Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie – I
1948–1949, 993 remarks, Ms-137, Ms-167, Ms-138
§Ms-137
98a[3] &98b[1]
Und wie konnte ihnen denn der Unterschied nicht zum Bewußtsein kommen, wenn sie einmal mit Schmerzen klagten & einmal ohne Schmerzen? Aber mußte der Unterschied für sie so wichtig sein, wie für uns? (Mancher erzählt in Gesellschaft unwahre Geschichten, die Andern wissen, daß sie unwahr sind, laßen sie aber gelten, wie die wahren. Sie nehmen von dem Unterschied keine Notiz.)
§Ms-137
98b[2] &99a[1]
Ein Stamm, der den Begriff der geheuchelten Schmerzen nicht kennt. Wer bei ihnen Schmerz äußert, wird betreut, bemitleidet. Die mißtrauische Haltung zur Schmerzäußerung kennen sie nicht. Der Reisende, der von uns zu ihnen kommt, denkt oft, daß ein Klagen übertrieben ist, daß es falsch ist & nur berechnet, Mitleid zu erzeugen; die Eingeborenen scheinen nicht so zu denken. In ihrer Sprache ist ein Ausdruck, der, wenigstens einigermaßen, dem unsern: “Schmerzen haben”, entspricht. – Ein Missionar lehrt diese Leute unsre Sprache; er erzieht sie aber auch & bei ihm lernen sie, zwischen echtem & geheucheltem Schmerzausdruck unterscheiden. Denn er mißtraut mancher Äußerung & läßt sie nicht gelten, & lehrt die Leute diese Einstellung. Sie lernen unsern Ausdruck “Schmerzen haben”, auch den “Schmerzen heucheln”, – haben sie einen neuen Schmerzbegriff erhalten? Ich werde doch gewiß nicht sagen, sie wissen jetzt erst, was Schmerzen sind. Denn das hieße, sie hätten früher nie Schmerzen gehabt. Aber sie mußten für den Gebrauch unserer Worte eine neue Abrichtung erhalten. Diese (Abrichtung) war ähnlich, aber nicht gleich der alten.
§Ms-137
76a[6]1. 22.10.1948
Eine Sprache in der es ein Wort “sich fürchteln” gibt, welches bedeutet: sich mit Furchtgedanken quälen. – Und nun könnte man z.B. annehmen, daß dies Zeitwort keine erste Person des Präsens hat. Das Englische “I am …ing”
§Ms-137
76a[7] &76b[1]
2. Wenn ich Einem sage “Ich hoffe, Du wirst kommen” ist es weniger dringend, wenn das Hoffen nur 30 Sekunden gedauert hat, als wenn es 2 Minuten gedauert hätte? “Ich freue mich, daß es Dir gelungen ist!” – “Wie lange freut es Dich?” Eine seltsame Frage. Aber sie könnte Sinn haben. Die Antwort könnte sein: “Immer, wenn ich dran denke” oder “Zuerst hab ich mich nicht darüber gefreut, aber dann doch” oder “Ich denke immer wieder daran & freue mich” oder “Es fällt mir nur für Augenblicke ein, aber dann freue ich mich”, etc.. Man sagt auch “Es ist mir eine dauernde Freude”, & “Für einen Augenblick freute ich mich über sein Unglück”.
§Ms-137
76b[2]3. “Ich ziehe mit dem Läufer” – “Wie lange ziehst Du?”
§Ms-137
76b[3]4. Als Beispiel der Satzform “Wenn p, so q” bedenke: “Wenn er kommt, werde ichs ihm sagen“. Wenn er nun nicht kommt, – habe ich damit mein Versprechen gehalten? – habe ich's gebrochen? – Kann man aber sagen jener Satz behaupte einen ‘Zusammenhang’? Würde ich auf ihn antworten “Es muß nicht sein”? Es ist nicht, wie wenn der Satz gewesen wäre: “Wenn diese beiden sich treffen, gibt's eine Rauferei.” Hier wäre jene Antwort möglich.
§Ms-137
76b[4]5. Wie, wenn aber die materielle Implikation behauptet würde (& diesen Fall gibt's!) – kann ich da auf “p ⊃ q” auch antworten “Es muß nicht sein”? Und was bedeutet das hier?
§Ms-137
76b[5] &77a[1]
6. “Wenn sich die beiden Pole nahekommen, springt ein Funke über” – Was betrachtet man als eine Verifikation des Satzes? Die Beobachtung, daß sie sich nie nahekommen? – Läßt sich, was wir hier sagen wollen, mit der materiellen Implikation ausdrücken? Gewiß nicht; aber vielleicht mit der ‘formalen’? Doch ebensowenig. – Was wir aussagen wollen, ist doch eine Art von Naturgesetz; die Art von Beobachtung, die dazu führt, ist leicht genug vorzustellen. Man hat beobachtet, daß immer ein Funke überspringt, wenn sie einander nahekommen. – Ist der Satz vielleicht von der Art “(x)․φx ⊃ ψx:(∃x)․φx”? Wenn nicht, so muß dieser Satz doch eine Anwendung haben, wenn auch nicht die gleiche.
§Ms-137
77a[2]7. “Wenn er kommt, werde ich ihm sagen …” ist ein Vorsatz, ein Versprechen. Wenn es kein falsches Versprechen sein soll, darf es sich nicht auf die Gewißheit stützen, daß er nicht kommen wird. Es ist weder eine materielle noch eine formale Implikation.
§Ms-137
77a[3]8. Bei einer wissenschaftlichen bedingten Vorhersage könnte man Berechtigung & Richtigkeit unterscheiden. Man konnte sie “berechtigt” nennen, wenn sie aus einer so & so begründeten Theorie folgt, hervorgeht. Wenn also der Vordersatz nicht zutrifft, so kann man dann sagen: wäre er zugetroffen, so wäre ‥‥‥ Nicht das aber gibt mir dazu ein Recht, daß der Vordersatz sich nicht bewahrheitet hat.
§Ms-137
77a[4] &77b[1]
9. Ein Satz wie der “Jeder Körper bewegt sich ‥‥․” (Trägheitsgesetz), muß er in der Form “wenn – so” gefaßt werden? “Wenn etwas ein Körper ist, so bewegt es sich ‥‥․” – Oder muß es heißen: “Es gibt Körper; & wenn etwas ein Körper ist, so ‥․?” (Niemand würde daran denken, es so auszudrücken.)
§Ms-137
77b[2]10. 23.10.1948
Es ist offenbar, daß man einen Furchtbegriff einfach zur Anwendung auf Tiere haben könnte, & daß dem Begriffswort die erste Person fehlen würde. Seine dritte Person würde sehr ähnlich der dritten Person von “fürchten” verwendet.
§Ms-137
77b[3]11. 24.10.1948
Erinnre Dich, daß der Konjunktiv keinen Sinn hat, außer im Konditionalsatz. Wenn Einer sagt “Ich hätte dieses Spiel gewonnen”, wird man fragen: “Wenn –?”
§Ms-137
77b[4]12. Nichts schwerer, als die Begriffe vorurteilsfrei betrachten. Denn das Vorurteil ist ein Verständnis. Und darauf verzichten, wenn uns eben daran so viel liegt, –.
§Ms-137
77b[5]13. Das Englische “I'm furious” ist kein Ausdruck der Selbstbetrachtung. Ähnlich im Deutschen “Ich bin wütend”; aber nicht “Ich bin zornig”. (Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen ‥‥”. Es ist ein Zittern des Grimms.)
§Ms-137
77b[6] &78a[1]
14. Man fragt sich “Was bedeutet ‘ich fürchte mich’ eigentlich? Was denke ich dabei ?”. Und es kommt natürlich keine Antwort, oder eine die offenbar nicht genügt Die Frage ist: “In welcher Art Zusammenhang steht es?”
§Ms-137
78a[2]15. Man könnte auch sagen: “Ich sage es einfach”. Denn dies heißt nur: Kümmre Dich nicht um etwas, was das Reden begleitet.
§Ms-137
78a[3]16. Kann nun die Äußerung nicht in verschiedenen Zusammenhängen stehen? die ihr einmal das eine, einmal das anderes Gesicht geben?
§Ms-137
78a[4]17. Ich sage “Ich fürchte mich ‥‥”, der Andre fragt mich “Was wolltest Du damit? War es wie ein Ausruf; oder hast Du auf Deinen Zustand in den letzten Stunden angespielt; wolltest Du hier einfach eine Mitteilung machen?” Kann ich ihm immer eine klare Antwort geben? Kann ich ihm nie eine geben? – Ich werde manchmal sagen müssen: “Ich habe daran gedacht, wie ich den heutigen Tag verbracht habe & gleichsam unwillig meinen Kopf über mich geschüttelt” – manchmal aber: “Es hieß: O Gott! wenn ich mich nur nicht so fürchtete!” – oder: “Es war nur ein Schrei der Furcht” – oder: “Ich wollte, daß Du weißt, wie mir zu Mute ist.” – Es folgen der Äußerung ja wirklich manchmal solche Explikationen. Aber man könnte sie doch nicht immer geben.
§Ms-137
78a[5] &78b[1]
18. Man könnte sich Menschen denken, die gleichsam viel bestimmter dächten als wir, & eine Menge verschiedener Wörter gebrauchten, einmal das eine, einmal das andere.
§Ms-137
78b[2]19. Nichts ist doch wichtiger, als die Bildung von fiktiven Begriffen, die uns die unseren erst verstehen lehren.
§Ms-137
78b[3]20. “Was ist Furcht?” – “Die Erscheinungen & Anlässe der Furcht sind diese: – – –” “Ist also “Ich fürchte mich – – –” eine Beschreibung meines Zustandes?” Es kann in einem solchen Zusammenhang & mit einer solchen Absicht gebraucht werden. Aber wenn ich Einem z.B. einfach meine Befürchtung mitteilen will, so ist es keine solche Beschreibung.
§Ms-137
78b[4]21. 25.10.1948
“Ich fürchte mich” kann z.B. einfach zur Erklärung meiner Handlungsweise gesagt werden. Es ist dann weit entfernt ein Stöhnen zu sein, kann sogar lächelnd gesagt werden.
§Ms-137
78b[5]22. [→ ] Man fragt sich “Was bedeutet ‘ich fürchte mich’ eigentlich, worauf ziele ich (damit)?” Und es kommt natürlich keine Antwort, oder eine, die nicht genügt. Die Frage ist: “In welcher Art Zusammenhang steht es?”
§Ms-137
78b[6] &79a[1]
23. Es kommt keine Antwort, wenn man die Frage “Worauf ziele ich”, “Was denke ich dabei”, etc. dadurch beantworten will daß ich die Worte sage & dabei auf mich achtgebe, aus dem Augenwinkel gleichsam dabei meine Seele beobachte. Ich kann aber allerdings in einem besonderen Fall fragen: “Warum habe ich das gesagt, was wollte ich damit?” & könnte die Frage auch beantworten, aber nicht auf Grund einer Beobachtung von Begleiterscheinungen des Sprechens. Und meine Antwort würde die frühere Äußerung ergänzen, paraphrasieren.
§Ms-137
79a[2]24. Was ist Furcht? Was heißt “sich fürchten”? Wenn ich's mit einem Zeigen erklären wollte – würde ich die Furcht spielen.
§Ms-137
79a[3]25. Könnte ich Hoffen auch so darstellen? Kaum. Oder gar Glauben?
§Ms-137
79a[4]26. “Ich glaube, er wird kommen.” “Ich sage mir immer wieder: ‘Er wird kommen’.” Für das zweite könnten Leute ein eigenes Verbum haben.
§Ms-137
79a[5]27. Meinen Seelenzustand (der Furcht etwa) beschreiben, das tue ich in einem ganz bestimmten Zusammenhang. (Wie eine bestimmte Handlung nur in einem bestimmten Zusammenhang ein Experiment ist. Ist es denn so erstaunlich, daß ich den gleichen Ausdruck in verschiedenen Spielen verwende? Und manchmal auch gleichsam zwischen den Spielen? “Ich dachte an ihn” & “Ich dachte über ihn nach” bedeutet doch sehr Verschiedenes.
§Ms-137
79a[6]28. Und rede ich denn immer mit sehr bestimmter Absicht? – Und ist darum, was ich sage, sinnlos?
§Ms-137
79b[1]29. “Now you mention it: I think he'll come”. Ich glaube jetzt, Du hast recht: er würde kommen.” “Nein. Ich bin davon überzeugt: er wird kommen.” Man kann sich bei allen solchen Ausdrücken einen Zusammenhang ausdenken.
§Ms-137
79b[2]30. Was gehört dazu, daß man einen Seelenzustand beschreibt? – Oder könnte ich fragen: Was gehört dazu, daß man seinen Seelenzustand beschreiben will?
§Ms-137
79b[3]31. Man könnte auch fragen: “Worauf muß es mir dann ankommen?”
§Ms-137
79b[4]32. Ich wollte Dir meinen Seelenzustand beschreiben” – etwa im Gegensatz dazu “Ich wollte nur meinen Gefühlen Luft machen”. Ich wollte also, daß er weiß ‘wie mir's zumute ist’ (damit hängt oft die Angabe der Dauer des Zustands zusammen).
§Ms-137
79b[5]33. Es ist doch etwas anderes: die Furcht ruhig gestehen – & ihr ungehemmten Ausdruck geben. Die Worte können dieselben sein, der Ton & die Gebärden verschieden.
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79b[6]34. Wenn es in einer Leichenrede heißt “Wir trauern um unsern ‥‥․” so soll das doch der Trauer Ausdruck geben; nicht uns etwas mitteilen. Aber in anderer Umgebung sind diese Worte eine Mitteilung. In einem Gebet am Grabe könnten sie auch eine Art von Mitteilung sein.
§Ms-137
79b[7] &80a[1]
35. Wir sagen doch nicht unbedingt von Einem er klage, weil er sagt er habe Schmerzen. Also können die Worte “Ich habe Schmerzen” eine Klage & auch etwas anderes sein. (Und ähnlich ist es mit dem Ausdruck der Furcht & anderer Gemütsbewegungen.)
§Ms-137
80a[2]36. Ist aber “Ich fürchte mich” nicht immer etwas einer Klage ähnliches, warum soll es dann immer eine Beschreibung meines Seelenzustands sein? Was ist denn eine Klage?
§Ms-137
80a[3]37. Denn wodurch unterscheidet sich die Klage “Ich habe Schmerzen” von der bloßen Mitteilung? Doch durch die Absicht. Und die wird sich vielleicht auch im Ton ausdrücken.
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80a[4]38. Die Umstände in denen ein Satz steht sind am besten in einem Drama dargestellt, daher das beste Beispiel für den Ausdruck in einer bestimmten Bedeutung ein Zitat aus einem Drama ist. Und wer fragt die Person im Drama, was sie während des Sprechens erlebt?
§Ms-137
80a[5]39. 26.10.1948
“Du mußt wissen, – ich fürchte mich.” “Du mußt wissen, – mir graut davor.” Ja, man kann es auch in lächelndem Ton sagen.
§Ms-137
80a[6] &80b[1]
Und willst Du mir sagen, er spürt das nicht? Wie weiß er's denn sonst? – Aber auch wenn es eine Mitteilung ist, liest er's doch nicht von seinem Innern ab. Er könnte auch dann nicht zum Beweis seiner Aussage seine Empfindungen anführen. Sie lehren ihn's nicht.
§Ms-137
80b[2]40. Denn denk Dir die Empfindungen hervorgerufen durch die Gebärden des Grauens: die Worte “mir graut davor” sind ja auch so eine Gebärde, & wenn ich ihre Äußerung höre & fühle, gehört dies zu jenen übrigen Empfindungen. Warum soll denn die ungesprochene Gebärde die gesprochene motivieren?
§Ms-137
80b[3]41. [→ ] Wir lernen das Wort “denken” gebrauchen unter bestimmten Umständen. Sind die Umstände andere, so wissen wir's nicht zu gebrauchen. – Darum müssen wir aber jene Umstände nicht beschreiben können.
§Ms-137
80b[4]42. “Wenn die Menschen in ihren Farbaussagen stark auseinandergingen, könnten sie unsern Farbbegriff nicht verwenden.” – Wenn die Menschen in ihren Farbaussagen stark auseinander gingen, dann würden sie, eben dadurch, unsern Farbbegriff nicht verwenden. Sie würden nicht unser Sprachspiel spielen: Denn bedenk doch, wie man das ihre & das unsre zu vergleichen hätte!
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§Ms-137
80b[5] &81a[1]
43. Wenn ich also Einen sagen höre “Ich fürchte mich”, wie kann ich erfahren ob dies die ‘Beschreibung eines Seelenzustands’ oder was sonst ist? Soll ich ihn fragen, & wird er die Frage gewiß verstehen? – Aber er könnte sie doch beantworten. Wie? Z.B. so: “Nein; ich habe mir nur Luft gemacht”, oder “Ja; ich will, daß Du weißt, wie ich mich fühle.” Aber so eine Frage wird man doch so gut wie nie stellen. Ist es nicht, weil der Ton & der Zusammenhang uns die Antwort geben müssen? Denn aus diesen wird man ersehen, ob er sich etwa über seine eigene Furcht lustig macht; ob er sie, sozusagen, in sich entdeckt; ob er sie mir unwillig aber um der Offenheit willen, gesteht; ob er sie wie einen Schrei äußert, etc. – Und unterrichten mich die Worte, wie immer sie geäußert sind, nicht über denselben Sachverhalt, nämlich seinen Seelenzustand?
§Ms-137
81a[2]44. Hat denn der Satz “Napoleon wurde im Jahr 1804 gekrönt” einen andern Sinn, jenachdem ich ihn Einem zur Information sage; oder in der Geschichtsprüfung um zu zeigen, was ich weiß; oder etc. etc.? Um ihn zu verstehen müssen mir doch für alle diese Zwecke die Bedeutungen seiner Wörter auf die gleiche Art erklärt werden. Und wenn also die Bedeutung der Wörter & ihre Zusammenstellung den Sinn des Satzes ausmachen, – – –.
§Ms-137
81a[3]45. Das Problem ist doch dies: Der Schrei, den man keine Beschreibung nennen kann, der primitiver ist als jede Beschreibung, tut gleichwohl den Dienst einer Beschreibung des Seelenzustands
§Ms-137
81a[4]46. 27.10.1948
Wer schreien kann, der kann damit noch nicht einem etwas im Gespräch mitteilen.
§Ms-137
81a[5] &81b[1]
47. Ich höre, daß Einer sagt “ich fürchte mich”. Ich frage: “In welchem Zusammenhang hast Du das gesagt? War es ein Stoßseufzer, war es ein Geständnis, war es Selbstbeobachtung, ‥‥․?”
§Ms-137
81b[2]48. Will, wer “Hilfe!” ruft beschreiben, wie's ihm zumute ist? Nichts ist ihm ferner, als etwas zu beschreiben.
§Ms-137
81b[3]49. Aber es gibt Übergänge von dem, was wir nicht Beschreibung nennen würden, zu dem, was wir Beschreibung nennen würden.
§Ms-137
81b[4]50. Das Wort “Beschreibung des Seelenzustands” charakterisiert ein gewisses Spiel. Und wenn ich bloß die Worte “Ich fürchte mich” höre, so mag ich zwar erraten, welches Spiel hier gespielt wird (aus dem Ton etwa), aber ich werde es erst wissen, wenn ich den Zusammenhang kenne.
§Ms-137
81b[5]51. Denn zu dem, was wir “beschreiben” nennen gehört eines oder das andere einer Klasse von Merkmalen. Das beobachtende, überlegende, erinnernde Verhalten, ein Trachten nach Genauigkeit, die Fähigkeit des Verbesserns, das Vergleichen. Ein Schrei ist keine Beschreibung. Aber es gibt Übergänge. Und die Worte “Ich fürchte mich” können näher & weiter von einem Schrei sein. Sie können ihm ganz nahe liegen & ganz weit von ihm entfernt sein.
§Ms-137
82a[2]52. [→ ] Wenn ein feines Aufhorchen mir zeigt, daß ich in jenem Spiel das Wort “weiche” bald so, bald so erlebe, – zeigt es mir nicht auch, daß ich, im Zusammenhang eines ganzen Satzes, den ich verstehe & in irgend einem Sinne erlebe, jenes Wort selbst oft gar nicht erlebe
§Ms-137
82a[3]53. “Mir stand die Bedeutung des Wortes vor der Seele” – Wird man denn das sagen, wenn das Wort im unzweideutigen Zusammenhang steht?
§Ms-137
82a[4]54. Eine Schrift in der das durchgestrichene Wort, der durchgestrichene Satz ein Zeichen ist.
§Ms-137
82a[5]55. Du versicherst doch, das Wort, wie Du es jetzt ausgesprochen hast, so ‘gemeint’ erlebt zu haben: Dann sag doch auch mit dem gleichen feinen Gefühl, ob Du dieses Wort im rechten Zusammenhang, in diesem Sinne, so meinst. Denn daß Du's in anderm Sinne so & nicht so meinst, intendierst, später wohl auch erklärst, ist ja klar.
§Ms-137
82a[6]56. Aber es bleibt dann die Frage, warum wir bei dem Spiel des Meinens auch von einem ‘meinen’ reden. – Das ist eine Frage anderer Art. Es ist eben die Erscheinung des Spiels, daß wir hier in einem nur endlichen Sinn von einem ‘Meinen’ reden.
§Ms-137
82b[2]57. 28.10.1948
Es ist als stellte man in einem Buch über reine Mathematik eine Frage der Physik als die, die du stellen wolltest? Ist es denn ein Mißverständnis? Ich verwende ja nun das Wort nicht für etwas anderes; sondern in einer andern Situation. [Wie ich auch nicht zweierlei mit dem Worte “Wissen” bezeichne, wenn ich sage “Ich wußte im Traum. Vgl. auch Gefühl der Unwirklichkeit.] Wird mir denn die Technik seiner Anwendung hier anders beigebracht?
§Ms-137
82b[3]58. Ich höre ein Beethoven'sches Werk & sage “Beethoven!” – Hat das Wort hier eine andere Bedeutung, als in dem Satz “Beethoven wurde im Jahre 1770 zu Bonn geboren”? (Wer den Ton des Ausrufs nicht verstünde, könnte man ihn etwa erklären: “So schreibt nur Beethoven”.)
§Ms-137
82b[4]59. Wäre es richtiger zu sagen dem e ‘entspreche’ gelb, als “e ist gelb”? ist es nicht eben der Witz des Spiels, daß wir sagen e sei gelb, Ja, wenn es Einen gäbe, der geneigt ist zu sagen, dem e ‘entspreche’ gelb & nicht, es sei gelb, wäre der nicht vom Andern beinahe so verschieden, wie Einer, für den Vokale & Farben nicht zusammenhängen? Und ähnlich für das Erleben der Bedeutung.
§Ms-137
82b[5]60. Wenn ich beim Lernen des Wortes “Bank”, & um mir seine doppelte Bedeutung einzuprägen, abwechselnd auf das Bild der Sitzbank & der Geldbank schaute & immer sagte “Bank”, oder “Das ist eine Bank”, – fände hier das ‘Bedeutungserlebnis’ statt? Da gewiß nicht, möchte ich sagen. Wenn es mir aber z.B. im Ton der Aussprache zu liegen schiene, daß ich das eine, oder andere meine, – dann schon.
§Ms-137
83a[1]61. [→ ] Es ist ja nicht, als würden da zwei Dinge hartnäckig mit demselben Wort bezeichnet, & man fragte: Warum tut man das, wenn sie wirklich verschieden sind? – Der neue Gebrauch besteht ja gerade darin, daß der alte Ausdruck in einer neuen Situation verwendet wird; nicht zur Bezeichnung für etwas neues.
§Ms-137
83a[2]62. Das Erlebnis des ‘treffenden Worts’. Ist dies dasselbe, wie das Erleben des ‘Meinens’?
§Ms-137
83a[3]63. “Warum nennt man dies im Traum ein ‘Wissen’?” – Man nennt ja nichts im Traum ein Wissen, sondern sagt “ich wußte im Traume ‥‥” Warum nennt man dies “meinen” & “bedeuten”, wenn es sich nicht um meinen & bedeuten handelt? – Was nenne ich denn im Spiel ein ‘Meinen’ (oder ‘Bedeuten’): ich sage “ich habe mit dem Wort jetzt ‥‥․ gemeint”.
§Ms-137
83a[5]Aber was nenne ich denn so? – Ein Erlebnis? Und welches Erlebnis? Kann ich's denn anders beschreiben, als eben durch den Ausdruck: ich ‘meine’ jetzt dieses Wort so?
§Ms-137
83a[4]64. Ich kann also nicht sagen: Ich benenne eben zwei verwandte Dinge mit demselben Wort. (Denn sonst wäre ja das Problem nie entstanden.)
§Ms-137
83a[6] &83b[1]
65. “Warum reden wir bei jenem Spiel auch von einem ‘Meinen’?” – Wonach frage ich? Nach einem Grund, nach einer Ursache? – Gewiß nicht nach einer Überlegung, die mich bestimmt, so zu reden; noch nach einer Rechtfertigung; denn um nichts solches handelt es sich.
§Ms-137
83b[2]66. 29.10.1948
[→ ] Nenn es einen Traum!
§Ms-137
83b[3]67. Aber es bleibt dann die Frage warum verwendet Einer im Spiel des ‘Meinens’ auch das Wort “Meinen”? Kann er denn ein anderes verwenden? Verwendet er denn dasselbe Wort für: etwas Anderes? Könnte er eine andere Erklärung davon geben?
§Ms-137
83b[4]68. Nenn es einen Traum. Es ändert nichts.
§Ms-137
83b[5]69. 30.10.1948
“Schubert” – Es ist, als ob der Name ein Eigenschaftswort wäre.
[→ ] Man kann ja auch nicht sagen: “Sieh, was alles ‘paßt’. Es paßt auch z.B. der Name zum Träger.” [→ ] Ein Anbau wäre doch eine Erweiterung; & eine Erweiterung ist ja hier gerade nicht. Denn man nennt ja nicht ein ‘Zusammenpassen’, was eigentlich kein Zusammenpassen ist. Als dehnte man nur diesen Begriff aus. Sondern es liegt hier gleichsam eine Täuschung vor, eine Spiegelung. Wir glauben zu sehen, was nicht da ist. Aber es ist nur gleichsam so. – Wir wissen sehr wohl, daß der Name “Schubert” zu seinem Träger & zu Schuberts Werken in keiner Beziehung des Passens steht; & doch sind wir unter einem Zwang, uns so auszudrücken.
§Ms-137
83b[6] &84a[1]
70. Man sieht etwas unter dem Bild, unter dem Begriff, des Passens. Ich kann doch Eins als Variation eines Andern sehen. Und nun könnte im äußersten Fall doch das was ich als Variation sehe mit dem, als dessen Variation ich's sehe, gar keine Ähnlichkeit mehr haben. – Sagen wir's so: Erst ist diese Figur eine einfache Projektion jener. Dann krümmen sich die Projektionsstrahlen etwas; aber es ist für mich doch noch eine Projektion. Endlich verbiegen sie sich bis zur Unkenntlichkeit, aber für mich ist das noch immer die Projektion (Wie Manche im Alten immer noch den Jungen sehen, im völlig veränderten Menschen immer noch den frühern.) Es ist vielleicht seltsam den Fall des Personennamens damit in Zusammenhang zu bringen. Aber man kann einen Zusammenhang machen. Nämlich den: Man sehe eben den Personennamen als Bildnis.
§Ms-137
84a[2]71. Nehmen wir an, ich sehe ein Dreieck als Quadrat, indem ich es als das Ende einer Veränderung sehe:
– Dann gehört die Art des Variierens zum gesehenen Aspekt. Aber so etwas liegt ja eben nicht vor, wenn uns der Name das Bildnis des Trägers zu sein scheint.
§Ms-137
84a[3]72. Ich sage etwas (z.B. “Der Name ‘Schubert’ paßt doch vollkommen zum Schubert”) – es heißt nichts.
§Ms-137
84a[4] &84b[1]
73. Der Satz “Der Name ‥‥ paßt auf ‥‥” ist, wie wir ihn gebrauchen, keine Mitteilung über den Namen, oder seinen Träger. Er ist eine pathologische Mitteilung über den Mitteilenden. – Man lehrt ein Kind nicht, daß dieser Name auf den Menschen paßt.
§Ms-137
84b[2]74. 31.10.1948
Einer winkt (mir) mit der Hand. “Was wolltest Du?” – “Ich wollte, daß Du kommst.” Das ist die Absicht zur Zeit des Wirkens. Das Zeichen war der Ursprung einer Bewegung. War es also nicht auch der Ursprung der Erklärung? Konnte nun diese Erklärung selber lauten: “Das Winken mit der Hand war der Ursprung der Erklärung, die ich Dir jetzt gebe: “Komm zu mir”?
§Ms-137
84b[3]75. 02.11.1948
Man konnte hier nicht sagen “Er [der Name] paßt nicht geradezu”, oder “Er scheint nicht geradezu zu passen”.
§Ms-137
84b[4]Es ist nicht, als ob “passen” nicht ganz das rechte Wort wäre. Man könnte allerdings auch andere Wörter gebrauchen; z.B. “Es ist eine Verwandtschaft da”.
“Das, was immer assoziiert ist, hält man leicht für verwandt. Ist das der richtige Ausdruck? Nicht ganz. Aber es ist, als wären sie verwandt.
§Ms-137
84b[5]76. Es ist nicht so: “Ich halte sie für verwandt, obwohl sie's nicht sind” – denn ich brauche, gleichsam, nur aufzuwachen, um zu wissen, daß sie's nicht sind. Aber ich sehe sie unter dem Bild der Verwandtschaft. Ich gebrauche das Wort, das Bild. –
§Ms-137
85a[1]Man kann freilich erklären: Zusammenpassen & Assoziation im Gebrauch gehen oft zusammen; & daher jene Täuschung (wenn man es Täuschung nennen soll).
§Ms-137
85a[2]77. Ich denke mir, eine physiologische Erklärung des seltsamen Phänomens ist gefunden worden. Man sieht jetzt, wie die Täuschung zu Stande kam. Es geht nämlich dann im Gehirn manchmal das vor, was auch vorgeht, wenn ‥‥․ Freudige Aufregung: Jetzt verstehen wir, warum man immer sagte ‥‥! Und wenn nun die Erklärung gegeben, das Rätsel gelöst ist in welcher Lage läßt uns das zurück? Es hat nur eine Frage weggeräumt, die uns nicht interessiert hat es läßt uns mit der Tatsache zurück, daß wir jenen Ausdruck, jenes Bild gebrauchen, gebrauchen möchten, wo die normale Veranlassung fehlt.
§Ms-137
85a[3]78. [→ ] Aber es bleibt dann die Frage, warum wir bei jenem Spiel des Meinens auch von einem ‘Meinen’ reden. Die Frage gehört (gar) nicht her. Wir gebrauchen (hier) das Wort: weil es diese Bedeutung hat. Kein anderes, keine andere Bedeutung täte es für uns. Es ist die Tatsache hinzunehmen.
§Ms-137
85a[4]79. 03.11.1948
Aber wird nun das Wort in zwei Bedeutungen gebraucht? Nein. (Sonst wären wir ja eine Erklärung schuldig.) Lehrt man den Gebrauch auf zwei verschiedene Arten?
§Ms-137
85b[1]80. Aber hat für uns eine Erklärung des seltsamen Phänomens nicht doch Interesse? Denk an andere verwandte Phänomene, & was ihre Erklärung leistet. Ja, es ist freilich interessant zu verstehen warum ich auf diesem Spaziergang unter dem Eindruck stehe, die Stadt müsse dort liegen; obwohl eine einfache Überlegung mich davon überzeugen kann daß es nicht so ist. Ich will nun annehmen, ich wisse, wie die Täuschung zustande kann: Ich zog falschen Schlüsse aus Ähnlichkeiten der Gegend mit einer andern Gegend, & dergl. – Aber ich hatte ja den falschen Schluß nicht ausdrücklich gezogen, & es ist auch nicht erklärt, warum jene Ähnlichkeiten mich zu diesem vorschnellen Schluß verleitet haben. Die Erklärung läßt die Seltsamkeit bestehen. (Ebenso für das Phänomen Laute farbig zu sehen, etc.)
§Ms-137
85b[2]81. Wenn Einer auf die Frage “Wird N. wiederkommen” wieder & wieder bejahend antwortet, kann man das so ausdrücken, er sei in einem Zustand des Dafürhaltens. Aber niemand wird sagen, daß die Antwort “N wird wiederkommen” den Zustand des Gefragten beschreibt.
§Ms-137
85b[3] &86a[1]
82. Wenn “Ich glaube p” aussagt, ich sei in einem bestimmten Zustand, so auch “rp”. Denn die Anwesenheit der Worte “Ich glaube” kann's nicht machen, kann es höchstens andeuten.
§Ms-137
86a[2]83. Sprache, in der “Ich glaube, daß p” nur durch den Tonfall der Behauptung “p” ausgedrückt wird. Statt “Er glaubt ‥․” heißt es dort “Er ist geneigt zu sagen ‥․” & es gibt auch die Annahme “Angenommen, ich sei geneigt, zu sagen ‥․”, aber nicht eine Äußerung “Ich bin geneigt, zu sagen ‥․”.
§Ms-137
86a[3]84. Anomalien gibt es ja auch sonst. Man sagt “Es wird vielleicht regnen”, aber nicht “Angenommen, es werde vielleicht regnen, ‥‥”
§Ms-137
86a[4]85. Moore's Paradox gäbe es in jener Sprache nicht; statt dessen gäbe es ein Verbum, das keine erste Person des Präsens hat.
§Ms-137
86a[5]86. Das aber sollte uns nicht überraschen. Denk daran, daß man die eigene künftige Handlung in der Äußerung der Absicht vorhersagen kann.
§Ms-137
86a[6]87. Denk an den Ausdruck “Ich sage, ‥‥” z.B. “Ich sage, es wird heute regnen”, welches einfach der Behauptung “Es wird heute ‥․” gleichkommt.” Er sagt, es wird ‥․” heißt beiläufig “Er glaubt, es wird ‥․”. “Angenommen, ich sage ‥‥” heißt nicht “Angenommen, es werde heute ‥․”.
§Ms-137
86a[7]88. Verschiedene Begriffe berühren sich hier & laufen ein Stück Wegs miteinander. Man muß eben nicht glauben, daß die Linien alle Kreise sind.
§Ms-137
86a[8] &86b[1]
89. Wer etwas einer Deutung gemäß sieht, erlebt deswegen nicht eine Deutung.
§Ms-137
86b[2]90. Jeder der denkt, weiß, wie Notizen, Bilder, die einem Andern nichts sagen würden, & die man auch selbst nicht zu erklären weiß, für Gedanken, oder einzelne Charakterzüge von Gedanken stehen können. (Die Notation des Kunstrechners.) [Noch nicht gelungen.] Für einen Gedanken, oder einzelne Züge des Gedankens stehen können.
§Ms-137
86b[5]91. “Hast Du, wie Du das Wort sagtest, das gemeint?” – Nein, ich hatte eigentlich an … gedacht.” – Ist das ein Erlebnis? Nein. Ein Erlebnis hätte nicht das gleiche Interesse. Es könnte dem Psychologen zum Erforschen der unbewußten Absicht dienen.
§Ms-137
86b[4]92. D.h.: Wenn ich z.B. erführe, er habe beim Aussprechen des Wortes das & das vor sich gesehen, so wäre es möglich daß ich daraus einen Schluß auf eine Tendenz in seinem Unbewußten zöge – Was ihm vorschwebte war nicht seine Absicht bei dem Worte.
§Ms-137
87a[1]93. “Diese Pflanze wächst aus dem Keim, nicht jene Pflanze.” Denk Dir, man würde sich in einer Sprache wirklich so ausdrücken!
§Ms-137
87a[2]94. Aber was ist der Keim? – Das Erlebnis zur Zeit des Sprechens. (Also z.B. eine Vorstellung – wie sie ja freilich oft vorhanden ist.) Aber es ist doch nicht, seiner Natur nach, der Keim. Noch wird etwas durch die spätere Entwicklung zum Keim. So bleibt also nur, daß sich das Bild vom Keim uns aufdrängt. (Ganz natürlich; denn wir wollen im Erlebnis
§Ms-137
87a[3]95. Die Frage, die uns interessieren muß, ist also: Wozu dient der Bezug auf den Zeitpunkt des Redens? Was teilt er Einem mit?
§Ms-137
87a[4]96. “Ich dachte mir, daß Du dabei an ihn denken würdest.” Es lag nicht in dem Bild, das er vor sich sah (das war nicht genau zu erkennen), noch am Namen, den er sich vorsagte (der konnte auch einem Andern gehören). Es war die Kette von Deutungen, von Erklärungen. Denn wenn er sagte “Ich dachte dabei an ‥․”, “Ich meinte damit ‥․”, so knüpft er ja dadurch an jenen Zeitpunkt an. (Er erinnert sich also nicht z.B. eines Vorstellungsbildes, welches er vor sich sah & nun zeigt es ihm, daß er an ‥‥ gedacht hat.)
§Ms-137
87a[5]97. Er liest es nicht vom Vorstellungsbild ab, woran er gedacht hat.
§Ms-137
87a[6] &87b[1]
98. Er sagte etwas & ich mußte dabei an N. denken. Wann fiel mir N. ein? In welchem Augenblick, bei welchem seiner Worte? – Wenn ich weiß, bei welchem, – was geschah mir bei diesem Wort? Die Gedanken nahmen von dem Wort ihren Ausgang. Da fing die Kette an. Was aber macht sie zur Kette? Daß ich es sage?
§Ms-137
87b[2]99. “Ich habe bemerkt, daß Du bei diesem Wort nachdenklich geworden bist.”
§Ms-137
87b[3]100. “Wie ich dies Wort hörte, fiel er mir ein.” Was ist die praktische Bedeutung dieses Zeitpunkts? – Denn ich will einmal sagen: Es kam mir vor, als fiele er mir bei diesem Wort ein,” – so macht das Subjektive daran ja keinen Unterschied. Die Frage ist dann noch immer dieselbe: “Welche Folgen hat so eine Mitteilung?”
§Ms-137
87b[4]101. 04.11.1948
“Ich habe bei diesem Wort an ihn gedacht.” Wo liegt das Interesse dieser Mitteilung? Was ist die primitive Reaktion, die solchen Worten entspricht?
§Ms-137
87b[5]102. “A propos ‥‥” “Wie bist Du plötzlich auf ihn gekommen?” – “Du sagtest ‥‥ & das hat mich an ihn erinnert.”
§Ms-137
87b[6]103. Wann sagt man, ich schreibe an diesen Menschen. Wie zeigt es sich? Wie weiß ich's selbst?! – Schreibe ich an ihn, während ich schreibe?
§Ms-137
87b[7]104. Es wäre beinahe seltsam, zu sagen: “Ich dachte an ihn, während ich an ihn schrieb.”
§Ms-137
87b[8]105. “Wir haben gerade von ihm geredet”, von diesem Menschen, auf den ich jetzt zeige. Wie hing die Rede mit ihm zusammen? Machte ich nicht, gerade durch diese Worte den Zusammenhang mit ihm?
§Ms-137
88a[1]106. “Ich wußte, von wem ihr geredet habt.” – Wie wußte ich's? Und was war das für ein Seelenzustand, das ‘Wissen, daß von diesem Menschen die Rede ist’?
§Ms-137
88a[2]107. “Von wem habt ihr gesprochen?” – “Vom N.” ‒ ‒ “Von meinem Freund N.” – “Von dem Menschen auf dieser Photographie.” – “Von dem, der jetzt zur Tür hereinkommt.”
§Ms-137
88a[3]108. Gott, wenn er in unsre Seelen geblickt hätte, hätte dort nicht sehen können, von wem wir sprachen.
§Ms-137
88a[6]109. In der Philosophie muß man unterscheiden: Zwischen (den) Sätzen, die die Neigung ausdrücken, & denen, die die Lösung geben.
§Ms-137
88a[7]110. Die unheilbare Krankheit ist die Regel, nicht die Ausnahme. |
§Ms-137
88a[8] &88b[1]
111. Du beziehst Dich mit dieser Äußerung auf den Zeitpunkt des Redens. Es macht einen Unterschied, ob Du Dich auf diesen, oder auf jenen Zeitpunkt beziehst. (Die Worterklärung bezieht sich auf keinen Zeitpunkt.)
§Ms-137
88b[3]Wie fängt man an, das zu sagen? (Worin liegt die Wichtigkeit dieser Frage?)
§Ms-137
88b[4]112. “Warum hast Du mich bei diesem Wort angeschaut; hast Du an … gedacht?” Es gibt also eine Reaktion in diesem Zeitpunkt, “Ich dachte an ‥‥” erklärt die Reaktion.
§Ms-137
88b[5]113. 05.11.1948
“Wir haben bei diesem Wort Beide an ihn gedacht.” Nehmen wir an, jeder von uns hätte dabei die gleichen Worte zu sich selbst gesagt – & mehr kann es doch nicht heißen. Aber wären eben diese Worte nicht auch nur ein Keim? Sie müssen doch zu einer Sprache gehören & zu einem Zusammenhang, um wirklich der Ausdruck des Gedankens an ihn zu sein.
§Ms-137
88b[6] &89a[1]
114. Es kommt doch vor daß ein laut gesprochenes Wort in der Mitte eines nicht ausgesprochenen Gedankenganges steht. Und dies könnte man doch melden. So wie man überhaupt melden kann, man habe sich zu dieser Zeit das & das überlegt, ohne zu sprechen. Was immer das Interesse dieser Meldung ist, muß es auch jener Meldung sein; & also auch: man habe bei dem Wort ‥‥ an ‥‥ gedacht.
§Ms-137
89a[2]115. “Ich habe damals gedacht: ob er wohl kommen werde –.” “Du hast so zweifelhaft dreingeschaut; was hast Du gedacht?” – “Ich habe gedacht: ob er wohl kommen wird –”. – – “Hast Du Dir dabei diese, oder ähnliche Worte im Geist gesagt?” – “Nein. Ich habe dabei seltsamerweise an Piccolomini gedacht, an die Scene, in der ‥‥”.
§Ms-137
89a[3]116. Das Reden in der Vorstellung ist in wichtiger Weise nicht mit dem Reden zu vergleichen, aber unsre Sprachspiele mit den beiden sind ähnlich. (Das Tennis mit Ball & das Tennis ohne Ball.) Und auch irgend ein Vorstellungsbild spielt in ihnen die Rolle eines wirklichen Bildes, das ja auch im Zusammenhang von Sätzen & Erklärungen stehen kann.
§Ms-137
89a[4]117. D.h.: Unser Sprachspiel bezieht sich auf ein Vorstellungsbild ungefähr so, wie auf einen laut ausgesprochenen Satz. Denn dieses ist auch nur eine Lautreihe & bezieht sich auch ohne weiteres, noch auf gar nichts.
§Ms-137
89a[5] &89b[1]
118. Es wäre nun die Frage: Wenn ein Wort in einem bestimmten Zusammenhang steht, so kann ich dennoch dabei im Gedanken einen andern Zusammenhang machen– tu ich das nun nicht, geschieht nichts Abnormales, – geht dann mein Denken meiner Rede entlang?
§Ms-137
89b[3]119. Wenn mein Denken einmal vom Weg der Rede abweicht, geht es im normalen Fall den Weg entlang.
§Ms-137
89b[4]120. Wenn alles seinen normalen Gang geht, denkt niemand an etwas, was die Rede begleitet.
§Ms-137
89b[5]121. 06.11.1948
Philosophie ist nicht Beschreibung des Sprachgebrauchs, & doch kann man sie durch ständiges Aufmerken auf alle Äußerungen der Sprache lernen.
§Ms-137
89b[6]122. Wissen, Glauben, Hoffen, Fürchten (u.a.) sind lauter so verschiedenartige Begriffe, daß eine Klassifikation, ein Einordnen in Fächer, für uns keinen Nutzen hat. Wir wollen aber die Verschiedenheiten & Ähnlichkeiten unter ihnen erkennen.
§Ms-137
89b[7]123. Vergleiche: “Ich glaube als Du vom ‘N.’ sprachst, Du meintest den ‥‥” & “Als Du vom N. sprachst, wußte ich, daß Du den ‥‥ meintest.” Gehört zum Zweiten ein bestimmtes Erlebnis? Und warum also zum Ersten?
§Ms-137
90a[1]124. Der Ausdruck: “Mir ist ‥‥ durch den Kopf gegangen.” “Beim Lesen ging mir unser gestriges Gespräch durch den Kopf.” Geht mir beim aufmerksamen Lesen auch das, was ich lese, durch den Kopf?
§Ms-137
90a[2]125. “Nein, als ich ‘Bank’ sagte, ging mir für einen Augenblick unsre Gartenbank durch den Kopf.” – Würde ich auch sagen, es sei mir die Geldbank ‘durch den Kopf gegangen’, wenn sich alles ganz normal abgespielt hätte?
§Ms-137
90a[3]126. Stell Dir vor, jemand würde, sowie er eine Äußerung tut, uns (immer) von dem, was sich in seinem Geist dabei abgespielt hat, unterhalten. (Es ist eine Gewohnheit.) Würde uns das unter allen Umständen interessieren?
§Ms-137
90a[4]127. “Ich meine, als ich ‘Bank’ sagte, natürlich die Bank, auf die Du gehen sollst.” Mußte ein Bedeutungserlebnis das Wort begleiten? (Unsinn!) – Warum aber dann, wenn ich – gegen den Zusammenhang – an unsre Gartenbank dabei dachte?
§Ms-137
90a[5]128. “Ich habe mich heute schon dreimal daran erinnert, daß ich an N. schreiben muß.” Welche Wichtigkeit hat, was dabei geschah?! – Aber anderseits, welche Wichtigkeit, welches Interesse hat der Bericht selbst? Er läßt gewisse Schlüsse zu.
§Ms-137
90a[6] &90b[1]
129. “Es war mir nicht ganz entfallen; ich hab mich heute dreimal daran erinnert.” – “Ja, ich weiß: Du bist einmal beim Wort ‥‥ zusammengefahren.” – Sein Geisteszustand wird beleuchtet, & es hat gewisse Folgen. Andere z.B. als der Sachverhalt: “Es war mir gänzlich entfallen; ich habe nicht mehr dran gedacht.”
§Ms-137
90b[2]130. 07.11.1948
Ich bin bei dem Wort in dieser Richtung gegangen. (Es ist also, als ob man die Tangente an eine Kurve in diesem Punkte angäbe.) Aber das ist wieder nur ein Bild. (Wie wenn man das Tennis ohne Ball durch das Tennis mit Ball beschreibt.)
§Ms-137
90b[3]131. Das Sprachspiel “Ich meine (oder meinte) das” (nachträgliche Worterklärung) ist ein ganz anderes als das Sprachspiel ich dachte dabei an ‥‥” Dies ist verwandt mit: “Es erinnerte mich an ‥‥”.
§Ms-137
90b[4]132. Hier ist zur Zeit des Meinens, Gedenkens, Erinnerns eine charakteristische Reaktion möglich.
§Ms-137
90b[5]133. Was ist die primitive Reaktion, mit der das Sprachspiel anfängt? Die dann in Worte umgesetzt werden kann. Wie kommt es denn, daß Menschen diese Worte gebrauchen?
§Ms-137
90b[6]134. “Du sagtest das Wort, als wäre Dir dabei plötzlich etwas Anderes eingefallen.” Diese Reaktion hat man nicht gelernt. Die primitive Reaktion konnte auch eine Wortreaktion sein.
§Ms-137
90b[7] &91a[1]
135. Nimm an, ich bin mit jemand im Gespräch über Dr N.. In mitten des Gesprächs sage ich “Ich dachte beim Namen ‘N’ jetzt an Dr N.” – der Andre wird mich nicht verstehen. Hätte ich gesagt “Ich meinte mit ‘N’ jetzt den Dr N., der ‥‥”, so wäre die Antwort vielleicht gewesen: “Freilich. Wen hättest Du sonst meinen können!” Hätte ich gesagt “Beim Namen ‘N” habe ich den Dr N. jetzt vor mir gesehen”, so wäre das vielleicht nicht zur Sache gewesen.
§Ms-137
91a[2]136. “Ich dachte bei dem Wort an …‥‥” – Wenn Einer auf die Frage “Was ging dabei in Dir vor?” nichts zu antworten wüßte, – – – war seine Äußerung ungültig? – Er hätte ja antworten können “Ich hab's vergessen”, & es kam ihm nur so vor, als hätte er es je gewußt.
§Ms-137
91a[3]137. Ist “Ich wollte Dir mit dem Zeichen zu verstehen geben ‥‥” vergleichbar mit: “Wie ich früher den Mund geöffnet habe, wollte ich sagen ‥‥”? D.h.: Ist jener Satz die Äußerung einer vergangenen Absicht?
§Ms-137
91a[4]138. 08.11.1948
“Ich wollte Dir mit dem Zeichen zu verstehen geben Du solltest” … “Dies drückt keine Zeichenregel aus (keine Übereinkunft); sondern den Zweck, jenes Zeichens meiner Handlung.
§Ms-137
91a[6]139. [→ ] “Diese Zahl ist die folgerechte Fortsetzung dieser Reihe” Mittels dieses Ausdrucks kann ich einen dazu bringen, daß er in Zukunft das & das die “folgerechte Fortsetzung” nennt. Was ‘das & das’ ist, kann ich nur an Beispielen zeigen. – D.h., ich kann ihn eine Reihe (Grundreihe) fortsetzen lehren, einen Ausdruck für das Gesetz der Reihe zu verwenden, vielmehr als ein Substrat für die Verwendung algebraischer Regeln, oder was ihnen ähnlich ist.
§Ms-137
91b[1]140. Ich kann nun allerdings beim Lehren der Grundreihe das Wort “gleich” gebrauchen, welches er etwa in andern Zusammenhängen, d.h. in anderer, wenn auch verwandter Bedeutung, schon kennt: Es kann sich zeigen, daß er die Grundreihe leichter bilden lernt, wenn ich ihm dabei sage “Du mußt immer wieder das tun, immer wieder dazugeben.”, also eine Regel ausspreche; aber sie funktioniert hier (noch) nicht als Regel, es gibt noch keine Algebra.
§Ms-137
91b[2]141. Gäbe es ein Verbum mit der Bedeutung: fälschlich glauben, so hätte das im Indikativ keine erste Person des Präsens.
§Ms-137
91b[3]142. “Ich glaube, er wird kommen, aber er wird gewiß nicht kommen.” Wenn ich das jemandem sage, so ist es die Mitteilung, er werde nicht kommen, & ich sei trotzdem durchdrungen vom Gegenteil, werde mich also entsprechend diesem Glauben verhalten. Aber freilich tu ich das schon dadurch nicht, daß ich dem Andern mitteile, er werde nicht kommen.
§Ms-137
91b[4]143. “Ich glaube bestimmt, er wird kommen, aber er wird bestimmt nicht kommen. Wozu teilt man Einem mit man glaube etwas? Um ihn von dem, was man glaubt, zu überzeugen, oder nur, um ihn auf mein Verhalten in dieser Sache vorzubereiten?
§Ms-137
91b[5]144. Betrachte: “Er wird nicht kommen, aber ich werde mich ganz so stellen, als glaubte ich, er werde kommen.” Das könnte ich Einem sagen, aber in Wirklichkeit zu dieser Verstellung pathologisch gezwungen sein, so daß sie nicht eigentlich Verstellung wäre.
§Ms-137
92a[1]Man könnte das so ausdrücken: Es ist nicht so, aber ich muß es glauben.
§Ms-137
92a[2]145. Ich sagte der Satz “Ich glaube, es ist so, & es ist nicht so” könne wahr sein; wenn ich es nämlich wirklich fälschlich glaube; was doch wohl möglich ist. Aber was macht den Satz wahr? Wie kann ein Andrer sehen, daß er wahr ist? Wie weiß er, daß ich es glaube? Nicht aus meinem Betragen; denn das ist widerspruchsvoll.
§Ms-137
92a[3]146. ---
09.11.1948 Wenn ich sage: “Schau! in diesem Bild ist diese Figur enthalten.” – mache ich eine geometrische Bemerkung? – Ist ‘dieses Bild’ nicht das, wovon dies die genaue Kopie ist? was mit den Worten ‥‥ zu beschreiben wäre? Hätte es also Sinn, zu sagen, es enthalte jene Figur jetzt? oder habe sie enthalten? – Meine Bemerkung ist also zeitlos, & man kann sie “geometrisch” nennen.
§Ms-137
92a[4]147. Was folgt aber daraus für's Wahrnehmen so eines Sachverhaltes? Denk Dir, Einer sieht ein Vexierbild an & findet darin die versteckte Figur. Er bildet sich aber nun ein, das Bild habe sich so verändert, daß die Figur jetzt in ihm liegt. Er sagt etwa “Hier ist jetzt diese Figur”. Oder es konnte, umgekehrt, das Bild sich unbemerkt verändert haben, & er glaubt nur, etwas darin entdeckt zu haben, was immer darin gelegen hatte.
§Ms-137
92a[5] &92b[1]
148. “Eigentlich sollte man bei den Worten ‘Ich sehe dies’ auf den eigenen Gesichtseindruck deuten, dann würde man wirklich auf das zeigen, was man sieht.” Ein Resultat der Kreuzung verschiedener Sprachspiele. (Ähnlich: “‘dieses’ ist der eigentliche Name.”)
§Ms-137
92b[2]149. “Ich sehe jetzt, daß diese Gesichter nicht ganz gleich sind.” (Zeitloser Satz.) Dazu sind doch auch die Augen da! Denk Dir, Einer wollte sagen: “Ja, das ist eine Wahrnehmung mittels des Gesichtssinnes; aber es beschreibt nicht meine Gesichtseindrücke”. Was wären diese? Nun, ich schaute von einem Gesicht zum andern, um sie zu vergleichen, dabei erhielt ich eine Menge Gesichtseindrücke; oder einen sich kontinuierlich verändernden Gesichtseindruck, etwas, was man durch einen Film darstellen möchte. Könnten wir aber, um die Sache zu vereinfachen, aus allen diesen nicht zwei herausheben, könnten's zwei Gesichtseindrücke im extremen Fall nicht tun? Und könnten diese zwei nun darstellen was ich bemerkt hatte, nämlich die Ungleichheit? Haben wir hier nicht eben ein ganz anderes Spiel?
§Ms-137
92b[3]150. Es ist nicht Zufall, daß ich in diesem Buch soviele Fragesätze verwende.
§Ms-137
92b[4] &93a[1]
151. Soll ich nun hier sagen, der Gesichtseindruck, das Sinnesdatum, der visuelle Gegenstand sei ein anderer? Dieser Begriff scheint hier nicht recht zu passen. Wollte man sich vorstellen, man sähe Ähnlichkeit oder die Verschiedenheit als etwas Bildartiges, so dächte man sie sich etwa im Bild betont; so wie man, um Einem zu zeigen, wo die Verschiedenheit zweier Bilder liegt, verschieden ist stark ausziehen kann. Aber wer das Nachgezogene in beiden sieht, bemerkt damit noch nicht die Verschiedenheit der Bilder. Du mußt das Spiel als Ganzes ausschauen, dann siehst Du den Unterschied.
§Ms-137
93a[2]152. “Ich sehe, daß die Beiden ähnlich sind” kann zeitlich & zeitlos gebraucht werden, jenachdem wie ‘die Beiden’ definiert sind. Aber sehe ich darum auch jedesmal etwas Anderes? “Ich sehe” ist immer zeitlich, aber “Die Beiden sind ähnlich” kann unzeitlich sein.
§Ms-137
93a[3]153. Aber ist es im praktischen Gebrauch auch immer klar, ob der Satz zeitlich, oder zeitlos gemeint ist? – Es handelt sich um zwei Brüder; ich treffe sie & sage dann “Ja, ich sehe, daß sie einander ähnlich sind”. Meinte ich: diese beiden Menschen, M & N, sind einander jetzt ähnlich. (Waren es vielleicht früher nicht, etc..) – Oder: Ich bemerke, daß diese beiden menschlichen Erscheinungen, die z.B. ein Bild festhalten kann, einander ähnlich sind. – Hätte ich die Äußerung getan & wäre gefragt worden, welches ich meine, könnte ich es unbedingt beantworten?
§Ms-137
93a[4]154. 10.11.1948
“Du sollst sein Gesicht nicht zeichnen” könnte heißen: Du sollst das Gesicht dieses Menschen nicht zeichnen, wie immer es ausschaut – oder: Du sollst diese Gesichtszüge nicht zeichnen, die jetzt zufällig die seinen sind. Es kommt jedesmal auf etwas anderes an. Und das Verbot, so oder so aufgefaßt, hat verschiedene Konstruktionen.
§Ms-137
93b[1]155. Auch wenn ich sage “Es besteht eine Ähnlichkeit zwischen diesen (beiden) Gesichtern” kann's mir auf verschiedenerlei ankommen. Es könnte z.B. heißen: Es besteht eine Ähnlichkeit zwischen dieser Art von Gesicht & dieser Art von Gesicht. Wo die beiden Arten durch Beschreibungen charakterisiert werden. Es können nicht die Gesichter dieser Menschen interessieren, oder diese Gesichtsformen, wo immer ich sie antreffe. Der Unterschied, der mir vorschwebt ist natürlich der zwischen dem Sinn: Diese beiden Striche haben ähnliche Form – & dem: Kreis, Ellipse, Parabel & Hyperbel haben eine Ähnlichkeit mit einander.
§Ms-137
93b[2]156. Der Unterschied ist der zwischen externer & interner Ähnlichkeit.
§Ms-137
93b[3]157. Wenn ich nun von zwei Gesichtern sage, sie seien ähnlich, – hat es Sinn zu fragen “Meinst Du die externe, oder die interne Ähnlichkeit”?
§Ms-137
93b[4]158. “Interessiert es Dich, daß Du in diesen scheinbar ganz verschiedenen Formen eine Ähnlichkeit bemerken kannst?” “Willst Du sagen, diesen Formen ist etwas gemeinsam, – oder diesen Menschen?” – Aber wo ist der Unterschied? – Interessieren Dich die Formen, oder die Menschen? Wenn die Formen, so wirst Du sie vielleicht genau nachzeichnen, die Ähnlichkeit der Linien studieren & die Menschen ganz vergessen. Entsteht darüber eine Diskussion, so wird es eine geometrische sein, eine über Typen von Linien.
§Ms-137
93b[5] &94a[1]
159. Angenommen, ich zeichnete die Gesichtsformen nach, um jemand die Ähnlichkeit zu erklären & er sagte “Ja diese Linien haben eine Ähnlichkeit, das seh ich; aber so schauen diese Gesichter nicht aus, ‥‥․” – so könnte ich antworten: “Vielleicht hast Du recht, aber darauf kommt's mir nicht an. Ich wollte sagen, daß eine solche Form & eine solche, so verschieden sie ausschauen, ‥‥․” Hier handelte sich's mir um eine geometrische Frage. Hätte ich aber geantwortet: “Du hast Recht, ich habe mich geirrt.” – so wär's mir auf die Ähnlichkeit dieser Menschen angekommen.
§Ms-137
94a[2]160. “Das sind Geschwister, aber ganz unähnlich” – Ich kann eine Ähnlichkeit in ihnen sehen.” Worauf kommt's mir da an?
§Ms-137
94a[3]161. Denke, es gäbe eine ästhetische Regel, nach der zwischen Gesichtern auf einem Gemälde eine Ähnlichkeit bestehen muß. Ich zeige nun auf zwei Leute & sage Einem “Nimm diese als Modelle für Dein Bild; sie haben eine Ähnlichkeit.”
§Ms-137
94a[6]162. Aber wenn ich ihn bei einer bestimmten Gelegenheit ausspreche, ist da immer klar, ob ich die Ersetzung zulassen wollte, oder nicht? Muß ich mir's überlegt haben?
§Ms-137
94a[5]163. Es kann mir drauf ankommen, das ich in diesen Linien, denen scheinbar nichts gemeinsam ist, doch etwas Gemeinsames sehe. Also auf meinen analytischen Blick.
§Ms-137
94a[7]164. 12.11.1948
“Ich sehe in einem viel wichtigern Sinne verschiedenes, als dasselbe.”
§Ms-137
94a[8] &94b[1]
165. Eine Bildergeschichte. In einem ihrer Bilder kommen Enten vor, in einem andern Hasen; aber einer der Entenköpfe ist genau so gezeichnet wie einer der Hasenköpfe. Jemand sieht sich die Bilder an & es fällt ihm nicht auf. Wenn er sie beschreibt, beschreibt er unbedenklich diese Form einmal als das eine, einmal als das andere. Erst wenn wir ihn drauf aufmerksam machen, folgt das Erstaunen.
§Ms-137
94b[2]166. Er sah also die Aspekte & doch nicht den Aspektwechsel.
§Ms-137
94b[3]167. Hätte er, beim Kopieren der beiden Bilder, den Kopf jedesmal anders nachgezeichnet? Nicht daß ich wüßte! Er sah sie also beidemale genau gleich.
§Ms-137
94b[4]168. Aber stellte er sich beidemale das gleiche darunter vor? – Soweit ich diese Frage verstehe – nein.
§Ms-137
94b[5]169. Im Aspektwechsel wird man sich des Aspekts bewußt.
§Ms-137
94b[6]170. War es aber richtig zu sagen “Er sah die beiden Aspekte, aber nicht den Aspektwechsel”? Hätte ich nicht sagen sollen “Er deutete also das Bild auf zweierlei Weise, sah aber nicht den Aspektwechsel”? Für ihn war ja zuerst das Bild wie irgendeines einer Ente: & sah er hier einen Aspekt, so überhaupt in jedem Bild, & dann auch in jedem Gegenstand. Dann habe ich jedes Bild daraufhin untersucht, ob man es nicht noch anders sehen könnte? – Ich werde also sagen: er sah den Aspekt nicht; er deutete das Bild so & so.
§Ms-137
95a[1]171. Die Äußerung des Erlebens des Aspekts ist: “Jetzt ist es ein ‥‥”.
§Ms-137
95a[2]172. Was ist die philosophische Wichtigkeit dieses Phänomens? Ist es denn soviel seltsamer, als die alltäglichen Gesichtserlebnisse? Wirft es ein unerwartetes Licht auf sie? – In seiner Beschreibung spitzen sich (die) Probleme, den Sehbegriff betreffend, zu.
§Ms-137
95a[4]173. Und man kann da die Frage stellen: Wenn Einer sagt “Jetzt ist es eine Ente – – – jetzt ist es ein Hase!” – was geschah denn da zuerst? Er hatte ja den Wechsel da noch nicht erlebt, & doch sagt er schon “Jetzt ist es …”. Es ‘geschah’ eben nichts; aber er spielte schon jenes Spiel. Du müßtest nach etwas suchen, was das Seherlebnis bei den Worten “Jetzt ist es eine Ente” von dem Seherlebnis bei den Worten “Das ist eine Ente” (wenn Einer gar nichts von Aspekten weiß) unterscheidet. Und natürlich ist nichts zu finden. Denn was soll ich sagen? – wann geht das Erlebnis, das mich interessiert, bei den Worten “Jetzt ‥‥‥ jetzt ‥‥‥” vor sich? (Haben wir hier zwei außerordentliche Erlebnisse? oder drei?
§Ms-137
95a[5]174. Das seltsame ist eigentlich das Staunen; das Fragen “Wie ist es möglich!” Der Ausdruck davon ist etwa: “Dasselbe – & doch nicht dasselbe”.
§Ms-137
95a[6] &95b[1]
175. Das Paradoxe äußert sich etwa im Lachen. Aber man könnte sich doch auch einen denken, der hier nicht lachen würde; dem nichts paradox erschiene. Und der würde doch auch den Aspektwechsel erleben. Er würde das Bild jetzt so, jetzt so ansprechen: & das wäre alles.
§Ms-137
95b[2]176. Und was tut er? Er sagt jetzt als Erlebnisäußerung, was sonst sein Bericht der Wahrnehmung ist. (Die große Ähnlichkeit mit dem Erleben der Bedeutung.)
§Ms-137
95b[3]177. Worin liegt die Ähnlichkeit des Aspektsehens mit dem Denken? Daß dieses Sehen nicht die Folgen des Wahrnehmens hat; daß es darin einem Vorstellen ähnlich ist.
§Ms-137
95b[4]178. Nimm an, es gäbe eine Zeichensprache, in der ein Entenkopf eine gewisse Nachricht ist, ein Hasenkopf eine andere. Jemand, der diese Chiffre benützt zeichnet, unabsichtlich, einen Entenkopf so, daß er auch als Hasenkopf gesehen werden kann. Der Empfänger der Nachricht gibt ihm die falsche Deutung: das wird sich an seinen Handlungen zeigen. Kommt er aber darauf, daß man ihn so & so sehen kann, so wird er nun nicht je nach dem Aspekt, den er gerade sieht, (auch) anders handeln.
§Ms-137
95b[5]179. “Ist es ein Denken? ist es ein Sehen?” – Heißt das nicht eigentlich “Ist es ein Deuten? ist es ein Sehen?” Und das Deuten ist ein Denken; & es bewirkt oft ein Umschlagen des Aspekts. Kann ich sagen: Das Sehen des Aspekts ist verwandt einem Deuten? – Die Neigung war ja, zu sagen “Es ist, als sehe ich eine Deutung”. Nein, der Ausdruck dieses Sehens ist verwandt dem Ausdruck des Deutens.
§Ms-137
96a[1]180. 13.11.1948
[→ ] Zwei Verwendungen des Berichts “Ich sehe ‥‥” – Das eine Sprachspiel: Der Beobachter meldet, was er von seinem Posten sieht. – Das andere: Die gleichen Gegenstände werden von Mehreren betrachtet; Einer sagt: “Ich sehe eine Ähnlichkeit zwischen ihnen”. Im ersten Sprachspiel hätte die Meldung z.B. sein können “Ich sehe zwei Leute, die einander ähnlich sind, wie Vater & Sohn.” Das ist eine weit unvollständigere Beschreibung, als z.B. die durch eine genaue Zeichnung es wäre. Aber jemand könnte diese vollständigere Beschreibung geben & doch die Ähnlichkeit nicht bemerken. Und ein Anderer könnte die Zeichnung dieses sehen & die Ähnlichkeit in ihr entdecken.
§Ms-137
96a[2]181. Es gibt ein Spiel: Gedanken erraten. Eine Variante davon wäre die: Ich spreche einen Satz in einer Sprache, die A versteht, B nicht versteht. B soll raten, was ich gesagt habe. Eine andere Variante: Ich schreibe einen Satz nieder, den der Andre nicht sehen kann. Er muß ihn erraten; oder erraten, wovon er handelt.
§Ms-137
96a[3]182. Die Absicht erraten: Ich schreibe auf einen Zettel, den der Andre nicht sieht, ich werde, wenn die Uhr schlägt, den linken Arm heben. Der Andre soll erraten, was ich um diese Zeit tun werde.
§Ms-137
96a[4] &96b[1]
183. “Nur ich kann wissen, was ich tun werde.” Aber ich mag mich doch irren; & kann's der Andere nicht richtig vorhersagen? Aber für gewöhnlich weiß es der Andre nicht, & ich weiß es oft. Ebenso weiß der Andre nicht, an wen ich schreibe, – wenn er's nicht sieht, oder von mir erfährt; aber ich kann's sagen. Um die Motive meiner Handlung frägt man meistens mich, nicht einen Andern. Ebenso auch darum, ob ich Schmerzen habe. Das liegt im Sprachspiel.
§Ms-137
96b[2]184. Wäre es aber richtig zu sagen, meine Schmerzen seien versteckt?
§Ms-137
96b[3]185. Ist z.B. die Zukunft versteckt?
§Ms-137
96b[4]186. “Nichts ist so gut versteckt, wie die Ereignisse der Zukunft. Man kann sie nicht wissen. Nur was jetzt geschieht, kann man wissen.”
§Ms-137
96b[5]187. Man kann sich freilich über die unmittelbare Erfahrung nicht täuschen: aber nicht, weil sie so gewiß ist. Das Sprachspiel läßt die sinnlose Äußerung nicht zu, – wenn auch nicht die ‘falsche’.
§Ms-137
96b[6]188. “Die Zukunft kann man nicht wissen” ist eine grammatische Bemerkung über den Begriff ‘wissen’. Es heißt etwas ähnliches wie: “Das ist nicht wissen.” Und nun könnte man fragen: Warum soll Einer versucht sein diese Begriffsgrenze zu ziehen? Und die Antwort ist: Wegen der Unsicherheit der Vorhersagen.
§Ms-137
96b[7]189. “Die Zukunft kann man nicht wissen? – Wie ist es mit den Sonnen- & Mondfinsternissen?” – Wissen kann man sie eigentlich auch nicht.” – “Wissen? – wie was z.B.?”
§Ms-137
96b[8]190. 14.11.1948
[→ ] Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.
§Ms-137
97a[1]191. Wenn Einer auch alles ausspräche, ‘was in seinem Innern ist’, wir müßten ihn nicht verstehen.
§Ms-137
97a[2]192. Er wird also zornig, wenn wir keinen Grund dafür sehen; was uns erregt, läßt ihn ruhig. – Wäre der wesentliche Unterschied, daß wir seine Reaktionen nicht voraussehen könnten? – Könnte es nicht sein, daß wir sie zwar nach einiger Erfahrung wüßten, aber doch nicht mit könnten.
§Ms-137
97a[3]193. Er benimmt sich wie Einer, in dem verzwickte Denkprozesse vorsichgehen; & wenn ich sie nur verstünde, verstünde ich ihn. – Denken wir uns diesen Fall; & er spricht nun seine Gedanken vor sich hin, & ich verstehe in gewissem Sinne sein Handeln. D.h.; ich sehe die Gedankenketten & weiß, wie sie zu den Handlungen führen.
§Ms-137
97a[4]194. Er hörte dadurch vielleicht auf, mir ein Rätsel zu sein.
§Ms-137
97a[5]195. Denke an die Rätselhaftigkeit des Traumes. Ein solches Rätsel muß keine Lösung haben. Es intriguiert uns. Es ist, als wenn hier ein Rätsel wäre. Dies könnte doch eine primitive Reaktion sein.
§Ms-137
97a[6]196. Es ist als wenn hier ein Rätsel wäre; aber es muß doch kein Rätsel sein. (“Alle Formen sind ähnlich & keine gleichet der andern, & so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz.”)
§Ms-137
97a[7] &97b[1]
197. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht. Ich könnte mir seine Gedanken nicht ergänzen.
§Ms-137
97b[2]198. Er ist mir unverständlich, heißt: ich kann nicht so mit ihm verkehren, wie mit Andern.
§Ms-137
97b[4]199. 15.11.1948
Wer gegen ein mathematisches Resultat mißtrauisch ist, der wird die Rechnung verdächtigen. Aber ist dies nicht nur eine Methode? Wer gegen den unmittelbaren Ausdruck der Erfahrung mißtrauisch ist & nicht meint, der Andre lüge, wird sagen, er wisse nicht, was er sagt, er träume, oder sei nicht bei Sinnen.
§Ms-137
97b[5]200. 16.11.1948
[→ ] Aber wie weiß ich, was ich täte, wenn …? Vielleicht, wenn ich auf die Straße hinaus träte & fände Alles anders, als ich es je gesehen habe, täte ich ganz lustig mit. Benähme mich also auch ganz anders, als ich mich je benommen habe. Und doch ist etwas Wichtiges an meiner Bemerkung.
§Ms-137
97b[6]201. Schon in Menschen, die sämtlich die gleichen Gesichtszüge hätten, konnten wir uns nicht finden.
§Ms-137
97b[7]202. Ein Volk: mit einer herrschenden Klasse, deren Individuen (bis auf sexuelle Merkmale) alle gleich ausschaun, & einer unterdrückten Klasse, die unsre Variabilität der Gestalt & Gesichtszüge hat.
§Ms-137
98a[1]203. 17.11.1948
Ein Stamm der den Begriff der geheuchelten Schmerzen nicht kennt. Wer bei ihnen Schmerz äußert, wird bemitleidet. Die mißtrauische Einstellung zu der Schmerzäußerung kennen sie nicht. Der Reisende, der von uns zu ihnen kommt, denkt oft, daß ein Klagen übertrieben ist ja auch daß nur den Zweck hat Mitleid zu erzeugen; die Eingeborenen scheinen nicht so zu denken. (Sie haben in ihrer Sprache einen Ausdruck der beiläufig, unserm “Schmerzen haben” entspricht.) Ein Missionar lehrt die Kinder unsre Sprache; er erzieht sie auch, & bei ihm lernen sie zwischen echtem & geheucheltem Schmerzausdruck unterscheiden. Denn er mißtraut der Schmerzäußerung & stellt sie ab & lehrt die Kinder mißtrauisch sein. – Sie lernen unsern Ausdruck “Schmerzen haben”, auch den “Schmerzen heucheln”, & es ist die Frage: hat man ihnen einen neuen Schmerzbegriff beigebracht? Ich werde doch gewiß nicht sagen, sie wissen jetzt erst, was Schmerzen sind. Denn das hieße, sie hätten früher nie Schmerzen gehabt.
§Ms-137
98a[2]204. Hatten diese Leute etwas übersehen, & hat der Lehrer sie auf etwas aufmerksam gemacht?
§Ms-137
99a[2]205. Und wie konnte ihnen denn der Unterschied nicht zum Bewußtsein kommen, wenn sie einmal mit Schmerzen & einmal ohne Schmerzen klagten? Soll ich sagen: sie haben immer gedacht, es ist dasselbe? – Gewiß nicht. Oder: es sei ihnen kein Unterschied aufgefallen? – Aber warum nicht: es sei ihnen nicht darauf angekommen?
§Ms-137
99a[3]206. [→ ] 18.11.1948 “Bezieht sich ein Begriff auf eine bestimmte Lebensschablone, so muß in ihm eine Unbestimmtheit liegen.” Dabei denke ich so: wir hätten auf einem Streifen ein regelmäßig fortlaufendes Bandmuster & auf diesem Muster als einem Grund eine unregelmäßige Zeichnung oder Malerei die wir mit Beziehung auf das Muster beschreiben da uns diese Beziehung das Wichtige ist. Wenn das Muster liefe: a b c a b c a b c etc., so hätte ich z.B. einen besonderen Begriff dafür, daß etwas Rotes auf ein c fällt & etwas Grünes auf das nächste b. Wenn nun einmal Anomalien in dem Muster auftreten, so werde ich im Zweifel darüber sein, welches Urteil zu fällen ist. Aber könnte dafür in meiner Instruktion nichts vorgesehen sein? Oder nehme ich eben an, daß bei der Abrichtung, die uns den Begriff beibringt, das besondere Muster Voraussetzung war & selbst nie beschrieben wurde?
§Ms-137
99a[4]207. [→ ] Wenn die Farben in der Welt des Menschen eine andere Rolle spielten, als in der unsern, welche Folgen hätte das für die Farbbegriffe? Das ist eigentlich eine naturwissenschaftliche Frage, & eine solche will ich nicht stellen. Eher die: Welche Folgen kämen uns plausibel vor? Welche Folgen würden uns nicht überraschen?
§Ms-137
99b[1]208. Wenn die Farben in der Welt des Menschen eine andere Rolle spielten als in der unseren, was für, von den unseren verschiedene, Farbbegriffe würde uns dann nicht überraschen? Überlege verschiedene Fälle. Die Frage ist noch nicht richtig gestellt; aber was ist ihr Zweck? –
§Ms-137
99b[2]209. Andere Begriffe, als die unseren sind darum so schwer vorzustellen, weil uns gewisse sehr allgemeine Naturtatsachen nicht bewußt werden & es uns nicht einfällt, sie uns anders vorzustellen, als sie sind. Tun wir das aber, dann ist es nicht mehr schwer uns in andere Begriffe zu finden.
§Ms-137
99b[4]210. Unser Begriff der reinen Zukunft “Es wird geschehen” – im Gegensatz zu “Es will geschehen” & “Es soll geschehen”. Muß jedes Volk diesen Begriff haben, der gleichsam die Zeit räumlich auffaßt?
§Ms-137
100a[3]211. Wenn ein Lebensmuster die Grundlage für eine Wortverwendung ist, so muß in ihr eine Unbestimmtheit liegen. Das Lebensmuster ist ja nicht genaue Regelmäßigkeit.
§Ms-137
100a[4]212. Wer nur an seinen Fingern zählt, für wen 5 die Hand, 10 der ganze Mensch ist & wer dann die Menschen wieder an seinen Fingern abzählt, etc., für den wird das Dezimalsystem nicht ein beliebiges Zahlensystem sein. Es ist ihm nicht eine Methode des Zählens, sondern das Zählen.
§Ms-137
100a[5]213. Sechs reine Farben. Muß es uns so vorkommen? – Braun gehört nicht zu ihnen. Aber was teilt uns das überhaupt mit? Wo brauchen wir dergleichen? Wenn wir Dinge nach ihren Farben beschreiben? – Doch; wenn wir's z.B. in einer allgemeinen Weise tun. “Braun gehört nicht zu ihnen” kann ja der Ausdruck einer instinktiven Ablehnung einer Farbenzusammenstellung sein.
§Ms-137
100a[6] &100b[1]
214. “Das Licht ist weiß. Farben sind schon ein Schatten.” – Aber ist denn wirklich alles ‘Licht’ weiß? Gibt die Lampe nicht Licht? – Woher dann dieser erste Satz, der doch so einleuchtend klingt? Und warum klingt er einleuchtend?) – Das Hellste nennen wir immer das Weiße. Ist von zwei Farben eine die hellere, so kann nur sie die weiße sein. Und Helligkeit & Licht sind hier gleichgesetzt.
§Ms-137
100b[2]215. Es scheint uns einen Begriff der Farbenmischung zu geben, der über dem aller physikalischen Methoden der Farbenmischung steht. So daß wir also von so einer Methode sagen können: sie repräsentiert noch am ehesten die ‘reine’ Farbenmischung, z.B..
§Ms-137
100b[3]216. Wir beurteilen also, ob nach unserem Begriff die beiden Farben a & b wirklich die Farbe c geben sollen.
§Ms-137
100b[4]217. Wie kamen wir zu diesem Begriff? Das ist eigentlich gleichgültig.
§Ms-137
100b[5]218. “Mehrere Schatten geben zusammen das Licht” – diese Idee könnte schon wie eine höllische Verdrehung der Wahrheit erscheinen.
§Ms-137
100b[6]219. Könnte man auch alle Farben als Mischungen von Weiß & Schwarz empfinden? – Wenn z.B. das weiße & das schwarze Pigment unter bestimmten Umständen rot, grün, etc., gäben, vielleicht. Man würde vielleicht sagen: “Das Licht bringt aus dem Schwarz das Rot hervor.” (Denkt sich also die Farbe im Schwarz versteckt.)
§Ms-137
100b[7] &101a[1]
220. Rot & Grün das Gleiche. Ich stelle mir vor, es gibt nur einen Ton von Rot & von Grün. Die beiden gehen in der Natur (wie im Herbst in gewissen Blättern) immer in einander über. Sie werden überall mit einander angetroffen, das eine eine Variation des andern. Ihr Unterschied spielt keine andere Rolle als der von heller & dunkler. Aber sehen die Leute den Unterschied nicht?! Freilich. Aber sie haben etwa ein Wort “Blattfarbe” welches einigermaßen analog unsern Farbnamen gebraucht wird & rot oder Grün bezeichnet, & zwei Bestimmungsworte, “scharf” & “stumpf”, analog etwa unsern “hell” & “dunkel”, welche rot von grün trennen. Und nun fragt es sich: welcher ihrer Begriffe ist ähnlich einem unsrer Farbbegriffe, ihr Begriff ‘Blattfarbe’ oder ihr Begriff ‘scharfe Blattfarbe’ (d.i. rot) z.B.? (Wenn es sich um das Färben, Anstreichen eines Gegenstands handelt sagen sie etwa, sie wünschen ihn blattfarbig. Gefragt, ob scharf oder stumpf, antworten sie vielleicht, es ist ihnen gleichgültig.) Oder wären diese Leute dann farbenblind? Nun, wenn wir sie unsre Sprache lehren, so erweisen sie sich als farbensehend.
§Ms-137
101a[2]221. Der Unterschied zwischen Rot & Grün hat bei ihnen nur nicht die Wichtigkeit wie bei uns.
§Ms-137
101a[4] &101b[1]
222. Wenn wir sie mit einer größern Mannigfaltigkeit von Farben bekanntmachen, werden sie vielleicht unser System als das einzig natürliche empfinden, d.h., zu ihm übergehen & das andre ohne Schwierigkeit verlassen. Vielleicht aber nicht.
§Ms-137
101b[2]223. Eine Malerei, in welcher die Lichtseite der Körper immer grün, die Schatten rot gemalt werden.
§Ms-137
101b[3]224. Könnten wir uns denken, daß Leute einen vom unsern verschiedenen Begriff der Verstellung hätten? – Aber wäre es dann der Begriff der Verstellung? – Nun, es könnte ein dem unsern verwandter Begriff sein.
§Ms-137
101b[4]225. Aber gibt es nicht wesentlichere & unwesentlichere Züge eines (solchen) Begriffs? D.h.: Ändert man dies, so wird man es noch “Verstellung” nennen, – ändert man dies, so nicht mehr. Und das Benehmen bedeutet hier eine Einstellung.
§Ms-137
101b[5]226. Leute, deren Gesicht ihre Empfindungen dem Andern sogleich verraten, verbergen es, wenn sie heucheln wollen.
§Ms-137
101b[6]227. Die Leute sagen nicht, man könnte in das Innere, in das Herz, nicht schauen, sondern, man könne die Züge nicht lesen, wenn sie verhüllt sind.
§Ms-137
101b[7]228. “Man kann nicht in sein Herz sehen.” Die Frage ist: Kann er's? (Das bestimmt den Begriff.)
§Ms-137
101b[8] &102a[1]
230. “Man kann dem Menschen nicht in das Herz schauen.” Dabei ist eigentlich angenommen, daß er selbst es kann. – Ist es Erfahrung, die uns das lehrt? Ja & nein – möchte ich antworten. Und das muß einen Grund haben.
§Ms-137
102a[2]231. “Er könnte mir über sich sagen, was ich sonst nicht wüßte.”
§Ms-137
102a[3]232. Dies ist sicher: Er kann Bewegungen seines Körpers vorhersagen, die ich nicht vorhersagen kann. Und sag ich seine Handlungen voraus, dann auf andere Weise.
§Ms-137
102a[4]233. Und ist das Erfahrungstatsache? oder: Von welcher rede ich hier? Ich kann z.B. seinen Arm nicht willkürlich bewegen, wie den meinen. Was damit aber gemeint ist, ist nicht ganz einfach zu erklären.
§Ms-137
102a[5]234. Ich kann nicht wissen, was er in seinem Innern plant. Aber angenommen, er machte immer geschriebene Pläne; von welcher Wichtigkeit wären sie? Wenn er sich z.B. nie nach ihnen richtete. –
§Ms-137
102a[6]235. Vielleicht sagt man: Dann sind's eigentlich keine Pläne. Aber so wären's also auch keine, wenn sie in ihm wären, & in ihn zu sehen würde mir nichts nützen.
§Ms-137
102a[7]236. 20.11.1948
“Siehst Du nicht, er hat Schmerzen!” – “Schmerzen dort? Wieso?” Er würde nicht verstehen, was es heißt, der Andre habe Schmerz.
§Ms-137
102a[9] &102b[1]
237. Wie, wenn Einem in der Jugend beigebracht worden wäre, die Pflanzen empfänden Schmerz; später aber glaubt er es nicht mehr. – Wie ginge dieser Übergang vor sich? Er wirft die Idee ab, wie eine Hülle, die nicht mehr paßt.
§Ms-137
102b[2]238. Wie würde Einer handeln, der nicht ‘glaubt’, der andre Mensch fühle Schmerzen? Man kann sich das vorstellen. Er behandelt ihn, wie etwas lebloses, oder so, wie die Meisten die menschenunähnlichsten Tiere. (Quallen z.B.)
§Ms-137
102b[3]239. Wir alle kennen die Frage des Doktors “Hat er Schmerzen”; auch die Unsicherheit ob der Narkotisierte, welcher stöhnt, Schmerz empfindet; aber die philosophische Frage, ob der Andre (etwas) empfindet, ist von ganz anderer Art; : es ist nicht der Zweifel im bestimmten Fall auf jeden Einzelnen angewandt. [Die Pointe dieses Satzes ist nicht herausgekommen.]
§Ms-137
102b[4]240. Kommt uns dieser Zweifel im gewöhnlichen Leben unter? Nein. Aber vielleicht etwas ihm ähnliches: die Gleichgültigkeit gegen die Schmerzäußerung des Andern.
§Ms-137
102b[5]241. Sind die fiktiven Fälle, mit denen ich mich auseinanderzusetzen trachte, nicht wie Rechenexempel? (Und wie würdest Du diese Gleichung lösen? & wie diese?)
§Ms-137
103a[2]242. 21.11.1948
Glauben, der & der habe keine Schmerzen, weil er keine äußert, – oder weil er sie nur heuchelt, – oder weil er in der Narkose ist, – hat andre Gründe als der Glaube, eine Amöbe habe keine Schmerzen, & auch andre, als der des fiktiven Unmenschen, der die Schmerzäußerungen der Umgebung wie Erscheinungen an den leblosen Dingen betrachtet. Würde dieser aber überhaupt sagen, er glaube, sie haben keine Schmerzen? – Vielleicht. Aber würde er dasselbe meinen, wie der Doktor z.B., der mich über den Zustand des Patienten beruhigt? Die Äußerung – wie immer er sie gelernt haben mag – steht bei ihm in einem andern Zusammenhang; wenn auch manche ihrer Folgen ähnlich sind.
§Ms-137
103a[3]243. “Die Unsicherheit, ob der Andre Schmerzen hat” – liegt sie darin, daß er er ist & ich ich? (Aber frag Dich doch: “Kann er's wissen? er hat ja keinen Vergleichsgegenstand.”) Nein; hier täuscht mich ein Bild Die Unsicherheit ist eine von Fall zu Fall & das Schwanken des Begriffes. Aber das ist unser Spiel– wir spielen es mit einem elastischen Werkzeug.
§Ms-137
103b[1]244. Könnte es nicht Menschen geben, die nie in den Fall gekommen sind, diese Unsicherheit zu spüren?
§Ms-137
103b[2]245. “Darum soll ich unsicher sein, weil er er ist & ich ich? Was meinst Du nur?” würden sie sagen.
§Ms-137
103b[3]246. Und könnten Leute es mit einem starren Begriffe spielen? – Dann wäre es von dem unsern in einer befremdlichen Weise verschieden. Denn wo alle Begriffe elastisch sind, in dem Wechsel des Lebens, nähme sich ein starrer Begriff seltsam aus.
§Ms-137
103b[4]247. Muß nicht auch jeder Begriff des Benehmens allein unscharf sein, um ungefähr dem Spiele mit solchen Begriffen dienen zu können?
§Ms-137
103b[5]248. Es könnte ja jemand geben, der den Andern gegenüber in einem ernsten, hoffnungslosen Zweifel wäre. Aber wie würde der handeln? (Wie ein Geistesgestörter.) Er würde etwa sagen: Manchmal fühle ich, der Andre & ich seien dasselbe, & manchmal wieder nicht. Und dementsprechend würde er manchmal Mitgefühl zeigen, manchmal keines, manchmal aber den Zweifel.
§Ms-137
103b[6] &104a[1]
249. Das Benehmen des Menschen nicht vorhersehbar, nicht berechenbar. Angenommen, es wär's. Ich hätte die Berechnung angestellt & nun beobachtete ich ihre Handlungen (wie die Bewegungen komplizierter Maschinen). Wenn das vorkäme, – wäre es möglich, daß er sie mit Teilnahme betrachtete? Wäre es unmöglich, daß er sagte “Man kann nicht wissen, was in ihnen vorgeht”? Wenn er sich z.B. sagt “So ist der Mensch. Ganz so bin ich auch.” Es wäre ja möglich, daß er dann seine Rechnung mit neuen Augen betrachten würde.
§Ms-137
104a[4]250. Warum spielen wir nur dieses Spiel! – Aber wonach fragt man da? Nach seiner Umgebung, nicht nach seinen Ursachen.
§Ms-137
104a[5]251. “Wo ich sicher bin, ist er unsicher.” Wenn das auch bei einer Rechnung geschähe –.
§Ms-137
104a[6]252. 22.11.1948
[→ ] “Konnte er sich nicht verstellen?” – Aber könnte er sich nicht nur einbilden, er verstellte sich? (Wäre dies nicht denkbar? & auf die Denkbarkeit kommt es uns hier an, nicht auf die Wahrscheinlichkeit.) Verstellung ist ja eben nur ein besonderer Fall; nur unter besondern Umständen können wir ein Benehmen als Verstellung deuten.
§Ms-137
104a[7] &104b[1]
253. Der Begriff ‘Verstellung’ knüpft an die Vorgänge & Situationen der Verstellung an. Also kann nicht alles Benehmen, unter allen Umständen Verstellung sein?
§Ms-137
104b[3]254. Aber ist der Begriff nicht eben solcher Art, daß man sich zu jedem Benehmen, etc., eine noch weitere Umgebung denken konstruieren kann, in der auch dies ein Benehmen der Verstellung wäre? Ist nicht z.B. darauf das Problem jeder Detektivgeschichte gegründet?
§Ms-137
104b[4]255. Man könnte auch sagen: Der Begriff der Verstellung hat es mit einem praktischen Problem zu tun. Und die verschwommene Grenze des Begriffs ändert daran nichts.
§Ms-137
104b[5]256. Schon das Erkennen des philosophischen Problems als eines logischen ist ein Fortschritt; es bringt die rechte Einstellung (mit), & die Methode.| …
§Ms-137
104b[6]257. “Es könnte, theoretisch, Verstellung sein”: Was heißt das?
§Ms-137
104b[7]258. Es muß doch heißen: der Begriff der Verstellung ließe es zu.
§Ms-137
104b[8] &105a[1]
259. Und das heißt: Wenn ich nun noch das & das & das erführe, würde ich vielleicht sagen, es sei Verstellung (gewesen). (Euklidische Geometrie.)
§Ms-137
105a[3]Aber wo steht es denn, daß man das sagen würde; oder woraus schließe ich's denn?
§Ms-137
105a[5]‘Soweit dieser Begriff bestimmt ist, läßt er auch das zu.’
§Ms-137
105a[2]260. Aber hier machen wir uns ein falsches Bild unseres Begriffes.
§Ms-137
105a[4]261. Der Begriff ‘Verstellung’ dient praktischen Zwecken.
§Ms-167
13v[3]262. (Zur ‘Verstellung’ gehört der Anlaß, das Motiv, etc.)
§Ms-137
105a[7]263. Wie Fälle von Verstellung ausschauen, zeigt Dir z.B. ein Drama.
§Ms-137
105a[8]264. Die typischen Erscheinungen der Verstellung könnte man sich nun variiert denken. Die Dramen solcher andrer Menschen verliefen dann ganz anders. Und wir würden sie gar nicht verstehen. Was bei uns ganz unmotiviert wäre, schiene ihnen natürlich.
§Ms-137
105a[9]265. (So könnte die Art, wie Orest sich dem König gegenüber ausweist, indem er auf sein Schwert weist etc. Menschen gänzlich unsinnig erscheinen.)
§Ms-137
105a[10] &105b[1]
266. Ein Schauspiel dieser Leute wäre uns unverständlich. (Und ist uns die griechische Tragödie verständlich?) Und was heißt hier ‘verstehen’?
§Ms-137
105b[2]267. Ein schärferer Begriff wäre nicht derselbe Begriff. Das heißt: der schärfere Begriff hätte für uns nicht den Wert des unscharfen. Eben weil wir Leute, die dort ihrer Sache ganz sicher sind, wo wir es nicht sein können, nicht verstehen (würden).
§Ms-137
105b[3]268. 23.11.1948
Könnte Einer nicht, um zu zeigen, daß er versteht was ‘Verstellung’ ist, Geschichten erfinden, worin Verstellung vorkommt? Um nun den Begriff der Verstellung zu entwickeln, erfindet er immer kompliziertere Geschichten. Was z.B. wie ein Geständnis ausschaut ist nur eine weitere Verstellung; was wie die Verstellung ausschaut, ist nur eine Front um die eigentliche Verstellung zu verbergen; etc. etc. etc.. Der Begriff ist also in einer Art von Geschichten niedergelegt.
§Ms-137
105b[4] &106a[1]
269. Und die Geschichten sind nach dem Prinzip konstruiert, daß alles Verstellung sein kann. Dazu gehört natürlich, daß in jeder Geschichte etwas als der wahre Urgrund charakterisiert wird. Und wie ist der wahre Urgrund als solcher zu charakterisieren? Etwa in Form von Monologen. Diese dürfen nicht hörbar sein, sonst könnten sie zum Betrug gehören. – Aber könnte nicht Einer gedankliche Monologe halten, nur weil sie ihm eine gewisse Erscheinung geben, die er zum Betrug verwenden will? – So ist also die Absicht der Urgrund? Und wie kann die in der Geschichte herauskommen?
§Ms-137
106a[2]270. Der Begriff der Verstellung dient praktischen Problemen. D.h.: Wenn der, welcher die finstern Ränke schmiedet, nichts als Gutes & Herrliches tut, bis er dann einmal die finstere Tat begeht, so wird das auch nur ‘theoretisch’ eine Verstellung sein; denn es sieht nicht mehr wie Verstellung aus & die Schlüsse, die man im normalen Fall aus finstern Anschlägen ziehen würde, treffen hier nicht zu.
§Ms-137
106a[4]271. Und was hab ich nun mit allem dem erreicht? In der Erklärung des Begriffs den Gebrauch an die Stelle des Bilds gesetzt.
§Ms-137
106a[5]272. “Das Wort W. hat zwei Bedeutungen” heißt: es hat zwei Arten der Verwendung. Was teilt Einem dieser Satz mit? Unter welchen Umständen wird er gebraucht? Jemand kennt das Wort “Bank” nur in einer Verwendung; ich teile ihm mit: es hat noch eine andere. (Nämlich‥‥‥) Er kennt schon jede Verwendung des Wortes, wird aber plötzlich stutzig, kennt sich nicht aus, & ich erkläre ihm: “Das Wort hat zwei Verwendungen: ‥‥․”
§Ms-137
106a[6]273. In diesem Begriff von der Bedeutung ist manche Unbestimmtheit.
§Ms-137
106b[1]274. Man sagt z.B. nicht, “gehe” & “gehst” haben verschiedene Bedeutung. Sie bedeuten ganz dasselbe, würde man Einem sagen; nämlich das – & nun würde man ihm das Gehen vormachen.
§Ms-137
106b[2]275. Du kommst zu einem Stamm, sie haben eine Sprache; in dieser Sprache hörst Du ein Wort (einen Laut) – – hat er eine Bedeutung, oder mehrere? Wie wirst Du es entscheiden?
§Ms-137
106b[3]276. Manchmal wird die Entscheidung jedenfalls ganz leicht & klar sein. [Aber immer?]
§Ms-137
106b[4]277. Ich weiche um kein Haar” “Er hat kein Haar auf dem Kopf”. Hat “Haar” in beiden Sätzen die gleiche Bedeutung? – Und bedeutet “ein bißchen” einen kleinen Bissen? – “Man ist sich in einem Fall noch der alten Bedeutung bewußt, im andern nicht.” Und dieser Satz bezieht sich nicht auf ein Bewußtsein beim Aussprechen des Worts, sondern etwa auf eine Erklärung, welche man gäbe, oder nicht gäbe, wenn … Also auf Verbindungen, welche gemacht, oder nicht gemacht würden.
§Ms-137
106b[5]278. Was ist die korrekte Übersetzung eines englischen Wortspiels in's Deutsche? Vielleicht ein ganz anderes Wortspiel.
§Ms-137
107a[1]279. 24.11.1948
Was willst Du mit der Entscheidung, das Wort habe nur eine, oder nicht nur eine, Bedeutung? Du kannst ja seinen Gebrauch lernen, ohne das zu entscheiden (ohne darüber nachzudenken).
§Ms-137
107a[2]280. Sagst Du, es hat zwei Bedeutungen, so mußt Du sie nun durch eine Erklärung trennen. (Das kann verschiedenen Zweck haben.
§Ms-137
107a[3]281. Aber die Unterscheidung kann in's Auge springen, oder auch nicht.
§Ms-137
107a[4]282. Sie mag schon beim ersten Sprechenlernen gemacht werden, oder auch erst von Einem, der die Grammatik der Sprache erforscht.
§Ms-137
107a[5]283. (Du mußt ja hier von der lebenden Sprache ausgehen.)
§Ms-137
107a[6]284. Die Unterscheidung von Verwendungsweisen hat verschiedene Zwecke.
§Ms-137
107a[7] &107b[1]
285. Ich schaue die Sprache an & sage “verschiedene Wörter werden ganz verschieden gebraucht”. Dann aber auch: “Diese haben ähnliche Verwendung“. Ja: “Diese (hier) haben die gleiche.” Und ferner: “Dieses Wort hat zwei ganz verschiedene Verwendungen.” Aber auch: “Es hat zwei verschiedene, & doch ähnliche Verwendungen.” – Und soweit beschreibe ich, was mir auffällt. (D.h., es ist hier noch kein Problem.) (Soweit bin ich noch ganz naiv.) Zu jeder Bedeutung gehört hier immer eine Erklärung der Bedeutung. Und die Erklärungen können ihrer Art nach ungemein von einander verschieden sein & wieder in verschiedener Weise mit einander ähnlich sein. [Eine Erklärung von “gehen”, & von “gegangen”.] Die Unterschiede können primitiver, & weniger primitiv sein.
§Ms-137
107b[2]286. Du kommst in eine neue Lage, wenn Du mehrere Sprachen betrachtest & miteinander vergleichst.
§Ms-137
107b[3]287. Die Erklärung mancher Wortverwendung wird uns einfach, lapidar, ursprünglich, vorkommen; einer andern: künstlich, willkürlich, zwecklos.
§Ms-137
107b[4]288. “Wir brauchen ein Wort, um diesen Gegenstand, dies Werkzeug, zu bezeichnen; aber wozu ein Wort, das dieses jeden Montag, jenes jeden Dienstag, etc., bezeichnet?” Hat dieses Wort überhaupt eine Bedeutung, oder sieben?
§Ms-137
107b[5]289. Nicht jeder Gebrauch, willst Du sagen, ist eine Bedeutung.
§Ms-137
107b[6]290. Hat dieses Wort eine Funktion in unserm Leben, oder hat es sieben Funktionen? Eine Funktion: dafür hat man gewisse Vorbilder. Und was diesen verwandt ist, heißt so. (Ein unscharfer Begriff.)
§Ms-137
107b[7]291. Bedeutung, Funktion, Zweck, Nutzen, – zusammenhängende Begriffe.
§Ms-137
107b[8] &108a[1]
292. Denk Dir die Hypothese: der Mensch erinnere sich eines Traums nie richtig, er vergäße beim Erwachen sofort den Gedanken des Traumes & behielte nur die Bilder im Gedächtnis, die denselben begleiteten. Die Geschichte geht verloren & nur die Illustrationen bleiben.
§Ms-137
108a[2]293. Denk Dir; in einer Geschichte ersetzten wir jedes zehnte Wort durch das Wort “Tisch”. – Und nun hätte in einer Sprache ein Wort die Verwendung, die das Wort “Tisch” in jener Geschichte hat. Wie könnten wir die Verwendung eines solchen vagierenden Wortes beschreiben? Oder was hieße: “Einen den Gebrauch dieses Wortes lehren”?
§Ms-137
108a[3]294. Worauf will ich hinaus? Doch darauf, daß die Beschreibung eines Wortgebrauchs die Beschreibung eines Systems, oder von Systemen ist. – Aber was ein System ist, dafür habe ich keine Definition.
§Ms-137
108a[4]295. Ich komme zu Leuten, die in ihrer Sprache ein vagierendes Wort benützen.
§Ms-137
108a[5]296. Hätten sie nur vagierende Worte – dann wäre es eben keine Sprache.
§Ms-137
108a[6]297. Ich denke mir hier einen Menschen, der ganz naiv (ohne philosophische Hintergedanken) die Varietäten der Wortverwendung anschaut & für sich beschreibt. Es könnte z.B. das Wort, das jeden Tag der Woche etwas andres bedeutet, wie das normale Substantiv klassifizieren, & es käme ihm nicht die Frage “Hat dies eine Funktion, oder mehrere?”
§Ms-137
108a[7]298. Die Frage kommt ihm gar nicht: “Haben ‘non’ & ‘ne’ die gleiche Bedeutung?”
§Ms-137
108b[1]299. 25.11.1948
Aber nun vergleicht er auch seine Sprache mit der primitiven, die Einer lernt, der als Fremder unter Leute kommt, die ihn nicht verstehen. Dieser nämlich lernt einzelne wichtige Worte durch Demonstrationen verschiedener Art. Zu jedem Wort gehört ein Zeigen, ein Vormachen (eine Szene). – Auch die Bedeutung der Verneinung wird natürlich vorgemacht. (Sei es im Befehl “Tu das nicht!” oder in der Mitteilung.)
§Ms-137
108b[2]300. In dieser Sprache wird es z.B. auf die genauen Endungen der Worte nicht ankommen. (Oder auch: diese Sprache hat keine Flexion.) Die Demonstrationen unterscheiden zwar die Verwendung eines Wortes von der Verwendung eines andern, aber sie unterscheiden z.B. nicht “geht” von “gehst”.
§Ms-137
108b[3]301. Und wir könnten nun in unsre Sprachbeschreibung einen Begriff ‘Bedeutung’ einführen solcher Art, daß zwei Worte die gleiche Bedeutung haben, wenn in jener primitiven Sprache die gleiche Demonstration sie erklären würde.
§Ms-137
108b[4]302. Man kann also fragen: Wenn ein Fremder zu den Leuten kommt, die “non” & “ne” sagen, auf welcher Stufe wird ihm der Unterschied beigebracht werden? Anfänglich gewiß nicht; er wird eine Verneinung lernen die den Unterschied nicht kennt.
§Ms-137
109a[1]303. Denke, ich sagte, ‘Bedeutung’ wäre die primitive Funktion eines Worts – würde das stimmen?
§Ms-137
109a[2]304. Und natürlich ist dieser Begriff äußert vag.
[→ ]
§Ms-137
111a[2]28.11.1948
[→ ] Ist aber z.B. die primitive Funktion der Verneinung im Bericht & der Abwehr im Befehl (“Tu das nicht!”) die gleiche? – Was man die gleiche Funktion, & was nicht, nennen wird, wird von der menschlichen Natur abhängen. Sowie natürlich auch: was Notwendigkeit ist, & was nicht.
§Ms-137
109a[3]305. 26.11.1948
Die Worte “die Rose ist rot” sind sinnlos, wenn das Wort “ist” die Bedeutung von “ist gleich” hat. – Heißt dies: Wenn Du jenen Satz sprichst & dabei “ist” als Gleichheitszeichen meinst, so zerfällt Dir der Sinn?
§Ms-137
109a[4]306. Wir nehmen einen Satz & erklären Einem die Bedeutung jedes seiner Wörter; er lernt damit, sie anzuwenden & also auch jenen Satz. Hätten wir statt des Satzes eine unsinnige Wortreihe gewählt, so würde er sie nicht verwenden lernen. Und erklärt man das Wort “ist” als Gleichheitszeichen, – dann lernt er nicht die Wortfolge “die Rose ist rot” zu verwenden.
§Ms-137
109a[5]307. Und dennoch ist es wahr, daß einem der beim Wort “ist” an “gleich” denkt der Sinn jenes Satzes im Geist zerfällt. Ähnlich wie wenn jemand beim Ausrufe Ei, ei! an zwei Eier dächte. – Man könnte Einem sagen: Wenn Du den Ausruf “Ei, ei!” ausdrucksvoll sprechen willst, darfst Du nicht an ein Ei dabei denken!
§Ms-137
109b[1]308. ---
Was macht meine Vorstellung von ihm zu einer Vorstellung von ihm? Wenn ich sage “Ich stelle ihn mir jetzt vor, wie er ‥‥” so wird hier nichts als sein Portrait bezeichnet. Aber kann ich nicht daraufkommen, daß ich ihn mir ganz falsch vorstellte? Ist meine Frage nicht wie die: “Was macht diesen Satz zu einem, der von ihm handelt”? “Daß wir von ihm sprachen.” – Und was macht unser Gespräch zu einem über ihn?” – Gewisse Übergänge die wir gemacht haben, oder machen würden.
§Ms-137
109b[2]309. 27.11.1948
Was macht dies Bild zu seinem Portrait? – Es ist im Katalog als das bezeichnet.
§Ms-137
109b[3]310. Angenommen, statt mir etwas vorzustellen, skitzierte ich auf einem Stück Papier. Ich rede also von N. & mein Bleistift skitziert dabei eine Figur auf dem Papier. Da kann man mich fragen “Stellt das den N. vor?” Und es mag ihn vorstellen, ob es ihm ähnlich ist, oder nicht. Ist es richtig zu sagen: So ähnlich ist es mit der Vorstellung. Gewiß; insofern man manchmal zeichnen kann, was man sich vorgestellt hat.
§Ms-137
109b[4]311. Die Frage “Was macht dies zu einer Vorstellung von ihm?” tritt normalerweise nicht auf, wenn ich mir etwas vorstelle. Und zeichne ich was ich mir etwas vorstelle. Und zeichne ich was ich mir vorgestellt habe & man fragt “Was macht dieses Bild zu seinem Bild?”, so könnte ich antworten: “Meine Vorstellung”.
§Ms-137
109b[5] &110a[1]
312. “Was macht die Bemerkung, die ich jetzt machte, zu einer Bemerkung über ihn?”
§Ms-137
110a[2]313. Was läßt sich darauf sagen? Nichts, was mit ihr gleichzeitig ist. Wenn Du wissen willst, wen er gemeint hat, frag ihn!
§Ms-137
110a[3]314. “Was macht meine Vorstellung von ihm ‥‥‥? Gibt es hier etwas, was ich daraufhin untersuchen könnte, ob es meine Vorstellung von ihm war?
§Ms-137
110a[4]315. Denn wenn ich sage “Ich sehe ihn jetzt lebhaft vor mir, wie er …” so gilt ja von diesem Satz & vom Vorstellungsbild die gleiche Frage.
§Ms-137
110a[5]316. Anderseits könnte mir ein Gesicht vorschweben, ja ich könnte im Stande sein es zu zeichnen, & wüßte nicht wem es angehört, wo ich es gesehen habe.
§Ms-137
110a[6]317. Was macht meine Vorstellung von ihm zu einer Vorstellung von ihm? Nicht die Ähnlichkeit des Bildes. Von der Äußerung “Ich sehe ihn jetzt lebhaft vor mir” gilt ja die gleiche Frage wie von der Vorstellung. Was macht meine Äußerung zu einer Äußerung über ihn? Nichts, was in ihr liegt, oder mit ihr gleichzeitig ist (‘hinter ihr steht’). Wenn Du wissen willst, wen er gemeint hat, frag ihn!
§Ms-137
110a[7] &110b[1]
319. Wenn aber jemand beim Vorstellen, oder statt des Vorstellens zeichnete, wenn auch nur mit dem Finger in der Luft. (Man könnte das “motorische Vorstellung” nennen.) Da könnte man ihn fragen “Wen stellt das vor?” Und seine Antwort entscheidet. Sie würde uns eine Intention mitteilen. Die Linie die ich zeichnete, war wie eine Beschreibung.
§Ms-137
110b[2]320. ---
Man muß sich eigens daran erinnern, daß ein Gesicht mit seelenvollem Ausdruck gemalt werden kann, um zu glauben, daß bloße Farben & Formen so auf uns einwirken.
§Ms-137
110b[3]321. “Ich glaube daß er leidet.” – Glaube ich auch, daß er kein Automat ist? Nur mit Widerstreben könnte ich das Wort in diesen beiden Zusammenhängen gebrauchen. (Oder ist es so: “Ich glaube daß er leidet; ich bin sicher daß er kein Automat ist”? Unsinn!) (Das wäre Philosophenunsinn.)
§Ms-137
110b[4]322. Denke ich sage von einem Freunde “Er ist kein Automat” – Was für eine Mitteilung wäre das? Für wen wäre es eine? Für einen Menschen, der ihn unter normalen Umständen sieht? Was könnte ihm das mitteilen?! (Doch höchstens, daß er sich immer wie ein Mensch & nicht manchmal wie eine Maschine benimmt.)
§Ms-137
110b[5]323. “Ich glaube, daß er kein Automat ist” hat so ohne weiteres noch gar keinen Sinn.
§Ms-137
110b[6]324. Meine Einstellung zu ihm ist die Einstellung zur Seele. Ich habe nicht die Meinung, daß er eine Seele habe.
§Ms-137
110b[7] &111a[1]
325. Es drängt sich uns freilich ein Bild auf, das vom Unkörperlichen, was das Gesicht belebt (wie eine zitternde Luft). Man muß eigens daran denken, daß ein Gesicht mit seelenvollem Ausdruck sich malen läßt, um zu glauben, daß Farben & Formen allein so auf uns einwirken können.
§Ms-137
111a[3]326. Der Begriff ‘Bedeutung’ wird dazu dienen, das, was man die kapriziösen Bildungen der Sprache nennen könnte, von den wesentlichen, in der Natur ihres Zweckes gelegenen zu unterscheiden.
§Ms-137
111a[4]327. Der Begriff der ‘Bedeutung’ wird in die Beschreibung der Wortverwendung einen neuen Gesichtspunkt einführen.
§Ms-137
111a[5]328. Beispiel: Ein Verbum, das in der ersten Person schreiben bedeutet, in der zweiten lieben, in der dritten essen.
§Ms-137
111a[6]329. Was kapriziös ist entscheidet die menschliche Natur.
§Ms-137
111a[7]330. Aber die Natur Eines, der schon eine Sprache kennt, oder dessen, der noch keine kennt (z.B. also des einjährigen Kindes)?
§Ms-137
111a[8] &111b[1]
331. Ist es kapriziös, oder nicht, daß ein Wort an jedem Wochentag etwas anderes bedeutet? oder in der ersten Person etwas andres, als in der zweiten?
§Ms-137
111b[3]332. ‘Bedeutung’ ist ein primitiver Begriff. Es gehört zu ihm die Form: “Das Wort bedeutet das”; d.i., die Erklärung der Bedeutung durch ein Zeigen. Dies funktioniert gut unter gewissen Umständen & bei gewissen Wörtern. So wie man den Begriff auf andere Wörter ausdehnt entstehen aber Schwierigkeiten.
§Ms-137
111b[4]333. Die Erklärung eines Worts ist nicht eine Analyse dessen, was in mir vorgeht (oder vorgehen soll) wenn ich es ausspreche.
§Ms-137
111b[5]334. “Auf je zwei Meter stehen zwei Soldaten.” “Er saß in der Bank auf einer Bank.”
§Ms-137
111b[6] &112a[1]
335. “Für dieses Wort unser Sprache will ich zwei setzen; das eine erkläre ich so: ‥‥‥, das andere so: ‥‥․” Ich hätte auch sagen können: Dieses Wort unserer Sprache hat zwei Bedeutungen: ‥‥‥” Hier könnte man nicht fragen: “Aber sind das wirklich zwei Bedeutungen?” – Oder doch – wenn das heißen soll: “Ist diese Unterscheidung nicht ganz willkürlich, ganz zwecklos?”
“Warum unterscheidest Du sie, was ist der Witz dieser Unterscheidung?”
§Ms-137
112a[2]336. “Ich sehe ihren Zweck nicht ein.” Wie schaut aber die Erklärung eines Zwecks aus? Ich kann darauf keine allgemeine Antwort geben.
§Ms-137
112a[3]337. Du stellst Dir Aufgaben & löst sie dann, wie ein Mathematiker. Die Aufgabe: non & ne.
§Ms-137
112a[4]338. Der welcher die Wortverwendungen naiv beschreibt, wird auch die von “non” & die von “ne” beschreiben, & er kann auch die Bemerkung machen, daß sie beinahe die gleichen sind. – Aber das ist nicht alles: Kann er nicht sagen, daß die beiden Wörter nur in sehr speziellen Sprachspielen verschiedene, & sonst die gleiche Verwendung haben?
§Ms-137
112a[5]339. Muß er nicht sagen können, daß in einem bestimmten Sprachspiel ein Wort durch ein anderes ersetzbar ist?
§Ms-137
112a[6]340. Wenn das Sprachspiel, die Tätigkeit, z.B. das Bauen eines Hauses (wie in № 2), die Verwendung eines Wortes fixiert, so ist der Begriff der Verwendung elastisch mit dem der Tätigkeit. Das aber liegt im Wesen der Sprache.
§Ms-137
112a[7] &112b[1]
341. Denken wir uns also diesen Gebrauch von “non” & “ne”: Die beiden Wörter werden wie unser “nicht” gebraucht; bei dem gleichen Anlaß wird einmal das eine, einmal das andre verwendet, sie verhalten sich darin ganz wie synonyme Wörter; nur in dem seltenen Fall der Verdopplung wird unterschieden. Ich werde also versucht sein die Wortverwendung ‘als ganze’ von einer Teilverwendung zu unterscheiden. Ja, hier wird die Teilverwendung wichtiger scheinen als die ‘ganze’.
§Ms-137
112b[2]342. Ich sage also: “Die Verwendung hier & hier ist dieselbe. In allen diesen Fällen kann man das eine für das andre setzen.” Aber was heißt das eigentlich?
§Ms-137
112b[3]343. Der naive Beschreiber, – kennt er den Begriff ‘ein Wort durch ein andres ersetzen können’? – Er kennt gewiß den, der gemischten Verwendung zweier Wörter.
§Ms-137
112b[4]344. Oder auch so: Der Reisende, welcher das Land, wo “non” & “ne” gebraucht wird, bereist & die Sprache in die seine zu übersetzen trachtet, wird keinen Grund haben, jedes durch ein besondres Wort seiner Sprache zu übersetzen, – bis er einmal zu einem Fall der doppelten Verneinung kommt (dann mag er in seiner Sprache ein Äquivalent finden).
§Ms-137
112b[5]345. Der Reisende könnte doch sagen: “Die Verwendung, soweit ich sehen kann, ist die Gleiche.”
§Ms-137
112b[6]346. “‘ne’ & ‘non’” hat in allen diesen Fällen genau die gleiche Bedeutung.” Das könnte man z.B. sagen, wenn in ihrer Sprache die Worte in diesen Fällen wie Synonyme behandelt werden. (Und wir wissen wie das ausschaut.) – Es könnte aber auch sein, daß der Stamm sie zwar nicht wie Synonyme behandelt, sie nicht ‘vermischt’, & sie für uns dennoch Synonyme wären.
§Ms-137
113a[4]347. ---
Die größte Schwierigkeit in diesen Untersuchungen ist, eine Darstellungsweise für die Vagheit finden.
§Ms-137
113a[5]348. Man kann von der Funktion des Worts im Satz, im Sprachspiel, in der Sprache, reden. Aber “Funktion” heißt in jedem dieser Fälle Technik. Bezieht sich also auf eine allgemeine Erklärung & Abrichtung.
§Ms-137
113a[6] &113b[1]
349. Wer Einen ein Verneinungszeichen lehrt, richtet ihn so & so ab. (Die doppelte Verneinung braucht in der Abrichtung gar nicht zu erscheinen.) Nun kann er sie aber einmal gebrauchen, oder hören & sie dabei so, oder so auffassen. Die Auffassung müßte nicht mit seiner frühern Abrichtung in Zusammenhang stehen, obwohl sich so einer denken läßt. Soll ich aber sagen, die Abrichtung hat ihn den Sinn der doppelten Verneinung gelehrt? Das muß ich nicht sagen. Und hat sie mich gelehrt zwei Wörter in gleicher Weise als Negation zu gebrauchen, so gewiß nicht, zwischen ihnen dann im Fall der Verdoppelung zu diskriminieren. Diese Unterscheidung habe ich gewiß durch die Abrichtung nicht gelernt. Ich habe aber eine Bedeutung durch sie gelernt, & also die selbe.
§Ms-137
113b[2]350. Man kann in einer Abrichtung (wieder) Abrichtungen unterscheiden. Und also in einer Wortverwendung Verwendungen.
§Ms-137
113b[3]351. ---
30.11.1948 So handelt die Psychologie vom Benehmen; nicht vom Seelischen? Was berichtet der Psychologe? – Was beobachtet er? Nicht das Benehmen der Menschen & insbesondre ihre Äußerungen? Aber diese handeln nicht von ihrem Benehmen.
§Ms-137
113b[4] &114a[1]
352. Der Arzt fragt “Wie geht es ihm?”. Die Krankenschwester sagt “Er stöhnt”. Ein Bericht über's Benehmen. Aber muß die Frage überhaupt auftauchen ob das Stöhnen echt sei? Kann es nicht sein, als ob diese Frage gar nicht existierte? Kann nicht z.B. der Schluß gezogen werden: “Wenn er stöhnt, so müssen wir ihm noch ein schmerzstillendes Mittel geben”? Kann in dieser Gedankenwelt der Bericht über das Benehmen nicht eben als Bericht über das Seelische verwendet werden. Kann es nicht zu diesem Dienst verwendet werden, & kommt es eben nicht auf den Dienst an?
§Ms-137
114a[2]353. “Aber diese machen dann eben eine stillschweigende Voraussetzung.” Dann ist die Technik der Verwendung unsrer Worte immer stillschweigende Voraussetzung.
§Ms-137
114a[3]354. “Wir machen dabei immer eine Voraussetzung; wenn sie nicht stimmt, so ist natürlich alles anders.” Sagen wir das z.B., wenn wir Einen einkaufen schicken. Ist die Voraussetzung, daß er ein Mensch ist & das Geschäft keine Fata Morgana? Die Voraussetzungen haben ein Ende.
§Ms-137
114a[4]355. Aber könnte, was hier nicht ‘Voraussetzung’ ist, dies in einem andern Falle nicht sein? Ist Voraussetzung nicht, wo ein Zweifel ist? Und der Zweifel kann gänzlich fehlen; & er kann im geringsten Grade & bis zum größten vorhanden sein.
---
§Ms-137
114a[5]356. Denk Dir, es sagte Einer “Es gruselt mir, es gruselt mir die ganze Zeit”, – er meint aber damit, er könne Schach spielen. Er gibt einer Fähigkeit einen Ausdruck eines Erlebnisses.
§Ms-137
114a[6]Selbst wenn er nur dann & nur solange dies könnte, als er jenes fühlt, wäre das Gefühl nicht die Fähigkeit.
§Ms-137
114a[7] &114b[1]
357. 01.12.1948
Wie vergleicht sich das Benehmen des Zornes, der Freude, der Hoffnung, des Erwartens, des Glaubens, der Liebe, des Verstehens? – Stelle einen zornigen Menschen dar! Das ist leicht. Einen Freudigen, – da käme es drauf an: was für eine Freude? Die Freude des Wiedersehns, oder die Freude beim Hören einer Musik …? – Die Hoffnung? Das wäre schwer. Warum? Es gibt nicht Gebärden der Hoffnung. Wie drückt die Hoffnung sich aus, daß er wiederkommen wird?
§Ms-137
114b[2]358. Es ist leicht sich ein Tier zornig, furchtsam, traurig, freudig, erschrocken vorzustellen. Aber hoffend?
§Ms-137
114b[3]359. Hoffen ist doch ein ruhiges, freudiges Erwarten. (Obwohl so eine Analyse etwas abstoßendes hat.)
§Ms-137
114b[4]360. Ein Hund kann seinen Herrn erwarten, aber kann er erwarten, sein Herr werde übermorgen kommen? Und was kann er nun nicht? – Wie mache denn ich's? Was soll ich darauf antworten?
§Ms-137
114b[5]361. ---
Die ‘Bedeutung’ ist ist nicht das Erlebnis beim Aussprechen oder Hören des Worts; & der ‘Sinn’ des Satzes nicht der Komplex von Erlebnissen, die zu den Worten gehören Wie ist der Sinn von “Ich habe ihn noch immer nicht gesehen” aus den Bedeutungen der, Wörter zusammengesetzt? Der Satz ist aus den Wörtern zusammengesetzt, & das ist genug.
§Ms-137
114b[6] &115a[1]
362. Das Wortgefühl. Denk Dir, wir fänden einen Menschen der uns beim Sprechen über die Wortgefühle sagte für ihn hätte “wenn” & “aber” das gleiche Gefühl. Dürften wir ihm das nicht glauben? – Oder sollen wir einfach sagen er spiele nicht unser Spiel. Es wäre das ähnlich wie wenn jemand nicht mit jedem Vokal eine eigene Farbe verbände, sondern, sagen wir, eine mit a, e, i; & eine andre mit o & u. Vielleicht gibt es solche.
§Ms-137
115a[2]363. Sie wären, möchte man sagen von uns viel verschiedener, als die, welche gar keine Farben mit den Vokalen verbinden. Beinahe möchte man sie farbenblind nennen.
§Ms-137
115a[3]364. Und würde jener darum im Gebrauch “wenn” & “daß” verwechseln?
---
§Ms-137
115a[4]365. Kann nur hoffen, wer sprechen kann? Nur der, der die Verwendung der Sprache beherrscht. Die Zeichen des Hoffens sind Modifikationen eines kompliziertern Lebensmusters. (Wenn ein Begriff seine Anwendung auf den Charakter der Handschrift hat, dann hat er keine Anwendung auf Wesen, die nicht schreiben.)
---
§Ms-137
115a[5]366. Der Blick den das Wort uns in einem bestimmten Zusammenhang nur zuwirft. Die Art & Weise wie es uns anschaut hängt natürlich von der Umgebung ab in der es steht.
§Ms-137
115a[6]367. Ist nicht das Wenn-Gefühl dieses Wort, in diesem Ton & dieser Umgebung?
§Ms-137
115a[7]368. Das Wenn-Gefühl kann nicht etwas sein, was das Wort “wenn” begleitet.
§Ms-137
115b[1]369. Sonst könnte es auch etwas anderes begleiten.
§Ms-137
115b[2]370. Denk Dir ich redete von einer Wenn-Geste. Könnte ein anderes Wort dieselbe Geste machen? – Oder ‘wäre es dann nicht dieselbe’?
§Ms-137
115b[3]371. Zur Wenn-Geste gehört eben auch der Klang des Wortes “wenn”.
§Ms-137
115b[4]372. Können zwei Gesichter den gleichen Ausdruck haben? (Ja & Nein.)
§Ms-137
115b[5]373. Das Wenn-Gefühl müßte zu vergleichen sein dem besondern ‘Gefühl’, das uns eine musikalische Phrase gibt. (Es könnte Einer von einem ‘Halbschluß-Gefühl’ reden (wollen).)
§Ms-137
115b[6]374. Aber kann man dies Gefühl von der Phrase trennen? Und doch ist es nicht die Phrase selbst; denn Einer kann sie hören ohne dies Gefühl.
§Ms-137
115b[7]375. Ist es darin ähnlich dem ‘Ausdruck’ mit welchem sie etwa gespielt wird?
§Ms-137
115b[8]376. Denn man meint nicht ein Gefühl, das sie begleitet, höchstens die Phrase mit dem Gefühl.
§Ms-137
115b[9]377. “Er sah mich mit einem eigentümlichen Lächeln an.” – Mit was für einem? – Da muß ich vielleicht sein Gesicht zeichnen.
§Ms-137
115b[10]378. 02.12.1948
Das Wenn-Gefühl ist nicht ein Gefühl, das das Aussprechen des Wortes “Wenn” begleitet.
§Ms-137
115b[11] &116a[1]
379. Wir sagen, diese Stelle gibt uns ein ganz besonderes Gefühl. Wir singen sie uns vor, & machen dabei eine gewisse Bewegung, haben vielleicht auch irgend eine besondere Empfindung. Aber diese Begleitungen – die Bewegung, die Empfindung – würden wir in einem andern Zusammenhang gar nicht wiedererkennen. Sie wären ganz leer ↑, & sind's nur nicht, wenn wir diese musikalische Phrase singen
§Ms-137
116a[2]380. Sagen wir “Ich singe sie mit einem ganz bestimmten Ausdruck”, dann bezeichnet “Ausdruck” nicht etwas, was ich von ihr trennen kann. Man könnte sich schon denken, daß, in einem andern Sinne, ich eine andere Phrase mit demselben Ausdruck spielen könnte.
§Ms-137
116a[3]381. Das besondre Gefühl, das mir die Stelle gibt, gehört zur Stelle, ja zu ihr in diesem Zusammenhang.
§Ms-137
116a[4]382. Ich kann doch von dem Ausdruck reden, mit welchem Einer eine Stelle spielt, auch ohne dran zu denken, daß eine andre Stelle den gleichen Ausdruck haben könnte. Der Begriff dient hier nur zur Vergleichung von Wiedergaben dieser Stelle.
§Ms-137
116a[5]383. ---
03.12.1948 Daß wir einen Satz verstehen, zeigt uns daß wir ihn unter Umständen verwenden könnten (wenn auch nur in einem Märchen), aber es zeigt uns nicht was, & wieviel wir mit ihm anfangen können.
§Ms-137
116a[6]384. ---
04.12.1948 [non & ne] Es hat denselben Zweck, dieselbe Verwendung – bis auf eine Bestimmung.
§Ms-137
116a[7] &116b[1]
385. So gibt es also zwischen Wortverwendungen wesentliche & unwesentliche Unterschiede? Erst wenn man vom Zweck des Wortes redet, taucht diese Unterscheidung auf.
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§Ms-137
116b[2]386. Meine kinästhetischen Empfindungen belehren mich über die Bewegungen & Lagen meiner Glieder.
§Ms-137
116b[3]Ich lasse jetzt meinen Zeigefinger eine leichte Pendelbewegung vor- & rückwärts machen. Ich spüre sie kaum, oder gar nicht. Vielleicht eine wenig in der Fingerspitze, wie ein Spannen der Haut (gar nicht im Gelenk). Und diese Empfindung belehrt mich über die Bewegung? Denn ich kann sie genau beschreiben.
§Ms-137
116b[4]387. “Du mußt die Bewegung eben doch fühlen, sonst könntest Du nicht wissen, wie sich der Finger bewegt.” Aber, es “wissen”, heißt nur: es beschreiben können. – Ich mag die Richtung aus der ein Schall kommt nur angeben können, weil er das eine Ohr stärker affiziert als das andre; aber das höre ich nicht. Es bewirkt nur: ich weiß von wo der Schall kommt, ich blicke z.B. in dieser Richtung.
§Ms-137
116b[5]388. So geht es auch mit der Idee, ein Merkmal der Schmerzempfindung müsse uns über den Ort des Schmerzes belehren; oder ein Merkmal des Erinnerungsbildes über die Lage eines Ereignisses in der Zeit
§Ms-137
116b[6] &117a[1]
389. Eine Empfindung kann uns über die Bewegung, oder Lage eines Gliedes belehren. Wer z.B. nicht wie der Normale, im Stande wäre mit geschlossenen Augen anzugeben, ob sein Arm gestreckt sei, könnte durch einen Schmerz im Ellbogen darüber belehrt werden. – Und es kann auch der Charakter eines Schmerzes uns über den Sitz der Verletzung belehren.
§Ms-137
117a[2]390. Wie weiß ich, daß den Blinden sein Tastgefühl & den Sehenden sein Gesicht über die Gestalt & Lage der Dinge belehren?
§Ms-137
117a[3]391. Weiß ich's nur aus eigener Erfahrung, & vermute es nur bei den Andern?
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§Ms-137
117a[4]392. Die Evolution der höheren Tiere & des Menschen & das Erwachen des Geistes, (des) Bewußtseins auf einer bestimmten Stufe Unsere Sprache beschreibt zuerst einmal ein Bild. Was mit dem Bild zu geschehen hat, wie es zu verwenden ist, bleibt im Dunkeln. Aber es ist ja klar, daß dies erforscht werden muß, wenn man den Sinn unsrer Aussage(n) verstehen will. Das Bild aber scheint uns dieser Arbeit zu überheben; es deutet ja schon auf eine (ganz) bestimmte Verwendung. Dadurch hat es uns zum besten.
§Ms-137
117a[6]393. ---
06.12.1948 Was ist das Kriterium dafür, daß mich ein Sinneseindruck über die Form & Farbe belehrt?
§Ms-137
117a[7] &117b[1]
394. Welcher Sinneseindruck? Nun, dieser. Ich kann ihn beschreiben: “er ist derselbe, wie der, ‥‥” – oder ihn an einem Bild zeigen. Und nun: was fühlst Du, wenn Deine Finger in dieser Lage sind? – “Wie soll man ein Gefühl erklären? Man kann es nur in sich selbst kennen.” Aber den Gebrauch der Worte muß man doch lehren können!
§Ms-137
117b[2]395. Ich suche nun nach dem grammatischen Unterschied.
§Ms-137
117b[3]396. Farbe, Klang, Geschmack, Temperatur, diese haben eine subjektive & eine objektive Seite. Das heißt doch wohl: sie geben manchmal an, was ich fühle, manchmal beschreiben sie die Außenwelt. – Nun, das subjektive Zwischenglied scheint in meiner Kenntnis der Körperstellung zu fehlen.
§Ms-137
117b[4]397. Man kann ein Gefühl nicht beschreiben? Freilich kann man es. Man tut es alle Tage. Aber wie? Nun, wir müssen uns auf die besondern Fälle besinnen.
§Ms-137
117b[5]398. Wenn Einer mir sagte, er hätte damals das gefühlt was man fühlt wenn man seine Finger in dieser Lage hält, oder so bewegt, so würde ich die Lage oder Bewegung nachahmen & ihn dann vielleicht fragen “Meinst Du das Gefühl in den Fingerspitzen, oder in den Muskeln, oder an dieser Stelle?” D.h., es müßte mir noch nicht klar sein, von welchem Gefühl er spricht; ja ich könnte ihm sogar sagen “Ich fühle jetzt gar nichts bei dieser Bewegung.” Bedenk: ich könnte ihn auch fragen “Ist es ein starkes Gefühl, oder ein sehr schwaches?”! (Aber diese Bemerkung ist erst am Rande, noch nicht im Zentrum der Sache.)
§Ms-137
118a[1]399. Und was ist der Ort des kinästhetischen Gefühls? Kannst Du auf ihn deuten? (Denn daß Rezeptoren in den Gelenken & Muskeln sind geht uns hier nichts an.)
§Ms-137
118a[2]400. Sehen wir einmal vom kinästhetischen Gefühl ab! – Ich will einem ein Gefühl beschreiben, & sage ihm “Mach's so, dann wirst Du's haben.” dabei halte ich meinen Arm, oder meinen Kopf, in bestimmter Lage. Ist das nun eine Beschreibung eines Gefühls, & wann, werde ich sagen, er habe verstanden, was für ein Gefühl ich gemeint habe? Er wird daraufhin noch eine weitere Beschreibung des Gefühls geben müssen. Und welcher Art muß die sein? – Angenommen, er sagt mir “Ja, ich hab's. Es ist ein sehr eigentümliches Gefühl” Auf die Frage “Was für eins? Wo?” sagt er, das könne er nicht sagen, – es sei ganz eigenartig. Wie wüßten wir, daß es ein Gefühl ist?
§Ms-137
118a[3]401. Die ‘weitere Beschreibung’ wird das Gefühl mit andern Gefühlen in Zusammenhang bringen: Es wird einen Ort haben, es wird gleichbleiben, oder sich ändern, stärker oder schwächer werden.
§Ms-137
118a[4]402. “Mach's so, dann wirst Du's haben” dabei hatte ich meinen Arm, oder meinen Kopf in bestimmter Lage. Kann da nicht ein Zweifel sein? muß nicht einer sein, wenn ein Gefühl gemeint ist?
§Ms-137
118b[1]403. Was würden wir sagen, wenn jemand uns mitteilt, er sähe an einem bestimmten Ding eine Farbe, die er nicht beschreiben könne? Muß er sich richtig ausdrücken? Muß er eine Farbe meinen?
§Ms-137
118b[2]404. Das schaut so aus; das schmeckt so; das fühlt sich so an: “das” & “so” müssen verschieden erklärt werden.
§Ms-137
118b[3]405. 06.12.1948
Ein ‘Gefühl’ hat für uns ein ganz bestimmtes Interesse. Und dazu gehört z.B. ein ‘Grad des Gefühls’ , die Übertäubbarkeit eines Gefühls durch ein anderes.
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§Ms-137
118b[4]406. “Kummer” beschreibt eine Art wiederkehrendes Muster im Lebensteppich. Nun, zu diesem Muster gehört auch ein Verlauf. Wenn der Körperausdruck des Grames & der Freude bei einem Menschen, etwa mit dem Ticken eines Metronoms, wechselten, so ergäbe das nicht das Gram- oder das Freudemuster. (Das heißt nicht Freude oder Kummer sei ein Benehmen.)
§Ms-137
118b[5]407. Wer den eigenen Kummer beobachtet, mit welchen Sinnen beobachtet er ihn? Mit einem eigenen Sinn? Mit einem der den Kummer fühlt? So fühlt er ihn anders, wenn er ihn beobachtet? Und welchen beobachtet er nun, den welcher nur da ist, während er beobachtet wird? – ‘Beobachten’ erzeugt nicht das beobachtete. (Das ist eine begriffliche Feststellung.)
§Ms-137
118b[6]408. Aber ich kann doch meinen Kummer beobachten. Ich frage mich z.B. “Bin ich heute so betrübt, wie gestern?” & antworte darauf.
§Ms-137
119a[1]409. Ich sage (zu mir selbst) z.B.: “Vor einem Monat hätte ich noch nicht ohne Grauen daran denken können.”
§Ms-137
119a[2]410. 07.12.1948
Wen man abgerichtet hätte beim Anblick von etwas Rotem einen bestimmten Laut auszustoßen, beim Anblick von etwas Gelbem andern, & so fort für andere Farben, von dem würde man dennoch nicht sagen, er könne Gegenstände ihrer Farben nach beschreiben obwohl er uns zu einer Beschreibung verhelfen könnte. Um zu beschreiben, muß er nach irgend einer Projektionsregel Bilder von Farbverteilungen im Raume machen können. (Sprachspiel ?)
§Ms-137
119a[3]411. Wer z.B. seinen Blick in einem Zimmer schweifen ließe, plötzlich fällt er auf einen Gegenstand von auffallender roter Färbung & er ruft aus “Rot!” – der hätte keine Beschreibung gegeben, auch wenn er eine geben könnte.
§Ms-137
119a[4]412. 08.12.1948
Sind die Worte “Ich fürchte mich” eine Beschreibung eines Seelenzustandes? Es kommt drauf an, in welchem Spiel sie stehen.
§Ms-137
119a[5] &119b[1]
413. Wir setzen bei dem, der der Furcht ausdrückt, natürlich gewisse physiologische Begleiterscheinungen voraus Den schnellen Puls, den keuchenden Atem, vielleicht erhöhten Blutdruck & eine Reihe, schwerer beobachtbare Erscheinungen des Nervensystems, alles das wieder begleitet von manchen charakteristischen Gefühlen. Wenn Einem der Angstschweiß ausbricht, dann hat er die charakteristischen Empfindungen des Schwitzens.
§Ms-137
119b[2]414. Und ferner: es ist wohl möglich, daß der, welcher gewisse typische Mienen, Gebärden, Laute, der Furcht nachahmt, & eben dadurch das eine oder andre typische Gefühl, welches diese Gebärden erzeugen, erhält, – daß dieser dadurch in seinem Körper andere der physiologischen Furchterscheinungen induziert & mit diesen noch weitere Furchtempfindungen erhält.
§Ms-137
119b[3]415. Ja, es kann auch sein, daß Furcht spielen Furcht erzeugt. (Es muß nicht sein, es liegt nicht im Wesen der Furcht.)
§Ms-137
119b[4]416. ---
09.12.1948 Das Sprachspiel der Meldung kann so gewendet werden, daß die Meldung uns nicht über den Gegenstand der Meldung unterrichten soll, sondern über den Meldenden. So ist es z.B. wenn der Lehrer den Schüler prüft. (Man kann messen um den Maßstab zu prüfen.)
§Ms-137
119b[5]417. “Wenn mich meine Sinne nicht täuschen, so kommt er dort.” “Wenn ich mich nicht irre, so kommt er dort.” Wie heißt davon die Annahmeform?
§Ms-137
119b[6]418. Man kann sehr wohl sagen “Mir scheint es, er käme, aber er kommt nicht.”
§Ms-137
119b[7]419. Man kann den eigenen Sinnen mißtrauen aber nicht dem eigenen Glauben.
§Ms-137
120a[1]420. Man kann sogar sagen: “Es macht auf mich den Eindruck er kommt, aber er kommt nicht.
§Ms-137
120a[2]421. Angenommen, ich führte einen Ausdruck, z.B. “Ich glaube”, so ein: Er soll dort der Meldung vorgesetzt werden, wo sie dazu dient über den Meldenden Auskunft zu geben. (Es braucht dem ‘Ich glaube’ keine Unsicherheit anzuhängen. ) Was hieße dann: “Ich glaube, es ist so, & es ist nicht so.”? Bedenke auch daß die Unsicherheit sich auch unpersönlich ausdrücken läßt: “Er dürfte heute kommen.”
§Ms-137
120a[3]422. “Ich glaube‥‥” beleuchtet meinen Zustand. Es lassen sich aus dieser Äußerung Schlüsse auf mein Verhalten ziehen. Also ist hier eine Ähnlichkeit mit den Äußerungen der Gemütsbewegung der Stimmung etc.
§Ms-137
120a[4]423. Gäbe es ein Verbum “Zu glauben scheinen” dann fehlte ihm eine sinnvolle erste Person im Indikativ Präsentis. (Unserm Worte “träumen” könnte sie auch fehlen.)
§Ms-137
120a[5]424. 10.12.1948
Das beste Beispiel für einen Ausdruck in ganz bestimmter Bedeutung ist eine Stelle in einem Drama.
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§Ms-137
120a[7] &120b[1]
425. Die augenblickliche Bewegung. Wer eine Bewegung sieht, sieht überhaupt nicht Lagen in Zeitpunkten. Er könnte sie nicht abbilden, nachahmen.
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§Ms-137
120b[2]426. “Ich glaubte damals die Erde sei eine Scheibe.” Ein Glaube hat einen Grund, die Erfahrungen, Berichte, Beziehungen auf denen er fußt. Er steht auf einem Boden.
§Ms-137
120b[3]427. Die Linie “X ist im Irrtum” hat keinen reellen Punkt für X = ich. Die Linie taucht hier in's Dunkel.
§Ms-137
120b[4]428. Man kann ja fragen: Ist ein Zustand, den ich aus den Äußerungen des Menschen entnehme wirklich derselbe wie der, den einer auf diese Weise nicht erkennt? Und die Antwort ist eine Entscheidung.
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§Ms-137
120b[5]429. Das Phänomen, wovon wir reden, ist das Aufleuchten des Aspekts.
§Ms-137
120b[6]430. Man sagt sich z.B. “Es könnte auch das sein” (gibt eine neue Deutung) & der Aspekt mag aufleuchten.
§Ms-137
120b[7] &121a[1]
431. 11.12.1948
Zwei Verwendungen von “sehen”. Die eine: “Ich sehe dies” – wobei ich auf eine Beschreibung anspiele, oder auf ein Bild, eine Kopie zeige. Damit mag ich einem Andern mitteilen: dort, wo seine Blicke nicht hinreichen befinde sich das & das. Ein Beispiel der andern Verwendung; “Ich sehe eine Ähnlichkeit in diesen beiden Gesichtern”. Der, dem ich die Mitteilung mache, mag die Gesichter so deutlich sehen, wie ich.
§Ms-137
121a[2]432. Der Eine könnte die Gesichter genau portraitieren, der Andre in diesen Bildnissen ihre Ähnlichkeit bemerken, die der erste nicht sah.
§Ms-137
121a[3]433. Ich mag zwei Gesichter, die sich nicht ändern, betrachten: auf einmal leuchtet ihre Ähnlichkeit auf. Ich nenne diese Erfahrung das Aufleuchten eines Aspekts.
§Ms-137
121a[4]434. Seine Ursachen interessieren den Psychologen nicht mich.
§Ms-137
121a[5]435. Uns interessiert der Begriff & seine Stellung in den Erfahrungsbegriffen.
§Ms-137
121a[6]436. Man kann das Aufleuchten des Aspekts hervorrufen, indem man z.B. gewissen Linien des Gesichts (mit dem Blicke) folgt.
§Ms-137
121a[7]437. Was ist der charakteristische Ausdruck des Aufleuchtens? Wie weiß ich daß jemand diese Erfahrung hat? – Der Ausdruck ist ähnlich der der Überraschung.
§Ms-137
121a[8]438. Ein Aspekt leuchtet auf & verhallt. Soll er uns bewußt bleiben, so müssen wir ihn immer wieder anschlagen.
§Ms-137
121a[9] &121b[1]
439. Ich sehe plötzlich die Lösung eines Vexierbilds. Wo früher Äste & Zweige waren ist jetzt ein Mensch. Mein Gesichtseindruck hat sich geändert, & ich erkenne jetzt daß er nicht nur Farbe & Form, sondern auch eine ganz bestimmte Organisation hatte & eine andre hat. – Mein Gesichtseindruck hat sich geändert; – wie war er früher; wie ist er jetzt. – Stelle ich ihn durch eine genaue Kopie dar – und ist das keine gute Darstellung? – so zeigt sich keine Änderung.
§Ms-137
121b[2]440. Und sag nur ja nicht “Mein Gesichtseindruck ist doch nicht die Zeichnung! er ist dies, was ich niemand zeigen kann.” Freilich ist er nicht die Zeichnung, aber auch nichts von der gleichen Kategorie, das ich in mir trage.
§Ms-137
121b[3]441. Kann also die Kopie den Aspekt nicht wiedergeben? – Man nennt sehr verschiedenes “Kopie”. – Die Art des Kopierens könnte den gesehenen Aspekt anzeigen. Sie kann z.B. ‘Zusammengehöriges’ zusammennehmen. Auch die besondern Fehler die Einer beim Kopieren macht können den Aspekt den er sah anzeigen.
§Ms-137
121b[4]442. Der Begriff des ‘innern Bildes’ ist irreführend, denn das Vorbild dieses Begriffs ist das äußere Bild, & doch sind ihre Anwendungen ganz verschieden
§Ms-137
121b[5] &122a[1]
443. Wer die Organisation des Gesichtseindrucks mit Formen & Farben zusammenstellt, geht vom Gesichtseindruck als einem innern Gegenstand aus. Dieser Gegenstand wird dadurch freilich ein Unding, ein seltsam schwankendes Gebilde. Denn die Ähnlichkeit mit dem Bild ist nun gestört.
§Ms-137
122a[2]444. Wer eine Reihe äquidistanter Punkte als Reihe von Punktpaaren sieht deren innere Entfernungen kleiner sind als die äußeren, der kann sagen, er sieht die Reihe in besondrer Weise organisiert, denn das Bild, das er von der Reihe entwürfe hätte eben eine besondere Organisation. Es könnte sich ja hier auch um einen Irrtum handeln: er hält die Reihe für so organisiert.
§Ms-137
122a[3]445. Die Organisation: das sind etwa die räumlichen Beziehungen. Die Darstellung räumlicher Beziehungen im Gesichtseindruck sind räumliche Beziehungen in der Darstellung des Gesichtseindrucks. Die Änderung des Aspekts kann sich durch eine Änderung räumlicher Beziehungen in der Darstellung des Gesehenen darstellen. Beispiel: die Aspekte des Würfelschemas. Die gezeichnete Kopie ist immer die gleiche, die räumliche verschieden.
§Ms-137
122a[4]446. Der Begriff der Darstellung des Gesehenen, der Kopie ist sehr dehnbar, & daher auch der Begriff des Gesehenen. Aber die beiden hängen innig zusammen. (D.h. nicht, daß sie einander ähnlich sind.)
§Ms-137
122a[6] &122b[1]
447. Wer bei der Betrachtung des Würfelschemas sich so ausdrückte: “Ich sehe jetzt einen Würfel in dieser Lage, jetzt einen in dieser” – der könnte sehr Verschiedenes meinen. Etwas Subjektives, & etwas Objektives. Seine Worte allein lassen das nicht erkennen. – Der Bericht des Aspektwechsels hat wesentlich die Form eines Berichts über den wahrgenommenen Gegenstand. Aber seine weitere Anwendung ist verschieden.
§Ms-137
122b[2]448. Ist der Aspekt eine Art Organisation, & die Organisation vergleichbar den Charakteristiken der Form & Farbe, dann ist der Wechsel des Aspekts wie der Wechsel der scheinbaren Farbe.
§Ms-137
122b[3]450. ‘Farbe’ & ‘Form’ muß objektiv gelernt werden. Der Ausdruck des Aspekts folgt dann dem Ausdruck der Wahrnehmung, wie der der Vorstellung dem der Wahrnehmung. Aber hier muß man sich daran erinnern, daß die visuelle Vorstellung sich nicht immer durch die Beschreibung eines Gesichtseindrucks darstellen läßt. Ich stelle mir z.B. eine geschlossene Schachtel vor, aber das Bild der geschlossenen Schachtel könnte manches Andere auch darstellen. (Dies erinnert an den Ausdruck in der Traumerzählung: “Und ich wußte, daß ‥‥․”)
§Ms-137
122b[4] &123a[1]
451. Das Sehen des Aspekts eine Willenshandlung. Man kann Einen auffordern: Schau es jetzt so an. Trachte die Ähnlichkeit 12.12.1948 wieder zu sehen. Hör das Thema so etc. Aber ist damit das Sehen eine Willenshandlung? nicht vielmehr die Art des Anschauens die dies Sehen hervorruft? Ich kann z.B. das Würfelschema so sehen, indem ich den Blick auf diese Kanten besonders richte. Wenn ich es tue, dann folgt das Umschlagen des Aspekts. Hier weiß ich wie ich es herbeiführe. Anderseits, wenn ich
so & so betrachte so bin ich mir dessen nicht bewußt.
§Ms-137
123a[2]452. Der Aspekt ist vom Willen abhängig. Darin gleicht er der Vorstellung.
§Ms-137
123a[3]453. Aber es ist doch auch die visuelle Wahrnehmung vom Willen abhängig! Schau ich genauer hin, so sehe ich etwas anderes, & ich kann den andern Gesichtseindruck nach Willkür hervorrufen. Das macht den Eindruck freilich nicht zu einem Aspekt – aber ist er nicht auch vom Willen abhängig?
§Ms-137
123a[6]454. Wer eine Figur immer als ein Druck-F aufgefaßt hat, braucht nie die Erfahrung gehabt haben, die die Worte “Jetzt seh ich's als ein F” ausdrücken. Dieser Aspekt mußte nicht ‘aufgeleuchtet’ haben.
§Ms-137
123a[7] &123b[1]
455. Wer das H.-E.-Bild betrachtet & über den Gesichtsausdruck des H. nachdenkt, etwa trachtet, das richtige Wort dafür zu finden, der betrachtet das Bild im H-Aspekt aber dieser H-Aspekt leuchtet nicht auf. Ist es aber richtig zu sagen dieser sehe das Bild die ganze Zeit in diesem Aspekt? Nun er beschreibt, was er sieht als einen H-Kopf, denn so redet er z.B. über das was er sieht.
§Ms-137
123b[2]456. Frage Dich nun nicht “Wie geht es mit mir?” Frage “Was weiß ich vom Andern?”
§Ms-137
123b[3]457. Frage Dich nicht “Seh ich es in so einem Fall?” – sondern “Was macht mich sagen, er sieht es in so einem Fall?”.
§Ms-137
123b[4]458. Hörte ich Einen über das H-E Bild reden, & jetzt in gewisser Weise über den besonderen Ausdruck des H-Gesichts, so würde ich sagen “Er betrachtet das Bild jetzt als H.-Kopf”, oder “im H-Aspekt”.
§Ms-137
123b[5]459. Die größte Gefahr ist, hier sich selbst beobachten wollen.
§Ms-137
123b[6]460. Wenn ich sage “Diese beiden Formen schienen mir auch keine Ähnlichkeit miteinander zu haben”, kann ich einen stärkern Ausdruck dafür gebrauchen, daß ich jedesmal etwas andres sah?
§Ms-137
123b[7]461. Er sieht z.B. zwei Bilder; in dem einen den H.-E.-Kopf umgeben von Hasen, im andern von Enten. Er bemerkt die Gleichheit nicht. Folgt daraus daß er beidemale etwas andres sieht? – Dies gibt uns einen Grund, es zu sagen
§Ms-137
123b[8]462. Und wie ist es mit seiner Äußerung “Ich hab es ganz anders gesehen!”? Nun die zeigt etwa, daß einem dieser Begriff naheliegt & das ist auch begreiflich.
§Ms-137
124a[1]Ich hatte es also so ‘gesehen’, – obwohl dieser Aspekt nie aufgeleuchtet hatte.
§Ms-137
124a[2]463. Und wie vergleicht sich nun dieses chronische ‘so-sehen’ mit Farben & Formen? Hatte also mein Gesichtsbild immer: diese Farben, diese Formen, diese Organisation? Soweit ist es ja nur eine Ausdrucksform; aber wie ähnlich sind diese Begriffe?
§Ms-137
124a[4]Man kann natürlich sagen “Es gibt gewisse Dinge, die sowohl unter den Begriff ‘Bildhase’ als ‘Bildente’ fallen. Und so ein Ding ist ein Bild, eine Zeichnung. – Aber der Eindruck ist nicht zugleich der von einer Bildente & von einem Bildhasen.
§Ms-137
124a[3]464. Du hattest gelernt: das ist ‘rot’; das ist ‘rund’, das ist ein ‘Hase’.
§Ms-137
124a[5]465. Ich lernte nun die Begriffe ‘rot’, ‘rund’, ‘Bildhase’, ‘Bildente’, – soweit sind sie ungefähr auf einer Stufe. Ich kann sie an Mustern lernen.
§Ms-137
124a[6]466. Ein Bildhase ist so etwas: & nun zeige ich Beispiele. Eine Bildente ist also etwas anderes, wenn auch ein Beispiel das gleiche ist.
§Ms-137
124a[7]467. Wenn ich also den H-E.-Kopf als H. sah so sah ich: Diese Form & Farbe (ich zeichne sie genau – & außerdem noch so etwas: dabei nun zeige ich eine Menge verschiedener H.-Bilder. Das zeigt die Verschiedenheit der Begriffe.
§Ms-137
124a[8]468. “Ich habe es ganz anders gesehen, ich hätte es nie erkannt!” Nun das ist ein Ausruf. Und er hat auch eine Rechtfertigung.
§Ms-137
124a[9] &124b[1]
469. Du hättest es all diese Zeit durch dieses Gesicht (die Imitation eines Hasen) kopiert, also sahst Du es doch in einem Sinne so.
§Ms-137
124b[2]470. Und wenn ich's nun einmal als H. (&) einmal als E. sehe so sehe ich's so, & so ( wobei ich jedesmal ein andres Tier nachmache & in andrer Richtung schaue).
§Ms-137
124b[3]471. Von wem sagt man er genieße den sprechenden Ausdruck dieses Bilds? Nun, wer es so anschaut, so & so darüber redet, so darauf reagiert.
§Ms-137
124b[4]472. Ich habe es immer als Hasen gesehen könnte sogar heißen: es war für mich immer ein Hase, ich habe immer dazu wie zu einem Hasen gesprochen. Ein Kind tut dies. Ich hab es immer als Hasen behandelt, heißt das.
§Ms-137
124b[5]473. Wenn nun das Kind das Hasenbild als einen wirklichen Hasen behandelt, zeigt das etwas über die Organisation des Gesichtsbilds? Ist das ein Beweis, daß das Kind nicht nur Farben & Formen sieht?
§Ms-137
124b[6]474. Und nun der Aspektwechsel. Das Erlebnis des neuen Aspekts. Oder: des Erscheinens des Aspekts. Und sein Ausdruck ein Ausruf. Ein H.! etc.
§Ms-137
124b[7]475. “Du würdest doch sagen, daß sich das Bild jetzt gänzlich geändert hat!”
§Ms-137
124b[8]476. Aber was ist anders: mein Eindruck? Meine Stellungnahme? – Kann ich's sagen? Ich beschreibe die Änderung, wie eine der Wahrnehmung; ganz als hätte sich der Gegenstand vor meinen Augen geändert.
§Ms-137
125a[1]477. Denk Dir den H-E Kopf ausgeschrieben & ein Kind behandelt ihn als Puppe, einmal so, einmal so.
§Ms-137
125a[2]478. Man zeigt mir einen Bildhasen & fragt mich was das sei; ich sage “Das ist ein H.”. Nicht “Das ist jetzt ein H.”. Ich teile die Wahrnehmung mit. Man zeigt mir den H.-E. Kopf & fragt mich was das sei; da kann ich sagen “das ist der H.-E. Kopf”. Aber ich kann auch ganz anders drauf reagieren. – Sage ich es sei der H.-E.Kopf so ist es wieder die Mitteilung der Wahrnehmung; sage ich aber “Jetzt ist ein H., dann nicht. Hatte ich gesagt “Es ist ein Hase”, so hätte ich die Doppeldeutigkeit nicht bemerkt & hätte die Wahrnehmung berichtet.
§Ms-137
125a[3]479. Ist aber nicht auch dann ein Unterschied zwischen dem ersten “Jetzt ist es ein Hase” & dem nun entstehenden Aspekt?
§Ms-137
125a[4]480. 13.12.1948
Eine fleckige Wand; & ich beschäftige mich damit, Gesichter in ihr zu sehen; aber nicht um die Natur des Aspekts zu studieren, sondern weil mich jene Gestalten interessieren & das Verhängnis, das mich von einer zur andern führt. Aspekte leuchten immer wieder auf, andre vergehen, manchmal starre ich wie blind auf die Wand.
§Ms-137
125a[5]481. Unter dem Flecken könnte auch das Doppelkreuz & der H.-E.-Kopf sein & sie könnten wie die andern & mit ihnen in verschiedenen Aspekten gesehen werden.
§Ms-137
125a[6]482. Der Aspekt scheint zur Struktur der innern Materialisation zu gehören.
§Ms-137
125b[1]483. Wir lernen Sprachspiele. Wir lernen Gegenstände nach ihren Farben ordnen, die Farben von Dingen melden, Farben erzeugen, Formen vergleichen, messen, etc. etc. – Lernen wir aus sie uns vorstellen?
§Ms-137
125b[2]484. Es gibt ein Sprachspiel: “Melde ob (auch “wie oft” & “wo”) diese Figur in jener vorkommt.” Was Du meldest ist eine Wahrnehmung.
§Ms-137
125b[3]485. Man könnte also auch sagen: “Melde ob hier ein Spiegel-F vorkommt”, & es kann einem plötzlich auffallen. Dies könnte von großer Wichtigkeit sein.
§Ms-137
125b[4]486. Die Meldung aber “Jetzt seh ich's als …” meldet keine Wahrnehmung.
§Ms-137
125b[5]487. “Du kannst dabei einmal an das denken, einmal an das, einmal es als das ansehen, einmal als das, & dann wirst Du's einmal so sehen, einmal so.” Wie denn? Es gibt ja keine weitere Bestimmung.
§Ms-137
125b[6]488. Ich kann die Aspekte des F wechseln & mir keiner andern Willenshandlung dabei bewußt sein.
§Ms-137
125b[7]489. Es ist nützlich in diesen Betrachtungen den Begriff ‘Bild-Hase’ ‘Bild-Mensch’ etc. einzuführen. Ein Bild-Gesicht, z.B., ist die Figur
§Ms-137
125b[8]490. “Ich sehe ja jetzt das” könnte ich sagen. Es ist die Meldung einer neuen Wahrnehmung.
§Ms-137
126a[1]491. Wie aber, wenn ich erst das Wahrgenommene genau zeichnete; dann sagte: “Ich sehe jetzt es ist ein Hase”, oder “Ach, es ist ein Hase!” Nun äußere ich ein Erlebnis zur Zeit des Ausrufs.
§Ms-137
126a[2]492. 14.12.1948
Das Wahrnehmen der internen Relation & das Aufleuchten des Aspekts der internen Relation. Wer den H.-E.-Kopf zuerst immer als H. gesehen hat & ihn dann einmal als E. sieht, der mag dadurch lernen daß ein H.-Kopf & ein E.-Kopf die gleiche Kontur haben können. Das kann unter bestimmten Umständen eine wichtige Entdeckung sein. (Ich denke an eine Chiffre in der ein Hasenkopf ein Zeichen ist.) – Aber das Aufleuchten des H-Aspekts ist nicht das Wahrnehmen jener Relation. Wäre es nicht möglich, daß Einer sie wahrnimmt, ohne das Umschlagen des Aspekts erleben zu können, oder das Aufleuchten?
§Ms-137
126a[3]493. 15.12.1948
Einmal heißt es: “Was ich vor mir habe, ist das [Kopie]. Ich kann es auch als einen Hasen beschreiben.” – Das andremal: Früher sah ich etwas andres, jetzt einen Hasen.
§Ms-137
126a[4]494. Der Ausdruck des Aspektwechsels ist der Ausdruck einer neuen Wahrnehmung zugleich mit dem Ausdruck der unveränderten Wahrnehmung.
§Ms-137
126a[5] &126b[1]
496. Die Kopie beschreibt die Wahrnehmung gänzlich . Das Modell, worauf ich auch noch deute, eine Art meiner Anschauung; man könnte also auch sagen: das Seherlebnis. – Als eine Meldung der Wahrnehmung ist die Kopie dann genauer. Wenn aber der Aspekt aufleuchtet, dann ist der Ausdruck davon (das Zeigen aufs Modell z.B.) wesentlich der Ausdruck einer neuen Wahrnehmung. So also, als müßte diesem Ausdruck jetzt eine neue Kopie entsprechen. Was aber nicht der Fall ist.
§Ms-137
126b[2]497. Ich frage: “Was siehst Du?” Der Andre fängt an zu zeichnen; dann gibt er's auf & sagt “Ich kann's nicht gut zeichnen; es ist ein sitzender Hase.” Darauf könnte ich vielleicht seine Zeichnung verbessern.
§Ms-137
126b[3]498. “Ich sehe einen Hasen. Und das ist genau, was ich sehe [& jetzt zeichne ich's]”.
§Ms-137
126b[4]499. Ist nun die Kopie eine unvollkommene Beschreibung meines Seherlebnisses? Nein. Es kommt doch auf die Umstände an, welche näheren Bestimmungen ich zu machen brauche. Es kann eine unvollkommene sein; wenn eine Frage übrigbleibt. (Beispiel: Würfelschema.)
§Ms-137
126b[5]500. Also mag das Zeigen auf's Modell, noch außer der Kopie, zur Beschreibung des Seherlebnisses gehören. Zur Beschreibung der visuellen Wahrnehmung gehört es dann nicht.
§Ms-137
126b[6]501. 16.12.1948
Wenn ich weiß, daß es verschiedene Aspekte des Würfelschemas gibt, kann ich den Andern, um zu erfahren, was er sieht, dies nicht nur zeichnen sondern ihn außerdem auch noch auf einen Würfel zeigen lassen; auch wenn er gar nicht weiß, warum. Mir beschreibt es, was er sieht. Beim Aspektwechsel aber verschiebt sich's. Es wird das der einzig mögliche Erlebnisausdruck, was früher vielleicht nach der Kopie eine unnütze Bestimmung schien.
§Ms-137
127a[1]502. Wenn ich weiß, daß es verschiedene Aspekte des Würfelschemas gibt, kann ich den Andern, um zu erfahren, was er sieht, außer die Kopie auch noch ein Modell des Gesehenen herstellen, oder zeigen lassen; auch wenn er gar nicht weiß, was diese doppelte Demonstration soll. Beim Aspektwechsel aber verschiebt sich's. Es wird das der einzig mögliche Erlebnisausdruck, was früher nach der Kopie vielleicht eine unnütze Bestimmung schien, oder (auch) war.
§Ms-137
127a[2]503. Und das allein eliminiert für uns den Vergleich der ‘Organisation des Gesichtseindrucks’ mit Farbe & Form.
§Ms-137
127a[4]504. Ja, ich gestehe, nichts scheint mir möglicher, als daß die Menschen einmal zur bestimmten Ansicht kommen werden, dem einzelnen Gedanken, der einzelnen Vorstellung, Erinnerung, entspreche keinerlei Abbild im Physiologischen, im Nervensystem.
§Ms-137
127a[5]505. Wie wäre es, wie sähe es aus, wenn der Aspekt gänzlich der Willkür entzogen wäre?
§Ms-137
127a[6] &127b[1]
506. Heißt “den Aspekt sehen”: die interne Relation wahrnehmen? Was spricht in mir dagegen?
§Ms-137
127b[2]507. Wer nach einer Figur (1) in der andern (2) sucht, & sie dann findet, der sieht (2) nun anders, kann man sagen. Er kann nicht nur eine neue Art der Beschreibung von ihr geben, sondern jenes Bemerken war ein neues Seherlebnis.
§Ms-137
127b[3]508. Aber es muß nicht geschehen, daß er sagen möchte: “Die Figur (2) sieht nun ganz anders aus, sie hat auch keine Ähnlichkeit mit der frühern; obwohl sie mit ihr kongruent ist!”
§Ms-137
127b[4]509. “Das innere Bild hat Farben, Formen, & überdies eine bestimmte Organisation.” Daraus würde folgen: es schaut so aus, & nicht so aus.
§Ms-137
127b[5]510. Du bemerkst eine Organisation des Objekts (des Gegenstands der Wahrnehmung). Oder vielmehr: Du bemerkst etwas an seiner Organisation; einen Zug dieser Organisation.
§Ms-137
127b[6]511. Das Bemerken ist ein Seherlebnis.
§Ms-137
127b[7]512. Man kopiert die Farbe & die Form. Man zeigt ein Muster der Farbe & Form. Man zeigt kein Muster der Organisation des Gesichtseindrucks.
§Ms-137
127b[8] &128a[1]
513. Aber man könnte etwa sagen: “Um den Eindruck zu erhalten, den ich habe, mußt Du auf diese Figur schauen, insbesondere auf diesen Teil, & so, daß Dir dies an ihr auffällt.” Aber man tut das nicht. So etwas nennt man nicht “den Gesichtseindruck beschreiben”, wie man auch zu diesem Zweck nicht vorschreibt, wie der Blick des Andern über den Gegenstand zu wandern hat. Das zeigt uns, daß “Gesichtseindruck” etwas wie “Gesichtsbild” bezeichnen soll, & dies etwas einem Bild verwandtes.
§Ms-137
128a[2]514. Fragst Du mich, was ich gesehen habe, so werde ich vielleicht eine Skizze herstellen können, die es zeigt, aber daran, wie mein Blick gewandert ist, werde ich mich in den meisten Fällen überhaupt nicht erinnern.
§Ms-137
128a[3]515. Der Farbe des Objekts entspricht die Farbe im Gesichtseindruck, der Form des Objekts die Form im Gesichtseindruck. Aber der Organisation des Objekts entspricht nicht der Aspekt des Gesichtseindrucks, denn der kann sich ändern, während die gleiche Organisation betrachtet wird. Im Aspekt bemerke ich einen Zug der Organisation.
§Ms-137
128a[4]516. Der Farbe des Objekts entspricht die Farbe im Gesichtseindruck (dies Fließpapier scheint mir rosa, & es ist rosa) – der Form des Objekts die Form im Gesichtseindruck (es scheint mir rechteckig, & es ist rechteckig) – aber was ich im Aspekt sehe, ist nicht eine Eigenschaft des Objekts, es ist eine interne Relation zwischen ihm & andern Objekten.
§Ms-137
128a[5] &128b[1]
517. Denk Dir den H.-E.-Kopf in einer Menge von Strichen versteckt. Einmal nun bemerke ich ihn in dem Bild & zwar einfach als H.. Später einmal schaue ich das gleiche Bild an & bemerke die gleiche Linie, aber als E., & dabei brauche ich noch gar nicht zu wissen, daß es beidemale die gleiche Linie war. Wenn ich später nun den Aspekt wechseln sehe, kann ich sagen daß dabei die Aspekte H. & E. ganz anders gesehen werden, als da ich sie einzeln im Gewirr der Striche bemerkte? Nein. Aber der Wechsel ruft ein Staunen hervor, den das Bemerken nicht hervorrief.
§Ms-137
128b[3]518. 17.12.1948
Der Aspekt leuchtet nur auf, bleibt nicht stehen. Aber das muß eine begriffliche Bemerkung sein, keine psychologische. Der Ausdruck des Sehens des Aspekts ist der Ausdruck der neuen Wahrnehmung.
§Ms-137
128b[2]519. (Ich mache scheinbar ‘Gedankenexperimente’. Nun, es sind eben keine Experimente. Viel eher Rechnungen.)
§Ms-137
128b[4]520. Der Ausdruck des Aufleuchtens des Aspekts ist: “Jetzt ist es das – jetzt ist es das. Der Ausdruck des Bemerkens des H.-Kopfes in dem Gewirr von Strichen ist: “Es ist hier ein H-Kopf.” Wir hatten etwas nicht bemerkt & bemerken es jetzt; daran ist nichts Paradoxes. Wir wollen nicht sagen: das Alte sei verschwunden, – es sei etwas Neues da; & doch ganz das Alte.
§Ms-137
128b[5]521. “Jetzt ist es das” sagt man nicht vor dem ersten Wechsel des Aspekts.
§Ms-137
128b[6]522. ---
18.12.1948 Die zaghafte Behauptung ist nicht eine Behauptung der Zaghaftigkeit.
§Ms-137
128b[7]523. Denk an den zaghaften Befehl.
§Ms-137
128b[8]524. Und man muß sich davor hüten zu sagen: “Es dürfte regnen” heiße eigentlich “Ich glaube, es wird regnen”. Warum dann nicht umgekehrt?
§Ms-137
128b[9] &129a[1]
525. Die Aristotelische Logik tabuliert den Widerspruch als einen Unsatz, der aus der Sprache auszuschließen ist. Diese Logik aber behandelt nur ein ganz kleines Gebiet der Logik unsrer Sprache. (Es ist, als wäre das erste System der Geometrie eine Trigonometrie gewesen; & als glaubten wir nun, die Trigonometrie sei der eigentliche Grundstock, wenn nicht vielleicht sogar die ganze Geometrie.)
§Ms-137
129a[2]526. Betrachte nicht die zaghafte Behauptung als Behauptung der Zaghaftigkeit.
---
§Ms-137
129a[3]527. “Ich bemerke die Ähnlichkeit der Beiden vielleicht fünf Minuten lang.” – Das hieße: sie fiel mir fünf Minuten lang auf, sie beschäftigten mich 5 Minuten lang, ich mußte während dieser Zeit immer wieder an sie denken. “Sie fiel mir nur für fünf Minuten auf, dann nicht mehr.” “Die Ähnlichkeit verblüffte mich fünf Minuten lang. Ich mußte immer wieder ausrufen …” Das heißt nicht: ich beobachtete sie 5 Minuten lang, dann verschwand sie. “The similarity struck me for 5 minutes” “Die Ähnlichkeit verblüffte mich 5 Minuten lang. Danach bemerkte ich sie nicht mehr.
§Ms-137
129a[4]528. Ich beobachtete diese Ähnlichkeit für 5 Minuten” würde heißen: Ich beobachtete die sich ändernden Gesichter auf ihre Ähnlichkeit hin.
§Ms-137
129a[6] &129b[1]
529. Die Organisation des Gesichtsbildes: das gehört zusammen, das nicht. Organisiert wird also durch ein Zusammennehmen & ein Trennen. Nun, beim Zeichnen kann man das z.B. tun.
§Ms-137
129b[2]530. Es gibt sehr verschiedene Arten der ‘Aspekte’. Eine Art könnte man “Aspekte der Organisation nennen.
§Ms-137
129b[3]531. Die Linien hängen anders zusammen. Was früher zusammengehörte, gehört jetzt nicht zusammen.
§Ms-137
129b[4]532. ---
20.12.1948 Ich konnte also den H.E.-K. von vornherein als Bild-H. sehen. D.h. gefragt: “Was ist das?” oder “Was siehst Du da?” hätte ich geantwortet “Einen Bild-H.”. Hätte man mich weiter gefragt, was ein Bild-H. sei, so hätte ich zur Erklärung auf verschiedene Hasenbilder, auch auf wirkliche Hasen zeigen müssen, hätte von dem Leben dieser Tiere reden & sie nachmachen können.
§Ms-137
129b[5]533. Ich hätte nicht gesagt “Ich sehe das als Bild-H.” oder “Ich sehe das jetzt als Bild-H.” Ich hätte einfach die Wahrnehmung beschrieben; nicht anders als hätte ich gesagt “Ich sehe dort einen roten Kreis”. Dennoch hätte ein Andrer von mir sagen können “Er sieht diese Figur als H..”
§Ms-137
129b[6]534. 21.12.1948
Zu sagen “Ich sehe das jetzt als …” hätte für mich sowenig Sinn gehabt als wie beim Anblick einer Flasche Wein zu sagen “Ich sehe das jetzt als Flasche”. Man würde diese Äußerung nicht verstehen. “Ebensowenig wie die Äußerung aus heiler Haut “Das ist jetzt für mich eine Flasche” oder auch diese “Das kann auch eine Flasche sein.”
§Ms-137
129b[7]535. Man könnte auch normalerweise nicht sagen “Ich halte das für Messer & Gabel”.
§Ms-137
130a[2]536. Man hält auch nicht, was man bei Tisch als Messer & Gabel erkennt, für Messer & Gabel; sowenig wie man beim Essen für gewöhnlich zu essen versucht, oder zu essen trachtet.
§Ms-137
130b[3]537. 23.12.1948
Denkt der Hund an den Hasen, den er plötzlich gewahr wird?
§Ms-137
130b[4]538. Wenn nun ein Mensch spazieren geht, & es läuft ihm plötzlich ein Tier über den Weg: ich sehe ihn überrascht schauen – was weiß ich von seinem Erlebnis? Gefragt, könnte er sagen “Es hat mich plötzlich etwas erschreckt; ich weiß nicht was.” Oder auch: “Ich sah plötzlich etwas vorbeihuschen – das war alles.” Oder: “Es wäre ein Hase!”
§Ms-137
130b[5]539. Denk Dir, er hätte nie ein Tier gesehen: Wäre sein Seherlebnis dann anders, als das eines, dem die Tiergestalt des Vorbeihuschenden vertraut ist? (Ich möchte gerne die Frage bejahen, weiß aber nicht warum.)
§Ms-137
130b[6] &131a[1]
540. Man kann die Frage auch anders stellen: Jemand sieht plötzlich einen Gegenstand vor sich, den er nicht er kennt; (es mag ein ihm wohlvertrauter Gegenstand sein, aber in ungewöhnlicher Lage, oder Beleuchtung); das nicht-Erkennen dauert vielleicht nur sekundenlang. Ist es richtig: er habe ein anders Seherlebnis, als der dem der Gegenstand gleich bekannt ist?
§Ms-137
131a[2]541. Können wir uns denn nicht vorstellen, daß Einer die vor ihm auftauchende, gänzlich unbekannte Form ebenso genau beschreiben kann, wie ich, dem sie vertraut ist? Und ist das nicht die Antwort? Freilich, im allgemeinen wird es so nicht sein. Auch wird seine Beschreibung ganz anders ausschauen. Ich werde z.B. sagen “Das Tier hatte lange Ohren” – er: “Es waren da zwei lange blattförmige Fortsätze.)
§Ms-137
131a[3]542. Man muß sich hüten, hier in den hergebrachten psychologischen Kategorien zu denken. Etwa das Erlebnis einfach in ein Sehen & ein Denken zu zerlegen; oder dergl..
§Ms-137
131a[4]543. Man will fragen “Ist Erkennen ein Teil des Sehens?” & die Frage ist falsch gestellt. Was sind die Zeichen des Erkennens –? was sind die Zeichen des Sehens. Wer den Freund plötzlich in der Menge sieht & seinen Namen ausruft, wovon gibt der ein Zeichen?
§Ms-137
131a[5]544. Oder ich sehe Einen, den ich jahrelang nicht gesehen habe, ich sehe ihn deutlich, erkenne ihn aber nicht. Plötzlich erkenne ich ihn, sehe in seinem veränderten Gesicht sein altes. Ich glaube, ich könnte ihn jetzt anders portraitieren.
§Ms-137
131b[1]545. Es ist klar, es ist hier eine Verwandtschaft der Begriffe.
§Ms-137
131b[2]546. Ist es nicht möglich, daß Einer ein ihm fremdes Gesicht genauer beschreiben kann, als ich ein mir alt bekanntes?
§Ms-137
131b[3]547. (Und hier muß man zwischen dem Erlebnis des Wiedererkennens unterscheiden & dem Erkennen, welches einfach ein Mir-Vertrautsein ist.)
§Ms-137
131b[4]548. Versuche nicht, in Dir selbst das Erlebnis zu analysieren!
§Ms-137
131b[5]549. 24.12.1948
Ich schaue auf ein Tier im Käfig. Man fragt mich: “Was siehst Du?” Ich antworte: “Einen Hasen.” – Ich sehe in die Landschaft; plötzlich läuft ein Hase vorbei. Ich rufe aus: “Ein Hase!” Beides, die Meldung & den Ausruf, kann man den Ausdruck der Wahrnehmung & des Seherlebnisses nennen. Aber der Ausruf ist es in anderm Sinn, als die Meldung; er entringt sich uns. Er verhält sich zum Erlebnis ähnlich, wie der Schrei zum Schmerz.
§Ms-137
131b[6]550. Aber ist es nicht einfach so: Der Ausruf, d.h. der besondere Ton der Worte ist einfach ein Ausdruck der Überraschung. Die Worte selbst sind, ganz wie die der Meldung, der Ausdruck der visuellen Wahrnehmung, etc. Die Überraschung hätte sich auch in einem unartikulierten Laut ausdrücken können; gefragt “Warum bist Du erschrocken?”, sage ich dann: “Ein Hase ist über den Weg gelaufen.”
§Ms-137
132a[1]552. Ein anderer Ausruf wäre gewesen: “Was war das?!” Aber ist es auch das gleiche Erlebnis, dessen Ausdruck der unartikulierte Laut, dessen Ausdruck der Ausruf “Ein Hase!”, war? Wie soll ich's beurteilen? (Ich meinte nicht das gleiche.)
§Ms-137
132a[2]553. Aber da er (der Anruf) die Beschreibung einer Wahrnehmung ist, kann man ihn auch den Ausdruck eines Gedankens nennen. Und man kann also sagen: wer den Gegenstand anschaut & sieht, muß nicht an ihn denken; wer aber das Seherlebnis hat, dessen Ausdruck jener Ausruf ist, der denkt auch an das, was er sieht.
§Ms-137
132a[3]554. Und darum scheint das Erlebnis des Aspektwechsels halb Seh-, halb Gedankenerlebnis.
§Ms-137
132a[4]555. Beim Sehen des Aspektwechsels muß ich mich mit dem Objekt beschäftigen
§Ms-137
132a[5]556. Mit dem; was ich jetzt bemerke, was mir auffällt, beschäftige ich mich. Insofern ist das Erleben des Aspektwechsels auch gleich einem Tun.
§Ms-137
132a[6]557. Drückt der Ausruf “Was war das?” ein besondres Seherlebnis aus?
§Ms-137
132a[7]558. Könnte man nicht sagen: Ja & Nein?
§Ms-137
132a[8]559. “Ich sah nur einen Schatten vorbeihuschen.” Ist das nicht der Ausdruck des Seherlebnisses?
§Ms-137
132a[9]560. Ich sehe eine ‘fragwürdige’ Gestalt.
§Ms-137
132a[10]561. Aber kannst Du wirklich sagen, daß die Fragwürdigkeit & die Gestalt gesehen wird?
§Ms-137
132b[1]562. Frage: Was spricht dafür? Nun, daß die Beschreibung die ich von der Erscheinung gebe auch durch die Fragwürdigkeit gemodelt wird.
§Ms-137
132b[2]563. Was ist das Kriterium des Seherlebnisses? Was soll das Kriterium sein? Die Darstellung dessen, ‘was gesehen wird’.
---
§Ms-137
132b[3]564. Kann ich nun beim Aufleuchten des Aspekts ein Seherlebnis von einem Denkerlebnis trennen? – Wenn Du es trennst, dann scheint das Aufleuchten des Aspekts verloren zu gehen.
§Ms-137
132b[4]565. Ich glaube man könnte es auch so sagen: Das Wesentliche des Aspektwechsels ist ein Staunen. Und Staunen ist Denken.
§Ms-137
132b[5]566. Aber ist denn das nicht nur meine Auffassung des Aspektwechsels?
§Ms-137
132b[6]567. Was leuchtet denn auf? Der Aspekt des H., z.B.. Und darin, daß man es nur so ausdrücken konnte, lag der Gedanke.
§Ms-137
132b[7]568. Etwas Vorbeifliegendes könnte mich überraschen, sozusagen körperlich überraschen, & ich doch nicht daran denken. D.h., ich könnte z.B. in einem Gedankengang fortfahren, obgleich ich zusammenzuckte.
§Ms-137
132b[8] &133a[1]
569. Denke nun aber an die Aspekte der rotierenden Trommel. Wenn sie wechseln ist es, als ob die Bewegung gewechselt hätte. Man weiß hier nicht & notwendigerweise ob die Bewegungsweise oder der Aspekt sich geändert hat. Hier haben wir also auch nicht im gleichen Sinne das Erlebnis des Aspektwechsels.
§Ms-137
133a[2]570. Denk Dir, zwei Lichter, blau & rot, wechseln vor meinen Augen ab. Es ist meine Aufgabe beim Aufleuchten des blauen auf einen Knopf zu drücken, bei Aufleuchten des andern, auf einen andern Knopf. Das könnte Einer doch gewiß ganz mechanisch tun. – Und nun denk Dir dies Spiel gespielt mit den beiden Aspekten des Schwarz-weiß-Kreuzes. Ist es denn unmöglich, daß es da ein ebenso mechanisches, gedankenloses, Reagieren gibt?
§Ms-137
133a[3]571. Wenn ich nun diesen Menschen in der Menge erkenne, nachdem ich vielleicht schon längere Zeit in seiner Richtung geschaut habe, – ist es ein Sehen? ein Denken? Der Ausdruck des Erlebnisses ist “Schau, da ist die ‥‥! – aber es könnte natürlich auch eine Skizze sein. Auch in der Skizze & im Skizzieren mag es sich ausdrücken, daß ich diesen Menschen erkenne. (Aber das plötzliche Erkennen drückt sich darin nicht aus.)
§Ms-137
133b[3]Derselbe Ausdruck, der früher Meldung des Geschehenen war, ist jetzt Ausruf des Erkennens.
§Ms-137
133a[4] &133b[1]
572. Nimm an, das Kind erkennt plötzlich einen Menschen. Es sei das erste Mal, daß es jemand plötzlich erkennt. – Es ist als wären ihm plötzlich die Augen aufgegangen. [] Man kann z.B. fragen: Wenn es den N.N. plötzlich erkennt, – könnte es dasselbe Seherlebnis haben, aber ohne ihn zu erkennen? Es könnte ihn doch z.B. falsch wiedererkennen.
§Ms-137
133b[2]573. Denk Einer fragte: “Tu ich denn das mit den Augen?”
§Ms-137
133b[4]574. Es läuft ein Hase über den Weg. Einer kennt ihn nicht & sagt: “Etwas Seltsames ist vorbeigesaust” & beschreibt nun die Erscheinung. Ein Andrer ruft “Ein Hase!” & kann ihn nicht so genau beschreiben. Und warum will ich nun dennoch sagen, daß der, der ihn erkennt ihn anders sieht, als der ihn nicht erkennt?
§Ms-137
133b[5]575. Sieht Einer ein Lächeln, das er nicht als Lächeln erkennt, nicht so versteht, anders, als der es versteht? Er macht es z.B. anders nach.
(Verstehen der Kirchentonarten.)
§Ms-137
133b[6]576. Was ist dafür zu sagen daß er es anders sieht?
§Ms-137
133b[7]577. “Wenn man weiß, was es ist, schaut's anders aus.” – Wieso?
§Ms-137
133b[8]578. Wie wäre es wenn Einer das Vorüberhuschende zwar nicht kennt, sich aber gleich darin auskennt? Sieht er's dann wie der, der es kennt?
§Ms-137
133b[9]579. Es ist eine Frage der Begriffsbestimmung.
§Ms-137
133b[10]580. Ich erwähne diese Arten der Aspekte, um zu zeigen, mit welcher Art der Vielheit man es hier zu tun hat.
§Ms-137
133b[11] &134a[1]
581. Es gibt hier eine große Menge mit einander verwandter Erscheinungen & möglicher Begriffe.
§Ms-137
134a[2]582. Manchmal ist im Aspekt das Begriffliche vorherrschend. D.h.: Manchmal ist der Ausdruck des Aspekterlebnisses nur durch eine begriffliche Erklärung möglich. Und diese | kann wieder sehr verschiedener Art sein.
§Ms-137
134a[3]583. 25.12.1948
Die verschiedenen Arten der Aspekte.
§Ms-137
134a[4]584. Das Hören einer Melodie & die Bewegungen, mit denen man sie in einer bestimmten Weise auffaßt, oder hört.
§Ms-137
134a[5]585. Warum scheint hier Tun & Erleben so schwer zu trennen?
§Ms-137
134a[6]586. Es ist, als ob Tun & Eindruck nicht nebeneinander hergingen, sondern das Tun den Eindruck formte.
§Ms-137
134a[7]587. Ich höre es anders, ich kann es jetzt anders spielen. Also anders wiedergeben.
§Ms-137
134a[8]588. Es gibt viele Arten des Aspekterlebnisses. Es ist ihnen gemeinsam der Ausdruck: “Ich sehe es jetzt als das”; oder “Ich sehe es jetzt so”; oder “Jetzt ist es das, – jetzt das”: oder “Ich höre es jetzt als das; “Ich höre es jetzt als …”. Die Erklärung Erläuterung aber dieser “das” & “so” ist in verschiedenen Fällen die denkbarst verschiedene.
§Ms-137
134a[9] &134b[1]
589. Wie wäre es aber wenn ich im Freien plötzlich einen Löwen gewahr würde? Ich nehme an, ich sehe nur ein Stück seines Kopfes, erkenne es aber sogleich & schreie “Ein Löwe!”. Das Stärkste in mir ist die Furcht. – Und nun frage ich wieder: Wie war es mit dem Gesichtseindruck? War er von andrer Art als der, den ich im zoologischen Garten empfange? (Abgesehen davon, daß dieser viel vollständiger ist. –)
§Ms-137
134b[2]590. (Ich kann mich noch nicht über die Masse der Erscheinungen erheben.)
§Ms-137
134b[3]591. Es ist hier schwierig zu sehen, daß es sich um Begriffsbestimmungen handelt. Dir Begriff drängt sich auf. (Das darfst Du nicht vergessen.)
§Ms-137
134b[5]592. 26.12.1948
Der Gesichtseindruck scheint sich zu dieser Form zu organisieren.
§Ms-137
134b[6]593. Das heißt doch eigentlich: er änderte sich, & er änderte sich nicht.
§Ms-137
134b[8]594. Als ich ihn plötzlich erkannte, schien aus meinen Gesichtseindruck plötzlich das zu werden.
§Ms-137
134b[9]595. War es ein Verstehen? war es ein Sehen?
§Ms-137
134b[10]596. Was, wenn überhaupt etwas, rechtfertigt mich, von einem Sehen hier zu reden?
§Ms-137
134b[11] &135a[1]
597. Denk, Einer erzählte mir: “Es war als ob sich mein Gesichtseindruck zu diesem Gesicht & seiner Umgebung plötzlich organisierte.” Ich würde ihn verstehen. Ich würde begreifen, warum er sich so ausdrückt. D.h., ich wäre auch geneigt, das Bild zu brauchen.
§Ms-137
135a[2]598. Diese Figur
ist die Umkehrung von
& diese:
[muß in Spiegelschrift geschrieben werden] die Umkehrung von
dieser:
.
Man ist geneigt zu sagen daß man das verkehrte Wort anders sieht als das aufrechte. Dieses ist leicht zu kopieren, jenes schwer.
§Ms-137
135a[3]599. Die Figur a) 🖵 ist die Umkehrung der Figur b) 🖵, wie die Figur c 🖵 von d)🖵. Aber zwischen meinem Eindruck von c & d besteht noch ein anderer Unterschied– möchte ich sagen – als zwischen a & b, (d sieht z.B. ordentlich aus, c unordentlich. Vergl. Lewis Carroll ‘Looking glass’) d ist leicht zu kopieren, c schwer.
§Ms-137
135a[5]600. Was früher im Gesichtseindruck auseinanderfiel, gehört jetzt zusammen.
§Ms-137
135b[2]601. 29.12.1948
Wie wäre diese Erklärung: “Ich kann etwas als das sehen, wovon es ein Bild sein kann”? – Aber ist das eine Erklärung, oder ein Pleonasmus? –
§Ms-137
135b[3]602. Es heißt doch: Die Aspekte im Aspektwechsel sind die, die die Figur unter Umständen statisch in einem Bild haben könnte.
§Ms-137
135b[4]603. Ein Dreieck kann ja wirklich in einem Bild stehen, in einem andern hängen, in einem dritten etwas Umgefallenes darstellen. – So zwar, daß ich, der Betrachter, nicht sage “Das kann auch etwas Umgefallenes darstellen”, sondern “Dieser Krug ist umgefallen & liegt in Scherben” … So reagieren wir auf das Bild.
§Ms-137
135b[5]604. Könnte ich sagen, wie ein Bild beschaffen sein muß, damit man so darauf reagiert? Nein. Es gibt z.B. Malweisen, die mir nichts auf diese direkte Weise mitteilen, aber doch einem Andern. Ich glaube, daß Gewohnheit & Erziehung etwas damit zu tun haben.
§Ms-137
135b[6]605. 30.12.1948
Betrachte nun als Beispiel die Aspekte des Dreiecks. Das Dreieck
kann gesehen werden als dreieckiges Loch, als Körper, als geometrische Zeichnung; auf seiner Basis stehend, von seiner Spitze hängend; als Berg, als Keil, als Pfeil oder Zeiger; als ein umgefallener Körper, der (z.B.) auf der kürzeren Kathete stehen sollte, als ein halbes Parallelogramm, und anderes.
---
§Ms-137
135b[7] &136a[1]
606. Was heißt es nun, daß ich auf dem Bild die Kugel schweben sehe? Liegt es schon darin, daß ich das Bild so beschreibe? Daß mir diese Beschreibung die nächstliegende, natürlichste ist? Nein; das könnte sie aus verschiedenen Gründen sein. Sie könnte z.B. einfach die herkömmliche sein.
§Ms-137
136a[2]607. Was aber ist der Ausdruck dafür, daß ich das Bild nicht nur ‘z.B.’ so verstehe (weiß was es darstellen soll), sondern so sehe? Ein solcher Ausdruck ist: “Die Kugel scheint zu schweben”, “Man sieht sie schweben.”, oder auch in besonderem Tonfall “Sie schwebt!” Das ist also der Ausdruck des Dafürhaltens. Aber nicht als solcher verwendet.
§Ms-137
136a[3]608. Wir fragen uns hier nicht, was die Ursachen sind & was in einem besondern Fall diesen Eindruck hervorruft.
§Ms-137
136a[4]609. Und ist es ein andrer Eindruck? – “Ich sehe doch etwas anderes, wenn ich die Kugel schweben, als wenn ich sie bloß daliegen sehe.” – Das heißt eigentlich: Dieser Ausdruck ist gerechtfertigt! (Denn wörtlich genommen ist es ja nur eine Wiederholung.)
§Ms-137
136a[5]610. (Und doch sehe ist mein Eindruck auch nicht der einer wirklichen schwebenden Kugel. Vergleiche verschiedene Arten des ‘räumlichen’ Sehens; Räumlichkeit der gewöhnlichen Photographie & dessen, was man durchs Stereoskop sieht.)
§Ms-137
136a[6] &136b[1]
611. “Und ist es wirklich ein anderer Eindruck?” Um es zu beantworten, möchte ich mich fragen, ob wirklich etwas anderes in mir existiert. Aber wie kann ich mich davon überzeugen – Ich beschreibe, was ich sehe, anders.
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§Ms-137
136b[2]612. Den Wechsel des Aspekts können wir hervorrufen, & er kann auch gegen unsern Willen eintreten. Er kann unserm Willen folgen wie unser Blick.
§Ms-137
136b[4]613. Wenn man bei nachts im Omnibus fährt & er eine Kurve macht & man schaut dabei die Vorderwand des Omnibusses an (die sich relativ zum Fahrgast nicht bewegt), so glaubt man, man sehe sie die Biegung machen. Man spürt natürlich, daß das Gefährt die Bewegung macht & möglicherweise sieht man auch irgend ein Anzeichen davon an der äußern Dunkelheit, die man noch aus dem Augenwinkel sieht, wenn auch unbewußt. Aber man meint, die Vorderwand die Kurve beschreiben zu sehen & zugleich natürlich sich nicht gegen uns zu verändern.
§Ms-137
136b[5] &137a[1]
614. 01.01.1949
(Rhees) Wenn jemand seine gegenwärtige Stimmung beschreibt, z.B. sagt, sie gleiche einer grauen Wolke, – beobachtet er sie nicht, auch wenn sie vielleicht durch dies Beobachten modifiziert wird? & gilt für diese Beschreibung, was ich von ‘Beschreibungen’ allgemein sagte?
§Ms-137
137a[2]615. Schaue ich nicht in mich & sage: “Was ist nur das richtige Wort für dies Gefühl, diese Stimmung? – Und ist es klar daß sie durch mein Schauen nicht z.B. verstärkt wird? Kann ich nicht in einer Stimmung schwelgen? Und kann Selbstbeobachtung nicht zum Schwelgen gehören?
§Ms-137
137a[3]616. Ist dem ähnlich, daß ich einen Körperschmerz (auf welche Weise immer) in mir hervorrufe & dann seinen Charakter genau zu beschreiben trachte.
§Ms-137
137a[5]617. Denke, ich sage in so einem Fall: “Ja, dieser Schmerz ist wie eine lodernde Flamme”.
§Ms-137
137a[6] &137b[1]
618. In welcher Weise & in welchem Sinne beobachte ich den Schmerz? (Denn es scheint mir da keinen Unterschied zu machen, ob Einer seine Traurigkeit oder seinen eigenen Schmerz beobachtet.) Ich setze mich in den Stand, ihn zu fühlen. Aber welchen? den so gearteten, – oder den, der auf diese Weise hervorgerufen wird? Sage ich “Ich möchte wieder diesen selben lodernden Schmerz erzeugen, um zu, sehen, wie er ist? Wozu soll ich ihn beobachten, wenn ich ihn so identifizieren kann? Nun, man könnte sagen: “Wenn ich nur diesen selben Schmerz wieder & wieder fühle, werde ich endlich das rechte Wort oder gar das rechte farbige Bild (etwa das einer Flamme) für ihn finden.” Und nun kann ich den Fall vereinfachen. Er braucht ja den Schmerz nicht absichtlich hervorrufen; sondern es sei ein andauernder Schmerz (im Kopf, oder Magen) & er denkt über die richtige Beschreibung seines Gefühls nach.
§Ms-137
137b[2]619. Was ich sagen will, ist doch das, daß ich durch's Schauen nicht den Gesichtseindruck beobachte, sondern das Angeschaute.
§Ms-137
137b[3]620. Wenn ich also in irgend einem Sinn auf meinen Kummer schaue, so beobachte ich nicht den Eindruck den ich so erhalte.
§Ms-137
137b[4]621. Aber denk Dir, ich schaue starr auf einen Gegenstand & frage mich “Was für ein Rot sehe ich da?” Es interessiert mich dabei gar nicht die Farbe des Gegenstandes sondern ich suche (etwa) nur nach einem Namen für meinen gegenwärtigen Eindruck von ihm. Kann ich sagen: Über einen Eindruck nachdenken ist nicht ‘ihn beobachten’?
§Ms-137
137b[5] &138a[1]
622. 02.01.1949
Was teilt uns der mit, der sagt “Jetzt seh ich es als …? Das heißt: Welche Folgen hat diese Mitteilung, welche Art von Verwendung kann sie haben? Sie könnte verschiedenerlei Folgen haben. Wer z.B. den H.-E.-Kopf als H. sieht, wird nicht den Ausdruck des E.-Gesichts beschreiben können. Raumvorstellung in der Darstellenden Geometrie. Wer das Würfelschema eben sieht, wird verschiedene zeichnerische Operationen mit ihm nicht vornehmen können. [Stimmt nicht ganz.]
§Ms-137
138a[2]623. Verbindung mit dem Spiel “Das könnte ein ‥‥ sein”.
§Ms-137
138a[3]624. Was teilst Du mir mit den Worten ‥‥ mit? Was kann ich mit dieser Äußerung anfangen? Welche Folgen hat sie?
§Ms-137
138a[4]625. Gewisse Zeichnungen sieht man immer, flach als Figur in der Ebene, andere manchmal, oder auch immer räumlich.
§Ms-137
138a[5]626. Da möchte man nun sagen: Der Gesichtseindruck der räumlich gesehenen Zeichnungen ist räumlich; ist für's Würfelschema z.B. ein Würfel. (Denn die Beschreibung des Eindrucks ist die Beschreibung eines Würfels.)
§Ms-137
138a[6]627. “Ich sehe es jetzt immer als ‥‥” Ich habe auf dem Bild dies früher fälschlich als ‥‥ gesehen; jetzt aber nicht mehr. Ich sehe es jetzt immer, wie es gemeint ist. – Wie äußert sich das?
§Ms-137
138a[7]628. Und es ist dann merkwürdig, daß unser Eindruck für manche Zeichnung etwas Flaches, für manche etwas Räumliches ist. Man fragt sich: “Wo kann das enden?” [Das Bild eines Läufers]
§Ms-137
138a[8]629. 03.01.1949
“An was erinnert mich diese Farbe?” – Wer einen Gegenstand anschaut & sich das fragt, – beobachtet der den Gesichtseindruck? []
---
§Ms-137
138a[9]630. Was teilt mir Einer mit, der sagt “Ich sehe es jetzt als ‥‥”? Welche Folgen hat diese Mitteilung? Was kann ich mit ihr anfangen?
§Ms-137
138a[10] &138b[1]
631. Menschen assoziieren oft Farben mit Vokalen. Es könnte sein, daß für Manchen ein Vokal, wenn er öfters hintereinander ausgesprochen wird, seine Farbe wechselt. Der Vokal a wäre ‘jetzt blau – jetzt rot’. “Ich sehe es jetzt als ‥‥” könnte uns nicht mehr bedeuten, als “a ist rot” (gekuppelt mit physiologischen Beobachtungen könnte auch dieser Wechsel uns wichtig werden.)
§Ms-137
138b[2]632. Wenn ich mich nach der Verwendung, nach dem Interesse, jener Mitteilung fragte, fällt mir ein, wie oft es in ästhetischen Betrachtungen heißt “Du mußt es so sehen, so ist es gemeint”, “Wenn Du es so siehst, siehst Du, wo der Fehler liegt”, “Du mußt diese Takte als Einleitung hören”, “Du mußt nach dieser Tonart hinhören”, “Du mußt das Thema so phrasieren” (& das kann sich auf's Hören & auf's Spielen beziehen).
§Ms-137
138b[3]633. Die Figur
soll eine konvexe Stufe vorstellen, & zur Demonstration gewisser räumlicher Vorgänge verwendet werden. Ich ziehe dabei etwa die Linie a durch die Mittelpunkte
der beiden Flächen. – Wenn nun Einer die Figur nur auf Augenblicke räumlich sähe, & auch dann vielleicht manchmal als eine konkave Stufe, so könnte es ihm schwer werden, der Demonstration zu folgen. (Wie dem die Darstellende Geometrie schwer wird, der die Projektionen nicht räumlich zu sehen im Stande ist.) (Rolle der Anschauung in der Mathematik.) Und wenn für ihn der flache Aspekt mit einem räumlichen wechselt, so ist es nicht anders, als zeigte ich ihm während der Demonstration abwechselnd etwas Flaches & eines von zwei Modellen
§Ms-137
139a[1]634. Aber die Verwendungen in der Ästhetik & in der Darstellenden Geometrie sind doch grundverschieden. Ist es in der Ästhetik nicht wesentlich, daß das Bild, das Musikstück, etc., seinen Aspekt für mich wechseln kann? – denn für jene Darstellung räumlicher Vorgänge ist es das natürlich nicht.
§Ms-137
139a[2]635. “Wenn ich es so sehe, so paßt es, aber wenn ich es so sehe, dann nicht.”
§Ms-137
139a[3]636. Spiel: “Es kann auch ‥‥ sein”.
---
§Ms-137
139a[4]637. “Das ist doch kein Sehen!” – “Das ist doch ein Sehen!” – Beide müssen sich begrifflich rechtfertigen lassen.
§Ms-137
139a[5]638. Die Frage ist: Inwiefern ist es ein Sehen?
---
§Ms-137
139a[6]639. “Siehst Du dies Blatt immer grün, solange Du es räumlich anschaust & auf die Frage, welche Farbe es hat, ohne zu lügen “grün” antworten würdest?” Hat diese Frage einen klaren Sinn? Eine Antwort wäre vielleicht: “Nun, ich sage mir beim Ansehen des Blattes nicht die ganze Zeit ‘Ach, wie grün!’”.
§Ms-137
139a[7]640. 04.01.1949
Was ist der Ausdruck davon, daß ich dies Bild als Bild beschneiter Bäume sehe? daß ich nicht nur weiß, daß es solche vorstellt, daß ich es nicht wie eine Blaupause lese? – Ich behandle es anders. (Kind & Puppe)
§Ms-137
139a[8] &139b[1]
641. Wenn ich in einem Bild ein Tier von einem Pfeil durchbohrt sehe, weiß ich nur, daß die Pfeilspitze mit den Federn zusammenhängt, oder sehe ich's? – Ich verhalte mich zu diesen Stücken, wie zu einem Pfeil, d.h.: ich sage nicht nur, als wär's die Zeichnung einer Maschine, die ich entziffere, “Diese beiden Stücke gehören zusammen, es geht hier ein Stab durch”; sondern gefragt “Was sahst Du auf dem Bild antworte ich gleich: “Ein Tier von einem Pfeil durchbohrt.”
§Ms-137
139b[2]642. “Die Erscheinung nimmt einen zuerst Wunder, aber es wird gewiß eine physiologische Erklärung dafür gefunden werden.” – Unser Problem ist kein kausales sondern ein Begriffliches.
§Ms-137
139b[3]Die Frage ist: Inwiefern ist es ein Sehen?
§Ms-137
139b[4]643. Ich sehe oft eine Kontur weitergehen, wenn sie in der Zeichnung unterbrochen ist.
§Ms-137
139b[5]644. Ich sehe, daß auf dem Bild der Pfeil das Tier durchdringt. Er hat es in den Hals getroffen & ragt noch beim Genick heraus. Denk Dir das Bild als Silhouette. – Siehst Du den Pfeil, – weißt Du nur, daß diese beiden Stücke Teile eines Pfeils darstellen (sollen)?
§Ms-137
139b[6]645. Vergleiche Köhlers Figur der einander durchdringenden Sechsecke.
§Ms-137
139b[7]646. Das ist doch ein Sehen! Inwiefern ist es ein Sehen?
§Ms-137
139b[8]647. Die Beschreibung, die ich von der Figur geben würde, wenn ich naiv an sie herantrete, ist unzweifelhaft die. Würde mir das Bild für kurze Zeit gezeigt & ich sollte es beschreiben, wäre das die Beschreibung, sollte ich's danach zeichnen, so würde ich gewiß zwei gleiche einander durchdringende Sechsecke zeichnen & in dieser Beziehung würde ich in der Kopie nicht irregehen, wenn auch sonst manches an ihr falsch sein könnte.
§Ms-137
140a[1]648. Ist es ein Wissen oder ein Sehen? – Wie wär's, wenn es bloß ein Wissen wäre? In welcher Fällen würde ich sagen, es sei bloß ein Wissen? Wenn ich eine Blaupause lese, etwa.
§Ms-137
140a[2]649. Was heißt es, wenn ich, eine Zeichnung in der Darstellenden Geometrie betrachtend, sage: “Ich weiß, daß es hier weitergeht, ader ich kann es nicht so sehen”? Heißt es einfach, daß mir die Geläufigkeit des ‘Auskennens’ fehlt? Nun, diese Geläufigkeit ist gewiß eines unsrer Kriterien. Das Kriterium ist eine gewisse Art des sich Auskennens. (Gewisse Gesten z.B., die die räumlichen Verhältnisse andeuten. Feine Abschattungen des Verhaltens.)
§Ms-137
140a[3]650. Du mußt an die Rolle denken, welche Bilder (im Gegensatz zu Werkzeichnungen) in unserm Leben spielen. Und diese Rolle ist durchaus nicht etwas gleichförmiges.
§Ms-137
140a[4]651. Von dem der die Zeichnung als … sieht werde ich mir andres erwarten als von dem, der nur weiß, was sie darstellen soll.
§Ms-137
140a[5]652. [Bemerkung über die dritte Person.]
§Ms-137
140a[6]653. Man hängt sich manchmal Sprüche an die Wand. Aber nicht Lehrsätze der Geometrie. Unser Verhältnis zu diesen beiden.
§Ms-137
140a[7]654. “Wenn ich es so sehe, so paßt es zu dem Übrigen.” Dies ist ein ganz bestimmtes Sprachspiel mit dem Ausdruck “etwas so sehen”. Und das Kriterium des ‘so sehen’ ist hier ein andres als im Fall der Darstellenden Geometrie.
§Ms-137
140b[3]655. Was ist das Kriterium dafür, daß er es so sieht, wenn er etwa sagt “Wenn ich es so sehe, dann paßt es zu diesem”? – Daß er z.B. gewisse Änderungen an dem Bild, Gebäude, etc., machen oder vorschlagen kann, die eine gewisse Wirkung auf den Beschauer haben.
§Ms-137
140b[4]656. 05.01.1949
---
Wie, wenn Einer sagte: Die Traumerzählung ist eine seltsame Gedächtnisstörung; sie nimmt eine Menge von Erinnerungen vom Vortag, aus früheren Tagen, ja aus der Kindheit zusammen & macht daraus eine Erinnerung an ein Ereignis während der Zeit des Schlafs. Wir alle kennen ja Fälle in denen wir die Erinnerungen mehrerer Tage zu einer vermischen.
---
§Ms-137
140b[5]657. Wann würde ich's denn ein bloßes Wissen nennen? – Wenn Einer das Bild wie eine Werkzeichnung behandelte. Das, was es darstellt aus ihm herausläse. (Feine Abschattungen des Benehmens.)
§Ms-137
140b[6]658. 06.01.1949
Ich erkenne die 6-Ecke gleich als solche. Nun schau ich sie an & frage mich: “Seh ich sie wirklich als Sechsecke?” – & zwar: die ganze Zeit, während welcher ich sie sehe? – Und ich möchte antworten: Ich denke nicht die ganze Zeit an sie als Sechsecke.
§Ms-137
141a[1]659. Das erste, was an diesem Bild in die Augen springt, ist: es sind Sechsecke.
§Ms-137
141a[2]660. Einer sagt mir: “Ich habe es sofort als zwei Sechsecke gesehen. Ja, das war alles, was ich daran gesehen habe.” Aber wie versteh ich das? Ich denke, er hätte auf die Frage “Was siehst Du?” gleich geantwortet “Zwei Sechsecke”. Er hätte diese Antwort auch nicht als eine von vielen möglichen behandelt. Sie ist darin gleich der Antwort “Ein Tier” – wenn ich ihm das Bild eines solchen gezeigt hätte; oder “Ein Gesicht” – wenn ich ihm die Figur
gezeigt hätte.
§Ms-137
141a[3]661. Ich erkenne es sofort als Gesicht, bin bereit, es als das zu behandeln.
§Ms-137
141a[5]662. Es hätte ja auch sein können, daß ich das Bild zuerst als etwas andres sah, & mir dann sagte “Ach, es sind 2 Sechsecke!” Aber dies geschah nicht. Der Aspekt hätte sich also geändert. Und beweist das nun, daß ich's tatsächlich in einem besondern Aspekt sah? (Nun, wie Du willst!)
§Ms-137
141a[6]663. “Ist es ein echtes Seherlebnis?” Die Frage ist: In wiefern ist es eins?
§Ms-137
141a[7]664. [Es ist schwer zu sehen ‥‥․] [Das Auge “Sieh wie es schaut!”]
§Ms-137
141b[1]665. “Es ist für mich ein Tier, vom Pfeil durchbohrt” Ich behandle es als das, dies ist meine Einstellung zur Figur. Das ist eine Bedeutung davon: es ein Sehen zu nennen.
§Ms-137
141b[2]666. Kann ich aber auch im gleichen Sinne sagen: “Dies sind für mich zwei Sechsecke”? Nicht im gleichen Sinne, aber in einem ähnlichen. –
§Ms-137
141b[3]667. So seh ich es, in diesem Sinne, also nur so lange so, als ich diese Einstellung dazu habe? Man könnte es sagen.
§Ms-137
141b[4]668. “Dieser Zug des Bildes fiel mir in die Augen.”
§Ms-137
141b[5]669. Die beste Beschreibung die ich von dem geben kann, was mir auf einen Augenblick gezeigt wurde ist das: ‥‥‥ “Der Eindruck war der von einem stehenden Tier” Es kam also eine ganz bestimmte Beschreibung. – War das das Sehen, oder war es ein Gedanke? Wie soll ich's entscheiden?
§Ms-137
141b[6]670. Aber sehe ich also das Bild nur so lange in diesem Aspekt, als ich diese Einstellung dazu habe? – Man kann es sagen.
§Ms-137
141b[7]671. Könnte man aber nicht auch sagen: “Ich sehe es immer als das, wenn ich's nie als etwas anderes sehe”?
§Ms-137
141b[8] &142a[1]
672. [] “Er sieht es räumlich & kennt sich daher so gut in der Zeichnung aus, als operierte er in dem räumlichen Modell.” Aber ist nicht eben sein besonderes Manipulieren in der Zeichnung das Kriterium dafür, daß er's räumlich sieht? (Denn was weiß ich sonst von seinem Eindruck?)
---
§Ms-137
142a[2]673. Ich sehe es doch nicht nur als ein Tier, während ich dies sage. Ein Körper hat auch sein Gewicht nicht nur während er gewogen wird. (Begriffsbestimmung)
§Ms-137
142a[3]674. Es ist für mich ein Löwe. Wie lange ist es für mich ein Löwe?
§Ms-137
142a[4]675. Aber halt! Sage ich denn wirklich je von dem gewöhnlichen Bild (eines Löwen), ich sehe es als Löwen? Ich habe das doch noch nie gehört. [→ ]
§Ms-137
142a[5]676. Und doch habe ich hier über so ein Sehen geredet!
§Ms-137
142a[6]677. 07.01.1949
Ich könnte von einem Bild von Picasso sagen, ich sehe es nicht als Menschen. Oder von manchem: Ich hätte es lange nicht als das, was es darstellt, sehen können, tue es aber jetzt. Das ist doch ähnlich dem: ich war lange nicht im Stande dies als Einheit zu hören, jetzt aber hör ich's so. Früher schien es mir wie lauter kurze Stücke, die immer wieder abreißen, – jetzt hör ich's als Organismus. (Bruckner.)
§Ms-137
142a[7]678. Würdest Du's verstehen, wenn ich sagte “Wir betrachten die Photographie, das Bild an unsrer Wand, als die Menschen & andere Dinge, als diejenigen Dinge, welche auf ihnen dargestellt sind”?
§Ms-137
142a[8] &142b[1]
679. Dies müßte nicht sein. Wir könnten uns leicht Menschen vorstellen die zu den Bildern nicht dieses Verhältnis hätten. (Menschen z.B. die unsre Photographien abstießen, weil ein Gesicht ohne Farbe unheimlich & häßlich sei.)
§Ms-137
142b[2]680. Von dem konventionellen Bild eines Menschen sagen wir nicht “Ich sehe das als einen Menschen” “Ich sehe es als ein ‥‥” geht zusammen mit ‥‥‥ [→ ] (“Geht zusammen” im Sprachspiel.)
§Ms-137
142b[3]681. Wenn ich nun sage “Wir betrachten ein Portrait als Menschen”, – wann & wie lange tun wir dies? Immer, wenn wir es überhaupt sehen (& es nicht etwa als etwas andres sehen)? Ich könnte dies bejahen, & dadurch würde ich den Begriff des Betrachtens bestimmen. – Die Frage ist, ob ein anderer Begriff außer diesem für mich wichtig wird: ein Begriff des so-Sehens, das nur statt hat, während ich mich mit dem Bild als ‥‥ beschäftige.
§Ms-137
142b[4]682. Der Begriff des Bemerkens. Ich kann sagen ich bemerke manchmal die Ähnlichkeit dieses Bilds mit ‥‥, & dergleichen; aber ich sage nicht ich bemerke manchmal daß diese Photographie ein Gesicht ist. Ich könnte sagen: Ein Bild lebt nicht immer für mich, während ich es sehe.
§Ms-137
142b[5]683. Aber die Frage ist nun: Ist dies “Leben” ein “Sehen” oder: mit welchem Recht könnte ich es ein “Sehen” nennen? Was hat dieser Begriff mit einem Sehbegriff gemeinsam?
§Ms-137
142b[6]684. Nun sagen wir aber nicht, wir ‘sähen’ das konventionelle Bild, eines Löwen z.B., als Löwen:
§Ms-137
142b[7] &143a[1] &
143a[2] &
143a[3]
685. “Ihr Bild lächelt mich von der Wand an.” Das muß es nicht immer tun, wenn ich es sehe. Und dieser Ausdruck ist doch eine Rechtfertigung des Ausdrucks, ich sehe es dann anders.
Ich strebe mit allen diesen Beispielen nicht irgend eine Vollständigkeit an. Kein Register aller psychologischen Begriffe. Ich will nur meinen Leser in den Stand setzen sich in begrifflichen Unklarheiten zu helfen.
§Ms-137
143a[7]687. Das Kind sagt “Jetzt ist es ein Haus.” – das kann auch in dem Spiel, in dem die Kiste ein Haus ist, in mancherlei Art & in mancherlei Situationen gesagt werden. Jemand kommt in's Zimmer während das Spiel im Gang ist; es wird ihm mitgeteilt “Jetzt ist es ein Haus”. Dies heißt nicht: “Jetzt wurde es für mich ein Haus”, nicht das Aufleuchten des Aspekts. Damit es das ist, müssen Ton & Situation von besonderer Art sein & es handelt sich wieder um feine Unterschiede des Benehmens.
§Ms-137
143a[8] &143b[1]
688. 09.01.1949
‘Feine Abschattungen des Benehmens’ – Wenn sich mein Verstehen eines Themas darin äußert, daß ich es mit dem richtigen Ausdruck pfeife, so ist das ein Beispiel dieser feinen Abschattungen.
Wenn aber “Jetzt ist es ein Haus” auch nicht das Aufleuchten des Aspekts ausdrückt, kann es nicht den stabilen Aspekt berichten?
§Ms-137
143b[2]689. “Er vergißt ganz, daß es eine Kiste ist; es ist für ihn tatsächlich ein Haus.” (Dafür gibt es bestimmte Anzeichen.) Von wem man das sagen würde, wäre es von dem nicht auch richtig zu sagen, er sehe sie als Haus?
§Ms-137
143b[3]690. Und wer nun so spielen könnte & in einer bestimmten Situation mit besonderm Ausdruck ausriefe “Jetzt ist es ein Haus!”, der würde das Aufleuchten des Aspekts ausdrücken.
§Ms-137
143b[4]691. Der Ausdruck der Stimme & Gebärde aber ist der gleiche, als hätte sich das Objekt geändert & wäre nun endlich zu dem & jenem geworden.
§Ms-137
143b[5]692. Ich möchte sagen, daß dasjenige, was hier aufleuchtet, nur so lange stehen bleibt, als eine bestimmte Beschäftigung mit dem Objekt dauert. (“Sieh, wie es blickt!”) (Das Bemerken der Familienähnlichkeit dieses Gesichts mit einem Abwesenden.) – ‘Ich möchte sagen’ – & ist es so? – Frage Dich: “Wie lange fällt mir etwas auf?” – Wie lange ist es mir neu?
§Ms-137
143b[6]693. Wäre es richtig zu sagen, daß im Aspektwechsel der rotierenden Trommel die Wahrnehmung des Gleichbleibens des Objekts fehlt? Weil man hier ja wirklich zweifeln kann, ob sich nicht die Bewegungsweise geändert habe.
§Ms-137
143b[7]694. Du mußt bedenken, daß die Beschreibung der wechselnden Aspekte in jedem Falle von andrer Art sind.
§Ms-138
1a[2]695. Ich will die Aspekte ‘schwarzes Kreuz’, ‘weißes Kreuz’ zur Abkürzung die Hauptaspekte des Doppelkreuzes nennen. Ebenso von 2 Hauptaspekten der Stufe reden. Es ist ein fundamentaler Unterschied zwischen ihnen & dem Aspekt des Dreiecks z.B. als umgefallenes Dreieck.
§Ms-138
1a[3]696. Der Unterschied liegt in der Beschreibung zur Mitteilung des Aspekts.
§Ms-138
1a[4]697. Den Aspekterlebnissen ist gemeinsam die Form des Ausdrucks: “Ich sehe es jetzt als das” oder „Ich sehe es jetzt so” oder “Jetzt ist es das – jetzt das” oder “Ich höre es jetzt als …; früher hörte ich es als …”. Die Erklärung aber dieser ‘das’ & ‘so’ ist in verschiedenen Fällen von ganz verschiedener Art.
§Ms-138
1a[5]698. Zum Sehen des Dreiecks als halbem Parallelogramm gehört Vorstellungskraft, zum Sehen der Hauptaspekte des Doppelkreuzes nicht.
§Ms-138
1a[6]699. Diese scheinen fundamentalerer Art, als jener.
§Ms-138
1a[7]700. Den ‘H. & E. Aspekt sehen’ kann nur, wer die Gestalten jener Tiere innehat; die Hauptaspekte des Doppelkreuzes könnten sich in primitiven Reaktionen des Kindes äußern, das noch nicht sprechen kann.
§Ms-138
1b[1]701. – – – Jene beiden Aspekte A (Ich will sie die Aspekte A nennen) ließen sich z.B. einfach dadurch mitteilen, daß der Betrachter abwechselnd auf ein freistehendes weißes & auf ein freistehendes schwarzes Kreuz zeigt. Ja, man könnte sich denken, daß dies eine primitive Reaktion eines Kindes wäre, das noch nicht sprechen kann. Bei der Mitteilung der Aspekte A wird also auf einen Teil der Doppelkreuzfigur hingewiesen. Den H. & E. Aspekt könnte man auf analoge Weise nicht beschreiben.
§Ms-138
1b[2]702. Nur von dem werden wir sagen, er sehe die Aspekte H. & E., der die Gestalten jener beiden Tiere innehat. Analoge Bedingungen gibt es für die Aspekte A nicht.
§Ms-138
1b[3]703. Den H. & E.-Kopf kann jemand für das Bild eines Hasen halten, das Doppelkreuz für das Bild eines schwarzen Kreuzes, aber die bloße Dreiecksfigur nicht für das Bild von etwas Umgefallenen. Diesen Aspekt des Dreiecks zu sehen, braucht es Vorstellungskraft.
§Ms-138
1b[4]704. Wer das Würfelschema täuscht, so daß er es für einen Würfel hält, der sieht es vor allem als diesen Würfel, ob er es auch später anders zu sehen versuchen, & es ihm auch gelingen kann. (Vergleich mit dem Doppelkreuz.)
§Ms-138
1b[5] &2a[1]
705. Die Aspekte A sind nicht wesentlich räumliche Aspekte. Ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde ist nicht notwendigerweise ein schwarzes Kreuz das auf einer weißen Fläche liegt. Man könnte Einem diesen Begriff beibringen, indem man ihm nur auf Papier gemalte schwarze Kreuze zeigt; vorausgesetzt daß die Umgebung dieser Kreuze wechselt & das Kreuz das Wichtige an dem Wahrgenommenen ist: Läßt man es z.B. kopieren, so wird immer, oder vor allem, das Kreuz kopiert, etc.. Die Aspekte A hängen nicht in gleicher Weise mit einer Täuschung zusammen, wie die räumlichen Aspekte des Würfelschemas.
§Ms-138
2a[2]706. 16.01.1949
Von einem beliebigen Schriftzeichen – diesem etwa – kann ich mir vorstellen, es sei ein streng korrekt geschriebener Buchstabe irgend eines fremden Alphabets. – Oder aber, es sei ein fehlerhaft geschriebener Buchstabe; & zwar fehlerhaft in einer von mehreren verschiedenen Weisen: z.B. schleuderhaft, oder typisch kindisch – ungeschickt, oder bürokratisch verschnörkelt. Es könnte in verschiedener Weise vom korrekt Geschriebenen abweichen. – Und je nach der Erdichtung, mit der ich es umgebe, kann ich es in verschiedenen Aspekten sehen. – Hier besteht enge Verwandtschaft mit dem Erleben der Bedeutung eines isolierten Wortes.
§Ms-138
2b[2]707. “Ich bemerkte die Ähnlichkeit zwischen ihm & seinem Vater vielleicht für 5 Minuten.” Das kann man sagen, wenn sich sein Gesicht ändert & nur in diesen 5 Minuten seinem Vater ähnlich sah. Aber es kann auch heißen: seine Ähnlichkeit mit dem Vater fiel mir nur für wenige Minuten auf, danach vergaß ich sie.
§Ms-138
2b[3]708. “Sie fällt mir nicht mehr auf” – aber was geschieht da, wenn sie mir auffällt? – Nun, ich schaue das Gesicht an, mit dem Ausdruck des Staunens etwa in meiner Miene, vielleicht auch in Worten. – Aber ist das das Auffallen der Ähnlichkeit? Nein; das sind die Erscheinungen des Auffallens, aber diese sind ‘was geschieht’. ‘Auffallen’ ist ein anderer Begriff. –
§Ms-138
2b[4]709. ‘Denken’ & ‘in der Vorstellung sprechen’ (ich sage nicht: “zu sich selbst sprechen”) sind verschiedene Begriffe.
§Ms-138
2b[5]710. Ist das Auffallen Schauen & Denken? Nein. Viele Begriffe kreuzen sich hier.
§Ms-138
2b[6]711. “Wenn man die Bedeutung der Wörter nicht erlebte, wie könnte man dann über Wortwitze lachen?” [Hairdresser & sculptor.] – Man lacht über solche Witze: & insofern, z.B. könnte man sagen, man erlebe die Bedeutung.
§Ms-138
3a[1]712. Denk nur an die Worte, die Liebende zu einander sprechen! Sie sind mit Gefühlen ‘geladen’. Und sie sind gewiß nicht – wie Fachausdrücke – durch beliebige andere Laute auf eine Vereinbarung hin zu ersetzen. Ist das nicht, weil sie Gebärden sind? Und eine Gebärde muß nicht angeboren sein; sie ist anerzogen, aber eben assimiliert. – Aber ist das nicht Mythus?! – Nein. Denn die Merkmale der Assimilation sind eben, daß ich dies Wort gebrauchen & lieber keines, als ein aufgedrungenes verwenden will; & ähnliche Reaktionen.
§Ms-138
3a[2]713. Ein Wort ist uns z.B. der Träger eines Tons geworden; & ich kann nicht, auf Befehl, ein anderes Wort im selben gefühlten Ton aussprechen.
§Ms-138
3b[1]714. Die Ähnlichkeit (z.B.) fällt mir auf, – & das Auffallen erlischt. Sie fiel mir nur für wenige Minuten auf, dann nicht mehr.
§Ms-138
3b[2]715. Was geschah da? Zuerst blickte ich das Gesicht mit einem eigentümlichen Ausdruck in meinem an, & hätte mich jemand gefragt “Warum schaust Du ihn so interessiert an?”, so hätte ich geantwortet “Weil er so seinem Vater ähnlich sieht”. Vielleicht spricht er zu mir & ich gebe gar nicht recht auf das acht, was er sagt, weil ich nur an diese Ähnlichkeit denke. – Das ist etwa was mir auf die Frage, was da geschah”, einfällt.
§Ms-138
3b[3]716. Aber in dieser Antwort steht ein heterogenes Element: “& hätte man mich gefragt …”. Das ist doch nichts, was ‘geschah’ als mir die Ähnlichkeit auffiel. – Ja, auch meine Zerstreutheit ist nicht von gleicher Art, wie mein Gesichtsausdruck. – Es bleiben also nur meine Mienen, Gebärden, vielleicht Worte, die ich zu mir selbst oder Andern sage.
§Ms-138
3b[4]717. Das Auffallen ist dem Denken verwandt.
§Ms-138
3b[5] &4a[1]
718. Was geschah da? – Wessen entsinne ich mich? Mein eigener Gesichtsausdruck kommt mir in den Sinn, ich könnte ihn nachmachen. Hätte Einer, der mich kennt, mein Gesicht gesehen, er hätte gesagt “Es ist Dir jetzt etwas an seinem Gesicht aufgefallen. – Auch Worte fallen mir ein, die ich bei so einer Gelegenheit, laut, oder zu mir selbst spreche. Und das ist alles. Und ist das das Auffallen? Nein.
§Ms-138
4a[3]719. Bemerken, auf etwas aufmerksam werden, aufmerken.
§Ms-138
4a[4]720. 19.01.1949
“Siehst Du dies Blatt immer grün, solange Du es siehst, & sich die Farbe für Dich nicht ändert?” Hat diese Frage einen klaren Sinn? Eine Antwort darauf wäre vielleicht: “Nun, ich sage mir nicht die ganze Zeit ‘Ach, wie grün!’”.
§Ms-138
4a[5]721. “Bist Du Dir seiner Farbe die ganze Zeit bewußt?” Da möchte ich zuerst sagen: “Gewiß nicht!” Aber wann & (auf) wie lange bin ich mir ihrer bewußt? Darüber scheine ich nichts rechtes sagen zu können; ich weiß nicht welche Kriterien da anzuwenden sind. Soll ich sagen: “Nur solange, als ich an sie denke”?
§Ms-138
4a[6]722. Es erzählt mir Einer: “Ich sah die Blume an, dachte aber an etwas anderes & war mir ihrer Farbe nicht bewußt”. Versteh ich das? – Ich kann mir einen sinnvollen Zusammenhang dazu denken; es würde etwa weitergehen: “Dann plötzlich sah ich sie & erkannte, daß es die war, die …”.
§Ms-138
4a[7] &4b[1]
723. Wie ist es aber mit dieser Antwort: “Hätte ich mich damals abgewandt & hätte man mich gefragt, welche Farbe sie hatte, ich hätte es nicht gewußt”? “Er blickte ihn an, ohne ihn zu sehen”. Das gibt es. Aber was ist das Kriterium dafür? Es gibt da eben verschiedene Fälle.
§Ms-138
4b[2]724. “Ich habe jetzt mehr auf die Form, als auf die Farbe geschaut.” Laß Dich durch solche Wendungen des Ausdrucks nicht verwirren. Vor allem, denk nicht “was mag da wohl im Auge, oder im Gehirn vor sich gehen?”
§Ms-138
4b[5]725. “Ein im Sehen nachhallender Gedanke” – möchte man sagen.
§Ms-138
4b[6]726. “Das Wort hat eine Atmosphäre” – Ein bildlicher Ausdruck; aber ganz verständlich in gewissen Zusammenhängen. Z.B.: Das Wort “Sabel” hat eine andre Atmosphäre als das Wort “ Säbel”. Sie haben die gleiche Bedeutung, insofern als beide Namen der gleichen Art von Gegenständen sind. Aber was soll man hier sagen? Haben sie verschiedene Bedeutung?
§Ms-138
5a[1]727. Soll ich nun so & so viele Arten des Bedeutens unterscheiden? Das will ich nicht tun. So eine Klassifikation kann nützlich sein für einen bestimmten praktischen Zweck. Denn für einen solchen wäre dann eine – der unzähligen möglichen Einteilungen – besser als eine andere.
§Ms-138
5a[2]728. Der Botaniker klassifiziert die Pflanzen. Aber um die unendliche Vielgestalt der Pflanzen zu zeigen & die Vielfältigkeit der feinen Übergänge braucht es keine Klassifikation.
§Ms-138
5a[3]729. Ich sah das Gesicht so klar (vor mir) wie früher, – aber die Ähnlichkeit mit jenem andern merkte ich nicht mehr.
§Ms-138
5a[4]730. Es konnte auch die eine Ähnlichkeit für mich zurücktreten & eine andere mir zum Bewußtsein kommen.
§Ms-138
5a[5]731. Mach einmal – als Hilfskonstruktion – die Annahme, gewisse Erinnerungen würden, während ich sein Gesicht anschaue, bald mehr bald weniger lebhaft. & dies sei für den Aspektwechsel verantwortlich. Soll ich dann dennoch sagen, ich sehe jetzt das eine, jetzt das andre?
§Ms-138
5a[6]732. Ist also das Bemerken der Ähnlichkeit ein Sehen, oder nicht? Wie soll ich's entscheiden? Es sind hier ungleiche, aber verwandte Begriffe.
§Ms-138
5a[7]733. 20.01.1949
Man nimmt durch das Bemerken des Aspekts eine interne Relation wahr & dennoch ist es dem Vorstellen verwandt.
§Ms-138
5a[8] &5b[1]
734. 21.01.1949
Nur von Einem, der das & das kann, gelernt hat, beherrscht, hat es Sinn, zu sagen, er habe Gewisses erlebt.
§Ms-138
5b[2]735. – – –Und sieht man nun die Zaghaftigkeit, oder sieht man sie nicht? Mit dem Begriff ‘zaghaft’ kann man das visuell Wahrgenommene beschreiben, wie mit dem Begriff ‘Dur’, oder ‘Moll’ das Gehörte.
§Ms-138
5b[4]736. Wie könnte ich sehen daß der Gesichtsausdruck gemein, furchtsam, grausam, ist, wenn ich nicht wüßte, daß dies ein Ausdruck, nicht die Anatomie des Wesens ist?
§Ms-138
5b[5]Aber heißt das nicht nur, daß ich diese Begriffe, die sich eben nicht nur auf Visuelles beziehen, dann nicht zur Beschreibung des Gesehenen anwenden könnte? Könnte ich nicht dennoch einen rein visuellen Begriff, sagen wir, des furchtsamen Gesichts, haben? (Ich könnte dann ein andres Wort gebrauchen.)
§Ms-138
5b[6]737. Ich muß schon viel wissen, um eine Schrift als “kindisch” beschreiben zu können. Aber kann ich auch sagen: “um sie als ‘kindisch’ sehen zu können”?
§Ms-138
5b[7]“Kindisch” kann eine Schrift beschreiben, also das was ich sehe, aber ‘kindisch’ ist nicht ein rein visueller Begriff.
§Ms-138
6a[1]738. Ist es nun richtig zu sagen: “Wir könnten einen rein visuellen Begriff haben, der sich ganz mit dem visuellen Teil des Begriffs ‘gemein’ (z.B.) deckt”?
§Ms-138
6a[2]739. Ein solcher Begriff wäre dann wirklich mit den Begriffen ‘Dur’ & ‘Moll’ zu vergleichen, die ja auch einen Gefühlswert haben, aber auch einzig zur Beschreibung der Struktur des Wahrgenommenen gebraucht werden können.
§Ms-138
6a[3]740. ‘Dur’ & ‘Moll’ ist also hier verglichen mit ‘schiefwinkelig’ & ‘rechtwinkelig’, z.B..
§Ms-138
6a[4]741. Aber wäre er nicht auch richtig zu sagen, daß wer nicht unsern Begriff des ‘zaghaften’, ‘kindischen’, ‘gemeinen’, hätte, die Schrift, den Gesichtsausdruck, nicht so empfinden könnte wie wir, selbst wenn er einen Begriff hat, der immer dort anwendbar ist, wo ‘zaghaft’ z.B. es ist? Könnte ich, also nicht sagen: Die Beiden sehen das Gleiche, empfinden es aber anders? Wie sie beide Dur hören, aber es verschieden empfinden können.
§Ms-138
6a[5]742. Denk nur an den Ausdruck “Ich hörte eine klagende Melodie”! Und nun die Frage: “Hört er das Klagen?”
§Ms-138
6a[6]743. Und wenn ich nun antwortete: “Nein, er hört es nicht; er empfindet es (nur)” – was ist damit getan? Man kann ja nicht einmal ein Sinnesorgan dieser ‘Empfindung’ angeben. Mancher möchte nun antworten: “Freilich höre ich's!” – Mancher: “Ich höre es eigentlich nicht.” – Es lassen sich aber Begriffsunterschiede feststellen.
§Ms-138
6b[1]744. (Es läßt sich eine Begriffsgrenze ziehen. Aber woher dann überhaupt die Idee des ‘Empfindens’ des Gemeinen, Furchtsamen etc.?) (Nun,) wir reagieren anders auf den zaghaften Gesichtsausdruck, als der, der ihn nicht als zaghaft (im vollen Sinne des Wortes) erkennt. – Nun will ich aber nicht sagen, wir spüren in den Muskeln & Gelenken diese Reaktion. – Nein, wir haben hier einen modifizierten Empfindungsbegriff.
§Ms-138
6b[2]745. Aber was ist hier Empfindungsartiges?
§Ms-138
6b[3]746. “Du mußt die Traurigkeit dieses Gesichts empfinden.” (Bei der Betrachtung eines Bilds.) – Wer sie empfindet macht oft das Gesicht mit dem seinen nach. Er ist beeindruckt. Das Bild bringt diese Wirkung in ihm hervor. Am ehesten könnte ich diese ‘Empfindung’ der Schmerzempfindung vergleichen, die auch einen charakteristischen Ausdruck im Mienen- & Gebärdenspiel hat. Und doch ist sie auch dem Sehen verwandt, weil sie (?)– – –
§Ms-138
6b[4]747. Was ist der Ausdruck, das Kriterium, dieser Empfindung? Doch z.B., wie, mit welchem Ausdruck, Einer die Melodie nachsingen wird. Auch vielleicht, mit welchem Gesicht. Oder: was er über sie sagen wird. Das ist doch wohl die besondere Beschreibung, die er von ihr gibt.
§Ms-138
6b[5] &7a[1]
748. Die Wahrheit ist doch die: ‘Klagen’ ist ein Begriff der nicht rein akustisch ist. Ich kann ihn aber zum Beschreibung von rein Akustischem verwenden. (“Die Dampfpfeife gibt einen klagenden Ton”.) Das Wort “klagen” könnte auch alle seine nicht-akustischen Beziehungen verlieren & zu einer rein akustischen Bezeichnung werden. (Wie die Worte “to travel” & “travailler” ursprünglich eine Beziehung zum Qualvollen hatten, die sie dann verloren.)
§Ms-138
7a[2]749. Man könnte nun gegen die Bezeichnung “rein akustisch” Einspruch erheben. Wer sagt was das “rein” Akustische ist? – Nun, “rein akustisch” ist eine Beschreibung, wenn man nach ihr das Gehörte reproduzieren kann & alle andern Beziehungen aus dem Spiel gelassen werden.
§Ms-138
7a[3]750. Ich kann doch einen Sessel beschreiben durch den Begriff “Stil Ludwig XIV”, & dem Entgegensetzen eine Beschreibung, die, etwa durch Zeichnungen, u.a., die Gestalt, Farbe, etc. notiert, ohne Bezug auf eine historische Periode, einen König, etc..
§Ms-138
7a[4]751. Denke, man fragte: “Siehst Du den Stil Ludwig XIV, wenn Du den Sessel anschaust?”
§Ms-138
7a[5]752. Es ist schwer Begriffsböschungen zu verstehen & darzustellen.
§Ms-138
7a[6]753. 22.01.1949
Man kann doch die Frage beantworten “Wie sieht ein Sessel im Stil Ludwig XIV aus?” – oder die, “Wie klingt eine klagende Melodie?” – Zeig mir solche Sessel, sing mir solche Melodie vor!
§Ms-138
7a[7]754. Das Adjektiv “traurig”, auf das Strichgesicht angewendet, z.B., charakterisiert die Gruppierung von Strichen im Oval. (Dur, Moll) Angewendet auf den Menschen hat es eine andere, wenn auch verwandte, Bedeutung. (Das heißt aber nicht, daß der Gesichtsausdruck dem Gefühl der Traurigkeit ähnlich sei!)
§Ms-138
7a[8] &7b[1]
755. Bedenke auch dies: Rot & grün kann ich nur sehen, aber nicht hören, – die Traurigkeit aber, soweit ich sie in seinem Gesicht sehen kann, kann ich sie auch in seiner Stimme hören.
§Ms-138
7b[2]756. Viele Knoten entwirren, das ist die Aufgabe des Philosophen.
§Ms-138
7b[3]757. Dieses Gesicht ist unverschämt, dieses Gesicht widert mich an, dieser Geruch ist abscheulich. Gehört die Abscheulichkeit zur Geruchsempfindung? Wie entscheidet man's? Man könnte z.B. so fragen: “Können zwei Menschen die gleiche Geruchsempfindung haben, aber einer sie abscheulich finden, der andre nicht? – Und was wäre des Kriterium der Gleichheit? – Sie könnten ihn z.B. mit den gleichen Gerüchen vergleichen. – Aber es gibt hier kein anerkanntes Kriterium. Sehe ich also die Unverschämtheit? Ja & Nein. Beides läßt sich rechtfertigen.
§Ms-138
7b[4]758. Einen Geruch abscheulich zu finden, dazu braucht es kein Wissen.
§Ms-138
7b[5]759. “Siehst Du, wenn Du diese Linien ziehst, wird das Gesicht traurig.” In welche Kategorie gehört dieser Satz? Wie verwendet man ihn? Ich sagte einmal, er sei ähnlich einem geometrischen. Man könnte aber meinen, er sei ein psychologischer, also ein Erfahrungssatz. (Etwa vergleichbar dem: Wenn Du diese Substanzen mischt, entsteht eine gelbe.)
§Ms-138
7b[6]760. Man sagt einem Kind etwa “Siehst Du, wenn Du diese beiden Steine zusammengibst, so wird ein Kreis daraus”.
.
Lernt es einen Erfahrungssatz? (Ich rede hier absichtlich vom Kind, nicht vom Erwachsenen.)
§Ms-138
8a[1]761. (Könnte der Satz nicht wieder ‘Zwischen mehrere Spiele’ hineinfallen?)
§Ms-138
8a[3]762. Jener Satz müßte kein geometrischer sein. Sein Zweck könnte sein, festzustellen, daß das Gesicht mit diesen Strichen mir jetzt einen traurigen Eindruck macht. Aber er könnte auch ungefähr die Rolle eines geometrischen (unzeitlichen) spielen.
§Ms-138
8a[5]763. 23.01.1949
Man könnte von Einem sagen, er sei für den Ausdruck in einem Gesicht blind. Aber fehlte deshalb seinem Gesichtssinn etwas? Aber das ist natürlich nicht einfach eine Frage der Physiologie. Das Physiologische ist hier ein Symbol für das Logische. Physiologische Unterscheidungen symbolisieren hier logische Unterscheidungen.
§Ms-138
8a[6]764. ‘Er hat das Auge eines Malers’, ‘das Ohr des Musikers’.
§Ms-138
8a[7] &8b[1]
765. Ist nun, vom Empfinden des Ausdrucks als einem Sehen zu reden einfach eine Begriffsverschiebung, wie wenn man vom Heiraten des Geldes redet? Ist hier also ein bloßes Mißverständnis, oder eine allmähliche Abböschung des Begriffs ‘Sehen’?
§Ms-138
8b[2]766. Wer nur einen Gesichtsausdruck gesehen hätte, könnte den Begriff des ‘Gesichtsausdrucks’ nicht besitzen. ‘Gesichtsausdruck’ gibt es nur im Mienenspiel. Wer nur ‘traurige’ Gesichter gesehen hätte, könnte sie nicht als traurig empfinden.
§Ms-138
8b[4]767. Aber er könnte sie doch sehen, wie ich & Du. – Aber das Wort “Empfinden” ist doch auch nicht einwandfrei. – Was nehme ich denn mit der Empfindung wahr? Nehme ich, außer der sogenannten Traurigkeit der Gesichtszüge, auch die traurige Stimmung des Menschen wahr? Oder schließe ich diese aus dem Gesicht? Sage ich: “Seine Züge & sein Benehmen waren traurig, also war wohl auch er traurig”?
§Ms-138
8b[5]768. Hierher gehört, glaube ich, die Frage: Macht ‘traurige Musik’ uns traurig? Es scheint, Ja & Nein. Wir machen z.B. ein trauriges Gesicht, oder ein Gesicht, welches Trauer spiegelt.
§Ms-138
8b[6]769. 24.01.1949
Man sieht die Trauer, insofern man z.B. den traurigen Gesichtsausdruck sieht, aber man sieht doch nicht den traurigen Klang seiner Stimme.
§Ms-138
8b[7]770. Man sieht ja auch Weinen. Und sieht nun der es anders, der nur das physiologische Phänomen beobachtet, als der der darin den Ausdruck des Grams sieht? – Er beobachtet es anders.
§Ms-138
9a[2]771. Ja, ich möchte fragen: Habe ich auch nur eine Entschuldigung, da von einem andern ‘Sehen’ zu reden?
§Ms-138
9a[4]772. Nun, was wäre das Anzeichen dafür, daß er es anders sieht? Doch nur seine Stellungnahme dazu. Und freilich: wer anders beobachtet, sieht auch etwas Anderes.
§Ms-138
9a[5]773. Denk dir, Einer fragte Dich ganz trocken “Warum sagst Du, er sieht es anders?” (Was könntest Du antworten?) Zuerst möchte ich sagen “Er schaut auf etwas anderes”, dann etwa “Er wird andere Vergleiche ziehen”. Es mag ja auch sein, daß das bloße Faktum, daß der Mensch nicht weint, oder klagt, sein Gesicht trauriger aussehen läßt.
§Ms-138
9a[6]774. Ich höre die Melodie ganz anders, nachdem ich den Stil dieses Meisters kenne. Ich hätte sie z.B. als heiter beschrieben, nun aber empfinde ich sie als den Ausdruck eines großen Leidens. Ich beschreibe sie jetzt anders, stelle sie mit ganz anderem zusammen.
§Ms-138
9a[7]775. Wer den Ernst einer Melodie empfindet, was nimmt der wahr? – Nichts, was man durch Wiedergabe des Gehörten erklären kann.
§Ms-138
9b[1]776. 25.01.1949
Wie könnte ich den Ausdruck des Gesichts erkennen, wenn ich nicht wüßte, daß es ein Ausdruck, nicht die Anatomie dieses Wesens ist? Wie könnte ich Traurigkeit, Ernst, Grausamkeit in dem Gesicht sehen, ohne das zu wissen?
§Ms-138
9b[3] &10a[1]
777. 26.01.1949
Denk Dir eine physiologische Erklärung für dies Erlebnis. Es sei die: beim Ansehen der Figur beschreibt der Blick das Objekt wieder & wieder entlang einer bestimmten Bahn. Diese Bahn entspricht einer bestimmten periodischen Bewegung der Augäpfel. Es kann geschehen, daß eine solche mit einer andern automatisch abwechselt. Gewisse Bewegungen sind physiologisch unmöglich, daher kann ich den H.-E.-Kopf nicht als Bild eines Hasenkopfes & eines hinter ihm liegenden Entenkopfes sehen, oder das Würfelschema als das zweier einander durchdringender Prismen. U.s.f..– Nehmen wir an, dies sei die Erklärung. – “Ja, nun weiß ich, inwiefern es ein Sehen ist.” Du hast jetzt ein neues, ein physiologisches Kriterium des Sehens eingeführt. Und das kann das alte Problem verdecken, aber nicht lösen. – Der Zweck dieser Bemerkung ist aber, Dir vor Augen zu führen, was geschieht, wenn uns eine physiologische Erklärung dargeboten wird. Unser Problem schwebt unberührt über dieser Erklärung & seine Natur wird nun erst recht klar. Es ist der psychologische Begriff der uns (hier) zu schaffen macht.
§Ms-138
10a[2]778. 27.01.1949
Es drängt sich nun die Frage auf: Könnte es Menschen geben, die nicht etwas als etwas sehen können? – oder: Wie wäre es wenn einem Menschen diese Fähigkeit fehlte? was für Folgen hätte es? Wäre dieser Defekt vergleichbar dem der Farbenblindheit etwa, oder mit dem Fehlen des absoluten Gehörs? Wir wollen ihn (einmal) “Aspektblindheit” nennen – & uns nun überlegen, was damit gemeint sein könnte. (Eine begriffliche Untersuchung.)
§Ms-138
10a[3]779. Soll er also z.B. das Würfelschema nicht als Würfel sehen können? Daraus würde nicht folgen, daß er es nicht als Darstellung (z.B. Werkzeichnung) eines Würfels erkennen könnte. Es würde aber nicht von einem Aspekt in den andern überspringen. Frage: Könnte er es, wie wir für einen Würfel halten? Wenn nicht, so wird man das keine Blindheit nennen. Er wird zu Bildern überhaupt ein anderes Verhältnis haben als wir. (Und Abweichungen vom Normalen dieser Art lassen sich leicht vorstellen.)
§Ms-138
10a[4] &10b[1]
780. Soll er für die Ähnlichkeit zweier Gesichter blind sein? Aber also auch für die Gleichheit, oder angenäherte Gleichheit? Das möchte ich nicht sagen. – Wer Gestaltgleichheit nicht erkennen könnte, würden wir “geistesschwach”, nicht “blind” nennen.
§Ms-138
10b[2]781. Der Aspektblinde soll die Aspekte A nicht wechseln sehen. Soll er aber nicht erkennen, daß das Doppelkreuz ein schwarzes Kreuz enthält?? Soll er also die Aufgabe “Zeig mir unter diesen Figuren solche, die ein schwarzes Kreuz enthalten” nicht bewältigen können? Nein; er soll nur nicht sagen: “Jetzt ist es ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund!”
§Ms-138
10b[3]782. Man sagt, Einer habe ‘das Auge des Malers’, ‘das Ohr des Musikers’, aber wer es nicht hat, dessen Defekt ist kaum eine Art der Blindheit oder Taubheit.
§Ms-138
10b[4]783. Man sagt, Einer habe kein ‘musikalisches Gehör’, & ‘Aspektblindheit’ ist (etwa) mit dieser Art Gehörlosigkeit zu vergleichen.
§Ms-138
10b[5]784. Die Wichtigkeit des Begriffs der ‘Aspektblindheit’ liegt in der Verwandtschaft des Sehens eines Aspekts mit dem Erleben der Bedeutung eines Worts. Denn wir wollen fragen: “Was geht dem ab, der die Bedeutung eines Wortes nicht erlebt?” – Der z.B. das Wort Bank nicht einmal in einer, einmal in der andern Bedeutung isoliert aussprechen könnte, oder der nicht fände, daß wenn man das Wort zehnmal nacheinander ausspricht es gleichsam seine Bedeutung verliert & ein bloßer Klang wird.
§Ms-138
11a[3]785. Die Mitteilung “Das Wort – – – war mit seiner Bedeutung angefüllt” hat ja eine ganz andere Verwendung, ganz andere Folgen, als der “Es hatte die Bedeutung …”
§Ms-138
11a[4]786. 29.01.1949
“Wie weiß der Chemiker, daß ein Na Atom an dieser Stelle der Struktur sitzt?” Vergleiche damit: “Wie weiß Herr N, daß ein Na Atom an dieser Stelle etc.?” – Die Antwort könnte sein: “B hat es ihm gesagt.” Die Frage “Wie weiß der Chemiker …” ist der typische Ausdruck der Frage nach dem Kriterium.
§Ms-138
11a[5] &11b[1]
787. Denke hier an eine besondere Art der Täuschung, die auf diese Dinge ein Licht wirft. – Ich gehe mit einem Bekannten in der Umgebung der Stadt spazieren. Im Gespräch zeigt es sich, daß ich mir die Stadt zu unsrer Rechten liegend vorstelle. Für diese Idee habe ich nicht nur keinen mir bewußten Grund, sondern eine ganz einfache Überlegung konnte mich davon überzeugen, daß die Stadt in unserm Rücken liegt. Gefragt, warum ich mir denn die Stadt in dieser Richtung vorstellte, kann ich zuerst keine Antwort geben. Ich hatte keinen Grund, das zu glauben. Obgleich aber keinen Grund, scheine ich doch gewisse psychologische Ursachen zu sehen, oder zu ahnen. Und zwar sind es gewisse Assoziationen & Erinnerungen. z.B. diese: Wir gehen einen Kanal entlang, & ich war auch einmal einem gefolgt der in der von mir vermuteten Richtung lief. Ich könnte die Ursachen meiner Überzeugung gleichsam psychoanalytisch erforschen.
§Ms-138
11b[3]788. “Aber was ist das für ein seltsames Erlebnis?” – Es ist natürlich nicht seltsamer, als jedes andere; es ist nur von anderer Art als diejenigen Erlebnisse, die wir als die fundamentalsten betrachten, die Sinneseindrücke etwa.
§Ms-138
11b[4]789. Wie soll nun der, welcher fühlt, die Stadt liege in dieser Richtung, dies korrekt ausdrücken? Ist es z.B. richtig zu sagen, er fühle es? Soll er eigentlich ein neues Wort dafür prägen? Aber wie könnte Einer denn dies Wort lernen? Der primitive Ausdruck des Erlebnisses konnte es (ja) nicht enthalten. Seine Neigung wäre vielleicht zu sagen “Es ist mir, als ob ich wüßte, die Stadt liege dort”. Nun, daß er dies, oder ähnliches, unter diesen Umständen sagt, ist eben der Ausdruck dieses eigentümlichen Erlebnisses.
§Ms-138
11b[5]790. Der Name, das Bild des Trägers.
§Ms-138
12a[1]791. “Mir ist als wüßte ich, daß die Stadt dort liegt” – “Mir ist als paßte der Name Schubert zu Schuberts Werken & seinem Gesicht”.
§Ms-138
12a[2]792. 30.01.1949
Es ist für die Mathematik eine Untersuchung möglich ganz analog der philosophischen Untersuchung der Psychologie. Sie ist ebensowenig eine mathematische, wie die andre eine psychologische. In ihr wird nicht gerechnet, sie ist also z.B. nicht Logistik. Sie könnte den Namen einer Untersuchung der “Grundlagen der Mathematik” verdienen.
§Ms-138
12a[4]793. Ich spreche mir das Wort “weiche” vor & ‘meine’ es einmal als Imperativ, einmal als Adjektiv. Und nun sag “Weiche!” & dann “Weiche nicht vom Platz!” Begleitet das gleiche Erlebnis das Wort “weiche”?
§Ms-138
12a[5]794. 31.01.1949
Wer sich etwas vorstellt, könnte sich primitiv so ausdrücken: “Mir ist, als ob ich … vor mir sähe.” – Kann man nun sagen, er nenne “sehen”, was eigentlich kein Sehen ist? sondern etwa nur etwas ähnliches?
§Ms-138
12b[1]795. Gegeben die beiden Worte “dick” & “dünn”, – würdest Du eher geneigt sein, zu sagen Mittwoch sei dick & Dienstag dünn, oder Dienstag dick & Mittwoch dünn. (Ich neige entschieden zum erstern.) Haben nun hier “dick” & “dünn” eine andere Bedeutung, als die gewöhnliche? Sie haben eine andere Verwendung. Hätte ich also eigentlich andere Wörter gebrauchen sollen? Doch gewiß nicht. Ich will diese Wörter (mit den geläufigen Bedeutungen) hier gebrauchen. Nun sage ich nichts über die Ursachen der Erscheinung. Sie könnten z.B. sein daß ich als Kind an jedem Mittwoch von einem dicken Lehrer & an Dienstagen von einem dünnen unterrichtet wurde. Aber das ist Hypothese. Was immer die Erklärung, – jene Neigung besteht.
§Ms-138
12b[2]796. Wenn Du ihn fragtest “Was meinst Du hier eigentlich mit ‘dick’ & ‘dünn’?” da könnte er es nur auf die ganz gewöhnliche Weise erklären. Er könnte nicht auf Dienstag & Mittwoch zeigen, & was er meint an ihnen klar machen.
§Ms-138
12b[4] &13a[1]
797. Könnte man hier von ‘primärer’ & ‘sekundärer’ Bedeutung eines Worts reden? – Die Worterklärung ist beidemale die der primären Bedeutung. Nur für den, der das Wort in jener Bedeutung kennt, kann es diese haben. D.h. die sekundäre Verwendung besteht darin, daß das Wort, mit dieser primären Verwendung, nun in dieser neuen Umgebung gebraucht wird.
§Ms-138
13a[2]798. Insofern könnte man die sekundäre eine ‘übertragene’ Bedeutung nennen wollen.
§Ms-138
13a[3]799. Aber das Verhältnis ist hier nicht, wie das zwischen dem ‘Abschneiden eines Fadens’ & ‘Abschneiden der Rede’, denn hier muß man ja nicht den bildlichen Ausdruck gebrauchen. Und wenn man sagt ‘Der Vokal e ist gelb’ so ist ja das Wort gelb nicht bildlich gebraucht.
§Ms-138
13a[4]800. Man sagt nur von solchen Kindern, sie spielen Eisenbahn, die von einer wirklichen Eisenbahn wissen. Und das Wort Eisenbahn im Ausdruck “Eisenbahn spielen” ist nicht bildlich gebraucht, oder im übertragenen Sinn.
§Ms-138
13a[5]801. 01.02.1949
Wer sagt, er rechne im Kopf, rechnet der eigentlich nicht, meint er mit rechnen etwas anderes? Man könnte Einem gar nicht begreiflich machen, was man mit “Kopfrechnen” meint, wenn man ihm nicht vorher den Begriff des Rechnens beigebracht hätte.
§Ms-138
13a[6]802. Nur mittels der Begriffs des Rechnens (schriftlichen, lauten Rechnens) kann man Einem begreiflich machen, was “Kopfrechnen” bedeutet.
§Ms-138
13a[7]803. Ich könnte Einem weder den Befehl begreiflich machen etwas lautlos zu lesen, noch den Begriff, er habe es lautlos gelesen, wenn ich ihm nicht zuerst den Begriff des lauten Lesens beibringe. Und diese Unmöglichkeit ist eine logische.
§Ms-138
13b[1]804. 02.02.1949
Nur wenn Einer rechnen gelernt hat, schriftlich oder mündlich rechnen, – kann man ihm, mittels dieses Begriffs des Rechnens, begreiflich machen, was Kopfrechnen ist.
§Ms-138
13b[6] &14a[1]
805. Denk aber an die Bilder, die ein Gesicht zugleich von vorn & im Profil darstellen. Man könnte sagen: “So schaut doch ein Gesicht nicht aus!” Aber auch: Es ist ein irreführendes Bild, – es sei denn, Du läßt Deinen Blick so schweifen, daß Du es gar nicht mehr, im gewöhnlichen Sinne, als ein Bild siehst, sondern als mehrere Bilder, von denen jedes seine eigene Anwendung hat.
§Ms-138
14a[3]806. Das Gehirn schaut aus wie eine Schrift, die uns auffordert, sie zu lesen, & ist doch keine Schrift. Denke, Menschen würden um so gescheiter, je mehr Bücher sie besäßen – das sei eine Tatsache, es käme aber gar nicht drauf an, was in den Büchern steht.
§Ms-138
14a[4]807. Nützt der Fortschritt der Wissenschaft der Philosophie? Gewiß. Die entdeckten Wirklichkeiten erleichtern dem Philosophen die Aufgabe Möglichkeiten zu erdenken. Bin wieder gesund, oder beinahe gesund.
§Ms-138
14a[5]808. 03.02.1949
“Ich sah ihn bei diesen Worten vor mir.” Ist das kein Erlebnis? Und doch, daß ich ihn sah, konnte in dem Bild, das mir vorschwebte, nicht liegen. War da also ein Bild und ein Gedanke; & war das Bild ein Erlebnis, der Gedanke aber nicht?
§Ms-138
14a[6]809. Man ‘erlebt’ den Ausdruck des Gedankens.
§Ms-138
14a[7] &14b[1]
810. Den Gedanken kann ich kein Erlebnis nennen, denn sonst müßte ich sagen, daß dies Erlebnis z.B. das Sprechen begleitet.
§Ms-138
14b[2]811. “Aber wie wußtest Du daß er's war, den Du vor Dir siehst?” – Ich wußte es nicht. Ich sagte es.
§Ms-138
14b[3]812. Wenn ich sage, ich erlebe den Ausdruck des Gedankens, so muß ich hier unter “Ausdruck” auch den vorgestellten Ausdruck verstehen.
§Ms-138
14b[4]813. 04.02.1949
Der Zweck eines Zeichens. – “Wenn Du willst daß er komme, wink ihm mit der Hand so.” “Wenn Du willst, ich soll aufhören, mach dieses Zeichen.” – Kann man also z.B. von einem ‘Zweck’ der Verneinung (des Wortes “nicht”) reden? Das könnte man doch nur wenn jeder Satz, worin man es verwendet, einen Zweck hätte. – Dennoch könnte man von (den) Zwecken des Wortes “nicht” reden.
§Ms-138
14b[5]814. Und man könnte z.B. sagen: “non” & “ne” erfüllen im Großen & Ganzen dieselben Zwecke, & auch: “Dieses Wort hat so gut wie gar keinen Zweck. Du kannst ganz leicht ohne es auskommen.”
§Ms-138
14b[6]815. Wer z.B. eine Kunstsprache (Esperanto, Basic English) konstruiert, wird ihre Wörter nach gewissen Gesichtspunkten auswählen, & aus diesen Gesichtspunkten könnte man dann wieder unsre Sprache betrachten. Er könnte z.B. sagen: “Ich werde nicht zwei Wörter, eins für “gehen”, eins für “schreiten”, zulassen, denn für alle wichtigen Zwecke genügt hier ein Wort.” Und also auch: “‘gehen’ & ‘schreiten’ haben wesentlich die gleiche Bedeutung.”
§Ms-138
14b[7]816. Man kann die Sprache aus verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Und sie spiegeln sich in dem jeweiligen Begriff der ‘Bedeutung’.
§Ms-138
14b[8] &15a[1]
817. 05.02.1949
“Ich habe dabei an ihn gedacht.” Worin liegt es daß ich an ihn dachte? Wie hätte sich, was dabei geschah, geändert, wenn ich, statt an diesen, an einen Andern gedacht hätte? Mußte ich überhaupt einen ‘Keim’ angeben können, der sich dann zum Wortausdruck auswuchs? Nein.
§Ms-138
15a[2]818. “Als Du von ‘einem Freund’ sprachst, wen hast Du da gemeint?” – “Ich habe … gemeint.” Was geschah während Deiner Worte, das sie zu einer Anspielung auf diesen Menschen machte? Nichts, was sie dazu machte. Denn auch wäre mir beim Sprechen sein Bild mit allen Einzelheiten vorgeschwebt (oder was immer Du an die Stelle dieses Bildes setzen willst) so hätte das doch nicht mehr leisten können, als hätte ich bei meinen Worten ihn angeschaut, & ihn ausschauen heißt doch nicht ihn meinen. – Es gibt Zeichen dafür, daß ich ihn meinte, & ein Blick konnte so ein Zeichen sein. Auch eine Vorstellung ist nicht mehr als so ein Zeichen.
§Ms-138
15a[3]819. Vergleiche die Frage “Was geschah, als Du bei diesem Wort an ihn dachtest?” mit “Was geschah, als Du plötzlich weiter wußtest?” –
§Ms-138
15a[4]820. Das Meinen ist kein Vorgang, der die Worte begleitet. Denn kein ‘Vorgang’ könnte die besondern Folgen des Meinens haben.
§Ms-138
15a[5]821. Wenn ich mit den Worten “mein Freund” ihn meinte, mußte ich bei den Worten an ihn denken? Wo ist der Unterschied? Aber es ist ein Unterschied zwischen “Ich habe mit dem Wort ihn gemeint” & “Er ist mir bei dem Wort eingefallen.”
§Ms-138
15a[6]822. Es gibt wichtige Begleitvorgänge des Redens, die dem gedankenlosen Reden oft fehlen. Aber diese sind nicht das Denken.
§Ms-138
15b[2]823. Ich habe also an diesen Menschen gedacht, – aber doch nicht an alle Aspekte dieses Menschen.
§Ms-138
15b[3]824. Es schwebte mir der Garten dieser Tante vor. Ich sah ein Stück von ihm in der Vorstellung, aber doch z.B. nicht, daß er dieser Frau gehörte. Es war da etwas wie ein Zeichen, das ich dann weiter so ausdeutete. Oder las? Nein, ein Lesen ist es nicht, aber ein Deuten auch nicht.
§Ms-138
15b[4]825. “Jetzt weiß ich's!” Was ging da vor? — — Wußte ich's also nicht, als ich sagte, ich täte es? Du siehst es falsch an. (Wozu dient das Signal?)
§Ms-138
15b[5]826. Und könnte man das ‘wissen’ eine Begleitung des Ausrufs nennen?
§Ms-138
15b[6]827. (Der Keim könnte ein Wort oder ein Vorstellungsbild, oder verschiedenes andre sein.)
§Ms-138
15b[7]828. “Mir liegt das Wort auf der Zunge.” Was geht da in meinem Bewußtsein vor? Darauf kommt's gar nicht an. Was immer vorging, meinte ich nicht mit jenen Worten. Interessanter ist, was in meinem Benehmen dabei vorging. Was ich sagte, welche Bilder ich verwendete, wie ich dreinschaute, – “Mir liegt das Wort auf der Zunge” ist ein Wortausdruck dessen, was sich auch in ganz anderer Weise durch ein charakteristisches Benehmen ausdrückt. Frage wieder nach der primitiven Reaktion, die der Äußerung zu Grunde liegt.
§Ms-138
15b[8] &16a[1]
829. 07.02.1949
Die Absicht hat keinen Ausdruck in Miene, Gebärde, oder Stimme, aber der Entschluß.
§Ms-138
16a[2]830. Die Philosophen legen sich für manches Wort eine ideale Verwendung zurecht, die dann aber nichts taugt.
§Ms-138
16a[3]831. “Ich weiß …” bedeutet zumeist “Ich habe mich davon überzeugt, daß …”. Niemand sagt, er habe sich davon überzeugt, er habe zwei Hände.
§Ms-138
16a[4]832. Ich weiß wie man sich davon überzeugt, man habe zwei Münzen in der Tasche. Aber ich kann mich nicht davon überzeugen, ich habe zwei Hände, weil ich nicht daran zweifeln kann.
§Ms-138
16a[5]833. Aber was heißt es “sich von etwas überzeugen”? Um es zu verstehen, muß man sich einfache Sprachspiele mit diesem Wort vorführen. – Wie überzeugt Einer sich im Sprachspiel 8, daß dort so & so viele Platten liegen? Wie überzeugt man sich davon, daß 6 + 6 = 12 ist? U.s.f..
§Ms-138
16a[6]834. Man sagt “Ich weiß …”, wo man zweifeln kann, während die Philosophen gerade dort sagen, man wisse etwas, wo es keinen Zweifel gibt & wo daher die Worte “Ich weiß” als Einleitung der Aussage überflüssig sind.
§Ms-138
16a[7]835. Es ist hier wie mit dem Schluß “Alle Menschen sind sterblich; Sokrates ist ein Mensch; etc.”, von dem es auch nicht klar ist, wie, unter welchen Umständen, er anzuwenden wäre.
§Ms-138
16a[8]836. 08.02.1949
Wie wäre z.B. der Gesichtseindruck dessen, der eine Druckseite liest, zu beschreiben.
§Ms-138
16b[1]837. “Ja, jetzt weiß ich was ‘bremseln’ ist.” (Er hat etwa zum erstenmal einen elektrischen Schlag gespürt.) – Fühlt er ein andres mal dasselbe, so wird er vielleicht nach den gleichen Begleiterscheinungen ausschauen. Das Bremseln lehrt ihn die Außenwelt kennen. – Lehrt uns das Erinnern auf gleiche Weise, das & das Ereignis sei vergangen? – Dann müßte man es mit vergangenen Ereignissen in Zusammenhang bringen. (Photographie & Moden) Während es doch das Kriterium des Vergangenen ist.
§Ms-138
16b[2]838. Und wie wirst Du in Zukunft wieder wissen, wie Erinnern tut?
§Ms-138
16b[3]839. Wie weiß er, daß dies Gefühl ‘Erinnern’ ist? Vergleiche “Ja, jetzt weiß ich, was ‘Bremseln’ ist” (er hat etwa zum ersten mal einen elektrischen Schlag gekriegt). – Weiß er, daß es Erinnern ist, weil er damit die Vergangenheit erkennt? Und wie weiß er, was Vergangenheit ist? Den Ausdruck der Vergangenheit lernt ja der Mensch, indem er sich erinnert.
§Ms-138
16b[4]840. Dagegen könnte man z.B. von einem Gefühl “Lang, lang ist's her” sprechen, denn es gibt einen Ausdruck der Stimme & Miene, der gewissen Erzählungen aus vergangenen Tagen eigen ist.
§Ms-138
16b[5] &17a[1]
841. 09.02.1949
James will eigentlich sagen: “Was für ein merkwürdiges Erlebnis! Das Wort ist noch nicht da & ist doch, in einem Sinne, schon da, oder etwas ist da, was nur zu diesem Wort heranwachsen kann.” – Aber das ist gar kein Erlebnis, die Worte “Es liegt mir auf der Zunge drücken kein Erlebnis aus gibt ihnen nur die seltsame Deutung.
§Ms-138
17a[2]842. Sie drücken ebenso wenig ein Erlebnis aus, wie die Worte “Jetzt hab ich's!” – Sie sind ein Ausdruck, den wir in gewissen Situationen gebrauchen & er ist umgeben von einem Benehmen besonderer Art, auch von manchen charakteristischen Erlebnissen. Insbesondre folgt ihnen häufig das Finden des Wortes. (Frage Dich: “Wie wäre es wenn Menschen nie das Wort fänden, das ihnen auf der Zunge liegt?”)
§Ms-138
17a[4] &17b[1]
843. Es gibt hier, wie in vielen verwandten Fällen, was man ein Keimerlebnis nennen kann: eine Vorstellung, Empfindung, die sich dann nach & nach zur vollen Erklärung auswächst. Und man möchte sagen, es sei ein logischer Keim, etwas, was sich mit logischer Notwendigkeit so auswachsen mußte. Mir fällt bei irgendeinem Anlaß der & der Mensch ein. Wie geschah es? – Zuerst sah ich ein Bild vor mir, etwa bloß graue Haare – dann sagte ich den Namen N.(aber der kann auch noch vielen Menschen angehören) – aber ich sage, ich meine den N., welcher … etc.– Und ferner habe ich den Namen nicht von dem Vorstellungsbild abgelesen, & ich habe es auch nicht nachträglich so & so gedeutet; denn auf die Frage, ob ist erst später gewußt oder entschieden hätte, wem die grauen Haare & der Name N. gehören, werde ich's verneinen & sage, ich hätte es von Anfang an gewußt. Aber wissen ist kein Erlebnis. – “Ich habe es von Anfang an gewußt” heißt eigentlich nur: Ich habe den Namen vom Bild nicht abgelesen, denn ich habe mir z.B. nicht überlegt “Wem gehören diese Haare, wer schaut so aus!” – noch sagte ich mir “Der Name ‘N’ soll einmal für diesen Menschen stehn”. Man könnte sagen, ich wurde immer expliziter. Aber woher nun die Idee vom logischen Keim? D.h. eigentlich: Woher die Idee “Es war alles schon im Anfang da & im ersten Erlebnis enthalten”? Hat es nicht einen ähnlichen Grund wie James's Behauptung, der Gedanke sei schon zu Anfang des Satzes fertig? Dies behandelt die Absicht als ein Erlebnis.
§Ms-138
17b[2]844. Ich schreite von Erklärung zu Erklärung (weiter). Scheine aber nur zu sagen, was schon da war. Freilich. Denn “Es ist nicht von Anfang an dagewesen” wäre falsch. “Der Gedanke ist nicht von Anfang an fertig gewesen” heißt: Ich habe erst später herausgefunden oder entschieden, was ich sagen wollte. Und das will ich nicht sagen.
§Ms-138
17b[3]845. Die Idee, dies Erlebnis sei ein Keim, entsteht allerdings durch einen logischen Prozeß. Es wird in einem logischen Sinne ein Keim. Durch eine logische Deutung.
§Ms-138
17b[4]846. Könnte ich nicht auch so sagen: Daß mir zuerst die grauen Haare vorschwebten, denn der Name ist ganz unwesentlich. Es hätte mir ebensogut der Name zu Anfang einfallen können.
§Ms-138
17b[5]847. Ich wußte gleich von Anfang, wer es war. “Ich wußte es nicht gleich von Anfang” würde ja heißen: ich bin später erst draufgekommen. So war es gewiß nicht.
§Ms-138
18a[1]848. 10.02.1949
Wenn ich (normalerweise) schreite, gehe, esse, rede, dahin & dorthin schaue trachte ich ebensowenig diese Handlungen auszuführen, als mir das Gesicht eines alten Freundes ‘bekannt vorkommt’. Aber versuchen, trachten, sich entschließen sind die Willensakte, das worin sich der Wille für uns ausspricht, sie sind das, woran wir denken, wenn wir vom Willen reden.
§Ms-138
18a[2]849. (Ähnlich könnte man, glaube ich, sagen: Eine Multiplikation ist kein Experiment, denn kein Experiment könnte die besondern Konsequenzen einer Multiplikation haben.)
§Ms-138
18a[4]850. Aber ‘kommt’ das Wort, das Dir einfällt nicht in etwas besonderer Weise? Gib doch acht! – Das genaue Achtgeben nützt mich nichts. Ich könnte damit doch nur entdecken, was in mir jetzt vorgeht. Und wie kann ich beim Philosophieren überhaupt drauf hinhorchen? Ich müßte dazu doch abwarten, bis mir wieder (einmal) ein Wort einfällt. Aber das Seltsame ist (ja), daß es scheint, als müßte ich (gar) nicht auf so eine Gelegenheit warten. Als könnte ich mir den Fall vorführen, auch wenn er mir nicht wirklich passiert. Und wie? – Ich spiele ihn. – Aber was kann ich auf diese Weise erfahren? Was mache ich denn nach? – Gebärden, Mienen, einen Tonfall. (Diese Bemerkung hat sehr allgemeine Anwendung.)
§Ms-138
18a[5] &18b[1]
851. 12.02.1949
– – – Als Erlebnis gedeutet sieht es freilich seltsam aus. (Nicht anders, als das ‘Meinen’, gedeutet als Vorgang beim Sprechen, oder – als Kardinalzahl.)
§Ms-138
18b[2]852. 13.02.1949
Das stille Reden ist nicht ein halb-verborgenes schwer klar zu sehendes Phänomen & wir müssen nun trachten es deutlicher zu sehen & darüber sagen, soviel wir wissen. – Es ist gar nicht verborgen, aber sein Begriff ist verwirrend.
Wir können es einen artikulierten Vorgang nennen: denn es geht in einer Zeitspanne vor sich, kann einen andern Vorgang begleiten. gleichsam ein verschleiertes Antlitz, wie es manchmal scheint. (Die Frage, ob beim stillen Reden immer, oder zumeist Kehlkopfbewegungen etc. stattfinden, mag großes Interesse haben, aber nicht für uns.)
§Ms-138
18b[3]853. Ich soll nicht sagen “das stille Reden zu mir selbst”, denn man kann innerlich reden, ohne zu sich selbst zu reden.
§Ms-138
18b[4]854. Denk Dir dieses Spiel – ich nenne es “Tennis ohne Ball”: Die Spieler bewegen sich auf einem Tennisplatz ganz wie im Tennis, sie haben auch Schläger aber keinen Ball. Jeder reagiert auf des Andern stroke so, oder ungefähr so, als hätte ein Ball ihre Reaktion bestimmt. (Manöver) Der der einen ‘Blick’ für das Spiel haben muß beurteilt strittigenfalls, ob ein Ball in's Netz gegangen ist, etc. etc.. Das Spiel hat offenbar große Ähnlichkeit mit dem Tennis & ist doch anderseits grundverschieden.
§Ms-138
19a[1]855. Aber es ist hier ein Unterschied: Reden in der Vorstellung kann nur der, der reden kann. Denn zum Reden in der Vorstellung gehört, daß es sich später mitteilen läßt, was ich im Stillen geredet habe. – Dagegen könnte das Tennis ohne Ball (theoretisch) auch der lernen der das andre Tennis nicht kennt.
§Ms-138
19a[2]856. “Aber Reden im Stillen ist doch eine gewisse Tätigkeit, die ich lernen muß!” Wohl; aber was ist hier ‘tun’ & was ist hier ‘lernen’? Laß dich die Bedeutung der Worte von ihrer Verwendung lehren!
§Ms-138
19a[3]857. “So rechne ich nicht wirklich, wenn ich im Kopf rechne?!” – Du unterscheidest doch auch Kopfrechnen von wahrnehmbarem Rechnen! Und Du kannst jenen Begriff nicht haben, ohne diesen zu haben, & jene Tätigkeit nur lernen, indem Du diese lernst. (Ihre Begriffe sind so nah verwandt & soweit entfernt wie die der Kardinalzahl & der rationalen Zahl).
§Ms-138
19a[4]858. Du könntest lernen, nach dem Metronom im Kopf zu rechnen.
§Ms-138
19a[5]859. Nicht jedes Wesen das Furcht, Freude, Schmerz, äußern kann, kann sie heucheln.
§Ms-138
19a[6]860. Es wäre etwa so: Nur im Gesicht kann ein Auge lächeln, aber nur in der ganzen Gestalt kann es – – –
§Ms-138
19a[7]861. Nur in einer ganz gewissen Umgebung kann etwas Schmerzäußerung sein; aber nur in einer noch viel [unreadable] bestimmten kann es ein Schmerzheucheln geben.
§Ms-138
19a[8] &19b[1]
862. Denn Heucheln ist ein (bestimmtes) Muster im Lebensteppich. Es kehrt in unendlichen Variationen wieder. Ein Hund kann nicht Schmerzen heucheln, weil sein Leben dazu zu einfach ist. Es hat nicht die nötigen Gelenke zu diesen Bewegungen.
§Ms-138
19b[2]863. Du kannst doch den Heuchler auf dem Theater darstellen. Es gibt also eine Erscheinung des Heuchelns, sie ist weit komplizierter als die Erscheinung des Leidens z.B.. Sonst könnte man Heuchelei nicht entlarven.
§Ms-138
19b[3]864. 14.02.1949
Es ließe sich auch denken, daß Menschen bewußt im Kehlkopf rechneten, wie sie ja auch z.B. mit den Fingern rechnen könnten. Willst Du denn sagen es sei eine Täuschung, wenn sie sich einbilden sie hörten im Innern die Rede, oder ein bloßer Trick der Sprache?
§Ms-138
19b[4]865. Die Hypothese, daß beim stillen Reden gewisse physiologische Vorgänge stattfinden, ist für uns nur insofern von Interesse, als sie uns eine mögliche Anwendung des Berichts “Ich sagte mir im Stillen …” zeigt; nämlich die, von der Äußerung auf den physiologischen Vorgang zu schließen.
§Ms-138
19b[5]866. Was muß das Kind lernen, ehe es heucheln kann? Z.B. die Verwendung der Worte: “Er glaubt, ich habe Schmerzen, aber ich habe keine.”
§Ms-138
19b[6]867. Das Kind macht die Erfahrung, es werde freundlich behandelt wenn es, z.B. bei Schmerzen, schreit; es schreit nun, um so behandelt zu werden. Das ist kein Heucheln. Nur eine Wurzel des Heuchelns.
§Ms-138
20a[1]868. Ein Kind muß allerlei lernen, ehe es heucheln kann.
§Ms-138
20a[2]869. Es muß ein kompliziertes Muster des Benehmens lernen, ehe es heucheln oder aufrichtig sein kann.
§Ms-138
20a[3]870. Ein Hund heuchelt nicht; aber er ist auch nicht aufrichtig.
§Ms-138
20a[4]871. Das Kind lernt auch den Schmerz mimen. Es lernt das Spiel: sich stellen, als habe man Schmerzen.
§Ms-138
20a[5]872. “Wenn das Kind nur einmal weiß, was Schmerzen sind, so weiß es natürlich auch, daß man sie heucheln kann.”
§Ms-138
20a[6]873. 15.02.1949
“ … Und eines Tages glaubt nun das Kind etwas.” Warum ist das falsch? “Eines Tages sagt es ‘Ich glaube …’” ist richtig. “Heute hat es zum ersten Mal etwas geglaubt.” Nun, was ist dabei? – es ist eben heute zum erstenmal das in seinem Innern vorgegangen. – Aber wie zeigte es sich? Nun, er sagte heute zum erstenmal “Ich glaube, sie hat Schmerzen”. Das aber ist nicht genug. Ich muß also annehmen, er zeigte in der Folge, daß er die Worte nicht nur nachgesprochen hatte. Kurz, jene Äußerung fing ein Spiel an, & er konnte es fortsetzen. Heute, so schien es, war ihn das Spiel aufgegangen. Aber wie kann dem Kind plötzlich ein Sprachspiel aufgehn? Gott weiß es. – Es fängt eines Tages an, etwas zu tun. Denk Dir etwas Analoges im Lernen eines Brettspiels, das das Kind täglich gespielt sieht.
§Ms-138
20a[7] &20b[1]
874. Er lernt nicht nur den Gebrauch des Ausdrucks “Schmerzen haben” in all seinen Zeiten & Personen , sondern auch in Verbindung mit der Negation & den Verben des Dafürhaltens. Denn: glauben, bezweifeln etc. daß der Andre Schmerzen hat, sind natürliche Arten unsres Verhaltens gegen den Andern. (Er lernt “Ich glaube, er hat …”, “Er glaubt, ich habe …” etc. etc., aber nicht “Ich glaube, ich habe.”) (Hat der Raum da ein Loch? Nein, er scheint nur eins zu haben.)
§Ms-138
20b[2]875. Ändert dabei das Wort ‘Schmerz’ seine Bedeutung?
§Ms-138
20b[3]876. Das ‘Heucheln’ macht im Schmerzbegriff keine Schwierigkeit. Es macht ihn komplizierter. (Gebrauch des Geldes.)
§Ms-138
20b[4]877. Die Unsicherheit, ob der Andre …, sie ist ein (wesentlicher) Zug aller dieser Sprachspiele. Aber dies bedeutet nicht, daß jeder im hoffnungslosen Zweifel darüber ist, was der andre fühlt.
§Ms-138
20b[5]878. Die Teile eine Maschine sind elastisch, ja auch biegsam. Aber heißt das nun, daß es eigentlich keinen Mechanismus gibt, da sich die Maschinenteile benehmen, als wären sie aus Butter hergestellt? (Und denk Dir nun Mechanismen Uhrwerke etwa, aus Materialien hergestellt, die weit biegsamer sind als die Unsern, so daß die Bewegungen seltsam unregelmäßig würden, – müßte so ein Mechanismus unbrauchbar sein, könnte er nicht, tatsächlich, verwendet werden? (Und wir haben ja unsre Begriffe nicht, weil sie praktisch sind. Oder doch nur einige aus diesem Grund.)
§Ms-138
20b[6] &21a[1]
879. Denk Dir Unsicherheit in ein Spiel eingeführt! Das könnte auf vielerlei Weise geschehen. Denk Dir's so: [Tennis ohne Ball]. Wenn Du fändest, daß Leute dies Spiel spielen, würdest Du sagen, dies sei kein Spiel? Nun, verglichen mit den unsern wäre es von sehr verschiedenem Charakter. (It takes many kinds …)
§Ms-138
21a[2]880. Daß das, was Einer innerlich redet, mir verborgen ist, es sei denn, er teile es mir mit, liegt im Begriff innerliches Reden’. Nur ist “verborgen” hier das falsche Wort; denn ist es mir verborgen, so sollte es ihm selbst offenbar sein, er müßte es wissen. Aber er ‘weiß’ es nicht, obwohl es für ihn meinen Zweifel nicht gibt.
§Ms-138
21a[3]881. “Ich weiß, was ich will, wünsche, glaube, hoffe, sehe” etc. etc. (durch alle psychologischen Verben) ist entweder Philosophenunsinn, oder aber nicht ein Urteil a priori.
§Ms-138
21a[4]882. “Ich weiß …” mag heißen “Ich zweifle nicht …” – aber es heißt nicht die Worte “Ich zweifle” seien hier sinnlos, der Zweifel logisch unmöglich.
§Ms-138
21a[5]883. Man sagt “Ich weiß …”, wo man sich überzeugen kann.
§Ms-138
21a[6] &21b[1]
884. Ein Fall läßt sich denken, indem ich mich davon überzeugen könnte, daß ich zwei Hände habe. Normalerweise aber kann ich's nicht. “Aber Du brauchst sie Dir ja nur vor die Augen zu halten.” – Wenn ich jetzt zweifeln könnte, daß ich zwei Hände habe, so hätte ich auch keinen Grund meinen Augen zu trauen. (Ebensogut könnte ich dann meinen Freund fragen.)
§Ms-138
21b[2]885. “Seine Schmerzen sind mir verborgen”, das wäre, als sagte ich: “Diese Klänge sind meinem Auge verborgen.”
§Ms-138
21b[3]886. Die Unsicherheit, in der mich all sein Benehmen über das läßt, was in seiner Seele ist. Aber läßt es mich denn immer unsicher?
§Ms-138
21b[4]887. “Es ist hier freilich nicht immer subjektive Unsicherheit, aber objektive.” (Aber was heißt das?)
§Ms-138
21b[5]888. 16.02.1949
‘Objektive Unsicherheit’ ist eine Unbestimmtheit im Wesen des Spiels, der zugelassenen Evidenz.
§Ms-138
21b[6]889. “Was er innerlich redet, ist mir verborgen” könnte freilich auch heißen, ich kann es zumeist nicht erraten, noch (wie es ja möglich wäre) aus seinen Kehlkopfbewegungen z.B. entnehmen.
§Ms-138
21b[7]890. Von Sprachverwendungen aber, wie “Nur Du kannst wissen, was in Dir vorgeht”, sehe ich ab. Wer mir aber vorhalten wollte, man sage manchmal “Ich muß doch wissen, ob ich Schmerzen habe”, “Nur Du kannst wissen, was Du denkst” u.a., möge die Anlässe & den Zweck solcher Redensarten überlegen. (“Krieg ist Krieg” ist auch nicht ein Beispiel des Identitätsgesetzes)
§Ms-138
21b[8]891. Bin ich weniger sicher, daß dieser Mann Schmerzen hat, als daß 2 x 2 = 4 ist? – Aber ist darum das erste mathematische Sicherheit? – ‘Mathematische Sicherheit’ ist kein psychologischer Begriff.
§Ms-138
22a[1]892. 17.02.1949
Die Art der Sicherheit ist die Art der Sprachspiels.
§Ms-138
22a[2]893. Es gibt hier zwei verschiedene Fakten: Das eine Faktum, daß ich meine Handlungen im allgemeinen sicherer voraussehe als der Andre; das andre, daß meine Voraussage nicht auf derselben Evidenz beruht wie die des Andern & daß sie andere Schlüsse zuläßt.
§Ms-138
22a[3]894. Nicht das ist wichtig, daß ich irgendwelche Vorgänge in meinem Geist weiß, nicht darum frägt man mich nach meinen Motiven. Sondern weil hier die Evidenz & die Folgen der Aussage von andrer Art sind.
§Ms-138
22a[4]895. “Der Physiker rechnet darum, weil Papier & Tinte zuverlässiger sind als seine Apparate.”
§Ms-138
22a[5]896. Nehmen wir an, es gebe einen Menschen, der immer richtig erriete, was ich im Gedanken zu mir selbst sage. (Wie er das macht, ist gleichgültig.) Aber was ist das Kriterium dafür, daß er es richtig errät? Nun, ich bin wahrheitsliebend & gestehe, er habe es richtig erraten. – Aber könnte ich mich nicht irren, könnte mich mein Gedächtnis denn nicht täuschen? Und kann es das nicht (überhaupt) immer, wenn ich – ohne zu lügen – ausspreche, was ich bei mir gedacht habe? – Aber so scheint es ja, es komme gar nicht darauf an, daß ich weiß ‘was in meinem Innern geschehen ist.’ (Ich mache hier eine Hilfskonstruktion.)
§Ms-138
22a[6] &22b[1]
897. Für das wahrheitsgemäße Geständnis, ich hätte das & das gedacht, sind die Kriterien nicht die, wie für die Beschreibung eines vergangenen Vorgangs.
Und die Wichtigkeit des wahrheitsgemäßen Geständnisses liegt nicht darin, daß es irgendeinen Vorgang mit Sicherheit richtig darstellt. Sie liegt vielmehr in den besondern Anzeichen der ‘subjektiven Wahrheit’ & in den besondern Konsequenzen des wahrheitsgemäßen Geständnisses. Sie liegt vielmehr in den besondern Konsequenzen, die sich aus einem Geständnis ziehen lassen, dessen Wahrhaftigkeit durch die besondern Kriterien der Wahrhaftigkeit verbürgt ist.
§Ms-138
22b[2]898. (Angenommen daß die Träume der Menschen uns wichtige Aufschlüsse über den Träumer geben können, so wäre das, was den Aufschluß gibt, die wahrhaftige Traumerzählung. Die Frage, ob den Träumer sein Gedächtnis manchmal täuscht kann sich gar nicht erheben, es sei denn wir führten ein gänzlich neues Kriterium für die ‘Richtigkeit’ der Traumerzählung ein.)
§Ms-138
22b[3] &23a[1]
899. 18.02.1949
Das Kind, das zuerst einen primitiven Wortausdruck des eigenen Schmerzes lernt, das dann anfängt (auch) von einem vergangenen Schmerz zu erzählen, – es kann eines schönen Tages erzählen: “Wenn ich Schmerzen habe, kommt das Arzt”. Hat nun in diesem Prozeß des Lernens das Wort “Schmerz” seine Bedeutung geändert? – Ja, es hat seine Verwendung geändert. Aber bezieht sich das Wort im primitiven Ausdruck & im Satz nicht dasselbe, nämlich dasselbe Gefühl? Doch; aber nicht auf die gleiche Technik.
§Ms-138
23a[2]900. Ich kann einen Satz aussprechen oder aufschreiben, der eine Absicht (in der ersten Person) ausdrückt. Der Satz sei: “Ich werde in 2 Minuten den linken Arm heben.” Aber es ist doch ein Unterschied, ob das wirklich meine Absicht ist, oder ob ich es nur so, wie gerade jetzt, als Beispiel hinschreibe.
§Ms-138
23a[3]901. Nicht nur auf die Schmerzen, sondern auch auf die Verstellung schließt man ja aus dem Benehmen.
§Ms-138
23a[4]902. 19.02.1949
Eine Form des Gedankenerratens: Einer stellt ein Jigsaw puzzle zusammen, der Andre kann ihn nicht sehen, aber er sagt von Zeit zu Zeit: “Jetzt kann er etwas nicht finden”, “Jetzt denkt er ‘wo habe ich nur ein solches Stück gesehen?’”, “Jetzt ist er sehr befriedigt”, “Jetzt denkt er ‘jetzt weiß ich wo es hingehört!’”, “Jetzt denkt er ‘Es paßt nicht recht’ – & dabei braucht der Andre weder laut noch zu sich selber sprechen.
§Ms-138
23a[5]903. Alles dies ist Erraten von Gedanken, & daß es tatsächlich nicht geschieht, macht den Gedanken nicht verborgener als den physischen Vorgang, den ich nicht wahrnehme.
§Ms-138
23a[6] &23b[1]
904. Man kann sich ein Erraten der Absicht denken, ähnlich einem Erraten des Gedankens, aber auch ein Erraten dessen, was Einer tatsächlich tun wird. Zu sagen “Nur er kann wissen, was er beabsichtigt” ist Unsinn. Zu sagen “Nur er kann wissen, was er tun wird” ist falsch. Denn die Voraussage, die im Ausdruck der Absicht liegt (z.B. “So wie es 5 Uhr schlägt, gehe ich nach Hause.”) mag nicht zutreffen, & ich kann wissen, was wirklich geschehen wird.
§Ms-138
23b[2]905. Zwei Dinge aber sind wichtig. Daß er in vielen Fällen meine Handlungen nicht voraussehen kann, in denen er sie in der Absicht voraussieht. Und daß die Vorhersage der Absicht nicht auf der Grundlage ruht, auf der des Andern Voraussage ruht.
§Ms-138
23b[3]906. 20.02.1949
Vom Glauben, von der Sicherheit möchte man manchmal sagen, sie seien Farbtöne des Gedankens: Und sie drücken sich ja wirklich oft im Ton der Rede aus. Denk aber nicht an sie als ‘Gefühle’, die unsre Worte begleiten.
§Ms-138
23b[4]907. Wäre es richtig, zu sagen, daß das Sprachspiel des Aussprechens des Motivs von der Seite des ‘Andern’ gleich dem des Aussprechens der Ursache ist, aber nicht von der Seite dessen, der sein Motiv gesteht.
§Ms-138
24a[1]908. 21.02.1949
Was ist der Unterschied zwischen Motiv & Ursache? – Wie findet man das Motiv, & wie die Ursache?
§Ms-138
24a[2]909. Die unsägliche Verschiedenheit aller der tagtäglichen Sprachspiele kommt uns gar nicht zu Bewußtsein, weil die äußern Formen unsrer Sprache alles gleichmachen.
§Ms-138
24a[3]910. 22.02.1949
Denke, Menschen würden das Wetter beurteilen; & zwar sagt Einer “Es schaut im Westen gelb aus, das ist ein gutes Zeichen. Es wird schön bleiben.” Und er handelt dementsprechend. Ein Andrer sagt “Nein. Im Norden ist es grau. Ich bin überzeugt, es kommt Regen” – Und handelt danach. Ein Dritter hat wieder andere Kriterien für seine Prognose, etc. etc.. Alle diese Leute können doch ihrer Sache sicher sein. Und die Sicherheit wird sich in ihren Handlungen ausdrücken. Ja hätten sie, statt aller Kriterien, nicht einfach den Himmel anschaun, & sagen können: “Ich habe den bestimmten Eindruck, es wird …”?
§Ms-138
24a[4]911. Und nun: Mehrere Leute betrachten einen Kranken (oder, der sich krank stellt); der Eine hat den Eindruck, er sei wirklich krank, der Andre den entgegengesetzten; jeder sagt a) er habe den bestimmten Eindruck, daß …, & handelt danach b) er gibt Gründe für diesen Eindruck an, die aber nur Gründe für ihn sind. “Was geschieht da, wenn Einer den Eindruck hat …?” – Unsinn! Wie, wenn die Leute einfach sagten: “Ich wette …, er ist krank”, “Ich wette …, er verstellt sich”?
§Ms-138
24a[5] &24b[1]
912. Wenn ich nun glaube, Einer heuchle Schmerz, so glaube ich nicht nur, er habe keinen. Es ist hier ein bestimmter Verdacht. Ich will sagen: Wenn die natürliche Einstellung der Menschen gegen den, der Schmerz äußert, verschieden ist, – die eine kühl & gleichgültig, die andre mitleidsvoll, etc., – so heißt das noch nicht, Einer glaube, der Mensch verstelle sich.
§Ms-138
24b[2]913. Wenn nun Einer sagt “Ich glaube, er heuchelt” – was meint er damit? – Nun, er gebraucht ein Wort, welches man in den & den Lagen gebraucht. Er wird, das Spiel vielleicht so weiterspielen, daß er Vermutungen über das künftige Benehmen des Andern anstellt; das muß aber nicht geschehn. Es geht einiges Benehmen & einige Konversation vor sich. Ein paar Sätze, hin & her; & ein paar Handlungen. Das kann alles sein.
§Ms-138
24b[3] &24b[5]
[Nur im Fluß des Lebens haben die Worte ihre Bedeutung.]
§Ms-138
24b[4]914. Es kommt mir so vor, als stünde irgendwo ein leeres Schachbrett & daneben liegen Schachfiguren. Wenn ein paar Leute dran vorbeikommen, so stellt etwa der eine 2 oder 3 Figuren auf & der Andre auch; einer macht einen Zug, es folgt ein Gegenzug, sie machen Gesichter dabei, oder sagen so etwas wie “Das war dumm!” “Siehst Du!” etc. & lassen's dann. Das Ganze wäre unmöglich wenn sie nicht Schach spielen könnten; was vor sich geht aber, ist ein Fragment, oder mögliches Fragment einer Schachpartie.
§Ms-138
24b[6] &25a[1]
915. Vergleiche nun “das Urteil eines Fachmanns” mit jenen Urteilen über das Wetter. Jenes hat für einen Andern als den Urteilenden Wert, – dieses ist nur eine Äußerung der Stellungnahme des Urteilenden; – es mag dadurch freilich auch auf Andre wirken. Die Sprachspiele sind verschieden.
§Ms-138
25a[2]916. Und natürlich gibt es auch hier Übergänge.
§Ms-138
25a[3]917. Man könnte fragen: “Gibt es, was die Gefühle eines Menschen betrifft, ein ‘fachmännisches’ Urteil?” Und die Antwort wäre: Es gibt auch hier, was man ‘Menschen mit besserem’ & ‘Menschen mit schlechterem Urteil’ nennt.
§Ms-138
25a[4]918. Aber es gibt z.B. keine Fachprüfung in Menschenkenntnis. (Wie wäre es, wenn's eine gäbe?)
§Ms-138
25a[5]919. Aber worin zeigt es sich, daß Einer das richtige Urteil hat? Das ist schwer zu sagen. Ich könnte manches anführen; aber es wären nur Fetzen einer Beschreibung.
§Ms-138
25a[7]920. Man kann einen auch durch Evidenz von dem & dem Seelenzustand des Andern überzeugen, Und doch gibt es hier kein Fachstudium.
§Ms-138
25a[8] &25b[1]
921. Wie ist es damit, wenn man gewisse Regeln geben kann, aber doch nur wenige & solche die Einer durch Erfahrung ohnehin zumeist erlernt, – wenn aber das wichtigste Übrige unwägbar ist??
§Ms-138
25b[2]922. Was heißt “unwägbare Evidenz”? (Seien wir ehrlich!)
§Ms-138
25b[3]923. Ich sage Einem, ich habe Gründe für diese Behauptung, oder Beweise für sie, aber sie seien ‘unwägbar’. Nun, ich habe z.B. den Blick gesehen, den der eine dem andern zugeworfen hat. Ich sage “Hättest Du ihn gesehen, so würdest Du dasselbe sagen”. [Aber es ist hier noch eine Unklarheit.] Ich kann ihn vielleicht ein andermal diesen Blick sehen lassen & er ist dann überzeugt. Das wäre eine Möglichkeit. Ich mache zum Teil Vorhersagen des Benehmens (“Sie werden heiraten, sie wird ihn dazu bringen.”) zum Teil auch nicht.
§Ms-138
25b[4]924. Die Frage ist: Was leistet die unwägbare Evidenz? Mit welchem Rechte nennt man das “Evidenz”? (Vergleiche den Fall der Wetterbeobachter mit dem des Menschen, der das Leiden eines andern beurteilt.)
§Ms-138
25b[5] &26a[1]
925. 23.02.1949
Ein wichtiges Faktum ist hier, daß wir Gewisses nur durch lange Erfahrung lernen & nicht durch einen Kurs in einer Schule. Wie entwickelt man z.B. einen Kennerblick? Es sagt Einer z.B.: “Dieses Bild ist nicht von dem & dem Meister” – er macht also eine Aussage, die kein ästhetisches Urteil ist, sondern vielleicht durch Dokumente bewiesen werden kann. Er mag nicht im Stande sein, sein Urteil klar zu begründen. – Wie hat er es gelernt. Konnte jemand es ihn lehren? O ja. – Nicht so, wie man rechnen lehrt. Es bedurfte langer Erfahrung. D.h., der Lernende mußte vielleicht wieder & wieder eine Menge Bilder verschiedener Meister betrachten & vergleichen. Dabei konnte man ihm Winke geben. Nun das war der Prozeß des Lernens. Dann aber betrachtete er ein Bild & gab ein Urteil ab. Er konnte in den meisten Fällen Gründe für sein Urteil abgeben aber sie waren in den meisten Fällen nicht überzeugend.
§Ms-138
26a[2]926. Betrachte das Lernen – und das Resultat des Lernens.
§Ms-138
26a[3]927. Der Kenner könnte sich z.B. einer Jury nicht verständlich machen. D.h. sie würden seinen Ausspruch aber nicht seine Gründe verstehen. Dem andern Kenner kann er die Andeutungen geben, die dieser versteht.
§Ms-138
26a[4]928. Aber will ich etwa sagen, die Sicherheit der Mathematik beruhe auf der Zuverlässigkeit von Tinte & Papier? Nein. (Das wäre ein circulus vitiosus) Ich habe nicht gesagt warum es zwischen den Mathematikern nicht zum Streit kommt, sondern nur daß es nicht zum Streit kommt.
§Ms-138
26a[5]929. Es ist wohl wahr daß man mit gewissen Arten von Papier & Tinte nicht rechnen könnte, wenn sie nämlich gewissen seltsamen Änderungen unterworfen wären, aber daß sie sich ändern könnte ja doch wieder nur durch das Gedächtnis & den Vergleich mit andern Rechenmitteln gezeigt werden. Und diese kann man ja nicht wieder an etwas anderm prüfen.
§Ms-138
26a[6] &26b[1]
930. Hat es Sinn zu sagen, die Menschen stimmen in Bezug auf ihre Farburteile im allgemeinen überein?? Wie wäre es wenn's anders wäre? Der Eine würde sagen, die Blume sei rot, die der andre für blau hält etc. – Aber mit welchem Recht könnte man nun die Wörter “rot” & “blau” dieser Menschen Farbwörter nennen? Warum sollen wir sagen, sie hätten die gleiche Bedeutung? Wir können das eine & das andere sagen. Der Begriff ist nun geändert & es gibt Gründe, ihn noch als denselben anzusprechen, & Gegengründe.
§Ms-138
26b[2]931. Aber wie ist es damit: “Es kommt über Farburteile im allgemeinen nicht zum Streit”? Es gibt ‘Farbenblindheit’ & Mittel sie festzustellen. Ist jener Satz nicht einer über den Begriff des Farburteils?
§Ms-138
26b[3]932. 24.02.1949
Wenn nicht Übereinstimmung in den Farburteilen bestünde, wie erlernten Menschen denn die Farbwörter gebrauchen? Mit welchem Recht könnten wir den Gebrauch, den sie lernen, den der ‘Farbnamen’ nennen? Aber hier gibt es natürlich Übergänge.
§Ms-138
26b[4]933. Und diese Überlegung muß für die Mathematik gelten: Gäbe es unsere mathematische Sicherheit nicht, so würden die Menschen auch nicht die gleiche Technik lernen, die wir erlernen. Sie wäre von der unsern mehr, oder weniger verschieden, & im Grenzfalle bis zur Unkenntlichkeit.
§Ms-138
26b[5] &27a[1]
934. “Die mathematische Wahrheit ist doch unabhängig davon, ob Menschen sie erkennen, oder nicht!” – Gewiß: “Die Menschen glauben, daß 2 x 2 = 4 ist” & “2 x 2 = 4” haben nicht den gleichen Sinn. Dieser ist ein mathematischer Satz, jener, wenn er überhaupt einen Sinn hat, kann etwa heißen, daß die Menschen auf den mathematischen Satz gekommen sind. Die Beiden haben gänzlich verschiedene Verwendung. – Aber was würde nun das heißen: “Wenn auch alle Menschen glaubten, 2 x 2 sei 5, so wäre es doch 4”? Wie sähe denn das aus, wenn alle Menschen das glaubten? Nun, ich kann nur sagen, es wäre ein andrer Kalkül. Wäre es falsch! Ist eine Königskrönung falsch? Höchstens nutzlos. Und vielleicht auch das nicht.
§Ms-138
27a[2]935. Mathematik ist freilich, in einem Sinne, eine Lehre, aber doch auch ein Tun. Und einen ‘falschen Zug’ kann es nur als Ausnahme geben; denn würde, was wir jetzt so nennen, die Regel, so hörte damit das Spiel auf, worin es ein falscher Zug war.
§Ms-138
27a[5]936. 26.02.1949
Zur ‘unwägbaren Evidenz’ gehört gewiß der Ton, der Blick, die Gebärde. Ist es hier nicht wirklich, als sähe man das Arbeiten des Nervensystems. Denn ich möchte wohl, daß meine geheuchelte Gebärde ganz der echten gleicht, aber es geschieht eben doch nicht das gleiche.
§Ms-138
27a[6] &27b[1]
937. Ich kann den echten Blick der Liebe erkennen, ihn vom verstellten unterscheiden. Und ich kann ihn doch dem Andern auf keine Art beschreiben. Hätten wir etwa einen großen Maler hier, so wäre es denkbar, daß er solcher in Bildern den echten & den geheuchelten darstellte, oder es ließe sich eine Darstellung im Film denken, – auf sie aufgebaut vielleicht eine Beschreibung in Worten.
§Ms-138
27b[2]938. Frage Dich: Wie lernt der Mensch, einen ‘Blick’ für etwas kriegen? & wie läßt sich dieser Blick verwenden.
§Ms-138
27b[3]939. 27.02.1949
Mit welchem Recht kann man sagen, ein Kind müsse manches lernen, ehe es heucheln kann? (– – – Ehe es einen Rechenfehler machen kann.)
§Ms-138
27b[4]940. Jemand sagt von seinem Kind “Heute hat es zum ersten Mal geheuchelt”. Das kann man sich leicht vorstellen. Aber nicht, wenn er sagt “Heute war es zum ersten Mal aufrichtig” – obwohl man doch vom Neugeborenen nicht sagen könnte, es sei aufrichtig. Und doch kann man wieder sagen “Mein Kind ist jetzt schon entschieden aufrichtig”.
§Ms-138
27b[5]941. Wenn man nun fragt “Was muß es lernen, um aufrichtig sein, zu können?” – erhält man vielleicht so eine Antwort wie: “Es muß eingesehen haben, daß Unaufrichtigkeit schlecht ist” – oder irgend eine Antwort, die das Innere des Kindes beschreibt, die inneren Requisiten.
§Ms-138
27b[6] &28a[1]
942. Auch boshaft, freundlich, dankbar, kann ja das neugeborne Kind nicht sein. Erst in einem komplizierten Muster des Benehmens gibt es Dankbarkeit. Wenn eine Figur nur aus drei Geraden besteht, so kann sie weder ein regelmäßiges noch ein unregelmäßiges Sechseck sein.
§Ms-138
28a[2]943. Wir sagen doch gewiß normalerweise nur von dem, er sei aufrichtig, der sprechen kann. Und wenn daraus auch nicht folgt, daß der Begriff ‘aufrichtig’ dort unanwendbar wäre, wo keine Sprache ist, so doch das, daß dieser Begriff dort nicht ohne jede Schwierigkeit anzuwenden ist.
§Ms-138
28a[3]944. Der Erwachsene kann freilich, ohne ein Wort zu sprechen, durch Mienen, Gebärden & unartikulierte Laute heucheln, oder aufrichtig sein.
§Ms-138
28b[2]945. Denk Dir ein neugebornes Kind, das zwar freilich nicht reden könnte, aber das Mienen- & Gebärdenspiel der Erwachsenen hätte!
§Ms-138
28b[3]946. Erst in einem komplizierten Ausdrucksspiel gibt es Heuchelei & ihr Gegenteil. (Wie erst in einem Spiel einen falschen, oder richtigen Zug.)
§Ms-138
28b[4]947. Und wenn sich das Ausdrucksspiel entwickelt, so kann ich freilich sagen, es entwickle sich eine Seele, ein Inneres. Aber es ist nun das Innere nicht mehr die Ursache des Ausdrucks. (Sowenig wie das mathematische Denken das Rechnen erzeugt, die Triebkraft des Rechnens ist. Und dies ist eine Bemerkung über Begriffe.)
§Ms-138
28b[5]948. Einen dreifachen Kontrapunkt gibt es nur in einer ganz bestimmten musikalischen Umgebung.
§Ms-138
28b[6]949. Denk Dir, Einer verstecke seine Absicht, indem er einen geschriebenen Plan versteckt.
§Ms-138
28b[7]950. 28.02.1949
‘Der Schmerz das Wichtige – die Klage das Unwichtige’ – Nun, ich will, daß er von meinen Schmerzen Notiz nimmt, nicht von den Klagelauten. Und wie nimmt er von meinen Schmerzen Notiz?
§Ms-138
28b[8]951. Es scheint: hier ist ein Inneres, worauf das Äußere nur unbestimmte Schlüsse zuläßt. Es ist ein Bild & was das Bild rechtfertigt ist offenbar. Die scheinbare Sicherheit der ersten Person, die Unsicherheit der dritten.
§Ms-138
29a[1]952. ‘Die zureichende Evidenz geht, ohne scharfe Grenzen zu haben, in die unzureichende über.’ Die Grenzen sind verschwommen. Und doch gibt es Evidenz.
§Ms-138
29a[2]953. Die Beurteilung der Fälle ist schwankend, wie die natürliche Stellungnahme zum Andern.
§Ms-138
29a[4]954. 01.03.1949
Der seelenvolle Ausdruck in der Musik. Er ist nicht nach Graden der Stärke & des Tempos zu beschreiben. Sowenig wie der seelenvolle Gesichtsausdruck durch räumliche Maße. Ja er ist auch nicht durch ein Paradigma zu erklären, denn das gleiche Stück kann auf unzählige Arten mit echtem Ausdruck gespielt werden.
§Ms-138
29a[5]955. Und wie sähe nun das Gegenteil aus? – Man könnte die Traurigkeit z.B. mit derselben Sicherheit feststellen, mit der man eine Halsentzündung etwa feststellt. – Aber was wäre nun das für ein Begriff der Traurigkeit? Der unsere?
§Ms-138
29a[6]956. Warum nicht? Wer bei einem bestimmten Anlaß dieses Gesicht macht, sich so hält, etc., von dem können wir all das mit Bestimmtheit voraussagen, was wir (in der Welt, wie sie jetzt ist) von einem wahrhaft Traurigen erwarten.
§Ms-138
29b[2]957. Worin besteht unsre Unwissenheit über die Seelenzustände & Vorgänge im Andern? Denn sie ist aus mehrerem zusammengesetzt. Wir können nicht an seinem Äußern ablesen, was er zu sich selbst sagt. Wir können das, was er sagt oft nicht verstehen. Wir können seine Absichten nicht erraten. Wir wissen oft nicht in welcher Stimmung er sich befindet.
Die Unwissenheiten sind von verschiedener Art; & wenn man sie sich behoben denkt, dann würden sie auf verschiedene Weise behoben.
§Ms-138
29b[3]958. Was heißt es z.B., die Stimmung des Andern mit Sicherheit kennen? Nun, man denkt sich, Einer könnte sie nur vom Gesicht ablesen. – Aber die Absicht auch?! Warum dann nicht ebensogut an den Händen, oder Kleidern? – Aber man könnte sich ein Mittel denken, die Absicht zu erfahren. Man fragt ihn nach seiner Absicht & kann mit Sicherheit erkennen, wenn er lügt & etwa auch, was ihm dann durch den Kopf geht. Aber wenn nun die Absicht in diesem Moment sozusagen nur als Disposition vorliegt, wenn sie nicht gedacht wird? – Hier wäre es also vielleicht nötig, daß ich ihn schon vorher beobachtet hätte!
§Ms-138
29b[4] &30a[1]
959. “Das Innere ist mir verborgen” – ist das nicht ebenso vage, wie der Begriff des ‘Inneren’? (Denn bedenk nur: das Innere ist ja Empfindungen & Gedanken & Vorstellungen & Stimmung & Absicht u.s.f..)
§Ms-138
30a[2]960. Du errätst ja auch seine Absicht, seine Empfindungen, seine Gedanken, seine Stimmung nicht in gleicher Weise.
§Ms-138
30a[3]961. 03.03.1949
Ich weiß auch seine Handlungen nicht voraus wie die meinen, & ich habe andere Mittel meine Absicht zu bilden, als er, sie zu erraten. Auch wenn ich keine positive Absicht habe, kann ich negative Absichten haben; ich weiß nicht, was ich tun werde, bin aber schon entschieden, daß ich das & das nicht tun will.
§Ms-138
30a[4]962. Wenn einem unter Tags ein Traum der letzten Nacht einfällt, an den man früher im Wachen nie gedacht hatte, so ist das ein seltsames Erinnern. – – –
§Ms-138
30a[5]963. Der Gegensatz zu meiner Unsicherheit bezüglich dessen, was in ihm vorgeht, ist nicht seine Sicherheit. Denn ich kann der Gefühle des andern auch sicher sein, aber darum sind es nicht die meinen.
§Ms-138
30a[6]964. “Ich kann die Gefühle des Andern nur erraten” – hat das wirklich Sinn, wenn man ihn z.B. mit schweren Verletzungen in furchtbaren Schmerzen sieht?
§Ms-138
30a[8] &30b[1]
965. 16.03.1949
Der Traum eine Halluzination? – Die Erinnerung an den Traum ist wie die Erinnerung an eine Halluzination, oder vielmehr: wie die Erinnerung an ein wirkliches Erlebnis. Das heißt, man möchte z.B. manchmal sagen: “Ich habe gerade das & das gesehen”, so als hätte man's wirklich gerade gesehen.
§Ms-138
31a[4]966. Denk z.B. an die Beschreibung von ‘Anlässen’. Ist es denn klar, daß Einer die Beschreibung des ‘Kummeranlasses’ verstehen muß? Denn die Anlässe zum Kummer sind ja mit 1000 andern Mustern verwoben. Ist es klar, daß Einer die Technik, die Bezeichnung dieser Art von Muster zu gebrauchen, muß lernen können? Daß er es aus den andern Mustern wie wir herausklauben kann?
§Ms-138
31a[5] &31b[1]
967. Es gibt hier aber einfache & kompliziertere Fälle; & das ist für den Begriff wichtig. Jemand verbrennt sich & schreit auf; nur unter sehr seltenen Umständen würde man sein Benehmen “Verstellung” nennen. Ja hier könnte ein Arzt uns sagen, nur unter den & den Umständen könnte es Verstellung sein.
§Ms-138
31b[2]968. 20.03.1949
Die Beschreibung des Wortgebrauchs. Das Wort wird ausgesprochen – in welcher Umgebung? Wir müssen also etwas Charakteristisches in diesen einzelnen Vorfällen finden, eine Art Regelmäßigkeit. – Nun lernen wir aber den Wortgebrauch nicht mit Hilfe von Regeln. Wie könnte ich Einem denn eine Regel dafür geben, in welchen Fällen er zu sagen hat, er habe Schmerzen! – Dagegen aber gibt es eine ungefähre Gesetzmäßigkeit in dem Gebrauch, den ein Mensch tatsächlich von dem Worte macht.
§Ms-138
31b[3]969. Ich will also sagen: es ist von vornherein nicht ausgemacht, daß es so etwas gibt, wie ‘eine allgemeine Beschreibung der Verwendung eines Worts’. Und wenn es also doch etwas derartiges gibt, – so ist nicht ausgemacht, wie bestimmt eine solche Beschreibung sein muß.
§Ms-138
31b[4]970. Unter welchen Umständen (äußeren Umständen) nennt man etwas eine Schmerzäußerung? (Denn das ist doch eine wichtige Frage,, wenn man sagt daß der wahren Schmerzäußerung etwas Inneres entspricht.)
§Ms-138
31b[5]971. Und kann ich nun diese Umstände beschreiben? – und warum nicht? Ich könnte Beispiele geben, das ist klar. Wie kann ich denn lernen die Umstände zu beschreiben? Hat man mich's denn gelehrt? Oder was müßte ich dazu beobachten?
§Ms-138
32a[1]972. Und das gleiche gilt von den äußeren Anzeichen der ‘Verstellung’.
§Ms-138
32a[2]973. Und wenn ich mir nun eine Aufzählung solcher Umstände denke, für wen wäre sie von Interesse? – Ja einzelne Apercus haben wohl Interesse. Aber wäre eine Aufzählung interessant, die Vollständigkeit anstrebte? Könnte man sie praktisch brauchen? – So funktioniert dieses Spiel gar nicht.
§Ms-138
32a[3]974. 22.03.1949
Es ist hier nichts versteckt, & nähme ich an, es sei etwas versteckt, so hätte die Kenntnis dieses Versteckten kein Interesse. Ich kann aber meine Gedanken vor ihm verbergen, indem ich ein Tagebuch verstecke. Und hier verstecke ich etwas, dessen Kenntnis für ihn von Interesse sein könnte.
§Ms-138
32a[4]975. Zu sagen, meine Gedanken seien ihm unzugänglich, weil sie im Innern meines Geistes stattfänden, ist ein Pleonasmus.
§Ms-138
32a[5]976. Was ich im Stillen zu mir selbst sage, ist ihm nicht bekannt: aber es kommt wieder nicht auf den ‘seelischen Vorgang’ dabei an, wenn auch hier ein physischer Vorgang stattfinden mag, der, wenn er dem Andern bekannt wäre, die laute Rede ersetzen könnte. Man könnte also auch hier einen physischen Vorgang versteckt nennen.
§Ms-138
32a[6] &32b[1]
977. “Was ich im Stillen bei mir denke ist ihm verborgen” kann nur heißen, er könne es nicht erraten, aus dem & dem Grunde nicht erraten; nicht aber, er könne es nicht wahrnehmen, weil es in meiner Seele ist.
§Ms-138
32b[2]978. Man sieht ein Gesicht an & sagt “Was geht wohl hinter diesem Gesicht vor?” – Aber man muß das nicht sagen. Man muß das Äußere nicht als die Front betrachten hinter der die geistigen Kräfte wirken.
§Ms-138
32b[5]979. Die Idee vom Geist des Menschen, den man sieht oder nicht sieht, ist sehr ähnlich der der Wortbedeutung, die als ein Vorgang oder Objekt beim Wort steht.