Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie – II MS 176
1951, 14 remarks, Ms-176
§Ms-176
46v[3] &47r[1]
“Kann man wissen, was in dem Andern vorgeht, wie er selbst es weiß?” – Wie weiß er es denn? Er kann sein Gefühl (z.B.) ausdrücken. Ein Zweifel für ihn, ob er wirklich dies Erlebnis habe – analog dem Zweifel, ob er wirklich die & die Krankheit habe – tritt in das Spiel nicht ein; & darum ist es falsch zu sagen, er wisse, was er erlebe. Der Andre aber kann sehr wohl zweifeln, ob Jener dies Erlebnis habe. Der Zweifel tritt also in's Spiel ein, aber eben darum ist es auch möglich daß völlige Sicherheit besteht.
§Ms-176
47r[2]Muß ich weniger sicher sein, daß Einer Schmerzen leide, als daß 12 × 12 = 144 ist?
§Ms-176
47r[3]Und doch sagt man manchmal, das könne man nicht wissen. Nun, vor allem, man kann es nicht beweisen. D.h., es gibt hier so etwas wie einen Beweis, der sich auf (allgemein) anerkannte Prinzipien stützt, nicht.
§Ms-176
47v[1]Aber das, was in ihm ist, wie kann ich es sehen? Es ist zwischen seinem Erlebnis & mir immer der Ausdruck! Hier ist das Bild: Er sieht's direkt, ich indirekt. Aber das ist falsch. Er sieht nicht etwas & beschreibt es.
§Ms-176
47v[2]Wenn ‘etwas in ihm vorgeht’, so seh ich's freilich nicht, aber wer weiß, ob er selbst es sieht. – – –
§Ms-176
47v[3] &48r[1]
Sehe ich nicht wirklich oft, was in ihm vorgeht? – “Ja, aber nicht so wie er selbst es wahrnimmt. Ich sehe, daß er Schmerzen hat, aber fühle doch dabei keine Schmerzen. Und wenn ich welche fühlte, wären's nicht die seinen.” Das heißt nichts. Anderseits wäre es denkbar, es ließe sich mit einem Andern eine Verbindung herstellen, durch die ich denselben Schmerz (d.h. die gleiche Art des Schmerzes) empfände, & an der gleichen Stelle, wie der Andre. Aber daß das der Fall ist, müßte man durch den Schmerzausdruck der beiden feststellen.
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48r[2] &48v[1] &
49r[1]
Und wenn sich diese Art, den Schmerz des Andern kennen zu lernen, bewährt hätte, wäre es denkbar, daß man sie, dem Schmerzausdruck eines Menschen entgegen anwendete, also seiner Äußerung mißtraute, wenn sie mit jener Probe im Widerspruch stünde. Und nun kann man sich doch auch denken, daß es Menschen gibt, die sich ursprünglich nach jener Methode richten, & das “Schmerz” nennen, was durch sie ermittelt wird. Dann wird ihr Begriff ‘Schmerz’ dem unsern verwandt, aber von ihm verschieden sein. (Es kommt aber natürlich nicht darauf an, ob sie diesen ihren Begriff mit dem gleichen Wort benennen, wie wir den verwandten, sondern nur darauf, daß er in ihrem Leben das Analogon zu unserm Schmerzbegriff ist.
§Ms-176
49r[2]Diesem Analogon unseres Begriffes fehlte dann jene Unsicherheit der Evidenz des unsern. In diesem Punkte wären sich unsre Begriffe nicht ähnlich.
§Ms-176
49r[3](Nennen wir jenen analogen Begriff “Schmerz”, so können diese Leute glauben daß sie Schmerzen haben & auch daran zweifeln. Sollte aber jemand sagen: “Nun dann besteht eben wesentlich keine Ähnlichkeit zwischen den Begriffen” – dann können wir entgegnen: Es gibt hier ungeheure Unterschiede, aber auch große Ähnlichkeiten.)
§Ms-176
49v[1]Man könnte sich denken daß zur Feststellung, ob Einer ‘Schmerzen’ habe eine Art Fieberthermometer verwendet wird. Schreit ein Mensch oder stöhnt er, so legen sie ihm das Thermometer ein, & erst wenn dies den & den Ausschlag zeigt, fangen sie an den Leidenden zu bedauern & ihn zu behandeln wie wir den, der ‘offenbar Schmerzen hat’.
§Ms-176
49v[2]Hängt unsere Logik des Schmerzbegriffes mit dem tatsächlichen Fehlen gewisser physischer Möglichkeiten des Gedanken- & Gefühllesens zusammen? – Wenn das eine Frage der Kausalität ist, – wie kann ich sie beantworten?
§Ms-176
50r[1]Die Frage könnte eigentlich so gestellt werden: Wie hängt, was uns wichtig ist, von dem ab, was physisch möglich ist?
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50r[2]Wenn uns das Messen nicht wichtig ist, dann messen wir nicht, auch wenn wir's können.
§Ms-176
50r[3] &50v[1] &
51r[1] &
51v[1]
15.04.1951
“Ist die Unmöglichkeit zu wissen, was im Andern vorgeht eine physische oder eine logische? Und wenn beides, – wie hängen sie zusammen?” Vorerst: es ließen sich Möglichkeiten der Erforschung des Andern denken, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Also gibt es eine physische Unmöglichkeit. Die logische Unmöglichkeit liegt in dem Fehlen exakter Regeln der Evidenz. (Daher drücken wir uns manchmal so aus: “Wir können uns immer irren; wir können nie sicher sein; was wir beobachten, kann immer noch Verstellung sein.” Obgleich Verstellung nur eine von vielen möglichen Ursachen eines falschen Urteils ist.) – Wir können uns eine Arithmetik vorstellen, in der Aufgaben mit kleinen Zahlen mit Sicherheit gelöst werden können, die Resultate aber umso unsicherer werden, je größer die Zahlen sind. So daß die Leute, die diese Rechenkunst besitzen, erklären, man könne des Produktes zweier großen Zahlen nie ganz sicher sein & es ließe sich auch keine Grenze angeben zwischen kleinen & großen Zahlen. Aber es ist natürlich nicht wahr, daß wir der seelischen Vorgänge im Andern nie sicher sind. Wir sind es in unzähligen Fällen. Und es bleibt nun die Frage, ob wir unser Sprachspiel, das auf ‘unwägbarer Evidenz’ beruht & oft zu Unsicherheit führt, aufgeben würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, es mit einem exaktern zu vertauschen, das im großen & ganzen ähnliche Folgen hätte. Wir könnten – z.B. – mit einem mechanischen “Lügen-Detektor” arbeiten & eine Lüge neu definieren, als dasjenige was einen Ausschlag des Lügen-Detektors erzeugt. Die Frage ist also: Würden wir unsre Lebensform ändern, wenn uns das & das zur Verfügung gestellt würde? – Und wie könnte ich die beantworten?