Bemerkungen über die Farben – II
1950, 20 remarks, Ms-172
§Ms-172
21[1]1. Man könnte von dem Farbeindruck einer Fläche reden, womit nicht die Farbe gemeint wäre, sondern die Farbtöne & ihre Verteilung, wenn sich z.B. der Eindruck einer braunen Fläche ergeben soll.
§Ms-172
21[2]2. Die Beimischung des Weiß nimmt der Farbe das Farbige; dagegen nicht die Beimischung von Gelb. – Ist das am Grunde des Satzes, daß es kein klar durchsichtiges Weiß geben kann?
§Ms-172
21[3]3. Was aber ist das für ein Satz: daß die Beimischung des Weißen der Farbe das Farbige nimmt. Wie ich es meine, kann's kein physikalischer Satz sein. Hier ist die Versuchung sehr groß, an eine Phänomenologie, ein Mittelding zwischen Wissenschaft & Logik, zu glauben.
§Ms-172
21[4]4. Was ist denn das Wesentliche des Trüben? Denn rotes, gelbes Durchsichtiges ist nicht trübe, weißes ist trübe.
§Ms-172
21[5] &22[1]
5. Ist trüb das, was die Formen verschleiert, & verschleiert es die Formen, weil es Licht & Schatten verwischt?
§Ms-172
22[2]6. Ist nicht weiß das, was die Dunkelheit aufhebt?
§Ms-172
22[3]7. Man redet zwar von ‘schwarzem Glas’ aber wer durch rotes Glas eine weiße Fläche sieht sieht sie rot, durch ‘schwarzes’ Glas nicht schwarz.
§Ms-172
22[4]8. Man bedient sich, um klar zu sehen, manchmal gefärbter Brillengläser, aber nie trüber.
§Ms-172
22[5]9. “Die Beimischung von Weiß verwischt den Unterschied zwischen Hell & Dunkel, Licht & Schatten”: bestimmt das die Begriffe näher? Ich glaube schon.
§Ms-172
22[6]10. Wer das nicht fände, hätte nicht die entgegengesetzte Erfahrung; sondern wir würden ihn nicht verstehn.
§Ms-172
23[1]11. In der Philosophie muß man immer fragen: “Wie muß man dieses Problem ansehen, daß es lösbar wird?”
§Ms-172
23[2]12. Denn hier (wenn ich die Farben betrachte z.B.) ist da erst nur eine Unfähigkeit irgend eine Ordnung zu machen. Wir stehen da, wie der Ochs vor der neu(an)gestrichenen Stalltür.
§Ms-172
23[3]13. Denk daran, wie ein Maler die Durchsicht durch ein rötlich gefärbtes Glas darstellen würde. Es ist ja ein kompliziertes Flächenbild, was sich da ergiebt. D.h., das Bild wird nebeneinander eine Menge von Abschattungen von Rot & andern Farben enthalten. Und analog, wenn man durch ein blaues Glas sähe. Wie aber, wenn man ein Bild malte, in dem dort, wo früher etwas bläulich oder rötlich wurde, es weißlich wird?
§Ms-172
23[4]14. Ist der ganze Unterschied hier, daß die Farben durch den rötlichen Schein nicht ihre Sattheit verlieren, wohl aber durch den weißlichen? Ja, man spricht gar nicht von einem ‘weißlichen Schein’!
§Ms-172
24[1]15. Wenn bei einer gewissen Beleuchtung alles weißlich aussähe, so würden wir nicht schließen, das Leuchtende müsse weiß ausschaun.
§Ms-172
24[2]16. Die Phänomenologische Analyse (wie sie z.B. Goethe wollte) ist eine Begriffsanalyse & kann der Physik weder beistimmen, noch widersprechen.
§Ms-172
24[3]17. Wie aber, wenn es irgendwo so wäre: das Licht eines weißglühenden Körpers ließe die Sachen hell aber weißlich, also farbschwach, erscheinen, das Licht eines rotglühenden rötlich, etc.? (Nur eine unsichtbare, dem Auge nicht wahrnehmbare Quelle, ließe sie in Farben leuchten.)
§Ms-172
24[4]18. Ja, wie wenn die Dinge nur dann in ihren Farben leuchteten, wenn, in unserm Sinne, kein Licht auf sie fällt, wenn z.B. der Himmel schwarz wäre? Könnte man dann nicht sagen: nur bei schwarzem Licht erscheinen (uns) die vollen Farben?
§Ms-172
24[5]19. Aber wäre hier nicht ein Widerspruch?
§Ms-172
24[6]20. Ich sehe nicht, daß die Farben der Körper Licht in mein Auge reflektieren.