1]

Aber dies ist vielleicht nicht maßgebend, denn könnten wir nicht ebensogut unsere gewohnte logische Schreibweise dem speziellen Satz anpassen?

§Ms-102

173r[2]

20.06.1915

Ja, darum handelt es sich: Können wir mit Recht die Logik wie sie etwa in den „Principia Mathematica” steht ohne weiteres auf die gebräuchlichen Sätze anwenden?

§Ms-102

173r[3]

Natürlich dürfen wir nicht außer acht lassen was in unseren Sätzen durch Endungen, Vorsilben Umlaute etc. etc. ausgedrückt ist.

§Ms-102

174r[1]

Aber wir wenden ja die Mathematik, und zwar mit bestem Erfolge, auf die gewöhnlichen Sätze nämlich auf die der Physik an!!

§Ms-102

174r[2]

Aber wie merkwürdig: in den bekannten Lehrsätzen der mathematischen Physik erscheinen weder Dinge noch Funktionen noch Relationen noch sonst logische Gegenstandsformen!! Statt der Dinge haben wir da Zahlen und die Funktionen & Relationen sind durchweg rein mathematisch!!

§Ms-102

174r[3]

Aber es ist doch Tatsache daß diese Sätze auf die solide Wirklichkeit angewandt werden.

§Ms-102

175r[1]

Die Variablen in jenen Lehrsätzen stehen durchaus nicht – wie man häufig sagt – für Längen, Gewichte, Zeiträume etc. sondern sie stehen einfach für Zahlen und weiter nichts.

§Ms-102

175r[2]

Wenn ich nun aber die Zahlen anwenden will dann komme ich zu den Relationen den Dingen etc. etc. Ich sage z.B.: diese Länge ist 5 Meter und spreche da von Relationen und Dingen, und zwar in dem ganz gewöhnlichen Sinne.

§Ms-102

175r[3]

Wir kommen hier zur Frage nach der Bedeutung der Variablen in den physikalischen Sätzen. Diese sind ja keine Tautologien.

§Ms-102

176r[1]

Der physikalische Satz ohne Angabe seiner Anwendung ist offenbar sinnlos. Was hätte es für einen Sinn zu sagen: „k = m ∙ p”? Also handelt der vervollständigte physikalische Satz doch von den Dingen Relationen u.s.w.. (Was eigentlich zu erwarten war.)

§Ms-102

176r[2]

Es liegt nun alles darin daß ich die Zahlen auf die gewöhnlichen Dinge etc. anwende, was wieder nicht mehr sagt als daß in unseren ganz gewöhnlichen Sätzen Zahlen vorkommen.

§Ms-102

176r[3] &
177r[1]

Die Schwierigkeit ist eigentlich die: daß wenn wir auch einen ganz bestimmten Sinn ausdrücken wollen die Möglichkeit besteht daß wir dieses Ziel verfehlen. Es scheint also sozusagen daß wir keine Garantie haben daß unser Satz wirklich ein Bild der Wirklichkeit ist.

§Ms-102

177r[2]

Die Zerlegung der Körper in materielle Punkte wie wir sie in der Physik haben ist weiter nichts als die Analyse in einfache Bestandteile.

§Ms-102

177r[3] &
178r[1]

Aber sollte es möglich sein daß die von uns gewöhnlich gebrauchten Sätze gleichsam nur einen unvollkommenen Sinn haben (ganz abgesehen von ihrer Wahr- oder Falschheit) und die physikalischen Sätze sich sozusagen dem Stadium nähern wo ein Satz wirklich einen vollkommenen Sinn hat??

§Ms-102

178r[2]

Wenn ich sage „das Buch liegt auf dem Tisch” hat dies wirklich einen vollkommen klaren Sinn? (Eine höchst bedeutungsvolle Frage!)

Der Sinn muß doch klar sein denn etwas meinen wir doch mit dem Satz und soviel als wir sicher meinen muß doch klar sein.

§Ms-102

178r[3] &
179r[1]

Wenn der Satz „das Buch liegt auf dem Tisch” einen klaren Sinn hat, dann muß ich, was immer auch der Fall ist, sagen können ob der Satz wahr oder falsch ist. Es könnten aber sehr wohl Fälle eintreten in welchen ich nicht ohne Weiteres sagen könnte ob das Buch noch „auf dem Tisch liegend” zu nennen ist. Also?

§Ms-102

179r[2]

Ist also etwa der Fall der daß ich zwar genau weiß was ich sagen will aber dann im Ausdrucke Fehler mache?

§Ms-102

179r[3]

Oder kann diese Unsicherheit auch noch in den Satz eingeschlossen werden?

§Ms-102

179r[4] &
180r[1]

Aber es kann auch sein daß der Satz „das Buch liegt auf dem Tisch” meinen Sinn zwar vollkommen darstellt daß ich aber die Worte z.B. darauf-liegen hier in einer speziellen Bedeutung gebrauche und es anderswo eine andere Bedeutung hat. Ich meine mit dem Verbum etwa die ganz spezielle Relation die das Buch jetzt wirklich zu dem Tisch hat.

§Ms-102

180r[2]

Sind also im Grunde die Sätze der Physik und die Sätze des gewöhnlichen Lebens gleich scharf und besteht der Unterschied nur in der konsequenteren Anwendung der Zeichen in der Sprache der Wissenschaft??

§Ms-102

180r[3]

Kann man davon reden oder nicht daß ein Satz einen mehr oder weniger scharfen Sinn hat??

§Ms-102

181r[1]

Es scheint klar daß das was wir meinen immer „scharf” sein muß. Unser Ausdruck dessen was wir meinen kann wieder nur richtig oder falsch sein. Und nun können noch die Worte konsequent oder inkonsequent angewendet sein. Eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben.

§Ms-102

181r[2]

Wenn ich z.B. sage „der Tisch ist einen Meter lang” so ist es höchst fraglich was ich damit meine. Aber ich meine wohl der Abstand dieser zwei Punkte ist ein Meter und die Punkte gehören zum Tisch.

§Ms-102

182r[1]

Wir sagten die Mathematik würde ja schon mit Erfolg auf gewöhnliche Sätze angewandt aber die Sätze der Physik handeln durchwegs von anderen Gegenständen als denen unserer gewöhnlichen Sprache! Müssen unsere Sätze so präpariert werden um mathematisch behandelt werden zu können? Offenbar ja! Wenn Quantitäten in Frage kommen so würde z.B. ein Ausdruck wie „die Länge dieses Tisches” nicht genügen. Diese Länge müßte definiert werden etwa als Abstand zweier Flächen etc. etc.

§Ms-102

182r[2] &
183r[1]

Ja, die mathematischen Wissenschaften unterscheiden sich von den nicht mathematischen dadurch daß jene von Dingen handeln von welchen die gewöhnliche Sprache nicht spricht während diese von den allgemein bekannten Dingen redet. –

§Ms-102

183r[2]

21.06.1915

Unsere Schwierigkeit war doch die daß wir immer von einfachen Gegenständen sprachen und nicht einen einzigen anzuführen wußten.

§Ms-102

183r[3]

Wenn der Punkt im Raume nicht existiert dann existieren auch seine Koordinaten nicht und wenn die Koordinaten existieren dann existiert auch der Punkt.

So ist es in der Logik.

§Ms-102

184r[1]

Das einfache Zeichen ist wesentlich einfach. Es fungiert als einfacher Gegenstand. (Was heißt das?) Seine Zusammensetzung wird vollkommen gleichgültig. Sie verschwindet uns aus den Augen.

§Ms-102

184r[2]

Es scheint immer so, als ob es komplexe Gegenstände gäbe die als einfache fungieren, und dann auch wirklich einfache, wie die materiellen Punkte der Physik, etc..

§Ms-102

184r[3] &
185r[1]

Daß ein Name einen komplexen Gegenstand bezeichnet sieht man aus einer Unbestimmtheit in den Sätzen in welchen er vorkommt, die eben von der Allgemeinheit solcher Sätze herrührt. Wir wissen durch diesen Satz ist noch nicht alles bestimmt. Die Allgemeinheitsbezeichnung enthält ja ein Urbild.

§Ms-102

185r[2]

Alle unsichtbaren Massen etc. etc. müssen unter die Allgemeinheitsbezeichnung kommen.

§Ms-102

185r[3]

Wie ist das wenn sich Sätze der Wahrheit nähern?

§Ms-102

185r[4] &
186r[1]

Aber die Logik wie sie etwa in den „Principia Mathematica” steht läßt sich ganz gut auf unsere gewöhnlichen Sätze anwenden z.B. aus „Alle Menschen sind sterblich” und „Sokrates ist ein Mensch” folgt nach dieser Logik „Sokrates ist sterblich” was offenbar richtig ist obwohl ich, ebenso offenbar, nicht weiß welche Struktur das Ding Sokrates oder die Eigenschaft der Sterblichkeit hat. Diese fungieren eben hier als einfache Gegenstände.

§Ms-102

186r[2]

Offenbar garantiert schon der Umstand der es möglich macht daß gewisse Formen durch eine Definition in einen Namen projiziert werden; dafür daß dieser Name dann auch wie ein wirklicher behandelt werden kann.

§Ms-102

187r[1]

Es ist ja dem klar Sehenden offenbar daß ein Satz wie „Diese Uhr liegt auf dem Tisch” eine Menge Unbestimmtheit enthält trotzdem seine Form äußerlich vollkommen klar und einfach erscheint. Wir sehen also daß diese Einfachheit nur konstruiert ist.

§Ms-102

187r[2]

22.06.1915

Es ist also auch dem unbefangenen Geist klar daß der Sinn des Satzes „die Uhr liegt auf dem Tisch” komplizierter ist als der Satz selbst.

§Ms-102

187r[3] &
188r[1]

Die Abmachungen unserer Sprache sind außerordentlich kompliziert. Es wird enorm viel zu jedem Satz dazugedacht was nicht gesagt wird. (Diese Abmachungen sind ganz wie die „Conventions” Whiteheads. Sie sind wohl Definitionen mit einer gewissen Allgemeinheit der Form.)

§Ms-102

188r[2]

Ich will nur die Vagheit der gewöhnlichen Sätze rechtfertigen, denn sie läßt sich rechtfertigen.

§Ms-102

188r[3] &
188v[1]

Es ist klar: Ich weiß was ich mit dem vagen Satz meine. Nun versteht es aber ein Anderer nicht und sagt: „ja aber wenn du das meinst, hättest du – das und das – dazu setzen müssen”; und nun wird es noch einer nicht verstehen und den Satz noch ausführlicher verlangen. Ich werde dann antworten: Ja das versteht sich doch von selbst. Sage ich jemand „die Uhr liegt auf dem Tisch” und nun sagt er „ja aber wenn die Uhr so läge würdest Du da auch noch sagen „sie liegt auf dem Tisch””. Und ich würde unsicher. Das zeigt, daß ich nicht wüßte was ich mit „liegen” im allgemeinen meinte. Wenn man mich so in die Enge triebe um mir zu zeigen daß ich nicht wisse was ich meine, würde ich sagen: „Ich weiß was ich meine; ich meine eben das” und würde dabei etwa auf den betreffenden Komplex mit dem Finger zeigen. Und in diesem Komplex habe ich nun tatsächlich die zwei Gegenstände in einer Relation. – Das heißt aber wirklich nur: Die Tatsache läßt sich irgendwie auch durch diese Form abbilden.

§Ms-102

188v[2]

Wenn ich dies nun tue und die Gegenstände mit Namen bezeichne, werden sie dadurch einfach? Aber doch ist dieser Satz ein Bild jenes Komplexes.

§Ms-102

188v[3]

Dieser Gegenstand ist für mich einfach!

§Ms-102

189r[1]

Nenne ich z.B. irgend einen Stab „A” eine Kugel „B” so kann ich von A sagen es lehnt an der Wand aber nicht von B. Hier macht sich die interne Natur von A und B bemerkbar.

§Ms-102

189r[2]

Wenn ein Name einen Gegenstand bezeichnet so steht er damit in einer Beziehung zu ihm die ganz von der logischen Art des Gegenstandes bedingt ist und diese wieder charakterisiert.

§Ms-102

189r[3]

Und das ist klar daß der Gegenstand eine bestimmte logische Art haben muß er ist so zusammengesetzt oder so einfach als er eben ist.

§Ms-102

189r[4]

„Die Uhr sitzt auf dem Tisch” ist sinnlos!

§Ms-102

189r[5] &
189v[1]

Nur der zusammengesetzte Teil des Satzes kann wahr oder falsch sein.

§Ms-102

189v[2]

Der Name faßt seine ganze komplexe Bedeutung in Eins zusammen.

§Ms-103

1r[1]

07.04.1916

15.04.1916 Nur was wir selbst konstruieren, können wir voraussehen!

§Ms-103

1r[2]

Aber wo bleibt da der Begriff des einfachen Gegenstandes?

§Ms-103

1r[3]

Dieser Begriff kommt hier überhaupt noch nicht in Betracht.

§Ms-103

1r[4]

Wir müssen die einfachen Funktionen darum konstruieren können weil wir jedem Zeichen eine Bedeutung geben können müssen.

§Ms-103

1r[5]

Denn das einzige Zeichen welches für seine Bedeutung bürgt ist Funktion und Argument.

§Ms-103

2r[2]

Jeder einfache Satz läßt sich auf die Form φx bringen.

§Ms-103

2r[3]

Darum darf man aus dieser Form alle einfachen Sätze zusammenstellen.

§Ms-103

2r[4]

Angenommen mir wären alle einfachen Sätze gegeben: Dann läßt sich einfach fragen welche Sätze kann ich aus ihnen bilden. Und das sind alle Sätze und so sind sie begrenzt.

§Ms-103

2r[5] &
3r[1]
( p ) : p = aRx. xRy zRb ( p ) : p = aRx F ( ( φx) ) = . φ ψ ψ Φ≡ ψ ψ . [ F ( ( ψx) ) = ψ χ χ Fχ] = [ F( ( ψx) ) = t ε ( Φz) t χt χ Fχ]

§Ms-103

3r[2]

17.04.1916

Die obige Definition kann in ihrer Allgemeinheit nur eine Schriftzeichenregel sein die mit dem Sinne der Zeichen nichts zu tun hat. Aber kann es eine solche Regel geben?

§Ms-103

3r[3]

Nur dann ist die Definition möglich wenn sie selbst kein Satz ist. Dann kann ein Satz nicht von allen Sätzen handeln, wohl aber eine Definition.

§Ms-103

4r[1]

23.04.1916

Die obige Definition handelt aber gar nicht von allen Sätzen denn sie enthält wesentlich wirkliche Variable. Sie ist ganz analog einer Operation als deren Basis auch ihr eigenes Resultat genommen werden kann.

§Ms-103

4r[2]

26.04.1916

So und nur so ist das Fortschreiten von einer Type zur anderen möglich.

§Ms-103

4r[3]

Und man kann sagen alle Typen stehen in Hierarchien.

§Ms-103

4r[4] &
5r[1]

Und die Hierarchie ist nur möglich durch den Aufbau durch die Operationen.

§Ms-103

5r[2]

Die empirische Realität ist begrenzt durch die Zahl der Gegenstände.

Die Grenze zeigt sich wieder in der Gesamtheit der einfachen Sätze.

§Ms-103

5r[3]

Die Hierarchien sind und müssen unabhängig sein von der Realität. Die Bedeutungen ihrer Glieder werden erst durch Zuordnung der Gegenstände zu den Namen bestimmt.

§Ms-103

5r[4] &
6r[1]

27.04.1916

φx . ψy

Sagen wir ich wollte eine Funktion von 3 unter einander unauswechselbaren Argumenten darstellen.

§Ms-103

6r[2]

φ(x) : φ( ), x

§Ms-103

6r[3]

Soll nun aber in der Logik von unvertauschbaren Argumenten die Rede sein? Wenn ja, so setzt dies doch etwas über die Beschaffenheit der Realität voraus.

§Ms-103

6r[5] &
7r[1]

06.05.1916

Der ganzen Weltanschauung der Modernen liegt diese Täuschung zu Grunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.

§Ms-103

7r[2]

So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem stehen wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal.

§Ms-103

7r[3]

Und sie haben ja beide recht und unrecht. Die Alten sind allerdings insofern klarer als sie einen klaren Abschluß anerkannten während es bei dem neuen System scheinen soll als sei alles begründet.

§Ms-103

7r[4] &
8r[1]

11.05.1916

❘p ❘(a,a)

Es gibt eben auch Operationen mit zwei Basen. Und die ‘ ❘ ’-Operation ist von dieser Art.

§Ms-103

8r[2]

❘ (ξ,η)… ist ein beliebiges Glied der Reihe der Operationsresultate.

§Ms-103

8r[3]

(∃x).φx

Ist denn (∃x) etc. wirklich eine Operation?

§Ms-103

8r[4]

Was wäre aber ihre Basis?

§Ms-103

8r[8] &
9r[1] &
10r[1]

04.07.1916

Was weiß ich über Gott und den Zweck des Lebens? Ich weiß daß diese Welt ist. Daß ich in ihr stehe wie mein Auge in seinem Gesichtsfeld. Daß etwas an ihr problematisch ist was wir ihren Sinn nennen. Daß dieser Sinn nicht in ihr liegt sondern außer ihr. Daß das Leben die Welt ist. Daß mein Wille die Welt durchdringt. Daß mein Wille gut oder böse ist. Daß also Gut und Böse mit dem Sinn der Welt irgendwie zusammenhängt. Den Sinn des Lebens, d.i. den Sinn der Welt, können wir Gott nennen. Und das Gleichnis von Gott als einem Vater daran knüpfen.

Das Gebet ist der Gedanke an den Sinn des Lebens.

Ich kann die Geschehnisse der Welt nicht nach meinem Willen lenken sondern bin vollkommen machtlos.

Nur so kann ich mich unabhängig von der Welt machen – und sie also doch in gewissem Sinne beherrschen – indem ich auf einen Einfluß auf die Geschehnisse verzichte.

§Ms-103

11r[1]

05.07.1916

Die Welt ist unabhängig von meinem Willen.

§Ms-103

11r[2]

Auch wenn alles was wir wünschen geschähe so wäre dies doch nur so zu sagen eine Gnade des Schicksals denn es ist kein logischer Zusammenhang zwischen Willen und Welt der dies verbürgte und den angenommenen physikalischen konnten wir doch nicht wieder wollen.

§Ms-103

11r[3] &
12r[1]

Wenn das gute oder böse Wollen eine Wirkung auf die Welt hat so kann es sie nur auf die Grenzen der Welt haben, nicht auf die Tatsachen, auf das was durch die Sprache nicht abgebildet sondern nur in der Sprache gezeigt werden kann.

§Ms-103

12r[2]

Kurz die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden.

§Ms-103

12r[3]

Sie muß sozusagen als Ganzes zunehmen oder abnehmen. Wie durch Dazukommen oder Wegfallen eines Sinnes.

§Ms-103

12r[4]

Wie auch beim Tode die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört zu sein.

§Ms-103

13r[1]

06.07.1916

Und insofern hat wohl auch Dostojewski recht wenn er sagt daß der welcher glücklich ist den Zweck des Daseins erfüllt.

§Ms-103

13r[2]

Oder man könnte auch so sagen der erfüllt den Zweck des Daseins der keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht. Das heißt nämlich der befriedigt ist.

§Ms-103

13r[3]

Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.

§Ms-103

13r[4] &
14r[1]

Kann man aber so leben daß das Leben aufhört problematisch zu sein? Daß man im Ewigen lebt und nicht in der Zeit?

§Ms-103

14r[2]

07.07.1916

Ist nicht dies der Grund warum Menschen denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde warum diese dann nicht sagen konnten worin dieser Sinn bestand.

§Ms-103

14r[3]

Wenn ich mir eine „Art von Gegenständen” denken kann ohne zu wissen ob es solche Gegenstände gibt so muß ich mir ihr Urbild konstruiert haben.

§Ms-103

14r[4]

Beruht hierauf nicht die Methode der Mechanik?

§Ms-103

14r[5] &
15r[1]

08.07.1916

An einen Gott glauben heißt die Frage nach dem Sinne des Lebens verstehen.

§Ms-103

15r[2]

An einen Gott glauben heißt sehen daß es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist.

§Ms-103

15r[3]

An Gott glauben heißt sehen daß das Leben einen Sinn hat.

§Ms-103

15r[4]

Die Welt ist mir gegeben. d.h. mein Wille tritt an die Welt ganz von außen als an etwas Fertiges heran.

§Ms-103

15r[5]

(Was mein Wille ist das weiß ich noch nicht.)

§Ms-103

15r[6] &
17r[1]

Daher haben wir das Gefühl daß wir von einem fremden Willen abhängig sind.

§Ms-103

17r[2]

Wie dem auch sei, jedenfalls sind wir in einem gewissen Sinne abhängig, und das wovon wir abhängig sind können wir Gott nennen.

§Ms-103

17r[3]

Gott wäre in diesem Sinne einfach das Schicksal oder, was dasselbe ist: die – von unserem Willen unabhängige – Welt.

§Ms-103

17r[4]

Vom Schicksal kann ich mich unabhängig machen.

§Ms-103

17r[5]

Es gibt zwei Gottheiten die Welt und mein unabhängiges Ich.

§Ms-103

18r[1]

Ich bin entweder glücklich oder unglücklich, das ist alles. Man kann sagen: gut oder böse gibt es nicht.

§Ms-103

18r[2]

Wer glücklich ist der darf keine Furcht haben. Auch nicht vor dem Tode.

§Ms-103

18r[3]

Nur wer nicht in der Zeit sondern in der Gegenwart lebt ist glücklich.

§Ms-103

18r[4]

Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod.

§Ms-103

18r[5]

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Er ist keine Tatsache der Welt.

§Ms-103

18r[6] &
19r[1]

Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer sondern Unzeitlichkeit versteht, dann kann man sagen daß der ewig lebt der in der Gegenwart lebt.

§Ms-103

19r[2]

Um glücklich zu leben muß ich in Übereinstimmung sein mit der Welt. Und dies heißt ja „glücklich sein”.

§Ms-103

19r[3]

Ich bin dann sozusagen in Übereinstimmung mit jenem fremden Willen von dem ich abhängig erscheine. Das heißt: „ich tue den Willen Gottes”.

§Ms-103

19r[4]

Die Furcht vor dem Tode ist das beste Zeichen eines falschen d.h. schlechten Lebens.

§Ms-103

20r[1]

Wenn mein Gewissen mich aus dem Gleichgewicht bringt, so bin ich nicht in Übereinstimmung mit Etwas. Aber was ist dies? Ist es die Welt?

§Ms-103

20r[2]

Gewiß ist es richtig zu sagen: Das Gewissen ist die Stimme Gottes.

§Ms-103

20r[3]

Zum Beispiel: es macht mich unglücklich zu denken daß ich den und den beleidigt habe. Ist das mein Gewissen.

§Ms-103

20r[4]

Kann man sagen: „handle nach deinem Gewissen, es sei beschaffen wie es mag”?

§Ms-103

20r[5]

Lebe glücklich!

§Ms-103

21r[1]

09.07.1916

Wenn man nicht die allgemeinste Satzform angeben könnte, dann müßte ein Moment kommen, wo wir plötzlich eine neue Erfahrung machen, so zu sagen eine logische.

§Ms-103

21r[2]

Dies ist natürlich unmöglich.

§Ms-103

21r[3]

Nicht vergessen, daß (∃x) fx nicht heißt; es gibt ein x so daß fx, sondern: es gibt einen wahren Satz „fx”.

§Ms-103

21r[4] &
22r[1]

Der Satz fa spricht von bestimmten Gegenständen, der allgemeine Satz von allen Gegenständen.

§Ms-103

22r[2]

11.07.1916

Der bestimmte Gegenstand ist eine sehr merkwürdige Erscheinung.

§Ms-103

22r[3]

Statt „alle Gegenstände” könnte man sagen: alle bestimmten Gegenstände.

§Ms-103

22r[4]

Wenn alle bestimmten Gegenstände gegeben sind, sind „alle Gegenstände” gegeben. Kurz mit den bestimmten Gegenständen sind alle Gegenstände gegeben.

§Ms-103

22r[5]

Wenn es Gegenstände gibt, gibt es damit auch „alle Gegenstände”.

§Ms-103

23r[1]

Darum muß sich auch die Einheit der Elementarsätze und der allgemeinen Sätze herstellen lassen.

§Ms-103

23r[2]

Wenn nämlich die Elementarsätze gegeben sind, so sind damit auch alle Elementarsätze gegeben und damit der allgemeine Satz. – Und ist damit nicht schon die Einheit hergestellt.

§Ms-103

23r[3]

12.07.1916

13.07.1916 Immer wieder fühlt man daß auch im Elementarsatz von allen Gegenständen die Rede ist. (∃x) . φx . x = a

§Ms-103

23r[4] &
24r[1]

Wenn zwei Operationen gegeben sind die sich nicht auf eine reduzieren lassen, so muß sich zum mindesten eine allgemeine Form ihrer Kombination aufstellen lassen.

§Ms-103

24r[2]

φx, ψy❘χz, (∃x) ∙ , (x) ∙

Da sich offenbar leicht erklären läßt wie mit diesen Operationen sich Sätze bilden lassen und wie Sätze nicht zu bilden sind so muß sich dies auch irgendwie exakt ausdrücken lassen.

§Ms-103

24r[3]

14.07.1916

Und dieser Ausdruck muß auch schon in der allgemeinen Form des Operationszeichens gegeben sein.

§Ms-103

24r[4] &
25r[1]

Ja muß dies nicht der einzige legitime Ausdruck der Anwendung der Operation sein. Offenbar ja!

§Ms-103

25r[2]

Denn wenn die Operationsform überhaupt ausgedrückt werden kann, dann muß sie es so, daß sie nur richtig angewendet werden kann.

§Ms-103

27r[3]

Der Mensch kann sich nicht ohne weiteres glücklich machen.

§Ms-103

27r[4]

Wer in der Gegenwart lebt, lebt ohne Furcht und Hoffnung.

§Ms-103

27r[5] &
28r[1]

21.07.1916

Was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem menschlichen Willen? Ich will „Willen” vor allem den Träger von Gut und Böse nennen.

§Ms-103

28r[2]

Stellen wir uns einen Menschen vor der keines seiner Glieder gebrauchen und daher im gewöhnlichen Sinne seinen Willen nicht betätigen könnte. Er könnte aber denken und wünschen und einem anderen seine Gedanken mitteilen. Könnte also auch durch den Anderen Böses oder Gutes tun. Dann ist klar daß die Ethik auch für ihn Geltung hätte und er im ethischen Sinne Träger eines Willens ist.

§Ms-103

28r[3] &
29r[1]

Ist nun ein prinzipieller Unterschied zwischen diesem Willen und dem der den menschlichen Körper in Bewegung setzt?

§Ms-103

29r[2]

Oder liegt hier der Fehler darin daß auch schon das Wünschen (resp. Denken) eine Handlung des Willens ist? (Und in diesem Sinne wäre allerdings der Mensch ohne Willen nicht lebendig.)

§Ms-103

29r[3]

Ist aber ein Wesen denkbar das nur vorstellen (etwa sehen) aber gar nicht wollen könnte. In irgend einem Sinne scheint dies unmöglich. Wäre es aber möglich dann könnte es auch eine Welt geben ohne Ethik.

§Ms-103

30r[1]

24.07.1916

Die Welt und das Leben sind Eins.

§Ms-103

30r[2]

Das physiologische Leben ist natürlich nicht „das Leben”. Und auch nicht das psychologische. Das Leben, ist die Welt.

§Ms-103

30r[3]

Die Ethik handelt nicht von der Welt. Die Ethik muß eine Bedingung der Welt sein wie die Logik.

§Ms-103

30r[4]

Ethik und Ästhetik sind Eins.

§Ms-103

30r[5] &
31r[1]

29.07.1916

Denn daß der Wunsch mit seiner Erfüllung in keinem logischen Zusammenhang steht ist eine logische Tatsache. Und daß die Welt des Glücklichen eine andere ist als die Welt des Unglücklichen ist auch klar.

§Ms-103

31r[2]

Ist sehen eine Tätigkeit?

§Ms-103

31r[3]

Kann man gut wollen, böse wollen und nicht wollen?

§Ms-103

31r[4]

Oder ist nur der glücklich der nicht will?

§Ms-103

31r[5]

„Seinen Nächsten lieben” das hieße, Wollen!

§Ms-103

31r[6] &
32r[1]

Kann man aber wünschen und doch nicht unglücklich sein wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht? (Und diese Möglichkeit besteht ja immer.)

§Ms-103

32r[2]

Ist es, nach den allgemeinen Begriffen, gut, seinem Nächsten nichts zu wünschen, weder Gutes noch Schlechtes?

§Ms-103

32r[3]

Und doch scheint in einem gewissen Sinne das nicht Wünschen das einzig Gute zu sein.

§Ms-103

32r[4]

Hier mache ich noch grobe Fehler! Kein Zweifel!

§Ms-103

32r[5] &
33r[1]

Allgemein wird angenommen, daß es böse ist dem Anderen Unglück zu wünschen. Kann das richtig sein? Kann es schlechter sein als dem anderen Glück zu wünschen? Es scheint da so zu sagen darauf anzukommen, wie man wünscht.

§Ms-103

33r[2]

Man scheint nicht mehr sagen zu können als: Lebe glücklich!

§Ms-103

33r[3]

Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.

§Ms-103

33r[4]

Die Welt des Glücklichen ist eine glückliche Welt.

§Ms-103

33r[5]

Kann es also eine Welt geben die weder glücklich noch unglücklich ist?

§Ms-103

34r[1] &
35r[1]

30.07.1916

Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines allgemeinen ethischen Gesetzes von der Form „Du sollst … ” ist: „Und was dann, wenn ich es nicht tue?”.

Es ist aber klar daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn zu tun hat. Also muß diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muß doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muß zwar eine Art von Lohn und ethischer Strafe geben aber diese müssen in der Handlung selbst liegen. Und das ist auch klar daß der Lohn etwas Angenehmes die Strafe etwas Unangenehmes sein muß.

§Ms-103

35r[2]

Immer wieder komme ich darauf zurück, daß einfach das glückliche Leben gut das unglückliche schlecht ist. Und wenn ich mich jetzt frage: aber warum soll ich gerade glücklich leben so erscheint mir das von selbst als eine tautologische Fragestellung; es scheint daß sich das glückliche Leben von selbst rechtfertigt, daß es das einzig richtige Leben ist.

§Ms-103

36r[1]

Alles dies ist eigentlich in gewissem Sinne tief geheimnisvoll! Es ist klar daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt!

§Ms-103

36r[2]

Man könnte aber so sagen: Das glückliche Leben scheint in irgend einem Sinne harmonischer zu sein als das unglückliche. In welchem aber??

§Ms-103

36r[3] &
37r[1]

Was ist das objektive Merkmal des glücklichen, harmonischen Lebens? Da ist es wieder klar daß es kein solches Merkmal, das sich beschreiben ließe, geben kann. Dies Merkmal kann kein physisches sondern nur ein metaphysisches, ein transzendentes sein.

§Ms-103

37r[2]

Die Ethik ist transzendent.

§Ms-103

37r[3]

01.08.1916

Wie sich alles verhält, ist Gott.

§Ms-103

37r[4]

Gott ist, wie sich alles verhält.

§Ms-103

37r[5]

Nur aus dem Bewußtsein der Einzigkeit meines Lebens entspringt Religion – Wissenschaft – und Kunst.

§Ms-103

37r[6]

02.08.1916

Und dieses Bewußtsein ist das Leben selber.

§Ms-103

37r[7]

Kann es eine Ethik geben wenn es außer mir kein Lebewesen gibt?

§Ms-103

38r[1]

Wenn die Ethik etwas Grundlegendes sein soll, ja!.

§Ms-103

38r[2]

Wenn ich recht habe; so genügt es nicht zum ethischen Urteil, daß eine Welt gegeben sei. Die Welt ist dann an sich weder gut noch böse.

§Ms-103

38r[3]

Denn es muß für die Existenz der Ethik gleich bleiben ob es auf der Welt lebende Materie gibt oder nicht. Und es ist klar daß eine Welt in der nur tote Materie ist an sich weder gut noch böse ist also kann auch die Welt der Lebewesen an sich weder gut noch böse sein.

§Ms-103

39r[1]

Gut und Böse tritt erst durch das Subjekt ein. Und das Subjekt gehört nicht zur Welt sondern ist eine Grenze der Welt.

§Ms-103

39r[2]

Man könnte (Schopenhauerisch) sagen: Die Welt der Vorstellung ist weder gut noch böse, sondern das wollende Subjekt.

§Ms-103

39r[3]

Die völlige Unklarheit aller dieser Sätze ist mir bewußt.

§Ms-103

39r[4] &
40r[1]

Nach dem Früheren müßte also das wollende Subjekt glücklich oder unglücklich sein und Glück und Unglück können nicht zur Welt gehören.

§Ms-103

40r[2]

Wie das Subjekt kein Teil der Welt ist sondern eine Voraussetzung ihrer Existenz so sind Gut und Böse, Prädikate des Subjekts, nicht Eigenschaften in der Welt.

§Ms-103

40r[3]

Ganz verschleiert ist hier das Wesen des Subjekts.

§Ms-103

40r[4]

Ja, meine Arbeit hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt.

§Ms-103

40r[5] &
41r[1]

04.08.1916

Ist nicht am Ende das vorstellende Subjekt bloßer Aberglaube.

§Ms-103

41r[2]

Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken?

§Ms-103

41r[3]

Du sagst es verhält sich hier ganz wie bei Auge und Gesichtsfeld. Aber das Auge siehst Du wirklich nicht. Und ich glaube daß nichts am Gesichtsfeld darauf schließen läßt daß es von einem Auge gesehen wird.

§Ms-103

41r[4]

05.08.1916

Das vorstellende Subjekt ist wohl leerer Wahn. Das wollende Subjekt aber gibt es.

§Ms-103

42r[1]

Wäre der Wille nicht, so gäbe es auch nicht jenes Zentrum der Welt das wir das Ich nennen und das der Träger der Ethik ist.

§Ms-103

42r[2]

Gut und böse ist wesentlich nur das Ich, nicht die Welt.

§Ms-103

42r[3]

Das Ich, das Ich ist das tief Geheimnisvolle!

§Ms-103

42r[4]

07.08.1916

Das Ich ist kein Gegenstand.

§Ms-103

42r[5]

08.08.1916

11.08.1916 Jedem Gegenstand stehe ich objektiv gegenüber. Dem Ich nicht.

§Ms-103

43r[1]

Es gibt also wirklich eine Art und Weise, wie in der Philosophie in einem nicht psychologischen Sinne vom Ich die Rede sein kann und muß.

§Ms-103

43r[2]

12.08.1916

Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, daß die Welt meine Welt ist.

§Ms-103

43r[3]

Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht etwa eine solche Form:

.

§Ms-103

43r[4] &
44r[1]

Das hängt damit zusammen daß kein Teil unserer Erfahrung a priori ist.

§Ms-103

44r[2]

Alles was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.

§Ms-103

44r[3]

13.08.1916

Angenommen der Mensch könnte seinen Willen nicht betätigen müßte aber alle Not dieser Welt leiden, was könnte ihn dann glücklich machen?

§Ms-103

44r[4] &
45r[1]

Wie kann der Mensch überhaupt glücklich sein, da er doch die Not dieser Welt nicht abwehren kann? Eben durch das Leben der Erkenntnis.

§Ms-103

45r[2]

Das gute Gewissen ist das Glück welches das Leben der Erkenntnis gewährt.

§Ms-103

45r[3]

Das Leben der Erkenntnis ist das Leben, welches glücklich ist, der Not der Welt zum Trotz.

§Ms-103

45r[4]

Nur das Leben ist glücklich welches auf die Annehmlichkeiten der Welt verzichten kann. Ihm sind die Annehmlichkeiten der Welt nur so viele Gnaden des Schicksals.

§Ms-103

46r[1] &
47r[1]

16.08.1916

Daß ein Punkt nicht zugleich rot und grün sein kann muß dem ersten Anschein nach keine logische Unmöglichkeit sein. Aber schon die physikalische Ausdrucksweise reduziert sie zu einer kinetischen Unmöglichkeit. Man sieht zwischen Rot und Grün besteht eine Verschiedenheit der Struktur. Und nun ordnet sie die Physik gar noch in eine Reihe. Und nun sieht man wie hier die wahre Struktur der Gegenstände ans Licht gebracht wird. Daß ein Teilchen nicht zu gleicher Zeit an zwei Orten sein kann das sieht schon vielmehr aus wie eine logische Unmöglichkeit. Fragen wir z.B. warum so taucht sofort der Gedanke auf: Nun wir würden eben Teilchen die sich an zwei Orten befänden verschiedene nennen, und das scheint alles wieder aus der Struktur des Raumes und der Teilchen zu folgen.

§Ms-103

47r[2]

17.08.1916

Operation ist der Übergang von einem Glied zum folgenden einer Formen-Reihe.

§Ms-103

47r[3]

Operation und Formen-Reihe sind Äquivalente.

§Ms-103

47r[4] &
48r[1]

19.08.1916

29.08.1916 Die Frage ist, ob die gewöhnliche kleine Anzahl von Grundoperationen genügt um alle möglichen Operationen herzustellen.

§Ms-103

48r[2]

Es scheint, daß dies so sein muß.

§Ms-103

48r[3]

Man kann auch fragen, ob man von jedem Ausdruck auf jeden verwandten mit jenen Grundoperationen übergehen kann.

§Ms-103

48r[4]

02.09.1916

Hier sieht man daß der Solipsismus streng durchgeführt mit dem reinen Realismus zusammenfällt.

§Ms-103

49r[1]

Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen und es bleibt die ihm koordinierte Realität bestehen.

§Ms-103

49r[2]

p ∙ q→p {p ∙ q} ⌵ p ∙ ~q = p

Was geht mich die Geschichte an? Meine Welt ist die erste und einzige!

§Ms-103

49r[3]

Ich will berichten, wie ich die Welt vorfand.

§Ms-103

49r[4] &
50r[1]

Was andere mir auf der Welt über die Welt sagten ist ein ganz kleiner und nebensächlicher Teil meiner Welt-Erfahrung.

§Ms-103

50r[2]

Ich habe die Welt zu beurteilen, die Dinge zu messen.

§Ms-103

50r[3] &
51r[1]

Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper oder die menschliche Seele mit den psychologischen Eigenschaften, sondern das metaphysische Subjekt die Grenze (nicht ein Teil) der Welt. Der menschliche Körper aber, mein Körper insbesondere ist ein Teil der Welt unter anderen Teilen der Welt unter Tieren, Pflanzen, Steinen etc. etc..

§Ms-103

51r[2]

Wer das einsieht wird seinem Körper oder dem menschlichen Körper nicht eine bevorzugte Stelle in der Welt einräumen wollen.

Er wird Menschen und Tiere ganz naiv als ähnliche und zusammengehörige Dinge betrachten.

§Ms-103

51r[3]

11.09.1916

Die Art und Weise wie die Sprache bezeichnet spiegelt sich in ihrem Gebrauche wieder.

§Ms-103

52r[2]

Daß die Farben keine Eigenschaften sind, zeigt die Analyse der Physik, zeigen die internen Relationen in welchen die Physik die Farben zeigt.

§Ms-103

52r[3]

Wende dies auch auf Klänge an.

§Ms-103

52r[4] &
53r[1]

12.09.1916

Jetzt wird klar warum ich dachte Denken und Sprechen wäre dasselbe. Das Denken nämlich ist eine Art Sprache. Denn der Gedanke ist natürlich auch ein logisches Bild des Satzes, und somit ebenfalls eine Art Satz.

§Ms-103

53r[2]

19.09.1916

Die Menschheit hat immer nach einer Wissenschaft gesucht in welcher simplex sigillum veri ist.

§Ms-103

53r[3] &
54r[1]

Es kann nicht eine ordentliche oder eine unordentliche Welt geben so daß man sagen könnte unsere Welt ist ordentlich. Sondern in jeder möglichen Welt ist eine, wenn auch komplizierte Ordnung gerade so wie es im Raume auch nicht unordentliche und ordentliche Punktverteilungen gibt sondern jede Punktverteilung ist ordentlich.

§Ms-103

54r[2]

Die Kunst ist ein Ausdruck.

§Ms-103

54r[3]

Das gute Kunstwerk ist der vollendete Ausdruck.

§Ms-103

54r[4]

07.10.1916

Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen; und das gute Leben ist die Welt sub specie aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik.

§Ms-103

55r[1]

Die gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, die Betrachtung sub specie aeternitatis von außerhalb.

§Ms-103

55r[2]

So daß sie die ganze Welt als Hintergrund haben.

§Ms-103

55r[3]

Ist es etwa das daß sie den Gegenstand mit Raum und Zeit sieht statt in Raum und Zeit.

§Ms-103

55r[4]

Jedes Ding bedingt die ganze logische Welt, sozusagen den ganzen logischen Raum.

§Ms-103

55r[5]

(Es drängt sich der Gedanke auf): Das Ding sub specie aeternitatis gesehen ist das Ding mit dem ganzen logischen Raum gesehen.

§Ms-103

56r[1]

08.10.1916

Als Ding unter Dingen ist jedes Ding gleich unbedeutend als Welt jedes gleich bedeutend.

§Ms-103

56r[2]

Habe ich den Ofen kontempliert und es wird mir nun gesagt: jetzt kennst Du aber nur den Ofen so scheint mein Resultat allerdings kleinlich. Denn das stellt es so dar als hätte ich den Ofen unter den vielen vielen Dingen der Welt studiert. Habe ich aber den Ofen kontempliert so war er meine Welt. Und alles andere dagegen blaß.

§Ms-103

57r[1]

Man kann eben die bloße gegenwärtige Vorstellung sowohl auffassen als das nichtige momentane Bild in der ganzen zeitlichen Welt als auch als die wahre Welt unter Schatten.

§Ms-103

57r[2]

09.10.1916

Nun ist aber endlich der Zusammenhang der Ethik mit der Welt klar zu machen.

§Ms-103

57r[3]

12.10.1916

Ein Stein, der Körper eines Tiers, der Körper eines Menschen, mein Körper, stehen alle auf gleicher Stufe.

§Ms-103

57r[4] &
58r[1]

Darum ist was geschieht ob es von einem Stein oder von meinem Körper geschieht weder gut noch schlecht.

§Ms-103

58r[2]

„Die Zeit ist einsinnig” muß ein Unsinn sein.

§Ms-103

58r[3]

Die Einsinnigkeit ist eine logische Eigenschaft der Zeit.

§Ms-103

58r[4]

Denn wenn man jemanden früge wie er sich die Einsinnigkeit vorstellt so würde er sagen: die Zeit wäre nicht einsinnig wenn sich ein Ereignis wiederholen könnte.

§Ms-103

58r[5] &
59r[1]

Daß sich aber ein Ereignis nicht wiederholen kann liegt geradeso wie daß ein Körper nicht zu gleicher Zeit an zwei Orten sein kann im logischen Wesen des Ereignisses.

§Ms-103

59r[2]

Es ist wahr: der Mensch ist der Mikrokosmos:

Ich bin meine Welt.

§Ms-103

59r[3]

15.10.1916

Was man sich nicht denken kann, darüber kann man auch nicht reden.

§Ms-103

59r[4]

„Bedeutung” bekommen die Dinge erst durch ihr Verhältnis zu meinem Willen.

§Ms-103

59r[5]

Denn „Jedes Ding ist was es ist und kein ander Ding”.

§Ms-103

60r[1]

Eine Auffassung: Wie ich aus meiner Physiognomie auf meinen Geist (Charakter, Willen) schließen kann so aus der Physiognomie jedes Dinges auf seinen Geist (Willen).

§Ms-103

60r[2]

Kann ich aber aus meiner Physiognomie auf meinen Geist schließen?

§Ms-103

60r[3]

Ist dieses Verhältnis nicht rein empirisch?

§Ms-103

60r[4]

Drückt mein Körper wirklich etwas aus? Ist er selbst der interne Ausdruck von etwas?

§Ms-103

60r[5] &
61r[1]

Ist etwa das böse Gesicht an sich böse oder bloß weil es empirisch mit böser Laune verbunden ist?

§Ms-103

61r[2]

Aber es ist klar daß der Kausalnexus gar kein Nexus ist.

§Ms-103

61r[3]

Ist es denn wahr, daß sich mein Charakter nach der psychophysischen Auffassung nur im Bau meines Körpers oder meines Gehirns und nicht ebenso im Bau der ganzen übrigen Welt ausdrückt? Hier liegt ein springender Punkt.

§Ms-103

61r[4]

Dieser Parallelismus besteht also eigentlich zwischen meinem Geist i.e. dem Geist und der Welt.

§Ms-103

62r[1]

Bedenke nur daß der Geist der Schlange des Löwen dein Geist ist. Denn nur von Dir her kennst du überhaupt den Geist.

§Ms-103

62r[2]

Es ist nun freilich die Frage warum habe ich der Schlange gerade diesen Geist gegeben.

§Ms-103

62r[3]

Und die Antwort hierauf kann nur im psychophysischen Parallelismus liegen: Wenn Ich so aussähe wie die Schlange und das täte was sie tut so wäre ich so und so.

§Ms-103

62r[4]

Das Gleiche beim Elefanten, bei der Fliege bei der Wespe.

§Ms-103

63r[1]

Es frägt sich aber ob nicht eben auch hier wieder (und gewiß ist es so) mein Körper mit dem der Wespe und der Schlange auf einer Stufe stehen so daß ich weder von dem der Wespe auf meinen noch von meinem auf den der Wespe geschlossen habe.

§Ms-103

63r[2]

Ist das die Lösung des Rätsels warum die Menschen immer glaubten ein Geist sei der ganzen Welt gemein.

§Ms-103

63r[3] &
64r[1]

Und dann wäre er freilich auch den unbelebten Dingen gemeinsam.

§Ms-103

64r[2]

Der Weg den ich gegangen bin ist der:

Der Idealismus scheidet aus der Welt als unik die Menschen aus, der Solipsismus scheidet mich allein aus, und endlich sehe ich daß auch ich zur übrigen Welt gehöre auf der einen Seite bleibt also nichts übrig auf der anderen als unik die Welt. So führt der Idealismus streng durchdacht zum Realismus.

§Ms-103

64r[3] &
65r[1]

17.10.1916

Und in diesem Sinne kann ich auch von einem der ganzen Welt gemeinsamen Willen sprechen. Aber dieser Wille ist in einem höheren Sinne mein Wille.

§Ms-103

65r[2]

Wie meine Vorstellung die Welt ist so ist mein Wille der Welt-Wille.

§Ms-103

65r[3]

20.10.1916

Es ist klar daß mein Gesichtsraum der Länge nach anders beschaffen ist als der Breite nach.

§Ms-103

65r[4] &
66r[1]

Es verhält sich nicht so, daß ich mich einfach überall bemerke wo ich etwas sehe, sondern ich befinde mich auch immer in einem bestimmten Punkt meines Gesichtsraumes mein Gesichtsraum hat also quasi eine Form.

§Ms-103

66r[2]

Trotzdem aber ist es wahr daß ich das Subjekt nicht sehe.

§Ms-103

66r[3]

Es ist wahr daß das erkennende Subjekt nicht in der Welt ist, daß es kein erkennendes Subjekt gibt.

§Ms-103

66r[4] &
67r[1]

Ich kann mir jedenfalls vorstellen daß ich den Willensakt ausführe um meinen Arm zu heben aber mein Arm sich nicht bewegt. (Eine Sehne sei etwa gerissen.) Ja, aber wird man sagen, die Sehne bewegt sich doch und dies zeigt eben daß sich mein Willensakt auf die Sehne und nicht auf den Arm bezogen hat. Aber gehen wir weiter und nehmen an, auch die Sehne bewegte sich nicht und so fort. Wir würden dann dazu kommen, daß sich der Willensakt überhaupt nicht auf einen Körper bezieht, daß es also im gewöhnlichen Sinne des Wortes keinen Willensakt gibt.

§Ms-103

67r[2]

Das künstlerische Wunder ist, daß es die Welt gibt. Daß es das gibt was es gibt.

§Ms-103

68r[1]

Ist das das Wesen der künstlerischen Betrachtungsweise, daß sie die Welt mit glücklichem Auge betrachtet?

§Ms-103

68r[2]

Ernst ist das Leben heiter ist die Kunst.

§Ms-103

68r[3]

21.10.1916

Denn etwas ist wohl an der Auffassung als sei das Schöne der Zweck der Kunst. Und das Schöne ist eben das was glücklich macht.

§Ms-103

68r[4] &
69r[1]

29.10.1916

Könnte man nicht sagen die Allgemeinheit ist der Zusammensetzung ebensowenig koordiniert wie Tatsache dem Ding? Beide Arten von Operationszeichen müssen oder können im Satz nebeneinander vorkommen.

§Ms-103

69r[2]

04.11.1916

Ist der Wille eine Stellungnahme zur Welt.

§Ms-103

69r[3]

Der Wille scheint sich immer auf eine Vorstellung beziehen zu müssen. Wir können uns z.B. nicht vorstellen daß wir einen Willensakt ausgeführt hätten ohne gespürt zu haben daß wir ihn ausgeführt haben.

§Ms-103

69r[4] &
70r[1]

Es könnte sonst etwa die Frage entstehen ob er schon ganz ausgeführt sei.

§Ms-103

70r[2]

Es ist sozusagen klar, daß wir für den Willen einen Halt in der Welt brauchen.

§Ms-103

70r[3]

Der Wille ist eine Stellungnahme des Subjekts zur Welt.

§Ms-103

70r[4]

Das Subjekt ist das wollende Subjekt.

§Ms-103

70r[5] &
71r[1]

Haben die Gefühle die mich von dem Vorgang eines Willensakts überzeugen irgend eine besondere Eigenschaft die sie von anderen Vorstellungen unterscheidet?

§Ms-103

71r[2]

Es scheint nein!

§Ms-103

71r[3]

Dann wäre es aber denkbar daß ich etwa daraufkäme daß z.B. dieser Sessel direkt meinem Willen folgt.

§Ms-103

71r[4]

Ist das möglich?

§Ms-103

71r[5] &
72r[1]

Bei dem Zeichnen des Vierecks

im Spiegel bemerkt man daß man es nur ausführen kann wenn man vom Gesichtsbild ganz absieht und nur das Muskelgefühl zu Hilfe nimmt ∙ also handelt es sich hier doch um zwei ganz verschiedene Willensakte. ∙ Der eine bezieht sich auf den Gesichtsteil der Welt der andere auf den Teil des Muskelgefühls.

§Ms-103

72r[2]

Haben wir mehr als erfahrungsmäßige Evidenz daß es sich in beiden Fällen um die Bewegung desselben Körperteils handelt?

§Ms-103

72r[3]

Verhält es sich also so daß ich meine Handlungen mit meinem Willen nur begleite?

§Ms-103

72r[4] &
73r[1]

Aber wie kann ich dann voraussagen – und das kann ich doch in einem gewissen Sinne – daß ich in 5 Minuten meinen Arm heben werde? Daß ich dies wollen werde?

§Ms-103

73r[2]

Es ist klar: Es ist unmöglich zu wollen ohne nicht schon den Willensakt auszuführen.

§Ms-103

73r[3]

Der Willensakt ist nicht die Ursache der Handlung sondern die Handlung selbst.

§Ms-103

73r[4]

Man kann nicht wollen ohne zu tun.

§Ms-103

74r[1]

Wenn der Wille ein Objekt in der Welt haben muß so kann es auch die beabsichtigte Handlung sein.

§Ms-103

74r[2]

Und der Wille muß ein Objekt haben.

§Ms-103

74r[3]

Sonst hätten wir gar keinen Halt und könnten nicht wissen was wir wollten.

§Ms-103

74r[4]

Und könnten nicht Verschiedenes wollen.

§Ms-103

74r[5] &
75r[1]

Geschieht denn nicht die gewollte Bewegung des Körpers gerade so wie jedes Ungewollte in der Welt nur daß sie vom Willen begleitet ist?

§Ms-103

75r[2]

Aber sie ist nicht nur vom Wunsch begleitet! Sondern vom Willen.

§Ms-103

75r[3]

Wir fühlen uns sozusagen für die Bewegung verantwortlich.

§Ms-103

75r[4]

Mein Wille greift irgendwo in der Welt an, und an andern greift er wieder nicht an.

§Ms-103

75r[5]

Wünschen ist nicht Tun. Aber, Wollen ist Tun.

§Ms-103

75r[6] &
76r[1]

(Mein Wunsch bezieht sich z.B. auf die Bewegung des Sessels, mein Willen auf ein Muskelgefühl.)

§Ms-103

76r[2]

Daß ich einen Vorgang will besteht darin daß ich den Vorgang mache nicht darin daß ich etwas anders tue was den Vorgang verursacht.

§Ms-103

76r[3]

Wenn ich etwas bewege so bewege ich mich.

§Ms-103

76r[4]

Wenn ich einen Vorgang mache so gehe ich vor.

§Ms-103

76r[5]

Aber: Ich kann nicht alles wollen. –

§Ms-103

77r[1]

Aber was heißt das: „Ich kann das nicht wollen.” Kann ich denn versuchen etwas zu wollen.

§Ms-103

77r[2]

Es scheint nämlich durch die Betrachtung des Wollens als stünde ein Teil der Welt mir näher als ein anderer (was unerträglich wäre).

§Ms-103

77r[3]

Aber freilich ist es ja unleugbar daß ich in einem populären Sinne Gewisses tue und anderes nicht tue.

§Ms-103

77r[4] &
78r[1]

So stünde also der Wille der Welt nicht äquivalent gegenüber was unmöglich sein muß.

§Ms-103

78r[2]

Der Wunsch geht dem Ereignis voran der Wille begleitet es.

§Ms-103

78r[3]

Angenommen ein Vorgang würde meinen Wunsch begleiten. Hatte ich den Vorgang gewollt.

§Ms-103

78r[4]

Schiene dies Begleiten nicht zufällig im Gegensatz zu dem gezwungen des Willens.

§Ms-103

78r[5] &
79r[1]

08.11.1916

Ist der Glaube eine Erfahrung?

Ist der Gedanke eine Erfahrung?

§Ms-103

79r[2]

Alle Erfahrung ist Welt und braucht nicht das Subjekt.

§Ms-103

79r[3]

Der Willensakt ist keine Erfahrung.

§Ms-103

79r[4]

19.11.1916

Was für ein Grund ist da, zur Annahme eines wollenden Subjekts?

§Ms-103

79r[5]

Genügt nicht wieder meine Welt zur Individualisierung?

§Ms-103

79r[6] &
80r[1]

21.11.1916

Daß es möglich ist die allgemeine Satzform aufzustellen sagt nichts anderes als: Jede mögliche Satzform muß sich voraussehen lassen.

§Ms-103

80r[2]

Und das heißt: Wir können nie zu einer Satzform kommen von der wir sagen könnten: Ja daß es so etwas gibt, das hat sich nicht voraussehen lassen. Denn das würde heißen daß wir eine neue Erfahrung gemacht hätten die erst diese Satzform ermöglicht hat.

§Ms-103

80r[3] &
81r[1]

Also: Die allgemeine Satzform muß sich aufstellen lassen, weil die möglichen Satzformen a priori sein müssen. Weil die möglichen Satzformen a priori sind, darum gibt es die allgemeine Satzform.

§Ms-103

81r[2]

Dabei ist es vollkommen gleichgültig ob die gegebenen Grundoperationen durch die alle Sätze entstehen sollen dieselben über die logischen Stufen hinausführen, oder ob sie innerhalb der Stufen bleiben.

§Ms-103

81r[3]

Einen Satz den wir jemals werden bilden können, hätten wir auch jetzt gleich bilden können.

§Ms-103

81r[4] &
82r[1]

Wir brauchen jetzt die Klärung des Begriffes der atomistischen Funktion und des Begriffes „und so weiter”.

§Ms-103

82r[2]

Der Begriff „Und so weiter”, in Zeichen „‥‥”, ist einer der allerwichtigsten und wie alle anderen unendlich fundamental.

§Ms-103

82r[3]

Durch ihn allein nämlich sind wir berechtigt die Logik resp. Mathematik „so weiter” aus den Grundgesetzen und Urzeichen aufzubauen.

§Ms-103

82r[4] &
83r[1]

Das „Und so weiter” tritt sofort im Uranfang der alten Logik ein wenn gesagt wird daß wir nun nach der Angabe der Urzeichen ein Zeichen nach dem anderen „so weiter” entwickeln können.

§Ms-103

83r[2]

Ohne diesen Begriff würden wir bei den Urzeichen einfach stehen bleiben und könnten nicht „weiter”.

§Ms-103

83r[3]

Der Begriff „und so weiter” ist äquivalent mit dem Begriffe der Operation.

§Ms-103

83r[4] &
84r[1]

Nach dem Operationszeichen folgt das Zeichen „‥‥”, welches bedeutet daß das Resultat der Operation wieder zur Basis derselben Operation genommen werden kann; „und so weiter”.

§Ms-103

84r[2]

22.11.1916

Der Begriff der Operation ist ganz allgemein derjenige, nach welchem nach einer Regel Zeichen gebildet werden können.

§Ms-103

84r[3]

23.11.1916

Worauf stützt sich die Möglichkeit der Operation.

§Ms-103

84r[4]

Auf den allgemeinen Begriff der strukturellen Ähnlichkeit.

§Ms-103

85r[1]

Wie ich z.B. die Elementarsätze auffasse, muß ihnen etwas gemeinsam sein; sonst könnte ich überhaupt nicht kollektiv von ihnen allen als den „Elementarsätzen” sprechen.

§Ms-103

85r[2]

Dann müssen sie aber auch als Resultate von Operationen aus einander entwickelt werden können.

§Ms-103

85r[3] &
86r[1]

Denn wenn zwei Elementarsätzen wirklich etwas gemeinsam ist was einem Elementarsatz und einem zusammengesetzten nicht gemeinsam ist, so muß sich dies Gemeinsame irgend wie allgemein zum Ausdruck bringen lassen.

§Ms-103

86r[2]

24.11.1916

Wenn das allgemeine Kennzeichen der Operation bekannt sein wird dann wird auch klar sein aus welchen Elementarbestandteilen eine Operation immer besteht.

§Ms-103

86r[3]

Wenn die allgemeine Form der Operation gefunden ist so haben wir auch die allgemeine Form des Auftretens des Begriffs „Und so weiter”.

§Ms-103

87r[1]

26.11.1916

Alle Operationen sind aus den Grundoperationen zusammengesetzt.

§Ms-103

87r[2]

27.11.1916

28.11.1916 Entweder eine Tatsache ist in einer anderen enthalten, oder sie ist unabhängig von ihr.

§Ms-103

87r[3]

02.12.1916

Die Ähnlichkeit der Allgemeinheitsbezeichnung mit dem Argument zeigt sich wenn wir statt φa schreiben (ax).φx.

§Ms-103

87r[4] &
88r[1]

Man könnte die Argumente auch so einführen daß sie nur auf einer Seite des Gleichheitszeichens auftreten. Also immer analog „(Ex) ∙ φx ∙ x = a” statt „φa”.

§Ms-103

88r[2]

Die richtige Methode in der Philosophie wäre eigentlich die nichts zu sagen als was sich sagen läßt also Naturwissenschaftliches also etwas was mit Philosophie nichts zu tun hat, und dann immer wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte ihm nachweisen daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.

§Ms-103

88r[3] &
89r[1]

Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend (er hätte nicht das Gefühl daß wir ihn Philosophie lehrten) aber sie wäre die einzig richtige.

§Ms-103

89r[2]

07.01.1917

In dem Sinne, in welchem es eine Hierarchie der Sätze gibt, gibt es, natürlich, auch eine Hierarchie der Wahrheiten und der Verneinungen etc..

§Ms-103

89r[3]

In dem Sinne aber in welchem es, im allgemeinsten Sinne, Sätze gibt, gibt es nur eine Wahrheit und eine Verneinung.

§Ms-103

90r[1]

Dieser Sinn wird aus jenem gewonnen indem der Satz im allgemeinen aufgefaßt wird als das Resultat der einen Operation, welche alle Sätze aus der untersten Stufe erzeugt. etc.

§Ms-103

90r[2]

Die unterste Stufe und die Operation kann die ganze Hierarchie vertreten.

§Ms-103

90r[3]

08.01.1917

Es ist klar daß das logische Produkt zweier Elementarsätze nie eine Tautologie sein kann.

§Ms-103

91r[1]

Ist das logische Produkt zweier Sätze eine Kontradiktion und die Sätze scheinen Elementarsätze zu sein. So sieht man daß in diesem Falle der Schein trügt. (Z.B.: A ist rot und A ist grün.)

§Ms-103

91r[2]

10.01.1917

Wenn der Selbstmord erlaubt ist dann ist alles erlaubt.

§Ms-103

91r[3]

Wenn etwas nicht erlaubt ist dann ist der Selbstmord nicht erlaubt.

§Ms-103

92r[1]

Dies wirft ein Licht auf das Wesen der Ethik. Denn der Selbstmord ist sozusagen die elementare Sünde.

§Ms-103

92r[2]

Und wenn man ihn untersucht so ist es wie wenn man den Quecksilberdampf untersucht um das Wesen der Dämpfe zu erfassen.

§Ms-103

92r[3]

Oder ist nicht auch der Selbstmord an sich weder gut noch böse!