Bemerkungen über Frazers Golden Bough – I
1931–1933, 50 remarks, Ts-211, Ts-213, Ms-110
§Ts-211
313[1]Man muß beim Irrtum ansetzen und ihn in die Wahrheit überführen. D.h. man muß die Quelle des Irrtums aufdecken, sonst nützt uns das Hören der Wahrheit nichts. Sie kann nicht eindringen, solange etwas anderes ihren Platz einnimmt. (Einen von der Wahrheit zu überzeugen, genügt es nicht, die Wahrheit zu konstatieren, sondern man muß den Weg vom Irrtum zur Wahrheit finden.)
§Ts-211
313[2]Ich muß immer wieder im Wasser des Zweifels untertauchen.
§Ts-211
313[3]Frazers Darstellung der magischen und religiösen Anschauungen der Menschen ist unbefriedigend: sie läßt diese Anschauungen als Irrtümer erscheinen. So war also Augustinus im Irrtum, wenn er Gott auf jeder Seite der Confessiones anruft? Aber – kann man sagen – wenn er nicht im Irrtum war, so war es doch der buddhistische Heilige – oder welcher immer – dessen Religion ganz andere Anschauungen zum Ausdruck bringt. Aber keiner von ihnen war im Irrtum, außer wo er eine Theorie aufstellte.
§Ts-211
313[4] &314[1]
Schon die Idee, den Gebrauch – etwa die Tötung des Priesterkönigs – erklären zu wollen, scheint mir verfehlt. Alles was Frazer tut ist, sie Menschen, die so ähnlich denken wie er, plausibel zu machen. Es ist sehr merkwürdig, daß alle diese Gebräuche endlich so zu sagen als Dummheiten dargestellt werden. Nie wird es aber plausibel, daß die Menschen aus purer Dummheit alle diese Dinge tun. Wenn er uns z.B. erklärt, der König müsse in seiner Blüte getötet werden, weil nach den Anschauungen der Wilden sonst seine Seele nicht frisch erhalten würde, so kann man doch nur sagen: wo jener Gebrauch und diese Anschauung zusammengehen, dort entspringt nicht der Gebrauch der Anschauung, sondern sie sind eben beide da. Es kann schon sein, und kommt heute oft vor, daß ein Mensch einen Gebrauch aufgibt, nachdem er einen Irrtum erkannt hat, auf den sich dieser Gebrauch stützte. Aber dieser Fall besteht eben nur dort, wo es genügt den Menschen auf seinen Irrtum aufmerksam zu machen, um ihn von seiner Handlungsweise abzubringen. Aber das ist doch bei dem religiösen Gebrauche eines Volkes nicht der Fall und darum handelt es sich eben um keinen Irrtum.
§Ts-211
314[2]Frazer sagt, es sei sehr schwer, den Irrtum in der Magie zu entdecken – und darum halte sie sich so lange – weil z.B. eine Beschwörung, die Regen herbeiführen soll, früher oder später gewiß als wirksam erscheint. Aber dann ist es eben merkwürdig, daß die Menschen nicht früher darauf kommen, daß es ohnehin früher oder später regnet.
§Ts-211
314[3]Ich glaube, daß das Unternehmen einer Erklärung schon darum verfehlt ist, weil man nur richtig zusammenstellen muß, was man weiß, und nichts dazusetzen, und die Befriedigung, die durch die Erklärung angestrebt wird, ergibt sich von selbst. Und die Erklärung ist es hier gar nicht, die befriedigt. Wenn Frazer anfängt und uns die Geschichte von dem Waldkönig von Nemi erzählt, so tut er dies in einem Ton, der zeigt, daß er fühlt und uns fühlen lassen will, daß hier etwas Merkwürdiges und Furchtbares geschieht. Die Frage aber “warum geschieht dies?” wird eigentlich dadurch beantwortet: Weil es furchtbar ist. Das heißt, dasselbe, was uns bei diesem Vorgang furchtbar, großartig, schaurig, tragisch, etc., nichts weniger als trivial und bedeutungslos vorkommt, das hat diesen Vorgang ins Leben gerufen.
§Ts-211
315[1]Nur beschreiben kann man hier und sagen: so ist das menschliche Leben.
§Ts-211
315[2]Die Erklärung ist im Vergleich mit dem Eindruck, den uns das Beschriebene macht, zu unsicher.
§Ts-211
315[3]Jede Erklärung ist ja eine Hypothese.
§Ts-211
315[4]Wer aber, etwa, von der Liebe beunruhigt ist, dem wird eine hypothetische Erklärung wenig helfen. – Sie wird ihn nicht beruhigen.
§Ts-211
315[5]Das Gedränge der Gedanken, die nicht heraus können, weil sich alle vordrängen wollen und so am Ausgang verkeilen.
§Ts-211
315[6]Wenn man mit jener Erzählung vom Priesterkönig von Nemi das Wort “die Majestät des Todes” zusammenstellt, so sieht man, daß die beiden Eins sind. Das Leben des Priesterkönigs stellt das dar, was mit jenem Wort gemeint ist.
§Ts-211
315[7]Wer von der Majestät des Todes ergriffen ist, kann dies durch so ein Leben zum Ausdruck bringen. – Dies ist natürlich auch keine Erklärung, sondern setzt nur ein Symbol für ein anderes. Oder: eine Zeremonie für eine andere.
§Ts-211
315[8]Einem religiösen Symbol liegt keine Meinung zu Grunde. Und nur der Meinung entspricht der Irrtum.
§Ts-211
315[9]Man möchte sagen: Dieser und dieser Vorgang hat stattgefunden; lach', wenn Du kannst.
§Ts-211
316[1]Die religiösen Handlungen, oder das religiöse Leben des Priesterkönigs ist von keiner andern Art, als jede echt religiöse Handlung heute, etwa ein Geständnis der Sünden. Auch dieses läßt sich “erklären” und läßt sich nicht erklären.
§Ts-211
316[2]In effigie verbrennen. Das Bild der Geliebten küssen. Das basiert natürlich nicht auf einem Glauben an eine bestimmte Wirkung auf den Gegenstand, den das Bild darstellt. Es bezweckt eine Befriedigung und erreicht sie auch. Oder vielmehr, es bezweckt gar nichts; wir handeln eben so und fühlen uns dann befriedigt.
§Ts-211
316[3]Man könnte auch den Namen der Geliebten küssen, und hier wäre die Stellvertretung durch den Namen klar.
§Ts-211
316[4]Der selbe Wilde, der, anscheinend um seinen Feind zu töten, dessen Bild durchsticht, baut seine Hütte aus Holz wirklich und schnitzt seinen Pfeil kunstgerecht und nicht in effigie.
§Ts-211
316[5]Die Idee, daß man einen leblosen Gegenstand zu sich herwinken kann, wie man einen Menschen zu sich herwinkt. Hier ist das Prinzip das, der Personifikation.
§Ts-211
316[6]Und immer beruht die Magie auf der Idee des Symbolismus und der Sprache.
§Ts-211
316[7] &317[1] &
318[1] &
319[1]
Die Darstellung eines Wunsches ist, eo ipso, die Darstellung seiner Erfüllung. Die Magie aber bringt einen Wunsch zur Darstellung; sie äußert einen Wunsch. Die Taufe als Waschung. – Ein Irrtum entsteht erst, wenn die Magie wissenschaftlich ausgelegt wird. Wenn die Adoption eines Kindes so vor sich geht, daß die Mutter es durch ihre Kleider zieht, so ist es doch verrückt zu glauben, daß hier ein Irrtum vorliegt und sie glaubt, das Kind geboren zu haben. Von den magischen Operationen sind die zu unterscheiden, die auf einer falschen, zu einfachen, Vorstellung der Dinge und Vorgänge beruhen. Wenn man etwa sagt, die Krankheit ziehe von einem Teil des Körpers in den andern, oder Vorkehrungen trifft, die Krankheit abzuleiten, als wäre sie eine Flüssigkeit oder ein Wärmezustand. Man macht sich dann also ein falsches, das heißt hier, unzutreffendes Bild. Welche Enge des seelischen Lebens bei Frazer! Daher: Welche Unmöglichkeit, ein anderes Leben zu begreifen, als das englische seiner Zeit! Frazer kann sich keinen Priester vorstellen, der nicht im Grunde ein englischer Parson unserer Zeit ist, mit seiner ganzen Dummheit und Flauheit. Warum sollte dem Menschen sein Name nicht heilig sein können. Ist er doch einerseits das wichtigste Instrument, das ihm gegeben wird, anderseits wie ein Schmuckstück, das ihm bei der Geburt umgehangen wird. Wie irreführend die Erklärungen Frazers sind, sieht man – glaube ich – daraus, daß man primitive Gebräuche sehr wohl selbst erdichten könnte und es müßte ein Zufall sein, wenn sie nicht irgendwo wirklich gefunden würden. Das heißt, das Prinzip, nach welchem diese Gebräuche geordnet sind, ist ein viel allgemeineres als Frazer es erklärt und in unserer eigenen Seele vorhanden, so daß wir uns alle Möglichkeiten selbst ausdenken könnten. – Daß etwa der König eines Stammes für niemanden sichtbar bewahrt wird, können wir uns wohl vorstellen, aber auch, daß jeder Mann des Stammes ihn sehen soll. Das letztere wird dann gewiß nicht in irgendeiner mehr oder weniger zufälligen Weise geschehen dürfen, sondern er wird den Leuten gezeigt werden. Vielleicht wird ihn niemand berühren dürfen, vielleicht aber jeder berühren müssen. Denken wir daran, daß nach Schubert's Tod sein Bruder Partituren Schubert's in kleine Stücke zerschnitt und seinen Lieblingsschülern solche Stücke von einigen Takten gab. Diese Handlung, als Zeichen der Pietät, ist uns ebenso verständlich, wie die andere, die Partituren unberührt, niemandem zugänglich, aufzubewahren. Und hätte Schubert's Bruder die Partituren verbrannt, so wäre auch das als Zeichen der Pietät verständlich. Das Zeremonielle (heiße oder kalte) im Gegensatz zum Zufälligen (lauen) charakterisiert die Pietät. Ja, Frazers Erklärungen wären überhaupt keine Erklärungen, wenn sie nicht letzten Endes an eine Neigung in uns selbst appellierten. Das Essen und Trinken ist mit Gefahren verbunden, nicht nur für den Wilden, sondern auch für uns; nichts natürlicher, als daß man sich vor diesen schützen will; und nun könnten wir uns selbst solche Schutzmaßnahmen ausdenken. – Aber nach welchem Prinzip denken wir sie uns aus ? Offenbar danach, daß alle Gefahren der Form nach auf einige sehr einfache reduziert werden, die dem Menschen ohne weiteres sichtbar sind. Also nach dem selben Prinzip, nach dem die ungebildeten Leute unter uns sagen, die Krankheit ziehe sich vom Kopf in die Brust etc., etc.. In diesen einfachen Bildern wird natürlich die Personifikation eine große Rolle spielen, denn, daß Menschen (also Geister) dem Menschen gefährlich werden können, ist uns bekannt. Daß der Schatten des Menschen, der wie ein Mensch ausschaut, oder sein Spiegelbild, daß Regen, Gewitter, die Mondphasen, der Jahreszeitwechsel, die Ähnlichkeit und Verschiedenheit der Tiere unter einander und zum Menschen, die Erscheinungen des Todes, der Geburt und des Geschlechtslebens, kurz alles, was der Mensch jahraus jahrein um sich wahrnimmt, in mannigfaltigster Weise mit einander verknüpft, in seinem Denken (seiner Philosophie) und seinen Gebräuchen auftreten wird, ist selbstverständlich, oder ist eben das, was wir wirklich wissen und interessant ist.
§Ts-211
319[2] &320[1]
Wie hätte das Feuer oder die Ähnlichkeit des Feuers mit der Sonne verfehlen können auf den erwachenden Menschengeist einen Eindruck zu machen. Aber nicht vielleicht “weil er sich's nicht erklären kann” (der dumme Aberglaube unserer Zeit) – denn wird es durch eine “Erklärung” weniger eindrucksvoll? – Die Magie in “Alice in Wonderland” beim Trocknen durch Vorlesen des Trockensten was es gibt. Bei der magischen Heilung einer Krankheit bedeutet man ihr, sie möge den Patienten verlassen. Man möchte nach der Beschreibung so einer magischen Kur immer sagen: Wenn das die Krankheit nicht versteht, so weiß ich nicht, wie man es ihr sagen soll. Nichts ist so schwierig, wie Gerechtigkeit gegen die Tatsachen. Ich meine nicht, daß gerade das Feuer Jedem einen Eindruck machen muß. Das Feuer nicht mehr, wie jede andere Erscheinung, und die eine Erscheinung Dem, die andere Jenem. Denn keine Erscheinung ist an sich besonders geheimnisvoll, aber jede kann es uns werden, und das ist eben das Charakteristische am erwachenden Geist des Menschen, daß ihm eine Erscheinung bedeutend wird. Man könnte fast sagen, der Mensch sei ein zeremonielles Tier. Das ist wohl teils falsch, teils unsinnig, aber es ist auch etwas Richtiges daran. Das heißt, man könnte ein Buch über Anthropologie so anfangen: Wenn man das Leben und Benehmen der Menschen auf der Erde betrachtet, so sieht man, daß sie außer den Handlungen, die man tierische nennen könnte, der Nahrungsaufnahme, etc., etc., etc., auch solche ausführen, die einen ganz anderen Charakter tragen und die man rituelle Handlungen nennen könnte. Nun aber ist es Unsinn, so fortzufahren, daß man als das Charakteristische dieser Handlungen sagt, sie seien solche, die aus fehlerhaften Anschauungen über die Physik der Dinge entsprängen. (So tut es Frazer, wenn er sagt, Magie sei wesentlich falsche Physik, bezw. falsche Medizin, Technik, etc..) Vielmehr ist das Charakteristische der rituellen Handlung gar keine Ansicht, Meinung, ob sie nun richtig oder falsch ist, obgleich eine Meinung – ein Glaube – selbst auch rituell sein kann, zum Ritus gehören kann.
§Ts-211
320[2]Wenn man es für selbstverständlich hält, daß sich der Mensch an seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, daß diese Phantasie nicht wie ein gemaltes Bild oder ein plastisches Modell ist, sondern ein kompliziertes Gebilde aus heterogenen Bestandteilen: Wörtern und Bildern. Man wird dann das Operieren mit Schrift- und Lautzeichen nicht mehr in Gegensatz stellen zu dem Operieren mit “Vorstellungsbildern” der Ereignisse.
§Ts-211
320[3]Wir müssen die ganze Sprache durchpflügen.
§Ts-211
320[4] &321[1]
Frazer: “‥‥․ That these observances are dictated by fear of the ghost of the slain seems certain; ‥‥” Aber warum gebraucht Frazer denn das Wort “ghost”? Er versteht also sehr wohl diesen Aberglauben, da er ihn uns mit einem ihm geläufigen abergläubischen Wort erklärt. Oder vielmehr, er hätte daraus sehen können, daß auch in uns etwas für jene Handlungsweisen der Wilden spricht. – Wenn ich, der ich nicht glaube, daß es irgendwo menschlich-übermenschliche Wesen gibt, die man Götter nennen kann – wenn ich sage: “ich fürchte die Rache der Götter”, so zeigt das, daß ich damit etwas meinen (kann), oder einer Empfindung Ausdruck geben kann, die nichts mit jenem Glauben zu tun hat.
§Ts-211
321[2]Frazer wäre im Stande zu glauben, daß ein Wilder aus Irrtum stirbt. In Volksschullesebüchern steht, daß Attila seine großen Kriegszüge unternommen hat, weil er glaubte, das Schwert des Donnergottes zu besitzen.
§Ts-211
321[3]Frazer ist viel mehr savage, als die meisten seiner savages, denn diese werden nicht so weit vom Verständnis einer geistigen Angelegenheit entfernt sein, wie ein Engländer des 20sten Jahrhunderts. Seine Erklärungen der primitiven Gebräuche sind viel roher, als der Sinn dieser Gebräuche selbst.
§Ts-211
321[4]Die historische Erklärung, die Erklärung als eine Hypothese der Entwicklung ist nur eine Art der Zusammenfassung der Daten – ihrer Synopsis. Es ist ebensowohl möglich, die Daten in ihrer Beziehung zu einander zu sehen und in ein allgemeines Bild zusammenfassen, ohne es in Form einer Hypothese über die zeitliche Entwicklung zu tun.
§Ts-211
321[5]Identifizierung der eigenen Götter mit Göttern andrer Völker. Man überzeugt sich davon, daß die Namen die gleiche Bedeutung haben.
§Ts-211
321[6]“Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz” möchte man zu der Frazer'schen Tatsachensammlung sagen. Dieses Gesetz, diese Idee kann ich nun durch eine Entwicklungshypothese ausdrucken oder auch, analog dem Schema einer Pflanze, durch das Schema einer religiösen Zeremonie, oder aber durch die Gruppierung des Tatsachenmaterials allein, in einer “übersichtlichen” Darstellung.
§Ts-211
281[8] &282[1]
Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Eine Art der ‘Weltanschauung’, wie sie scheinbar für unsere Zeit typisch ist. Spengler.)
§Ts-211
282[2]Diese übersichtliche Darstellung vermittelt das Verstehen, welches eben darin besteht, daß wir die “Zusammenhänge sehen”. Daher die Wichtigkeit der Zwischenglieder.
§Ts-211
322[2]Ein hypothetisches Zwischenglied aber soll in diesem Falle nichts tun, als die Aufmerksamkeit auf die Ähnlichkeit, den Zusammenhang, der Tatsachen lenken. Wie wenn man eine interne Beziehung der Kreisform zur Ellipse dadurch illustrieren wollte, daß man eine Ellipse allmählich in einen Kreis überführt; aber nicht um zu behaupten, daß eine gewisse Ellipse tatsächlich, historisch, aus einem Kreis entstanden wäre (Entwicklungshypothese), sondern nur um unser Auge für einen formalen Zusammenhang zu schärfen. Aber auch die Entwicklungshypothese kann ich als weiter Nichts sehen, als die Einkleidung eines formalen Zusammenhangs.
§Ts-213
433r[4]Ich möchte sagen: nichts zeigt unsere Verwandtschaft mit jenen Wilden besser, als daß Frazer ein ihm und uns so geläufiges Wort wie “ghost” oder “shade” bei der Hand hat, um die Ansichten dieser Leute zu beschreiben.
§Ts-213
434r[1](Das ist ja doch etwas anderes, als wenn er etwa beschriebe, die Wilden bildeten sich ein, daß ihnen ihr Kopf herunterfällt, wenn sie einen Feind erschlagen haben. Hier hätte unsere Beschreibung nichts Abergläubisches oder Magisches an sich.)
§Ts-213
434r[2]Ja, diese Sonderbarkeit bezieht sich nicht nur auf die Ausdrücke “ghost” und “shade”, und es wird viel zu wenig Aufhebens davon gemacht, daß wir das Wort “Seele”, “Geist” (“spirit”) zu unserem eigenen gebildeten Vokabular zählen. Dagegen ist es eine Kleinigkeit, daß wir nicht glauben, daß unsere Seele ißt und trinkt.
§Ts-213
434r[3]In unserer Sprache ist eine ganze Mythologie niedergelegt.
§Ts-213
434r[4]Austreiben des Todes oder Umbringen des Todes; aber anderseits wird er als Gerippe dargestellt, also selbst in gewissem Sinne tot. “As dead as death”. ‘Nichts ist so tot wie der Tod; nichts so schön wie die Schönheit selbst!’ Das Bild, worunter man sich hier die Realität denkt ist, daß die Schönheit, der Tod, etc. die reine (konzentrierte) Substanz ist, während sie in einem schönen Gegenstand als Beimischung vorhanden ist. – Und erkenne ich hier nicht meine eigenen Betrachtungen über ‘Gegenstand’ und ‘Komplex’? (Plato.)
§Ts-213
433r[2]In den alten Riten haben wir den Gebrauch einer äußert ausgebildeten Gebärdensprache. Und wenn ich in Frazer lese, so möchte ich auf Schritt und Tritt sagen: Alle diese Prozesse, diese Wandlungen der Bedeutung, haben wir noch in unserer Wortsprache vor uns. Wenn das, was sich in der letzten Garbe verbirgt, der ‘Kornwolf’ genannt wird, aber auch diese Garbe selbst, und auch der Mann der sie bindet, so erkennen wir hierin einen uns wohlbekannten sprachlichen Vorgang.
§Ms-110
253[2] &254[1]
Ich könnte mir denken, daß ich die Wahl gehabt hätte, ein Wesen der Erde als die Wohnung für meine Seele zu wählen & daß mein Geist dieses unansehnliche (nicht-anziehende) Geschöpf als seinen Sitz & Aussichtspunkt gewählt hätte. Etwa, weil ihm die Ausnahme eines schönen Sitzes zuwider wäre. Dazu müßte freilich der Geist seiner selbst sehr sicher sein.
§Ms-110
254[2]Man könnte sagen „jeder Aussicht ist ein Reiz abzugewinnen”, aber das wäre falsch. Richtig ist es, zu sagen, jede Aussicht ist bedeutsam für den der sie bedeutsam sieht (das heißt aber nicht, sie anders sieht als sie ist). Ja, in diesem Sinne, ist jede Aussicht gleich bedeutsam.
§Ms-110
254[3]Ja, es ist wichtig, daß ich auch die Verachtung des Andern für mich mir zu eigen machen muß, als einen wesentlichen & bedeutsamen Teil der Welt von meinem Ort gesehen.
§Ms-110
255[4]Wenn es einem Menschen freigestellt wäre in einen Baum eines Waldes geboren zu werden: so gäbe es Solche, die sich den schönsten oder höchsten Baum aussuchen würden, solche die sich den kleinsten wählten & solche die sich einen Durchschnitts- oder minderen Durchschnittsbaum wählen würden, & zwar meine ich nicht aus Philistrosität, sondern aus eben dem Grund, oder der Art von Grund, warum sich der Andre den höchsten gewählt hat. Daß das Gefühl welches wir für unser Leben haben mit dem eines solchen Wesens, das sich seinen Standpunkt in der Welt wählen konnte, vergleichbar ist, liegt, glaube ich, dem Mythus – oder dem Glauben – zu Grunde, wir hätten uns unsern Körper vor der Geburt gewählt.
§Ms-110
297[3]06.07.1931
Ich glaube, das Charakteristische des primitiven Menschen ist es, daß er nicht aus Meinungen handelt (dagegen Frazer). Ich lese unter vielen ähnlichen Beispielen von einem Regen-König in Afrika zu dem die Leute um Regen bitten wenn die Regenperiode kommt. Aber das heißt doch daß sie nicht eigentlich meinen er könne Regen machen, sonst würden sie es in den trockenen Perioden des Jahres in der das Land „a parched and arid desert” ist, machen. Denn wenn man annimmt daß die Leute einmal aus Dummheit dieses Amt des Regenkönigs eingesetzt haben so ist es doch gewiß klar daß sie schon vorher die Erfahrung hatten, daß im März der Regen beginnt & sie hätten dann den Regenkönig für den übrigen Teil des Jahres funktionieren lassen. Oder auch so: Gegen morgen, wenn die Sonne aufgehen will werden von den Menschen Riten des Tagwerdens zelebriert aber nicht in der Nacht, sondern da brennen sie einfach Lampen.
§Ms-110
297[4] &298[1]
Wenn ich über etwas wütend bin so schlage ich manchmal mit meinem Stock auf die Erde oder an einen Baum etc. aber ich glaube doch nicht daß die Erde schuld ist oder das Schlagen etwas helfen kann. „Ich lasse meinen Zorn aus.” Und dieser Art sind alle Riten. Solche Handlungen kann man Instinkt -Handlungen nennen. – Und eine historische Erklärung etwa daß ich früher oder meine Vorfahren früher geglaubt haben das Schlagen der Erde helfe etwas sind Spiegelfechtereien denn sie sind überflüssige Annahmen die nichts erklären. Wichtig ist die Ähnlichkeit des Aktes mit einem Akt der Züchtigung aber mehr als diese Ähnlichkeit ist nicht zu konstatieren. Ist ein solches Phänomen einmal mit einem Instinkt den ich selber besitze in Verbindung gebracht so ist eben dies die gewünschte Erklärung; d.h. die welche das besondere puzzlement löst. Und eine Betrachtung über die Geschichte meines Instinkts bewegt sich nun auf andern Bahnen.
§Ms-110
298[2]Kein geringer Grund d.h. überhaupt kein Grund kann es gewesen sein was gewisse Menschenrassen den Eichbaum verehren ließen, sondern nur das, daß sie & die Eiche in einer Lebensgemeinschaft vereinigt waren also nicht aus Wahl sondern wie der Floh & der Hund in ihrer Entstehung vereinigt. (Entwickelten die Flöhe einen Ritus, er würde sich auf den Hund beziehen.)
§Ms-110
298[3]Man könnte sagen nicht ihre Vereinigung (von Eiche & Mensch) hat zu diesen Riten die Veranlassung gegeben, sondern vielleicht ihre Trennung.
§Ms-110
298[4]Denn das Erwachen des Intellekts geht mit einer Trennung von dem ursprünglichen Boden der ursprünglichen Grundlage des Lebens vor sich. (Die Entstehung der Wahl.)
§Ms-110
299[1](Die Form des erwachenden Geistes ist die Verehrung.)