Ms-103
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296 published remarks, NB
§
IIIr[1]Ad. 4/5
100 [unreadable]
Alle in die Schwarmlinien entsendeten Aufklärer haben sich immer beim Bataillonskommandanten in dessen Abschnitt sie sich befinden persönlich zu melden.
[unreadable]
§
1v[1]… und müsse mir das Leben nehmen. Ich litt Höllenqualen! Und doch war mir das Bild des Lebens so verlockend daß ich wieder leben wollte. Erst dann werde ich mich vergiften wenn ich mich wirklich vergiften will.
§
1v[2]29.03.1916
Viel Ungewohntes zu tun gezwungen. Ich brauche große Kraft das auszuhalten. Oft bin ich der Verzweiflung nahe. Ich habe schon seit mehr als einer Woche nichts mehr gearbeitet. Ich habe keine Zeit! Gott! Aber es ist ja natürlich, denn wenn ich tot sein werde, werde ich auch keine Zeit zum Arbeiten haben. Jetzt Inspektion. Meine Seele schrumpft zusammen. Gott erleuchte mich! Gott erleuchte mich! Gott erleuchte meine Seele.
§
2v[1]30.03.1916
Tu Du dein Bestes! Mehr kannst du nicht tun: und sei heiter. Laß' dir an dir selbst genügen. Denn andere werden dich nicht stützen oder doch nur für kurze Zeit! (Dann wirst du diesen lästig werden). Hilf dir selbst und hilf anderen mit deiner ganzen Kraft. Und dabei sei heiter! Aber wieviel Kraft soll man für sich, und wieviel für die anderen brauchen? Schwer ist es gut zu leben!! Aber das gute Leben ist schön. „Aber nicht mein sondern dein Wille geschehe.”
§
2v[2]02.04.1916
War krank. Heute noch sehr schwach. Heute sagte mir mein Kommandant er wolle mich in's Hinterland abschieben lassen. Wenn das geschieht werde ich mich umbringen.
§
3v[1]06.04.1916
Das Leben ist eine 07.04.1916 Tortur von der man nur zeitweise heruntergespannt wird um für weitere Qualen empfänglich zu bleiben. Ein furchtbares Sortiment von Qualen. Ein erschöpfender Marsch, eine durchhustete Nacht, eine Gesellschaft von Besoffenen, eine Gesellschaft von gemeinen und dummen Leuten. Tue Gutes und freue dich über deine Tugend. Bin krank und habe ein schlechtes Leben. Gott helfe mir. Ich bin ein armer unglücklicher Mensch. Gott erlöse mich und schenke mir den Frieden! Amen.
§
3v[2] &4v[1]
10.04.1916
Lebe mit Mühe. Bin noch nicht erleuchtet worden. Sah mich heute im Spiegel, ich bin ganz eingefallen! Ich kann ja auch schon lange nicht mehr arbeiten.
§
4v[2]13.04.1916
Taumle und falle noch immer im Dunkel. Bin noch nicht zum Leben erwacht.
§
4v[3]15.04.1916
In 8 Tagen gehen wir in Feuerstellung. Möchte es mir vergönnt sein mein Leben in einer schweren Aufgabe auf's Spiel zu setzen!
§
4v[4]16.04.1916
Bin seit dem 22.3. vollkommen asexuell. Die letzten Tage Rasttage.
§
4v[5]18.04.1916
Morgen oder übermorgen in die Feuerstellung. Also Mut! Gott wird helfen.
§
5v[1]20.04.1916
Gott bessere mich! Dann werde ich auch froher werden. Heute wahrscheinlich schon in Feuerstellung. Gott helfe mir.
§
5v[2]23.04.1916
Seit ein paar Tagen in Feuerstellung. Den ganzen Tag über schwere körperliche Arbeit außerstande zu denken. Gott helfe mir; ich habe ungeheuer viel zu leiden. Habe heute angesucht auf den Beobachtungsstand zu kommen. Beim Halbzug haßt mich alles weil mich keiner versteht. Und weil ich kein Heiliger bin! Gott helfe mir!
§
6v[1]26.04.1916
Die Offiziere der Batterie können mich scheinbar sehr gut leiden. Dies erspart mir manche Unannehmlichkeit. Gott sei gedankt. Dein Wille geschehe! Geh Du deiner Wege! Dein Wille geschehe!
§
6v[2] &7v[1]
27.04.1916
Die Mannschaft mit wenigen Ausnahmen haßt mich als Freiwilligen. So bin ich jetzt fast immer umgeben von Leuten die mich hassen. Und dies ist das Einzige womit ich mich noch nicht abfinden kann. Hier sind aber böse, herzlose Menschen. Es ist mir fast unmöglich eine Spur von Menschlichkeit in ihnen zu finden. Gott helfe mir zu leben. Hatte heute eine Ahnung daß heute nacht Alarm sein werde. Und wirklich ist heute nacht Bereitschaft. Gott sei mit mir! Amen.
§
7v[2]28.04.1916
Nachts Ruhe. Schrieb an Russell. Hatte heute nacht einen schlechten Traum. Gott schütze mich.
§
7v[3]29.04.1916
Nachm. bei den Aufklärern. Wurden beschossen. Dachte an Gott. Dein Wille geschehe! Gott sei mit mir.
§
7v[4]16.04.1930
Gehe heute während eines Feuerüberfalls wieder zu den Aufklärern: Nur Gott braucht der Mensch.
§
7v[5] &8v[1]
02.05.1916
Habe mich fortwährend gegen die Gemeinheit der Leute zu wehren.
§
8v[2]03.05.1916
Habe es schwer! Gott beschütze mich und stehe mir bei. Amen. Möchte der schwerste Kelch an mir vorüber gehen. Aber Dein Wille geschehe. Die Arbeit schläft in meinem Kopfe.
§
8v[3] &9v[1]
04.05.1916
Komme morgen vielleicht auf mein Ansuchen zu den Aufklärern hinauf. Dann wird für mich erst der Krieg anfangen. Und – kann sein – auch das Leben! Vielleicht bringt mir die Nähe des Todes das Licht des Lebens! Möchte Gott mich erleuchten! Ich bin ein Wurm aber durch Gott werde ich zum Menschen. Gott stehe mir bei. Amen.
§
9v[2]05.05.1916
Bin wie der Prinz im verwünschten Schloß auf dem Aufklärerstand. Jetzt bei Tag ist alles ruhig aber in der Nacht! Da muß es fürchterlich zugehen! Ob ich es aushalten werde???? Die heutige Nacht wird es zeigen. Gott stehe mir bei!!
§
9v[3] &10v[1]
06.05.1916
In steter Lebensgefahr. Die Nacht verlief durch die Gnade Gottes gut. Von Zeit zu Zeit werde ich verzagt. Das ist die Schule der falschen Lebensauffassung! Verstehe die Menschen! Immer wenn du sie hassen willst trachte sie statt dessen zu verstehen. Lebe im innern Frieden! Wie aber kommst du zum innern Frieden? Nur indem ich gottgefällig lebe! Nur so ist es möglich, das Leben zu ertragen.
§
10v[2]07.05.1916
Nacht verlief ruhig. Gott sei Dank. Nur ich bin ein Elender.
§
10v[3] &12v[1]
08.05.1916
Ruhige Nacht. Gott mit mir!
Die Leute mit denen ich beisammen bin sind nicht so sehr gemein als ungeheuer beschränkt! Das macht den Verkehr mit ihnen fast unmöglich, weil sie einen ewig mißverstehen. Die Leute sind nicht dumm, aber beschränkt. Sie sind in ihrem Kreise klug genug. Aber es fehlt ihnen der Charakter und damit die Ausdehnung. „Alles versteht das rechtgläubige Herz”. Kann jetzt nicht arbeiten.
§
12v[2]09.05.1916
Hätte jetzt reichlich Zeit und Ruhe zum Arbeiten. Aber es rührt sich nichts. Mein Stoff ist weit von mir entfernt. Der Tod gibt dem Leben erst seine Bedeutung.
§
12v[3] &13v[1]
10.05.1916
Durch die Gnade Gottes geht es mir jetzt sehr gut. Arbeiten kann ich leider nicht. Aber Dein Wille geschehe! Amen. In der Gefahr wird er mich nicht verlassen!! —.
§
13v[2]11.05.1916
Übermorgen Stellungswechsel. Sehr unangenehm! Aber Dein Wille geschehe.
§
13v[3] &14v[1]
16.05.1916
In der dritten Stellung. Wie immer viel Mühsal. Aber auch große Gnade. Bin schwach wie immer! Kann nicht arbeiten.
Schlafe heute im Infanteriefeuer werde wahrscheinlich zu Grunde gehen. Gott sei mit mir! In Ewigkeit Amen. Ich bin ein schwacher Mensch aber Er hat mich bis nun erhalten. Gott sei gelobt in Ewigkeit, Amen. Ich übergebe meine Seele dem Herrn.
§
14v[2]21.05.1916
Gott mache aus mir einen bessern Menschen!
§
14v[3]25.05.1916
Werden beschossen. Wie Gott will!
§
14v[4]27.05.1916
Briefe von Mining und Mama. Heute oder morgen soll russischer Angriff sein. Nun wie Gott will. Ich bin sehr tief in die Sünde gefallen. Aber Gott wird mir vergeben.
§
14v[5] &15v[1]
28.05.1916
In den letzten Wochen sehr unruhigen Schlaf. Immer träume ich vom Dienst. Träume die mich immer an die Grenze des Erwachens führen. In den letzten 2 Monaten nur 3 mal onaniert. Meine Umgebung ekelt mich gegen meinen Willen an. Nicht wie Menschen sondern wie Fratzen erscheinen sie mir oft. Gemeines Gesindel. Ich hasse sie nicht aber sie ekeln mich an. Heute strenge Bereitschaft. Mein Kommandant ist sehr liebenswürdig mit mir. Denke an das Ziel des Lebens. Das ist noch das Beste was du machen kannst. Ich sollte glücklicher sein. Oh, wenn mein Geist stärker wäre!!! Nur Gott mit mir! Amen.
§
15v[2]29.05.1916
Gott mit mir.
§
15v[3] &16r[1]
06.07.1916
Kolossale Strapazen im letzten Monat. Habe viel über alles mögliche nachgedacht kann aber merkwürdigerweise nicht die Verbindung mit meinen mathematischen Gedankengängen herstellen.
§
16r[2]07.07.1916
Aber die Verbindung wird hergestellt werden!
Was sich nicht sagen läßt, läßt sich nicht sagen!
§
16r[3]08.07.1916
Leider, leider! Ich habe keine Ruhe zum Arbeiten!
§
16r[4] &16v[1]
09.07.1916
Ärgere dich nicht über die Menschen. Die Menschen sind graue Schufte. Und doch darfst du dich nicht über sie ärgern. Ihre Worte dürfen nicht in dich dringen. Wenn sie mich nicht anreden ist es noch leicht die Ruhe zu bewahren. Aber wenn sie dir gegenüber frech und grob werden dann wallt es in mir auf. Ärgere dich nicht. Ärgern nützt dich gar nichts.
§
16v[2]14.07.1916
Die Gnade der Arbeit.
§
16v[3]16.07.1916
Furchtbare Witterung. Im Gebirge, schlecht, ganz unzureichend geschützt eisige Kälte, Regen und Nebel. Qualvolles Leben. Furchtbar schwierig sich nicht zu verlieren. Denn ich bin ja ein schwacher Mensch. Aber der Geist hilft mir. Am besten wär's ich wäre schon krank dann hätte ich wenigstens ein bißchen Ruhe.
§
17v[1]19.07.1916
Ärgere mich noch immer. Bin ein schwacher Mensch.
§
17v[2]20.07.1916
Arbeite nur fort damit du gut wirst.
§
17v[3]24.07.1916
Werden beschossen. Und bei jedem Schuß zuckt meine Seele zusammen. Ich möchte so gerne noch weiter leben!
§
17v[4] &18v[1]
26.07.1916
Rührenden Brief von David. Er schreibt, sein Bruder sei in Frankreich gefallen. Schrecklich! Dieser liebe freundliche Brief öffnet mir die Augen darüber wie ich hier in der Verbannung lebe. Es mag eine heilsame Verbannung sein aber ich fühle sie jetzt als Verbannung. Ich bin unter lauter Larven verbannt und muß mit diesen unter den widerlichsten Umständen leben. Und in dieser Umgebung soll ich ein gutes Leben führen und mich läutern. Aber das ist furchtbar schwer! Ich bin zu schwach. Ich bin zu schwach! Gott helfe mir.
§
18v[2] &19v[1]
29.07.1916
Wurde gestern beschossen. War verzagt! Ich hatte Angst vor dem Tode!
Solch einen Wunsch habe ich jetzt zu leben! Und es ist schwer auf das Leben zu verzichten wenn man es einmal gern hat. Das ist eben „Sünde”, unvernünftiges Leben, falsche Lebensauffassung. Ich werde von Zeit zu Zeit zum Tier. Dann kann ich an nichts denken als an essen, trinken schlafen. Furchtbar! Und dann leide ich auch wie ein Tier, ohne die Möglichkeit innerer Rettung. Ich bin dann meinen Gelüsten und meinen Abneigungen preisgegeben. Dann ist an ein wahres Leben nicht zu denken.
§
19v[2] &20v[1]
30.07.1916
Komisch: Heute ärgere ich mich darüber daß ich bei der Infanterie wo ich jetzt in Verpflegung bin nicht Offiziersmenage bekomme wie mir anfangs in Aussicht gestellt wurde. Ich benehme mich also im höchsten Grade kindisch und schlecht.
Aber trotzdem kann ich meinen Ärger über das erlittene Unrecht nicht bemeistern. Immer wieder muß ich daran denken, und wie ihm etwa abgeholfen werden könnte. So dumm ist der Mensch.
§
20v[2] &21v[1]
06.08.1916
Nach 3 Tagen Bahnfahrt auf dem Marsch in die Feuerstellung. Nicht bei bester Gesundheit und durch die Borniertheit und Gemeinheit meiner Umgebung seelisch marod. Gott gib mir Kraft, innere Stärke, der seelischen Krankheit zu trotzen. Gott erhalte mich bei frohem Mute.
§
21v[2]12.08.1916
Lebe in der Sünde dahin, d.h. unglücklich. Bin verdrossen, freudlos. Lebe mit meiner ganzen Umgebung in Unfrieden.
§
21v[3] &22v[1]
12.08.1916
Du weißt was du zu tun hast um glücklich zu leben; warum tust du es nicht? Weil du unvernünftig bist. Ein schlechtes Leben ist ein unvernünftiges Leben. Es kommt darauf an sich nicht zu ärgern.
§
22v[2]13.08.1916
Kämpfe noch vergebens gegen meine schwache Natur. Gott stärke mich!
—
§
22v[3]19.08.1916
Von Gemeinheit umgeben! Soll in absehbarer Zeit zum Kader in's Hinterland abgehen. Bin froh darüber. Von Gemeinheit umgeben.
Gott wird helfen.
§
52v[1]Bin deprimiert. Allein allein! Gott sei Dank: Loos lebt.
§NB
1r[1]07.04.1916
15.04.1916 Nur was wir selbst konstruieren, können wir voraussehen!
§NB
1r[2]Aber wo bleibt da der Begriff des einfachen Gegenstandes?
§NB
1r[3]Dieser Begriff kommt hier überhaupt noch nicht in Betracht.
§NB
1r[4]Wir müssen die einfachen Funktionen darum konstruieren können weil wir jedem Zeichen eine Bedeutung geben können müssen.
§NB
1r[5]Denn das einzige Zeichen welches für seine Bedeutung bürgt ist Funktion und Argument.
§
2r[1]16.04.1916
φx ∙ ψy
§NB
2r[2]Jeder einfache Satz läßt sich auf die Form φx bringen.
§NB
2r[3]Darum darf man aus dieser Form alle einfachen Sätze zusammenstellen.
§NB
2r[4]Angenommen mir wären alle einfachen Sätze gegeben: Dann läßt sich einfach fragen welche Sätze kann ich aus ihnen bilden. Und das sind alle Sätze und so sind sie begrenzt.
§NB
2r[5] &3r[1]
§NB
3r[2]17.04.1916
Die obige Definition kann in ihrer Allgemeinheit nur eine Schriftzeichenregel sein die mit dem Sinne der Zeichen nichts zu tun hat. Aber kann es eine solche Regel geben?
§NB
3r[3]Nur dann ist die Definition möglich wenn sie selbst kein Satz ist. Dann kann ein Satz nicht von allen Sätzen handeln, wohl aber eine Definition.
§NB
4r[1]23.04.1916
Die obige Definition handelt aber gar nicht von allen Sätzen denn sie enthält wesentlich wirkliche Variable. Sie ist ganz analog einer Operation als deren Basis auch ihr eigenes Resultat genommen werden kann.
§NB
4r[2]26.04.1916
So und nur so ist das Fortschreiten von einer Type zur anderen möglich.
§NB
4r[3]Und man kann sagen alle Typen stehen in Hierarchien.
§NB
4r[4] &5r[1]
Und die Hierarchie ist nur möglich durch den Aufbau durch die Operationen.
§NB
5r[2]Die empirische Realität ist begrenzt durch die Zahl der Gegenstände.
Die Grenze zeigt sich wieder in der Gesamtheit der einfachen Sätze.
§NB
5r[3]Die Hierarchien sind und müssen unabhängig sein von der Realität. Die Bedeutungen ihrer Glieder werden erst durch Zuordnung der Gegenstände zu den Namen bestimmt.
§NB
5r[4] &6r[1]
27.04.1916
φx . ψy
Sagen wir ich wollte eine Funktion von 3 unter einander unauswechselbaren Argumenten darstellen.
§NB
6r[2]φ(x) : φ( ), x
§NB
6r[3]Soll nun aber in der Logik von unvertauschbaren Argumenten die Rede sein? Wenn ja, so setzt dies doch etwas über die Beschaffenheit der Realität voraus.
§
6r[4]φx . ψy = xφψy = xRy
Fx.Fy.xRy = F(xRy)
F(xRy) = Fx.Fy․φx.ψy
§NB
6r[5] &7r[1]
06.05.1916
Der ganzen Weltanschauung der Modernen liegt diese Täuschung zu Grunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.
§NB
7r[2]So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem stehen wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal.
§NB
7r[3]Und sie haben ja beide recht und unrecht. Die Alten sind allerdings insofern klarer als sie einen klaren Abschluß anerkannten während es bei dem neuen System scheinen soll als sei alles begründet.
§NB
7r[4] &8r[1]
11.05.1916
❘p ❘(a,a)
Es gibt eben auch Operationen mit zwei Basen. Und die ‘ ❘ ’-Operation ist von dieser Art.
§NB
8r[2]❘ (ξ,η)… ist ein beliebiges Glied der Reihe der Operationsresultate.
§NB
8r[3](∃x).φx
Ist denn (∃x) etc. wirklich eine Operation?
§NB
8r[4]Was wäre aber ihre Basis?
§
8r[5]21.05.1916
(∃x).(y)․φ(x,y); (y)․(∃x).φ(x,y); (x) (∃y)․φ(x,y);
(∃y) (x) φ(xy) . (∃x).(∃y) φ(x,y); (x).(y) φ(x y)
§
8r[6]24.05.1916
§
8r[7]25.05.1916
§NB
8r[8] &9r[1] &
10r[1]
04.07.1916
Was weiß ich über Gott und den Zweck des Lebens? Ich weiß daß diese Welt ist. Daß ich in ihr stehe wie mein Auge in seinem Gesichtsfeld. Daß etwas an ihr problematisch ist was wir ihren Sinn nennen. Daß dieser Sinn nicht in ihr liegt sondern außer ihr. Daß das Leben die Welt ist. Daß mein Wille die Welt durchdringt. Daß mein Wille gut oder böse ist. Daß also Gut und Böse mit dem Sinn der Welt irgendwie zusammenhängt. Den Sinn des Lebens, d.i. den Sinn der Welt, können wir Gott nennen. Und das Gleichnis von Gott als einem Vater daran knüpfen.
Das Gebet ist der Gedanke an den Sinn des Lebens.
Ich kann die Geschehnisse der Welt nicht nach meinem Willen lenken sondern bin vollkommen machtlos.
Nur so kann ich mich unabhängig von der Welt machen – und sie also doch in gewissem Sinne beherrschen – indem ich auf einen Einfluß auf die Geschehnisse verzichte.
§NB
11r[1]05.07.1916
Die Welt ist unabhängig von meinem Willen.
§NB
11r[2]Auch wenn alles was wir wünschen geschähe so wäre dies doch nur so zu sagen eine Gnade des Schicksals denn es ist kein logischer Zusammenhang zwischen Willen und Welt der dies verbürgte und den angenommenen physikalischen konnten wir doch nicht wieder wollen.
§NB
11r[3] &12r[1]
Wenn das gute oder böse Wollen eine Wirkung auf die Welt hat so kann es sie nur auf die Grenzen der Welt haben, nicht auf die Tatsachen, auf das was durch die Sprache nicht abgebildet sondern nur in der Sprache gezeigt werden kann.
§NB
12r[2]Kurz die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden.
§NB
12r[3]Sie muß sozusagen als Ganzes zunehmen oder abnehmen. Wie durch Dazukommen oder Wegfallen eines Sinnes.
§NB
12r[4]Wie auch beim Tode die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört zu sein.
§NB
13r[1]06.07.1916
Und insofern hat wohl auch Dostojewski recht wenn er sagt daß der welcher glücklich ist den Zweck des Daseins erfüllt.
§NB
13r[2]Oder man könnte auch so sagen der erfüllt den Zweck des Daseins der keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht. Das heißt nämlich der befriedigt ist.
§NB
13r[3]Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.
§NB
13r[4] &14r[1]
Kann man aber so leben daß das Leben aufhört problematisch zu sein? Daß man im Ewigen lebt und nicht in der Zeit?
§NB
14r[2]07.07.1916
Ist nicht dies der Grund warum Menschen denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde warum diese dann nicht sagen konnten worin dieser Sinn bestand.
§NB
14r[3]Wenn ich mir eine „Art von Gegenständen” denken kann ohne zu wissen ob es solche Gegenstände gibt so muß ich mir ihr Urbild konstruiert haben.
§NB
14r[4]Beruht hierauf nicht die Methode der Mechanik?
§NB
14r[5] &15r[1]
08.07.1916
An einen Gott glauben heißt die Frage nach dem Sinne des Lebens verstehen.
§NB
15r[2]An einen Gott glauben heißt sehen daß es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist.
§NB
15r[3]An Gott glauben heißt sehen daß das Leben einen Sinn hat.
§NB
15r[4]Die Welt ist mir gegeben. d.h. mein Wille tritt an die Welt ganz von außen als an etwas Fertiges heran.
§NB
15r[5](Was mein Wille ist das weiß ich noch nicht.)
§NB
15r[6] &17r[1]
Daher haben wir das Gefühl daß wir von einem fremden Willen abhängig sind.
§NB
17r[2]Wie dem auch sei, jedenfalls sind wir in einem gewissen Sinne abhängig, und das wovon wir abhängig sind können wir Gott nennen.
§NB
17r[3]Gott wäre in diesem Sinne einfach das Schicksal oder, was dasselbe ist: die – von unserem Willen unabhängige – Welt.
§NB
17r[4]Vom Schicksal kann ich mich unabhängig machen.
§NB
17r[5]Es gibt zwei Gottheiten die Welt und mein unabhängiges Ich.
§NB
18r[1]Ich bin entweder glücklich oder unglücklich, das ist alles. Man kann sagen: gut oder böse gibt es nicht.
§NB
18r[2]Wer glücklich ist der darf keine Furcht haben. Auch nicht vor dem Tode.
§NB
18r[3]Nur wer nicht in der Zeit sondern in der Gegenwart lebt ist glücklich.
§NB
18r[4]Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod.
§NB
18r[5]Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Er ist keine Tatsache der Welt.
§NB
18r[6] &19r[1]
Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer sondern Unzeitlichkeit versteht, dann kann man sagen daß der ewig lebt der in der Gegenwart lebt.
§NB
19r[2]Um glücklich zu leben muß ich in Übereinstimmung sein mit der Welt. Und dies heißt ja „glücklich sein”.
§NB
19r[3]Ich bin dann sozusagen in Übereinstimmung mit jenem fremden Willen von dem ich abhängig erscheine. Das heißt: „ich tue den Willen Gottes”.
§NB
19r[4]Die Furcht vor dem Tode ist das beste Zeichen eines falschen d.h. schlechten Lebens.
§NB
20r[1]Wenn mein Gewissen mich aus dem Gleichgewicht bringt, so bin ich nicht in Übereinstimmung mit Etwas. Aber was ist dies? Ist es die Welt?
§NB
20r[2]Gewiß ist es richtig zu sagen: Das Gewissen ist die Stimme Gottes.
§NB
20r[3]Zum Beispiel: es macht mich unglücklich zu denken daß ich den und den beleidigt habe. Ist das mein Gewissen.
§NB
20r[4]Kann man sagen: „handle nach deinem Gewissen, es sei beschaffen wie es mag”?
§NB
20r[5]Lebe glücklich!
§NB
21r[1]09.07.1916
Wenn man nicht die allgemeinste Satzform angeben könnte, dann müßte ein Moment kommen, wo wir plötzlich eine neue Erfahrung machen, so zu sagen eine logische.
§NB
21r[2]Dies ist natürlich unmöglich.
§NB
21r[3]Nicht vergessen, daß (∃x) fx nicht heißt; es gibt ein x so daß fx, sondern: es gibt einen wahren Satz „fx”.
§NB
21r[4] &22r[1]
Der Satz fa spricht von bestimmten Gegenständen, der allgemeine Satz von allen Gegenständen.
§NB
22r[2]11.07.1916
Der bestimmte Gegenstand ist eine sehr merkwürdige Erscheinung.
§NB
22r[3]Statt „alle Gegenstände” könnte man sagen: alle bestimmten Gegenstände.
§NB
22r[4]Wenn alle bestimmten Gegenstände gegeben sind, sind „alle Gegenstände” gegeben. Kurz mit den bestimmten Gegenständen sind alle Gegenstände gegeben.
§NB
22r[5]Wenn es Gegenstände gibt, gibt es damit auch „alle Gegenstände”.
§NB
23r[1]Darum muß sich auch die Einheit der Elementarsätze und der allgemeinen Sätze herstellen lassen.
§NB
23r[2]Wenn nämlich die Elementarsätze gegeben sind, so sind damit auch alle Elementarsätze gegeben und damit der allgemeine Satz. – Und ist damit nicht schon die Einheit hergestellt.
§NB
23r[3]12.07.1916
13.07.1916 Immer wieder fühlt man daß auch im Elementarsatz von allen Gegenständen die Rede ist. (∃x) . φx . x = a
§NB
23r[4] &24r[1]
Wenn zwei Operationen gegeben sind die sich nicht auf eine reduzieren lassen, so muß sich zum mindesten eine allgemeine Form ihrer Kombination aufstellen lassen.
§NB
24r[2]φx, ψy❘χz, (∃x) ∙ , (x) ∙
Da sich offenbar leicht erklären läßt wie mit diesen Operationen sich Sätze bilden lassen und wie Sätze nicht zu bilden sind so muß sich dies auch irgendwie exakt ausdrücken lassen.
§NB
24r[3]14.07.1916
Und dieser Ausdruck muß auch schon in der allgemeinen Form des Operationszeichens gegeben sein.
§NB
24r[4] &25r[1]
Ja muß dies nicht der einzige legitime Ausdruck der Anwendung der Operation sein. Offenbar ja!
§NB
25r[2]Denn wenn die Operationsform überhaupt ausgedrückt werden kann, dann muß sie es so, daß sie nur richtig angewendet werden kann.
§
25r[3]Was aber ist der richtige Ausdruck für (∃x) . φx?
§
25r[4](∃α) . [φα❘ψβ …]
§
26r[1]Jetzt noch das Abwechseln zwischen (∃x) und (x) ausdrücken. Dann aber die Allgemeinheit der Form wie in der Ancestral Relation!
§
26r[2]aRx . xRy . yRz… uRb ∙ xRy{aRx}…
§
26r[3]15.07.1916
(∃(aRx . xRy . …zRb))
aRb⌵ aRx . xRb⌵ aRx xRy ∙ yRb⌵…⌵ aRx ∙ xRy ∙ yRz ∙ … uRb
Hier kann vernünftigerweise nicht von einer Existenz von Dingen die Rede sein da auch der Satz aRb schon den Bedingungen entspricht.
§
26r[4]Nichts scheint einfacher zu sein als ein Satz wie „a ist ein Nachkomme von b”!
§
27r[1]16.07.1916
xRy xRy ∙ yRz xRy ∙ yRz ∙ zRu – – – – – – – – | | – – ξ ∙ ξRη ∙ ξRη (– – Rξ) …
§
27r[2]20.07.1916
Meine alte Einteilung aller Satzformen war im Grunde richtig nur daß eine andere Art der Allgemeinheit benötigt wird.
§NB
27r[3]Der Mensch kann sich nicht ohne weiteres glücklich machen.
§NB
27r[4]Wer in der Gegenwart lebt, lebt ohne Furcht und Hoffnung.
§NB
27r[5] &28r[1]
21.07.1916
Was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem menschlichen Willen? Ich will „Willen” vor allem den Träger von Gut und Böse nennen.
§NB
28r[2]Stellen wir uns einen Menschen vor der keines seiner Glieder gebrauchen und daher im gewöhnlichen Sinne seinen Willen nicht betätigen könnte. Er könnte aber denken und wünschen und einem anderen seine Gedanken mitteilen. Könnte also auch durch den Anderen Böses oder Gutes tun. Dann ist klar daß die Ethik auch für ihn Geltung hätte und er im ethischen Sinne Träger eines Willens ist.
§NB
28r[3] &29r[1]
Ist nun ein prinzipieller Unterschied zwischen diesem Willen und dem der den menschlichen Körper in Bewegung setzt?
§NB
29r[2]Oder liegt hier der Fehler darin daß auch schon das Wünschen (resp. Denken) eine Handlung des Willens ist? (Und in diesem Sinne wäre allerdings der Mensch ohne Willen nicht lebendig.)
§NB
29r[3]Ist aber ein Wesen denkbar das nur vorstellen (etwa sehen) aber gar nicht wollen könnte. In irgend einem Sinne scheint dies unmöglich. Wäre es aber möglich dann könnte es auch eine Welt geben ohne Ethik.
§NB
30r[1]24.07.1916
Die Welt und das Leben sind Eins.
§NB
30r[2]Das physiologische Leben ist natürlich nicht „das Leben”. Und auch nicht das psychologische. Das Leben, ist die Welt.
§NB
30r[3]Die Ethik handelt nicht von der Welt. Die Ethik muß eine Bedingung der Welt sein wie die Logik.
§NB
30r[4]Ethik und Ästhetik sind Eins.
§NB
30r[5] &31r[1]
29.07.1916
Denn daß der Wunsch mit seiner Erfüllung in keinem logischen Zusammenhang steht ist eine logische Tatsache. Und daß die Welt des Glücklichen eine andere ist als die Welt des Unglücklichen ist auch klar.
§NB
31r[2]Ist sehen eine Tätigkeit?
§NB
31r[3]Kann man gut wollen, böse wollen und nicht wollen?
§NB
31r[4]Oder ist nur der glücklich der nicht will?
§NB
31r[5]„Seinen Nächsten lieben” das hieße, Wollen!
§NB
31r[6] &32r[1]
Kann man aber wünschen und doch nicht unglücklich sein wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht? (Und diese Möglichkeit besteht ja immer.)
§NB
32r[2]Ist es, nach den allgemeinen Begriffen, gut, seinem Nächsten nichts zu wünschen, weder Gutes noch Schlechtes?
§NB
32r[3]Und doch scheint in einem gewissen Sinne das nicht Wünschen das einzig Gute zu sein.
§NB
32r[4]Hier mache ich noch grobe Fehler! Kein Zweifel!
§NB
32r[5] &33r[1]
Allgemein wird angenommen, daß es böse ist dem Anderen Unglück zu wünschen. Kann das richtig sein? Kann es schlechter sein als dem anderen Glück zu wünschen? Es scheint da so zu sagen darauf anzukommen, wie man wünscht.
§NB
33r[2]Man scheint nicht mehr sagen zu können als: Lebe glücklich!
§NB
33r[3]Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.
§NB
33r[4]Die Welt des Glücklichen ist eine glückliche Welt.
§NB
33r[5]Kann es also eine Welt geben die weder glücklich noch unglücklich ist?
§NB
34r[1] &35r[1]
30.07.1916
Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines allgemeinen ethischen Gesetzes von der Form „Du sollst … ” ist: „Und was dann, wenn ich es nicht tue?”.
Es ist aber klar daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn zu tun hat. Also muß diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muß doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muß zwar eine Art von Lohn und ethischer Strafe geben aber diese müssen in der Handlung selbst liegen. Und das ist auch klar daß der Lohn etwas Angenehmes die Strafe etwas Unangenehmes sein muß.
§NB
35r[2]Immer wieder komme ich darauf zurück, daß einfach das glückliche Leben gut das unglückliche schlecht ist. Und wenn ich mich jetzt frage: aber warum soll ich gerade glücklich leben so erscheint mir das von selbst als eine tautologische Fragestellung; es scheint daß sich das glückliche Leben von selbst rechtfertigt, daß es das einzig richtige Leben ist.
§NB
36r[1]Alles dies ist eigentlich in gewissem Sinne tief geheimnisvoll! Es ist klar daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt!
§NB
36r[2]Man könnte aber so sagen: Das glückliche Leben scheint in irgend einem Sinne harmonischer zu sein als das unglückliche. In welchem aber??
§NB
36r[3] &37r[1]
Was ist das objektive Merkmal des glücklichen, harmonischen Lebens? Da ist es wieder klar daß es kein solches Merkmal, das sich beschreiben ließe, geben kann. Dies Merkmal kann kein physisches sondern nur ein metaphysisches, ein transzendentes sein.
§NB
37r[2]Die Ethik ist transzendent.
§NB
37r[3]01.08.1916
Wie sich alles verhält, ist Gott.
§NB
37r[4]Gott ist, wie sich alles verhält.
§NB
37r[5]Nur aus dem Bewußtsein der Einzigkeit meines Lebens entspringt Religion – Wissenschaft – und Kunst.
§NB
37r[6]02.08.1916
Und dieses Bewußtsein ist das Leben selber.
§NB
37r[7]Kann es eine Ethik geben wenn es außer mir kein Lebewesen gibt?
§NB
38r[1]Wenn die Ethik etwas Grundlegendes sein soll, ja!.
§NB
38r[2]Wenn ich recht habe; so genügt es nicht zum ethischen Urteil, daß eine Welt gegeben sei. Die Welt ist dann an sich weder gut noch böse.
§NB
38r[3]Denn es muß für die Existenz der Ethik gleich bleiben ob es auf der Welt lebende Materie gibt oder nicht. Und es ist klar daß eine Welt in der nur tote Materie ist an sich weder gut noch böse ist also kann auch die Welt der Lebewesen an sich weder gut noch böse sein.
§NB
39r[1]Gut und Böse tritt erst durch das Subjekt ein. Und das Subjekt gehört nicht zur Welt sondern ist eine Grenze der Welt.
§NB
39r[2]Man könnte (Schopenhauerisch) sagen: Die Welt der Vorstellung ist weder gut noch böse, sondern das wollende Subjekt.
§NB
39r[3]Die völlige Unklarheit aller dieser Sätze ist mir bewußt.
§NB
39r[4] &40r[1]
Nach dem Früheren müßte also das wollende Subjekt glücklich oder unglücklich sein und Glück und Unglück können nicht zur Welt gehören.
§NB
40r[2]Wie das Subjekt kein Teil der Welt ist sondern eine Voraussetzung ihrer Existenz so sind Gut und Böse, Prädikate des Subjekts, nicht Eigenschaften in der Welt.
§NB
40r[3]Ganz verschleiert ist hier das Wesen des Subjekts.
§NB
40r[4]Ja, meine Arbeit hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt.
§NB
40r[5] &41r[1]
04.08.1916
Ist nicht am Ende das vorstellende Subjekt bloßer Aberglaube.
§NB
41r[2]Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken?
§NB
41r[3]Du sagst es verhält sich hier ganz wie bei Auge und Gesichtsfeld. Aber das Auge siehst Du wirklich nicht. Und ich glaube daß nichts am Gesichtsfeld darauf schließen läßt daß es von einem Auge gesehen wird.
§NB
41r[4]05.08.1916
Das vorstellende Subjekt ist wohl leerer Wahn. Das wollende Subjekt aber gibt es.
§NB
42r[1]Wäre der Wille nicht, so gäbe es auch nicht jenes Zentrum der Welt das wir das Ich nennen und das der Träger der Ethik ist.
§NB
42r[2]Gut und böse ist wesentlich nur das Ich, nicht die Welt.
§NB
42r[3]Das Ich, das Ich ist das tief Geheimnisvolle!
§NB
42r[4]07.08.1916
Das Ich ist kein Gegenstand.
§NB
42r[5]08.08.1916
11.08.1916 Jedem Gegenstand stehe ich objektiv gegenüber. Dem Ich nicht.
§NB
43r[1]Es gibt also wirklich eine Art und Weise, wie in der Philosophie in einem nicht psychologischen Sinne vom Ich die Rede sein kann und muß.
§NB
43r[2]12.08.1916
Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, daß die Welt meine Welt ist.
§NB
43r[3]Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht etwa eine solche Form:
.
§NB
43r[4] &44r[1]
Das hängt damit zusammen daß kein Teil unserer Erfahrung a priori ist.
§NB
44r[2]Alles was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.
§NB
44r[3]13.08.1916
Angenommen der Mensch könnte seinen Willen nicht betätigen müßte aber alle Not dieser Welt leiden, was könnte ihn dann glücklich machen?
§NB
44r[4] &45r[1]
Wie kann der Mensch überhaupt glücklich sein, da er doch die Not dieser Welt nicht abwehren kann? Eben durch das Leben der Erkenntnis.
§NB
45r[2]Das gute Gewissen ist das Glück welches das Leben der Erkenntnis gewährt.
§NB
45r[3]Das Leben der Erkenntnis ist das Leben, welches glücklich ist, der Not der Welt zum Trotz.
§NB
45r[4]Nur das Leben ist glücklich welches auf die Annehmlichkeiten der Welt verzichten kann. Ihm sind die Annehmlichkeiten der Welt nur so viele Gnaden des Schicksals.
§NB
46r[1] &47r[1]
16.08.1916
Daß ein Punkt nicht zugleich rot und grün sein kann muß dem ersten Anschein nach keine logische Unmöglichkeit sein. Aber schon die physikalische Ausdrucksweise reduziert sie zu einer kinetischen Unmöglichkeit. Man sieht zwischen Rot und Grün besteht eine Verschiedenheit der Struktur. Und nun ordnet sie die Physik gar noch in eine Reihe. Und nun sieht man wie hier die wahre Struktur der Gegenstände ans Licht gebracht wird. Daß ein Teilchen nicht zu gleicher Zeit an zwei Orten sein kann das sieht schon vielmehr aus wie eine logische Unmöglichkeit. Fragen wir z.B. warum so taucht sofort der Gedanke auf: Nun wir würden eben Teilchen die sich an zwei Orten befänden verschiedene nennen, und das scheint alles wieder aus der Struktur des Raumes und der Teilchen zu folgen.
§NB
47r[2]17.08.1916
Operation ist der Übergang von einem Glied zum folgenden einer Formen-Reihe.
§NB
47r[3]Operation und Formen-Reihe sind Äquivalente.
§NB
47r[4] &48r[1]
19.08.1916
29.08.1916 Die Frage ist, ob die gewöhnliche kleine Anzahl von Grundoperationen genügt um alle möglichen Operationen herzustellen.
§NB
48r[2]Es scheint, daß dies so sein muß.
§NB
48r[3]Man kann auch fragen, ob man von jedem Ausdruck auf jeden verwandten mit jenen Grundoperationen übergehen kann.
§NB
48r[4]02.09.1916
Hier sieht man daß der Solipsismus streng durchgeführt mit dem reinen Realismus zusammenfällt.
§NB
49r[1]Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen und es bleibt die ihm koordinierte Realität bestehen.
§NB
49r[2]p ∙ q→p {p ∙ q} ⌵ p ∙ ~q = p
Was geht mich die Geschichte an? Meine Welt ist die erste und einzige!
§NB
49r[3]Ich will berichten, wie ich die Welt vorfand.
§NB
49r[4] &50r[1]
Was andere mir auf der Welt über die Welt sagten ist ein ganz kleiner und nebensächlicher Teil meiner Welt-Erfahrung.
§NB
50r[2]Ich habe die Welt zu beurteilen, die Dinge zu messen.
§NB
50r[3] &51r[1]
Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper oder die menschliche Seele mit den psychologischen Eigenschaften, sondern das metaphysische Subjekt die Grenze (nicht ein Teil) der Welt. Der menschliche Körper aber, mein Körper insbesondere ist ein Teil der Welt unter anderen Teilen der Welt unter Tieren, Pflanzen, Steinen etc. etc..
§NB
51r[2]Wer das einsieht wird seinem Körper oder dem menschlichen Körper nicht eine bevorzugte Stelle in der Welt einräumen wollen.
Er wird Menschen und Tiere ganz naiv als ähnliche und zusammengehörige Dinge betrachten.
§NB
51r[3]11.09.1916
Die Art und Weise wie die Sprache bezeichnet spiegelt sich in ihrem Gebrauche wieder.
§NB
52r[2]Daß die Farben keine Eigenschaften sind, zeigt die Analyse der Physik, zeigen die internen Relationen in welchen die Physik die Farben zeigt.
§NB
52r[3]Wende dies auch auf Klänge an.
§NB
52r[4] &53r[1]
12.09.1916
Jetzt wird klar warum ich dachte Denken und Sprechen wäre dasselbe. Das Denken nämlich ist eine Art Sprache. Denn der Gedanke ist natürlich auch ein logisches Bild des Satzes, und somit ebenfalls eine Art Satz.
§NB
53r[2]19.09.1916
Die Menschheit hat immer nach einer Wissenschaft gesucht in welcher simplex sigillum veri ist.
§NB
53r[3] &54r[1]
Es kann nicht eine ordentliche oder eine unordentliche Welt geben so daß man sagen könnte unsere Welt ist ordentlich. Sondern in jeder möglichen Welt ist eine, wenn auch komplizierte Ordnung gerade so wie es im Raume auch nicht unordentliche und ordentliche Punktverteilungen gibt sondern jede Punktverteilung ist ordentlich.
§NB
54r[2]Die Kunst ist ein Ausdruck.
§NB
54r[3]Das gute Kunstwerk ist der vollendete Ausdruck.
§NB
54r[4]07.10.1916
Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen; und das gute Leben ist die Welt sub specie aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik.
§NB
55r[1]Die gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, die Betrachtung sub specie aeternitatis von außerhalb.
§NB
55r[2]So daß sie die ganze Welt als Hintergrund haben.
§NB
55r[3]Ist es etwa das daß sie den Gegenstand mit Raum und Zeit sieht statt in Raum und Zeit.
§NB
55r[4]Jedes Ding bedingt die ganze logische Welt, sozusagen den ganzen logischen Raum.
§NB
55r[5](Es drängt sich der Gedanke auf): Das Ding sub specie aeternitatis gesehen ist das Ding mit dem ganzen logischen Raum gesehen.
§NB
56r[1]08.10.1916
Als Ding unter Dingen ist jedes Ding gleich unbedeutend als Welt jedes gleich bedeutend.
§NB
56r[2]Habe ich den Ofen kontempliert und es wird mir nun gesagt: jetzt kennst Du aber nur den Ofen so scheint mein Resultat allerdings kleinlich. Denn das stellt es so dar als hätte ich den Ofen unter den vielen vielen Dingen der Welt studiert. Habe ich aber den Ofen kontempliert so war er meine Welt. Und alles andere dagegen blaß.
§NB
57r[1]Man kann eben die bloße gegenwärtige Vorstellung sowohl auffassen als das nichtige momentane Bild in der ganzen zeitlichen Welt als auch als die wahre Welt unter Schatten.
§NB
57r[2]09.10.1916
Nun ist aber endlich der Zusammenhang der Ethik mit der Welt klar zu machen.
§NB
57r[3]12.10.1916
Ein Stein, der Körper eines Tiers, der Körper eines Menschen, mein Körper, stehen alle auf gleicher Stufe.
§NB
57r[4] &58r[1]
Darum ist was geschieht ob es von einem Stein oder von meinem Körper geschieht weder gut noch schlecht.
§NB
58r[2]„Die Zeit ist einsinnig” muß ein Unsinn sein.
§NB
58r[3]Die Einsinnigkeit ist eine logische Eigenschaft der Zeit.
§NB
58r[4]Denn wenn man jemanden früge wie er sich die Einsinnigkeit vorstellt so würde er sagen: die Zeit wäre nicht einsinnig wenn sich ein Ereignis wiederholen könnte.
§NB
58r[5] &59r[1]
Daß sich aber ein Ereignis nicht wiederholen kann liegt geradeso wie daß ein Körper nicht zu gleicher Zeit an zwei Orten sein kann im logischen Wesen des Ereignisses.
§NB
59r[2]Es ist wahr: der Mensch ist der Mikrokosmos:
Ich bin meine Welt.
§NB
59r[3]15.10.1916
Was man sich nicht denken kann, darüber kann man auch nicht reden.
§NB
59r[4]„Bedeutung” bekommen die Dinge erst durch ihr Verhältnis zu meinem Willen.
§NB
59r[5]Denn „Jedes Ding ist was es ist und kein ander Ding”.
§NB
60r[1]Eine Auffassung: Wie ich aus meiner Physiognomie auf meinen Geist (Charakter, Willen) schließen kann so aus der Physiognomie jedes Dinges auf seinen Geist (Willen).
§NB
60r[2]Kann ich aber aus meiner Physiognomie auf meinen Geist schließen?
§NB
60r[3]Ist dieses Verhältnis nicht rein empirisch?
§NB
60r[4]Drückt mein Körper wirklich etwas aus? Ist er selbst der interne Ausdruck von etwas?
§NB
60r[5] &61r[1]
Ist etwa das böse Gesicht an sich böse oder bloß weil es empirisch mit böser Laune verbunden ist?
§NB
61r[2]Aber es ist klar daß der Kausalnexus gar kein Nexus ist.
§NB
61r[3]Ist es denn wahr, daß sich mein Charakter nach der psychophysischen Auffassung nur im Bau meines Körpers oder meines Gehirns und nicht ebenso im Bau der ganzen übrigen Welt ausdrückt? Hier liegt ein springender Punkt.
§NB
61r[4]Dieser Parallelismus besteht also eigentlich zwischen meinem Geist i.e. dem Geist und der Welt.
§NB
62r[1]Bedenke nur daß der Geist der Schlange des Löwen dein Geist ist. Denn nur von Dir her kennst du überhaupt den Geist.
§NB
62r[2]Es ist nun freilich die Frage warum habe ich der Schlange gerade diesen Geist gegeben.
§NB
62r[3]Und die Antwort hierauf kann nur im psychophysischen Parallelismus liegen: Wenn Ich so aussähe wie die Schlange und das täte was sie tut so wäre ich so und so.
§NB
62r[4]Das Gleiche beim Elefanten, bei der Fliege bei der Wespe.
§NB
63r[1]Es frägt sich aber ob nicht eben auch hier wieder (und gewiß ist es so) mein Körper mit dem der Wespe und der Schlange auf einer Stufe stehen so daß ich weder von dem der Wespe auf meinen noch von meinem auf den der Wespe geschlossen habe.
§NB
63r[2]Ist das die Lösung des Rätsels warum die Menschen immer glaubten ein Geist sei der ganzen Welt gemein.
§NB
63r[3] &64r[1]
Und dann wäre er freilich auch den unbelebten Dingen gemeinsam.
§NB
64r[2]Der Weg den ich gegangen bin ist der:
Der Idealismus scheidet aus der Welt als unik die Menschen aus, der Solipsismus scheidet mich allein aus, und endlich sehe ich daß auch ich zur übrigen Welt gehöre auf der einen Seite bleibt also nichts übrig auf der anderen als unik die Welt. So führt der Idealismus streng durchdacht zum Realismus.
§NB
64r[3] &65r[1]
17.10.1916
Und in diesem Sinne kann ich auch von einem der ganzen Welt gemeinsamen Willen sprechen. Aber dieser Wille ist in einem höheren Sinne mein Wille.
§NB
65r[2]Wie meine Vorstellung die Welt ist so ist mein Wille der Welt-Wille.
§NB
65r[3]20.10.1916
Es ist klar daß mein Gesichtsraum der Länge nach anders beschaffen ist als der Breite nach.
§NB
65r[4] &66r[1]
Es verhält sich nicht so, daß ich mich einfach überall bemerke wo ich etwas sehe, sondern ich befinde mich auch immer in einem bestimmten Punkt meines Gesichtsraumes mein Gesichtsraum hat also quasi eine Form.
§NB
66r[2]Trotzdem aber ist es wahr daß ich das Subjekt nicht sehe.
§NB
66r[3]Es ist wahr daß das erkennende Subjekt nicht in der Welt ist, daß es kein erkennendes Subjekt gibt.
§NB
66r[4] &67r[1]
Ich kann mir jedenfalls vorstellen daß ich den Willensakt ausführe um meinen Arm zu heben aber mein Arm sich nicht bewegt. (Eine Sehne sei etwa gerissen.) Ja, aber wird man sagen, die Sehne bewegt sich doch und dies zeigt eben daß sich mein Willensakt auf die Sehne und nicht auf den Arm bezogen hat. Aber gehen wir weiter und nehmen an, auch die Sehne bewegte sich nicht und so fort. Wir würden dann dazu kommen, daß sich der Willensakt überhaupt nicht auf einen Körper bezieht, daß es also im gewöhnlichen Sinne des Wortes keinen Willensakt gibt.
§NB
67r[2]Das künstlerische Wunder ist, daß es die Welt gibt. Daß es das gibt was es gibt.
§NB
68r[1]Ist das das Wesen der künstlerischen Betrachtungsweise, daß sie die Welt mit glücklichem Auge betrachtet?
§NB
68r[2]Ernst ist das Leben heiter ist die Kunst.
§NB
68r[3]21.10.1916
Denn etwas ist wohl an der Auffassung als sei das Schöne der Zweck der Kunst. Und das Schöne ist eben das was glücklich macht.
§NB
68r[4] &69r[1]
29.10.1916
Könnte man nicht sagen die Allgemeinheit ist der Zusammensetzung ebensowenig koordiniert wie Tatsache dem Ding? Beide Arten von Operationszeichen müssen oder können im Satz nebeneinander vorkommen.
§NB
69r[2]04.11.1916
Ist der Wille eine Stellungnahme zur Welt.
§NB
69r[3]Der Wille scheint sich immer auf eine Vorstellung beziehen zu müssen. Wir können uns z.B. nicht vorstellen daß wir einen Willensakt ausgeführt hätten ohne gespürt zu haben daß wir ihn ausgeführt haben.
§NB
69r[4] &70r[1]
Es könnte sonst etwa die Frage entstehen ob er schon ganz ausgeführt sei.
§NB
70r[2]Es ist sozusagen klar, daß wir für den Willen einen Halt in der Welt brauchen.
§NB
70r[3]Der Wille ist eine Stellungnahme des Subjekts zur Welt.
§NB
70r[4]Das Subjekt ist das wollende Subjekt.
§NB
70r[5] &71r[1]
Haben die Gefühle die mich von dem Vorgang eines Willensakts überzeugen irgend eine besondere Eigenschaft die sie von anderen Vorstellungen unterscheidet?
§NB
71r[2]Es scheint nein!
§NB
71r[3]Dann wäre es aber denkbar daß ich etwa daraufkäme daß z.B. dieser Sessel direkt meinem Willen folgt.
§NB
71r[4]Ist das möglich?
§NB
71r[5] &72r[1]
Bei dem Zeichnen des Vierecks
im Spiegel bemerkt man daß man es nur ausführen kann wenn man vom Gesichtsbild ganz absieht und nur das Muskelgefühl zu Hilfe nimmt ∙ also handelt es sich hier doch um zwei ganz verschiedene Willensakte. ∙ Der eine bezieht sich auf den Gesichtsteil der Welt der andere auf den Teil des Muskelgefühls.
§NB
72r[2]Haben wir mehr als erfahrungsmäßige Evidenz daß es sich in beiden Fällen um die Bewegung desselben Körperteils handelt?
§NB
72r[3]Verhält es sich also so daß ich meine Handlungen mit meinem Willen nur begleite?
§NB
72r[4] &73r[1]
Aber wie kann ich dann voraussagen – und das kann ich doch in einem gewissen Sinne – daß ich in 5 Minuten meinen Arm heben werde? Daß ich dies wollen werde?
§NB
73r[2]Es ist klar: Es ist unmöglich zu wollen ohne nicht schon den Willensakt auszuführen.
§NB
73r[3]Der Willensakt ist nicht die Ursache der Handlung sondern die Handlung selbst.
§NB
73r[4]Man kann nicht wollen ohne zu tun.
§NB
74r[1]Wenn der Wille ein Objekt in der Welt haben muß so kann es auch die beabsichtigte Handlung sein.
§NB
74r[2]Und der Wille muß ein Objekt haben.
§NB
74r[3]Sonst hätten wir gar keinen Halt und könnten nicht wissen was wir wollten.
§NB
74r[4]Und könnten nicht Verschiedenes wollen.
§NB
74r[5] &75r[1]
Geschieht denn nicht die gewollte Bewegung des Körpers gerade so wie jedes Ungewollte in der Welt nur daß sie vom Willen begleitet ist?
§NB
75r[2]Aber sie ist nicht nur vom Wunsch begleitet! Sondern vom Willen.
§NB
75r[3]Wir fühlen uns sozusagen für die Bewegung verantwortlich.
§NB
75r[4]Mein Wille greift irgendwo in der Welt an, und an andern greift er wieder nicht an.
§NB
75r[5]Wünschen ist nicht Tun. Aber, Wollen ist Tun.
§NB
75r[6] &76r[1]
(Mein Wunsch bezieht sich z.B. auf die Bewegung des Sessels, mein Willen auf ein Muskelgefühl.)
§NB
76r[2]Daß ich einen Vorgang will besteht darin daß ich den Vorgang mache nicht darin daß ich etwas anders tue was den Vorgang verursacht.
§NB
76r[3]Wenn ich etwas bewege so bewege ich mich.
§NB
76r[4]Wenn ich einen Vorgang mache so gehe ich vor.
§NB
76r[5]Aber: Ich kann nicht alles wollen. –
§NB
77r[1]Aber was heißt das: „Ich kann das nicht wollen.” Kann ich denn versuchen etwas zu wollen.
§NB
77r[2]Es scheint nämlich durch die Betrachtung des Wollens als stünde ein Teil der Welt mir näher als ein anderer (was unerträglich wäre).
§NB
77r[3]Aber freilich ist es ja unleugbar daß ich in einem populären Sinne Gewisses tue und anderes nicht tue.
§NB
77r[4] &78r[1]
So stünde also der Wille der Welt nicht äquivalent gegenüber was unmöglich sein muß.
§NB
78r[2]Der Wunsch geht dem Ereignis voran der Wille begleitet es.
§NB
78r[3]Angenommen ein Vorgang würde meinen Wunsch begleiten. Hatte ich den Vorgang gewollt.
§NB
78r[4]Schiene dies Begleiten nicht zufällig im Gegensatz zu dem gezwungen des Willens.
§NB
78r[5] &79r[1]
08.11.1916
Ist der Glaube eine Erfahrung?
Ist der Gedanke eine Erfahrung?
§NB
79r[2]Alle Erfahrung ist Welt und braucht nicht das Subjekt.
§NB
79r[3]Der Willensakt ist keine Erfahrung.
§NB
79r[4]19.11.1916
Was für ein Grund ist da, zur Annahme eines wollenden Subjekts?
§NB
79r[5]Genügt nicht wieder meine Welt zur Individualisierung?
§NB
79r[6] &80r[1]
21.11.1916
Daß es möglich ist die allgemeine Satzform aufzustellen sagt nichts anderes als: Jede mögliche Satzform muß sich voraussehen lassen.
§NB
80r[2]Und das heißt: Wir können nie zu einer Satzform kommen von der wir sagen könnten: Ja daß es so etwas gibt, das hat sich nicht voraussehen lassen. Denn das würde heißen daß wir eine neue Erfahrung gemacht hätten die erst diese Satzform ermöglicht hat.
§NB
80r[3] &81r[1]
Also: Die allgemeine Satzform muß sich aufstellen lassen, weil die möglichen Satzformen a priori sein müssen. Weil die möglichen Satzformen a priori sind, darum gibt es die allgemeine Satzform.
§NB
81r[2]Dabei ist es vollkommen gleichgültig ob die gegebenen Grundoperationen durch die alle Sätze entstehen sollen dieselben über die logischen Stufen hinausführen, oder ob sie innerhalb der Stufen bleiben.
§NB
81r[3]Einen Satz den wir jemals werden bilden können, hätten wir auch jetzt gleich bilden können.
§NB
81r[4] &82r[1]
Wir brauchen jetzt die Klärung des Begriffes der atomistischen Funktion und des Begriffes „und so weiter”.
§NB
82r[2]Der Begriff „Und so weiter”, in Zeichen „‥‥”, ist einer der allerwichtigsten und wie alle anderen unendlich fundamental.
§NB
82r[3]Durch ihn allein nämlich sind wir berechtigt die Logik resp. Mathematik „so weiter” aus den Grundgesetzen und Urzeichen aufzubauen.
§NB
82r[4] &83r[1]
Das „Und so weiter” tritt sofort im Uranfang der alten Logik ein wenn gesagt wird daß wir nun nach der Angabe der Urzeichen ein Zeichen nach dem anderen „so weiter” entwickeln können.
§NB
83r[2]Ohne diesen Begriff würden wir bei den Urzeichen einfach stehen bleiben und könnten nicht „weiter”.
§NB
83r[3]Der Begriff „und so weiter” ist äquivalent mit dem Begriffe der Operation.
§NB
83r[4] &84r[1]
Nach dem Operationszeichen folgt das Zeichen „‥‥”, welches bedeutet daß das Resultat der Operation wieder zur Basis derselben Operation genommen werden kann; „und so weiter”.
§NB
84r[2]22.11.1916
Der Begriff der Operation ist ganz allgemein derjenige, nach welchem nach einer Regel Zeichen gebildet werden können.
§NB
84r[3]23.11.1916
Worauf stützt sich die Möglichkeit der Operation.
§NB
84r[4]Auf den allgemeinen Begriff der strukturellen Ähnlichkeit.
§NB
85r[1]Wie ich z.B. die Elementarsätze auffasse, muß ihnen etwas gemeinsam sein; sonst könnte ich überhaupt nicht kollektiv von ihnen allen als den „Elementarsätzen” sprechen.
§NB
85r[2]Dann müssen sie aber auch als Resultate von Operationen aus einander entwickelt werden können.
§NB
85r[3] &86r[1]
Denn wenn zwei Elementarsätzen wirklich etwas gemeinsam ist was einem Elementarsatz und einem zusammengesetzten nicht gemeinsam ist, so muß sich dies Gemeinsame irgend wie allgemein zum Ausdruck bringen lassen.
§NB
86r[2]24.11.1916
Wenn das allgemeine Kennzeichen der Operation bekannt sein wird dann wird auch klar sein aus welchen Elementarbestandteilen eine Operation immer besteht.
§NB
86r[3]Wenn die allgemeine Form der Operation gefunden ist so haben wir auch die allgemeine Form des Auftretens des Begriffs „Und so weiter”.
§NB
87r[1]26.11.1916
Alle Operationen sind aus den Grundoperationen zusammengesetzt.
§NB
87r[2]27.11.1916
28.11.1916 Entweder eine Tatsache ist in einer anderen enthalten, oder sie ist unabhängig von ihr.
§NB
87r[3]02.12.1916
Die Ähnlichkeit der Allgemeinheitsbezeichnung mit dem Argument zeigt sich wenn wir statt φa schreiben (ax).φx.
§NB
87r[4] &88r[1]
Man könnte die Argumente auch so einführen daß sie nur auf einer Seite des Gleichheitszeichens auftreten. Also immer analog „(Ex) ∙ φx ∙ x = a” statt „φa”.
§NB
88r[2]Die richtige Methode in der Philosophie wäre eigentlich die nichts zu sagen als was sich sagen läßt also Naturwissenschaftliches also etwas was mit Philosophie nichts zu tun hat, und dann immer wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte ihm nachweisen daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.
§NB
88r[3] &89r[1]
Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend (er hätte nicht das Gefühl daß wir ihn Philosophie lehrten) aber sie wäre die einzig richtige.
§NB
89r[2]07.01.1917
In dem Sinne, in welchem es eine Hierarchie der Sätze gibt, gibt es, natürlich, auch eine Hierarchie der Wahrheiten und der Verneinungen etc..
§NB
89r[3]In dem Sinne aber in welchem es, im allgemeinsten Sinne, Sätze gibt, gibt es nur eine Wahrheit und eine Verneinung.
§NB
90r[1]Dieser Sinn wird aus jenem gewonnen indem der Satz im allgemeinen aufgefaßt wird als das Resultat der einen Operation, welche alle Sätze aus der untersten Stufe erzeugt. etc.
§NB
90r[2]Die unterste Stufe und die Operation kann die ganze Hierarchie vertreten.
§NB
90r[3]08.01.1917
Es ist klar daß das logische Produkt zweier Elementarsätze nie eine Tautologie sein kann.
§NB
91r[1]Ist das logische Produkt zweier Sätze eine Kontradiktion und die Sätze scheinen Elementarsätze zu sein. So sieht man daß in diesem Falle der Schein trügt. (Z.B.: A ist rot und A ist grün.)
§NB
91r[2]10.01.1917
Wenn der Selbstmord erlaubt ist dann ist alles erlaubt.
§NB
91r[3]Wenn etwas nicht erlaubt ist dann ist der Selbstmord nicht erlaubt.
§NB
92r[1]Dies wirft ein Licht auf das Wesen der Ethik. Denn der Selbstmord ist sozusagen die elementare Sünde.
§NB
92r[2]Und wenn man ihn untersucht so ist es wie wenn man den Quecksilberdampf untersucht um das Wesen der Dämpfe zu erfassen.
§NB
92r[3]Oder ist nicht auch der Selbstmord an sich weder gut noch böse!