Bemerkungen über die Farben – I
1950, 87 remarks, Ms-176
§Ms-176
1r[1]1. Ein Sprachspiel: Darüber berichten ob ein bestimmter Körper heller, oder dunkler als ein andrer sei. – Aber nun gibt es ein verwandtes: Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farbtöne aussagen. (Damit ist zu vergleichen: Das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen – & das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen.) – Die Form der Sätze in beiden Sprachspielen ist die gleiche: “x ist heller als y”. Aber im ersten ist es eine externe Relation & der Satz zeitlich, im zweiten ist es eine interne Relation & der Satz zeitlos.
§Ms-176
1r[2] &1v[1]
2. In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in einem andern Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe. (Göthe.) Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.
§Ms-176
1v[2]3. Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die Meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? – Er hat nach dem gewöhnlichen Gebrauch einen idealen konstruiert. Und das heißt nicht einen bessern, sondern einen in gewisser Richtung verfeinerten, worin etwas auf die Spitze getrieben wird.
§Ms-176
1v[3] &2r[1]
4. Und freilich kann ein so konstruierter uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren.
§Ms-176
2r[2]5. Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, & es würde Schnee neben das Papier gehalten & dieses sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung doch mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß verwendete (wie z.B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).
§Ms-176
2r[3] &2v[1]
6. Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau & Gelb? Wäre es richtig zu sagen: “Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet? Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten “primäre Farbe” meine wie ein Andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen?” Nein, – hier entscheiden Sprachspiele.
§Ms-176
2v[2] &3r[1]
7. [Es gibt mehr, oder weniger bläuliches (oder gelbliches) Grün &] es gibt die Aufgabe zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläuliches Grün (und umgekehrt), & es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist. Ich sage “oder zu mischen”, weil ein Grün dadurch nicht zugleich grünlich & gelblich wird, daß es durch eine Art der Mischung von Gelb & Blau zustandekommt.
§Ms-176
3r[2]8. Menschen könnten den Begriff der Zwischenfarbe oder Mischfarbe haben auch wenn sie nie Farben durch Mischung (in welchem Sinne immer) erzeugten. Es könnte sich in ihren Sprachspielen immer nur darum handeln schon vorhandene Zwischen- oder Mischfarben zu suchen, zu wählen.
§Ms-176
3r[3] &3v[1]
9. Wenn nun auch nicht Grün eine Zwischenfarbe von Gelb & Blau ist, könnte es nicht Leute geben, für die es ein bläuliches Gelb, ein rötliches Grün gibt? Leute also, deren Farbbegriffe von den unsern abwichen – da ja auch die Farbbegriffe der Farbenblinden von denen der Normalen abweichen. Und nicht jede Abweichung vom Normalen muß eine Blindheit, ein Defekt sein.
§Ms-176
3v[2] &4r[1]
10. Wer gelernt hat zu einem gegebenen Farbton einen gelblicheren, weißlicheren, rötlicheren zu finden oder zu mischen, u.s.f., wer also den Begriff der Zwischenfarbe kennt, den fordre man (nun) auf, uns ein rötliches Grün zu zeigen. Er mag diesen Befehl nun einfach nicht verstehen & etwa so reagieren, als hätte man von ihm verlangt nach einem regelmäßigen Viereck, Fünfeck, Sechseck, ein regelmäßiges Eineck zu zeigen. Wie aber, wenn er, ohne zu zögern, auf ein Farbmuster wiese (etwa auf ein schwärzliches Braun, wie wir es beschreiben würden)?
§Ms-176
4r[2] &4v[1]
11. Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte im Stande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet &, auch für uns vielleicht, einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es würde sich dann zeigen, daß dort, wo wir jedesmal den gleichen Ton, von Braun z.B., sehen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, nach der Farbe unterscheiden könnte & die eine braun die andre rötlichgrün nennte.
§Ms-176
4v[2]12. Stell Dir vor alle Menschen mit seltenen Ausnahmen wären rot-grün-blind. Oder auch den andern Fall: alle Menschen wären entweder rot-grün-, oder blau-gelb-blind.
§Ms-176
4v[3] &5r[1]
13. Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, & das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir. Denn auch angenommen sie redeten, z.B., Deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, & anders zu gebrauchen lernen. Oder haben sie eine fremde Sprache, so würde es uns schwer, ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.
§Ms-176
5r[2]14. Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, das Wort “rötlichgrün” oder “gelblichblau” in einer konsequenten Weise zu verwenden & dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die wir nicht haben, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.
§Ms-176
5v[1]15. In jedem ernsteren philosophischen Problem reicht die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinab. Man muß immer darauf gefaßt sein, etwas ganz neues zu lernen.
§Ms-176
5v[2]16. Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit gehört in die Psychologie: also auch die der Phänomene des normalen Sehens? Die Psychologie beschreibt nur die Abweichungen der Farbenblindheit vom normalen Sehen.
§Ms-176
5v[3] &6r[1]
17. Runge (in dem Brief, den Göthe in der Farbenlehre abdruckt) sagt, es gebe durchsichtige & undurchsichtige Farben. Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Dies zeigt die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleichheit.
§Ms-176
6r[2]18. Kann ein durchsichtiges grünes Glas die gleiche Farbe haben wie ein undurchsichtiges Papier, oder nicht? Wenn ein solches Glas auf einem Gemälde dargestellt würde, so wären die Farben auf der Palette nicht durchsichtig. Wollte man sagen die Farbe des Glases wäre auch auf dem Gemälde durchsichtig, so müßte man den Komplex von Farbflecken, der das Glas darstellt, seine Farbe nennen.
§Ms-176
6r[3] &6v[1]
19. Wie kommt es, daß etwas Durchsichtiges grün, aber nicht weiß sein kann? Durchsichtigkeit & Spiegeln gibt es nur in der Tiefendimension eines Gesichtsbilds. Der Eindruck des durchsichtigen Mediums ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Einfärbigkeit des Gesichtsbilds kann nicht durchsichtig sein.
§Ms-176
6v[2] &7r[1]
20. Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß Schwarz auf weißem Grund durch ein ‘weißes durchsichtiges’ Medium wie durch ein farbloses gesehen werden.
§Ms-176
7r[2]21. Runge: “Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün, oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde … Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich … Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch.”
§Ms-176
7r[3] &7v[1]
22. Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische, noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.
§Ms-176
7v[2]23. “Weißes Wasser wird man sich nicht denken können etc.” Das heißt man kann nicht beschreiben (z.B. malen), wie etwas weißes Klares aussähe, & das heißt, man weiß nicht, welche Beschreibung, Darstellung diese Worte von uns fordern.
§Ms-176
7v[3] &8r[1]
24. Es ist nicht ohne weiteres klar, von welchem durchsichtigen Glas man sagen soll, es habe die gleiche Farbe, wie ein undurchsichtiges Farbmuster. Wenn ich sage “Ich suche ein Glas von dieser Farbe” (wobei ich auf ein farbiges Papier deute), so wird das etwa heißen, daß etwas Weißes, durch das Glas gesehen, ausschauen soll wie mein Muster. Ist das Muster rosa; himmelblau, lila, so wird man sich das Glas trübe denken, aber vielleicht auch klar & nur schwach rötlich, bläulich oder violett gefärbt.
§Ms-176
8r[2] &8v[1]
25. Im Kino kann man manchmal die Vorgänge im Film so sehen, als lägen sie hinter der Leinwandfläche, diese aber sei durchsichtig, etwa eine Glastafel. Das Glas nähme den Dingen ihre Farbe & ließe nur Weiß, Grau & Schwarz durch.
(Wir reden hier nicht physikalisch, sondern betrachten Weiß & Schwarz als Farben ganz wie Grün & Rot.) – Man könnte also denken, daß wir uns hier ein Glas vorstellen, das weiß & durchsichtig zu nennen wäre. Und doch sind wir nicht versucht, sie so zu nennen: Bricht also die Analogie mit einer durchsichtigen grünen Tafel, z.B., irgendwo zusammen?
§Ms-176
8v[2]26. Von einer grünen Tafel würden wir etwa sagen: sie gäbe den Dingen hinter ihr eine grüne Färbung; also vor allem etwas Weißem.
§Ms-176
8v[3]27. “Man kann sich das nicht vorstellen”, wenn es sich um die Logik handelt, heißt: man weiß nicht, was man sich hier vorstellen soll.
§Ms-176
9r[1]28. Würde man von meiner fiktiven Glastafel im Kino sagen, sie gäbe den Dingen hinter ihr eine weiße Färbung?
§Ms-176
9r[2]29. Konstruiere aus der Regel für den Augenschein des durchsichtigen & gefärbten, die Du vom durchsichtigen Grünen, Roten, etc., abliest, den Schein des durchsichtigen Weißen! Warum geht es nicht?
§Ms-176
9r[3]30. Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdunkeln? & je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!
§Ms-176
9v[1]31. Warum kann man sich weißdurchsichtiges Glas nicht vorstellen, – auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt? Wo geht die Analogie mit dem durchsichtigen gefärbten schief?
§Ms-176
9v[2]32. Sätze werden oft an der Grenze von Logik & Empirie gebraucht, (so) daß ihr Sinn über die Grenze hin & her wechselt, & sie bald als Ausdruck einer Norm, bald als Ausdruck einer Erfahrung gelten. (Denn es ist ja nicht eine psychische Begleiterscheinung – so stellt man sich den ‘Gedanken’ vor –, sondern die Verwendung, die den logischen vom Erfahrungssatz unterscheidet.)
§Ms-176
10r[1]33. Man redet von der ‘Farbe des Goldes’ & meint nicht Gelb. “Goldfarben” ist die Eigenschaft einer Fläche, welche glänzt, oder schimmert.
§Ms-176
10r[2]34. Es gibt Rotglut & Weißglut: Wie aber sähe Braunglut & Grauglut aus? Warum kann man sich diese nicht als einen schwächeren Grad der Weißglut denken?
§Ms-176
10r[3]35. “Das Licht ist farblos.” Wenn, dann in dem Sinne, wie die Zahlen farblos sind.
§Ms-176
10r[4]36. Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus.
§Ms-176
10v[1]37. Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.
§Ms-176
10v[2]38. Man könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.
§Ms-176
10v[3]39. Ich sage nicht (wie die Gestaltpsychologen), daß der Eindruck des Weißen so & so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei. Was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ist.
§Ms-176
10v[4]40. Denn, daß man sich etwas ‘grauglühendes’ nicht denken kann, gehört nicht in die Physik, oder Psychologie der Farbe.
§Ms-176
11r[1]41. Man sagt mir, eine gewisse Substanz brenne mit grauer Flamme. Ich kenne doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Substanzen; warum sollte das also nicht möglich sein?
§Ms-176
11r[2]42. Man redet von einem ‘dunkelroten Schein’, aber nicht von einem ‘schwarz-roten’.
§Ms-176
11r[3]43. Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, & was in ihr gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre & durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß & durchsichtig?
§Ms-176
11r[4] &11v[1]
44. Man spricht von einem ‘schwarzen’ Spiegel. Aber wenn er spiegelt, verdunkelt er zwar, aber sieht nicht schwarz aus, & was durch ihn gesehen wird, erscheint nicht ‘schmutzig’, sondern ‘tief’.
§Ms-176
11v[2]45. Die Undurchsichtigkeit ist nicht eine Eigenschaft der weißen Farbe. Sowenig wie Durchsichtigkeit eine Eigenschaft der grünen.
§Ms-176
11v[3] &12r[1]
46. Und es genügt auch nicht zu sagen, das Wort “weiß” werde eben nur für die Erscheinung von Oberflächen angewandt. Es könnte sein daß wir zwei Wörter für “grün” hätten: eines nur für grüne Oberflächen, das andre für grüne durchsichtige Gegenstände. Es bliebe also die Frage, warum es kein dem Wort “weiß” entsprechendes Farbwort für etwas Durchsichtiges gibt.
§Ms-176
12r[2]47. Ein Medium, wodurch ein schwarz & weißes Muster (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht ein weißes nennen, auch wenn dadurch die andern Farben an Färbigkeit verlieren.
§Ms-176
12r[3]48. Man könnte ein weißes Glanzlicht nicht “weiß” nennen wollen, & so nur das nennen, was dem Auge als Farbe einer Oberfläche erscheint.
§Ms-176
12r[4] &12v[1]
49. Von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sehe, kann ich, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau sehen. In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich Weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern Grau in guter Beleuchtung. Dies sind Sätze über die Begriffe ‘weiß’ & ‘grau’.
§Ms-176
12v[2]50. Der Eimer, der hier vor mir steht, ist glänzend Weiß lackiert, es wäre absurd, ihn “grau” zu nennen, oder zu sagen “Ich sehe eigentlich ein helles Grau”. Aber er hat ein weißes Glanzlicht, das weit heller ist als eine übrige Fläche, & diese ist teils im Licht, teils im Schatten, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen. (Zu erscheinen, nicht nur zu sein.)
§Ms-176
12v[3] &13r[1]
51. Es ist nicht dasselbe, zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter diesen Bedingungen zustande (kausal), &: er ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben & Formen.
§Ms-176
13r[2]52. Weiß als Stoffarbe (in dem Sinne, in welchem man sagt, Schnee ist weiß) ist heller als jede andre Stoffarbe; Schwarz dunkler. Hier ist die Farbe eine Verdunklung, & ist dem Stoff jede solche entzogen, so bleibt Weiß, & darum kann man es “farblos” nennen.
§Ms-176
13r[3]53. Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phänomenologische Probleme.
§Ms-176
13r[4] &13v[1]
54. Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’ & ‘gelb’ oder ‘grau’.
§Ms-176
13v[2]55. Eine Farbe ‘leuchtet’ in einer Umgebung (Wie Augen nur in einem Gesicht lächeln). Eine ‘schwärzliche’ Farbe – z.B. Grau – ‘leuchtet’ nicht.
§Ms-176
13v[3]56. Die Schwierigkeiten, die wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfinden (mit denen Göthe in der Farbenlehre sich auseinandersetzen wollte) liegen schon in der Unbestimmtheit unseres Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.
§Ms-176
13v[4] &14r[1]
57. “Ich fühle x”
“Ich beobachte x”
x steht im ersten & zweiten Satz nicht für den gleichen Begriff, wenn auch vielleicht für den gleichen Wortausdruck, z.B. für “einen Schmerz”. Denn fragt man “Was für einen Schmerz?” so könnte ich im ersten Fallantworten “Diesen” & den Fragenden etwa mit einer Nadel stechen. Im zweiten Falle muß ich auf dieselbe Frage anders antworten; z.B. “Den Schmerz in meinem Fuß”. Auch könnte das x im zweiten Satz für “meinen Schmerz” stehen, aber nicht im ersten.
§Ms-176
14r[2] &14v[1]
58. Denk, jemand zeigte auf eine Stelle der Iris in einem Rembrandtschen Auge & sagt: “Die Wände in meinem Zimmer sollen in dieser Farbe gemalt werden.”
§Ms-176
14v[2] &15r[1]
59. Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage, ich sehe diese Stelle in dieser Farbe. Das bedeutet nicht, daß ich hier die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, heller, dunkler, rötlicher (etc.) aussehen als Ocker. “Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.” Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe? – Wie soll er angegeben werden, & wie bestimmt werden? Man könnte verlangen, daß ich ein Farbmuster (ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe) herstelle. Ich sage nicht, daß ein solcher Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt uns, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind & was “Gleichheit der Farbe” bedeutet.
§Ms-176
15r[2]60. Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfärbige Stücke zerschnitten & diese dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet. Auch wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern einfach als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern sieht man ihn als ein Stück blauen Himmel, als einen Schatten, einen Glanz, als durchsichtig oder undurchsichtig, etc. – Zeigen uns, die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes?
§Ms-176
15v[2]61. Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung, noch Schatten, noch Glanz, etc. etc.
§Ms-176
15v[3]62. Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre.
§Ms-176
16r[1]63. Ich sehe auf einer (nicht färbigen) Photographie einen Mann mit dunklem Haar & einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blondem Haar vor einer Art Drehbank stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus glatten Wellen, Zahnrädern, u.a. besteht, daneben ein Gitter aus hellem verzinkten Draht. Die bearbeiteten Eisenflächen sehe ich eisenfärbig, das Haar des Jungen blond, das Gitter zinkfarbig, obwohl alles durch hellere & dunklere Töne des photographischen Papiers dargestellt ist.
§Ms-176
16r[2] &16v[1]
64. Aber sehe ich wirklich die Haare auf der Photographie blond? Und was spricht dafür? Welche Reaktion des Betrachtens zeigt, daß er sie blond sieht, & nicht nur aus den Tönen der Photographie schließt, sie seien blond? – Würde von mir verlangt, daß ich jene Photographie beschreibe, so würde ich es am direktesten mit jenen Worten tun. Ließe man diese Art der Beschreibung nicht gelten, so müßte ich nun erst nach einer andern suchen.
§Ms-176
16v[2]65. Wenn selbst das Wort “blond” blond klingen kann, wieviel eher können die photographierten Haare blond aussehen!
§Ms-176
16v[3] &17r[1]
66. “Kann man sich nicht denken, daß (gewisse) Menschen eine andere Farbengeometrie als die unsere hätten?” Das heißt doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen als den unsern denken? & das heißt wieder: Kann man sich nicht vorstellen, daß Menschen unsre Farbbegriffe nicht haben, & daß sie Begriffe haben, die mit unsern Farbbegriffen in solcher Weise verwandt sind, daß wir sie auch “Farbbegriffe” nennen würden?
§Ms-176
17r[2]67. Sieh Dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind – & nun mach Licht & male, was Du früher im Halbdunkel gesehen hast. – Wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit denen des halbdunkeln Raums?
§Ms-176
17r[3] &17v[1]
68. Auf die Frage “Was bedeuten die Wörter ‘rot’, ‘blau’, ‘schwarz’, ‘weiß’”, können wir wohl gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind, – aber weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen dieser Worte zu erklären nicht! Im übrigen machen wir uns von ihrer Verwendung keine, oder eine ganz rohe, zum Teil falsche, Vorstellung.
§Ms-176
17v[2]69. Ich kann mir einen Logiker vorstellen, der erzählt, er sei jetzt dahin gelangt, “2 × 2 = 4” wirklich denken zu können.
§Ms-176
17v[3] &18r[1]
70. Die Göthesche Lehre von der Entstehung der Spektralfarben ist nicht eine Theorie, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich mit ihr nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die man in James' Psychologie findet. Es gibt auch kein Experimentum crucis, das für, oder gegen diese Lehre entscheiden könnte.
§Ms-176
18r[2]71. Wer mit Göthe übereinstimmt, findet, Göthe habe die Natur der Farbe richtig erkannt: Und Natur ist hier nicht, was aus Experimenten hervorgeht, sondern sie liegt im Begriff der Farbe.
§Ms-176
18r[3] &18v[1]
72. Eins war für Göthe unumstößlich klar: Aus Dunkelheiten kann sich kein Helles zusammensetzen – wie aus mehr & mehr Schatten kein Licht entsteht. – Und dies ließe sich so ausdrücken: Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen. Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben. Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch widerlegen. Es wäre aber auch falsch zu sagen “Schau Dir die Farben nur in der Natur an, & Du wirst sehen, daß es so ist”. Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.
§Ms-176
18v[2] &19r[1]
73. Ich kann mir nicht denken, daß Göthes Bemerkungen über die Charaktere der Farben & Farbenzusammenstellungen für den Maler nützlich sein können; kaum für den Dekorateur. Die Farbe eines blutunterlaufenen Auges könnte als Farbe eines Wandbehangs prächtig wirken. Wer vom Charakter einer Farbe redet, denkt dabei immer nur an eine bestimmte Art ihrer Verwendung.
§Ms-176
19r[2]74. Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in Gruppen anfangen & gewisse Mischungen, oder Nachbarschaften verbieten, andre erlauben. Und sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.
§Ms-176
19r[3] &19v[1]
75. Es mag Geistesschwache geben, denen man den Begriff ‘morgen’ nicht beibringen kann, oder den Begriff ‘ich’, oder das Ablesen der Uhrzeit. Sie würden den Gebrauch des Wortes ‘morgen’ nicht erlernen, etc.. Wem kann ich nun beschreiben, was diese nicht erlernen können. Nicht nur dem, der es erlernt hat? Kann ich dem A nicht mitteilen, B könne höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn A sie nicht beherrscht? Versteht nicht der das Wort “Schach” anders, der das Spiel gelernt hat, als der es nicht gelernt hat? Es bestehen Unterschiede zwischen der Verwendung, die jener von dem Wort machen kann, & der Verwendung, die dieser gelernt hat.
§Ms-176
19v[2]76. Heißt ein Spiel beschreiben immer: eine Beschreibung geben, durch die man es lernen kann?
§Ms-176
19v[3] &20r[1]
77. Hat der Normalsehende & der Farbenblinde den gleichen Begriff von der Farbenblindheit? Ein Farbenblinder kann nicht nur unsre Farbwörter, sondern auch das Wort “farbenblind” nicht so verwenden lernen wie ein Normaler. Er kann z.B. die Farbenblindheit nicht auf die gleiche Weise feststellen wie dieser.
§Ms-176
20r[2]78. Es könnte Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb, nicht verstünden, & nur dann geneigt wären, so etwas zu sagen, wo sie einen Farbübergang von Gelb über Orange nach Rot vor Augen sehen. Und für solche müßte der Ausdruck “rötliches Grün” keine Schwierigkeit haben.
§Ms-176
20v[1]79. Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens. – Wem macht sie die Beschreibung? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beheben?
§Ms-176
20v[2]80. Die Psychologie beschreibt, was beobachtet wurde.
§Ms-176
20v[3]81. Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn Einer sieht? – Doch. Ein Blinder lernt manches über den Unterschied des Blinden vom Sehenden. Aber die Frage ist schlecht gestellt; als wäre Sehen eine Tätigkeit & es gäbe von ihr eine Beschreibung.
§Ms-176
21r[1]82. Ich kann doch Farbenblindheit beobachten; warum also Sehen nicht? – Ich kann beobachten, welche Farburteile ein Farbenblinder – oder auch ein Normalsichtiger – unter gewissen Umständen fällt.
§Ms-176
21r[2]83. Man sagt manchmal (wenn auch mißverständlich) “Nur ich kann wissen, was ich sehe”. Aber nicht: “Nur ich kann wissen, ob ich farbenblind bin.” (Noch auch: “Nur ich kann wissen, ob ich sehe, oder blind bin.”)
§Ms-176
21r[3] &21v[1]
85. Die Aussage “Ich sehe einen roten Kreis” & die “Ich sehe (bin nicht blind)” sind logisch nicht gleichartig. Wie prüft man die Wahrheit der ersten, wie die Wahrheit der zweiten? Aber kann ich glauben zu sehen, & blind sein, oder glauben blind zu sein, & sehen?
§Ms-176
21v[2]86. Könnte in einem Lehrbuch der Psychologie der Satz stehen “Es gibt Menschen, welche sehen”? Wäre das falsch? Aber wem wird hier etwas mitgeteilt?
§Ms-176
21v[3] &22r[1]
87. Wie kann es unsinnig sein zu sagen “Es gibt Menschen, welche sehen”, wenn es nicht unsinnig ist zu sagen “Es gibt Menschen, welche blind sind”? Aber angenommen, ich hätte nie von der Existenz blinder Menschen gehört & eines Tages teilt man mir mit “Es gibt Menschen, welche nicht sehen”, müßte ich diesen Satz so ohne weiteres verstehen? Muß ich mir, wenn ich selber nicht blind bin, bewußt sein, daß ich die Fähigkeit des Sehens habe, & daß es also Leute geben kann, die sie nicht haben?
§Ms-176
22r[2]88. Wenn der Psychologe uns lehrt “Es gibt Menschen, welche sehen”, so können wir ihn fragen: “Und was nennst Du ‘Menschen, welche sehen’?” Darauf müßte die Antwort sein: Menschen, die unter den & den Umständen sich so & so benehmen.